Sonntag, 26. September, 2021

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Das lange Gedächtnis einer Frau – Kolumne von Barbara Edelmann

„Endlich habe ich ihn gefunden!“ Diana nippte an ihrem Kaffee und strahlte mich an. 

 „Den Schatz der Nibelungen?“, fragte ich, denn sie hatte vorhin im Chat geklungen, als würde sie mir gleich das Geheimnis von Fatima verraten. 

Diana ist diplomierte Betriebswirtin, eine „Größe 36-Blondine“, mit blauen Augen und einem gewinnenden Lächeln, immer perfekt zurechtgemacht, selbstbewusst, und mit einem trockenen Humor versehen, den ich sehr schätze. Vor einigen Jahren haben wir zusammengearbeitet und uns angefreundet.

Unverhofft kommt oft!

Verheiratet ist Diana mit dem liebsten Mann der Welt, Mark. Er trägt sie wortwörtlich auf Händen. Man kann also sagen: Ihr geht es gut. 

 „Was hast du denn nun gefunden?“ wiederholte ich neugierig. 

„Na, Frank, meinen Ex“, antwortete sie. Ingenieur, hat eine Baufirma, ungefähr 30 Kilometer von hier entfernt. Ich habe jahrelang nach ihm gesucht.“ 

„Warum denn?“, entfuhr es mir.  „Wolltest du ihm einen toten Fisch vor die Tür legen?“ „Natürlich nicht“, grinste Diana. „Aber Frank ist ein Idiot. Ich übrigens auch.“ „Ich bin gespannt. Dann schieß mal los“, bat ich sie. 

 „Als ich Frank in einem Tanzlokal kennenlernte, war ich Single und nur wegen meiner Schwester an diesem Tag überhaupt ausgegangen“, begann sie.

Die „Familie-Haus-Kind“-Lebensplanung war angesagt

 „Ein halbes Jahr zuvor hatte ich mich von meinem vorigen Partner getrennt, weil der meinte, Heiraten sei nur was für Spießer. Meine Lebensplanung sah aber anders aus. Ich wollte Familie, Kinder, vielleicht ein kleines Haus.“ 

 „Und dann lerntest du diesen Frank kennen?“, fragte ich. Sie nickte. „Es war ein lahmer Abend. Ich saß gelangweilt allein am Tresen, während sich meine Schwester auf der Tanzfläche austobte. 

Eigentlich hatte ich gar keine Lust gehabt, überhaupt auszugehen. Dann setzte sich Frank unaufgefordert auf den Barhocker neben mich und laberte ohne Unterlass. Wie hübsch er mich fände. Dass ich ihm gleich beim Betreten des Lokals aufgefallen sei. Aber ich wollte eigentlich nur, dass er verschwindet.“

 „Warum denn?“, erkundigte ich mich. „War er hässlich?“ 

Das Bauchgefühl signalisierte Ablehnung

„Ganz im Gegenteil“, widersprach sie. „Er sah unglaublich gut aus: dunkle, lockige Haare, grüne Augen, beinahe zwei Meter groß, athletische Figur, tolle Stimme. Aber es war keine Chemie zwischen uns. Mein Bauchgefühl signalisierte blanke Ablehnung. Hätte ich mal drauf gehört.“ Sie seufzte. 

„Scheinbar hast du es dir aber anders überlegt“, wandte ich ein.

Sie nickte. „Irgendwann hatte der mich tatsächlich mürbe gequatscht. Also verabredete ich mich widerstrebend mit ihm zu einem Picknick am nächsten Tag.“ 

„Klingt nett“, sagte ich. „Ist mal was anderes als ein Essen in einem guten Lokal oder ein Kinobesuch.“ 

 „Es war Oktober“, antwortete sie mürrisch. „Und die meiste Zeit regnete es an diesem Tag. Er hatte einen Drachen mitgebracht. Dem jagte er hinterher wie ein von der Leine gelassener Welpe.  Anschließend aßen wir auf einer schmuddeligen Decke, die aussah, als hätte man sie ein paarmal durch ein Schlammloch gezogen, angetrocknete Streichwurst-Brote mit Gurke. Auf einem abgeernteten Kartoffelacker.“ 

Sein Leben war ein langer, ruhiger Fluß

 „Klingt amüsant.“ Ich musste lachen. „Vor allem, da du nicht gerade der Typ für einen Kartoffelacker bist.“

 „Bin ich wirklich nicht“, pflichtete sie mir bei. „Ich stehe mehr auf Zimmerservice. Naja. Er war total aufgekratzt, redete wie am Vortag ohne Pause und erzählte, er sei Student und nächstes Jahr mit dem Studium fertig.“ 

 „Es gibt Schlimmeres“, sagte ich belustigt. 

