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Frau im Bett

Freitagabend in der Stadt. Eine schummrige Bar in einer Nebenstraße. Sie lehnen am Tresen, aufgebrezelt und in voller Takelage, bereit für ein Abenteuer, zumindest erwecken Sie diesen Anschein. In Wirklichkeit waren die „Smokey Eyes“ Tipp der Woche in Ihrem Lieblings-Frauenmagazin, da stand nämlich, dass manche Männer auf Verruchtes voll abfahren, und das wollten Sie mal ausprobieren, denn immerhin bewegen Sie sich mit Riesenschritten auf irgendeinen drohenden runden Geburtstag zu und sind nach wie vor auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Bisher haben Sie nämlich nur Ausschuss kennengelernt und sehnen sich nach einer festen Beziehung.

Während Sie verkrampft auf Stilettos balancieren, die man ohne Weiteres jemandem ohne Hammer in die Stirn nageln könnte und sich ärgern, weil Sie in dem engen Kleid die ganze Zeit die Luft anhalten müssen, öffnet sich die Tür, und herein kommt – er. Ja genau, der Eine. Sieht tatsächlich aus, als ob er der Richtige sein könnte. Dreitagebart, grüne Augen, kantiges Kinn, abgewetzte Lederjacke. Je nach Ihrem Beuteschema ein jüngerer George Clooney oder ein älterer Ryan Reynolds – suchen Sie sich was aus.

In Wirklichkeit wollen Sie nämlich gar kein Abenteuer, sondern endlich den Mann fürs Leben finden, darum stehen Sie heute in dem schummrigen Pressluftschuppen und warten, was so an den Tresen gespült wird. Wäre super, wenn dieser Neuankömmling ein wenig Rhett Butler aus „Vom Winde verweht“ ähneln würde, aber man kann ja nicht alles haben, und allmählich würden wir uns mit allem Möglichen anfreunden, denn wir haben es satt, immer allein zum Wertstoffhof zu fahren, um die alten Zeitungen wegzubringen. Aber dieser Typ hier, der gerade mit festem Schritt auf uns zukommt, sieht aus, als wäre die Rallye Paris-Dakar sein Anfahrtsweg zur Arbeit, bei der er täglich brennende Ölquellen löscht und Jungfrauen aus brennenden Häusern rettet.

Der stellt sich tatsächlich neben Sie und grüßt kurz, weshalb Sie endlich auf einen dieser unbequemen Barhocker klettern, um nicht demnächst mitsamt Ihren hohen Hacken umzukippen.
Sie kommen mit ihm ins Gespräch, und im Laufe der nächsten paar Stunden lädt er Sie zu einigen Drinks ein, von denen Sie jeder besoffener macht, aber auch ein bisschen lockerer. Nach dem 14ten Cocktail finden Sie beide sich unheimlich sympathisch.
Ach was, reden wir nicht drumherum: „sympathisch“ trifft es nicht, der Typ ist einfach heiß.

Er heißt Kai, ist drei Jahre älter als Sie (genau richtig!), bisher nie verheiratet gewesen (behauptet er zumindest), im Sternzeichen Löwe (passt super, denn mit Skorpionen wollen Sie nie mehr was zu tun haben!) und in der IT-Branche tätig. Was Ihnen aber wurscht ist, denn Ihre Pheromone tanzen schon seit mindestens zwei Stunden Polka, weil er Sie vorhin absichtlich oder unabsichtlich am Arm berührt hat. Gänsehaut-Alarm!

Als er Sie fragt, ob Sie noch einen Absacker in seiner Wohnung trinken möchten, sagen Sie ja, denn immerhin haben wir 2019 und nicht 1958, Sie können anbandeln, mit wem auch immer Sie möchten. Die Nacht ist jung, Sie sind es nicht mehr so ganz, und wer weiß, wie viele verpasste Gelegenheiten Sie sich noch leisten können, also los geht’s.

Sicherheitshalber bestellen Sie sich aber noch einen Caipirinha bei dem attraktiven Barkeeper, damit Sie nicht der Mut verlässt, denn Ihre Mutter hat Ihnen 20 Jahre lang eingeschärft, dass Sie nicht mit fremden Männern gehen sollten. Und jetzt machen Sie es trotzdem. Kurz überlegen Sie, ob Sie ihrer Mama eine SMS schicken sollten, damit die sich mal so richtig ärgert, lassen es dann aber sein, denn die schläft garantiert schon.

Die Wohnung von Kai ist ganz nett. Typisch männlich-kahler Charme (er nennt es „puristisch“), viel Edelstahl und Chrom, ein bisschen Akazie dazwischen, ein paar Fußball-Pokale und ein monströser Fernseher mit einer Heimkino-Anlage im Gegenwert eines Gebrauchtwagens. Geld scheint nur eine untergeordnete Rolle bei ihm zu spielen, umso besser, denn Ihre letzten drei Freunde mussten Sie ganz allein finanzieren, weil die immer pleite waren.

Auf Ihrer kurzen Stippvisite zum Klo entdecken Sie keine pinkfarbenen Haargummis oder Nachtcreme für reife Haut, nur „AXT“-Deo und „Niveau for Gentlemen“, also alles paletti. Wenn der Typ irgendwelche Mädels abschleppen sollte, hinterlassen die zumindest keine Spuren.

Als sie zurückkommen ins Wohnzimmer, spielt Alexa gerade seine Soul-Playlist mit der „Slip-Runter-Garantie“, alle Lampen sind gedimmt, und wenn man die Augen schließt und nur der Musik und Kais Schmeicheleien lauscht, könnte man sich vorstellen, gerade in einem Penthouse in Manhattan oder dem Strandhaus von Charlie Harper, dem bekanntesten Playboy der Welt aus „Two and a half men“, zu sitzen. Zum Nachdenken kommen Sie aber gar nicht mehr, weil Kai jetzt kommt – zur Sache nämlich, und Ihnen seine Zunge in den Hals steckt. Was Sie ganz gut finden, denn wenn einer gut küssen kann… naja, denken Sie sich den Rest.

Oh – das ging aber schnell. Nun haben wir schon den nächsten Morgen. Die Sonne scheint durch eine Ritze in der Jalousie. Samstag. Sie haben heute frei und könnten liegenbleiben. Wenn Sie sich daran erinnern, wo Sie eigentlich liegen. Das wissen Sie nämlich nicht mehr.

„Oh Mann, ich hätte nicht so viel saufen sollen. Ach ja, der süße Typ. Wie hieß der? Karl, Konstantin, Kevin? Mist. Wo bin ich überhaupt?“
Böse Mädchen kommen ja angeblich überall hin. Nur müssen Sie jetzt noch rausfinden, wohin Sie gekommen sind. Und ob überhaupt.

Nachdem Sie den niedlichen Typen neben sich entdeckt haben, der gerade ausgiebig gähnt, können Sie erst mal aufatmen. Nicht Quasimodo, eher Ryan Reynolds. Alles gut. Und wie war doch gleich sein Name? Ach, Sie werden es schon rausfinden, denn der Kerl ist wirklich saumäßig attraktiv.

Sie: „Äh, guten Morgen.“

Er: (räuspert sich): „Morgen.“ („Wow, die Tussi sieht ja bei Tag genauso gut aus. Hätte schon früher auf Stefan hören sollen und den Dreitagebart wachsen lassen. Das klappt ja wirklich. Ob die mich nochmal ranlässt?“)

Sie: „Ich müsste mal wohin, würdest du …“

Er: „Vorne, links.“ („Ich hoffe, die will jetzt kein Frühstück. Wie hieß sie nochmal? Irgendwas mit B? Oder war’s L? Mist, ich hätte fragen sollen. Oder hab ich gefragt? Ob ich mir wohl von meinem Nachbarn von gegenüber Kaffee borgen kann? Und Filter? Und die Maschine? Vielleicht bleibt sie dann nochmal 30 Minuten. Ach was, 10 reichen mir auch.“)

Sie raffen hastig Ihre Klamotten vom Boden, aus denen Sie sich gestern Nacht innerhalb von Sekundenbruchteilen geschält haben und huschen ins Klo. Papier alle. Natürlich. Aber im Badschrank finden Sie eine Rolle Küchenkrepp. Wenigstens etwas. Und keine zweite Zahnbürste oder Damenhygiene-Artikel. Wobei Ihnen das Wort „Hygiene“ nicht so recht über die Lippen will, wenn Sie die (hochgeklappte) Klobrille ansehen. Da kommt wohl jemand nicht oft zum Putzen. Kein Wunder, wenn man so viel freeclimbt, bungjee-jumpt und brennende Ölquellen löscht wie Kevin. Oder Karl. Oder Konstantin. Sie sollten sich gelegentlich mal durch die Blume erkundigen, wie Ihre Männerbekanntschaft überhaupt heißt. Besser spät als nie.

„Ob es wohl zu früh ist, ihn zu fragen, ob er mich zur Hochzeit meines Cousins nächste Woche begleitet?“, denken Sie, während Sie hastig in Ihre Klamotten schlüpfen und sich mit einem Blatt Küchenkrepp die Reste der Wimperntusche unter den Augen wegwischen. Dann stolpern Sie auf Ihren 10-Zentimeter-Hacken wieder ins Schlafzimmer, wo er im Bett sitzt und Sie erwartungsvoll anfunkelt.

Er: „Oh, du willst schon gehen? Schade.“ („Gottseidank, muss ich mir keinen Kaffee bei der blöden Weizenkeim von gegenüber pumpen. Andererseits – dieses Kleid ist echt rattenscharf. Wann hat die das nur angezogen, die war doch gerade noch nackt? Vielleicht kriege ich sie ja noch mal rum?“)

Sie: „Äh, ich denke, ja, ich sollte nach Hause. Aber ist ja eigentlich Samstag.“ („Er könnte mich wenigstens fragen, ob wir heute noch was zusammen unternehmen möchten. Nie wieder lasse ich mich auf einen One-Night-Stand ein. Der bietet mir ja nicht mal Kaffee an, der Idiot.“)

Er: „Oh, schade.“ („Kacke, die will wirklich schon weg. Ob ich sie noch irgendwie rumkriege, ohne dass sie meint, sie könnte gleich bei mir einziehen?“)

Sie: „Äh, ich sollte dann los.“ („Sag schon endlich, dass ich noch bleiben soll.“)

Er: „Möchtest du vielleicht Kaffee?“ („Scheiße, scheiße, scheiße, dann muss ich mich jetzt anziehen und zum Nachbarn rüber. Hoffentlich will der seine Bohrmaschine nicht zurück, die ich mir vor einem halben Jahr geliehen habe, ich weiß nämlich nicht mehr, wo in meinem Saustall die liegt.“)

Sie: „Nö danke.“ (Eingeschnappt. Warum eigentlich?)

Er: „Na dann, schönen Tag noch, war nett. Ich ruf dich an.“

Sie: „Ja, mach das.“ („Depp, blöder. Du hast ja nicht mal meine Nummer“).

Tja, das wäre Ihr Preis gewesen. Nur weil der Trottel Sie nicht gefragt hat, wie Sie heißen, sind Sie beleidigt. Gestern Nacht haben Namen Sie ja auch nicht interessiert, als Sie aus Ihren Klamotten gehüpft sind, als würden die demnächst Feuer fangen. Was denn nun? Wollen Sie den Burschen haben oder nicht? Und jetzt streichen Sie einfach kampflos die Segel? Wenn Sie von einem Mann etwas möchten, müssen Sie ihm das sagen. Unmissverständlich. Sofort. Ohne Schnörkel.

Erstens kann der Ihnen ruhig einen Kaffee machen, auch wenn er den aus Kolumbien holen muss. Der nächste Flieger geht bestimmt demnächst, und wer sich einen Fernseher im Format einer Kinoleinwand leisten kann, hat auch die Kohle für ein Flugticket nach Bogota. Bis er von der Kaffeeplantage zurückkommt, haben Sie genügend Zeit, wieder einen Menschen aus sich zu machen und seine Kontoauszüge durchzusehen. Man möchte ja wissen, mit wem man sich eingelassen hat.

Scherz beiseite – Stolz ist eine tolle Sache, vor allem, wenn man nicht weiß, wo man seine Unterwäsche ein paar Stunden zuvor hingeworfen hat, aber manchmal sollte man ihn herunterschlucken und eine einsame Entscheidung treffen, denn zu mindestens 80 % möchte der Herr der Schöpfung auch, dass Sie bleiben, weiß nur nicht, wie er es anfangen soll. Was haben Sie zu verlieren?

Diese Beklommenheit nach einem glückseligen verschwitzten Durcheinander in einer lauen Sommernacht ist ganz normal, und wenn Sie sich dazu entschließen, jetzt nicht gleich abzuhauen, könnte aus Ihnen und „irgendwas mit K“ durchaus was werden. Manche Männer brauchen ein wenig Nachhilfe. Die Betonung liegt auf „manche“.

1993 war ich zu einer wirklich prachtvollen Hochzeit eingeladen. Den Bräutigam kannte ich schon mein ganzes Leben lang, seine frischgebackene Ehefrau war „neu“ in unserer Clique.
„Weißt du, wir haben uns in einer Pilsbar kennengelernt, und ich nahm sie nur für eine Nacht mit zu mir“, erklärte mir Klaus damals etwas verlegen. „Und als sie am nächsten Morgen verschwand, entdeckte ich ihre Haarbürste im Badezimmer. Ich habe nichts gesagt. Als sie zwei Tage darauf wieder kam, fand ich, kurz nachdem sie gegangen war, zwei blütenweiße Slips in meinem Schlafzimmer, die sie dort zwischen meinen Socken deponiert hatte. Und jedes Mal, wenn sie kam, brachte sie wieder was mit. Nach nur sechs Wochen wohnte sie quasi bei mir.“

Die beiden sind mittlerweile seit über 25 Jahren verheiratet und haben vier prächtige Kinder großgezogen, und das nur, weil Stefanie nach dieser – als One-Night-Stand gedachten Nacht – beschloss, dass Klaus gutes Ehemann-Material abgäbe und ihn sich einfach krallte. Er hat es nie bereut, wäre aber selbst nicht entschlusskräftig genug gewesen, sich dazu durchzuringen, geschweige denn eine Andeutung Stefanie gegenüber zu machen.

Also bitten Sie ruhig um Kaffee. Nein, verlangen Sie ihn. Und dann fragen Sie nach seinem Namen und erinnern ihn daran, dass heute Wochenende ist und Sie eine Menge freie Zeit haben. An seinem Gesichtsausdruck werden Sie schnell erkennen, ob er das klasse findet oder am liebsten im Erdboden versinken möchte.

Aber auf Kaffee bestehen Sie auf jeden Fall. Sollte „irgendwas mit K“ nämlich nicht begeistert von Ihrem Vorschlag sein, noch ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, dann brauchen Sie den für Ihren Walk of Shame nach Hause, auf 10 Zentimeter hohen Hacken, und mit Augenringen, als hätten Sie zehn Runden mit Vitali Klitschko hinter sich.

Und – um Himmels Willen schämen Sie sich nicht. Wie gesagt – wir haben 2019 und nicht 1958. Man kann sich auch mal irren. Oder zu viel trinken. Oder mit jemandem schlafen, der wirklich nur auf ein Abenteuer aus war.

Es wäre jedenfalls schade, sollten Sie – falls der Typ Ihnen wirklich gefällt – zu schnell das Handtuch werfen. Und wenn er wirklich keine Anstalten macht, Sie wiedersehen zu wollen: Kopf hoch, Krönchen richten und weitermachen. Pah, den haben Sie doch nicht nötig. Garantiert schwemmt Ihnen das Schicksal heute Abend in einer düsteren Bar noch einen wirklich tollen Mann vor die Füße. Gibt doch genug von denen.

Meine Freundin Susi nimmt die Männer, wie sie kommen. Sie ist allerdings eine der ganz wenigen mir bekannten Frauen, die problemlos am nächsten Morgen „Tschüssi!“ rufen und von selbst verschwinden, denn sie legt keinen Wert auf eine feste Beziehung.

Noch nie habe ich erlebt, dass sie einem Kerl hinterher trauerte oder wegen einem betrübt war, denn ihrer Meinung nach gibt es ja Männer wie Sand am Meer. Damit hat sie irgendwie recht.

Man muss es allerdings leben können, dieses „Von Blüte zu Blüte torkeln“ – die meisten Frauen tun das nicht. Und darum wäre es ratsam, vor dem 14. Caipirinha in der schummrigen Bar darüber nachzudenken, wie Sie sich eventuell am nächsten Morgen fühlen, wenn Sie in einem fremden Bett aufwachen mit jemandem, den Sie nicht kennen. Zumindest nicht von Namen her.

Was ich damit sagen wollte? Nun – gelegentlich täuscht man sich oder fällt auf einen umwerfenden Typen herein, mit dem man eigentlich allerhöchstens den Boden aufwischen kann, weil er es nicht ernst mit einem meint und einen nur ausnützen möchte.

Dann trinkt man vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel und landet im vielbenützten Bett eines ewigen Junggesellen. Sobald Sie das merken, verschwinden Sie mit den Worten „Bye bye, ich trete heute eine achtmonatige Misdion im Weltall an und meld‘ mich, sobald wir auf unserer Raumstation endlich DSL haben. Meine mobilen Daten sind nämlich leider aufgebraucht. Solltest du mir in nächster Zeit bei Starbucks oder H&M begegnen – das bin nicht ich, sondern mein böser Zwilling. Also nicht ansprechen.“

Wer so blöd ist, eine Frau wie Sie einfach sausen zu lassen, glaubt so einen Scheiß ohne weiteres.

Aber: Gelegentlich sind es nur ein, zwei Worte, die aus einem kurzen angeschickerten Vergnügen eine lange und meistens angenehme Partnerschaft entstehen lassen können. Ihren Verstand haben Sie ja nicht auf der Fußmatte vor der fremden Wohnung samt Ihren Wünschen und Hoffnungen abgelegt. Ein bisschen Glück ist immer dabei.

Und wenn Sie „irgendwas mit K“ eine Chance geben, finden Sie es heraus.

Bildnachweis: pexels.com

Frau am Laptop

Kennen Sie Ebay und seinen Ableger „Kleinanzeigen“? Die meisten von Ihnen ganz sicher.

Aber obwohl ich mich seit 1999 (!) im Internet bewege und denke, alles schon gesehen und erlebt zu haben, lerne ich immer wieder dazu, wie in den letzten paar Tagen.

Es ist lange her, dass man sich im guten alten AOL-Chatroom „Wir um die 30“ die Finger wundschrieb und nette Leute kennenlernte. Längere Mails verfasste man offline, anschließend loggte man sich ein, versendete sie und meldete sich sofort wieder ab, denn jede Minute kostete Geld, und Flatrates waren noch nicht erfunden. Mit dem 56-K-Modem, das quietschte und pfiff, war die Einwahl ins WWW eine abenteuerliche Angelegenheit, denn es klappte bei weitem nicht immer.

„Geh aus der Leitung, ich will endlich telefonieren“, hörte man zu Vor-ISDN-Zeiten öfter, und nicht immer in höflichem Tonfall, denn entweder surfte man im Internet oder rief Oma Gertrud in Buxtehude an – beides gleichzeitig war nicht möglich.

Wollte man eine Website aufrufen, konnte man, ehe die sich aufbaute, nebenher einen Pullover stricken und mit der Nachbarin Kaffee trinken. Alles verlief gemütlicher, und das Internet war nur etwas für nebenbei. Mittlerweile hat es sich in so gut wie jeden Haushalt eingeschlichen und ist nicht mehr wegzudenken. Ich erledige meine Bankgeschäfte online, bestelle mein Tierfutter im Internet und bekam neulich von Ebay die goldene Nahkampfspange verliehen. Ohne DSL wäre ich aufgeschmissen, das gebe ich als Landei in meinem winzigen Dorf ohne jegliche Infrastruktur gerne zu.

Vieles hat sich geändert, seitdem man mit banger Miene am Rechner (Windows 3.1) saß und darauf wartete, dass die blecherne Frauenstimme verkündete: „Sie haben Post.“ Websites bauen sich mittlerweile auf wie der Blitz – zumindest die meisten, sogar Verkehrs-Ampeln werden übers Netz geschaltet, sämtliche Nachrichten gibt es auf Facebook, und ich könnte sogar online beichten, was aber nicht nötig ist, denn ich bin immer brav. Kleiner Scherz am Rande.

In Deutschland existierten bis zum 31.12.2018 insgesamt 34 Millionen Breitbandanschlüsse, und das Verzeichnis meiner Internet-Accounts von „A“ wie „Amazon“ bis „Z“ wie Zalando ist länger als das Telefonbuch von Hamburg. Wie ich allerdings zu XING oder Instagram wieder reinkomme, habe ich vergessen, weil ich mir die 579.247 Passwörter von meinen diversen Onlinekonten nie irgendwo aufgeschrieben habe. Jedenfalls kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ich war von Anfang an dabei und bewege mich im Internet wie ein Fisch im Wasser.

Aber eines ist gleichgeblieben über die Jahrzehnte: Männer und ihre Anmachen. Oder ihre Verzweiflung und die befremdliche Marotte, an den unmöglichsten Stellen zwischen Bits und Bytes nach einer Frau zu suchen. Aber lesen Sie selbst:

Neulich zum Beispiel dachte ich mir: „Barbara, du bist doch auf der Suche nach ein paar Leuten, die deine Vorliebe für Filme und Serien teilen, und mit denen du dich regelmäßig treffen und vielleicht sogar einen Stammtisch gründen könntest. Also setz‘ einfach eine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen rein, vielleicht meldet sich ja jemand aus deiner Gegend.“

Sie müssen wissen, ich bin Film- und Serienfan, seit ich im zarten Alter von 17 Jahren „Wiegenlied für eine Leiche“ mit der göttlichen Bette Davis gesehen habe. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich mich wirklich gern gelegentlich mit ein paar sympathischen Menschen darüber unterhalten.

Gesagt – getan. Ich verfasste also eine eloquentes, nett formuliertes Inserat, teilte mein Alter und meine Vorlieben mit (Musik, Lagerfeuer, Lesen usw.) und fragte höflich an, ob jemand im Umkreis von 30 Kilometern jemand Lust hätte, gelegentlich mal etwas gemeinsam zu unternehmen oder einen Stammtisch zu gründen. Insgeheim träumte ich von einer fröhlichen Runde, mit der man ins Kino gehen, einen Biergarten besuchen, vielleicht einen Spiele-Nachmittag veranstalten oder grillen könnte.

„Auf dieser Plattform müssen doch welche zu finden sein?“, überlegte ich. Immerhin bietet Ebay-Kleinanzeigen die Rubrik „Freundschaften“ (zu verschenken!) an. „Kostet nix“ ist ein super Argument. Darum riskierte ich es.

Als sich einen halben Tag nach dem Schalten meines Inserats ein junges Paar aus der nahegelegenen Kreisstadt meldete, freute ich mich wie Bolle. Die beiden beschrieben sich als große Serienfans und hofften laut eigener Aussage, sie wären nicht zu jung für mich. Wir mailten hin und her. Als ich anbot, sie anzurufen, wurden sie vage in ihren Aussagen, denn „sie wollten ihre Telefonnummer geheim halten“, wie sie betonten. Weil ihnen ihr Privatleben sehr wichtig sei. (Mittlerweile verstehe ich auch, warum).

Zwar überlegte ich, dass es ein wenig schwierig sein könnte, sich in einem Biergarten zu treffen, wenn sie doch so viel Wert auf ihre Anonymität legten, akzeptierte aber dann den Wunsch nach Privatsphäre, und wir einigten uns darauf, über Instagram zu kommunizieren. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Wir schrieben uns also weiter nichtssagende Nachrichten. Das ist nervig, und kostet Zeit. Mit einem Telefongespräch wäre alles längst erledigt gewesen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach ungefähr einer Stunde rückten sie endlich mit der Wahrheit heraus. Um Filme oder Serien ging es den beiden nicht, nur um ein paar zwar gesetzlich legitimierte, aber für mich nicht in Frage kommende Schweinigeleien zu dritt oder zu viert. Oder mit wie vielen auch immer. Mehr möchte ich hier nicht preisgeben. Sie wissen auch so, was ich meine.

Abgesehen davon, dass mir dieses Angebot schmeichelte – immerhin bin ich nicht mehr die Frischeste – war ich doch enttäuscht, denn ich suche wirklich nur Gesellschaft. Ganz harmlose Gesellschaft sogar. Also blockierte ich die beiden und verbuchte es unter „Reinfall im Internet“. War ja nicht mein erster.

Weiterhin trudelten auf meine Anzeige Nachrichten ein. Etliche Herren wollten mich unbedingt kennenlernen und teilten mir dies auf mehr oder weniger anzügliche Weise mit. Zwar hatte ich kein Foto von mir eingestellt, aber die Bezeichnung „weiblich“ war scheinbar völlig ausreichend.

„Darf ich dein Freund sein?“, fragte einer. Dagegen wäre überhaupt nichts einzuwenden, würde es sich nicht ums Internet handeln – diese digitale Kloake – handeln, in der sich jeder als das ausgeben kann, was er möchte und sich auch ohne Weiteres als Axtmörder oder frei herumlaufender Psychopath entpuppen kann.

„Ich will dich unbedingt mal treffen!“, schrieb der nächste. Dem hätte ich auch meine Mutter schicken können, denn niemand weiß ja, wie ich wirklich aussehe. Scheint aber auch nicht wichtig zu sein.

Der Dritte kam gleich zur Sache: „Kann ich dich angerufen?“, bat er in holprigem Deutsch. Sonst nichts. „Nein“, schrieb ich.

