Samstag, 23. September, 2023

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Katharina-von-Bora-Preisträgerin: “Einführung sozioökonomischer Kindergrundsicherung ist zwingend!”

Unermüdlich für Alleinerziehende unterwegs und nunmehr mit dem Katharina-von-Bora-Preis geehrt: Das ist Brunhild Fischer aus Leipzig (im Bild in der Mitte, neben dem Oberbürgermeister von Torgau, Henrik Simon und Sachsens Justizministerin Katja Meier). Die alleinerziehende Mutter, die auch begeisterte Querflötenspielerin ist, engagiert sich seit über 30 Jahren ehrenamtlich für Soloeltern in Sachsen und darüber hinaus und ist nahezu tagtäglich mit Einelternfamilien, Politikern, Multiplikatoren, Behördenmitarbeitern und Mitstreitern im Gespräch.

Parallel dazu organisiert sie alljährlich das bekannte Leipziger Friedensgebet in der Nikolaikirche der Messestadt.

Katharina-von-Bora-Preisträgerin Brunhild Fischer engagiert sich bereits Jahrzehnte für Alleinerziehende

Hier nutzt sie das Podium in der Öffentlichkeit, um auf Missstände und soziale Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Ihre Art, sich und jenen, die sie als Aktivistin vertritt, Gehör zu verschaffen, ist beeindruckend und blieb nicht ohne positive Reaktionen. So wurde der Sächsin im Frühsommer 2023 der Katharina-von-Bora-Preis für ihr Engagement, das stets auch mit dem Kampf gegen Gewalt an Frauen verbunden ist, verliehen. Die Ehrung erfolgte durch das Sächsische Staatsministerium für Justiz und Demokratie, Europa und Gleichstellung auf Schloss Hartenfels in Torgau.

Der Preis verbindet die Auszeichnung des persönlichen Engagements mit einer Projektförderung in Höhe von 3.000 Euro. Wir sprachen mit Brunhild Fischer:

FB: Liebe Brunhild, vor kurzem hast Du den Katharina-von-Bora-Preis erhalten. Dieser Preis gilt Deinem Engagement im Zusammenhang mit dem alljährlichen Friedensgebet, das Du in der Leipziger Nikolaikirche organisierst. Erzähl doch einmal etwas darüber!

Brunhild Fischer: Ausgezeichnet mit dem Katharina-von-Bora-PreisDas Friedensgebet findet jeweils um den 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen in der Tradition der Leipziger Friedensgebete in der Nikolaikirche statt. Das Thema “Gewalt” wird in allen Facetten gezeigt.

Beispielsweise mit Zahlen, Daten und Fakten zu struktureller Gewalt, zu Gewalt gegen Frauen durch die Gesetzgebung, zu stattfindender Gewalt im öffentlichen Raum, sowie zu psychischer und physischer Gewalt in Partnerschaften und sozialen Beziehungen.

Somit wird dieses Thema aus der Dunkelheit immer wieder ans Licht geholt.

Die Realität als Ideengeberin

Als Initiatorin und Ideengeberin dieses jährlichen Friedensgebetes obliegt mir die Organisation in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern SHIA e.V. LV Sachsen, dem Landesfamilienverband für Alleinerziehende – eine hauptsächlich von struktureller Gewalt betroffenen Familienform, die zu 90 Prozent von Frauen gelebt wird. Eine weitere Kooperationspartnerin ist das deutschlandweit größte Künstlerinnen-Netzwerk mit Künstlerinnen aller Kunst-Sparten: Die GEDOK Mitteldeutschland e.V.

FB: Woher nimmst Du jedes Jahr die Impulse für den Inhalt des Friedensgebetes, wovon lässt Du Dich inspirieren? 

Die Realität ist meine Ideengeberin, denn die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Mädchen sind in vielen Prozessen tabu, und in der Politik werden sie so gut wie nicht mitgedacht! Auch die individuellen Gewalterfahrungen – ob in der Öffentlichkeit oder im Familienkreis – und die daraus resultierenden Schicksale der Betroffenen werden ausgeblendet, wenn nicht gar weg geschwiegen. Diese Leben finden gesellschaftlich nicht mehr statt. Das ist für mich persönlich unerträglich. Es ist auch nicht unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserer Demokratie würdig.