 „Stimmt schon, aber dieser Typ war ein großes Kind und sein Leben ein langer, sehr ruhiger Fluss, auf dem er sich treiben ließ. Ich hingegen machte oft Überstunden bis spät in die Nacht, weil ich vorwärtskommen wollte. Jedenfalls war er Ende 20, vier Jahre älter als ich. Noch nie hab ich innerhalb von 30 Minuten so viele Komplimente bekommen wie an diesem Tag damals.“

„Er konnte dich nicht von sich überzeugen?“, fragte ich.

 Sie schüttelte den Kopf. „Ich stand einfach mehr auf souveräne Männer, die wissen, was sie wollen. Leider begann er dann auch noch, aus dem Nähkästchen zu plaudern und erzählte freimütig Dinge, die ich gar nicht wissen wollte. Ich dachte mehr als einmal, während er redete: ‚Meine Güte, der sucht eine Mutter, keine Frau.‘“ 

 „Was war denn mit ihm?“, wollte ich neugierig wissen. 

Sex nur einmal im Jahr – an Weihnachten!

„Na, beispielsweise hatte er vor mir ewig lange eine feste Freundin“, sagte Diana. „Die schlief nur einmal im Jahr mit ihm. Immer an Heiligabend.“ 

„Halleluja“, entfuhr es mir. „Warum nicht an Ostern?“ 

„Keine Ahnung“, winkte Diana ab. „Jedenfalls zündete sie dann immer ihren ganzen Lagerbestand an Wachskerzen an, legte ein bestimmtes Musikstück auf, und er wusste ‚Es ist wieder soweit.‘ Wie sollte ich jemanden ernst nehmen, der so was mitmacht? Ich brauchte doch keinen Bettvorleger, sondern einen Mann, mit dem man den Alltag leben kann. Wenn ich ein Lebewesen möchte, das Stöckchen apportiert, kaufe ich mir einen Hund.“

„Ich finde das rücksichtsvoll von ihm“, widersprach ich. „Wir wissen nicht, was der Frau fehlte, wenn sie so ein Problem mit Sex hatte.“

Wenn ER einfach nur gut aussieht…

 „Geht mich ja auch nichts an“, unterbrach sie mich. „Aber ich wollte keinen Typen, der bei mir sein Taschengeld abliefert, sondern einfach nur einen erwachsenen, reifen Kerl. Der musste nicht mal besonders attraktiv sein. Frank hatte meiner Meinung nach nichts von den Charakterzügen, die ich bei jemandem schätze. Er war ein Springinsfeld und einfach nur hübsch. Solche Männer muss man sich leisten können.“ 

 „Du hast aber trotzdem mit ihm geschlafen, nehme ich an“, sagte ich. 

Diana wurde tatsächlich rot. „Ja, hab ich. Der Typ war der Hammer. Hätte ich selbst nie gedacht.“ Sie grinste schelmisch. „Bald darauf stellte er mich seinen Eltern vor. Die waren total lieb und hießen mich herzlich willkommen. Ich fühlte mich wohl bei ihnen. Wir gingen ja so gut wie nie aus. Frank hatte kein Geld, und er wollte nicht, dass ich alles bezahle. Also waren wir meistens im Bett, bei ihm oder bei mir. Und danach sahen wir fern.“ 

„Etwas muss wohl an ihm dran gewesen sein, wenn du doch bei ihm geblieben bist“, sagte ich. 

