Eine Hommage an das Landleben, genauer gesagt an das Allgäu – das sind die Krimis die Barbara Edelmann (im Bild) schreibt. Sie alle spielen in der Region, in der die Autorin lange schon zuhause ist und den Menschen dort „aufs Maul schaut“, wie sie selbst sagt.  „Mordsdepp“, „Mordsgeschäft“ und „Mordsrausch“ sind Edelmanns Bestseller, mit denen sie sich eine begeisterte Leserschaft aufgebaut hat.

Um sich für ihre Bücher inspirieren zu lassen, muss die Schriftstellerin ihre Heimat nicht verlassen, denn die beschauliche Idylle mit Alpen-Panorama bietet genug Stoff, den Barbara Edelmann kreativ im Schreiben verarbeitet. Wir haben mit der Autorin, die auch Kolumnen für uns schreibt, gesprochen:

FB: Frau Edelmann, Sie haben sich mit Ihren Regionalkrimis, die in Bayern – im Allgäu – spielen, einen Namen als Autorin gemacht. Wie kam es dazu, dass Sie sich Ihrer Heimatregion literarisch zugewandt haben?

Man soll über das schreiben, was man kennt, lautet eine eiserne Regel. Und im Allgäu kenne ich mich aus – immerhin weigere ich mich seit Jahrzehnten, „mein Tal“ zu verlassen, trotz guter Stellenangebote. Einmal hätte ich sogar die Gelegenheit gehabt, in den USA zu arbeiten. Aber alles, was mir dazu einfiel, war: „Mein Baggersee, meine Freunde, mein Wald-Café, meine Oma, mein Elternhaus, meine Heimatstadt!“ Amerika hatte keine Chance.

Im August 2014 saß ich dann eines Tages auf meiner sonnenbeschienen Terrasse und gönnte mir einen Kaffee, als das melodische Tuckern eines Traktors ertönte und kurz darauf der aromatische Geschmack von Gülle mein Näschen so penetrant umwehte, dass ich fluchend ins Haus rannte.

Eine Stunde zuvor war ich versehentlich mit meinem frischgewaschenen Cabrio durch einen cremigen Kuhfladen gebrettert und hatte mir das Auto wieder eingesaut. Rechts von mir bimmelten Kuhglocken, links von mir zerkleinerte gerade der Nachbar Holz für den Winter mit einer Hochleistungs-Kreissäge. Seit 7:00 Uhr morgens, an einem Samstag. Es war einer dieser Momente, wo man nicht weiß, ob man das Landleben hasst oder liebt.

Da kam mir der Gedanke:  „Schreib doch mal einen Allgäu-Krimi, da kannst du das alles unterbringen“. Gesagt getan, innerhalb kürzester Zeit war „Mordsbraut“ fertig. Und unterm Schreiben bemerkte ich, wie sehr ich an meiner Heimat hänge, und wie sehr ich sie mag. Es war einfach meine ureigene, merkwürdige Art, „danke“ zu sagen, eine Liebeserklärung auf 400 Seiten.

FB: Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Krimis?  

Ich wohne seit mittlerweile 25 Jahren auf dem Land. Seit 25 Jahren schaue ich den Leuten aufs Maul und höre ihnen zu, wenn sie von Erlebnissen erzählen, denn es sind viele gute und interessante Storys darunter. Manchmal reicht auch ein Blick in den Lokalteil des örtlichen Käseblattes. Oder große Ohren im Biergarten, wenn der Hans am Nachbartisch im Flüsterton dem Sepp erzählt, wie der Luis neulich besoffen in den Bach gefahren ist. Dafür entschuldige ich mich, aber ich kann einfach nicht anders und muss lauschen.

Viele Geschichten, die mir erzählt werden, beinhalten Potenzial für einen guten Krimi. Leider darf ich nicht ins Detail gehen, aber es sei Ihnen versichert, auch bei uns in der Vorzeige-Idylle mit dem Alpen-Panorama und dem höchsten Rindviehbestand in Süddeutschland passiert genug, das Stoff für eine anständige „Tatort“-Folge böte.