FB: Neben der Organisation des Friedensgebetes in Leipzig bist Du seit drei Jahrzehnten eine sehr engagierte Aktivistin für Alleinerziehende. Hier bist Du ehrenamtliche Geschäftsführerin des Landesfamilienverbandes SHIA e. V. Landesverband Sachsen und leitest in Leipzig das LANDESKOMPETENZZENTRUM FÜR ALLEINERZIEHENDE UND SOLOELTERN (LKAS). Wie kam es dazu?

Als Alleinerziehende mit zwei Kindern und sowohl in einem sozialen als auch in einem  künstlerischen Beruf arbeitend, bin ich persönlich von der strukturellen und familien- sowie sozialpolitischen Gewalt gegen Frauen und Mütter betroffen. 

Realitäten von Soloeltern durch eigene Erfahrungen benennen

Das heißt, dass ich durch meine Erfahrungen, an der Ausübung des Berufes gehindert, einkommensbenachteiligt sowie ausgegrenzt und diskriminiert worden zu sein, in der Lage bin, diese Realitäten für die vielen, vielen namenlosen Alleinerziehenden in Deutschland zu benennen, es auszusprechen und bei den Verantwortlichen die gesetzlich zu verankernden politischen Handlungen unter demokratischen, ethisch-moralisch wie menschlich-sozial kompetenten Aspekten einzufordern!

FB: Was sind die Hauptaktivitäten, denen Du Dich im Landesfamilienverband SHIA e. V. und im LANDESKOMPPETENZZENTRUM FÜR ALLEINERZIEHENDE widmest und wer unterstützt Dich hier?

Hauptschwerpunkte meiner/unserer Arbeit sind die Interessenvertretung in Gremien und Arbeitskreisen auf Landesebene, die Sensibilisierung von Politikerinnen und Politikern – unter anderem im Sächsischen Landtag -, die Vermittlung von Wissen und aktuellen Zahlen zum Thema Alleinerziehende, das Anbieten von Expertise und Kompetenz in Sachverständigengutachten, in Anhörungen, bei Podiumsdiskussionen oder im Rahmen von Weiterbildungsangeboten.

Chancengerechte Teilhabe für Alleinerziehende ist zwingend

Alles mit dem Ziel, endlich Achtung und Respekt sowie eine chancengerechte Teilhabe für die vornehmlich weiblichen Soloeltern und deren Kinder an unserer Gesellschaft zu erreichen. 

Als unermüdliche Unterstützung habe ich lange schon ein Team von motivierten – zum Teil seit Jahren im Ehrenamt tätigen – Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an meiner Seite.

Wertvolle und sehr engagierte Menschen, die teilweise schon die Gründung des Landesfamilienverbandes SHIA, welcher sich der Verbesserung der Rahmenbedingungen für Alleinerziehende und deren Kindern verschrieben hat, begleitet haben.

FB: Im Verband bist Du täglich mit den Sorgen und Nöten Alleinerziehender konfrontiert – die meisten derer, die ein Kind oder mehrere Kinder ohne Partner aufziehen, sind Frauen. Mit welchen Sorgen sind sie im Alltag belastet?

Ganz klar: Finanzielle Sorgen und Armut. Dazu kommen unnötige strukturelle Hürden, die Einelternfamilien bereits im täglichen Leben nehmen müssen – sei es bei der Bewältigung des Erwerbslebens oder dem Familienleben. Dem nicht genug, kommen die familienpolitisch geschaffenen Hindernisse noch hinzu.

Einelternfamilien erfahren in Deutschland eine gewaltige Diskriminierung

Dazu zählen ein geringes Einkommen, die steuerliche Schlechterstellung gegenüber Paarfamilien mit und ohne Kindern. Nimmt man die Normativ-Paarfamilie als Vorlage, werden Alleinerziehende bei Entscheidungen automatisch diskriminiert und erfahren eklatante Nachteile. Das trifft vor allem ihre Kinder.  

Die Kinder- und Frauenarmut in Deutschland ist die beschämende Folge, die aus einer Bundespolitik der krassen Fehlleistungen und Fehlentscheidungen resultiert. Offenbar werden Frauen, Mütter und Kinder in unserer Gesellschaft einer weltweit immer mehr ausufernden Kriegsmaschinerie, einer eklatanten Gewinnsucht und A-Sozialität und deren Nutznießenden untergeordnet. Hinzu kommt:

Die körperliche, geistige, seelische und emotionale Ausbeutung der Frauen und Mütter ist Ausdruck einer uneingeschränkt gelebten Gewalt. Hier wären wir wieder bei meiner Motivation…

FB: Was sind für Dich die dringlichsten Maßnahmen, die aktuell für Alleinerziehende umgesetzt werden müssten? 