Irgendwann kam die Verliebtheit

„Irgendwann glaubte ich ihm, dass er es ernst meinte mit mir. Und dass er bereit war, Verantwortung zu tragen“, erklärte sie. „Er half im Haushalt mit, stellte mich all seinen Freunden vor, und er war total verrückt nach mir. Daran kann man sich gewöhnen. Der Sex mit ihm war irre. Und… nach ungefähr zwei Monaten hatte ich mich in ihn verliebt.“ Für einen kurzen Moment wirkte sie sehr nachdenklich.

„Wenn er meine Wohnung verließ, deponierte er kleine handgeschriebene  Briefe an mich neben dem Bett oder im Kühlschrank. Darin stand, wie sehr er mich liebte, dass er mich heiraten und eine Familie mit mir gründen wolle. Ich habe ihm das abgekauft. Hättest du vermutlich auch.“

Da ich ohnehin alles glaube, was man mir erzählt, und deshalb oft von Scherzbolden veräppelt werde, musste ich ihr zustimmen.

„Im Dezember, zwei Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten, dachte ich, ich wäre schwanger“, fuhr Diana fort. „Meine Tage waren ausgeblieben. Du hättest ihn sehen sollen. Er begann sofort, eine Wiege zu zimmern. Meinte, wir sollten uns eine gemeinsame Wohnung suchen. Er würde mich in jeder Hinsicht unterstützen. Ich hab mich geborgen und sicher gefühlt. Und geliebt. Das ist so ein schönes Gefühl.“

 „Warst du denn schwanger?“, wollte ich wissen.

Irgendwann kam die große Veränderung

 „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Der Frauenarzt meinte, so was käme vor. Offen gestanden war ich ein klein wenig erleichtert, denn alles würde einfacher sein, wenn Frank erst mal mit seinem Studium fertig war. Dann würden wir zusammenziehen. Es war alles schon geplant.“

 „Wie ging es denn weiter?“, wollte ich wissen.

„Nachdem sich herausgestellt hatte, dass ich doch nicht schwanger war, veränderte er sich“, berichtete Diana. „Er sagte ein paar Besuche ab und wollte auch nicht, dass ich zu ihm komme. Angeblich müsse er viel lernen und wollte für überflüssige Fahrten kein Geld ausgeben, sondern sparen, um mir was Hübsches zu Weihnachten zu kaufen. Also saß ich öfter wieder allein zu Hause oder traf mich mit Freunden. Ich betrachtete mich aber quasi als verlobt, immerhin hatte ich es schriftlich, dass wir heiraten würden, sobald er mit dem Studium fertig war, daher war ich kein bisschen misstrauisch.“ 

„Was hat er dir zu Weihnachten geschenkt?“, wollte ich wissen.

„Weiß ich nicht mehr“, antwortete sie betreten. „An Heiligabend blieb er bei seinen Eltern. Er besuchte mich am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag und verschwand wieder. Irgendwie war der Drive raus. Es fühlte sich an, als besäße man ein kostbares Glas mit einem Sprung, als stimmte etwas nicht. 

Eiskalt abserviert

Dann kam Silvester. Wir waren bei meiner Schwester eingeladen. Am Silvestervormittag rief ich ihn an und fragte, wann er abends käme. Erst war es eine Weile still, dann sagte er eiskalt, mit unbeteiligter Stimme: ‚Ich möchte heute lieber allein sein.‘“

„Das ist verdammt fies“, entfuhr es mir. Diana nahm einen Schluck Kaffee und nickte. „Ist es auch.“ „Was hast du geantwortet?“, fragte ich leise.

„‘Du kotzt mich an‘. Mehr nicht. Dann habe ich aufgelegt. Und geheult. 

Meiner Schwester sagte ich unter einem fadenscheinigen Vorwand ab. Und  lauerte anschließend diesen ganzen fürchterlichen Silvesterabend lang am Fenster. Ich war mir so gottverdammt sicher, dass er mit seinem Auto gleich um die Ecke biegen würde, dass er nur einen blöden Witz gemacht hatte. Oder dass es sich anders überlegt hatte. Ein Mann kann einem doch nicht erzählen, dass er einen heiraten möchte und dann so was tun?“

„Das ist echt gemein“, sagte ich mitfühlend.