Ich verrate besser an dieser Stelle nicht, was ich kurz darauf zur Antwort bekam, nur so viel: Der offensichtlich eingesetzte Google -Translator kennt sich mit Schimpfworten nicht wirklich gut aus. Es hatte aber was mit Damen aus dem horizontalen Gewerbe zu tun…

Vielleicht war meine Anzeige einfach nur falsch formuliert gewesen, dachte ich frustriert, löschte mein Inserat und stellte es einen Tag später unverdrossen in der Rubrik „Freundschaften“ nochmal mit neuem Text ein. Er lautete wie folgt:

„Suche Leute in … und Umgebung, die wie ich (w,), auf Filme und Serien stehen. Vielleicht gibt‘s ja irgendwo dort draußen nette Personen mit meinen Interessen.
Eventuell kann man einen Stammtisch gründen oder zusammen mal ins Kino gehen. Lust?
 Alle Kommunikationskanäle offen. Meldet euch.“

Es stellte sich heraus, dass auch dieser Text, bis auf das Kürzel „w“ (weiblich) nicht gelesen worden war.

„Muss dich kennenlernen. Gruß“, verlangte einer anonym. „Wann treffen wir uns?“, schrieb der nächste. Andere waren noch deutlicher, einige drastisch, und die meisten musste ich löschen und anschließend blockieren.

Wer bei Ebay-Kleinanzeigen schon mal was verkauft hat, kennt sicher die Anfragen mit dem Inhalt „Was letzte Preis?“. Und da ich unter „zu verschenken“ stand, schien ich billig geworden zu sein, so kam es mir vor. Genügt tatsächlich das „w“ für „weiblich“ schon als Eingeständnis, dass ich Ausschussware bin, die dringend einen Abnehmer braucht? Was treibt die Herren der Schöpfung an, eine Gebrauchtwaren-Plattform mit einer Single-Börse zu verwechseln? Ist denn nichts harmlos genug, um nicht falsch interpretiert zu werden? Wie könnte ich mein Inserat abfassen, um nicht dreist angemacht zu werden?

Ich bin Autorin und kenne mich mit Worten aus. Aber hier versagt meine Kreativität.

Nach zwei Tagen und dem Beantworten unzähliger dummer Anmachsprüche war ich mittlerweile bereit, entnervt das Handtuch zu werfen, denn ich wollte doch nur ein paar Leute – Alter egal – kennenlernen, mit denen man vielleicht einen Stammtisch gründen könnte, mehr nicht. Aber alle Aspiranten schienen notdürftig bis verzweifelt zu sein und nicht auf Feinheiten wie Alter, Aussehen oder den Zweck meines Inserats zu achten. Hauptsache „w“. Wie meine Mama immer so schön sagte: „In der Not frisst der Teufel Fliegen.“
Und die Fliege war ich.

Mal ganz ehrlich, liebe Männer: Wie kommt ihr auf das schmale Brett, dass ich als gestandene Frau ausgerechnet in einem Online-Portal, auf dem verscheuert wird, was man bei Oma Else im Nachlass gefunden hat, nach einem Mann suche? Haltet ihr mich für einen Dachbodenfund mit kleinen Mängeln, der froh sein muss, dass ihn noch einer nimmt? Ich bin doch kein Kaffeeservice mit angeschlagenem Kännchen oder ein zerfledderter Steiff-Teddy mit nur einem Auge!

Mittlerweile habe ich meinen Inserat-Text um den Satz: „Bitte keine Anmach-Mails, das nervt“, ergänzt. Seitdem ist Funkstille. Kein Schwein ruft… äh schreibt mich an. Ins Kino will auch niemand mit mir, geschweige denn ein Pils mit mir trinken. Hätte ich mir denken können.

Ladies, wenn Sie dringend einen Mann suchen, kann ich Ihnen o.g. Online-Portal nur empfehlen. Finden tun Sie da garantiert was. Rechnen Sie aber sicherheitshalber mit dem Schlimmsten und legen Sie sich ein dickes Fell zu.

Das Verhalten einiger paarungswilliger Männer im Internet ist zum Teil ohnehin grenzwertig, wie ich zu meinem Leidwesen schon Jahre zuvor feststellen musste, als ich zu Recherchezwecken für ein Buch einen Account bei einer großen kostenlosen Internet-Singlebörse anlegte.

Ich gab mir den Namen meiner Lieblings-Figur aus einer bekannten Frauenserie, stellte ein halbwegs akzeptables (aber nicht ZU schönes!) Profilbild ein und beschrieb mich exakt und gnadenlos als das, was ich war, ohne mich zu schonen. Außerdem gab ich explizit an, was ich nicht wollte: Männer, die saufen, Tierquäler, selbstgerechte Besserwisser und Extremsportler (zu anstrengend, meine Damen…).

Als wichtigste Präferenzen für den Mann, den ich suchte, trug ich „Intelligenz“ und „Toleranz“ ein. Aussehen zweitrangig.

Das hätte ich mir alles sparen können. Die lesen nur „weiblich“ und vielleicht noch das Alter, dann geht’s auch schon los, und sie fangen an zu tippen. Keiner von denen, die mich mit beeindruckender Eloquenz („Hallo, wie geht’s?“) anschrieb, hatte mein Profil gelesen. „Weiblich“ genügt. Immer. Zu jeder Zeit.

Einer bettelte: „Bitte, ruf mich an, ich bin so allein.“ Der tat mir leid, aber nicht so sehr, dass ich zum Telefon gegriffen hätte. Ein anderer wies mich darauf hin, ich hätte bei meiner Personenbeschreibung drei Sätze mit dem Wort „Ich“ begonnen, was auf eine gestörte Persönlichkeit hinweise. Leider habe ich nie mehr was von ihm gehört, wo ich doch ansonsten so an Küchen-Psychologie und kostenlosen Analysen meiner Seele interessiert bin.

Der dritte beschrieb detailliert sein einsames Leben mit Hartz IV auf einem stillgelegten Bauernhof und die abgrundtiefe Gemeinheit und Oberflächlichkeit der Frauen, die er bisher kennengelernt hatte, denn die bestanden tatsächlich alle auf fließend warmem Wasser und einer Heizung. Der war eigentlich ganz nett, trotzdem bin ich nicht die Caritas. Wie es dem wohl heute geht? Ich wette, der ist immer noch online.

Am besten fand ich allerdings einen Herrn, den ich um der Anonymität willen einfach mal „Wolpertinger78“ nenne – ein rüstiger Rentner mit boshaften Augen und sieben Haaren in elf Reihen, der verschmitzt in die Kamera lächelte. Bei der „78“ handelte es sich übrigens um sein Alter. Wolpertinger bot mir sofort unanständige Bilder von sich und seinem Penis an, wollte mich innerhalb der nächsten 10 Minuten anrufen, damit wir ein bisschen Telefonsex betreiben können und war erotisch gesehen so ausgehungert, als käme er gerade von einem zehnjährigen Aufenthalt in einem Kloster mit Schweigegelübde zurück.

Als ich ihn entnervt blockierte, war er nach 10 Minuten mit einem neuen Namen (und zwar „Wolpertinger79“) wieder online und ging mir auf den Senkel. Findiger Bursche. Der wird’s noch weit bringen. Den Account bei besagter Single-Börse löschte ich nach Abschluss meiner Recherche, aber gelegentlich juckt es mich in den Fingern, nachzusehen, ob „Wolpertinger78“, der jetzt mindestens „Wolpertinger84“ heißen müsste, noch existiert und immer noch so heiß auf Telefonsex ist.

Diese Erlebnisse beweisen eigentlich zwei Dinge: erstens, dass der männliche Trieb bei vielen niemals endet, und zweitens, dass die Herren online nicht sonderlich wählerisch sind. Niemand von denen, die mir zweideutige Angebote machten, interessierte es, dass ich gerne lese, Tiere liebe oder Filmklassiker und Erdbeeren mag. Denen blieb allein meine Haarfarbe in Erinnerung. Und meine scheinbare Verfügbarkeit.

Es ist wie mit den Wühlkörben beim Discounter. „Oh, eine aufblasbare Kaffeemaschine – brauch‘ ich zwar gerade gar nicht, aber sie ist billig, das nehmen wir mal mit.“

Meine Anzeige unter „Freundschaft“ bei Ebay-Kleinanzeigen läuft übrigens weiter. Ich habe immerhin acht Euro bezahlt, um sie eine Woche lang ganz vorn zu platzieren.
Leider bin ich ziemlich sicher, dass sich niemand melden wird, der Lust auf nette Gesellschaft unter Gleichgesinnten hat (klingt das eigentlich auch schon anzüglich?).

Vielleicht kann mir mal jemand erklären, warum sich Männer mit sexuellen Defiziten bei Ebay auf der Suche nach der Frau für die nächsten zwei Stunden herumtreiben und nicht einschlägige Partnerbörsen oder ein Bordell bevorzugen? Was hoffen sie in den Kleinanzeigen zu finden? Was geht in so einem Männergehirn vor, wie heißt das Hormon, das sie zwingt, in die Tasten zu hauen ohne Rücksicht auf Verluste?

Es ist einerseits zum Schmunzeln. Und andererseits irgendwie traurig, finde ich.

Drücken Sie mir einfach die Daumen bitte. Irgendwo dort draußen sitzen nämlich garantiert ein paar sympathische Couch-Potatoes, mit denen ich mich ganz sicher bestens unterhalten könnte, wenn sie nur mal die Fernbedienung aus der Hand legen und bei Ebay unter „Zu verschenken“ stöbern.

Ich nehme mittlerweile beinahe alles…

Mit geknickten Grüßen

Ihre Barbara Edelmann

Vor gut einem Jahr brauchte ich wieder mal eine Jeans. Ständig hatte ich das Gefühl, dass keine in meinem Schrank noch wirklich passte. Einige kniffen, andere schlotterten. Das kommt davon, wenn man eine Zwischengröße hat, dachte ich und orderte eine wunderschöne, eng geschnittene Stretch-Jeans in Größe 40.

Zwar wog ich zu diesem Zeitpunkt gerade mal 57 Kilo, aber seitdem ich etwas in die Jahre gekommen bin, sind meine Proportionen irgendwie verrutscht, wie bei einem Käsekuchen, den man zu früh aus dem Rohr genommen hat. Mit 57 Kilo trug ich früher fröhliche 36/38, aber die Zeiten schienen vorbei.

Die Hose kam und passte ganz wunderbar. Ich trug sie von da an beinahe täglich, vor allem, weil sie schon nach einem Tag begann, nachzugeben. Nach zwei Tagen saß sie locker, und nach drei Tagen schlackerte sie, aber nur leicht.

Normalerweise würde mich so was stören, aber… ich empfand es irgendwie als angenehm, kam ich mir doch schlank und rank in diesem Kleidungsstück vor. Also trug ich sie weiterhin beinahe ausschließlich, denn das Gefühl, so anmutig wie eine Gazelle zu sein, war einfach überwältigend.

Waren wir zum Essen eingeladen, dachte ich: „Ach, die Hose ist so weit, und es ist eine Größe 40, das bedeutet, ich hab in Wirklichkeit 38, also kann ich ruhig zuschlagen.“ Und dann haute ich so richtig rein.

Die Jeans wurde einfach nicht enger. In den ersten 6 Monaten zumindest. Dann kam der Advent. Ich backte Plätzchen und naschte vom Teig, ich naschte von den Plätzchen, und eine Sorte aß ich sogar ganz allein auf, die waren mir nämlich noch zuvor nie so gut gelungen. Ein paar Mal wurde ich gefragt: „Hast du dieses Jahr gar keine Vanillekipferl gebacken?“, dann errötete ich schuldbewusst, gab aber nicht zu, dass ich diese köstlichen kleinen Teile alle selbst verdrückt hatte. Die waren einfach zu lecker gewesen.

Es wurde Januar, und irgendwie schlotterte die Hose gar nicht mehr so wie sonst. Sie saß nicht wirklich stramm – es war immer noch Platz zwischen dem Bund und meinem Bauch, aber nicht mehr allzu viel. Trotzdem wollte ich nichts anderes tragen, als eben genau diese Jeans. Und glauben Sie bitte nicht, ich hätte nichts anderes anzuziehen, aber allmählich gruselte mich vor der Vorstellung, ich müsste versuchen, in meine vorige Lieblingsjeans zu schlüpfen. Die wirkte nämlich auf dem Bügel gar nicht so komfortabel wie die, die ich jetzt schon die ganze Zeit trug. Außerdem hatte ich in letzter Zeit eine verdächtige Liebe zu Trainingshosen mit Gummibund am Feierabend entwickelt, fiel mir auf.

Ein paar Mal schlich ich um die Waage herum und dachte: „Soll ich?“, entschied mich dann aber für das Gegenteil. Es gibt da ja so so tolle Bücher mit wohlklingenden Titeln wie „Denke dich schlank“, ich würde mir einfach so eins besorgen, denn ich ahnte, dass ich dabei war mich selbst gewaltig zu veräppeln.

Aber: Dick fühlte ich mich immer noch nicht. Dazu saß die Hose einfach viel zu gut.

Neulich nun erwischte mich überfallartig eine Grippe. Morgens saß ich noch frohgemut vor einem üppigen Frühstück (in meiner geliebten Jeans wohlgemerkt), ein paar Stunden später wälzte ich mich auf dem Sofa mit rasenden Kopfschmerzen und 40 Grad Fieber. Diese Krankheit war gekommen wie ein Raubüberfall, und sie fraß, gleich einem Großbrand, scheinbar enorm viele meiner Gehirnzellen auf, denn ich erinnere mich nicht mehr an viel, aber dass ich halbnackt im Fieberwahn zur Waage wankte und murmelte: „Ist jetzt auch schon scheißegal.“

Dann wog ich mich. Ich besitze eine alte Balkenwaage – wissen Sie, so ein Ding, das früher auch von Ärzten gern benutzt wurde. Sie wird regelmäßig geeicht und ist absolut unbestechlich.

Und sie zeigte mir 65 Kilo. Fünfundsechzig Kilo. Ich starrte darauf, obwohl ich vor lauter Kopfschmerzen kaum mehr gerade aus gucken konnte, wankte zurück auf mein Sofa, mümmelte mich in meine Decke und nahm mir vor: „Ich beschäftige mich später damit“.

Warum ich das getan habe? Fragen Sie mich nicht. Es wird erzählt, ich hätte in meinem vier Tage dauernden Fieberwahn auch noch ein paar Leute angerufen und abenteuerliche Geschichten erzählt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich weiß nämlich nichts mehr. Und ich wundere mich immer noch darüber, dass meine erste Amtshandlung mit 40 Grad Fieber war, zur Waage zu wanken.

Mittlerweile bin ich fieberfrei. Ich habe innerhalb einer Woche 5 Kilo Gewicht verloren. Jawohl, ich habe mich nämlich wieder gewogen. Und ich bin wieder unter 60 Kilo. Fehlen noch drei zu meinem alten Gewicht. Das ich aber nur erreichen kann, wenn ich diese verhexte Jeans ganz hinten in meinen Kleiderschrank verbanne, wo ich sie nicht sehen kann.

Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Dass Sie ein Kleidungsstück besitzen, welches so bequem ist, dass es Ihnen Anmut und Schlanksein suggeriert? So was wie diese Hose hatte ich noch nie zuvor. Sie hat es tatsächlich geschafft, mir sagenhafte 8 Kilo Gewichtszunahme zu verbergen oder mir vorzugaukeln, die wären gar nicht da. Und sie saß immer noch locker nach mehr als 8 Kilo! Sie kniff nicht, zwickte nicht, und sie sah an mir auch nicht anders aus als am Tag des Kaufs.

Ich hasse diese Hose. Sie hat mich verführt, mich eingelullt, mir weisgemacht, da sei kein Gramm hinzugekommen an Bauch und Hüften. Ich habe sogar den Verdacht, dass die sich jede Nacht heimlich extra noch gedehnt hat, um mir immer etwas Spielraum zu lassen. Vielleicht wurde sie von einer chinesischen Hexenmeisterin zusammengenäht. Nur so eine Vermutung.

Was ich aber weiß ist, dass ich die irgendjemandem schenken werde. Jemanden, der bei mir verschissen hat, und dem ich eins auswischen will.

„Ach nimm sie doch“ werde ich säuseln. „Die hat 80 Euro gekostet, trägt sich wunderbar, schau nur, dieser robuste Stoff und der tolle Schnitt. Du wirst dich drin wohlfühlen.“

Und dann werde ich lachen und lachen und lachen. Und missmutig meine Kiwi löffeln, denn ich fürchte, die Zeiten der Tiramisu und der Erdnusslocken sind erst mal vorbei. Seit Kurzem trage ich wieder meine vorherige Lieblingsjeans, die mal an mir geschlackert hat. In der fühlte ich mich früher immer pudelwohl. Die zeigt mir jedes Gramm zu viel, denn sie ist eng geschnitten und spannt am Bund. Noch. Das werde ich ändern.

Diese Hose ist unbestechlich, die dehnt sich garantiert nicht nachts aus, damit sie mich am nächsten Morgen veräppeln kann, wenn ich zaghaft reinschlüpfe, nö, die sagt knallhart: „Hey du, wenn der Knopf weiter so stramm sitzt, dann platzt der ab. Also reiß dich am Riemen, Edelmann.“

Die andere Hose, dieses Miststück, ist wie eine boshafte Freundin, die immer sagt: „Aber du bist doch sooo schlank, iss ruhig was, siehst klasse aus!“ Und sich dann freut, wenn man genauso viel wiegt wie sie selbst.

Tja, das ist die Geschichte meiner „bösen“ Jeans. Ich bleibe dabei, es war die Hose. Sie hat mich verführt und angefixt. In ihr habe ich angefangen, Tiramisu zu machen, und Tartes mit deftiger Füllung mit viel Sauerrahm. Sie hat nicht gemosert oder gespannt bei den Nudelpfannen, bei der herrlichen ALDI-Schokolade oder beim Nachtisch im Restaurant. Sie sagte stets: „Immer rein damit, da geht noch was, schau doch, wie locker ich sitze.“

Schluss damit. Wenn Sie die Hose möchten – ich schicke Sie Ihnen und spendiere sogar das Porto. Die kommt mir nie mehr über den Po. Das schwöre ich.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche

Herzlichst,

Ihre

Barbara Edelmann

Eine wahre Geschichte. Als Petra im Mai vor 4 Jahren, an einem sonnigen Samstagnachmittag, Heiko kennenlernte, hatte sie einige Wochen zuvor in gedrückter Stimmung mit uns ihren 35ten Geburtstag gefeiert, und fühlte sich derzeit etwas verloren. Ihrer Meinung nach ging sie in viel zu schnellen Schritten auf die 40 zu, außerdem hatte sie gerade erst eine unbefriedigende Beziehung hinter sich gebracht.

Während sie unentschlossen die Eiskarte in einem Straßencafé studierte, wurde sie von einem Mann Mitte 50 angesprochen, der höflich bat, bei ihr am Tisch Platz nehmen zu dürfen. Sie hatte nur wortlos genickt, denn ihr war nicht nach Unterhaltung zumute gewesen. Vor einer Woche hatte sie sich von ihrem Lebensgefährten Björn nach 7 durchwachsenen Jahren getrennt und versuchte jetzt, mit der Tatsache klarzukommen, dass sie künftig wieder alles allein unternehmen musste. Bis ihr aufging, dass sie dies notgedrungen ohnehin immer getan hatte, denn Björn war die meiste Zeit ohne sie unterwegs gewesen.

Außerdem hatte er sich während der ganzen Dauer ihrer Bekanntschaft hartnäckig geweigert, eine gemeinsame Wohnung mit Petra zu beziehen, geschweige denn die Beziehung endlich vom Kopf auf die Beine zu stellen, denn Petra wollte verbindliche Zusagen und eine eigene Familie, das wünschte sie sich schon sehr lange. Sie arbeitete bei einem mittelständischen Unternehmen als Sekretärin der Geschäftsleitung, verdiente gut, und hatte einiges in ihrem Leben anders geplant, als es letztendlich mit Björn gelaufen war.

Männer kennenzulernen, wäre nicht das Problem gewesen, denn Petra war eine attraktive Erscheinung mit ihrem langen blonden Haar und dem ebenmäßigen Gesicht. Aber sie hatte sich vorgenommen, erst einmal die Geschichte mit Björn zu verdauen und dann zu überlegen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anzustellen gedachte.

Nun saß sie also an diesem Maisamstag mit Heiko am Tisch und gab sich Mühe, ihn geflissentlich zu übersehen, was nicht ganz einfach war, denn er starrte sie mit unverhohlener Bewunderung hartnäckig an.
„Entschuldigung, Sie sind solch eine schöne Frau. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber darf ich Sie auf ein Eis einladen?“ fragte er, als Petra seinem Blick nicht länger auszuweichen vermochte.
Er war – wie erwähnt – 20 Jahre älter als sie, schlank, mit vollem, grauem Haar und einer lausbubenhaften Ausstrahlung. Seine blauen Augen funkelten, als säße ihm der Schalk im Nacken, und es war ihm anzusehen, dass er in seiner Jugend vermutlich ein echter Ladykiller gewesen war.

Beinahe zwei Stunden lang unterhielten sie sich über alles Mögliche, obwohl die Unterhaltung Petras Meinung nach zähflüssig verlief, denn sie hörte meistens nur zu und ließ ihn reden. Heiko besaß zwei gutgehende Fitness-Studios und verkaufte außerdem hochwertige Whirlpools und Sauna-Anlagen im gesamten Bundesgebiet, wie er erzählte. Er trug eine teure Uhr und hochwertige Kleidung, hatte tadellose Manieren und wirkte wie jemand, der sich nicht mit finanziellen Sorgen herumquälen muss.

Petra lauschte seinen Schilderungen, gab ein wenig, aber nicht allzu viel, von sich preis, und bezahlte dann ihr Banana-Split selbst, ehe sie sich distanziert verabschiedete. Er war ganz einfach nicht ihr Typ, die Geschichte mit Björn noch zu frisch, und sie würde den Teufel tun, sich auf einen neuen Mann einzulassen, schon gar nicht auf einen 20 Jahre älteren.

„Du kennst mich, ich bin bestimmt kein Snob“ erzählte sie. „Aber hey – mal ganz unter uns, der Mann ist Mitte 50. Sein offensichtliches Interesse fand ich schmeichelhaft, aber mehr nicht. Du weißt, dass ich mich nicht Hals über Kopf in was Neues stürzen würde.“ Sie klang ein klein wenig genervt, denn eigentlich hatte sie nur in Ruhe in der Stadt einen Kaffee trinken wollen.
„Der wird schon kapiert haben, dass ich nichts von ihm will“ meinte sie abschließend.

Doch da hatte sie Heiko gewaltig unterschätzt. Als sie am Montag darauf während ihrer Mittagspause am Schreibtisch gerade hastig einen Joghurt löffelte, erschien ein Bote von „Fleurop“ und überreichte ihr den größten Blumenstrauß, den sie je gesehen hatte. Eine Karte mit der Aufschrift „Ich möchte dich unbedingt wiedersehen, schöne Frau, ruf mich an, Heiko“ plus einer Handynummer, lag bei.

Überrascht nahm Petra die Blumen entgegen, bis ihr einfiel, dass sie ihm leichtsinnigerweise am Samstag mitgeteilt hatte, wo sie arbeitete. Darum steckte sie die Rosen in eine Vase und versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken.

„Ich möchte momentan keine Beziehung, und mit dem sicher nicht“, berichtete sie mir nach Feierabend. „Es imponiert mir zwar, dass er sich die Mühe gemacht hat, sich zu merken, wo ich arbeite, aber der Mann ist einfach nicht mein Fall – zu spießig und zu alt.“

„Bist du sicher?“ fragte ich.
„Ich sag dir doch: zu alt und zu spießig“ wiederholte sie. „Meine Güte, er hört nur Schlager, ich mag Jazz und Rock. Und das sind nur die Kleinigkeiten, wie sieht es dann erst bei den größeren Dingen aus. Der Mann geht auf die 60 zu, der hat schon mehr wieder vergessen, als ich wahrscheinlich je gewusst habe. Klar haben wir uns ein wenig gegenseitig ausgehorcht, wie man halt so redet, wenn man sich überhaupt nicht kennt. Aber ganz ehrlich, Barbara, sogar wenn er 15 Jahre jünger wäre, würde ich ‚Nein‘ sagen. Es hat einfach nicht gefunkt.“
Damit war für sie die Sache erledigt.

Aber Heiko gab nicht auf. Nachdem Petra sich auf die Blumengrüße hin nicht gemeldet hatte, tauchte er eines Tages unangemeldet in ihrem Büro auf, mit einem Strauß Rosen in der Hand, und schaffte es, gleichzeitig verlegen, aber auch souverän und charmant zu wirken. Petras Kolleginnen waren tief beeindruckt. Sie hingegen fühlte sich belästigt.
„Ich habe keinen Stalker bestellt“, teilte sie mir säuerlich mit. „Der steht da einfach vor der Tür, mein Boss war gerade im Zimmer, weil er auf einen Ausdruck wartete, und ich musste deswegen gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn wir nicht ein kleines Unternehmen mit lockeren Umgangsformen wären, hätte das ins Auge gehen können.“

Allmählich dämmerte es Petra, dass sie an ein besonderes Exemplar Mann geraten zu sein schien: einen, der wusste, was er wollte. Und er wollte sie. Gar kein so übles Gefühl…

Nach der dritten Fleurop-Lieferung – einer Orchidee mit einer Schachtel Pralinen, gab sie sich geschlagen und nahm seine Einladung zum Abendessen in einem angesagten Sushi-Lokal an.
Heiko erschien pünktlich, rückte ihr den Stuhl zurecht, ließ ihr bei der Bestellung den Vorrang, schenkte ihr nach, als wäre er der Kellner, und behandelte sie mit auserlesener Höflichkeit.
„Zu schade, du hättest einen Mann verdient, der dich gut behandelt“ erklärte er ihr, als sie stockend von ihrer vor kurzem beendeten Beziehung erzählte. „Der wusste dich nicht zu schätzen. Du bist eine intelligente, warmherzige, bildschöne Frau und solltest deine Talente nicht verschwenden. Übrigens, ich könnte dir eine führende Position in meinem Unternehmen anbieten, denn ich suche gerade jemanden mit deinen Kenntnissen und Fähigkeiten. Würdest du bitte wenigstens darüber nachdenken? Du hast tadellose Umgangsformen, sprichst fließend Englisch und bist topfit am PC. Außerdem wärst du eine Zierde für mein Vorzimmer, das kommt noch hinzu.“
Wirklich wahr. Das habe ich mir nicht ausgedacht.