Für die Kinder von Alleinerziehenden und für alle Kinder ist die Einführung der sozioökonomischen Kindergrundsicherung zwingend. Das heißt Entgeltfreiheit für alles, was Kinder in der Schule benötigen, aber auch freier Eintritt in Schwimmbäder, Museen und Bibliotheken.

Sozioökonomische Grundsicherung würde allen Kindern zugute kommen

Weiterhin kostenfreier Unterricht in der Musikschule, Entgeltfreiheit bei Sport und Spiel, freie Fahrt mit Bus und Bahn und ins Ferienlager. Auch eine vollumfängliche Gesundheitsfürsorge gehört dazu!

Für die alleinerziehenden Eltern ist das Recht auf ein existenzsicherndes Einkommen,  welches auch die Lebensleistung honoriert, um die aktuelle Armut und die Altersarmut endlich abzuschaffen, zwingend.

Infrastrukturelle Maßnahmen zur barrierefreien Vereinbarkeit von Berufsalltag und Familienverantwortung, wie eine wohnortnahe Kinder- und Schulbetreuung, familienformgerechte Arbeitszeiten und eine vorhandene Mobilität. Aber auch Anlaufstellen mit alleinerziehendspezifischen Beratungs-, Entlastungs- und Unterstützungsangeboten sind entscheidende Qualitätskriterien für einen gesunden Lebensalltag von Einelternfamilien.

FB: Wie sieht Dein Arbeitsalltag im Familienverband aus?

Neben dem Büroalltag sind die wissenschaftliche Arbeit, Recherchen und Verarbeitung aktueller Informationen wichtige Parameter für die qualifizierte Lobbyarbeit in den Gremien der landes-, kommunal- und bundespolitischen Ebenen.

Engagement für Soloeltern erfordert arbeitsintensiven Alltag

Organisation, Durchführung und Teilnahmen an Tagungen, in Diskussionsrunden und die Vermittlung von Wissen in Fachvorträgen oder Workshops an die Akteurinnen und Akteure im Sozialbereich, in Verwaltungen, bei Ämtern und Behörden, aber insbesondere auch die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Alleinerziehenden, die Entwicklung und Umsetzung von bedarfsspezifischen Angeboten, wie zum Beispiel der Bereitschaftsmittwoch – ein digitales wie analoges Beratungsformat für alleinerziehende Eltern zu allen Fragen der Alleinerziehung – und die Durchführung von Freizeit- und Familienbildungsangeboten für die gesamte Einelternfamilie gehören dazu. 

FB: Du bist auch Musikerin und spielst Querflöte. Wie sieht die kreative Seite Deines Lebens aus?

Die Verbindung von künstlerischen Fähigkeiten mit sozialer Kompetenz lässt gesellschaftliche Defizite, Daten und Fakten in einem großen öffentlichen Raum an- bzw. aussprechen, wie beispielsweise im Friedensgebet „Gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen“. Oder im Friedensgebet zur „Überwindung von Armut und Ausgrenzung“. Kunst und Kultur ist – wie eben auch die Künstlerinnen und Künstler, verantwortlich für die notwendigen gesellschaftspolitischen Transformationsprozesse.

Künstlerin Brunhild FischerGesellschaftspolitische Statements mit Kunst

So beinhalten meine Kunstprojekte immer ein gesellschaftspolitisches Statement wie das Projekt „Nahe der Schlacht“ im Völkerschlachtdenkmal oder „9/11 pogrom – a requiem for the victims of the pogrom night 1938“.

Oder auch das anlässlich der 30jährigen deutschen Wiedervereinigung entstandene Multi-Art-Projekt „Revolution und Demokratie“.

Ich erfülle also nur meine künstlerische Aufgabe und genau deshalb muss auch die verbindliche Förderung von Kunst und Kultur als Saatsaufgabe im Grundgesetz verankert sein.

FB: Was machst Du, wenn Du einmal nicht für Alleinerziehende oder in Sachen Musik unterwegs bist? Wie tankst Du auf?   

Ganz ehrlich: Ich mache gar nichts – außer das. 

Copyrights: Brunhild Fischer / Studioline

  
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