Sie nickte. „Hat ziemlich weh getan. Vor allem, weil ich nicht schon beim Kennenlernen auf meinen Bauch gehört hatte, der mich vor ihm warnte.“

„Wie ging es dann weiter?“, erkundigte ich mich. 

„Einige Monate später lernte ich Mark kennen“, fuhr Diana fort. „Der hatte  zuerst gar keine Chance bei mir. Alles, das er mir erzählte, hatte ich von Frank schon gehört. Aber Mark ließ nicht locker. Er war beharrlich. Gottseidank.“ Jetzt lächelte sie.

Alte Geschichten, die einem keine Ruhe lassen…

„Aber die Geschichte mit Frank hat mir niemals Ruhe gelassen. Immer wieder hab ich nach ihm gegoogelt. Ich wollte wissen, was er macht, ob es ihm verdientermaßen schlecht geht. Ich hätte alles für ein Foto gegeben, auf dem er heult.“ Sie sah mich beschämt an. „Ich hab mich total fertig gemacht. Hab ihn auf Social Media-Plattformen gesucht. Weil ich nicht vergessen konnte, wie er mich behandelt hat.“

„Hat er sich denn jemals wieder bei dir gemeldet?“, fragte ich.

 „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und ich hab auch keine Spur von ihm im Netz gefunden. Weder auf Facebook oder Google, noch auf Twitter. Der Typ ist  eine digitale Unperson. Alles, was ich fand, war seine Firmenadresse. Offenbar hatte er sich selbstständig gemacht. Ab und zu wollte ich zu ihm fahren, ihn zur Rede stellen, ihn ohrfeigen oder ihm ins Gesicht lachen. Aber ich hab es nie getan.

Einmal saß ich vor seiner Firma in meinem Wagen und traute mich nicht hinein, weil ich mir dumm vorkam.“

Dieses quälende Gefühl – über Jahre!

 „War vielleicht besser so“, sagte ich.“

 „Es hat mich lange Zeit gequält“ murmelte sie. „Er hat mich dermaßen gedemütigt, vor meiner Familie und vor meinen Freunden. Ich fühlte mich wie ein Versager, wie man sich  eben fühlt, wenn man verlassen wird und nie den Grund dafür erfährt. Manchmal stand ich vor dem Spiegel und fand mich hässlich. Ich konnte einfach nicht damit aufhören. Bis ich dieses Foto gefunden habe auf Facebook.“ 

„Das Foto?“ Nun war ich wirklich neugierig geworden.

„Na, ich hab immer wieder in den Internet-Suchmaschinen oder bei Facebook seinen Familiennamen eingegeben“, gestand sie. „Und eines Tages hatte ich tatsächlich einen Treffer, nur mit anderem Vornamen. Das Profil gehörte einem jungen Mann. Ich durchwühlte diesen Account wie ein Trüffelschwein… und fand das Bild. Frank stand neben einer stämmigen Dunkelhaarigen und grinste in die Kamera.“ Diana schien immer noch sauer zu sein.

„Ich hab mir das Foto immer wieder angeschaut. Damals hatte er mir nämlich ein Bild gezeigt von dieser Frau, mit der er nur einmal im Jahr an Heiligabend schlafen durfte. Das war sie. Er ist tatsächlich wieder zu ihr zurück. War ja wieder Weihnachten.“ Sie lachte bitter.

Wenn die Kränkung tief sitzt, hält sie sich mitunter über Jahre

„Ich sah sein selbstgefälliges Grinsen, den Wohlstands-Bauch, die schütteren Haare, die spießige Brille, die biedere Wohnungseinrichtung, und mir ging ein ganzer Kronleuchter auf. Keinen Moment habe ich Frank damals gekümmert nach dem letzten Telefonat. Er hat mich entsorgt wie einen gebrauchten Putzlappen, hat diese Tussi geheiratet und niemals wieder auch nur einen einzigen Gedanken an mich verschwendet.“

„Kannst du denn jetzt damit abschließen?“, fragte ich.