Es klang verführerisch, fand Petra, denn sie war unzufrieden mit ihrem derzeitigen Job – er verlangte ihr nicht allzu viel ab, ihr Boss war ständig unterwegs, und sie hätte gern etwas Verantwortung übernommen.
Allmählich schienen auch Heikos Erzählungen nicht mehr ganz so langweilig zu sein, im Gegenzug hörte er ihr immer aufmerksam zu. Er behandelte sie mit bewundernder, aber zurückhaltender Höflichkeit, hatte stets ein aufrichtig klingendes Kompliment parat, und fraß sie mit Blicken förmlich auf. Sie fühlte sich hübsch, begehrenswert und ein wenig geliebt, denn ein solches Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit war sie nicht gewöhnt. Es gefiel ihr.

„Ich bin mir vorgekommen wie die Königin von Saba“ strahlte sie, als sie mir von ihrem letzten Date erzählte.
„Wenn man so lange mit jemandem wie Björn zusammen war, ist es nicht selbstverständlich, dass man plötzlich von einem Typen wie eine Göttin behandelt wird. Weißt du was? Das tat richtig gut. Außerdem sieht er so übel nicht aus. Ich glaube, ich muss mal an meinen Vorurteilen arbeiten. 20 Jahre Altersunterschied sind doch gar nicht so schlimm, oder was meinst du?“

Ich meinte: nichts. Denn ich mische mich aufgrund einiger unschöner Erfahrungen nicht mehr in pikante Herzensangelegenheiten. Petra war eine selbständige, erwachsene, blitzgescheite Frau, sie würde wissen, was zu tun war.

Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt der Volksmund. Und so arbeitete sich Heiko einige Wochen lang subtil, aufwändig und mühsam zu Petras verschlossenem Herzen vor, während er dabei souverän und scheinbar bescheiden blieb.
Zu jeder Verabredung brachte er eine kleine Aufmerksamkeit mit, vergaß nie, sie für ihr Aussehen zu loben, half ihr in den Mantel oder aus der Jacke, führte sie in noble Restaurants aus, in denen man ihn überschwänglich begrüßte, und war die Beflissenheit in Person.

„Er wurde nach über 20 Jahren von seiner Freundin verlassen“ erzählte mir Petra. „Die hat sich in jemand anderen verliebt. Jetzt sucht er wieder eine Frau, die ehrlich und treu ist, ihn nicht betrügt und vielleicht sogar mit ihm zusammenarbeitet, weil er meint, man kann sich heutzutage nicht mehr auf fremdes Personal verlassen. Ich denke ernsthaft darüber nach, in meiner Firma zu kündigen, er hat mir ein mehr als faires Gehalt angeboten und eine leitende Position, außerdem kommen wir prima miteinander aus.“

„Er war nie verheiratet?“, wollte ich nachhaken . Aber wieder sagte ich nichts. Ich gestehe: Es fiel mir sehr schwer.

Nach weiteren sechs Wochen, in denen Petra mit Heiko immer wieder ausgegangen war, auch ins Kino und einmal zum Tanzen, willigte sie endlich ein, mit ihm ein Lokal in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu besuchen, um dort die besten Rigatoni ihres Lebens (und anschließend das unausgesprochene „Dessert“) zu genießen. Beide wussten, was ihr Einverständnis zu bedeuten hatte, und die Zeit schien mehr als reif zu sein. Er hatte sich mehr Mühe gegeben als alle Männer vor ihm.

Heiko bewohnte einen ultramodernen Flachbau neben einem seiner Fitness-Studios in einem gediegenen Viertel der Stadt.
Als sie ihren Wagen in der aufwändig mit Mosaiken gepflasterten Einfahrt parkte, wartete er schon in der offenen Tür auf sie mit strahlender Miene. Er schien überglücklich zu sein, sie zu sehen – so, wie jedes Mal.

„Ich zeige dir deinen künftigen Arbeitsplatz“ bot er ihr an und führte die schwer beeindruckte Petra erst durch das geräumige und sehr gut besuchte Fitness-Studio und anschließend durch seine Firma, die sich mit dem Vertrieb von Whirlpools und Saunas beschäftigte.

Während sie durch die elegant-puristisch möblierten Geschäftsräume schlenderten, stockte Petra der Atem. So gediegen und vornehm hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.
An diesem Mann war nichts Unseriöses – im Gegenteil. Er hatte wirklich was im Leben erreicht. Und das schien er mit ihr teilen zu wollen.

„Ich wollte endlich zur Ruhe kommen“, gestand sie mir. „Und er schien mir ein Mann zu sein, bei dem ich das könnte. Pfeif doch auf den Altersunterschied.“ Mittlerweile fand sie Heiko sogar außerordentlich attraktiv, und wenn er lächelte, lächelte sie zurück.

Aber verliebt war sie immer noch nicht. Sie glaubte nur, sie sei jetzt eben in einem Alter, in dem man Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen hat, und ein gediegenes Mannsbild mit angenehmem finanziellem Background schien ihr nicht die schlechteste aller Optionen zu sein.
„Ich könnte ihn aber lieben, das kann man lernen“ redete sie sich ein.
Jemand, der sich solche Mühe gab, sie zu erobern, MUSSTE es einfach ernst mit ihr meinen.

Nach der Besichtigung aßen sie bei „seinem“ Italiener zu Abend. Heiko wurde mit der allergrößten Aufmerksamkeit behandelt, namentlich begrüßt und bekam eine Flasche Wein spendiert, nachdem der Wirt Petra ein paar Komplimente gemacht hatte. Es schien ein rundum gelungener Abend. Als Heiko nach dem Essen fragte, ob sie Lust hätte, noch ein Glas Wein mit ihm vor dem offenen Kamin zu trinken, nickte sie. Er hatte sich immerhin lange genug Mühe gegeben. Wochenlang hatte sie ihn zappeln lassen, war vorsichtig und misstrauisch gewesen und konnte sich jetzt sicher sein, dass er es ernst meinte. So lange kann man niemanden betrügen, oder?

Natürlich schlief sie anschließend mit ihm.
„Ich dachte keinen Moment, das müsste ich nur tun, weil er mir doch so viele Blumen und Pralinen geschenkt hat, oder weil er mich so hartnäckig umworben hat“ erzählte sie später.
„Nein, es war meine Entscheidung, meine ganz allein. Irgendwie fand ich ihn mittlerweile wirklich anziehend und liebenswert, trotz seiner merkwürdigen Vorlieben und Marotten. Er führte mich in seine Ankleide, und ich sag dir: Der besitzt 10 mal so viele Klamotten wie ich und würde garantiert nicht maulen wie Björn, wenn ich mir mal ein paar Schuhe kaufe.“

Sie schlief also mit ihm. Der Volksmund behauptet: „Einem alten Hund kann man keine neuen Kunststückchen mehr beibringen“. Laut Petras freimütigen Erzählungen kannte Heiko allerdings auch keine alten Kunststückchen.
„Hatte ich auch nicht erwartet“ gestand sie offen ohne jede Scheu. „Ich hatte mich dazu entschieden, mich auf ihn einzulassen. Mit Haut und Haaren. Weil ich dachte, dem kann man vertrauen, der weiß was er will, immerhin ist er Mitte 50 und hat schon einiges vom Leben gesehen. Der macht garantiert keinen Mist, dazu ist er viel zu erfahren, und er möchte in der Zeit, die ihm bleibt, was Festes haben, auf das er sich verlassen kann.“
Naja, Heiko wollte anscheinend aber doch wesentlich mehr vom Leben sehen, vor allem von weiblichem, aber dazu später.

Am nächsten Morgen wachte Petra frisch und ausgeruht aus, denn sie war in der Nacht zuvor nicht allzu sehr strapaziert worden. Heiko wartete in der Küche auf sie mit dampfendem Kaffee, Brötchen vom Bäcker und der Eröffnung, dass er sie bitten müsse, sich bald zu verabschieden und nach Hause zu fahren.
„Um 11:00 Uhr kommt meine Exfreundin und macht mir den Garten vor dem Haus neben der Einfahrt, das tut sie schon immer“ erklärte er ihr. „Es wäre nicht gut, wenn du noch hier wärest, ich glaube, das könnte sie verunsichern.“

Habe ich schon erwähnt, dass Petra eine aufgeweckte, intelligente und taffe Frau ist? Aber als sie das hörte, fiel ihr erst einmal die Kinnlade herunter. Trotzdem gab sie sich den Anschein, als hätte sie es schrecklich eilig und ging kurz nach der ersten und einzigen Tasse Kaffee.
„Ich wollte mir nicht anmerken lassen, wie scheiße ich das gefunden habe“ sagte sie. „Weil ich mir doch immer so viel darauf einbilde, wie cool ich bin und wie lebenserfahren. Und wenn er seine Exfreundin nicht mit mir bekannt machen möchte, muss ich das akzeptieren, oder?“
Darauf antwortete ich vorsichtshalber nicht.

Petra verbrachte den Sonntag allein in ihrer Wohnung und versuchte, nicht allzu viel über das Geschehene nachzudenken. Aber sie merkte, wie sie immer wütender wurde.
„Der setzt mich einfach vor die Tür, weil seine Ex kommt“ tobte sie gegen Abend am Telefon, nachdem sie mich angerufen hatte, weil sie mit irgendjemandem reden musste. „Das ist doch nicht zu fassen, oder?“
„Heute Morgen hast du noch ganz anders gedacht, ich hab ne SMS von dir bekommen“ erinnerte ich sie.
„Da war ich nicht so mies drauf und stand unter Schock“ erklärte sie stinksauer. „Dem werde ich es zeigen. Der hört von mir erst mal gar nix. Wird schon merken, wie er mich vermisst.“
Daran hielt sie sich auch. Bis Mittwoch. Denn Heiko meldete sich nicht mehr. Keine Blumen, keine Pralinen, keine Blitzbesuche in ihrem Büro, obwohl sie ein paar Mal zur Tür schielte.

Darum rief sie ihn am Mittwochnachmittag auf dem Handy an.
„Hallo, was gibt’s?“ meldete er sich kurz angebunden. „Ich bin gerade in Marokko am Strand, und der Empfang ist hier nicht sonderlich gut.“
„Marokko?“ wiederholte Petra entgeistert. Noch etwas, das er nie auch nur ansatzweise erwähnt hatte. Ihr dämmerte, dass das bei Heiko auf so einiges zutreffen könnte.

„Ja, Marokko, ich mache Urlaub“ entgegnete er vergnügt. Alles klar sonst?“
„Ruf mich nie mehr an, du Arsch“ zischte Petra eisig und beendete das Gespräch.
„Dem habe ich es gezeigt“ berichtete sie mir später entrüstet. „Der braucht sich nicht mehr bei mir zu melden.“
„Tut er vermutlich auch nicht“, versuchte ich ihr schonend beizubringen. „Außerdem hast du ihm schon genug gezeigt, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ja“ brummte sie. „Der hat mich mürbe geklopft wie ein Schnitzel. Da gibt man nach und denkt, den könnte ich lieben, lässt sich auf ihn ein, und dann wird man so verarscht.“
„Nichts Neues unter der Sonne“ seufzte ich.

Es tat ihr weh, denn sie hatte sich lange hartnäckig geweigert, Heiko zu vertrauen. Hatte ihm hundert Mal erklärt, dass sie beide nicht zusammenpassten, dass der Altersunterschied zu groß war.

Männer wie Heiko ähneln skrupellosen Wilderern, die einem Nashorn so lange hinterher hetzen, bis sie es endlich gestellt und erlegt haben. Danach sägen sie dem armen Tier das Horn ab und lassen den Rest für die Hyänen liegen.
Solche Typen sind oft bestens mit allem ausgestattet, das man zum Erlegen eines hübschen Großwilds auf Pumps benötigt: Geld, Eloquenz, tadellosen Manieren und einer Menge Charme – alles Dinge, derer sie sich bedienen, um ein besonders scheues „Wild“, in diesem Fall Petra, zur Strecke zu bringen. Je mehr die „Beute“ sich ziert und sträubt, umso interessanter. Es geht ihnen um die Jagd, das Erfolgserlebnis, und ihr eigenes Ego, das man im Normalfall nur auf Erbsengröße bringt, indem man es aufbläst.
Leider fallen immer noch viele Frauen auf diesen Typus herein, denn diese wissen genau, wie sie es anstellen müssen. Dafür leben sie ja schließlich.

Aber manchmal wird der Jäger zum Gejagten, und das Karma schlägt zurück.

„Wie konnte mir sowas passieren?“ Petra war über Wochen hinweg fassungslos und fragte sich das immer und immer wieder. „Ich war doch so vorsichtig, hab so lange mit ihm gesprochen, mich geweigert, mich darauf einzulassen. Meine Güte, wenn ich dran denke, dass ich beinahe auch noch gekündigt hätte.“
Ihr mühsam aufgebautes Vertrauen war zerstört worden, zertrampelt von Männerfüßen in Größe 46, die in teuren Ralph-Lauren-Slippern steckten. Das tut weh.

Sie hätte allerdings nicht auf mich gehört, hätte ich sie vorher gewarnt. So gut kannte ich sie schon. Außerdem hatte ihr meiner Ansicht nach nichts Besseres passieren können, denn geliebt hatte sie Heiko nicht.

Irgendwann war diese Enttäuschung überwunden, wenngleich die Wut noch lange in ihr schwelte. Nach 14 Monaten lernte Petra einen netten, attraktiven und intelligenten Mann kennen, in den sie sich vom Fleck weg verliebte. Kein „Ich könnte mich an ihn gewöhnen“, kein „Eigentlich sieht er gar nicht so schlecht aus“, nein, es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick.
Dieses Jahr im Juni wird geheiratet.

Vor ein paar Wochen trafen wir uns auf dem Wochenmarkt, am Stand mit dem Bodensee-Gemüse.
„Weißt du, wer letzte Woche bei mir angerufen hat?“ fragte sie und grinste breit.
„Keine Ahnung“ antwortete ich.
„Heiko.“ Sie lachte schallend. „Stell dir vor, der hat irgendwie meine Nummer rausbekommen und meldete sich, als ob nie was gewesen wäre. Er wollte angeblich nur wissen, wie es mir geht. Dann fing er an zu lamentieren. Der war so nervös, der hat sogar gestottert.“
„Ach was, erzähl mal“ bat ich interessiert.
„Das war zum Schießen.“ Petra strahlte. „Der hat wirklich nur gejammert und von seiner missratenen Ehe gelabert. Seine Exfrau, eine bildschöne Russin, hat er angeblich damals vor 4 Jahren während seines Marokko-Urlaubs am Strand kennengelernt, nachdem ich – seiner Aussage zufolge – mit ihm Schluss gemacht hatte.“

„Ach was?“ Ich war baff.
„Glaub ich dem sowieso nicht“ winkte Petra ab. „Der lügt doch, wenn er den Mund aufmacht, ich wette mit dir, die kannte er schon, als er um mich herumscharwenzelte, immerhin hatte er oft keine Zeit, das ist mir im Nachhinein aufgefallen. Vielleicht war die damals sogar für den Sonntagvormittag bestellt, als er mich nach dem Kaffee gebeten hat, zu gehen, weil angeblich seine Exfreundin kommt, dem traue ich alles zu.“

„Und jetzt ist er geschieden?“ fragte ich.
Petra nickte.
„Das war ein Jammern und Wehklagen, sag ich dir. Eigentlich hatte ich gleich auflegen wollen, aber irgendwie tat es gut, weil der nicht mal gemerkt hat, wie er sich als Loser outet. Der muss ganz schön verzweifelt sein, wenn er mich anruft, die er damals so mies behandelt hat und denkt, ich falle nochmal auf ihn rein. Diese tolle Exfrau, die er sofort nach Erledigung aller Formalitäten geheiratet hat, sollte bei ihm in der Firma mitarbeiten, aber die sei stinkend faul gewesen und immer als letzte gekommen und als erste gegangen. Außerdem hat sie seine ganze Kohle verbraten und mehrere Autos zu Klump gefahren, darunter seinen geliebten Porsche. Dann hat sie einen Jüngeren kennengelernt und ihn verlassen. Geschieht dem doch recht.“ Sie lachte wieder.
„Er wollte einen weiblichen Lamborghini, ich als Familien-Van war ihm wohl zu langweilig. Tja, und dann ist er an seine Meisterin geraten.“

„Und du hast dir das alles angehört? Was hast du gesagt?“ fragte ich neugierig.
„Dass ich glücklich bin, nicht interessiert an seinem Gejammer, und dass er dahin gehen soll, wo der Pfeffer wächst, weil ihm im Leben ja scheinbar die Würze fehlt“ antwortete Petra ernst. „Es ist unfassbar, dass der sich getraut, einfach so bei mir anzurufen. Als wäre gar nix gewesen. Er hat mich ausgenutzt und garantiert schon die ganze Zeit mit dieser anderen Frau betrogen. Geschieht ihm recht, wenn er reingefallen ist.“
„Geht’s dir eigentlich jetzt gut?“ fragte ich Petra, aber das hätte ich mir sparen können. Sie wirkte ausgeglichen und glücklich.
„Könnte nicht besser sein, vor allem nach diesem Anruf. Manchmal kriegt einen das Karma eben doch“, meinte sie und verabschiedete sich herzlich.

Heiko, du bist ein echter Depp. Mit Petra hättest du einen verdammt guten Fang gemacht. Selbst schuld.

Neulich wurde Heiko mir bei Facebook als „Jemand, den du kennen könntest“ vorgeschlagen. Ich habe abgelehnt, obwohl er ein ansprechendes, massiv nachbearbeitetes Profilbild eingestellt hatte, das vermutlich aus dem Jahre 1995 stammt. Diese Katze lässt das Mausen nicht. Niemals.

Leider ist die Welt voller Männer, denen es nur darum geht, eine Frau „zu erlegen“, also sie herumzubekommen, um sich wieder eine Kerbe in ihre Bettkante schnitzen zu können. Auch Petra hat es erwischt, trotzdem sie vorsichtig war und anfangs gar nicht wollte. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Petras Bauch warnte sie davor, weil sie für diesen Mann keine echten Gefühle aufbringen konnte. Sie wollte nur nicht auf die innere Stimme hören. Dafür bezahlt man so gut wie immer.

Man kann sich einen Mann schönreden, zu empfehlen ist es aber nicht. Man kann sich einbilden: „Irgendwann passt das schon/verliebe ich mich in ihn/wird er mir gefallen.“ Da können Sie auch Lotto spielen.
Hätte Petra seinerzeit auf ihren Bauch gehört und Heiko höflich, aber bestimmt abgewiesen, wäre ihr seinerzeit diese peinliche Erfahrung erspart geblieben. Sie hat diese Erfahrung als in sich gefestigte Persönlichkeit gut überwunden. Andere Frauen werden von so etwas schwer emotional gekränkt und lassen alle nachfolgenden Männer büßen, was ein einziger verbockt hat.

Darum rate ich Ihnen heute: Hören Sie auf Ihren Bauch. In Ihrem Darm sitzen ungefähr 100 Millionen Nervenzellen, manche Chirurgen nennen ihn deshalb auch „das Darmhirn“.
Klar existieren Männer, für die Manieren kein Fremdwort sind, die ihre Frauen verwöhnen, und die als Lebenspartner bestens geeignet sind. Die herauszufieseln aus der Masse an paarungswilligen Exemplaren kann sich als ausgesprochen schwierig erweisen.
Genau für solche Fälle hat uns die Evolution den Instinkt gegeben.

Es gibt Männer, die ändern sich nie, und Sie wollen doch nicht als Trophäe enden?

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Wenn Paare sich streiten

Stellen Sie sich vor, ein Ihnen bekanntes Ehepaar lädt Sie zu einer Bootspartie auf deren Yacht ein. Sie freuen sich auf unbeschwerte Stunden, denn Heidrun backt göttlich, wohingegen Rüdiger ein echter Spaßvogel ist, der auch als Alleinunterhalter sein Geld verdienen könnte, und sagen begeistert zu. Normalerweise sind die beiden immer lustig, immer gut drauf, man fühlt sich wohl bei ihnen und bekommt eine Menge köstlicher Leckereien vorgesetzt. Ein Vorzeige-Paar seit vielen Jahren.

Als Sie frohgemut das (von Heidrun) blankgeschrubbte Deck betreten, Ihren Badeanzug, ein Pfund Sonnencreme und jede Menge guter Laune im Gepäck, strahlt die Sonne heiß vom wolkenlosen Himmel. Eine leichte Brise kräuselt die Wellen, sanft vermischt sich die an- und abebbende Brandung mit dem körnigen, goldfarbenen Sand. Dieser Tag könnte schöner nicht sein. Endlich mal wieder raus aufs Meer, abschalten und unbeschwerte Stunden verbringen.

Nach der herzlichen Begrüßung räkeln Sie auf dem Sonnendeck in einem (dank Heidrun frisch geölten) Deck-Chair aus Teakholz, während das Boot Kurs auf den Ozean nimmt. Sie cremen sich ein, mit Lichtschutzfaktor 8000, um in der salzhaltigen Luft, die Ihnen um die Nase weht, brutzelnd zu bräunen, und lehnen sich entspannt zurück.

Am Steuer wechseln sich Heidrun und Rüdiger derweilen allem Anschein nach in schönster Eintracht damit ab, das elegante Gefährt in Richtung Sonnenuntergang zu lenken. Immerhin tun sie das schon seit vielen Jahren.

Gerade sind Sie eingedöst, als Sie plötzlich von einem lautem Wortwechsel geweckt werden. Die Stimmen klingen erregt und werden immer erboster. Meuterei auf der Bounty?

Irritiert lugen Sie über den Rand Ihrer Sonnenbrille und richten sich auf. Immerhin hat man Ihnen heute einen amüsanten Nachmittag, gekrönt von Heidruns gedecktem Apfelkuchen und Rüdigers neuester Kaffee-Kreation versprochen, nicht eine interaktive Neuauflage von „Krieg und Frieden.“

Rüdiger ist jetzt nämlich seit kurzem Hobby-Barista, weil Heidrun seine elektrische Eisenbahn, die in den letzten Jahren die Ausmaße des Berliner Regierungsviertel angenommen hat, aus dem Keller geworfen hat, um dort künftig ihre Soleier zu lagern. Jetzt braucht er eine neue Beschäftigung. Heidrun hingegen wuselt Tag und Nacht in ihrer luxuriösen Designerküche im Gegenwert eines massiv goldenen Lamborghini zwischen dem Herdblock und der Speisekammer hin- und her, kocht, bäckt, blanchiert, tranchiert und legt Gemüse ein. Irgendjemand muss das alles aber auch essen – und in den letzten Jahren waren Sie das, einer der Gründe dafür, dass Sie heute einen äh… etwas großzügig geschnittenen Einteiler tragen statt eines aus Kokos-Schalen gefertigten Bikinis.

Streit. Oh weia. Und dabei hatten Sie sich so auf den Kaffee gefreut.

Also stehen Sie auf, um nachzusehen. Mühsam arbeiten Sie schwankend sich zum Steuerrad vor, wo Heidrun und Rüdiger abwechselnd versuchen, das Ruder in ihre Richtung herumzureißen. Jedes Mal macht das Boot einen Schlenker, so dass alle auf die verwitterten Planken zu stürzen drohen.

„Du hast das Riff vorhin übersehen, beinahe sind wir draufgebrettert, dabei war es so groß wie Schleswig-Hostein!“ schreit Heidrun erbost. „Möchte nur mal wissen, wo du immer deine Augen hast. Vermutlich bei der 19jährigen Meerjungfrau, die da gerade halbnackt auf dem Felsen herumlungerte und sich ihre Extensions kämmte. Glaubst du etwa, so eine würde sich mit dir altem Dackel abgeben? Träum mal schön weiter, du Depp.“

„Du gemeine Giftspritze“ brüllt Rüdiger zornig zurück. „Ist doch kein Wunder, wenn ich mal anderen Frauen hinterhergucke, ob mit Fisch-Schwanz oder ohne. Du rennst ja bloß noch in deiner speckigen Kittelschürze rum. Die Tussi vorhin war immerhin oben ohne. Deinen Busen hab ich das letzte Mal 1994 zu sehen gekriegt. Und überhaupt, wir schlafen gar nicht mehr miteinander!“

Verstört reiben Sie sich die Augen und möchten sich am liebsten Ihre Ohren zuhalten. Sind das wirklich Heidrun und Rüdiger, Ihre guten Bekannten, das liebe altgediente Ehepaar, das immer lacht und scherzt und scheinbar alle Widrigkeiten des Lebens mühelos weggesteckt hat? Kann gar nicht sein.

Mittlerweile ist eine richtig steife Brise aufgekommen, die sich Ihrer eigenen Erfahrung nach demnächst zu einem Orkan mit Windstärke 12 auswachsen wird. Stürme dieser Größenordnung beginnen meist mit einem lauen Lüftchen und richten nach Erreichen ihrer vollen Stärke verheerende Schäden an, denen mühsam abbezahlte Reihenhäuser, erarbeitete Rentenpunkte, die Hälfte aller gemeinsamen Freunde sowie das Sparkonto zum Opfer fallen. Gegen solche Naturkatastrophen war „Katharina“ seinerzeit ein laues Lüftchen.

Aber im Bekanntenkreis wird ja schon länger hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass die beiden Probleme hätten. Rüdiger treibt sich immer öfter allein im Modellbau-Laden herum, und Heidrun isst mittlerweile ihre Kuchen alle selbst, was die Verkäuferin vom Fachgeschäft für Übergrößen bestätigen kann. Da scheinen tatsächlich ein paar Wölkchen am Horizont aufgetaucht zu sein.