Es gibt auch bei uns Leute, die dem Bier mehr zugetan sind als ihnen gut tut, Raufereien, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Diebstahl oder Betrug und vieles mehr.

Aber: Die Strukturen auf dem Land sind anders. Ihren Nachbarn entgeht nicht, wer Sie zum Kaffee besucht oder wann Sie Ihre Partys feiern. Die kriegen genau mit, wenn Sie vergessen, Ihr Laub zu rechen („fliegt in meinen Garten!“), ob Ihre Rollläden länger geschlossen sind als sonst und ob Sie dem Postboten im Morgenmantel die Tür öffnen. Ich war 22 Jahre lang mit einer äußerst aufmerksamen Nachbarin gesegnet, der nichts entging, und die mich mit herrlichen Anekdoten über andere Dorfbewohner versorgte. Sie war, was wir hier eine „Brieftaube“ nennen, eine resolute Dame mit unbestechlichem Blick für die Splitter in den Augen der anderen. Ich vermisse sie heute noch.

An meinem früheren Wohnort wurde sogar darüber getuschelt, weil ich eines Sonntags tatsächlich im Bikini (!) auf meiner Hollywoodschaukel gelegen bin. Am Tag des Herrn! Entweder ist man diejenige, die mit anderen über Dritte redet oder die, über die geredet wird. Anfangs kann man sich das heraussuchen.

Solange Sie Ihren Garten in Ordnung halten und keinem Plausch am Zaun ausweichen, sind Sie wohlgelitten. Was man auf dem Land nicht mag, ist Arroganz, Leute, die sich absondern, nur übers Landleben schimpfen und sich nie auf Feierlichkeiten sehen lassen. Leider habe ich Einladungen zu mindestens 10 Tupper-Partys nicht wahrgenommen, das bereue ich heute noch – vielleicht wäre dann mein Bikini an einem Sonntag nicht Gesprächsstoff gewesen.

Jedenfalls weiß hier jeder alles über jeden. Das hat natürlich auch sein Gutes, denn die Leute passen ja auch aufeinander auf. Ich habe es in 25 Jahren auf dem Lande nicht erlebt, dass jemand lange tot in seiner Wohnung liegt, ohne gefunden zu werden, denn irgendjemandem fällt schon auf, dass Oma Käthe gestern die Rollos nicht hochgezogen hat und sich – entgegen ihren Gewohnheiten – nicht im winzigen Supermarkt blicken ließ.

Nachbarschaftshilfe ist auf dem Land kein Fremdwort, Anonymität hingegen schon, Vereine ersetzen ein gerüttelt Maß der sozialen Arbeit. Die Festivitäten sind andere als in der Stadt. Veranstaltungen, auf denen ein Schausteller mit einer Schiffschaukel anreist, werden als „Jahrmärkte“ bezeichnet, aber wissen Sie was? Die sind sehr beliebt und werden von allen gern besucht. Auf dem Wochenmarkt begegnet man sich und tauscht sich aus, an der Supermarktkasse wartet man geduldig, bis die alte Landwirtin vom Einsiedler-Hof ihr Kleingeld herausgekramt und von ihrer letzten Hüft-OP erzählt hat, man nimmt Rücksicht und hilft einander.

Es ist anders, es ist langsamer, aber ich finde dieses reduzierte Tempo, dieses „leben und leben lassen“ der Gesundheit zuträglich und schön.

Sie schreiben ja Krimis. Gibt es dennoch etwas, das Sie den Lesern vielleicht in Ihren Büchern mitteilen möchten?

Mein Ermittlerpaar besteht aus einem unglaublich attraktiven Berliner, der sich aufgrund einer Liebesgeschichte nach Memmingen versetzen ließ und an diesem Landstrich – bis auf das Essen, das ihm schmeckt – kein gutes Haar lässt, sowie seiner Partnerin, einer hübschen, glücklich verheirateten Allgäuerin mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen, die gern kocht und bäckt.