„Denke schon“, nickte sie. „Dieses Bild anzusehen war, als hätte mir jemand eine Ohrfeige verpasst. All die Jahre hatte diese Kränkung an meiner Seele gefressen wie ein eitriges Geschwür, vor allem, weil ich nie einen Grund für seinen Weggang erfuhr. Alles wäre besser gewesen als dieses gefühllose Entsorgen mit nur einem einzigen Satz.“

„Wow.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Er war es nicht wert – wie so oft…!

„Mir geht’s prima.“ Diana lächelte. „Das Foto hat mir die Augen geöffnet. Ihm ging es über all die Jahre, gut, aber mir nicht. Dabei war er es gar nicht wert, dass ich so oft an ihn dachte, denn für ihn war ich quasi tot – erlegt mit einem einzigen Telefonanruf. Er hatte mir einen Tritt gegeben, und ich jaulte jahrelang und schaufelte tagtäglich Salz in meine Suppe. Es ist absolut sinnlos, auf jemanden sauer zu sein, wenn es derjenige nicht mal  mitbekommt.“ 

„Wie lange ist das her?“, fragte ich. 

„Kennengelernt haben wir uns im Oktober 1985. Wie könnte ich das je vergessen.“ Sie ignorierte meinen überraschten Blick und sah kurz auf ihr Mobiltelefon. „Oh, schon 16:00 Uhr. Ich muss los. War schön, dich wieder mal zu sehen, auch wenn hauptsächlich ich geredet habe.“ Hastig erhob sie sich und strich ihr blaues Kleid an den Hüften glatt.

Habe ich erwähnt, dass wir neulich Dianas 62ten Geburtstag gemeinsam gefeiert haben? Und dass ihre beiden Kinder mittlerweile auf ein abgeschlossenes Studium zurückblicken können? 

Diana ist real. Ich kenne sie persönlich. Sie hat tatsächlich volle 36 Jahre auf dieser Kränkung herumgekaut wie auf einem alten Kanten Brot und sich täglich ihre Dosis Scham und Wut gegönnt.

Jahrzehntelanger Groll – für nichts und wieder nichts

36 Jahre lang hat sie niemals ihren Groll losgelassen, während Frank unbekümmert vor sich hinlebte, mit Freunden feierte, sein Geschäft leitete, Kinder zeugte, seine Eltern beerdigte, seiner Frau gelegentlich Blumen schenkte – und niemals auch nur noch einen einzigen Gedanken an Diana verschwendete. Dessen bin ich mir ziemlich sicher.  

Auch ich habe mir nämlich mittlerweile auf Facebook sein Foto angesehen. Da steht ein in die Jahre gekommener Mann in einem Esszimmer mit Holztäfelung, trägt eine Lesebrille und grinst ins Display irgendeines Mobiltelefons, das ihm ins Gesicht gehalten wird. Man hört ihn förmlich genervt sagen: „Meinetwegen, mach schon. Ich bin müde.“

Das über die Hose hängende Hemd verdeckt nicht die breite Taille, und von der üppigen dunklen Lockenpracht scheint nicht mehr allzu viel übrig zu sein. Trotzdem macht dieser Mensch den zufriedenen Eindruck einer Person, die mit sich im Reinen ist. Und ganz sicher war ihm egal, dass Diana es über drei Jahrzehnte nicht schaffte, diesen Stachel in ihrem Fleisch herauszuziehen. 

Soll noch einer behaupten, wir Frauen haben kein gutes Gedächtnis.

„Mach’s gut.“ Diana umarmte mich an der Tür.

Loslassen will gekonnt sein

„Du hast keine Ahnung, wie befreiend die Erkenntnis war, dass der ein gutes Leben hatte. Es war MEINE Schuld, nicht seine. Weil ich nicht losgelassen habe. Weil ich vielleicht hoffte, meine negativen Gedanken fliegen per Luftpost zu ihm, und dann bestraft ihn sein Gewissen.“ Sie grinste. 

Ich winkte ihr vom Balkon aus zu, als sie zu ihrem Auto ging und dachte noch lange über diese Unterhaltung nach. Sehr wenig Gefühle machen einem mehr zu schaffen, als grundlos verlassen zu werden. Niederlage durch KO, der Leberhaken der emotionalen Verwüstung.