Heidrun und Rüdiger beschimpfen sich weiter. Skeptisch werfen Sie einen Blick über die Reling, wo mittlerweile der immer stärker werdende Wind hohe Wogen an den Bootsrumpf peitscht. Teile des Decks werden mit salzigem Meerwasser überschwemmt, und Sie versuchen vergeblich, keine nassen Füße zu bekommen.
Zu spät. Dazu hätten Sie erst gar nicht an Bord gehen dürfen.

Die beiden Eheleute sind so in ihr Kompetenzgerangel vertieft, dass sie den aufkommenden Sturm nicht wahrzunehmen scheinen. Jeder der zwei behauptet, er wisse, in welche Richtung man steuern müsse. Mittlerweile scheint Wasser unter Deck eingedrungen zu sein, das Schiff bekommt schwere Schlagseite.

Während Heidrun und Rüdiger sich mühsam auf den Beinen halten, weil der Wind ihnen zwischen die Beine fährt und ihnen das Haar zerzaust, zählen sie mit lauten Stimmen und vorwurfsvollem Blick sämtliche Verfehlungen des anderen der letzten 25 Jahre auf. Und das sind einige.

„Ich bin der Kapitän, ich hab diesen Kahn bezahlt wie alles seit vielen Jahren!“ brüllt Rüdiger wütend und greift sich das mittlerweile durchdrehende Ruder. Der Kahn scheint nicht mehr steuerbar zu sein und treibt ziellos auf der aufgewühlten See. Eben haben Sie die erste Haiflosse hinter sich im Kielwasser entdeckt. Das kann ja heiter werden.

„Gar nix hättest du bezahlen können, wenn ich diesen blöden Seelenverkäufer nicht die ganze Zeit wie blöd geputzt, lackiert und anschließend imprägniert hätte, gar nix!“ brüllt Heidrun wutempört zurück. „Wie oft hat man dich denn in der Kombüse gesehen? Da stehe ich seit 25 Jahren und brutzle dir täglich irgendeinen Schrott, den du daherbringst, weil du zu blöd bist, einen anständigen großen Fisch an Land zu ziehen. Wir haben immer nur diese winzigen Viecher, die nach nix schmecken, weil du zu dämlich bist, mal einen Wal zu schießen. Gewehre besitzt du ja genug, du Ahab für Arme. Dann gibt’s eben weiter Forelle Müllerin, mir doch wurscht! Beklag dich nicht oder koch gefälligst selber!“

„Während ich hier draußen unter Lebensgefahr Fische fange, konntest du jahrzehntelang in aller Gemütsruhe Teakholz polieren, Teppiche häkeln und dir eine Million neuer, ungenießbarer Rezepte für alles ausdenken, was ich nach Hause bringe. Hättest ja selbst auch mal angeln können“ giftet Rüdiger, der sich angegriffen fühlt.

„Meine Eltern haben damals gesagt, ich soll es mir mit dir überlegen.“ Heidrun kneift die Lippen zusammen und funkelt ihren Mann vorwurfsvoll an.

„Das taugt nix, dein Boot, haben die gesagt. Alles billig und selbstgebaut. Ich hätte auch den Weizenkeim Alfons kriegen können vom Autohaus Weizenkeim, ist dir das eigentlich klar? Der hatte eine hochseetüchtige Yacht mit Helikopter-Landeplatz und einem Butler. Aber nö, ich musste ja an dir hängenbleiben. Was hast du für Sprüche gemacht damals? Dass du uns ein Walfang-Imperium aufbaust und ich goldene Kloschüsseln kriege, die jemand anderer saubermacht. Von wegen, du Loser. Und jetzt, nach all den Jahren, verrenkst du dir den Hals und glotzt minderjährigen Sirenen mit gefärbten Haaren hinterher, mit denen du nicht mal was anfangen könntest. So lass ich mich nicht behandeln.“

Die Fronten scheinen verhärtet zu sein. Beide starren sich unerbittlich an und ignorieren nach wie vor den immer heftiger werdenden Sturm. Sie selbst überlegen gerade, ob Sie sich für den Fall einer Havarie mit Ihrem einteiligen Badeanzug am Mast festknoten könnten, bis Ihnen einfällt, dass das Schiff gar keinen Mast besitzt.

„Was sagst du denn dazu? Ich hab doch recht, oder?“ wendet sich Heidrun an Sie, die sich wünscht, jetzt zuhause mit einer Tüte Erdnusslocken und Netflix zu sitzen. Alles ist besser als das hier.

„Wir müssen doch nach rechts, oder? Weil wir nämlich jahrelang links gefahren sind, wie Rüdiger das bestimmt hat. Ich hatte von Anfang an recht. Also fahren wir nach rechts!“ „Das heißt Steuerbord“ murmeln Sie verlegen, aber niemand hört Ihnen zu.

„Links, sag ich!“ brüllt Rüdiger und reißt das Ruder herum, so dass das Boot einen scharfen Schlenker macht. Ein Tau rutscht übers Deck und versinkt dann in der Gischt. Allmählich wird es gefährlich.

„Backbord, nicht ‚links'“ wagen Sie flüsternd einzuwenden, aber es interessiert keinen. Die beiden sind damit beschäftigt, sich gegenseitig in der Luft zu zerreißen, ungeachtet der schweren Krängung, ungeachtet des Wellengangs und der Windstärke. Eine Havarie scheinen sie billigend in Kauf zu nehmen, so wie beide immer wieder das Steuerrad an sich reißen. Fast wünscht man sich ein paar somalische Piraten, damit mal wieder etwas Ordnung reinkommt in die Angelegenheit. Und damit die zwei endlich die Klappe halten. Aber Somalia ist weit weg. Vermutlich.

„Jetzt sag doch auch mal was. Du bist sicher meiner Meinung, oder? So kann der doch nicht mit mir reden!“ verlangt Heidrun, die in ihrer Kittelschürze wirklich ein wenig gedrungen und farblos aussieht. In letzter Zeit hat sie tatsächlich etwas nachgelassen in ihrer äußeren Erscheinung, da hat der Rüdiger schon irgendwie recht. Aber was Heidrun behauptet, stimmt auch ein bisschen.

Unsicher weichen Sie einen Schritt zurück. Beide starren Sie auffordernd an, damit Sie endlich Position beziehen. Endlich dämmert Ihnen: Da kommen Sie heil nicht wieder raus.

„Erklär dieser Xanthippe, dass es nur einen Kapitän geben kann, der am Steuer steht und das Boot lenkt. Immer dieser Schwachsinn von wegen, dass sie mitbestimmen will. Die hat doch von Navigation keine Ahnung“ befiehlt Rüdiger, wobei er mittlerweile gegen das brausende Tosen des Sturms anschreien muss.

„Äh, ich kenne Frauen, die ganz allein ihr Boot steuern“ stottern Sie. „Das klappt ganz gut, aber…“

„Ach, du bist auch so eine?“ brüllt Rüdiger stinksauer.

Was tun Sie nun in so einem Fall?

Na, Sie klemmen sich ihre teure nagelneue Sonnenbrille in den Ausschnitt, halten sich die Nase zu und hüpfen über Bord. Mit den paar Haien, 20 Meter großen Kraken, Piranhas, Kuno, dem Killerkarpfen, oder allem, was da sonst noch unter der Wasseroberfläche kreucht und schwimmt, werden Sie garantiert fertig. Mit einem ausgedehnten Ehekrach nicht, da geraten Sie unter die Räder… äh, unter den Kiel. Also nix wie weg.

Ich finde diese Analogie, in der ich eine Ehe mit einem Wassergefährt vergleiche, recht zutreffend, bis auf eine winzige Kleinigkeit:

Eine Ehe oder Beziehung ist keine Yacht, sondern ein Ruderboot.

Solange beide sich einträchtig in die Riemen hängen oder welchen Begriff auch immer die seemännische Sprache hierfür hergibt, wird es Fahrt aufnehmen und zum anvisierten Zielpunkt gleiten wie von selbst. Gleich, was Ihnen vorschwebt: Wenn beide mitarbeiten, schaffen Sie alles, ob Samoa oder Kehl am Rhein bleibt Ihnen überlassen. Ich weiß ja nicht, wo Sie hinwollen.

Allerdings erlebe ich seit Jahrzehnten immer wieder Paare, bei denen einer gemächlich eine Kippe raucht, während er seinem Ehepartner/partnerin Anweisungen gibt, die sich keuchend bemühen, die leckgeschlagene Jolle über Wasser zu halten. „Mach mal ein bisschen schneller, Amalie, so wird das aber nix, wir wollen doch irgendwann ankommen.“ Und Amalie strengt sich an, während ihr Partner sich entspannt zurücklehnt und zu faul ist, seinen Teil beizutragen.

Es gibt auch Beziehungen, in denen keiner mehr was tut. Die lassen ihre Ruder ins Wasser gleiten, lehnen sich zurück, weil sie denken: „Wir sind ja schon ziemlich weit gekommen“, … und treiben dann führerlos auf den großen, alles in die Tiefe reißenden Wasserfall zu, das Ende selbst der größten Liebe. Abspringen nicht möglich.

Rudern müssen Sie immer. Unser Leben und jede Partnerschaft bestehen aus einer nicht enden wollender Kette ständiger Herausforderungen, die nur gemeistert werden können, wenn keiner zu lange Pausen einlegt. Jedes Boot kommt nur so weit, wie sein Team es zulässt.

Seneca sagte angeblich einmal: „Wenn ein Kapitän nicht weiß, welches Ufer er ansteuern soll, dann ist kein Wind der richtige.“

Eines muss Ihnen klar sein: Sobald Sie sich in diese Nussschale namens „Beziehung“ begeben, die sich leicht zum rostigen Seelenverkäufern mausert, wenn man sie nicht pflegt: Eine gemeinsame Reise funktioniert nur, wenn Sie sich über die einzuschlagende Richtung einig sind. Im anderen Falle gehen sie unter. Beide.

Sollte allerdings einer das Boot verlassen und zum nahen Ufer kraulen, dann müssen Sie es eben allein versuchen. Das geht ganz gut, wenn man erst mal ein wenig Übung darin hat. Auch ich habe das schon getan. Wer sagt denn, dass man nur zu zweit vorankommt? Wenn der Partner zum Klabautermann wird, ist es besser, allein zu reisen. Dann gibt es schon kein Kompetenz-Gerangel. So ein schnittiges Einer-Kajak hat was.

Manchmal winkt Ihnen vielleicht jemand zu, während Sie gerade gemütlich am Ufer vorbeifahren, und signalisiert Ihnen, an Bord kommen zu wollen.

Fragen Sie nach der anvisierten Richtung, notfalls mittels einiger universell gültiger Handzeichen. Wer bei Ihnen anmustern möchte, sollte Ihre Vorstellungen akzeptieren. Erklären Sie dem neuen Matrosen, dass das hier kein Vergnügungsdampfer ist, sondern ein bisweilen mühsam zu bedienendes Fortbewegungsmittel für diesen reißenden Fluss oder tiefen Ozean namens „Leben“, dass Sie auf „Mississippi-Riverboat-Player“, Glücksritter und Kreuzfahrer, die auf „all inclusive“ bestehen, verzichten können weil Sie jemanden brauchen, der bereit ist, sich mit Ihnen fortzubewegen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.

Bei dem Party-Schiff mit der Techno-Disko, den Gratisdrinks und Spaßfaktor 1000 müssen Sie nämlich spätestens von Bord gehen, wenn Sie heiraten. Dann kriegen Sie ein hölzernes Boot geschenkt mit der Aufforderung, was draus zu machen. Wie Sie es lackieren oder taufen, bleibt Ihnen überlassen. Und achten Sie auf Holzwürmer.

Zurück zu Heidrun und Rüdiger. Sollten Sie ungewollt Zeuge einer solchen Meuterei werden, rate ich Ihnen, panisch „Mayday“ zu brüllen und das Weite zu suchen.

Einmischungen in Beziehungsstreitigkeiten sind die beste Möglichkeit, zwei bis dato gute Freunde für immer zu verlieren.

Irgendwann vertragen sich die beiden mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 % nämlich voraussichtlich wieder, und Sie werden kielgeholt. Das ist kein Spaß, und man muss währenddessen verdammt lange die Luft anhalten können.

Ein bekanntes Ehepaar, mit denen ich über Jahre befreundet war, kriegte sich mal bei meiner Halloweenparty dermaßen in die Haare, dass sämtliche Gäste scharenweise mein Fest wegen „spontaner Kopfschmerz-Attacken“ verließen.

Am Ende saßen als einzige übriggebliebene Besucher meine Freundin Susi und ihr Mann Hans auf der Couch und warfen sich Beleidigungen an den Kopf, für die mir meine Mama seinerzeit den Mund mit Kernseife ausgewaschen hätte. Ohne Nachspülen.

Um es salonfähig zu umschreiben: Susi bemängelte unter Zuhilfenahme von Fäkalwörtern und Begriffen, die vermutlich nur auf der Reeperbahn verstanden werden, Hans‘ nachlassende Manneskraft und seinen dafür im Gegenzug immer stärker werdenden Hang zum Alkohol.

Hans hingegen erklärte mir, seine Frau sei eine Schlampe, und zwar im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne, weil sie 1. nächtelang ohne ihn in der Kneipe am Tresen hing, nie aufräumte, und 2. der einzige Ort, wo bei ihr Ordnung herrschte, der mehr als übersichtliche Inhalt ihres Verstandes sei.

Da kann man eigentlich nur noch ausziehen und den beiden seine Wohnung überlassen. Nächstes Mal tue ich das vielleicht sogar.

Übrigens sind die zwei immer noch zusammen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Stellen Sie sich vor, ein bekanntes Ehe- oder Liebespaar hat sich gerade getrennt. Weil es sich so gehört, sitzen Sie aufgrund weiblicher Solidarität heute zusammen mit Heidrun im Café und ziehen schon mindestens so lange, wie es dauert, 3 Stück Käsekuchen zu essen, über Rüdiger her.

„Du hast ja so recht, Heidrun. Der hat mich immer genervt, der Rüdiger. Vor allem sein Kichern ist unerträglich, gerade, wenn er selbst über seine Sparwitze lacht. Hab nie verstanden, wie du das ausgehalten hast. Außerdem kratzt der sich ständig am rechten Ohr, das nervt unsäglich. Und wie der isst! Als säße man mit einem Wolfsrudel am Tisch, das gerade ein Reh gerissen hat. Sei bloß froh, dass er weg ist, einen wie den bekommst du an jeder Straßenecke. Du hast was Besseres verdient, das dachte ich schon immer.“

So oder ähnlich klingt es meistens. Selbst schuld, liebe Leserin.

In absehbarer Zeit werden sich Heidrun und Rüdiger wieder in die Arme fallen, und dann sind Sie angeschmiert, weil Heidrun ihrem geliebten Rüdiger brühwarm berichten wird, dass Sie was gegen ihn haben und ihn komisch finden. Haarklein.

Ich überlasse das „Einmischen“ in Eheangelegenheiten mittlerweile Personen, die dafür bezahlt werden wie Paartherapeuten, Seelsorger, einem Ringrichter oder Chuck Norris.

Auch wenn Sie mit der Dame des Hauses seit Jahrzehnten befreundet sein sollten: Rüdiger schläft mit ihr und ist somit wesentlich näher an der „Materie“ (und Kittelschürze), als Sie je rankommen werden. Darum ist die erste Regel bei Streitigkeiten unter lieben Freunden: Finger weg.

Es gibt ja auch Bootspartien, die gut enden, wo der Apfelkuchen vorzüglich schmeckt, der jeweilige „Rüdiger“ eine schmackhafte Kaffee-Komposition zustandegebracht hat, und auf denen man einen schönen Nachmittag verbringt.

Dann haben Sie, nachdem Sie sich verabschiedet haben und wieder von Bord gegangen sind, den Trost, dass beide anschließend nur über SIE herziehen werden, anstatt sich zu streiten. Das ist doch schon was, oder?

Also, Seemanns Heil. Ich wünsche Ihnen auf Ihren Booten immer eine Handbreit Wasser unter dem Bug. Unter dem Heck natürlich auch. Nicht, dass Sie eines Tages singen müssen: „Junge, komm bald wieder.“

Mit augenzwinkernden Grüßen

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Kolumnistin Barbara Edelmann schreibt über das Altern. „Da steht Jonas gerade an meinem Bett im Krankenhaus mit einem riesigen Strauß Blumen, als sich die Tür öffnet, und Ralph hereinkommt. Die beiden Männer haben sich tatsächlich in meinem Zimmer in die Haare gekriegt, weil keiner vom anderen wusste und hätten beinahe eine Rauferei angefangen.“ „Den Werner kenne ich aus der Zeitung, der hat ein Inserat aufgegeben. Er ruft mich die ganze Zeit an und will zum Essen kommen, oder dass wir mal ins Kino gehen, aber der ist mir zu jung.“

Diese beiden Sätze aus 2018 stammen von meiner lieben Nachbarin namens Ilse, die ich seit mehr als 25 Jahren kenne. Ilse ist Ende 70.

Als ich sie kennenlernte, war sie gerade 50 geworden: eine robust gebaute Dame mit nussbraun gefärbter Beton-Dauerwelle, umfangreicher Kittelschürzen-Sammlung, hausfraulichen Qualitäten, wie man sie heute selten findet… und dem brennenden Wunsch nach einem Kerl, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen konnte, denn Ilse war schon im Alter von 48 Jahren Witwe geworden und wollte nicht allein bleiben.

Seit über einem Vierteljahrhundert lausche ich ungläubig-amüsiert ihren teilweise haarsträubenden Geschichten, denn sie scheute niemals irgendwelche Mühen, um einen Mann aufzutreiben. Die Liste der Fahrzeuge mit fremden Kennzeichen, die vor ihrem Grundstück parkten, ist lang. Unbefangen berichtete sie über ihre Erlebnisse mit den jeweiligen Herrschaften, von denen nur einige wenige vor ihren strengen Augen Bestand hatten. Die meisten verschwanden schnell wieder in der Versenkung.

Ilse war rührig. Sie schrieb auf Kontaktanzeigen in der Zeitung, ging mit gleichaltrigen Freundinnen zu speziellen Tanzveranstaltungen, sprach wildfremde Männer im Supermarkt oder an der Tankstelle an und verbuchte mit dieser Methode teilweise mehr Erfolge als eine attraktive emanzipierte Frau um die 30, obwohl sie in einem anderen Zeitalter großgeworden war, in dem der Mann alles galt und sie als Frau nichts zu sagen hatte.

Im zarten Alter von 76 fand Ilse nun endlich jemanden, der ihren Ansprüchen genügt. Sein Name ist Jonas. Er besitzt genau wie sie ein eigenes Haus, ist fleißig, sparsam und redet nicht viel. Aber er käme ohnehin nicht zu Wort. Jonas erweist sich als unglaublich praktisch, denn Ilse hat eine Menge Aufträge an einen willigen Helfer zu vergeben – und damit meine ich nichts, das in der Horizontalen stattfindet.

Hecken müssen geschnitten werden, der Bio-Abfall zum Wertstoffhof, es muss eingekauft werden, Obst gepflückt, das Ilse einkochen kann, und außerdem trägt Jonas seinen finanziellen Obolus zum Haushalt bei, wenn Ilse kocht. Einmal war sie mit einem Metzger befreundet – diesen Zeiten trauert sie noch gelegentlich hinterher, denn „der brachte jede Woche einen Beutel voller Fleisch.“ Sie ist praktisch veranlagt, müssen Sie wissen.

Ich mag Ilse sehr gerne, sie ist sozusagen mein großes Vorbild. Die never ending Story „Frau sucht Mann“ endet nämlich nicht schlagartig, wenn man einen runden Geburtstag feiert, mag das der 40te, der 50te oder der 60te sein. Im Gegenteil. Nur die Suche gestaltet sich etwas komplizierter.

Immer wieder stellte mir Ilse im Laufe dieser fast drei Jahrzehnte irgendwelche Herren vor, deren Gesichter oder Namen ich mir nicht zu merken brauchte. Sie verschwanden schneller wieder als der köstliche Zwiebelrostbraten bei einer ihrer Essenseinladungen, wenn mich der Hunger plagte. Irgendwas fand sie immer auszusetzen, und darum hielt sich keiner lange. Aber ich nehme an, Jonas werde ich mir merken müssen.

Ilse wurde als Kind armer Leute geboren. Sie heiratete als sehr junge Frau und gebar zwei Kinder, die sie nach dem Tode ihres Mannes weiterhin finanziell unterstützte, bis sie selbständig waren. Als Witwe verdiente sie ihr Geld mit Putzen. Sie bezahlte das Eigenheim nach dem Tode ihres Mannes ab, kümmerte sich um den riesigen Garten, denn ihre Kinder waren weggezogen, und sie schaffte das alles ganz allein.

Vor einigen Jahren begleitete sie mich zum Baumarkt, wo wir gemeinsam fünf Säcke Quarz-Sand in meinen Wagen luden, den ich dringend brauchte. „Wir Frauen müssen zusammenhalten“ sagte sie, während wir ächzend die schweren Teile in meinen Kofferraum wuchteten. „Ich habe gelernt, alles selbst zu regeln. Solltest du auch. Dann bist du auf niemanden angewiesen.“

Ilse ist wie erwähnt mein leuchtendes Vorbild – ein Beispiel dafür, dass es nicht mit allem vorbei sein muss, wenn man ein gewisses Alter erreicht. Nur zu gut erinnere ich mich heute noch an meinen 30ten Geburtstag, als ich verloren an einem Tresen in irgend einer Disko stand und hoffte, niemand würde bemerken, wie alt ich von einem Tag auf den anderen geworden war. Himmel, ich war 30. Es kam mir vor wie das Ende von allem, das mir lieb und teuer war. Als hätte ich über Nacht 17 neue Falten gekriegt und graue Haare.

„Gott, bist du dumm“, sagte eine Freundin meiner Mutter damals zu mir. „Da kommt doch erst der Verstand, und es wird richtig gut.“ Sie hatte recht. Aber es dauert eine Weile, bis man das begreift.

Von meinem 40ten Geburtstag existiert nur ein einziges Foto. Ich war damals gerade dunkelhaarig und blicke mürrisch in die Kamera. Meinem Gesichtsausdruck nach hatte ich schlimme Magenbeschwerden oder eine Analfistel, zumindest sieht es so aus. Diese missmutige Miene betrachte ich gelegentlich auf dem Handy und denke mir: „Mädel, warst du blöd.“

40 ist nicht das Ende der Welt. Man denkt es zwar, aber es ist nicht so. Das gilt übrigens für alle anderen Geburtstage auch, meine Damen. Nur zu schade, dass man das erst begreift, wenn man schon länger drüber ist.

Um wenige Dinge wird hierzulande so ein Hype gemacht wie ums Älterwerden. Es ist sogar eine richtige „Verhinderungs-Industrie“ drumherum entstanden. Mit wenig anderen Dingen lässt sich so viel Geld verdienen wie mit Anti-Aging-Produkten. Es sollte nur nicht unbedingt auf der Packung stehen, denn scheinbar liest die geneigte Kundin nicht gerne das Wort „Age“ – also „Alter“ auf einer Cremetube. Das mag wohl einer der Gründe gewesen sein, warum Unilever die von mir favorisierte „Dove pro age“-Linie eingestellt hat. Es verkauft sich einfach nichts gut bei den Damen, das aufs Älterwerden hinweist.

Vor vielen Jahren betreute ich an meinem früheren Arbeitsplatz eine Kundin, nennen wir sie „Frau B.“.
Sie war Ende 60, als ich sie kennenlernte – eine gepflegte, attraktive Erscheinung mit langem, braungefärbten Haar, bis zum Platzen gestraffter Haut, vollen aufgespritzten Lippen… und einem mindestens 20 Jahre jüngeren Liebhaber, der immer in seinem Club-Sakko hereinschneite, die Hände in den Hosentasche, wie eine jüngere Ausgabe von Heinz Rühmann.

Frau B. sprach nie viel, wenn sie uns aufsuchte, vielleicht war es das viele Botox. Sie behandelte uns jüngere Frauen wie etwas, das sie sich am liebsten vom Schuh kratzen würde und verschwand mit rauschendem Nerzmantel wieder in ihrer Luxus-Limousine, sobald sie erledigt hatte, weswegen sie gekommen war. Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass Frau B. ausgesprochen wohlhabend war. Genaugenommen war sie stinkreich. Nichts von dem, das sie am Körper trug, hatte weniger als drei meiner Monatslöhne gekostet, sie war mit teurem Schmuck behangen und wurde von allen hofiert.

Irgendwann kam dann der für Frau B. wohl grauenhafteste Tag: Sie wurde 70. Ihre Hausbank, bei der sie ihre Millionen angelegt hatte, schickte ihr ein Blumen-Bukett, einen Fresskorb und eine edle geprägte Karte mit der Aufschrift: „Alles Gute zum 70ten Geburtstag.“

Unmittelbar darauf kündigte Frau B sämtliche Konten und Depots bei dieser Bank und wechselte zu einer anderen. Sie hielt es nämlich für absolut unanständig, eine Dame – zumal eine so reiche – auf ihr Alter hinzuweisen.

Diese Geschichte habe ich nicht erfunden, sie ist wahr. Und sie zeigt recht deutlich auf, wie hierzulande noch mit dem Älterwerden umgegangen wird.

Frau B. konnte sich jede kosmetische Korrektur leisten: Lifting, Micro-Needling, Lasern, Peeling, Falten-Unterspritzung. Es half alles nichts – am Ende stehen immer der Personalausweis und die Geburtsurkunde. Die lügen nicht.