Die Intention in meinen Büchern ist, dem Leser einen „Urlaub im Kopf“ zu gönnen, denn die Welt in meinen Romanen ist größtenteils heil, von schrulligen Charakteren bevölkert, die neben ihrem Kartoffel-Vorrat alle ihre größeren und kleineren Leichen im Keller haben. Eine meiner Lieblingsfiguren ist Erna Dobler, eine rüstige ehemalige Landwirtin mit einer Vorliebe für Melissengeist und amerikanische Krimi-Serien, die sich gern dreist und vorlaut in die Ermittlungen der Polizei mischt. Ich hoffe, sie lebt noch ewig. Nein, ich weiß es, denn ich bin dafür zuständig, dass Erna steinalt wird.

In meinen Büchern gibt es keinen Zynismus, sie leben von den augenzwinkernden Hinweisen auf die Verschrobenheit einiger Zeitgenossen und regions-spezifischen Begebenheiten.

Ich entwerfe mit Liebe zum Detail wunderliche Charaktere, mische das ganze mit ein wenig Lokalkolorit und hoffe, dass die Verbundenheit mit meiner Heimat dem Leser aus jeder Zeile entgegenlächelt.

Und ich möchte gern zeigen, dass auch bei uns im Allgäu – entgegen gängiger Klischees – nicht alle im Dirndl und der Lederhose herumlaufen, Knödel rollen und den ganzen Tag jodeln. Bei uns gibt es blitzgescheite Leute und eine ansehnliche Infrastruktur in den Ballungszentren. Die Menschen sind bodenständig und fleißig, sie gehen sonntags zur Kirche, weil man das einfach tut, Landwirtschaft wird mit sehr viel Köpfchen und Knowhow betrieben, und im Großen und Ganzen ist das Allgäu ein Landstrich wie alle anderen auch, nur eben mit einem speziellen Menschenschlag bevölkert, der nicht drum herum redet. Sie sagen nicht viel, aber wenn sie den Mund aufmachen, sind sie ehrlich und gerade heraus.

Es gibt sehr liebenswerte Menschen, die Biergärten sind unglaublich schön, und wer Sahne, Butter und Käse mag, welche die Hauptbestandteile unserer Spezialitäten bilden, wird sich hier wie im Paradies fühlen. Wir essen  Maultaschen genauso wie Novelle Cousine, wir tanzen aber auch Tango und Samba  und schuhplatteln nur gelegentlich. Meine Krimis spielen meistens im ländlichen Raum, weil ich die Landschaft wunderschön finde und möchte, dass man das aus meinen Büchern herausliest. Hier ist die Welt, oberflächlich gesehen, in Ordnung.

FB: Wenn Sie eine Buch-Idee haben – wie geht es dann weiter, wie bauen Sie sich das schreibtechnische Gerüst für Ihre Bücher auf? 

Am Anfang ist die Idee. Sie zwickt mich in den Nacken und lässt mir keine Ruhe mehr. Wenn sie sich so benimmt, dann ist sie gut und wert, dass ich sie zu einem Roman verarbeite. Und erst dann setze ich mich hin und fange ganz einfach an. Manche Bücher beginne ich sogar mehrmals. Es ist unglaublich befriedigend, ein ganzes Universum zu schaffen. Ich mache das Wetter, entscheide über Leben und Tod oder darüber, wer heiratet. Für mich sind alle meine Figuren sehr lebendig, und ich mag jede einzelne.

Eine Geschichte wächst wie ein Baum. Bei meinem ersten Krimi „Mordsbraut“ setzte ich mich nachmittags an den Tisch, um meinen Hauptverdächtigen endlich hinter Gitter zu bringen, und am Abend war der Typ tatsächlich tot, was mich selbst überraschte.

Das Buch hatte mir scheinbar den weiteren Ablauf diktiert, so merkwürdig das klingt. Geschichten wollen geschrieben werden, wenn sie es wert sind und treiben einen schon in die passende Richtung. Allerdings brachte mich damals der tragische Tod meines Hauptverdächtigen in Nöte, denn ich musste einen neuen Mörder finden.