Leider ist Diana kein Einzelfall. Tagtäglich lassen Tausende und Abertausende auf dieser Welt ihre Partner sitzen. Manchmal erklären sie einem, warum, manchmal nicht. 

Bei einem mir bekannten Ehepaar verschwand die Frau nach 25 Jahren über Nacht spurlos und teilte ihrem Mann nicht mal mittels einer Haftnotiz am Kühlschrank mit, dass sie weg war. Für Immer.

Ihr Mann wartete geschlagene 24 Stunden, bis ihm aufging, dass sie vermutlich nicht mehr käme. Er konnte es nicht fassen, denn sie hatte immerhin den ganzen Verhau einschließlich einem meterhohen Stapel seit Monaten ungewaschener Wäsche neben dem Bett zurückgelassen. 

Patentrezepte gegen Enttäuschungen gibt es nicht

Patentrezepte, wie mit einer derartigen Enttäuschung umzugehen ist, gibt es leider keine.

Aber man könnte mehr auf seinen Bauch hören. Der irrt sich relativ selten und warnt einen meist schon vorher. Immerhin sitzen im Darm um die 100 Millionen Nervenzellen, weshalb er auch gelegentlich „das zweite Gehirn“ genannt wird.

Diese Nervenzellen reagieren äußerst sensibel auf unbewusste Reize und können Ihnen schon vor Ihrem Verstand sagen, dass Sie soeben dabei sind, einem Hallodri oder gewissenlosen Narzissten auf den Leim zu gehen. 

Generell wäre es ratsam, sich Menschen, mit denen man sich auf eine Beziehung einlässt, genauer anzusehen, ehe man mit ihnen in die Horizontale hüpft. Am Morgen danach haben nämlich unsere Hormone diese Baustelle übernommen und werden uns längere Zeit an der Nase herumführen. 

Wir Menschen haben ein Urbedürfnis nach hundertprozentiger Sicherheit. Und die existiert nun mal nicht. 

Manchmal tut auch Verdrängen ganz gut!

Immer, wenn ich mich an einem fremden Ort aufhalte, besuche ich, wenn Zeit dafür ist, den jeweiligen Friedhof und laufe dort ein wenig umher. Das erdet ungemein, finde ich. Neulich stand ich vor dem mit weißem Marmor umfassten Grab einer Frau, das einen sehr gepflegten Eindruck machte.

In der Mitte der Erde lag ein großes marmornes Herz, auf dem gemeißelt stand: „Wir haben dich von Herzen geliebt.“ Die Verstorbene war zum Zeitpunkt ihres Todes gerade 40 Jahre alt gewesen. Das sind vier Jahre mehr, als Diana an einer dumm gelaufenen Beziehung herumgekaut hat. Ein Menschenleben lang…

Darum lassen Sie uns leben, lieben, und lernen, nicht nicht allzu nachtragend sein. Lassen Sie uns versuchen, zu verdrängen, was wir nicht vergessen können. Niemand, der uns  kränkt, ist es wert, dass man ihm derartig lange so viel Platz in Gedanken und Erinnerungen einräumt. 

„No risk, no fun“ – ohne Risiko kein Spaß, heißt es. Diana hätte sich auch, anstatt sich all die Zeit selbst zu zerfleischen, täglich mehrmals mit einem Hammer auf die Zehen hauen können – der Effekt wäre derselbe gewesen: Frank hätte davon nichts mitbekommen und sein bräsiges Leben ohne einen Gedanken an sie weitergelebt

Sich selbst durch „Nicht-Loslassen“ schaden – das muss nicht sein!

Die einzige Betroffene war Diana selbst, durch deren Erinnerungen sich diese Kränkung in feinen giftiggrünen Schlieren über Jahrzehnte zog und ihr so manchen schönen Moment zunichte machte.

Und darum rate ich Ihnen heute an dieser Stelle mit einem Augenzwinken: Was auch immer Ihnen an Kränkungen widerfahren sollte – machen Sie es kurz, zumindest kürzer als Diana. 

Es ist Ihr Leben. Daran sollten Sie immer denken.

Bild: goodluz

 

 

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