Anti-Aging-Produkte verkaufen sich nach wie vor wie geschnitten Brot. Sekretärinnen lassen sich in der Mittagspause beim Dermatologen um die Ecke Botox spritzen, im Jahresurlaub Fett absaugen und rennen zum Yoga, um die Auslage straff zu halten. Es wird gerannt, trainiert und geschmiert. Jeden einzelnen Tag. Und jede Sekunde, die verrinnt, trägt uns ein wenig weiter in die Richtung von Frau B., die nicht vor der grausamen Tatsache auf ihren Louboitin-Pumpps davonrennen konnte, dass man nun mal älter wird, und dass dies – frei nach Woody Allen – die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Denken Sie da mal drüber nach.

„In anderen Kulturen wird kein solches Gewese ums Älterwerden gemacht, im Gegenteil. Da werden solche Menschen verehrt, weil sie Lebenserfahrung haben“ erzählte mir der Gynäkologe meines Vertrauens vor einigen Jahren. „Das ist hier in Europa wirklich ein zivilisatorisches Problem.“ An diesen Satz muss ich oft denken.

Vor noch nicht allzu langer Zeit durfte man in aller Ruhe und Gelassenheit ergrauen. Schlagzeilen wie „50 ist das neue 40“ mit dazu passender Werbung für Skinny-Jeans und Harley-Davidson-Bikes mit beheizbarem Sitz waren noch nicht erfunden, und die Haare färbte der Friseur nur auf ausdrücklichen Wunsch. Wer beispielsweise über 50 war, ließ sich eine nette Dauerwelle in Eisengrau legen, kaufte sich eine neue Kittelschürze und dazu passende Pantoletten, guckte den „Kommissar“ mit Erik Ode und war fürs erste zufrieden, diesen scheußlichen Weltkrieg überlebt zu haben. In sämtlichen damals gezeigten Filmen gab es ein gerüttelt Aufkommen von Herrschaften über 50. Über Falten zerbrach man sich nicht den Kopf wie heute, denn das waren damals Designer-Sorgen.

Mittlerweile wird Älterwerden als bedrohlicher Zustand stigmatisiert. Es gibt nicht mehr nur Hyaluronsäure-Injektionen, sondern Sie können das Zeug auch als Kapseln kaufen. Die Taxifahrerin neulich empfahl mir Lachsöl-Dragees, andere schwören auf Shea-Butter. Ich selbst warte immer auf die beflissenste Verkäuferin in der Parfümerie, die mir dann was aufschwätzt, weil ich so gerne glaube, was die erzählen. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Preis in keinem Zusammenhang mit der Wirkung steht, und dass es ziemlich egal ist, was ich auf meinen etwas patinierten Teint auftrage. Wirklich helfen konnte mir nichts. Ich werd‘s wohl mit Fassung und Sonnenbrille tragen müssen.

„Nehmen Sie doch das hier.“ Die Verkäuferin hielt zwischen zwei unglaublich langen, sehr spitzen Fingernägeln eine Dose mit Augencreme. Es war was „gegen sichtbare Spuren des Älterwerdens“. „Das hilft wirklich“ beteuerte sie und sah mich ungnädig im erbarmungslosen Tageslicht an.

„Ach wissen Sie“ antwortete ich., „diesen Krieg verliere ich. Der Gegner ist einfach besser munitioniert. Aber geben Sie die Platzpatrone her… Ich zahle jeden Preis, wenn Sie mir schwören, dass es hilft.“ Leider bin ich ein leichtes Opfer für die Schönheitsindustrie. Das gilt aber auch für Putzmittel. Schreiben Sie drauf: „noch weißer, noch sauberer“, ist schon gekauft.

Gleichgültig, ob 30, 40, oder 50 – diese Jahreszahlen verschaffen den meisten Frauen ein flaues Gefühl im Magen. Sie befürchten, quasi unsichtbar zu werden. Aus der werberelevanten Zielgruppe der bis 49jähren ist man auf jeden Fall raus. Dafür kommen dann mit der Post Termine von Mammografie-Zentren und Kataloge von Online-Sanitätshäusern. Von einem Tag auf den anderen wird man mit Werbung für Treppenlifte bombardiert, und die Mitarbeiter dort wollen partout nicht glauben, dass man keine Ahnung hat, was ein Pagenschlüpfer ist, wenn man entrüstet anruft und sich beschwert. Es ist, als würde es „Klick“ machen, und jemand legt einen Schalter um. Als hätten sich Hersteller von Gleitsichtbrillen und Inkontinenzeinlagen verabredet dass sie einen von diesem Tag an mit Angeboten zuschütten. Alle Beteuerungen Ihrerseits, dass Sie durchaus noch imstande sind, Ihren BH selbst auf dem Rücken zu schließen, verpuffen wirkungslos.

Wissen Sie was? Ich kenne schon einige Personen, die behaupten: „Zum Lesen brauche ich keine Brille, das geht noch prima ohne“, und dabei dann die Zeitung mit den Zehen halten müssen, um sie studieren zu können.
Aber das sind alles Männer. Die leiden nämlich auch. Jawohl. Über die schreibe ich ein andermal.

„Ich mache mir nichts daraus, wenn mir an Baustellen die Arbeiter hinterherpfeifen“ sagte meine Freundin Lena mal. „Ich fürchte mich eher vor dem Tag, an dem sie es nicht mehr tun.“

Sehen Sie – solche Sorgen hat meine liebe Bekannte Ilse mit ihren Ende 70 nicht. Die weiß, dass in jedem Alter, für jeden Topf, ein Deckelchen existiert. Nur sind diese eben gleichfalls ein wenig älter geworden sind und genauso verbogen wie sie selbst.

Letztes Jahr flog Ilse übrigens mit ihrem Lebensgefährten nach Neuseeland, um ihre Tochter zu besuchen, die dort zusammen mit ihrem Mann eine Farm betreibt. Ilse räumte erst mal das ganze Wohnzimmer aus und wischte unter dem Sofa, fütterte das Vieh, half im Stall, jätete Unkraut im Gemüsegarten, nörgelte, wie es ihre liebe Gewohnheit ist, an allem herum, kochte 4 Wochen lang für die versammelte Mannschaft und flog dann wieder nach Hause, um mir zu berichten.

Selbstverständlich hatte sie mittels einer monströsen Digitalkamera eine Million Fotos geschossen. Die Abzüge durfte ich samt und sonders angucken, obwohl ich einen Arzttermin vorzuschieben versuchte. Wie bei Ilse üblich, fehlte auf jeder Aufnahme da ein Kopf und dort die Beine, und manchmal war nur ein Erdhaufen auf dem Bild zu erkennen, aber ich wühlte mich pflichtschuldigst durch das ganze Programm.
Da ist sie knallhart.

Was ich aber wirklich bewundere, ist ihre ganz besondere Lebensfreude, ihr Pragmatismus, dieses „Nicht an morgen denken“, das es ihr ermöglicht, auch im Alter ein erfülltes, zufriedenes Leben zu führen.

Ilse hat sich noch nie mit Gedanken über Falten geplagt. Sie wütet durch ihren Garten mit einem schweren Benzinmäher, setzt sich anschließend fluchend auf meine Couch, wo sie einen Cappuccino genießt, und schimpft dann über den unfähigen Arzt, der ihr immer noch kein neues Knie verschreiben möchte, weil es in letzter Zeit etwas zwickt, weil er (mit Mitte 50) zu jung ist, um echte Schnerzen nachempfinden zu können. Hätte sie einen Internetanschluss, dann hätte sie sich vermutlich schon selbst eine Ersatz-Kniescheibe besorgt und sich diese in ihrer Garage eingebaut.

Sie jammert nie. Das liegt nicht in ihrer Natur, und ich vermute, mit Wehklagen wäre sie nie so alt geworden, sondern hätte längst aufgegeben. Den einzigen Hinweis auf eventuelle Beschwerden erhielt ich, als sie eines Tages bei mir klingelte und mir an ihrem Grinsen etwas merkwürdig vorkam.

„Hascht du einen Schekundenkleber?“ fragte sie hektisch. Da sah ich es: An ihrer Prothese fehlte ein Schneidezahn. Sie hatte beim Morgenmüsli eine Nuss-Schale erwischt. „Dasch schieht blöd ausch“ nuschelte sie. „Ich musch dasch reinkleben, schnell.“

Auf mein Anraten versuchte sie es dann doch beim Dentisten, denn ich wollte nicht, dass sie sich eventuell vergiftet. Irgendwie bin ich sicher – sie hätte das weggesteckt, so wie sie es mit allen Widrigkeiten in ihrem Leben getan hat.

Aber mit einer immer wiederkehrenden Retrospektive über die Schicksalsschläge in ihrer Vergangenheit hätte Ilse garantiert niemals ein Haus abbezahlt, einen jüngeren Lebensgefährten gefunden oder sich beim Tanzen in der Disko für Herrschaften fortgeschrittenen Alters den Fuß verstaucht.

Ich mag sie, weil ich mir oft ins Gedächtnis rufe, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie, wie ich, wieder mal prüfend vor dem Spiegel stünde und das missmutige Gesicht mustern würde, das ihr entgegenblickt.

„Siehst gut aus, du altes Luder“ würde Ilse vermutlich zu sich selbst sagen und sich anlächeln, eine heile Prothese vorausgesetzt.

Ilse hatte einfach niemals Zeit für Falten, keine Muße für Kummer und keinen Nerv für allzu viele Sorgen, die ihr das Leben schwermachen könnten, denn sie musste dieses Leben nonstop leben und als Alleinverdienerin ÜBERleben, ob sie wollte oder nicht. Vielleicht dachte sie gelegentlich: „Ich beschäftige mich später damit.“ Wobei „später“ bei Ilse Definitionssache ist.

Und darum denke ich heute, wenn ich wieder mal lese: „Nach nur vier Wochen faltenfrei“:„Ilse ist so was egal. Sie ist glücklich und zufrieden, freut sich, dass sie morgens aus dem Bett kommt und beschwert sich mit 75 Jahren immer noch darüber, dass Männer alle das Gleiche wollen. Herz, was willst du mehr?“ Ilse würde daraufhin antworten: „Keinen Infarkt.“ Sie ist sehr bodenständig.

Es ist gleichgültig, ob Sie gerade 40 werden, 50 oder 60, und damit kreuzunglücklich sind, denn es liegt an Ihnen, was Sie mit der verbleibenden Zeit anstellen.

Nutzen Sie diese sinnvoll, oder wollen Sie Nebenkriegs-Schauplätze eröffnen wie zum Beispiel den verzweifelten (und auch sinnlosen) Kampf gegen Falten?

Achtung, Spoileralarm: Keine Chance. Möglich, dass Sie aus einigen Schlachten als Siegerin hervorgehen werden, wenn der Dermatologe es schafft, 10 Jahre aus Ihren Mundwinkeln mittels der doppelten Dosis Hyaluron zu entfernen, aber gewöhnen Sie sich nicht daran. Das wird nicht ewig funktionieren. Und nur für den Fall, dass Sie mir nicht glauben: Googeln Sie einfach mal: „Mutter von Sylvester Stallone.“

Ganz ehrlich? Nein. Danke. Ich verzichte.

Sicher besitzen auch sie eine Fotosammlung Ihres bisherigen Lebens, oder? Halten Sie es wirklich für zielführend, diese Bilder gelegentlich versonnen zu betrachten und tief zu seufzen?

„Wo ist nur die Zeit hingekommen?“ fragen sie dann. Ich kann es Ihnen nicht sagen – das ist eines der großen Mysterien. Aber das Alter spielt nur in dem Ausmaß eine Rolle, in dem Sie ihm selbst Gewicht zuweisen. Einer Frau, die sich wegen ihres 40ten Geburtstags grämt, kann ich versichern: Freuen Sie sich. Erstens gibt es – leider – viele Menschen, die dieses Datum gar nicht erreichen. Zweitens liegt noch einiges vor Ihnen. Und sie entscheiden, ob es schön wird oder nicht. Von unten, vom Boden der Niedergeschlagenheit aus, ist die Perspektive auf jeden Fall erdrückend. Darum richten Sie sich auf, erheben Ihr Haupt (ist auch gut für die Kinnlinie) und sehen der Realität ins blutunterlaufene Auge.

Es gibt viele Dinge im Leben, die wir selbst ändern können. Altern gehört nicht dazu, dem sind wir ausgeliefert. Es gibt aber auch verdammt viele Gründe, sich darüber zu freuen, wie viele Erfahrungen man schon machen durfte, und auch (denken Sie an Ilse, die tatsächlich existiert), wie viele dieser schönen Erfahrungen noch vor Ihnen liegen.

Kaufen Sie sich einfach kurzärmelige Shirts statt ärmelloser, wenn Sie partout nicht mit sich zufrieden sind. Und statt dem Bikini in Size Zero tut’s auch ein hübscher Einteiler mit französischem Beinschnitt. Schuhe müssen nicht 10 Zentimeter hohe Absätze haben, auch 5 Zentimeter können sexy wirken.

Am anziehendsten ist ohnehin in jedem Alter ein gesundes Selbstwertgefühl und eine Menge Charisma. Wenn ich Ilse ansehe, geht’s sogar ganz ohne Charisma.

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„Hurra, ich bin noch da“ wäre vielleicht ein Motto für Ihren nächsten runden Geburtstag. Erinnern Sie sich an die Lieben, die Sie nicht mehr in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten können. Freuen Sie sich einfach, dass Sie am Leben sind. Das geht auch mit 30, 40, 50 oder älter. Das geht eigentlich immer.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Alles Gute zum nächsten Geburtstag. Sie haben ihn sich verdient.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Er ist ein behütetes Einzelkind und wohnt schon sein ganzes Leben lang bei seinen Eltern – einer niedlichen, aber besitzergreifenden Dame Mitte 70 und einem desinteressierten Vater, der seine Tage mit einer Halben Bier vor dem Fernseher verbringt, weil irgendwo auf der Welt immer Fußball läuft.

Jeden Urlaub verbringt Gerd ausnahmslos mit seinen Eltern und schwärmt uns dann von ereignisreichen Kreuzfahrten und lehrsamen Pyramidenbesichtigungen vor. Er kümmert sich um den Haushalt, begleitet Mutti zum Einkaufen und widmet sich in der Freizeit hingebungsvoll seinen Hobbies Fußball, Netflix und Modellbau.

Im Keller, den Mama für ihn freigeräumt hat, fieselt Gerd nächtelang an seiner elektrischen Eisenbahn, die mittlerweile die Ausmaße einer Kleinstadt angenommen hat und das gesamte Zimmer ausfüllt.

Kennen Sie Gerd? Nein? Dann haben Sie etwas verpasst.Gerd ist 180 Zentimeter groß und hat seine dunklen Haare extra auf einer Seite bis zur Schulter wachsen lassen, damit er sie über seine Glatze kämmen kann. Den anachronistischen 80er-Jahre-Schnäuzer stutzt er akribisch einmal pro Woche, und auf seinem Kinn prangt eine pechschwarze Warze in der Größe eines 20-Cent-Stücks. Seine Gesichtszüge wirken etwas verbissen, und um die Taille herum trägt er ein paar Unebenheiten mit sich herum, die seiner sitzenden Tätigkeit geschuldet sind. Gerd ist 53 Jahre alt.

Zu unser aller Überraschung ist Gerd Single, aber leider nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Gelegenheit. Das mag Sie jetzt verwundern, aber bisher hat sich tatsächlich noch keine Frau gefunden, die sich mit ihm auf eine Beziehung einzulassen bereit ist, weil Gerd jeder Kandidatin bereits beim ersten Date unverblümt mitteilt, was sie erwartet: mit Mama zusammen den Haushalt schmeißen, mit Mama einkaufen, ansehnlichen Nachwuchs gebären (darum darf die potenzielle Frau auch nicht über 35 sein…), den Biernachschub für Papa nie ausgehen lassen und ansonsten begeistert Gerds Hobbies zusammen mit ihm ausleben.

Selbstverständlich winkt nach jedem arbeitsreichen Jahr ein erholsamer Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Zusammen mit Mama und Papa.

Auch sonst sind Gerds Ansprüche an eine Heiratskandidatin (wilde Ehe geht gar nicht – das würde Mutti umbringen) ziemlich hoch. Eine Ausländerin kommt wegen der zu erwartenden Verständigungsschwierigkeiten nicht in Frage (es wäre doch zu schade, wenn die junge Dame süffisante Sticheleien von Mutti nicht sofort kapiert), eine Gleichaltrige ist ihm laut eigener Aussage „zu alt“, da irgendwer ja mal die elektrische Eisenbahn erben und deshalb ein Stammhalter gezeugt werden muss.

Die Wunsch-Frau sollte kochen können (mindestens so gut wie Mutti), darf keinerlei Ansprüche auf Intimität oder Privatsphäre geltend machen und sollte in Gerd das Tollste seit der Erfindung des WC-Papiers sehen.

Gerd selbst ist übrigens der Charme in Person.

Ich kenne ihn seit 20 Jahren persönlich und habe mir ihn nicht ausgedacht. Solche Typen kann man sich nicht ausdenken. Neulich saßen wir mit ihm am Tisch, und eine Bekannte meinte scherzhaft: „Oh, Gerd, du hast ja ein Bäuchlein gekriegt.“

Er sah sie giftig an und meinte: „Halt doch die Klappe – die Schlankste bist du ja auch nicht.“

Ich kann mir sehr gut vorstellen, woran all seine Blind Dates scheitern. Aber das wissen Sie garantiert mittlerweile auch. Gelegentlich klagt uns Gerd sein Leid. Versteht er doch nicht, warum keine Dame seinem zarten Werben erliegt. Immerhin ist er ein guter Fang. Die Angebetete darf nämlich sein Jugendzimmer zusammen mit ihm im mittlerweile abbezahlten 70er-Jahre-Reihenhaus beziehen (gesetzt den Fall, sie findet zwischen Flugzeugmodellen und winzigen Plastik-Panzern noch Platz), nach Feierabend täglich den kompletten Haushalt schmeißen, Gerd sexuell befriedigen – bei ihm besteht 40jähriger Nachholbedarf, das kann also dauern – und wenn sie viel Glück hat, gibt’s zur Belohnung dann abends „Bauer sucht Frau“, falls nicht gerade in Abu Dhabi Fußball läuft, denn Papa lässt sich sonst nicht von der Glotze in die Kneipe vertreiben.

Wie gesagt, Gerd versteht die Welt nicht und die Frauen noch weniger, denn ein Ende seiner Durststrecke ist nicht in Sicht. Das wird auch so bleiben.

Da Sklavenmärkte in Deutschland nicht existieren, wird er sich wohl weiterhin hoffnungsvoll von einem Blind Date zum nächsten hangeln müssen.

Der nächste Aspirant in Frauenangelegenheiten ist Stefan. Er misst vom Scheitel bis zur Sohle stolze 155 Zentimeter, wobei sich Länge und Breite mittlerweile bei ihm die Waage halten. Er hat in letzter Zeit die Form eines Medizinballs angenommen. Seine 15 Kopfhaare trägt er stolz in 25 Reihen gekämmt, und er erklärt jedem, dass der feuerrote Teint und die wässrigen Schweinsäuglein dem Bluthochdruck geschuldet sind, „weil die dummen Weibsbilder so anspruchsvoll sind und ich mich darüber aufrege“.

Stefan ist seit kurzem stolze 71 Jahre alt und zweimal geschieden. Seine erste Hochzeit feierte er mit 50, unmittelbar nach dem Tode seiner Mutter, als er eine 25jährige aus einem osteuropäischen Land mit hohem Armutsfaktur ehelichte, die ihn nach zwei Jahren verließ. Sie war praktisch veranlagt, denn sie nahm sämtliches Inventar sowie den größten Teil der Einbauküche und den gerade abbezahlten Staubsauger mit, als sie verschwand, während Stefan bei der Arbeit war. Wäre das Haus etwas kleiner gewesen, hätte sie das wohl auch in ihre Reisetasche gepackt. So blieb ihm als Erinnerung wenigstens der Immobilien-Kredit, den er abbezahlen durfte.

Stefan aß anschließend aus Kummer noch mehr, trank wie ein Bierkutscher, und begab sich in seinen nüchternen Phasen erneut auf der Suche nach einer Frau. Mit 70 heiratete er dann abermals, eine Dame, die aus demselben Land wie seine erste Gattin stammte. Sie war erst 37, einen Kopf größer als er und wog circa 80 Kilo mehr als er.
„Ich nehme dieses Mal eine Dicke, die bleibt mir“ erklärte er pragmatisch, als ich ihn vorsichtig fragte, ob er denke, dass das Liebe sei.

Diese Ehe hielt genau eine Woche – dann verschwand die neue Frau gegen Mitternacht samt ihrem Koffer und tauchte im undurchdringlichen Nebel des deutschen Dienstleistungssektors unter, wo sie sich seither als selbständige Nageldesignerin durchschlägt. Es scheint ihr lieber zu sein, als weiterhin in Stefans zugigem Bungalow Schnitzel zu braten.

Aber Stefan lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren. Die Welt ist voller Mädels, die auf ihn warten. Immerhin hat er eine gute Rente und ein schönes Haus zu bieten. Also vertraute er sich kurz nach dem unrühmlichen Abgang seiner zweiten Gattin einem Heiratsinstitut an und klagte mir dann vor ein paar Wochen wütend sein Leid.

„Du glaubst nicht, was die mir anbieten!“ schimpfte er. „Die schicken mir tatsächlich 60jährige!“

„Ja, aber du bist über 70 und mit einer gleichaltrigen oder ein wenig jüngeren Frau hast du vielleicht ein paar Gemeinsamkeiten. In dem Alter ähneln sich die Interessen doch viel mehr“ antwortete ich. „Pah, was will ich mit einer 60jährigen“ widersprach er. „Alt bin ich ja selber.“

Stefan ist übrigens nach wie vor auf der Suche, meine Damen. Und er ist sich ganz sicher, dass die maßgeschneiderte Frau nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, immerhin ist er – genau wie Gerd – seiner Meinung nach ein prima Fang.

Nun verbindet Gerd und Stefan, diese beiden Geschenke Gottes an die Frauenwelt, außer besitzergreifenden Müttern noch etwas anderes, um das ich sie seit Jahrzehnten glühend beneide: ein Zauberspiegel.
Ja, Sie haben schon richtig gelesen. Die haben einen und ich nicht.

Ich selbst besitze natürlich auch mehrere dieser Dinger. Während der im Badezimmer, wenn er einen guten Tag hat, morgens vermeldet: „Tja, geht so heute, Barbara. Solltest allerdings gut ausgeleuchtete Plätze meiden“, lacht mich der andere in der Ankleide hämisch aus und kichert: „So deckende Farben gibt’s auf der ganzen Welt nicht, dass du die Röllchen um die Taille alle vertuschen kannst. Mach endlich eine Diät oder verschone mich mit deinem Anblick. Übrigens sollst du dich dringend bei meinem Cousin, dem Rasierspiegel melden. Der meint, er hätte dich schon länger nicht mehr gesehen. Du hast wohl Probleme mit der Wahrheit? Hähä.“ Wie gesagt – der ist fies und ich gucke nicht oft rein.

Mit solchen Gemeinheiten müssen Gerd oder Stefan sich nicht herumplagen. Egal, ob sie sich nackt oder angezogen vor ihre eigenen Spiegel stellen, die behaupten immer: „Mann, siehst du geil aus, Junge. Die Weibsbilder dürfen froh sein, wenn sie dich kriegen. Bauch? Wo ist hier ein Bauch? Ist nur das Licht. Du bist der Schönste!“

Verlogene Schleimbeutel sind das, diese Spiegel. Wenn der von Gerd ehrlich wäre, würde er ihm den Besuch eines Hautarztes empfehlen, damit der mal die krasse Warze auf dem Kinn checken kann, außerdem einen guten Friseur, der ihm erklärt, dass niemand auf die über seine Glatze gekämmten Haare reinfällt.

Und Stefans Spiegel könnte ehrlich warnen: „Junge, du bist mehr breit als hoch und solltest es mal mit Trennkost versuchen. Sprich: Deine Pizza ist am besten in der Küche aufgehoben und du auf dem Laufband. Außerdem bist du nicht der Jüngste. Was willst du mit einer ganz jungen Frau? Schon mal richtig in mich armen Spiegel reingesehen? Ich hab‘ die Lügerei allmählich satt.“

Trotzdem ich Gerd und Stefan schon oft angebettelt habe, wollen sie mir ihre Spiegel nicht leihen, nicht mal für einen einzigen Tag. Ich muss also jeden Morgen weiterhin meinen Anblick ertragen, weil ich trotz Intervallfasten nach wie vor daherkomme wie eine Presswurst. Den Rasierspiegel habe ich allerdings verschenkt. Der quält mich nie mehr.

In unserer aufgeklärten Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass niemand wegen seines Aussehens gehänselt wird oder dadurch Nachteile erleidet. Das finde ich natürlich richtig und wichtig. Nur möchte ich ganz gerne wissen, woher dieses durch nichts gerechtfertigte Selbstbewusstsein herrührt, welches Gerd und Stefan an den Tag legen. Beide haben sich noch nie Gedanken darüber gemacht, ob es vielleicht an ihrem Auftreten liegen könnte, wenn sie Absagen von der Damenwelt erhalten. Stefan und Gerd sind sich beide sicher, dass die Damenwelt nur zu blöde ist, einen guten Fang wie sie zu erkennen und festzuhalten.

„Was sind diese Frauen bloß anspruchsvoll“ stöhnte Gerd neulich, während ich mir wieder mal wünschte, er würde endlich zum Hautarzt gehen, damit ich nicht immer auf dieses Ding an seinem Kinn starren muss.
„Immer dieses Gezeter von wegen Emanzipation. Und Respekt vor dem Alter haben die auch nicht, wenn ich erzähle, dass ich bei meinen Eltern lebe, melden die sich nie wieder.“

So was aber auch.