Logische Fehler werden im Laufe des Prozesses nach und nach ausgemerzt. Sollte ich wirklich etwas übersehen, macht mich die Lektorin darauf aufmerksam. Mein Arbeitsplatz sieht in dieser Zeit fürchterlich aus, denn ich mache mir Notizen auf dem Handy, auf losen Blättern, in Notizbüchern, die ich überall mit mir herumschleppe und sogar auf Servietten im Restaurant.

Ist das Manuskript dann fertig, wird es überarbeitet, Wort für Wort, Satz für Satz. Doppelungen müssen gestrichen und ersetzt werden, zu häufig benützte Wörter dezimiert, Redewendungen geändert, Dialoge umgeschrieben.

Der Leser weiß nicht, wie viel Disziplin hinter einem fertigen Buch steckt. Es ist manchmal mühsam, aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.

FB: Wann haben Sie Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckt? 

Ich schreibe schon mein ganzes Leben lang. Seit meiner frühesten Jugend kritzelte ich DIN-A-4-große Bücher von Hand voll. Irgendwann kaufte ich mir eine Typenrad-Schreibmaschine ohne Korrekturband. Dann kam gottseidank WORD.

In jungen Jahren schrieb ich für den kulturellen Teil einer regionalen Wochenzeitung und auch für eine größere Regionalzeitung als freie Mitarbeiterin. Ich stellte allerdings fest, dass es nicht war, was ich wollte, denn freie Mitarbeiter wurden gern zu Veranstaltungen geschickt, die den „alten Hasen“ zu langweilig waren. Verstanden habe ich es ab dem Abend, als ich während eines Sopran-Konzerts, bei dem ich den einzigen Stuhl mit der Aufschrift „Presse“ besetzte, eingeschlafen bin und erst beim „Da capo!“ wieder aufwachte.

Ein Buch zu schreiben hatte ich mir schon mein Leben lang vorgenommen, fand aber immer prima Ausreden, es nicht zu tun: zu viel Arbeit im Büro, im Haus, im Garten, zu viel Ärger mit den Kindern, der Verein, müde, nicht das richtige Laptop, oder andere abstruse Ausreden. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.

FB: Wo holen Sie sich für Ihre Bücher, in denen es um Kriminelle geht, Ihr Know-How her? Recherchieren Sie bei Polizei, Staatsanwaltschaft & Co? Und wenn ja, wie schaut das in der Praxisaus? 

Ich habe im Laufe der Jahre ein paar bemerkenswert hilfreicher Kontakte knüpfen können. Dazu gehören Rechtsmediziner, Kripobeamte, Polizeibeamte, Ärzte und Psychologen. Gerade was Kriminalität als solches angeht, bekam ich schon mehr als einmal gutes Feedback von erfahrenen Polizisten.

Die Berufserfahrung eines gestandenen Beamten, eines Arztes oder eines Psychologen sind nicht mit Gold aufzuwiegen und können von einer Internet-Suchmaschine nicht ersetzt werden. „Das sind oft ganz normale Leute“ sagte mir ein hochrangiger Beamter, als wir uns über Mörder unterhielten. „Die sind oft sogar sympathisch. Sie würden nie glauben, dass solche Menschen ein Verbrechen begehen könnten.“

Und genau das versuche ich in meinen Büchern auch herüberzubringen. Oft reicht ein einziger Moment, in dem man durchdreht, und Existenzen sind zerstört. Aber trotz allem darf bei mir das Schmunzeln nicht zu kurz kommen.

Mit einer Prise gesundem Sarkasmus rettet man sich durch manche schwierige Situation, das ist zumindest meine Erfahrung.

Lassen wir uns unseren Humor nicht austreiben, er ist wie eine orthopädische Schuheinlage, wenn uns das Leben mal wieder aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Ich würde mich freuen, wenn ich ein paar Leser auf unser schönes Allgäu habe aufmerksam machen können.

Und wenn Sie bei mir vorbeikommen, serviere ich Ihnen sogar einen Kaffee. Versprochen.

Die Bücher von Barbara Edelmann sind unter anderem hier erhältlich und die Kolumnen von ihr für unser Magazin können Sie hier lesen.

Bildnachweis: Karl-Heinz Schweigert

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