Stefan, der Rentner, ist da etwas pragmatischer. „Ich hab schon ein paar Qualitäten, aber die binde ich dir nicht auf die Nase. Das Aussehen ist doch gar nicht so wichtig“ meinte er, als ich ihm vorschlug, seine hohen Ansprüche („jung, knackig, bewandert im Kochen und Erdulden“) nochmals zu überdenken.

Wenn das Aussehen nicht so wichtig ist, lieber in Ehren gealterter Stefan, warum willst du dann unbedingt eine Junge?

Nun ja – Stefan ist jetzt das Problem der Dame vom Heiratsinstitut, die ihm vollmundig versichert hat, für ihn als Topf den passenden Deckel in Übergröße aufzutreiben. Ich bin überzeugt, dass sie das mittlerweile bereut.

Im Laufe meines Lebens durfte ich immer wieder die Erfahrung machen, dass die Selbstwahrnehmung vieler Männer sich nicht mit der Realität deckt. Während unsereins sich im Fitness-Studio quält, eine Diät nach der anderen ausprobiert, kiloweise Foundation, Rouge und Mascara aufträgt und sich morgens mit einem Bein auf die Waage stellt, um sie auszutricksen, streift diese Sorte Mann sich ein Feinripp-Hemd über, schlüpft in Tennis-Socken mit Sandalen und macht sich frohgemut auf die Balz.

Geht nicht, gibt’s nicht, denken die.

Allerdings ist – das möchte ich betonen – der Besitz eines solchen wunderbaren Zauberspiegels nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Ich habe eine alte („alt“ im Sinne von kenne ich schon ewig) Bekannte, die auch so ein tolles Stück ihr eigen nennt. Meine Freundin Susi hat nämlich ebenfalls so einen, der ihr täglich suggeriert, sie sei die Schönste. Dabei hat Susi spärliches, astroschwarz gefärbtes Haar mit durchschimmernder Kopfhaut, ein fliehendes Kinn, winzige, immer verkniffene schmale Lippen, die Figur einer Avocado und – das Selbstbewusstsein von Kim Kardashian. Ist so.

Egal wo Susi hinkommt, immer findet sich ein Anbeter, der vor ihr auf die Knie geht und ihr spätestens nach dem vierten Bier ewige Liebe schwört. Weil Susi ganz einfach von sich selbst überzeugt ist.

Endlich sind wir da, worauf ich hinauswollte. Diese Spiegel, meine Damen, bekommen wir nicht bei Ali Baba oder Amazon – die stellen wir selbst her oder schleppen sie als Teil unserer Aussteuer mit uns herum. Unser ganzes Leben lang. Angeschafft werden sie schon in frühester Kindheit, und unsere Eigenwahrnehmung hängt signifikant davon ab, wie viel Selbstbewusstsein oder gesundes Selbstwertgefühl uns in frühen Jahren vermittelt wurde.

Diese bösen Spiegel, vor denen wir morgens stehen und uns ein wenig zu dick finden, oder zu dünn, diese Spiegel, die uns zeigen, dass unser Haar zu spröde ist oder unsere Lippen zu schmal, sind Artefakte unserer Kindheit.
Jetzt müssen wir uns täglich mit ihnen herumschlagen.

So schmeichelnd den Gerds und Stefans auf dieser Welt ihr Ebenbild gezeigt wird, so gemein wird unser eigenes gezeichnet, wenn wir prüfend auf die polierte Fläche blicken.

Es ist meist nicht die Wahrheit, die wir sehen, denn diese liegt vermutlich irgendwo zwischen „Du bist die Schönste“ und „Oh Gott, wie schaue ich heute wieder aus, so kann ich nicht unter die Leute!“.

Ich selbst bin vermutlich gar nicht so… äh, gut proportioniert (denken Sie sich einen grinsenden Emoji), wie es mir mein Spiegel zeigt, denn ich bewege mich schon mein Leben lang zwischen Verzicht und Genuss wie beim Hürdenlauf und horte deshalb Klamotten von Größe 38 – 42, damit ich immer was zum Anziehen habe. Aber ich bin ganz sicher, dass das, was mir morgens entgegenlächelt, nicht die wahrhaftige Realität ist, denn ich neige zu Selbstkritik, und mein Spiegel zeigt mir genau das, was ich zu erblicken befürchte.

Wir nehmen uns zu großen Teilen nur partiell wahr, sprich: Wer ein Problem mit seinem Gesicht hat, wird gar nicht beachten, dass der Rest seiner Erscheinung völlig ok ist. Wer ein Problem mit seiner Figur hat, übersieht sein ansprechendes Lächeln und die schönen Augen. Weil Frauen mit der Lupe ihre Mängel und Unzulänglichkeiten prüfen, während Männer sagen: „Nö danke, ich brauche keine Brille. Ich sehe alles, was ich will.“

Herren wie Gerd und Stefan, denen niedliche, aber besitzergreifende Mütter schon in früher Kindheit ein Pfund Schmierseife zwecks Weichzeichnung der tatsächlichen Gegebenheiten auf die Spiegel gerieben haben, erkennen gleichfalls nicht die Wirklichkeit, sondern nehmen nur ein irrationales, verzerrtes Bild ihrer selbst wahr, mit dem sie aber prima zu leben imstande sind. Das sollten wir auch mal versuchen.

Viele von uns Frauen hingegen rücken täglich mit einer Armada von Putzmitteln an, um unsere eigenen Spiegel blankzureiben, damit wir ja jeden kleinen Pickel, jede Unebenheit, jedes Fältchen, wahrzunehmen imstande sind. So hat man es in unserer Jugend nämlich beigebracht. Zu Hilfe kommen uns dabei Zeitungsartikel wie zum Beispiel: „Blitz-Diät, Heidrun nahm 87 Kilo in 14 Tagen ab, endlich ist sie wieder begehrenswert!“ oder „Was ich tun kann, damit Männer mich attraktiv finden“.

Wissen Sie, was Sie tun können, damit Männer Sie für attraktiv halten? Ist ganz einfach: SIE müssen sich attraktiv finden, so wie meine Freundin Susi. Egal, wann die in ihren Spiegel guckt, ihr lächelt jedes Mal eine Mischung aus Penelope Cruz und Salma Hayeck entgegen, obwohl sie in Wirklichkeit ein misslungener Hybrid aus Roseanne Barr und Morticia Addams ist.

Wir sollten aufhören, unsere Spiegel blitzeblank zu reiben, denn was uns dann gezeigt wird, ist nicht die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, sondern nur ein Konglomerat aus Suggestionen, die uns von klein an eingeimpft worden sind. Wenn Sie liebevolle Eltern hatten, die Ihnen Selbstwertgefühl und Wertschätzung vermittelt haben, dann werden Sie im Spiegel keine unangenehmen Überraschungen erleben sondern sagen: „Hm, ist ja wirklich ok. Nicht mehr ganz taufrisch, aber echt nicht übel. Ich sehe nett aus.“

Vielleicht ist ein Teil der eingeschränkten Selbstwahrnehmung vieler Männer wirklich der Tatsache zu verdanken, dass Männer nun mal Mütter haben, die ihre Jungs liebhaben und sie für das Größte und Beste halten, das die Welt hervorgebracht hat. So sollte es auch sein. Nur würde ab und an etwas mentaler „Glasreiniger“ bei Herrschaften wie Gerd und Stefan Wunder wirken, denn dann wären sie dazu imstande, einen übergewichtigen Rentner und einen griesgrämigen Nerd wahrzunehmen, anstatt sich für George Clooney zu halten.

Diese Selbsterkenntnis könnte der erste Schritt zu einem erfüllten Zusammensein mit einer Frau, die ihren Vorlieben und Neigungen entspricht, werden.

Man darf ja noch träumen.

Und so bitte ich Sie heute: Hören Sie mal auf, Ihre Spiegel zu „putzen“. Machen Sie nicht täglich sauber, sondern lassen Sie das Ding mal einstauben. Denken Sie an Gerd und Stefan, die haben das auch nicht nötig und ärgern sich nicht über sich, sondern über andere.

Sie sind hübsch. Auch wenn Sie nicht aussehen wie ein Filmstar. Spiegel lügen manchmal, weil unser Auge nur wahrzunehmen imstande ist, was unser Verstand durchdringen lässt. Spiegel sind manchmal böse Lügner und Relikte aus unserer Jugend, Spiegel bestehen gelegentlich aus gemeinen Sätzen, die irgendjemand zu uns sagte, als wir klein waren.

Spiegel sind nicht das wahre Leben. Tun Sie sich selbst den Gefallen und werden Sie wohlwollend sich selbst gegenüber.

Viele Frauen sind sich selbst ihr größter Feind. Hochglanz-Gazetten mit Model-Fotos und Casting-Shows, in denen bildhübsche Size-Zero-Kandidatinnen über Laufstege stolpern, tun ihr Übriges.

Egal, was Ihnen morgens im Badezimmer entgegengrinst – zeigen sie ihm die Zähne und lächeln Sie es an.
Haben Sie sich lieb. Sie sind Sie – was anderes haben Sie nicht geliefert bekommen. Und Umtausch ist ausgeschlossen.

Das einzige, das Sie reklamieren können, ist Ihre eigene Selbstwahrnehmung oder ein Mann, der Sie nicht genügend wertschätzt und an Ihnen herumnörgelt.

Oder bitten Sie einfach meine Freundin Susi, wie das geht. Die kann es Ihnen besser erklären. Noch nie hat sie an sich gezweifelt.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und verbleibe herzlichst!

Ihre Barbara Edelmann

Besserwissern geht man besser nicht auf den Leim

Gehören Sie zu den glücklichen Damen, die mit einem besonderen Exemplar Mann gesegnet sind – einem Nörgler und Besserwisser? So ein richtig kuscheliges Herzblatt, das sich extra ein Kissen mit dem Spruch zulegt: „Ich bin kein Klugscheißer – ich weiß wirklich alles besser“?

Herzlichen Glückwunsch. Dann reihen Sie sich ein in eine lange Liste gebeutelter Frauen.

„Nicht geschimpft ist genug gelobt“ sagt Jan immer, der Mann meiner Freundin Anna. Noch nie hat sie es geschafft, ihm etwas recht zu machen, im Gegenteil:  Jan findet stets das berühmte Haar in der Suppe. Dazu benötigt er nicht mal Suppe, er kann das auch so. Neulich servierte sie ihm Gulasch, und auf ihre bange Frage, ob es ihm schmecke, antwortete er: „Ist wenigstens warm.“ Ihre liebevoll verzierten Weihnachtsplätzchen kommentierte er mit dem Spruch: „Wie die schmecken? Süß eben.“

Da weiß man doch, wofür man stunden- oder tagelang in der Küche stand.

Egal, was Anna tut, sie konnte es Jan in über 20 Jahren Ehe noch kein einziges Mal recht machen. Er findet, seine Frau kleidet sich nicht mehr sexy genug, denn nach ihrem 45ten Geburtstag ist sie dazu übergegangen, Skinny-Jeans mit Long-Pullovern statt Mikro-Minis mit Overknee-Stiefeln zu tragen. Zwei erwachsene Töchter, wenig Zeit fürs Fitness-Studio und jede Menge Stress fordern eben ihren Tribut, was Bindegewebsbeschaffenheit oder das Hautbild angeht.

Annas Haare sind Jan zu kurz (er muss sie ja nicht waschen und pflegen), ihr Make-Up zu dezent („Früher hast du dir mehr Mühe mit deinem Aussehen gegeben“), und ihr Fahrstil sorgt seit vielen Jahren für aufregende Unterhaltungen bei Ausflügen. Wenn Anna denn überhaupt mal ans Steuer darf. Dann bekommt sie jedes Mal von Jan eine Nachschulung. Am liebsten würde er sie wohl wöchentlich zur MPU schicken, wenn man seinen Worten glauben darf.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren in Deutschland im Januar 2018 insgesamt 56,5 Millionen Fahrzeuge zugelassen. Und jetzt stellen Sie sich vor: Es gibt unter den Haltern dieser 56,5 Millionen Fahrzeuge genau einen einzigen, der zum Führen eines Kfz befähigt ist – Jan natürlich. Alle anderen, die ihm auf Deutschlands Straßen begegnen, sind Idioten. Behauptet er.

Anna hat es wirklich nicht leicht. Zusammen mit Jan betreibt sie einen florierenden Einzelhandel mit großem Ladengeschäft und einen gutgehenden Internetversand. Selbstverständlich ist Jan der Boss. Er kauft Ware ein, überwacht die Buchhaltung (und Anna), beschließt oder ändert Ladenöffnungszeiten und kontrolliert alles. Anna steht tagein- tagaus im Laden, hilft im Versand und darf zum Ausgleich am Feierabend den Haushalt schmeißen oder den Garten versorgen. Meistens beides.

„Manchmal verkrieche ich mich in der Kundentoilette und heule in eine Klopapierrolle“ gestand sie mir neulich am Telefon. „Er macht mich vor den Kunden zur Minna, wenn ich seiner Meinung nach was Falsches gesagt habe. Und er behauptet ständig, dass die Kunden, genau wie ich, von nichts eine Ahnung haben. Die Welt besteht seiner Meinung nach ausschließlich aus Trotteln. Das schließt alle Regierungen auf diesem Planeten mit ein. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.“

Jan nennt seine Anna heute noch „Mausi“ wie am Anfang ihrer Bekanntschaft vor zwei Jahrzehnten. Meiner Meinung nach könnte es nur von Vorteil sein, wenn Anna aus „Mausi“ herausschlüpfen und sich zum Drachen weiterentwickeln würde, aber das getraut sie sich nicht.

Immerhin erzählt er ihr seit zwei Jahrzehnten, wie dumm sie ist, und dass sie ohne ihn aufgeschmissen wäre. Irgendwann fing sie an, ihm zu glauben.

Selbstverständlich ist Jan im Gegensatz zu Anna die Perfektion in Person – seiner eigenen Meinung nach.

Erst kürzlich erklärte er dem Chef der inneren Medizin (zwei Doktortitel!) im nahegelegenen Krankenhaus, dass er dessen Befund aufgrund eklatanter diagnostischer Defizite anzweifeln müsse. Zwar wurde Jan nach neuesten medizinischen Gesichtspunkten untersucht, sein Blut auf alle möglichen Formen von Krankheiten geprüft, und nach Sondierung sämtlicher Körperöffnungen lautete die Diagnose „ohne Befund“. Das war es aber nicht, was Jan hören wollte, denn er tyrannisiert Anna seit Jahren mit selbst angefertigten Diätvorschriften und Vorwürfen wegen mangelnder Rücksichtnahme auf seine wechselnden Befindlichkeiten. Dieses Freizeitvergnügen stünde ihm im Falle einer Spontanremission nicht mehr zur Verfügung.

Der Katalog seiner Symptome liest sich übrigens wie ein Handbuch über psychosomatische Erkrankungen, aber auf dem Ohr ist er taub.

„Bleibt mir ja vom Leib mit diesen Psychokram“ wiegelt er Annas zaghafte Bitte, einen Psychologen aufzusuchen, regelmäßig ab. Therapie ist seiner Meinung nach nur was für hysterische Weiber, die mit seiner männlichen, allwissenden Art nicht klarkommen.

Da Jan als einzige Autoritäten „Doktor Google“ und die YouTube-Universität akzeptiert, hatte Herr Professor Dr. Dr. Weizenkeim vom Krankenhaus in A. einen schweren Stand, denn Jan weiß nicht nur zuhause alles, sondern immer und überall, was er auch gern jedem mitteilt.

Er irrlichtert durchs World Wide Web nach einem für ihn genehmen Krankheitsbild (geheimnisvoll, aber bitte nicht tödlich), gibt ein Vermögen für noch im Teststadium befindliche Medikamente ohne Zulassung aus, injiziert sich mittlerweile diese dubiosen Einkäufe selbst, und ist nach einem Disput mit seinem Zahnarzt jetzt außerdem dazu übergegangen, seine Zähne teilweise eigenständig zu behandeln. Im Internet gibt’s nämlich alles, auch die nötigen Mittel für eine Kariesfüllung.

Sie glauben mir nicht? Wollte ich anfangs auch nicht, stimmt aber.

Jan akzeptiert als Autorität niemanden außer Jan und führt, zusammen mit der Stimme in seinem Kopf, ein sehr einsames Leben. Genau wie seine Frau Anna.

Sie wird von ihm gezwungen, abwechselnd fleisch-, salz- oder eiweißlos zu kochen, das hängt immer davon ab, über welchen Artikel er im Internet gerade wieder gestolpert ist. Momentan hat er sich eine remittierende Lebensmittelunverträglichkeit attestiert, allerdings muss er noch herausfinden, um welche Nahrungsmittel es sich handelt. Einen diesbezüglich aufschlussreichen Bluttest möchte Jan nicht machen lassen, „weil in den Labors nur Idioten arbeiten“, die ihn nicht kennen. Er ist nämlich ein Spezialfall.

Finde ich auch.

Ich fürchte, Sie lesen aus meinen Zeilen eine gewisse Aversion gegen diesen Mann heraus. Da liegen Sie richtig. Ich tröste die schluchzende Anna nämlich am Telefon seit mindestens 15 Jahren, weil sie seit meiner Kindheit eine meiner engsten Freundinnen ist, und ich bin auch selbst schon in den Genuss seiner allumfassender Weisheit gekommen, als er mein erstes Buch in Händen hielt und mir detailliert in harschen Worten erklärte, was an Titel, Cover und Inhalt falsch sei.

Selbstverständlich hat er nie einen meiner Romane gelesen („keine Zeit“), geschweige denn selbst eines geschrieben („Irgendwann setze ich mich hin, da werdet ihr alle Augen machen!“), aber wenn das wirklich mal passiert, werden „Vom Winde verweht“ oder „50 Shades of Grey“ von den Weltbestsellerlisten verdrängt, davon ist Jan überzeugt. Sollte das Manuskript abgelehnt werden, ist eben der Verleger verblendet genug, ein wahres Genie nicht als solches zu erkennen.

Jan liest ohnehin generell nicht. Außer im Darknet geteilte Berichte über geheimnisvolle und hocheffiziente neue Medikamente… und Kontoauszüge. Da kann er Anna dann anschließend tadelnd fragen, warum sie anlässlich ihrer letzten Kiefer-Operation ein Schmerzmittel für 18,95 € kaufen musste, wenn es seiner Meinung nach eine Tasse Kamillentee auch getan hätte („Du bist so wehleidig“).

Immerhin lässt er selbst sich beim Dentisten grundsätzlich nicht einspritzen („Nur was für Weicheier“), wenn er mal tatsächlich einen Zahn nicht selbst reparieren kann und sich zu einem „Pfuscher“ in Behandlung begeben muss. Allerdings habe ich mir von Anna erzählen lassen, dass er seit seiner letzten Wurzelbehandlung anders darüber denkt… Sein Schrei, als der Zahnarzt den Nerv traf, muss bis ins Wartezimmer zu hören gewesen sein.

Mittlerweile ist der Freundeskreis der beiden auf genau 0 geschrumpft. Sie werden nicht mehr zu Grillpartys bei Nachbarn oder Geburtstagsfesten bei Bekannten eingeladen, denn niemand lässt sich in seinen eigenen vier Wänden gern erklären, was er beim Tapezieren/Boden verlegen/Heckeschneiden alles falsch macht. Jan braucht nur einen Raum zu betreten und findet sofort eine schiefe Kante an Ihrer Wohnzimmertapete oder eine herauslugende Lüsterklemme an der Deckenlampe.

Ja, der Mann hat ein Rad ab. Das steht außer Frage. Und er ist ein schwerer Fall mit einer Menge Probleme – die er seiner gebeutelten Frau mit aufbürdet.

Leider gibt es viele dieser Nörgler und Besserwisser in abgemilderter Form überall unter uns. Von bösen Zungen werden sie „Klugscheißer“ genannt, gelegentlich „Kontrollfreaks“ oder auch „Hypochonder“.

Anna hat das unglaubliche „Glück“, dass in Jan mehrere dieser Eigenschaften zu einem einzigen unangenehmen Exemplar verschmolzen sind.

„Ich komme gegen ihn einfach nicht an“ vertraute sie mir an. „Seit 15 Jahren erzählt er mir, was ich falsch mache. Er hat mich noch nie gelobt, sondern nörgelt nur an mir herum. Jetzt sind wir auch noch sozial isoliert und sitzen jedes Wochenende allein zuhause. Aber weißt du, irgendwie ist er total liebenswert und unheimlich intelligent. Er wird von den meisten Leuten nur falsch eingeschätzt. Die kennen ihn alle nicht richtig.“

Da kann man – fürchte ich – nichts mehr machen.

Bei uns in Bayern sagt man in einem Fall wie dem von Anna: „Es gehören immer zwei dazu.“ Einen, der es tut (Nörgeln), und einen, der es mit sich machen lässt. Wohl wahr.

Vor beinahe 30 Jahren war ich auch mal mit so einem Besserwisser / Dauernörgler zusammen. Er hieß Bruno und hatte politische Wissenschaften studiert. Wenn man ihn fragte, wie spät es war, erklärte er einem erst mal die Uhr. Hinterher wusste man die Zeit immer noch nicht, aber wenigstens hatten wir drüber gesprochen.

Bruno nörgelte an allem herum, genau wie Jan. Allerdings auf eine sehr gewählte Art und Weise.

„Bin ich zu abstrakt?“ fragte er anschließend immer, weil er der Meinung war, niemand hätte seine hochgestochene Kritik verstanden.

„Abstrakt ist das Gegenteil von konkret“ antwortete ich dann immer grinsend. Da müssen schon Metzger kommen und keine Wursträdchen, um mich zu verunsichern.

„Meine Mutter hat die immer ganz anders gefaltet, nicht so krumm an der Knopfleiste. Und dein Bügeleisen ist der letzte Schrott, das wird nicht heiß genug“ bemängelte er meine Arbeit, nachdem ich gefälligkeitshalber ein paar zerfledderte 70er-Jahre-Hemden für ihn geplättet hatte.

„Dann mach’s doch besser“ antwortete ich gelassen und warf die Dinger zusammengeknüllt wieder in den Wäschekorb. Von diesem Tag an bügelte der gute Bruno seine Hemden selbst, weil ich mich weigerte. Mit seinem funkelnden – neu erworbenen – Bügeleisen. Das selbstverständlich sehr viel teurer gewesen war als mein eigenes. Er verschmorte einige Krägen wegen zu hoch eingestellter Temperatur, und nach drei Wochen hatte er das Gerät geschrottet, weil er mit der höchsten Stufe seine vergilbten Polyesterhemden zu glätten versucht hatte. Das Hemd war mit dem Bügeleisen eine untrennbare Verbindung eingegangen. Es roch damals ziemlich streng im Haus.

Beim Kochen war Bruno selbsternannter Gourmet. Erstens kannte er nur die Portionsgröße: „ausgehungertes Landsknechts-Bataillon“ und bereitete grundsätzlich Mahlzeiten für mindestens 25 Personen zu, obwohl wir zu zweit waren. Zweitens warf er in alles, das erhitzt werden musste, pfundweise „Kräuter der Provence“, gleich, ob es sich um Gulasch, Rührei oder Grießauflauf handelte. Alles andere schmeckte ihm „zu bourgeois“ und nicht zeitgemäß.

„Du kannst nur aufwärmen“ behauptete er mehr als einmal. Das lag daran, dass ich im Regelfall seine Zwei-Kilo-Portionen klebriger Spaghetti, die er stets zu einem matschigen Klumpen verkochte und dann zusammen mit Olivenöl auf den Teller klatschte, nicht wegwerfen wollte, und deshalb solange täglich in der Pfanne briet, bis sie alle waren. Manchmal gab es 6 Tage am Stück Nudeln. Da bin ich knallhart.

Einmal schleppte er an Weihnachten freudestrahlend eine Monstrosität von Truthahn ins Haus, die gerade mal bis zu den Keulen in meinen Backofen passte. Er schmorte sie nach ein paar vergeblichen Versuchen, den Vogel ins Backrohr zu quetschen, kleinlaut, zusammen mit zwei Handvoll „Kräutern der Provence“ (was sonst?) in der Kasserolle und servierte sie mit den Worten: „Jetzt wirst du mal merken, wie Geflügel schmecken sollte“.

Die Kräuter der Provence überlagerten etwas den Geschmack nach angebranntem Styropor, aber diese Mahlzeit hatte ich mir ohnehin anders vorgestellt: essbar.

Anschließend gab es wochenlang Truthahn-Sandwich, Truthahn-Geschnetzeltes, Spaghetti-Auflauf mit Truthahn und Salat mit Truthahn. Und Kräutern der Provence. Damit Bruno wieder seinen Spruch „Du kannst nur aufwärmen“ anbringen durfte, weil ich es nicht übers Herz brachte, das fade Federvieh in den Mülleimer zu entsorgen.

Bruno hatte mir in jedem Lebensbereich etwas mitzuteilen, und tat das ausgiebig. Nach ungefähr 6 Monaten unserer Bekanntschaft benutzte ich meine innere „Mute“-Taste, sobald er den Mund aufmachte und blendete ihn aus, so dass nur noch eine Art weißes Rauschen zu mir durchdrang. Bis auf die Besserwisserei war er nämlich intelligent, großzügig, kultiviert und charmant. Da sieht man über einiges hinweg.

Aber er ließ sich nicht beirren und machte immer weiter.

Als ich eines schönen Tages vor dem Spiegel stand und mich in meinem neuen schwarzen Kleid bewunderte, trat er hinter mich und meinte: „Du glaubst, das ist schön? Stell dich doch mal echter Konkurrenz“. Vermutlich wollte er mir signalisieren, ich sollte Heidi Klum um ein gemeinsames Fotoshooting bitten und dann heulen, weil ich neben ihr wirken würde wie ein Trampel.

Das ließ mich aber unbeeindruckt, denn mit seinen hervortretenden wässrigen Augen, dem fliehenden Kinn und der Stauung am Mittleren Ring (So nennen wir in Bayern den Rettungsreif um die Taille) war er auch nicht gerade ein Gottesgeschenk, was ich ihm freundlich lächelnd umgehend mitteilte.

Anna hingegen wäre wohl umgehend zum Telefon gestürzt, um sich im Fitness-Studio und beim Schönheits-Chirurgen anzumelden.

„Da kriege ich lauter winzige Viecher in die Haare, und meine Schleimhäute trocknen aus! Es gibt keinen einzigen sinnvollen Grund, offen zu fahren“ quengelte er mal auf einem Sonntagsausflug. Wir fuhren mit meinem Cabrio gerade eine gewundene Landstraße entlang, die Sonne schien, der Himmel war blau, aber Bruno saß mit hochgezogener Kapuze bei 30 Grad im Schatten auf dem Beifahrersitz und starrte mich immer wieder giftig an. Ich ignorierte es.

„Kannst du nicht die Kurven einmal anders nehmen?“ beschwerte er sich. „Du fährst an der Haftgrenze deiner Reifen! Wieso schaltest du so spät? Wieso schaltest du so früh? Warum hast du gerade gebremst? Wieso gibst du ausgerechnet jetzt Gas? Nun überhole doch endlich, das reicht noch ewig. Himmel, ihr Frauen traut euch wirklich gar nichts. Euch fehlt das Peripheriesehen.“

Ich suchte mir einen Feldweg, blinkte rechts und stoppte am Fahrbahnrand.

„Da klingelt was, vorne rechts unter der Motorhaube“ sagte ich auf seinen fragenden Blick hin. „Kannst du mal nachsehen? Hört sich wirklich gefährlich an!“

Maulend stieg er aus – immer noch mit hochgezogener Kapuze. Ich wartete, bis er die Beifahrertür geschlossen hatte und fuhr weiter. Allein. Nie vergesse ich den ungläubigen Blick dieser verloren wirkenden Gestalt am Straßenrand. Sollte er mal schön per Anhalter sehen, wie er weiterkam.

Der brauchte keinen geschlossenen Wagen, sondern eine geschlossene Anstalt.

Das ist sehr lange her, aber ich erinnere mich manchmal noch daran, wie wichtig es ist, Anfängen zu wehren oder sich nicht so sehr von dieser Art Nörgelei beeindrucken zu lassen. Anna hat das leider nie getan. Darum wird sie immer „Mausi“ bleiben und weiterheulen.

Es gehören – wie ich vorhin schon erwähnte – immer zwei dazu. Der Nörgler lebt davon, dass seine Kritik auf fruchtbaren Boden fällt, auf Ihren nämlich. Wenn Sie darauf eingehen, öffnen Sie die Büchse der Pandora und die werden Sie nie mehr zukriegen. Das verspreche ich Ihnen!

Selbstverständlich gibt es absolut berechtigte Kritik. Wenn Ihr Krustenbraten in einer Salzlake schwimmt, die schmeckt wie das Tote Meer, dann haben Sie was falsch gemacht und können das auch offen eingestehen. Wenn Ihr Kleinwagen nach 465 vergeblichen Einpark-Versuchen aussieht, wie ein Golfball von Tiger Woods, dürfen Sie ruhig den Ratschlag eines Menschen annehmen, der schwungvoll sein Kfz einhändig in jeden Säulenparkplatz lenkt. Man kann nicht alles können.

Allerdings verlange ich von jedem, der mich kritisiert, dass er mir vorführt, wie er es besser macht. Das gilt für alles. Personen, die ihr Leben nicht auf der Reihe haben, dürfen mir keine Ratschläge erteilen.

Karlheinz, der es in den letzten 10 Jahren nicht geschafft hat, Menschen anders als kopf- oder beinlos abzulichten, und dessen Selfies aussehen, als wäre er der kleine Bruder von E.T., braucht mir nicht zu erklären, wie ich meine Digitalkamera auf Nachtaufnahmen einstelle.

Der hat genügend eigene Probleme.

Wer über mein Essen nörgelt, sollte mindestens ein Spiegelei zustande bringen. Kritik an meinem Outfit von Männern in Hosen, die aussehen wie eine Kleiderspende von Steve Erkel, mit löchrigem ungepflegtem Bart und in Holzfällerhemden, in denen sie zu ertrinken scheinen, ist nicht erwünscht. Kaufen Sie sich einen Spiegel, meine Herren!

Mit Besserwissern tut man sich ein wenig schwerer. Denen brauchen Sie gar nicht mit Fakten zu kommen. Ich kenne außer Jan noch so ein Exemplar. Gleich, ob Sie mit ihm über die bolivianische Agrarstruktur  oder das Haushaltsdefizit diskutieren, sparen Sie sich die Mühe, nach Beweisen zum Untermauern Ihrer Argumente zu googeln. Der Besserwisser wird sie nicht anerkennen und Ihnen erklären, dass er Einträgen im Internet prinzipiell nicht vertraut, weil da alles gefälscht ist.

Geben Sie einfach auf. Es gibt Dinge, die sind sinnlos und verschwendete Lebenszeit. Erfinden Sie einen dringendenTermin und machen Sie sich vom Acker, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben.

Sollten Sie die Stellung halten müssen, weil Sie mit dem Besserwisser verheiratet oder liiert sind, dann legen Sie sich eine Stummschalt-Taste zu. Die kostet nichts. Und sie erspart Ihnen viel Ärger. Ich weiß, wovon ich spreche.

Einen Besserwisser überzeugen Sie grundsätzlich von nichts, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen, in die Hände klatschen und dazu „La Paloma“ singen. Darum ist er ja ein Besserwisser. Würde er das aufgeben, hätte er nichts mehr.

Das Wichtigste im Umgang mit solchen Herren ist innere Gelassenheit und die Notwendigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein. Wenn ich weiß, was ich kann, wer ich bin, und was ich mir zutrauen darf, dann erschüttert mich kein Jan oder ein Bruno. Dann erschüttere ich eher die. Eine in sich ruhende, gefestigte Persönlichkeit, lässt sich nicht von ein paar hämischen Sticheleien oder ein wenig Nörgelei aus dem Takt bringen. Die weiß, was sie wert ist.

Sollten Sie einen Jan oder einen Bruno zuhause haben, dann lächeln Sie ab heute einfach milde zu Vorwürfen jedweder Couleur. Sogar, wenn die Nörgelei einen wahren Kern enthält, ist das noch lange kein Grund, Ihr Selbstvertrauen zu unterminieren zu lassen. Ehrlich gemeinte, konstruktive Kritik hingegen muss man vertragen können.

Aber grundlose Herabwürdigungen, diffamierende Behauptungen oder Verächtlichmachung der eigenen Talente und Fähigkeiten sind nicht in Ordnung. Daran sollten Sie denken.

Es lässt sich immer etwas ändern, und in einer Beziehung ist niemals ein Zustand irreversibel, sondern stets fließend. Kritik muss man als erwachsener Mensch anzunehmen imstande sein, dauerndes Genörgel aber nicht. Lassen Sie sich nicht verunsichern bitte – denn oft geht es wirklich nur darum.

Wir Frauen sind wunderbare, sensible Geschöpfe. Und wir haben gelegentlich ein nettes Wort verdient. Dafür einzustehen müssen Sie sich als gestandene Frau wert sein.

Also, los geht‘s. Wann fangen Sie damit an?

Ich wünsche Ihnen besinnliche, froh und vor allem nörgelfreie Weihnachten!

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Lügnern glaubt man manchmal auch...

Neulich las ich in einem Online-Magazin, dass jeder Mensch angeblich täglich im Schnitt ca. 200 Mal lügt. Das übertraf meine kühnsten Erwartungen.  Also recherchierte ich im Internet und fand diese Aussage mehr oder weniger bestätigt. Die meisten von uns lügen. Oft.

Das ist kaum zu glauben, wo man uns doch von Kindesbeinen an beibringt, dass die Wahrheit adelt. Aber dann dachte ich darüber nach, wie oft ich selbst schon geschwindelt hatte – um des lieben Friedens willen, um jemanden nicht zu kränken oder aus Bequemlichkeit.

Also fasste ich den Entschluss, einen ganzen Tag lang die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit.

Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich ausführt, was er sich vornimmt. Um es mir nicht allzu schwer zu machen, wählte ich für mein Experiment einen Sonntag. An einem normalen Arbeitstag wäre ich nämlich untergegangen und säße jetzt vermutlich gemobbt, gehasst und arbeitslos zuhause.

Sonntag war praktisch. Ich musste dem Boss nicht beteuern, dass die wichtigen Unterlagen schon ewig unterwegs waren. Ich musste dem jungen Mann vom indischen Call-Center nicht erklären, dass mir seine Anrufe und die seiner Kollegen aus der ganzen Welt tierisch auf den Senkel gehen.

Darum war der Sonntag klug gewählt. Um die Kollateralschäden so klein wie möglich zu halten, ging ich sicherheitshalber auch nicht ans Telefon, als meine Bekannte Marianne anrief. Sonst hätte ich ihr wahrheitsgemäß erklären müssen: „Ja, du störst, wie eigentlich immer seit 10 Jahren, weil dir meine Nummer nur einfällt, wenn es dir schlecht geht.“

Auf dem Weg zur Kirche fragte der Nachbar, ob mich sein Laub in meinem Teich ärgern würde. „Es ist Herbst, da bläst der Wind“ antwortete ich und kam mir vor wie Konfuzius persönlich. Oder Yoda. Nicht gelogen war das. Es nervt tatsächlich, dass ich wöchentlich mit dem Netz so viele Blätter aus dem Wasser fischen muss. Aber ich musste wenigstens nicht lügen. Es war, als würde man beim Zweikampf einen Ausfallschritt machen, um nicht mit dem Kämpfer der Gegenseite zusammenzustoßen.

„Wie fanden Sie die Predigt?“ wollte der Pfarrer am Ende des Gottesdienstes wissen, als er beim Verlassen der Kirche jedem Besucher die Hand schüttelte.

„Interessant“ antwortete ich.

Die Predigt war auch interessant gewesen – dieses Wort passt beinahe immer, vor allem dann, wenn man nicht sagen möchte: „Schon wieder Tod und Verderben heute? Da wird man ja trübsinnig, Herr Pfarrer.“ Ich hatte klug reagiert, finde ich.

„Gefällt dir unser neuer Wintergarten?“ wollte meine Schwester wissen, als ich ihr ein paar Tupperdosen zurückbrachte.

„Interessant“ wich ich geschickt aus. Das Ding sieht zwar aus wie ein quadratischer Brutkasten, ein Würfel aus Glasscheiben, Stahlstreben und Holz. Aber interessant ist es wirklich, wie Architekten es schaffen, einem so eine Monstrosität als Ergänzung für das Eigenheim zu verkaufen.

Bei einer lieben älteren Bekannten war ich gegen 16:00 Uhr zum Kaffee eingeladen. Sie wird nächstes Jahr 80. Liebevoll legte sie mir ein riesiges Stück Marmorkuchen auf den Teller, das schon beim Kontakt mit dem Porzellan ein merkwürdiges Geräusch machte, es hörte sich an wie hohles „Klack“.

Nach dem ersten Bissen balancierte ich gekonnt so diskret wie möglich einzelne Stücke mit der Kuchengabel in den Kaffee, um sie genießbar zu machen, aber sie sogen sich nicht richtig voll. Außerdem hatte meine Gastgeberin den Zucker beim Backen vergessen.

„Schmeckt er dir?“ fragte sie misstrauisch.

„Intereschant“ nuschelte ich und tunkte ein besonders großes Stück in die braune, dünne Brühe, die schmeckte wie der dritte Aufguss. Auf dem Tassenboden konnte man das Wasserzeichen erkennen.

Wieder kam ich mit dem Wort „interessant“ davon. Ich kann es weiterempfehlen. Außerdem finde ich es ja wirklich spannend, wie man aus Mehl, Butter, Backpulver und Eiern (den Zucker hatte sie wie erwähnt vergessen) Gebäck mit der Konsistenz von Trockenbeton herzustellen vermag.

Aber ich fürchte, sie hat mir nicht geglaubt.

„Hat’s Ihnen geschmeckt?“ fragte die Bedienung schließlich gestern Abend, als wir beim Essen waren, und musterte meinen halbvollen Teller skeptisch. Mir war klar, dass ich mit „interessant“ nicht durchkommen würde, denn der Koch hätte das vielleicht falsch aufgefasst.

„Oh, so spät schon!“ rief ich und warf einen entsetzten Blick auf meine Uhr. „Darf ich bitte bezahlen?“

Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das immer frage. Warum sollte ich nicht bezahlen dürfen? Noch nie hat eine Servicekraft „nein“ gesagt. Aber sie nickte und huschte zur Theke, um die Rechnung zu holen.  Das war knapp gewesen.

Den Rest des Abends durfte ich dann mit dem einzigen Menschen auf der Welt verbringen, dem ich so gut wie immer die Wahrheit sage. Fast immer. Naja, meistens. Beinahe ausschließlich. Wenn es irgendwie geht: Meinem Mann. Keine weiteren Vorkommnisse.

Danach lag ich im Bett und grübelte über ein paar Fragen nach, deren wahrheitsgemäße Beantwortung oft nicht ganz einfach ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nette Lügen nur allzu gern geglaubt werden. Unwahrheiten bleiben sie aber trotzdem. Die Wahrheit ist oft ein schwerverdaulicher Brocken, so etwas wie der Marmorkuchen meiner betagten Bekannten: schwer zu schlucken.

Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn man mal einen Tag lang so richtig ehrlich wäre. Gemein ehrlich.

Im Büro: „Ja, Chef, logisch habe ich die Belege an die Firma Weizenkeim schon weitergeleitet. Was sagen Sie? Überstunden? Die ganze Woche? Klar, gerne, ich lebe für die Firma.“

Wahrheit: „Der Weizenkeim von ‚Weizenkeim & Söhne‘ soll sich nicht so anstellen wegen dem bisschen Papier. Die sind ohnehin fast pleite, und seine Frau geht mit dem Poolreiniger fremd, habe ich gehört. Ich wette, der hat grade ganz andere Sorgen als die Belege von mir. Und wegen der Überstunden: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich scharf darauf bin, noch zwei Stunden länger täglich in diesem Affenstall zu sitzen, von Toner-Feinstaub und Sporen aus der Klimaanlage umschmeichelt? Aber mir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, sonst werfen Sie mich raus.

Beim Boss: „Entschuldigung, dass ich so spät komme! Erst wurde der Pudel meiner Nachbarin vom Cousin des Bruders ihres Freundes überfahren, und ich musste den Hund zum Tierarzt bringen, aber leider mit dem Fahrrad, denn mein Auto hatte einen Platten, weil heute Nacht Killerbienen mein Dorf überfallen und hunderte Löcher in die Reifen gestochen haben. Als der Pudel operiert war, erwischte ich den Bus nicht mehr und musste per Anhalter zur Arbeit fahren. Dabei wurde ich von guatemaltekischen Bauarbeitern entführt, die mit mir ihren Anführer aus einem Gulag freipressen wollten und erst nach zwei Stunden feststellten, dass mich in Russland kein Schwein kennt. Dann haben sie mich wieder ausgesetzt und jetzt bin ich hier.  Diesen halben Tag muss ich jetzt aber hoffentlich nicht reinarbeiten, oder? Ist ja höhere Gewalt, so eine Entführung.“

Wahrheit: Ich war gestern besoffen wie eine Haubitze, weil wir Hans-Rüdigers Geburtstag im „Zornigen Lindwurm“ mit ein paar Hektolitern Bier gefeiert haben, und bin mit dem Gesicht in einem Blumenkübel vor der Kneipe auf Knien eingeschlafen, aber heute Morgen um 4:50 gottseidank rechtzeitig aufgewacht, ehe mich die Müllabfuhr aufladen konnte. Dann versuchte ich, nach Hause zu laufen, tastete mich um eine Litfaß-Säule herum und dachte, ich sei eingemauert. Es hat eine Stunde gedauert, bis ich bemerkte, dass ich weitergehen konnte. Endlich daheim, musste ich mit dem Schlüssel in der Hand eine Zeitlang warten, bis mein Haus vorbeikommt, weil ich zu betrunken war, um das Schüsselloch zu finden und sich die ganze Straße um mich gedreht hat. Aber immerhin bin ich zumindest frisch geduscht. Glaube ich wenigstens. Arbeite ich eigentlich überhaupt hier?

Der Kollegin mit dem neuen Outfit: „Das sieht wirklich super an dir aus, du kannst alles tragen, Vanessa. Trau dich ruhig öfter mal, nein, das ist nicht zu gewagt.“

Wahrheit: Vanessa sieht in dem neonroten Etuikleid mit den Overknee-Stiefeln aus wie eine Presswurst, die anschaffen geht. Außerdem ist das in ihrem Gesicht kein Make-Up, sondern Bauernmalerei, vermutlich klopft sie das Zeug allabendlich mit dem Spachtel ab. Sobald man ihr aber mitteilt, dass sie klugerweise ihre Klamotten zukünftig mindestens drei Nummern größer kaufen sollte und beim Lidschatten weniger mehr ist, redet sie wieder vier Wochen lang nichts mit mir. Was schlecht wäre, da ich sie schon als Urlaubsvertretung eingetragen habe.  Soll sie doch rumlaufen, wie sie möchte.

Der hochschwangeren Freundin: „Nein, leider kann ich zu deiner Babyparty nicht kommen, Claudia, ich glaube, ich hab‘ mir was geholt und möchte dich nicht anstecken.“

Wahrheit: Klar hab‘ ich mir was geholt – eine Tiefkühlpizza, Erdnusslocken und einen Eimer Schokoladeneis mit Nuss-Splittern. Bei Netflix sind nämlich neue Folgen meiner Lieblingsserie rausgekommen, und wenn du denkst, dass ich lieber freiwillig mit einem Haufen kichernder Weiber zusammensitze, um bei jedem pinkfarbenen Lätzchen in entzücktes Kreischen auszubrechen, statt in Jogginghosen auf der Couch fernzusehen, hast du dich geschnitten. Lad mich zur Konfirmation ein oder wenn das Kind stubenrein ist.  Bis dahin dürfte ich mit meiner Watchlist durch sein.

Dem Bekannten in der Fußgängerzone: „Wie es mir geht, Klaus? Spitze, einfach nur super.“

Wahrheit: Neulich wurde beim Arzt jede meiner Körperöffnungen mittels monströser und geheimnisvoller Instrumente sondiert, weil ich immer aufstoßen muss, wenn ich Udo Lindenberg im Fernsehen sehe. Außerdem hat man mir einen halber Liter Blut abgezapft, um mich auf Maul- und Klauenseuche, Kolbenfresser oder Beulenpest zu checken. Meine Freundin hat mich verlassen, mein Herpes ist an einer unaussprechlichen Stelle wieder aufgetaucht, und vorhin habe ich auf der Autobahn einen halben Meter meines Auspuffs verloren und dafür einen Strafzettel in Höhe des Brutto-Inlandproduktes von Bolivien kassiert. Meine Arterien sind laut meiner Cholesterinwerte verstopft wie der Gotthardt-Tunnel zu Ferienbeginn, und die Aktien, die ich mir auf Anraten meines geschniegelten, anzugtragenden Bankberaters gekauft habe, haben über Nacht 90 % ihres Nennwerts verloren. Helene Fischer antwortete nicht auf meine Bitte nach einem Nacktfoto und ich bin so pleite wie Venezuela. Mindestens.

Aber wenn ich dir Waschweib das erzähle, könnte ich mich genauso gut mit einem Megaphon auf den Marktplatz stellen und es fremden Leuten ins Ohr brüllen oder Flyer im ICE verteilen, du Tratsche. Also behaupte ich dreist das Gegenteil und hoffe, dass du meine untertassengroßen Augenringe und die weiße Stelle am Ringerfinger übersiehst. Dass ich pleite bin, wirst du schon merken, wenn ich meine Schulden an dich nicht zurückzahle.

Dem Bekannten bei einer Einladung ins Kino: „The Fast & the Furious, Teil 14? Da muss ich erst noch in meinem Terminkalender nachsehen, ich hab‘ grad so extrem viel um die Ohren. Irgendwas war da an dem Tag, es fällt mir nur gerade nicht ein. Ich melde mich per Whats App.“

Wahrheit: Das glaubst auch nur du, dass ich mich in ein voll besetztes Schachtelkino mit wildfremden zweibeinigen Bakterienschleudern setze, die neben mir alles vollrotzen, röchelnd während des gesamten Films husten, klebriges Popcorn auf meinem Schoß verteilen, mit dem Handy am Ohr den Film kommentieren oder mir ständig ins Kreuz treten, wenn sie hinter mir sitzen. Außerdem hab ich noch 68 Blockbuster auf meiner Watchlist, eine neue Heimkino-Soundanlage mir Presslufthammer-Effekt für Action-Streifen sowie ein gemütliches Sofa mit eingebautem Erdnuss-Fach, Getränkehalter und Massageköpfen in der Rückenlehne.  Ich kann meine eigene Toilette benutzen und brauche nicht durch einen halben Meter nasses Klopapier auf dem Boden zu waten, bis ich die Schüssel erreiche, wenn ich mitten im Film mal raus muss.

Das wird nix, und mit einer Whats-App, die ich dir morgen schicke, kann ich mich prima rauswinden. Anschließend blockiere ich dich für 4 Wochen, bis du nicht mehr sauer auf mich bist.

Im Bekleidungsgeschäft: „Also, ich finde das Kleid ganz hübsch. Aber da muss ich ein wenig darüber nachdenken, ob das wirklich zu mir passt. Ich sehe mich noch ein wenig um da hinten. Bei den BHs aus Nato-Draht.“

Wahrheit: Diesen gruseligen Lappen in Amöbenform mit Kunstpelz an strategisch unwichtigen Stellen kannst du verkaufen, wem du willst. Darin sehe ich ja aus wie eine Kreuzung aus Hulk und dem Bigfoot.  Außerdem sind 228,94 Euro ein bisschen viel für zwei Pfund Polyester mit Strass, Pailletten und Plastikfell. In dem Teil werde ich garantiert auf der Straße mit einer Pinhata verwechselt, und irgendjemand wird versuchen, Süßigkeiten aus mir herauszuklopfen mit einem Baseballschläger. Da ich dich aber nicht loskriege, weil du schon eine halbe Stunde lang wie ein ausgehungerter Geier hinter den Funktionsjacken gelauert hast, lüge ich dich an und behaupte, dass ich wiederkomme. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.

Beim Kundendienst: „Natürlich habe ich den Toaster immer absolut pfleglich behandelt, als wäre er ein Neugeborenes, glauben Sie mir. Plötzlich sind aber die Funken geflogen, im ganzen Haus war die Sicherung raus, und ich habe einen Stromschlag bekommen. Ich fürchte, ich muss Ihre Firma wegen Körperverletzung verklagen, wenn Sie mir das Gerät nicht ersetzen. Immerhin handelt es sich um einen Garantiefall.“

Wahrheit: Ich kann  doch nicht eingestehen, dass mein schwarzer Kater stinksauer auf mich war, weil ich das falsche Futter gekauft habe, und deshalb auf mein Käse-Sandwich gepinkelt hat, als es gerade im Toaster röstete. Außerdem habe ich das Gerät anschließend komplett auseinandergebaut, alle Teile gespült und mit dem Föhn getrocknet und dann wieder zusammengesetzt. Die übriggebliebenen Schrauben schicke ich Ihnen in einem eigenen Beutel mit. Keine Sorge. Aber wehe, Sie machen keinen Garantiefall draus – ich kenne meine Rechte.

Beim Arzt auf die Frage, wie viele Zigaretten man täglich raucht: „Höchstens 10 Stück, vielleicht mal 11. Ich schwöre.“

Wahrheit: Ich glaube, früher, im analogen Zeitalter, waren die Ärzte nicht so penetrant, Herr Doktor. Schon mal was von der DSVGO gehört? Und das wollen Sie vielleicht sogar noch aufschreiben? Wer sieht das dann alles, etwa Ihre sämtlichen Sprechstundenhilfen? Kriegt das auch die Krankenkasse? Was ist mit dem Datenschutz? Ich rufe Heiko Maas an und beschwere mich, wenn Sie das machen. Klar rauche ich drei Schachteln Kippen täglich, sogar im Schlaf, in der Badewanne und während des Geschlechtsverkehrs. Bin eben ein nervöser Typ.  Zur Not rauche ich auch die Füllung meines Sofas oder das Heu aus dem Meerschweinchen-Käfig, wenn ich am Monatsende pleite bin. Aber das kann ich Ihnen gegenüber auf keinen Fall zugeben, sonst verlangen Sie am Ende noch, dass ich damit aufhöre.

Beim Tierarzt: „Nein, so was kriegt der von mir nicht. Ich kenne mich aus, ich hab seit Jahrzehnten Tiere!“

Wahrheit: Meine Güte, gucken Sie mich doch nicht so ernst an, Herr Doktor. Klar hat mein Lieblingskater erst neulich ein Viertelpfund Butter geklaut und auf einen Rutsch runtergeschlungen – samt der Alufolie, aber das kommt doch nach einem Tag wieder raus, oder? Sogar viel schneller, wegen der vielen Butter, weil es gut rutscht. Außerdem wissen Sie gar nicht, wie treuherzig der schauen kann, wenn er was möchte, dem würden Sie auch was geben.  Am liebsten mag er Marzipan, das rollt er mit seinen niedlichen Pfötchen zu einem Knödel und spielt erst mal damit. Kuchen? Wer hat gesagt, dass ich für meinen Kater Kuchen backe? Ich selbst? Na gut, aber das war nur einmal. Zweimal. Ok – er kriegt jede Woche einen. Sie würden das auch machen, wenn Sie so einen Hutschi-Gutschi-Knuddel-Muddel hätten.

Außerdem hab ich neulich von einem Hund gelesen, der jeden Tag 5 Zigaretten frisst, das Nikotin BRAUCHT der, sonst geht der ein. Ich finde, das ist schlimmer als ein bisschen Nougat oder Marmelade. Ich bin ein sehr verantwortungsbewusster Tierhalter, immerhin kriegt meine Katze keine Kippen. Da können sich andere eine Scheibe von meinem Verhalten abschneiden.

Beim Geburtstag des Großneffen: „Du weißt ja, wie es finanziell bei mir aussieht, darum gibt es nur eine Kleinigkeit, Andreas. Ach, das Leben ist so teuer geworden, kennst du ja selbst. Diese Hose hab ich jetzt schon 20 Jahre. Die hält noch mal 10.“

Wahrheit: Du undankbares Balg hast in den letzten 10 Jahren kontinuierlich jeden meiner Geburtstage vergessen. Wenn du denkst, dass ich dir mehr als 5 Euro ins Kuvert lege, hast du dich geschnitten. Klar habe ich Geld wie Dreck, aber es ist mein Dreck, nicht deiner. Leute, die mir nicht gratulieren oder sich nur zum Schnorren bei mir blicken lassen, kriegen ein paar warme Worte. Oder kalte. Für so was verschwende ich keine Energie – die kostet schließlich  ein Vermögen. Übrigens erbst du von mir nur das, was du siehst, wenn du die Augen schließt: nichts. Stell dich gleich mal drauf ein. Nur schade, dass ich dein doofes Gesicht bei der Testaments-Eröffnung nicht sehen kann.

Und jetzt mach dich vom Acker, es ist 17:00 Uhr, und ich möchte mir gern wie jeden Tag um diese Zeit eine Zigarre an einem 200-Euro-Schein anzünden.

Zur guten Freundin:  „Also Laura, du brauchst doch keine Falten-Unterspritzung, du siehst 10 Jahre jünger aus als du bist.“

Wahrheit: Von wegen. Deine Mundpartie hat die optische Beschaffenheit von Seersucker-Bettwäsche, und deine Krähenfüße reichen mittlerweile bis ans Kinn. Da kannst du beim Hautarzt gleich Collagen im praktischen 30-Liter-Fass bestellen. Aber du warst ja früher immer zu knickerig, dir mal ein Fläschchen Oil of Olaz zu leisten, du Geizkrägin.

Mach dir einfach einen straffen Pferdeschwanz, vielleicht zieht es die Haut nach hinten. Warum glaubst du den Scheiß eigentlich, den ich dir erzähle von wegen, du siehst viel jünger aus? Hast du keinen Spiegel?

Was guckst du denn jetzt so sauer? Das geht aber schon noch klar, dass du meinen Hund fütterst, wenn ich demnächst vier Wochen nach Neuseeland fliege, oder?

Bei der Polizeikontrolle: „Herr Wachtmeister, ich hab‘ allerhöchstens ein Bier getrunken. Schauen Sie mich an. Können diese Augen lügen?“

Wahrheit: Beweist mir erst mal die 14 Korn und 8 Bier in der Pilsbar vorhin, ihr Superbullen. Ich bin nämlich durch jahrelange Übung gestählter Kampftrinker und laufe auch mit 3,6 Promille noch kerzengerade auf einer weißen durchgezogenen Linie völlig aufrecht und ohne zu schwanken. Oh, so ein Mist, jetzt habe ich mir die Nase an diesem überfahrenen Igel zerstochen.  Wieso liegt auf deutschen Straßen so viel Müll rum? Helfen Sie mir sofort hoch, sonst verklage ich Sie alle!

Beim Ehemann: „Das war runtergesetzt und viel billiger, Schatz.“

Wahrheit: Dieser Designer-Fetzen kostet so viel wie der Gebrauchtwagen meiner Nachbarin, aber das wirst du nie herausfinden, weil ich den Kassenzettel unter der Angora-Unterwäsche von Oma versteckt habe und du außerdem keine Ahnung von Haute Couture hast, du Depp. Außerdem tue ich das nur für dich, Süßer. Und die Wahrheit würde dich nur verunsichern. Nein, Heinz-Rüdiger – zu viel Handtaschen oder Schuhe gibt es nicht. Das ist ein urbanes Märchen. Nächstes Mal hebe ich den Kassenzettel auf, klar. Versprochen.

Zur Not lasse ich mir einen fälschen.

Nochmal zum Ehemann: „Ich hoffe, es schmeckt dir, Schatzi, hat viel Arbeit gemacht und ist mit Liebe zubereitet.“

Wahrheit: Es hat viel Arbeit gemacht, an der Tiefkühl-Theke im Supermarkt die Fotos auf den Verpackungen der Fertiggerichte eingehend in Augenschein zu nehmen. Das Zeug muss ja so authentisch wie möglich aussehen, damit ich es dir als von mir selbst zubereitete Mahlzeit unterjubeln kann. Hilfreich ist dabei, dass ich dir alles so lieblos auf den Teller knalle, als wäre ich dafür eine Stunde am Herd gestanden und jetzt total erschöpft.

Außerdem habe ich dir noch nie was Abgelaufenes untergejubelt. Wenn das nicht Liebe ist.

Am eigenen Geburtstag:  „Das hab ich mir schon immer gewünscht, vielen Dank!“

Wahrheit: Ja, genau. Das habe ich mir immer gewünscht: noch eine schiefe Blumenvase in knalligem Pink oder ein Plastik-Bilderrahmen mit einer Biene drauf und einem Brustbild von dir. Welchen Grund sollte ich haben, diesen Kitsch auf meiner Anrichte zu platzieren, damit ich dein dämliches Grinsen täglich sehe? Aber gut – immer noch besser als der Gutschein für 10 Minuten Fußmassage vom letzten Jahr oder die Einladung zum Abendessen, die sich als Veggie-Burger mit mittleren Pommes bei McDonalds entpuppt hat.

Das Essen war ich wenigstens am nächsten Tag wieder los. Wohin ich allmählich die ganzen Staubfänger stellen kann, mit denen ich jährlich von dir beglückt werde, muss ich noch herausfinden. Das wollten sie nicht mal im Wertstoffhof.

Sie sehen also: Meine boshafte – leider durch Lebenserfahrung angereicherte – Phantasie kennt keine Grenzen. Trotzdem wäre es sinnvoll, sich gelegentlich mit dem Prinzip von Lüge und Wahrheit auseinanderzusetzen. Und sich nicht selbst dabei zu belügen.

Ich persönlich habe mir vorgenommen, keine falschen Komplimente mehr zu verteilen, wenn ich gefragt werde, wie ein gewisses Kleidungsstück an gewissen Personen aussieht. Das wird schwerer, als es sich anhört, da bin ich mir sicher. Aber Lügen ist auch immer ein bisschen Feigheit. Die Wahrheit sollte nur dann taktvoll umschrieben werden, wenn sie zu sehr kränken würde. Denn man gewöhnt sich so schnell an alles. Auch an 200 Lügen täglich. Denken Sie mal drüber nach.

Und jetzt wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Woche. Ganz im Ernst. Wirklich wahr. Was? Das dürfen Sie ruhig glauben. Ehrlich.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Mit „Emanzipation rückwärts“ hat unsere Kolumnistin Barbara Edelmann eine augenzwinkernde Geschichte über eine Frau, die nicht mehr alles selbst erledigt, geschrieben.

Früher, als Teenager, hatte ich für Aufgaben von Mama, die ich hasste, eine perfekte Methode entwickelt: Ich stellte mich so ungeschickt an, bis sie mir entnervt die Arbeit abnahm mit den Worten: „Ich mach’s selbst. Gib schon her.“ Das funktionierte lange Jahre perfekt.

Aber dann kam Alice Schwarzer. Gegen Ende meiner Teenagerzeit strebte die Frauenbewegung gerade ihrem Höhepunkt entgegen. Frau Schwarzer leuchtete einem von unzähligen Titelseiten entgegen, wütende Mädels verbrannten ihre BHs (hätten wir uns nicht leisten können), andere gingen auf die Barrikaden gegen Sexismus, und die 68er-Bewegung hatte einige Jahre zuvor lauthals verkündet: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.“ Alles schien erlaubt, nichts wirklich verboten, man konnte ausprobieren, was man wollte. Es waren wilde Zeiten.

Nur in Würden gealterte Senioren hielten einem damals noch Restaurant-Türen auf und wurden von jungen Männern dafür verspottet. Es war ein Zeitalter des Neubeginns, des Aufbrechens von angeblich überholten Moralvorstellungen. Verkrustete Strukturen zerbröselten innerhalb weniger Jahre, und wer sich auf Manieren berief, galt als altmodisch.

Wir Damen zahlten prinzipiell in Lokalen selbst. Ausnahmen von dieser eisernen Regel „Eine Frau lässt sich von einem Mann nichts schenken“, wurden gründlich ausdiskutiert („Also gut, du lädst mich ein, weil ich eine Frau bin. Aber beim nächsten Mal zahle ich, klar? Und bring mir ja keine Blumen mit – ich bin nicht käuflich“). Man wollte sich ja keine Blöße geben.

Frauen, die sich nicht an die gängige „Mädels an die Schlagbohrer“-Doktrin hielten, wurden als „Weibchen“ belächelt, die zu faul waren, alles selbst zu machen. Nur zum Kinderzeugen brauchte man die Herren der Schöpfung damals noch, aber findige Damen fanden Mittel und Wege, dieses umständliche Verfahren auf effiziente Art und Weise abzukürzen. Nur der Himmel schien unsere Grenze zu sein. Endlich.

Frauenbewegung und Emanzipation waren allerdings auch dringend nötig. Das wurde mir eines Abends in einer Kneipe bewusst, als ich ein Gespräch vom Nebentisch mitbekam, wo ein kleiner, gedrungener Bursche Mitte 20 (wir nannten so was früher „laufender Meter“) seinem Kumpel erklärte: „Eine Frau mit Charakter vergiftet sich mit 30.“ Der Typ ist heute übrigens immer noch Single und würde vermutlich mit Handkuss eine 30jährige nehmen. Aber das nur am Rande.

Ich wuchs mit dem Satz „Frauen an die Macht“ auf. Selbstverständlich war vor dieser Bewegung einiges im Argen gelegen, sonst wäre sie erst gar nicht entstanden, aber mit den Auswüchsen der Emanzipation kämpfen faule Weibsbilder wie ich seit deren Entstehung.

Ja. Ich bin träge. Und ich hasse sogenannte „Männerarbeiten.“ Dazu gehört das Wechseln von Zündkerzen oder Reifen, das Kürzen des Rasens mit monströsen Benzinmähern, das Schleppen schwerer Gegenstände, oder das Über-Kopf-Streichen von Balkon-Verkleidungen. Dabei hat alles einmal so gut angefangen.

„Wie kannst du nur? Damit sie gleich weiß, was sie als erwachsene Frau bis ans Ende ihres Lebens zu tun hat?“ fragte ich vor rund einem Vierteljahrhundert entrüstet eine Freundin, nachdem sie mir von der Mini-Bügelstation als Weihnachtsgeschenk für ihre siebenjährige Tochter erzählt hatte.

„Aber… sie hat sich das doch selbst gewünscht“ antwortete meine Freundin damals verlegen. Nein, ich wollte diese Mutter nicht davon überzeugen, ihrer Tochter einen Satz Schraubenschlüssel zu schenken, aber ich war so was von emanzipiert und wehrte mich vehement gegen die Vorstellung, dass mein gesamtes Dasein nur von Kochen, Putzen oder Bügeln geprägt sein sollte.

Immerhin hattenwir  jetzt endlich die gleichen Rechte wie jeder Mann. Dass darin aber auch die gleichen Pflichten beinhaltet waren, sagte einem leider damals keiner, sonst hätte vielleicht die eine oder andere von uns nochmal darüber nachgedacht.

Denn die Männer waren nicht blöd und fanden Emanzipation natürlich unglaublich praktisch. Sie war so was wie moralisches Viagra für Rüpel. Endlich schien es vorbei mit dieser altbackenen Unsitte, einer Frau Auto- oder Restauranttüren aufzuhalten geschweige denn, das Essen im Lokal zu bezahlen oder gar das Kino.

„Du bist ja total unabhängig, du kannst das selbst“ bekam ich mehr als einmal zu hören. Viele Männer pickten sich – genau wie einige Frauen – nur die Rosinen aus der ganzen Geschichte.

Es war trotzdem eine tolle Zeit. Wir trugen violette Latzhosen, fuhren Rollschuh, trugen BHs oder keine (meistens keine…), und es bürgerte sich ein, dass auch Frauen Männer anbaggern durften, ohne schief angesehen zu werden. Niemand dachte sich etwas dabei. Wer auch nur auf ein Mindestmaß an zivilisatorisch über Jahrhunderte gewachsenen Umgangsformen pochte, wurde als „Ewiggestriger“ gebrandmarkt und „wenig fortschrittlich“ genannt.

Ja. Es waren goldene Zeiten für Männer. Für mich als Frau eher weniger, denn ich musste mich aufgrund meiner nagelneuen gesetzlich verordneten Unabhängigkeit mit wenig beliebten Geräten wie Schlagbohrmaschinen, Zollstöcken, Hämmern oder Radkreuzen anfreunden. Die hätte ich in den 50er-Jahren niemals gebraucht. Im Gegenzug für das Wahlrecht, das Recht mein Einkommen selbst zu verwalten und ein Bankkonto zu führen, sowie das Recht auf bezahlte Erwerbstätigkeit, bekamen wir auch etliche Dinge aufs Auge gedrückt, die wir lieber nach wie vor den Herren der Schöpfung überlassen hätten.

Als junge Frau merkte ich schnell, dass diese Emanzipation auch ihre Schattenseiten hatte. Wenn ich zum Beispiel zu hören bekam: „Einen Bad-Spiegelschrank anschließen? Das kannst du doch allein. Ihr wollt doch immer selbständig sein. Macht was draus.“

Damals bekam ich, auf einem Hocker über dem Waschbecken balancierend, einen Stromschlag, und knallte erst mal mit dem Kopf auf die Toilettenschüssel vor lauter Schreck. Der verschmorte Fleck an meinem linken Unterarm (niemand hatte mir geraten, die Sicherungen rauszuschrauben) war noch wochenlang sichtbar.

Bei den nächsten 30 Deckenleuchten war ich vorsichtiger geworden, und bis auf das eine Mal beim Anschluss zweier riesiger Bass-Lautsprecher 1992 ist mir nie mehr ein Missgeschick mit Strom passiert. Da kroch ich anschließend auf dem Boden herum und fragte wimmernd: „Bin ich jetzt tot?“, was für Gelächter unter den anwesenden Herren der Schöpfung sorgte.

Und weiter emanzipierte ich mich durch die Tage. Ich schaufelte zum Beispiel ganz allein 6 Tonnen Kies für eine Beet-Umrandung, weil mir der freundliche (männliche) LKW-Fahrer das Zeug zwar in die Einfahrt schüttete, aber dann schnell wieder verschwand. Aber mit Wut im Bauch schippt es sich ganz gut, und ich war anschließend unglaublich stolz auf mich. Krumm, mit Hexenschuss und Wärmflasche auf dem Sofa, aber stolz.

Einmal tapezierte ich eine Küche mutterseelenallein mit einem Spülschwamm (ich hatte keinen Pinsel) und der Arbeitsfläche als Tapeziertisch. Das Ergebnis hielt viele Jahre bombenfest.

„Das ist ganz leicht, brauchen Sie nur abzuschrauben und das andere einzusetzen“ erklärte mir ein freundlicher Mann vom „Landmarkt“, als ich ihm von meinem Rasenmäher-Scherblatt erzählte, weil es das Gras nicht mehr schnitt, sondern rupfte. Er verkaufte mir ein neues, das glänzte und blinkte. Ich habe es eingebaut. Mir blieb keine andere Wahl – weit und breit war kein Mann in Sicht, der einer hübschen emanzipierten Frau diese Aufgabe abnehmen wollte.

Zusammen mit einer Freundin schraubte ich in der Rekordzeit von zwei Stunden meinen neuen Couchtisch zusammen. In der Anleitung hatte allerdings gestanden: „30 Minuten“. Nach einer Stunde war ich übrigens bereit, meinen großen Hammer zu holen und alles zu Klump zu schlagen vor lauter Wut. Aber so männlich wollte ich nicht werden.

Täglich gab es eine Million Dinge zu tun, für die mich Mutter Natur nicht konzipiert hatte. Zum Beispiel musste an meinem früheren Wohnort mehrmals jährlich ein Steilhang gemäht werden. Nachdem sich das Sensenblatt mehrere Male nur Millimeter neben meinem linken Fuß in den Boden gegraben hatte, kaufte ich mir eine Motorsense. Und passend dazu Handschuhe und Schneidschutzhosen plus Brille und Arbeitsschuhe, denn ich gedachte meine Zehen weiterhin zu benützen. In einem Stück.

Eine elektrische Heckenschere schaffte ich mir nach vergeblichen Versuchen mit einer manuellen an. Selbstverständlich kaufte ich eine mit 70-cm-Schwert, denn ich war ja gleichberechtigt und hatte mir das bei den Männern abgeschaut: „Meiner ist größer“ lautete das Motto. Mit dieser riesigen Heckenschere durchtrennte ich dann mehrere Male das elektrische Zuleitungskabel, aber zumindest nicht meinen Arm.

Einmal platzte mir ein Reifen kurz vor einer Autobahn-Abfahrt. Ich schaffte es gerade noch so, die Autobahn zu verlassen und bockte dann mit dem Wagenheber das Fahrzeug auf, um den Reifen zu wechseln. Und scheiterte an der Tatsache, dass mir fürs Lockern der Radmuttern das Muskelschmalz fehlte, weswegen ich kleinlaut den ADAC rufen musste. Als ich mich kniend und fluchend mit dem Ersatzreifen abmühte, hielt übrigens kein einziger der an mir vorbeifahrenden Herren an. Ich war ja emanzipiert. Von wegen Kavaliere. Und dabei sah ich Alice Schwarzer nicht mal ansatzweise ähnlich.

Irgendwann ging mir auf, dass es unglaublich anstrengend war, gleichberechtigt zu sein. Die Männer ließen sämtliche Werkzeuge und Manieren unter den Tisch fallen, denn wir wollten es ja angeblich nicht anders. Jetzt hatten wir endlich alle Rechte und mussten tatsächlich wegen dieser Rüpel unsere Regale selbst an die Wand schrauben. Das fand ich nicht fair. Und schmutzig wurde man dabei außerdem.

Ich habe in den letzten 30 Jahren mehr als genug Regale an die Wand gedübelt (ist wie Lotto, mal hält’s, mal nicht), meinen Staubsauger-Roboter komplett zerlegt, um das Getriebe zu reinigen, den Akku meines I-Phones mit Hilfe eines YouTube-Videos ersetzt, meinen Router konfiguriert, 4 Websites erstellt und hochgeladen, so gut wie alle elektrischen Geräte in meiner Wohnung selbst angeschlossen und meinen alten Jeep wochenlang von Hand abgeschliffen und dann lackiert.

Ich habe schwere Arbeitsmaschinen auf Baustellen gefahren (fragen Sie nicht…), und meine Rollläden repariert, was mich beinahe einen Finger gekostet hätte. Das einzige, wobei ich kläglich versagte, ist Holzhacken. Ich besitze einen großen Vorrat an hübschen Stiefeln, und ohne Kniescheibe sehen die nur halb so gut aus. Auch von Tisch-Kreissägen lasse ich die Finger, ich kenne mich zu gut.

Nach Jahrzehnten voller Emanzipation war ich an der Gleichberechtigung gereift und gewachsen und versuchte deshalb, meine mühsam erworbenen Erkenntnisse an andere Frauen weiterzugeben.

„Geht nicht gibt’s nicht“ predigte ich meinen „Zieh-Töchtern“, die bei mir Wochenenden und Ferien verbrachten. Dieses junge Menschenmaterial war nämlich formbar. Denen konnte ich beibringen, wie toll das mit der Gleichberechtigung war.

„Das einzige, das ihr nicht könnt, ist ein ‚Z‘ in den Schnee zu pinkeln, ansonsten gibt es zwischen den Fähigkeiten von Männern und Frauen keine Unterschiede“ erklärte ich den staunenden Mädchen, die es sich zu Herzen nahmen und sich zu tollen, bodenständigen erwachsenen Frauen entwickelten.

Die Siebenjährige von damals mit dem Bügelstation ist heute übrigens eine aufgeweckte junge Dame mit dem Herzen am rechten Fleck. Und soviel ich weiß, plättet sie nicht übermäßig gern, sondern fährt lieber PS-starke Sportwägen. Aus meinen „Ziehtöchtern“ sind prächtige Weibsbilder geworden, die sich von niemandem ein X für ein U vormachen lassen. Alle stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden und verdienen ihr eigenes Geld. Keine von ihnen ist von einem Mann abhängig.

Nach all dem Dübeln, Streichen, Mähen und Reparieren war ich allerdings etwas biestig geworden, wenn ein Mann mir stotternd sein schmutziges Hemd entgegenhielt mit der Bitte, es zu waschen und zu bügeln. „Mach’s selbst. Unten steht die Maschine. Und das Bügeleisen im Hauswirtschaftsraum“ bekam er dann zu hören. Eine Liebe ist schließlich der anderen wert. Wer für mich nicht dübelt, dem bügle ich nicht. Selber schuld.

Jetzt allerdings bin ich etwas in die Jahre gekommen und stinkendfaul geworden.

Unangenehme Arbeiten lagere ich so weit wie möglich aus. Irgendwann hat man genügend Reifen gewechselt, Regale an die Wand gedübelt oder Wasserschläuche in Kaffeevollautomaten gepfriemelt. Mir reicht’s.

Ach, was war ich fleißig. Ach, was habe ich alles allein gemacht. Erstens wollte ich nicht in den Verdacht geraten, ein sogenanntes Weibchen zu sein, und zweitens war ich Zeit meines Lebens immer stolz darauf, auf niemanden angewiesen zu sein. Lust hatte ich nie auf solche Aufgaben, weil ich faul bin, aber ich musste.

Denn die Herren machten sich dünn, sobald es ernst wurde. Sie waren auf Spaß geeicht. Und irgendwann war „Kavalier“ kein Kompliment mehr, sondern ein Schimpfwort geworden. Finde ich persönlich schade.

Irgendwann wird man bequem. Irgendwann muss man sich nicht mehr beweisen. Oder irgendjemandem was beweisen. Irgendwann ruht man in sich und denkt: „Mir doch egal, was ihr von mir denkt.“

Es kam also, wie es kommen musste: Eines Tages war wieder mal das Scherblatt meines Rasenmähers schartig geworden und musste ersetzt werden. Ich dachte an die Gras- und Ölflecken, daran, dass ich jetzt lieber einen Kaffee trinken oder shoppen gehen würde, besorgte das Scherblatt und bat einen Bekannten um Hilfe.

„Das ist mir zu kompliziert“ erklärte ich mit meinem treuherzigsten Augenaufschlag. „Kannst du mir helfen?“ Und ich kam mir nicht mal dumm dabei vor, während ich mich dumm stellte. Selbstverständlich baute er das Scherblatt für mich ein. Und reparierte mein hölzernes Rosenspalier, das dem schiefen Turm von Pisa erschreckend ähnlich zu sehen begonnen hatte. Er richtete zwei schiefe Terrassenplatten aus, wechselte das Flusensieb meiner Waschmaschine und befestigte eine lockere Lüsterklemme an meiner Wohnzimmerlampe. All das kostete mich einen Kaffee und ein Lächeln.

Männer helfen gern, müssen Sie wissen. Die meisten zumindest. Und als das neue glänzende Scherblatt eingebaut war, sah ich herrliche ölfleckenfreie Zeiten auf mich zukommen, ohne Schwielen am Daumen und ohne Hexenschuss.

Mögen mich alle Feministinnen dieser Welt jetzt steinigen, wenn Sie meinen, ich hätte sie verraten. Mir wäre das zu viel Arbeit. Wissen Sie, wie viel so ein Stein wiegt? Ich habe 6 Tonnen davon geschaufelt.

Männer besitzen mehr Muskelgewebe und weniger Fettgewebe als Frauen. Über mehr Gehirnmasse verfügen sie übrigens auch, aber die wird von ihnen eher benutzt wie eine Doppelgarage für ein einziges Auto: Da drinnen lagert oft nur Sperrmüll. Wissen Sie, mit welchem Satz ich mich in den letzten 20 Jahren am meisten emanzipierte?

„Kannst du mir bitte mal helfen, mir ist das zu schwierig.“ Wieso bin ich da nicht früher draufgekommen?

Mittlerweile halte ich es nämlich für weise, Arbeiten outzusourcen an Leute, die es besser können. Und die es vor allem auch tun WOLLEN. Ich will nicht, da bin ich ganz ehrlich. Und wer sagt denn, dass man nicht trotzdem emanzipiert ist? Überlegen Sie doch mal: Jemand erledigt Ihre Arbeit. Nur dafür, dass Sie ihn darum bitten. Viel einfacher geht es nicht. Sie vergeben sich nichts dabei. Sie sind deshalb nicht weniger selbständig. Weil Sie nämlich viele Dinge können, die ein Mann nicht mal ansatzweise beherrscht.

Welche das sind? Sie haben genügend Zeit, das herauszufinden, während Heinz-Rüdiger draußen Ihren Luftfilter tauscht oder die Küche umbaut. Lassen Sie sich einen Kaffee einlaufen und denken Sie nach. Zeit haben Sie jetzt ja dazu.

Und jetzt muss ich „meinen“ Heinz-Rüdiger anrufen. Mein Auto sollte in die Werkstatt, und es hat geschneit.

Da versaue ich mir meine neuen Stiefel von diesem inovativen italienischen Designer. Heinz-Rüdiger trägt grundsätzlich Arbeitsschuhe, wenn er vorbeischaut. Der weiß schon, warum.

Ich wünsche Ihnen – breit grinsend und augenzwinkernd – eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann