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Frau sitzt auf Treppe

…lautet ein altes Sprichwort. Und nichts ist so beständig wie der Wandel, sagen die Buddhisten. Man kann sich im Leben nur auf eines verlassen: dass nie etwas für immer so bleibt, wie es ist. Leider. Oder Gottseidank? Das kommt auf die jeweilige Lebenssituation an.

Melanie ist seit Jahrzehnten eine gute Freundin – und eine wahre Kämpfernatur. Niemand in meinem Bekanntenkreis hat schon so viel erlebt wie sie – und überlebt. Sie lag mit Organversagen im Sterben und erholte sich wie durch ein Wunder, verlor nacheinander zwei Kinder, wurde Opfer eines brutalen Kapitalverbrechens, und kämpfte sich jedes Mal mit unverwüstlicher Willenskraft wieder zurück ins Leben, das sie über alles liebt.

Im Februar 2019 wurde sie von ihrem Mann vier Wochen vor ihrem 50ten Geburtstag verlassen – nach 27 Jahren Ehe. Er baute sich an einem Samstagabend vor ihr auf und teilte ihr mit angestrengt-betrübter Miene mit: „Du bist nicht das, was ich mir für den Rest meines Lebens vorstelle. Ich ziehe aus.“ Melanie fiel aus allen Wolken, immerhin hatten sie ein paar Wochen zuvor noch harmonische Weihnachten gefeiert. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass etwas im Argen liegen könnte.

Brennender Kummer nach Trennung aus dem Nichts

„Er hat eine kennengelernt und sich eiskalt aus dem Staub gemacht“, erklärte sie mir später. „Da kennt er gar nichts. Dafür hat er mich liegenlassen wie gebrauchtes Einwickelpapier.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Melanie in derselben Firma wie ihr Ex beschäftigt ist, wo er eine wesentlich höhere Position bekleidet als sie. An diesem Abend, als er sie verließ, klärte er sie gönnerhaft lächelnd darüber auf, dass sie noch eine Weile („vielleicht sechs Monate oder so“) ihren Job behalten könne, danach müsse sie allein zurechtkommen, denn es ginge nicht, dass sie weiterhin zusammenarbeiteten, und er würde beim Boss dafür sorgen, dass man sie entließe.

„Du kriegst das schon hin“, grinste er teilnahmslos. Dann ging er schlafen, ohne sich weiter um sie zu kümmern, und ließ sie allein am Küchentisch sitzen, wo sie mit kalkweißem Gesicht um Fassung rang.

Eine Weile starrte sie schweigend auf das gemaserte Holz, schluckte dann eine Beruhigungstablette und ging ebenfalls ins Bett, wo er bereits selig vor sich hin schnarchte. Alles in ihr war leer und kalt. Irgendwann dämmerte sie weg. Als sie am nächsten Tag aufwachte, war er verschwunden – in seine neue Zukunft ohne sie. Sein Abgang schien von langer Hand geplant gewesen zu sein, denn sie entdeckte, dass einiges von seiner Kleidung fehlte, er musste es schon vorher klammheimlich weggeschafft und dafür gesorgt haben, dass es ihr nicht auffiel.

„Da stand ich also an diesem Sonntag“, erzählte sie. „Jeder Schritt fiel mir schwer, als hätte ich Bleigewichte an den Beinen. Draußen schien die Sonne, die Welt strahlte förmlich, nur meine eigene war grau und trübe und dabei, über mir einzustürzen. Aber ich schwor mir, nicht zu heulen.

Und ich nahm mir vor, auf gar keinen Fall verzweifelt zu sein. Sobald man beginnt, zu verzweifeln, schrumpft man innerlich zusammen und stürzt kopfüber in ein schwarzes Loch, in das kein Tageslicht mehr dringt. Das konnte ich mir einfach nicht erlauben – so viel war mir klar.“

Grund genug zur Panik hätte sie gehabt, denn in einer Umgebung von 100 Kilometern waren Arbeitsplätze für Frauen in ihrem Alter rar gesät, außerdem hatte sie keine Ahnung, wie sie die horrende Miete für die Wohnung aufbringen sollte. Also schlurfte sie wie ferngesteuert zum Sofa, loggte sich bei Amazon ein und lud sich ein Selbsthilfebuch über positives Denken herunter.

Erste Hilfe: Selbsthilfebuch

„Es schien mir einfach richtig, das zu tun“, berichtete sie. „Ich war wie gelähmt, weil ich das alles nicht fassen konnte. Es kam aus heiterem Himmel und zog mir den Boden unter den Füßen weg.“

„Ein Selbsthilfebuch?“, wunderte ich mich.

Sie nickte. „Kannst mich gern auslachen, aber da war eine Stimme in meinem Kopf, die flüsterte: ‚Ich hab nicht bis heute auf dich aufgepasst, um dich jetzt im Stich zu lassen.‘ Die Idee mit dem Buch war plötzlich da. Wenn du mal so viel durchgemacht hast wie ich, klammerst du dich an jeden Strohhalm, und sei er noch so dünn. Ich wäre auch zu einem Wunderheiler gegangen, wenn ich einen gekannt hätte, nur damit mein Herz nicht mehr so wehtut. Aber leider hatte wohl die Geschichte mein Immunsystem angegriffen, denn gegen 13:00 Uhr desselben Tages krümmte ich mich bereits auf dem Sofa mit Schüttelfrost, Magenkrämpfen und Kopfschmerzen. Meine Glieder fühlten sich an, als hätte mir jemand mit dem Baseballschläger sämtliche Knochen gebrochen.
Und mein Fieberthermometer, das ich mir mit letzter Kraft aus dem Bad holte, zeigte beinahe 41 Grad. Also legte ich mich schlotternd wieder hin, hüllte mich in zwei Decken, und dann war ich auch schon weggetreten.“

„Warum hast du nicht angerufen?“, schimpfte ich sie. „Ich wäre doch gekommen.“

„Das konnte ich nicht“, klärte sie mich auf. „Ich wusste, wenn ich jetzt mit jemandem rede, dann ist alles Vorgefallene präsent, und ich gebe ihm zusätzlich Kraft. Weil die Energie der Aufmerksamkeit folgt. Und ich war mir sicher, wenn ich anfangen würde, zu weinen, dann würde ich nie mehr damit aufhören. Ich hab der Verzweiflung verboten, sich bei mir einzunisten, die hätte mich umgebracht. Und offen gestanden ging es mir wegen des hohen Fiebers viel zu schlecht, um überhaupt zu registrieren, was genau passiert ist.“

„Du hättest sterben können“, murmelte ich betroffen. „Das war bestimmt eine Virusgrippe.“ „Möglich“, winkte sie ab. „Du hast keine Ahnung, wie ich dagelegen bin. Einmal fand ich ein nasses Handtuch auf dem Fliesenboden und gehe davon aus, dass ich halb bewusstlos versucht habe, mir einen Wadenwickel zu machen. Hat wohl nicht geklappt.“ Sie verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen. „Unfassbar.“ Ich konnte nur den Kopf schütteln, während ich lauschte.

In schwierigen Situationen zeigt sich der Lebenswille

„Ich hatte die ganze Zeit so schrecklichen Hunger, trotz des Fiebers“, erzählte sie weiter. „Gelegentlich holte ich mir mit zittrigen Beinen eine Flasche Mineralwasser, weil ich wusste, ich muss etwas trinken, aber mir was zu essen zu machen, das schaffte ich nicht. Ich fürchte, ich war wirklich ziemlich krank. Hab mich an der Wand langgetastet und an allem festgehalten, was herumstand.“

„Das war sehr leichtsinnig von dir“, gab ich zu bedenken.

„Einmal hab ich Tomatensuppe aus der Tüte in einen Topf mit Wasser geworfen und umgerührt“, fuhr sie sie fort. „Nach drei Tagen oder so. Weil der Hunger richtiggehend wehgetan hat. Ich hab diese rote, flockige Brühe gelöffelt, sie war kalt und eklig. Aber ich dachte nur immer: ‚Wenn ich DAS schaffe, dann schaffe ich alles. DER kriegt mich nicht klein. Es war wie eine Narkose im Gehirn, und es kostete mich wahnsinnig viel Kraft, die Tür zuzuhalten, damit die Verzweiflung nicht rein kann.“

Ungläubig musterte ich sie. Melanie hatte innerhalb von 10 Tagen 7 Kilo abgenommen, ihre Augen lagen tief in den Höhlen, das Gesicht war eingefallen. Aber in ihrem Blick war ein kämpferisches Leuchten.

„Wahnsinn, wie du mit dem Unglück zurechtkommst“, sagte ich beeindruckt. „Kunststück, ich hab ja lange genug geübt, überleg mal, was ich schon alles hinter mir habe“, antwortete sie verschmitzt. „Das Fieber kam zur rechten Zeit, denn ich war deshalb zu benommen, um über meine beschissene Lage nachzugrübeln. Dafür bin ich dem Universum dankbar. Was mir unglaublich geholfen hat, war dieses Buch über positives Denken. Immer, wenn ich mal wach war, habe ich eine Seite gelesen oder zwei. Dann fielen mir wieder die Augen zu.“

Das Gute im Schlechten sehen

Sprach’s, setzte sich neben mich und lächelte. Und als ihr Ex einige Wochen nach unserer Unterhaltung mit kleinlauter Stimme vor der Tür stand und sie unter einem fadenscheinigen Vorwand besuchen wollte, weil sie ihn auf allen Kanälen blockiert hatte und er sie nicht erreichen konnte, öffnete sie einfach nicht mehr.

Melanies Talent ist, sich aus allem Schlimmem, das ihr widerfährt, ein groteskes Stücklein Gutes zu klauben, wie beispielsweise ihre Dankbarkeit für das hohe Fieber, das ihrer Meinung nach ein Geschenk war, denn sie war deshalb zu krank zum Nachdenken.

Andere reagieren anders:

Lisa und ihr Mann haben sich 2009 ein Haus gekauft für sich und ihre drei Kinder. Ihre Sanitärfirma lief damals super, die Kinder waren aus dem Gröbsten raus, die Immobilie schien günstig, und beide hatten sich sofort in das riesige verwilderte Grundstück verliebt. Dann blieben bei Lisas Mann die Aufträge aus, und sie selbst verlor ihre Stelle im Büro. Seitdem haben beide jeweils zwei mies bezahlte Jobs. Lisas Mann fährt nachts nach der Arbeit LKW, sie bedient nebenher noch in einem Café bis in die Nacht. Das Geld reicht trotzdem nie für alles, denn immer ist irgendwas: Das Haus war nämlich doch kein Schnäppchen und benötigt ein neues Dach, die Heizung ist total kaputt, und beim Verkauf würden sie trotz der derzeitigen Immobilienpreislage auf einem Schuldenberg sitzenbleiben. Ohne Dach über dem Kopf. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Essen aus Kummer – für viele ein Stress-Ventil

Lisa hat vor Kummer angefangen, zu essen und innerhalb kürzester Zeit 35 Kilo zugenommen. Mittlerweile wiegt sie bei einer Größe von 160 Zentimetern stolze 110 Kilo und hat sich eine beginnende Diabetes und ein schmerzhaftes Lipödem eingehandelt.

„Ich habe die ganze Zeit nur noch Angst“, gestand sie mir neulich. „Davor, dass wir das Haus verlieren, dass wir unsere Jobs verlieren, dass nochmal was kaputtgeht, das wir uns nicht leisten können, reparieren zu lassen. Und wenn ich Angst habe, esse ich. Ich kann einfach nicht mehr damit aufhören, es ist, als hätte ich ein schwarzes Loch in meinem Inneren, das niemals voll wird. Nach jeder Fressorgie fühle ich mich mieser als zuvor, weil ich dick bin. Dann hasse ich mich. Und gegen diesen Hass gibt es nur ein einziges Mittel: noch mehr essen.“

Todunglücklich sieht sie aus, als sie das sagt, während sie gerade ein Stück Torte verdrückt. „Den Kummer in sich hineinfressen“, würde ich das nennen. Und während Lisa sich mit übermäßigem Essen quält, weicht eine Dritte auf pharmazeutische Erzeugnisse aus:

Anna, Anfang 50, ist seit 24 Jahren verheiratet. Zusammen mit ihrem Mann hat sie sich eine Firma aufgebaut, mit viel Arbeit, wenig Schlaf und hartem Einsatz. In ihrer Freizeit kümmert sie sich um Haus und Garten und putzt die Geschäftsräume.

Existenzängste können zermürben

Nun ist ihr Mann ernsthaft erkrankt und alles, wofür sie in den letzten Jahrzehnten gearbeitet haben, in Gefahr, denn es geht ihm mit jedem Monat schlechter. „Er nimmt so starke Tabletten, dass seine Haut allmählich so dünn wie Papier ist“, vertraute sie mir an. „Und er arbeitet Tag und Nacht, als müsse er dringend noch was fertigbringen, ehe er stirbt. Das macht mir eine Heidenangst. Irgendwann fällt er einfach um. Er sollte sofort aufhören zu arbeiten. Aber das will er nicht, denn dann ist alles weg. Dieses winzige alte Haus, das wir in den letzten 20 Jahren mühsam in Kleinarbeit renoviert haben, unser Einkommen, alles. Ich krieg‘ nicht mal Rente, weil er immer sagte, es sei zu teuer, mich anzustellen. Das hab‘ ich nun davon.“

Wenn Anna es gar nicht mehr aushält, verkriecht sie sich in den Keller der Firma und heult in eine Rolle Klopapier. Täglich schluckt sie Tranquilizer in immer höherer Dosierung.
„Manchmal mache ich kein Auge zu, und ich muss doch leistungsfähig bleiben“, rechtfertigt sie ihren Tablettenkonsum.

„Die Dinger haben ein starkes Suchtpotenzial“, warne ich sie. „Du solltest die nicht so oft nehmen.“

„Gibst du mir jeden Monat einen Scheck?“ braust sie auf. „Zahlst du mir mal die Rente? Machst du meinen Mann gesund? Hilfst du mir, wenn er stirbt, und ich dann mit der Firma und ohne Job dastehe? Jahrzehntelang hab ich geschuftet, nie Urlaub gehabt, und jetzt fordert er meine ganze Aufmerksamkeit. Ich komme nicht mal zum Luftholen. Alles dreht sich nur noch um ihn und seine Krankheit. Wenn ich nicht im Geschäft stehe, kümmere ich mich um ihn. Ich bin am Ende.“

Mittlerweile kann Anna ohne ihre Tabletten nicht mehr leben. Sie wirkt fahrig und unkonzentriert, bricht aus nichtigem Anlass in Tränen aus und übergibt sich ständig. Außerdem hat sie festgestellt, dass ihre Beruhigungsmittel besser wirken, wenn sie ein oder zwei Gläser Wein dazu trinkt. Der weitere Werdegang ist absehbar. Es bricht einem das Herz.

Schicksalsschläge – sie können jeden treffen

„Er wollte nur mit dem Fahrrad schnell Brötchen fürs Frühstück holen“, erzählte mir Frau O. Mit ihrem Mann habe ich vor vielen Jahren lange zusammengearbeitet. Zufällig sind Frau O. und ich uns bei Aldi über den Weg gelaufen.

Heute, mit Anfang 70, ist sie immer noch eine imposante, gepflegte Erscheinung. Nur in ihren Augen spiegelt sich endlose Trauer, als sie fortfährt:

„Ich hörte durch das geöffnete Fenster die Sirenen, während ich den Tisch deckte, und wusste instinktiv, mit ihm ist etwas Schlimmes passiert.“ Für einen Moment stockt sie. „Ein unachtsamer Autofahrer hat ihn gerammt – er war sofort tot.“

Betreten lausche ich, denn ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie Herr O. mir einmal in der Woche den von ihm abonnierten „Spiegel“ auf meinen Schreibtisch legte, damit ich ihn gratis lesen konnte. Ich hatte damals wenig Geld, und er war immer sehr nett zu mir. Eine Stunde stehen wir im Gang des Discounters, während sie ihrem Herzen Luft macht.
„Es ging so schrecklich schnell“, sagt sie zum Abschluss leise. „Wir haben uns so liebgehabt. Das hätte nicht passieren dürfen.“

Ja. Hätte es nicht. Das nicht und alles andere auch nicht.

Jeder hat anderen Weg für Konfliktbewältigung

Ich kenne viele solcher Geschichten, noch wesentlich schlimmere sogar. Das Schicksal zieht einem manchmal einfach den Boden unter den Füßen weg, wirft uns ins Nichts, und nie sind wir wirklich darauf gefasst. Jeder Mensch hat seine eigene Art der Konfliktbewältigung, und nicht selten enden solche gravierenden Einschnitte in Sucht oder völliger Selbstaufgabe. Nicht jeder hat eine kleine Stimme im Kopf, die ihn tröstet, nicht jeder kann mit einem Buch über positives Denken die Verzweiflung überwinden, nicht jedem helfen Esoterik oder Spiritualität, dafür ist das Leben einfach manchmal viel zu grausam.

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“, heißt es, doch wer von uns traut sich, auf andere zuzugehen und etwas Anteilnahme einzufordern? Wer von uns kann denn wirklich noch zuhören und echtes Mitgefühl entwickeln – das übrigens etwas ganz anderes ist als Mitleid. Wir Menschen sind komische Wesen. Viele von uns, denen es mies geht, behalten ihr Leid für sich, weil sie anderen nicht auf den Wecker gehen möchten. „Keine Umstände machen“, nennen sie es verschämt.

Werden wir gefragt: „Wie geht’s dir?“, dann antworten wir normalerweise „Alles bestens, und selbst?“ Für Schwäche und Krisen gibt es im Bekanntenkreis ein begrenztes Kontingent an Mitgefühl, das man tunlichst nicht aufbrauchen sollte. Um das herauszufinden, brauchen Sie nur mal an einer Depression zu erkranken wie Pia, die vier Monate nach ihrem Zusammenbruch oft gefragt wurde: „Jetzt ist es aber wieder gut, oder? Man muss sich nur zusammenreißen.“

Offenes Ohr ist selten

„Sich zusammenreißen“. Zusammenbrechen. Es gibt viele Worte für das Elend, das uns umgibt, und Schmerz, echter Schmerz, echtes Leid, ist überall um uns herum, es wird nur allzu selten sichtbar. Wir verbergen es nämlich tapfer, denn man hat uns beigebracht, stumm zu leiden, um niemandem zur Last zu fallen. Dabei ist es für die Seele ungemein erleichternd, sich mitteilen zu dürfen. Ich bin ganz sicher: Würde ich mir heute eine 0900er-Nummer legen lassen und in der Zeitung inserieren: „Ich höre Ihnen zu – pro Minute 2,50 €“, dann könnte ich damit richtig Geld verdienen. Denn ein offenes Ohr hat Seltenheitswert. Zu sehr sind alle mit sich selbst beschäftigt.

Laut der Website der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde kümmern sich derzeit 13.500 Psychiater in Deutschland um Betroffene.

Bei „Statista“ kann man erfahren, dass die Zahl der nicht ärztlichen Psychotherapeuten in Deutschland von 3.783 (2012) auf 5.102 im Jahre 2015 angewachsen ist. Dies entspricht einem Anstieg von knapp 35 Prozent. 2015 gab es insgesamt 22.547 Psychotherapeuten.

Und die Zeitschrift „Der Spiegel“ berichtet in einem Artikel vom 05.07.2012, dass nach Angaben des Berufsverbands der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie(BPM) ein Drittel (!) der erwachsenen Bevölkerung in einem Jahr an mindestens einer psychischen Erkrankung leidet. Zu den häufigsten psychischen Krankheiten gehören Depressionen und Angststörungen.

Wartezeiten für Termin beim Psychologen oft lang

Ein Drittel… Lassen Sie das mal sacken.

Zwar verfügt Deutschland also über ein Heer an Psychotherapeuten und Psychiatern, aber irgendwie sind nie genug für alle da. Die üblichen Wartezeiten betragen nämlich normalerweise 6 Monate bis zu 2 Jahren. Wenn es einem wirklich schlecht geht, ist dies entschieden zu lang. Außerdem können diese Therapeuten keine Wunder bewirken. Sie hören zu. Sie geben Anleitungen, sie helfen einem, sich selbst zu erkennen. Den Rest müssen wir allein schaffen. Oder es ergeht einem wie Pia, bei der mittlerweile jeder zweite Satz mit den Worten beginnt: „Mein Therapeut hat gesagt…“

Die deutsche Sprache ist wie ein Präzisionsinstrument zur Beschreibung diffuser Zustände. Wenn jemand „untergeht“, dürfen wir das ohne Weiteres wörtlich nehmen, denn je tiefer wir im Ozean unseres Kummers versinken, umso mehr verstärkt sich – genau wie in der Physik – der Wasserdruck, und irgendwann implodieren wir. Wer erst mal ganz unten angelangt ist, wird von der Umwelt nicht mehr wahrgenommen. Peinlich berührt drehen alle die Köpfe weg. Plötzlich ist man eine Unperson.

„Ich hab eigene Sorgen“, denkt das Umfeld dann. „Und genug mit mir selbst zu tun.“ Manchmal – wenn wir in einem tiefen schwarzen Loch sitzen, dann hoffen wir in einem Winkel unseres malträtierten Herzens verzweifelt darauf, dass irgendjemand kommt und uns hilft. Einer, der spürt, dass es uns nicht gut geht. Einer, der plötzlich vor der Tür steht, klopft und sagt: „Es geht dir schlecht, komm, ich unterstütze dich. Du schaffst das nicht allein.“ Aber so funktioniert das Leben leider nicht.

Wenn keiner da ist, muss man sich selbst helfen

Manchmal müssen wir uns einfach selbst helfen, weil es sonst keiner tut. Wenn wir Hilfe brauchen, müssen wir uns artikulieren, laut werden, uns mitteilen. „Prima, alles bestens“, ist keine wahrheitsgemäße, geschweige denn vermeintlich tapfere Zustandsbeschreibung, sondern eine traurige, sinnlose Lüge.

Es sind nicht immer Krankheiten, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Unverschuldete Arbeitslosigkeit zum Beispiel kann es sein, wenn man auf die 60 zugeht, ein schwerer Unfall, der Verlust eines Haustieres oder eines geliebten Menschen. Oder man wird verlassen wie Melanie.

Manchmal ist es auch nur blanke Angst, die einen auffrisst, wie bei der übergewichtigen Lisa. Wenn immer zu viel Monat am Ende des Geldes ist, wenn einen eine Waschmaschinen-Reparatur an den Rande der materiellen Existenz bringen kann, wenn eine Reparatur am Auto einen vor die Entscheidung stellt, ob man in der letzten Novemberwoche lieber isst oder zur Arbeit fahren soll. Wenn das Kind schwer erkrankt, man in der Firma gemobbt wird, kann einen das zerstören – die Seele ist extrem zerbrechlich. Und ein Menschenleben auch. Keine Mauern, keine Steine, keine bleiverkleideten Türen schützen einen vor der Willkür des Schicksals. Es bleibten nur Demut, Durchhaltevermögen und der Glaube an sich selbst.

Das Unheil hat viele Gesichter

Für das Unheil ist man meist Zufallsopfer

Manchmal stelle ich es mir als eine dürre, braungewandete Gestalt mit glühenden Augen vor, die gekrümmt, mit hasserfülltem Blick durch eine Fußgängerzone schleicht und wahllos jemandem auf die Schulter tippt, der gerade fröhlich lachend im Straßencafe sitzt und mit seinen Freunden scherzt. „Jetzt bist DU dran“, flüstert sie dann heiser. „Dir ist es lange genug gut gegangen. Ab mit dir in das schwarze Loch.“

Aber jetzt die gute Nachricht: Im Normalfall dauert kein Leid ewig. Und die Zeit heilt tatsächlich viele Wunden. Nicht alle, aber viele. Und wenn sie die Wunden nicht heilt, dann sorgt sie zumindest dafür, dass Schorf darüber wächst, so dass man sich nicht mehr fühlt, als bestünde die Seele aus rohem Fleisch in einer mit Salz gefüllten Schale. Man muss einfach durchhalten.
Und – in ganz seltenen Fällen – steht tatsächlich jemand vor unserer Tür, der uns an die Hand nimmt und uns hilft. Das nennt man dann „Glück“.

Ich habe schon sehr viel erlebt, aber die allerwichtigste Erkenntnis aus diesen langen Jahren, die an vielen Tagen voller Schatten waren, ist: Jeder hat sein Päcklein zu tragen. Niemand ist ohne Schmerz, ohne Leid, ohne Kummer. Jeden erwischt es einmal. Und es liegt an uns, wie wir damit umgehen.

Zeit schenken – das ist kostbar heutzutage

Vielleicht sollten wir anderen zuhören, auf Zwischentöne achten und ihnen etwas Zeit schenken – es ist aller Wahrscheinlichkeit nach nämlich sehr gut möglich, dass irgendwann wir selbst jemanden brauchen, der uns mal zuhört.

Haben Sie sich nicht gelegentlich gefragt, warum seichte Hollywood-Produktionen solchen Zuspruch erfahren, ganz im Gegensatz zum guten alten deutschen Problemfilm? Weil wir die heile Welt dringend brauchen, auch wenn sie sich nur ein begabter Drehbuchschreiber ausgedacht hat. Weil wir glauben können MÜSSEN, dass Dinge wie Liebe und Zusammenhalt existieren, weil wir hoffen können MÜSSEN, dass irgendwann alles gut wird.

Ich persönlich liebe Familienserien und Serien über Freundschaft. Ich mag Sitcoms mit eingebauter Lachspur, denn alle Probleme der Welt (wenn sie denn überhaupt auftauchen) sind innerhalb von 20 Minuten gelöst, und das regelmäßig. Und ich weiß, dass es im wahren Leben anders zugeht, darum nehme ich mir ganz bewusst mit solchen Produktionen Urlaub im Kopf. Ich mag Filme mit Happy-End, Liebesgeschichten und Berichte über Menschen, die Gutes tun, denn mit Schlechtem werde ich täglich konfrontiert – da brauche ich nur ans Telefon zu gehen, wenn eine verzweifelte Seele anruft. Diese Welt quillt über vor Gram und Krankheiten, Mord und Totschlag, und indem ich den Fernseher einschalte, verschaffe ich mir einen kleinen Ausgleich.

Realitätsflucht? Das kann schon sein. Aber immer noch besser als Tabletten, Alkohol oder Drogen. Immer noch besser als sich mit sinnlosen Aktivitäten zu betäuben, seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen oder uns im schlimmsten Falle etwas anzutun. Dann doch lieber fernsehen.

Probleme nimmt man immer mit – auch in den Urlaub

Oft höre ich auch: „Ich brauche nur mal wieder Urlaub. Zwei Wochen in der Dominikanischen Republik, und ich bin wie neu.“ Fehlanzeige. Die Sorgen fliegen nämlich – eingerollt in die Socken -mit und sind meistens das erste, das man versehentlich auspackt. Da kann ich auch zuhause bleiben und die Glotze einschalten.

Denn dem Kummer kann man nicht entrinnen, gleich, wie schnell man rennt. Man kann versuchen, ihn mit Branntwein zu betäuben, obwohl Freude und Angst Vergrößerungsgläser sind – Alkohol ist sogar ein Mikroskop. Es gibt auch keine Tabletten, die dauerhaft gegen das Leid wirken. Sie helfen einem nur dabei, es verschwommen wahrzunehmen. Verschwinden wird es deswegen nicht. Wir stehen täglich mit dem Leben – einem rücksichtslosen, gemeinen Gegner – im Ring. Und machen wir uns nichts vor: Es wird irgendwann einen gewaltigen linken Haken landen, der uns umwirft. Man kann ihn nicht ewig ausweichen.

Kummer ist nämlich wie ein Maßanzug vom Edel-Schneider – vom Schicksal speziell für jedes Individuum angefertigt. Er legt sich über einen wie eine zweite Haut, fesselt einem die Hände mit Drähten an die Hüfte und färbt die Tage braungrau. Er bringt einen zum Weinen, versetzt einen in Angststarre oder zwingt einen zu hektischer Aktivität, sozialem Rückzug oder irrationalem Verhalten.

Jeder von Ihnen hatte vermutlich schon Leid zu ertragen. Und ich kann Sie heute an dieser Stelle nur bitten: Teilen Sie sich mit. Reden Sie. Werden Sie „lästig“. Sie müssen nicht stolz sein, Sie müssen nicht alles allein aushalten. Sie dürfen unbequem sein, denn immerhin geht es um Ihr Leben. Teilen Sie sich mit. Suchen Sie sich Hilfe oder wenigstens jemanden, der Ihnen zuhört. Denn einer Tatsache sollten Sie sich bewusst sein: Sie sind nicht allein. Dieses Universum ist voller Stolperfallen. Aber es ist auch voller guter, anständiger Menschen. Und manchmal schafft man es nicht, selbst wieder auf die Beine zu kommen.

Was mir meine geliebten Familienserien sind, ist bei Ihnen vielleicht das Tagebuch, eine Selbsthilfegruppe, ein guter Therapeut, ein Sozialarbeiter, ein Forum anderer Betroffener im Netz, ein Wahrsager, der liebe Gott, oder ein guter Freund, der Ihnen die Hand reicht, auch wenn Sie vom Leid zu erschöpft sind, um sie hilfesuchend auszustrecken.

Lassen Sie sich selbst nicht allein. Haben Sie sich bitte lieb genug, auf sich zu achten, sich nicht aufzugeben. Sie werden es sich danken. Irgendwann.

Licht zur Selbsthilfe brennt in uns

Denn gleich, wie dunkel, tief und schwarz das Loch auch sein mag, in das man stürzt, es gibt immer einen Ausweg, eine Leiter und ein Licht, das Ihnen leuchtet in finsterster Nacht.
Manchmal müssen Sie das allerdings selbst sein. Wir alle tragen dieses Licht in uns.

Neulich las ich bei Facebook folgenden Satz: „Manchmal kann man gar nichts machen, außer weiter.“

„Ich wollte ja nicht sterben, ich wusste nur nicht, wie ich es schaffen sollte, weiter zu leben, weil alles so aussichtslos schien“, sagte einmal jemand zu mir, der in letzter Sekunde nach einem Selbstmordversuch gerettet worden war. Und genau darum geht es. Nachdem Sie auf die Bretter gegangen sind, bleiben Sie nicht liegen, bis der Ringrichter Sie ausgezählt hat, wenn Ihnen in diesem Boxring, den wir „Leben“ nennen, ein brutaler Schwinger verpasst wurde. Ziehen Sie sich benommen an den Seilen hoch, richten Sie sich auf, und taumeln Sie schwankend in nächste Runde. Denn nach „Aus durch K.O.“ kommt nichts mehr.

Irgendwo ist immer ein Seil, das uns beim Aufrichten hilft. Wir müssen es nur erkennen.

Bildnachweis: pixabay.com, quinntheislander

Rothenburg ob der Tauber

Suchen Sie noch ein Ausflugsziel für den sonnigen Herbst, einen malerischen Ort, an dem Sie bummeln, nach Herzenslust shoppen oder einfach nur die Seele baumeln lassen können? Dann kann ich Ihnen heute ans Herz legen: Lernen Sie Rothenburg ob der Tauber bei Ihrem nächsten Städtetrip kennen. Gleich, ob Sie ein romantisches Wochenende verbringen, sich durch üppige Speisenkarten schlemmen oder einfach nur hemmungslos einkaufen wollen – hier werden Sie auf jeden Fall fündig, denn die Stadt bietet ein reichhaltiges Repertoire an Galerien, kleinen, aber feinen Boutiquen mit handgefertigten Einzelstücken, unzählige Souvenir-Shops, oder den sprichwörtlichen exklusiven „Porzellan-Laden“, in dem Sie endlich eine Untertasse aus Meißener Porzellan erwerben können – gesetzt den Fall, Sie haben eben mal 2000 € übrig, oder Ihre Kreditkarte ist noch nicht zu ausgefranst …

Egal, ob verliebt oder auf Nostalgie-Trip: Rothenburg ob der Tauber begeistert!

Ob Verliebte, Nostalgiker, Souvenirjäger, Feinschmecker oder Wanderer: Jeder findet hier und im angrenzenden Taubertal, was er sucht. Das Tolle an Rothenburg ist außerdem für mich persönlich, dass ich dort hemmungslos einfach nur Tourist sein und sogar wie einer aussehen darf. Niemand stört sich hier an einer vor der Brust baumelnden Kamera, dem ständig gezückten Smartphone, riesigen Sonnenbrillen unter monströsen Hüten (kann man nur im Urlaub tragen…), neugierigen Blicken in romantisch bewachsene Hof-Einfahrten oder verwirrtes Herumtippen im digitalen Reiseführer – die Rothenburger kennen das bei jährlich über 2 Millionen Besuchern alles und nehmen es gelassen.

Aber zuerst einmal ein paar trockene Zahlen: Rothenburg ob der Tauber ist eine mittelfränkische Kleinstadt im Landkreis Ansbach (Bayern) mit knapp über 11.000 Einwohnern. Einen Teil ihrer Berühmtheit verdankt die Stadt nicht nur ihren einzigartigen Baudenkmälern, sondern auch dem sogenannten „Meistertrunk“ aus dem Jahre 1631, als Generalissimus von Tilly – ein katholischer Feldherr (Rothenburg war protestantischund wollte es auch bleiben) – mit 60.000 Mann am 30. Oktober 1631 die Stadt stürmte und den Bürgermeister sowie alle Räte der Stadt zum Tode verurteilte. Einfach so.

Anschließend war das damals allgemein übliche Plündern und Brandschatzen eingeplant, denn Tillys Armee aus rauen Gesellen war für seine Gründlichkeit in diesen beiden Tätigkeiten weithin bekannt. In ihrer Not boten ihm die Rothenburger Ratsherren einen gläsernen Humpen, gefüllt mit 3 ¼ Litern Wein, an, vielleicht um ihn milde zu stimmen. Niemand war wohl mehr überrascht als die verzweifelten Ratsherren selbst, als Tilly den Humpen eine Weile betrachtete und dann meinte, wenn es jemand fertigbrächte, das Gefäß in einem Zug zu leeren, dann würde er die Stadt verschonen.

„Meistertrunk“ machte Rothenburg berühmt

Gottseidank hatte die Stadt damals einen trinkfesten Bürgermeister namens Georg Nusch, der sich freiwillig meldete und es tatsächlich hinkriegte, sich die 3 ¼ Liter in einem Zug hinter die Binde zu kippen. Daraufhin musste Tilly Wort halten und Rothenburg verschonen. Da er, wie erwähnt, mit 60.000 Mannen angerückt war, wäre das Brandschatzen und Plündern wohl ziemlich übel für die Reichshauptstadt Rothenburg und ihre Einwohner ausgegangen, hätte Nusch nicht eine Leber aus Gusseisen besessen. Dieser „Meistertrunk“ wird seit langer Zeit jährlich am Pfingstwochenende mit einem riesigen Fest gefeiert, und wer sich unterm Jahr zur vollen Stunde zwischen 10.00 und 22:00 Uhr am Marktplatz einfindet, kann oberhalb der Rathausuhr beobachten, wie sich zwei Türchen öffnen, in deren Öffnungen zwei Figuren erscheinen, von denen dann eine den berühmten Humpen leert.

Ei

Frühstücksei mit asiatischem Schriftzeichen.

Aber es ist nicht nur der Meistertrunk, der die Menschen anzieht: Wegen seiner größtenteils erhaltenen historischen Altstadt ist Rothenburg bis heute ein Magnet für Touristen aus der ganzen Welt. Auf einem Rundgang über die beinahe vollständig begehbare Stadtmauer treffen Sie Japaner, Amerikaner, Italiener oder Koreaner. Rothenburg ist wahrlich multikulturell. Und es ist einzigartig. Sogar die Frühstückseier begrüßen Sie hier mehrsprachig (siehe Bild).

Rothenburg ob der Tauber fesselte von Anfang an

Seitdem ich im zarten Alter von 20 Jahren eigentlich nur zufällig in dieser Stadt gelandet bin, weil ich mich wie üblich verfahren hatte, ließ sie mich niemals wieder los. Ich habe dort schon in unzähligen Hotels genächtigt, in charmanten Lokalen gespeist, und natürlich von jeder Reise die Rothenburger Spezialität, den sogenannten „Schneeballen“ mit nach Hause gebracht – eine aus Brandteig geformte, in Fett gebackene Kugel – die dann zuhause, eingewickelt in eine fleckige Tüte, vor sich hin trocknete, bis ich sie jemandem andrehen konnte, denn eigentlich sind „Schneeballen“ eine recht staubige Angelegenheit, trotz der Füllung aus Nougat, Marzipan oder Kokosnuss.

Ihnen jetzt hier sämtliche Sehenswürdigkeiten zu nennen, die Ihnen die Stadt bietet, würde den Rahmen sprengen. Ich selbst habe meine absoluten Favoriten in Rothenburg, die ich seit Jahrzehnten bei jedem Besuch ablaufe, wie zum Beispiel die „Schäferkirche“, auch „Wolfgangs-Kirche“ genannt.

Sie wurde im Jahre 1475 zu Ehren des heiligen Wolfgang errichtet und stellt insofern eine Besonderheit dar, weil sie neben den Gebetsbänken in die Mauern eingelassene Schießscharten besitzt. Immerhin liegt die Kirche direkt neben dem Klingentor und bot daher ein gutes Angriffsziel für solche plündernden und brandschatzenden Truppen, wie sie im 30jährigen Krieg leider öfter zu finden waren. Wird Ihnen Herr Tilly gerne bestätigen.

Kirche

Schäferkirche in Rothenburg ob der Tauber.

Im Inneren der Kirche kann man über eine enge Wendeltreppe ins Schäfermuseum gelangen, das einen kleinen Einblick in die Welt dieser Zunft während der Zeit des 30jährigen Krieges bietet. Achtung – die Treppe ist nicht unbedingt etwas für schwache Gemüter. Von der Kirche aus gelangen Sie auch in die Gänge zu den unterirdischen Kasematten oder den Geschützboden. Das ist den Eintrittspreis allemal wert.

Historisches auf Schritt und Tritt

Mein zweiter regelmäßiger Anlaufpunkt sind die unter dem gotischen Rathaustrakt liegenden historischen Gewölbe. Oberhalb, im Erdgeschoss, bietet ein Museum eine beeindruckende Sammlung von Artefakten, Schautafeln und mit Puppen nachgestellte Szenen aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Nach diesem informativen Rundgang begeben Sie sich über eine steile steinerne Treppe abwärts in diese finsteren, „Verließe“ genannten, Löcher, in denen manch armer Teufel ohne Licht oder Hoffnung bei Wasser und Brot dahinvegetierte, bis er entweder durch seine Hinrichtung oder einen natürlichen Tod erlöst wurde. Ich tippe aber eher auf Hinrichtung, wie ich das Mittelalter kenne.

Wenn Sie möchten, können Sie sogar eines der Verließe betreten, sich beklommen in der nur von einer spärlichen Glühbirne beleuchteten Kammer mit Steinboden, ohne Fenster oder einen Funken Licht, umsehen und noch einen Hauch der alten Verzweiflung spüren. Wer hier von Schergen auf den Boden geschmissen wurde, für den galt vermutlich der Spruch: „Lasst alle Hoffnung fahren.“

Auch das Kriminalmuseum in der Burggasse (direkt an der Großen Schmiedgasse auf dem Weg zum Rathaus gelegen) ist immer wieder einen Besuch wert und bietet etliche eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel eine eiserne Jungfrau, die interessanterweise aus Holz besteht. Im Mittelalter war man recht erfinderisch, wenn es darum ging, Verhafteten ein Geständnis abzupressen, das werden Sie bei einem Besuch des Kriminalmuseums merken. Sie finden dort unter anderem ein originales Richtschwert, sogenannte „Schandmasken“, vermutlich vielbenutzte Daumenschrauben, die komplette Einrichtung einer Folterkammer, oder den sogenannten „Landstreicherstuhl“, auf dem obdachlose Gesellen gerne mal fixiert und gepiesackt wurden, bis sie „freiwillig“ die Stadt wieder verließen. Da war man nicht sonderlich zimperlich.

Keuschheitsgürtel zeugen von alten Ritualen

Meine Lieblings-Vitrine ist die mit der Sammlung von Keuschheitsgürteln, welche mit Sicherheit ihren Zweck erfüllten, wenn der Herr Ritter sich auf einen längeren Kreuzzug begab, („Ich gehe eben mal Zigaretten holen“ war noch nicht erfunden…). Das eiserne Ding wurde abgeschlossen und dann wahrscheinlich der Schlüssel in die Tauber geworfen, denn sicher war sicher.
Und wenn der Edelmann tatsächlich von seinem Kampfeinsatz (mit Plündern und Brandschatzen?) zurückkam, konnte er sich immer noch an den Schmied seines Vertrauens wenden, um die holde Dame zu befreien und neue kleine Edelleute zu zeugen, denn bei einem Durchschnittsalter von 29 Jahren bei Frauen und 32 Jahren bei Männern (wegen der hohen Sterblichkeitsrate bei männlichen Kleinkindern) konnte man gar nicht schnell genug damit anfangen, Nachwuchs zu produzieren. Außerdem starben um die 40 % aller Kinder vor Erreichen der Pubertät. Da war Eile geboten.

Der Keuschheitsgürtel diente aber nicht nur zur Bewahrung des „Eigentums“ des Hausherrn, sondern auch als Sicherheitsmaßnahme vor plündernden und brandschatzenden Horden (ich freunde mich gerade mit diesen Begriffen an…), denn an Ritters Kleinod sollte niemand Hand legen außer dem Ritter. Versteht sich ja von selbst.

Im Freien vor dem Kriminalmuseum, wenn Sie atemlos von den vielen Eindrücken, das Gebäude verlassen, können Sie sich dann in einen echten Pranger begeben, der vor dem Eingang steht, Kopf und Hände durchstecken und sich vorstellen, mit Eiern oder Schlimmerem beworfen und beschimpft zu werden. Heute macht man das elektronisch und nennt es „Shitstorm“, damals ging das alles manuell, war aber genauso effizient.

Untergewichtige Brötchen waren damals ein Strafbestand

Außerdem hängt vor dem Tor für jeden sichtbar der Käfig für die sogenannte „Bäckertaufe“, denn untergewichtige Brötchen wurden seinerzeit als strafbarer Tatbestand eingeordnet und sanktioniert, man höre und staune.

Der betreffende Bäcker wurde in den Käfig gesperrt und ein paar Mal unter Wasser getunkt, bis er glaubhaft schwor (falls er nicht ertrank), niemals wieder zu kleine Brötchen zu backen. Immerhin winkte ihm da nämlich ja sonst das nächste Bad. Auch den Karren, in dem Delinquenten zu ihrer Hinrichtung über die Galgengasse ihre letzte Fahrt antraten, können Sie anfassen und sich die Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern der Verurteilten vorstellen, denn es ging zur Hinrichtung. „Lasst alle Hoffnung fahren“, bekommt hier eine neue Bedeutung.

Übrigens liegt in der Galgengasse mein persönliches Lieblingslokal, die Pizzeria „Roma“. Jedes Jahr an meinem Geburtstag gönne ich mir dort Ravioli mit Frischkäse und Salbei, Butter und Parmesan – einfach zum Reinknien. Gegenüber, im Wirtshaus „Butz“, einem Lokal mit gut bürgerlicher Küche, speisen Sie wie ein Edelmann oder mindestens ein honoriger Kaufmann zu moderaten Preisen und sitzen dabei noch in einem herrlich eingewachsenen Innenhof mit ganz besonderem Charme.

Für Henker galten im Mittelalter besondere Regeln

Stadtmauer

In Rothenburg ob der Tauber ist die Stadtmauer begehbar.

Jeder einzelne Stein, jeder alte gemauerte Brunnen, jeder Hinterhof in Rothenburg atmet Geschichte, und solch eine atmosphärische Dichte wie in den verwinkelten Gassen dieser Stadt findet man selten. Spaziert man abends durch die stillen Gassen und ignoriert ein oder zwei geparkte Autos, dann fühlt man sich mit einem Schlag um mindestens 500 Jahre zurückversetzt in eine Welt, wo der städtische Henker in keinem Lokal etwas zu essen bekam, wenn nicht jeder einzelne Gast sich damit einverstanden erklärte. Und nach seinem Besuch wurde sein Geschirr an die Wand genagelt, damit niemand jemals von seinem benutzten Teller äße. Man brauchte ihn, aber man mochte ihn nicht wirklich.

Wie gesagt: Rothenburg ist jede Minute wert, die man sich dort aufhält. Ob Sie in der „Trinkstube zur Höll‘“, einem tausend Jahre alten Gebäude in der Nähe des Kriminalmuseums, einen edlen Tropfen genießen, ob Sie durch den Garten des ehemaligen Dominikanerinnenklosters lustwandeln, ob Sie die Gerlachschmiede direkt an der Stadtmauer besichtigen oder in der gotischen Jakobskirche den Tilmann-Riemenschneider-Altar bewundern – die Zeit ist immer viel zu kurz, um alle Sehenswürdigkeiten zu schaffen.

Auch ein Spaziergang ins Handwerker-Museum ist äußerst lohnenswert, denn dort können Sie auf einer Fläche von zwei eng bemessenen Stockwerken nachempfinden, wie im Mittelalter eine durchschnittliche Familie samt Gesinde lebte und schlief. Alles Kochgerät, der Alkoven des Knechtes, die Schlafstatt der Hausherrn oder der Kinder – ist im Originalzustand erhalten und führt einem das Spartanische dieser Zeit vor Augen.

Während Reichsstadttage verwandelt sich Stadt in mittelalterliches Lager

Rathaus

So gut wie alle Häuser in Rothenburg ob der Tauber sind eine Augenweide!

Letztes Wochenende besuchte ich wieder einmal „mein“ Rothenburg anlässlich der sogenannten Reichsstadttage. Dann verwandelt sich nämlich die gesamte Stadt in ein mittelalterliches Lager. Auf der Straße begegnen Ihnen trommelnde Landsknechte, bunte Marketenderinnen oder sogar, wenn Sie Glück haben, ein Dudelsackspieler oder ein Herold in prächtigem Gewand. Sie werden von prunkvoll herausgeputzten Rittern auf edlen Rössern überholt, können das Lager des Schillingsfürster-Bauernhaufens vor der Franziskanerkirche bestaunen oder der Tanztruppe im Garten der Kirche beim Reigen zusehen – immer wieder ein Genuss, mit wie viel Hingabe und Engagement die Rothenburger Einwohner sich alle an diesem Spektakel beteiligen.

Dieses Mal mietete ich mich im „Goldenen Hirsch“ an der Schmiedgasse ein, der seit nunmehr 350 Jahren Gäste beherbergt.

Das Hotel ist ein besonders geschichtsträchtiges Gemäuer. An einzelnen Zimmertüren weisen Schilder darauf hin, wer schon alles hier logierte, zum Beispiel Willy Brandt, Francois Mitterand, König Maximilian von Bayern (1806) oder Friedrich Karl Ludwig Konstantin, Prinz zu Hessen. Gerade der offene Salon im ersten Stock verströmt einen solch bezaubernden Charme von vergangenem Glanz, dass ich meine Hotelwahl nicht bereute, denn wenn man für einen Moment die Augen schloss, konnte man sich vorstellen, wie hier prächtig ausstaffierte adelige Damen, flankiert von ihren hurtig huschenden Zofen, die Räume bevölkerten und naserümpfend im Salon ihren Tee zu sich nahmen. Selbstverständlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, mich in einem der kuscheligen Sessel im ersten Stock des Salons zu fläzen, in dem eventuell sogar schon Willy Brandt seine Zigarette zum Kaffee geraucht hat. Eine schöne Vorstellung.

Aber natürlich war ich nicht gekommen, um mich ausschließlich im Hotel aufzuhalten und so zu tun, als sei ich Frau von und zu, im Gegenteil.

Winziges Fachwerkhaus ist begehrtes Fotomotiv

Der „Goldene Hirsch“ liegt nur 50 Meter vom meist fotografierten Flecken in Rothenburg entfernt, dem „Plönlein“, einem winzigen Fachwerkhaus neben dem Kobolzeller Tor. Selbstverständlich musste ich wieder mal, wie immer, vorsichtig die ausgetreten Stufen hinabsteigen und einen Finger in den Springbrunnen tauchen. Keine Ahnung, warum ich das immer mache. Versuchen Sie es einfach, es hat was.

„Wo wollen wir zuerst hin?“, ist immer die obligatorische Frage, für mich allerdings keiner Rede wert, denn ich muss ganz einfach meinen Abstecher ins Weihnachtsmuseum von Käthe Wohlfahrt machen, wo auf mehreren Etagen ganzjährig Advent herrscht. Schon im Eingang wird man von einem mehrere Meter hohen schneeweißen, geschmückten Christbaum und weihnachtlicher Musik begrüßt (auch im Juli bei 30 Grad im Schatten…) und schlendert dann auf mehreren Stockwerken an Weihnachtsbaum-Deko, Tischdecken, Teddybären, Spieluhren oder edlem Porzellan vorbei. Stellen Sie sich einfach einen riesigen Raum, gefüllt mit unzähligen Körben voller Christbaumkugeln vor. Ich schaffe es wahrlich nie, dort mit leeren Händen hinauszugehen.

Traumhafte Shoppingmöglichkeiten locken

Dieses Mal war es eine Plätzchenschale von Villeroy & Boch, die mir zurief: „Nimm mich mit, bitte!!“. Ich habe sie erhört, man ist ja kein Unmensch. Einen 60 cm hohen Rauschgoldengel habe ich gleichfalls „erlöst“ und bruchsicher verpacken lassen. Im Grunde ist er größer als mein Baum, aber das lasse ich jetzt mal drauf ankommen. Und da es sinnlos ist, sich etwas vorzumachen, bin ich seit letztem Wochenende stolze Besitzerin einer Kundenkarte. Endlich.

Zurück an der frischen, gar nicht weihnachtlichen Luft, steht man wieder vor der Qual der Wahl. Wohin denn nur? Ich jedenfalls muss noch zu „Eigen-Art“ am Markt Nr. 10, einem kleinen ausgefallenen Laden, der handgefertigte Accessoires und vor allem eine ansehnliche Sammlung von Vendula-Bags bietet, schicken, außergewöhnlichen Handtaschen, die in Deutschland nicht ganz einfach zu bekommen sind. Mittlerweile besitze ich zwei. Aber genug des Einkaufens, immerhin war ich ja wegen der Kultur hierher gereist. Nehme ich an…

So viele schöne Ecken, so viele hübsche Läden, so viele Sehenswürdigkeiten und nur ein Wochenende Zeit. Wo fängt man an? Wenn Sie möchten, können Sie eine Tour im Elektromobil machen, das einem Automobil um die Jahrhundertwende herum nachempfunden ist, und wo Ihnen ein beschlagener Führer detailliert die Stadt erklärt und sie dabei CO2-freundlich an alten Gemäuern entlang transportiert. Sehr empfehlenswert sind übrigens auch die „Henker“-Tour oder die „Nachtwächter-Tour“ – Stadtführungen mit besonderem Flair, die Sie ohne vorherige Anmeldung mitmachen können. Jede davon hat ihren eigenen Reiz, und es gibt nach einem opulenten Abendessen schlechtere Methoden, sich die Beine zu vertreten.

Fackelzug in Rothenburg ob der Tauber einzigartiges Erlebnis

Festumzug Ritter

Mittelalterlicher Umzug in Rothenburg ob der Tauber.

Als ich schwer beladen aus dem Weihnachtsmuseum stolperte, blieb aber gerade noch Zeit für einen Cappuccino gegenüber der Franziskanerkirche, denn es war schon wieder tatsächlich Zeit fürs Abendessen und den anschließenden jährlich stattfindenden Fackelzug, bei dem immerhin 27 historische Gruppen mitwirken.

Es war ein Erlebnis: ein Meer von Fackeln, getragen von mittelalterlich gewandeten gutgelaunten Menschen, die endlos an einem vorbeizogen. Ich hörte Dudelsäcke, Zimbeln, Flöten, Trommeln, Gesänge, lautes Lachen – eine ergreifende Angelegenheit, die einen schwupps ins Mittelalter zurückversetzte, wenn man bereit war, sich auf diese stimmungsvolle Zeitreise einzulassen.

Anschließend fand am Rathaus ein Fassaden-Feuerwerk statt, das mit großen Beifall aufgenommen wurde. Später verteilten sich die Menschenmassen und verloren sich in den Gassen und Winkeln der Stadt, bis ein wenig Ruhe einkehrte. Auch ich bettete mein müdes Haupt auf das fluffige Kissen meines luxuriösen Hotelzimmers. Immerhin hat in meinem Appartement laut dem Schild an der Tür Herzog Friedrich-Ferdinand von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg gepennt. Das will schon was heißen. Wer war das überhaupt? Prompt schlief ich todmüde von all den Eindrücken ein und erwachte ausgeruht am nächsten Morgen.

Nur einmal schreckte ich von dem Ruf „Lasst uns plündern!“ hoch, der von der Straße gedämpft ins Zimmer gellte – dann erinnerte ich mich an den Fackelzug und nahm richtig an, dass es sich bei den Schreihälsen um ein paar angeschickerte übriggebliebene „Landsknechte“ handelte, die am nächsten Tag wohl einen rechten Brummschädel haben würden.

Fackelzug in Rothenburg

Der Fackelzug in Rothenburg ob der Tauber ist ein grandioses Erlebnis!

Am nächsten Tag war leider schon wieder die Abreise angesagt, und nach einem letzten ausgedehnten Bummel, einem Besuch bei der Falknerei, die wie jedes Jahr ihren Stand bei der Jakobskirche hat und einem Besuch im Cafe „Lebenslust“, in dessen beinahe mediterran wirkendem Innenhof ich eine sehr angenehme Stunde verbrachte, musste ich mich schweren Herzens auf den Heimweg begeben.

Aber ich verrate Ihnen mal was: Mein nächster Besuch ist schon geplant, am 31.10.2019 habe ich vor, die stillen Winkel und Gassen Rothenburgs erneut unsicher zu machen und eine ganz spezielle „Henkers-Tour“ zu buchen, der Veranstalter bietet nämlich auch vorgetäuschte Enthauptungen an.

Wie ich vorhin schon schrieb: Es gibt schlechtere Methoden, sich nach dem Essen die Beine zu vertreten, und vielleicht buche ich sogar noch ein Gespenst dazu. Wer weiß? Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen eine kleine Anregung für Ihren nächsten Wochenendtrip geben konnte. Wir sehen uns am Plönlein. Oder?

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Frau und verleihen

Gehören Sie auch zu den Menschen, die schlecht „Nein“ sagen können? Willkommen im Club! Viele Jahre lang war ich sozusagen der „Depp vom Dienst“. Egal, ob Sie Hilfe bei der Kinderbetreuung, in stundenlanger Kleinarbeit angerichtete kalte Platten für Partys (zu denen ich nicht eingeladen war), Schlafsäcke fürs Camping oder Arzt- und Besorgungsfahrten brauchten – von mir bekamen Sie es.

Für ein 27seitiges Gedicht, das bei mir „bestellt“ worden war anlässlich der Hochzeit zweier Unbekannter, zu der ich selbstverständlich nicht geladen war, („Du kannst so gut reimen, und ich würde dafür viel länger brauchen“) erhielt ich als Bezahlung ein schiefes Holzbrett zum Zwiebelschneiden, denn der „Auftraggeber“ hatte Beziehungen zu einem Sägewerk, und ihn kostete das Ding nichts. Das Brett besitze ich übrigens heute noch, damit ich nie vergesse, wie billig ich mal gearbeitet habe. Und wie bescheuert ich war.

Ich war allerdings noch nie gut darin, irgendjemandem etwas abzuschlagen und könnte Bücher mit meinen persönlichen Niederlagen füllen. Einmal habe ich beispielsweise mitten in Texas einem chronisch abgebrannten Familienvater einen PC gekauft (Ich war die mit der Kreditwürdigkeit…), weil er mit flehendem Blick schwor: „Wenn du mir diesen Computer schenkst, dann bin ich mein ganzes Leben lang in deiner Schuld.“

Das „Nein“ kommt schwer aus meinem Mund…

Nun – ich hatte keinerlei Interesse daran, dass jemand in meiner Schuld stünde, denn ich wollte hier nur eine Woche Urlaub machen und seine Frau besuchen, also suchte ich nach den richtigen Worten für eine Absage.

Sie haben keine Ahnung, wie sehr sich das „Nein“ anstrengte, aus meinem Mund zu schlüpfen, aber ich war von seinem gequälten Blick so eingeschüchtert (Immerhin handelte es um den Mann einer alten Freundin), dass ich wortlos meine VISA zückte. Bitte sagen Sie nicht, ich sei dumm. Weiß ich selbst.

Mindestens 24 Stunden lang konnte ich anschließend meine eigene Spucke nicht mehr runterschlucken, so sehr schnürte es mir den Hals zu vor lauter Zorn über meine Feigheit. Eine Einladung von anderen Bekannten zum Dinner am selben Tag musste ich deswegen absagen und im Hotel bleiben. Die restliche Zeit verbrachte ich damit, sauer auf mich selbst zu sein.

Diesen treuherzig dreinblickenden Mann habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland niemals wiedergesehen, da meine Freundschaft mit seiner Frau in die Brüche ging. Vor kurzem erfuhr ich, dass er sich einige Jahre nach meinem Besuch in den Staaten das Leben genommen hat. Das tut mir sehr, sehr leid, denn er war eine liebenswerte Person. Aber immerhin hat diese bedrückende Nachricht meinen Ärger über mich selbst relativiert, so dass ich nichts mehr bereue. Wenn ich dir eine kleine Freude machen konnte, dann ist es gut. Du warst ein netter Kerl, R., und scheinbar habe ich deine traurigen Augen schon damals richtig interpretiert. Mögest du in Frieden ruhen.

Aber zurück zu dem guten alten „Nein“, das ich jahrzehntelang nicht aussprechen konnte. Angefangen hat alles in grauer Vorzeit mit Büchern und Schallplatten – Sie wissen schon: der analoge Kram ohne Hintergrundbeleuchtung oder Nachschlage-Funktion, und die runden Teile aus Polyvinyl, auf die man tierisch aufpassen musste, um sie nicht zu zerkratzen.

Ich liebte schon immer Musik und knappste mir dafür von meinem kleinen Verdienst regelmäßig etwas für eine Schallplatte ab. Man konnte ja nicht, wie heute bei I-Tunes, einen Song probehören und anschließend aufs Handy streamen, nein, wir mussten in den nächstgelegenen Plattenladen – meist verrauchte Buden mit engagierten, aber geistesabwesenden Verkäufern – und dort in Bergen von riesigen Covern kramen. Eine Scheibe kostete um die 20 Deutsche Mark, das war ein nicht zu unterschätzender Teil meines sauer verdienten Gehalts. Dafür verzichtete ich oft auf vieles andere.

Meine kostbaren Schätze wurden stets ausgeliehen

Bei mir zuhause lagerte ich meine „Schätze“ aus Platzmangel dann in einfachen Regalen an der Wohnzimmerwand. Ich besaß ein Sortiment an fluffigen Tüchern zum Reinigen sowie einen gebraucht gekauften Plattenspieler, dessen teure Nadel ich hütete wie Gollum seinen Ring.

Oft saß man mit Bekannten auf dem Sofa, trank ein Glas Wein und hörte Musik. Leider sah bei solchen Gelegenheiten auch jeder, was ich im Regal stehen hatte, das war gefährlich, denn andere waren nicht so dumm wie ich. Die sparten sich ihr Geld für wichtige Sachen, im Gegensatz zu mir.

„Echt? Mike Oldfields ‘Tubular Bells’?”, fragte zum Beispiel T., ein schlaksiger Bursche mit wuscheligen Haaren und verträumtem Blick aufgeregt nach einem Blick in mein Plattenregal. „Die MUSST du mir unbedingt borgen.“ Ich hasse es, wenn jemand behauptet, ich müsste irgendwas…

Es handelte sich um eine sogenannte „Bildplatte“, die war wesentlich teurer gewesen als meine anderen Scheiben. Natürlich wollte ich diese Kostbarkeit nicht herausrücken, aber T. löcherte mich so lange, bis ich zähneknirschend nachgab. In den nächsten Jahren (!) erinnerte ich ihn bei jedem Treffen an die Bildplatte. „Was? Ich soll mir die geliehen haben? Da kann ich mich nicht dran erinnern. Wie sah die denn aus?“, fragte er immer und schüttelte den Kopf.

Wäre er der einzige gewesen, hätte mich das nicht so geschmerzt, aber bei mir entwickelte es sich epidemisch, Dingen hinterherzulaufen, die ich verborgt hatte. Scheinbar war ich die einzige Blöde im Bekanntenkreis, die Geld für etwas ausgab, das andere auch besitzen wollten. Und schwupps, hatte ICH es plötzlich nicht mehr.

Fünf (!) Jahre später bekam ich die Mike Oldfield-Platte zurück: ein zerkratztes Exemplar in zerfleddertem Cover mit aufgerissenen Ecken, und schon gar keine Bildplatte, sondern eine normale. Sie halten mich für nachtragend? Mittlerweile bin ich es wirklich.

Ich war wohl die einzige, die nie widersprach, wenn jemand was wollte…

Mit Büchern lief es übrigens genauso. Viele Jahre kaufte ich dicke Schmöker sogar nach Gewicht, denn ich las unglaublich viel und wollte lange etwas davon haben. Leider bewahrte ich meine Bücher ebenfalls im Wohnzimmer auf. Oberhalb der Schallplatten.

„Oh, du hast was über die psychologische Deutung von Träumen? Das MUSS ich mir anschauen“, behauptete eine Bekannte, schnappte sich das Buch und verschwand. Ich habe es bis zum heutige Tage nicht wiedergesehen. („Ach das? Ich habe es Heidrun geliehen, die wollte es unbedingt auch mal lesen. Sobald ich es zurückhabe, bringe ich es dir vorbei…“).

Sie wollen gar nicht wissen, wie lange das her ist, sonst erschrecken Sie über mein gutes Gedächtnis. So lief das immer: Wenn ich was hatte, kam kurz darauf jemand an und borgte es sich. Manchmal kam ich mir vor wie eine Bücherei oder ein Plattenladen, in dem es alles gratis gab. Für jeden außer mir. Dabei war ich die einzige im Bekanntenkreis, die ganz allein ihre Kohle verdiente, nicht zu zweit. Jeder wusste, wie sehr ich zu kämpfen hatte, um mich finanziell über Wasser zu halten, und welche Entbehrungen ich gelegentlich auf mich nehmen musste, um über die Runden zu kommen. Das juckte aber niemanden, denn scheinbar war ich die einzige, die nie widersprach, wenn man was von ihr wollte.

Die ganzen Geschichten gingen allmählich so richtig ins Geld, und wenn ich die Leute an meine Leihgaben erinnerte, war ich ein „kleinlicher Korinthenkacker mit einer Buchhalterseele“, wie mir mehr als einmal vorgeworfen wurde.

Sträubte man sich, etwas herauszurücken, bekam man zu hören: „Aber das gilt nicht für mich, oder? Wir kennen uns doch schon so viele Jahre! Traust du mir etwa nicht?“

Erst sehr viel später habe ich bemerkt, dass es wesentlich einfacher gewesen wäre, sofort „Nein“ zu sagen, als seinem Kram über Jahre nachzurennen.
Manche lernen eben nur durch Schmerz. Oder durch Nachkaufen.

Die Schnorrer starben auch in moderneren Zeiten nicht aus

Dann kam die digitale Revolution, und mit einem Mal waren meine geliebten Schallplatten unmodern geworden. Die viel kleineren CDs versteckte ich im Schlafzimmer, und als es erst mit dem Streamen losging, war ich erleichtert. Merkwürdigerweise wollte ab dem Aufkommen der Smartphones niemals mehr jemand ein Buch von mir, obwohl ich der ungeliebten Verleiherei mit dem Kauf eines Kindle entgegengewirkt hatte („Tut mir leid, alles digital, ich habe keine Printausgaben von dem neuen Roman von T.C. Boyle, musst du dir selber kaufen“). Ich könnte heute sogar alle meine Bücher mitten im Wohnzimmer zu einer Pyramide stapeln, das würde keinen mehr interessieren. Versuchen Sie heutzutage mal, welche zu verschenken, dafür müssen Sie sogar noch bezahlen. Zeiten ändern sich.

Die Schnorrer starben aber nicht aus, auch nicht, als die ersten PCs in Privathaushalten auftauchten. Einmal besuchte mich ein Bekannter, der wohnte 300 Kilometer entfernt, und gab ganz offen zu, er unternehme gerade eine „Rundreise“ und frage alle Leute, zu denen er kam, ob sie tolle Spiele hätten, die er sich dann kopierte, damit er sich selbst keine kaufen musste. So viel Unverschämtheit machte mich sprachlos, und ich bat ihn, zu gehen. Sie sehen, sogar ich habe meine Grenzen.

Auch bei Kleidung kannten viele meiner weiblichen Bekannten keine Scham. Gefährlich wurde es, als es mir finanziell besser ging, denn wenn ich mir was Neues kaufte – dummerweise in dieselben Größe wie eine gute „Freundin“, die wegen ihrer Vorliebe für teure Urlaubsreisen, ausgedehnte Barbesuche und große Autos ständig abgebrannt war – hatte ich es nicht mehr lange .

Bis heute fehlen mir etliche Designer-Jeans, Ralph Lauren-Shirts, edle Handtaschen („Bitte, nur einen Abend, kriegst sie nächste Woche wieder!“) und sogar eine Armbanduhr von „Dolce & Gabbana“ („Die passt so gut zu meinem roten Kostüm, Himmel, du kennst mich doch und weißt, dass du dein Zeug immer gleich zurückkriegst.“) Falls Sie glauben, ich spreche immer von derselben Person – weit gefehlt. Es waren mehrere sehr auf ihr Aussehen bedachte Damen mit großem Ego und kleinem Portemonnaie.

„Ist das echt?“, fragte eine Freundin hingerissen, als ich ihr stolz einen eben bei Ebay erstandenen Traum aus Tüll, Strass und Perlen zeigte: ein original Ballkleid aus den 50er-Jahren, das ich an Halloween tragen wollte. Ich hatte ein Vermögen dafür hingelegt.

Den Traum von Ballkleid verliehen…

„Das MUSST du mir leihen“, beschwor sie mich. „Wir gehen doch am Samstag auf den großen Faschingsball. Jetzt komm, sei nicht so. Immer hockst du auf deinem Zeug.“
(S. – ein Jahr jünger als ich, gleiche Kleidergröße – Außenstände in Sachwerten bei mir: 14 Bücher, Schallplatten in unbekannter Anzahl, und außerdem so hohe Geldschulden, dass ich mich schämen würde, Ihnen zu gestehen wie viel ich ihr im Laufe der Jahre geborgt hatte).

„Ich weiß nicht“, zierte ich mich aus o.g. Gründen. „Eigentlich hab ich das nur für mich gekauft.“ „Vertraust du mir nicht?“, entgegnete sie sauer. „Jetzt kennen wir uns schon über 20 Jahre.“

Am Ende hatte sie mich rumgekriegt, so wie immer. Also übergab ich ihr mit einem Knödel im Hals, wie damals in Texas, das herrliche Ballkleid mit der Bitte, darauf aufzupassen. Und fragte anschließend ein (!) Jahr lang immer wieder, wann ich es endlich zurückbekäme. Die Antworten lauteten wie folgt:

„Wir müssen es erst waschen, es ist ein wenig schmutzig geworden, und du weißt ja selbst, wie das bei Tüll so ist.“

„Es liegt gerade in der Reinigung. Kann noch dauern.“

„Ich finde es momentan nicht, keine Ahnung, wo ich es hingelegt habe.“

„Mann, bist du kleinlich, das nervt allmählich. Halloween ist doch schon lange vorbei. Als könntest du ohne diesen Fetzen nicht leben, ist ja peinlich.“

Kurz vor Silvester bekam ich dann die grausame Wahrheit serviert:

„Das Kleid ist so kaputt, das können wir dir nicht mehr zurückgeben“, (Lapidare Handbewegung). „Jemand an der Bar neben mir hat scheinbar mit einer Zigarette Löcher reingebrannt. Ich habe es weggeworfen.“ Total gleichgültig klang sie, als spräche sie von einer leeren Plastiktüte oder einem gebrauchten Küchentuch, als wäre es völlig egal, dass ich dieses herrliche Ballkleid gekauft und teuer bezahlt hatte. War ja nur mein Geld.

Ich bin definitiv zu gutmütig!

Das war für mich persönlich der Moment, in dem ich bemerkte: Ich war zu gutmütig. Oder zu blöde. Oder beides. Und ich beschloss, damit aufzuhören, denn ich hatte die Nase voll von Personen, die auf anderer Leute Kosten lebten und sich ihr eigenes Geld sparten, wie zum Beispiel ein Bekannter aus der Schweiz, der allen stolz erzählte, er besäße aus Umweltschutzgründen kein Auto. Außerdem sei jeder, der heutzutage noch ein Fahrzeug auf sich angemeldet hätte, ein rücksichtsloser Idiot.

Merkwürdigerweise war er aber das ganze Jahr durchgehend in ganz Europa unterwegs, wozu er sich dann Autos von Freunden lieh, die diese gekauft hatten, dafür Steuer und Versicherung bezahlten und im Endeffekt die Angeschmierten waren. Die Bahn war ihm nämlich zu unbequem.

Dieses Verleihen funktioniert eigentlich nur, solange es einen Deppen gibt, der alles kauft und bezahlt und einen, der es benutzen will, ohne was dafür zu tun.
Kann mir mal jemand erklären, warum ich immer der Gelackmeierte sein muss?

Irgendwann hatte ich es auf jeden Fall satt. Die Ausreden ebenfalls:

„Echt? Eine Bluray über Havanna? So was interessiert mich doch gar nicht, du verwechselst mich garantiert und hast das jemand anderem geborgt.“
(Nachgekauft)

„Die braunen Wildlederschuhe? Die habe ich dir doch schon ewig lange zurückgegeben. Du solltest echt mal wieder bei dir aufräumen.“
(Nie mehr erhalten)

„Also, das wüsste ich, wenn ich mir von dir einen DVD-Player geliehen hätte. Der müsste ja hier irgendwo stehen.“
(auf Streaming umgestiegen)

„Welches Waffeleisen? Ich backe doch überhaupt nicht?“
(Nachgekauft)

Und, und, und…

Es musste aufhören!

Ich musste damit aufhören. Es war meine einzige Chance. Denn bis auf mein Auto oder meine Tupperdosen hatte ich immer alles jedem geborgt.

Ja – Sie lesen schon richtig. Bei diesen beiden Dingen hört jeder Spaß auf, vor allem bei Tupperware, denn jede Frau weiß, wie viele Tupperdosen sie besitzt, welche Farbe die Deckel haben, und wann sie diese angeschafft hat. So was gibt man nicht her – da verleiht man eher seinen Ehemann.

Kleiner Scherz.

Aber nun kommen wir zur Königsdisziplin des Verleihens: dem Geld. Die Kür unter den Gefälligkeiten, und nur Hartgesottenen zu empfehlen. Sobald Sie ihrem Bekannten aus einer pekuniären Klemme helfen, mutieren Sie mit einem Mal nämlich vom netten Menschen zur Spezies „Gläubiger.“ Und den mag keiner so richtig. Jedes weitere Treffen wird künftig zur Belastungsprobe, denn der riesige rosa Elefant steht grundsätzlich dabei und grinst sich einen. Man bemüht sich, Themen zu vermeiden, die das Wort „Geld“ beinhalten, gefährlich sind auch „Euro“, „Betrag“ oder alles, das beim Schuldner eine Assoziationskette in Gang setzen könnte, die ihm signalisiert, Sie wollten ihn darauf ansprechen, wann er Ihnen endlich die Kohle wieder gibt.

In meinem Leben gab es wahrhaftig schon ein paar heikle Situationen, aber die waren nichts gegen den vorsichtigen Versuch, jemandem ins Gedächtnis zu rufen, dass er mir Geld schuldet und ich es wiederhaben möchte.

In den wenigsten Fällen wird man ja von Personen angepumpt, die ihr Leben auf der Reihe haben. Sollte es sich nur um kurzfristige, überschaubare Engpässe handeln, ist es kein Thema. Aber wer verzweifelt vor Ihnen steht und stottert, dass er nicht weiß, wie den Monat überstehen soll, dem wird es vermutlich in vier Wochen nicht wesentlich besser als heute gehen.

Letztes Jahr wurde ich von einem ehemaligen Geschäftsmann angepumpt, der es immerhin geschafft hat, über viele Jahrzehnte einen aufwändigen Lebensstil zu pflegen, mit Liegenschaften in der gesamten Republik, Golfspielen, Maßanzügen, kostspieligen Damenbekanntschaften und weiten Fernreisen, von denen er sich in seinem Luxus-Appartement in einer noblen Gegend erholte. Nun ist er Mitte 70 und so was von pleite, dass ihm die Obdachlosigkeit droht. Alles verjuckt, wirklich alles. Bis auf ein paar Kaschmirpullis und Poloshirts.

Mit der Rückzahlung des Geldes rechnete ich nicht…

Es ist nicht meine Angelegenheit, zu richten, denn auch ich habe in meinem Leben schon Fehler gemacht, also überwies ich ihm einen Betrag, der mir nicht allzu wehtat, denn ich wusste: Das Geld sehe ich nie wieder. Ich wünschte dem Mann alles Gute und wechselte meine Handynummer. Mit der Rückzahlung des Geldes rechnete ich keinen Moment, und damit liege ich vermutlich richtig.

Bitte halten Sie mich nicht für kleinlich – Niemand sagt was bei einem ausgelegten Kaffee für 2,50 €, oder einem Kino-Ticket, das man online im Voraus bezahlt hat. Das kann ich einem guten Freund mal schenken. Aber bei größeren Beträgen verwende ich mittlerweile Kreditvertrags-Vordrucke aus dem Internet, denn an so was zerbrechen Freundschaften.

Und seien Sie vorsichtig mit dem Satz: „Gib es mir zurück, wenn du kannst, es eilt nicht.“ In den meisten Fällen wird man nämlich beim Wort genommen, und auf Sie wartet eine peinliche Odyssee, an deren Ende SIE sich vermutlich fühlen, als hätten Sie was verbrochen.

„Aus Schaden wird man klug“, lautet ein altes Sprichwort. Leider sagt es einem aber nicht, wie lange so was dauern kann – in meinem Falle entschieden zu lange.

Wissen Sie, was mich heute so richtig freut? Dass ich meinem Ärger endlich einmal Luft machen konnte, denn Ihnen habe ich nichts geliehen. Sie können nicht behaupten, ich sei kleinlich oder eine Buchhalterseele, wie die neuen Besitzer meiner Platten, Bücher, Klamotten, DVDs und elektrischen Geräte. Und jetzt gehe ich in meine Küche und zähle Tupperdosen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre

Barbara Edelmann

Barbara Edelmann mit Hut

Neulich kramte ich in den wenigen uralten Fotos, die ich mittlerweile noch nicht digitalisiert habe, und gestehe heute nach Durchsicht aller Bilder ganz offen: Scheinbar kann ich mit Mode nichts anfangen, zumindest nicht mit der Art von „Mode“, die mir alljährlich in Hochglanz-Gazetten vorgeschlagen wird. Der Beweis hierfür lagert in Form etlicher Abzüge in einem Karton. Ob das wohl daran liegt, dass ich noch nie etwas mochte oder machte, von dem alle anderen behaupteten: „Das MUSST du unbedingt kaufen/lesen/anschauen/tun“?

In der Mode wich die Individualität massentauglicher Uniformität

Wer ist dieser „man“ überhaupt? Muss ich den kennen? Er scheint nicht allzu gerne selbst zu denken oder Entscheidungen zu treffen. Ich schon.

In den letzten 20 Jahren habe ich keine Begriffe so oft in irgendwelchen Prine- oder Onlinemedien gelesen wie „Individualismus“, dicht gefolgt von „Selbstverwirklichung“. Früher ließ sich, wer individuell sein wollte, ein Tattoo stechen, die Unterlippe piercen oder etwas Aussagekräftiges ins bunt gefärbte Haar rasieren. Heute interessiert es keinen Menschen mehr, wer was in welcher Form auf Haar, Unter- oder Oberlippe oder Ohr trägt, geschweige denn, welche bunten Bilder seinen Arm oder den Rücken verzieren. Tattoos sind vom schlimmsten Schicksal überhaupt ereilt worden: Sie sind salonfähig geworden.

Und die „Individualität“ ist inzwischen einer Form von massentauglicher Uniformität gewichen. Facebook, YouTube oder Instagram sind voller junger, schöner Menschen mit trainierten Körpern, die ihre alleinseligmachende Wahrheit verkünden. Einige der berühmten Blogger haben mittlerweile Millionen von Followern.

Man „folgt“ also jemandem, weil der einem sagen kann, was zu tun ist, um sich schön, gesund oder „in“ zu fühlen? Was ist aus der Kunst des Weglassens geworden? Was aus der Herausforderung, selbst zu denken, sich zu entdecken, einer klaren Linie zu folgen, einen eigenen Stil zu entwickeln? Wo ist sie denn hin, diese Individualität, die Selbstverwirklichung? Muss ich, um ich selbst zu sein, wie alle anderen aussehen? Fragen über Fragen.

Mode und ich – eine nicht ganz einfache Liason

Barbara Edelmann elegantHeute geht es mir jedenfalls um Mode. Ich habe seit meiner Jugend Maienblüte so gut wie alles getragen, das Ihnen heutzutage wieder mal als „Innovation“ angepriesen wird – auch das, was noch kommt.

Vor fünf Jahren bot man mir in einem exklusiven Möbelhaus eine Anrichte an, die aussah, als wäre sie zweihundert Jahre lang in einem versiegelten Gewölbekeller von Ratten angenagt worden – oder von einem sehr großen Biber. Ich habe höflich abgelehnt, weil ich der Meinung bin: Kaputtmachen kann ich meine Möbel immer noch selbst. Das gilt auch für Jeans oder Hemden. Nur weil „damaged“ draufsteht, bleibt es trotzdem einfach kaputt. Da bin ich eigen.

Sie sehen schon – das wird nicht ganz einfach mit mir…

Ich bin jedenfalls schon vor Jahrzehnten auf turmhohen Plateausohlen über unebenes Kopfsteinpflaster gestöckelt, habe mir an strategisch wichtigen Stellen Löcher ins neue Shirt gefetzt, eine pinke Strähne in den Pony gefärbt, meine Oberarme mit Körperglitzer beschmiert, die Augenbrauen wachsen lassen und dann wieder dünn gezupft, T-Shirts in Übergröße zu obszön bunten Leggings angezogen oder im Modehaus beinahe geheult, wenn ich die formlosen Lappen aus Kunstfaser auf den Kleiderständern hängen sah, weil, wie die Verkäuferin es so schön formulierte, „man das eben gerade so trägt“.

„Wenn Sie tatsächlich so was wie Etuikleider suchen, müssen Sie in den Second-Hand-Shop gehen“, riet mir die Dame pikiert. Ende Gelände.

Die Mode und ich – wir haben ein etwas schwieriges Verhältnis. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine unstillbare Sehnsucht in mir trage, nach Cashmere, Leinen, Seide und Gabardine oder gutem Jersey. Zur Not tut’s auch ein veredeltes Baumwoll-Viskose-Gemisch. Ich liebe einfache Formen, figurbetonte Schnitte, Naturtöne und schlichte Eleganz, sage aber auch zu einem schönen Lagenlook nicht nein, wenn ich wieder mal eine „Pizza-Woche“- eingelegt habe. Und ich mag nicht: Muster, Rüschen, Knöpfe an Stellen, wo es keine braucht, Reißverschlüsse nur zur Deko, Kellerfalten, riesige Karos, Gelb (darin sehe ich aus, als hätte ich mich gerade übergeben), und Kleidungsstücke aus 100 % Kunstfaser. Letztes Jahr wollte ich mir die 20 Minuten vor einem Arzttermin bei einem Textil-Discounter vertreiben und musste nach drei Minuten das Gebäude verlassen, weil meine Haare knisterten und zu Berge standen, sofort nachdem ich eingetreten war. Das ist nix für mich.

Guter Stil ist keine Frage des Geldes

Die Mode ändert sich ja ständig. Sagen Frauenzeitschriften. Darum kaufe ich mir seit Jahrzehnten alljährlich ein oder zwei ultramodische, gerade angesagte, Kleidungsstücke, um dem aktuellen Trend Genüge zu tun. Diese kombiniere ich dann mit meinen Basics und ignoriere den Rest der Vorschläge aus Kunstleder, Denim oder Polyester. Auch da bin ich recht exzentrisch.

Je älter ich werde, umso mehr kommt es mir vor, als würde Mode von Premium-Sadisten für Devote in dunklen Kellern bei Fackelschein und Met erfunden. Oder die Designer kramen einfach Zeichnungen von vor 50 Jahren aus zerfledderten Mappen und behaupten, das sei ihnen gerade erst eingefallen.

Wenn Sie eine Wohnung mit Kram vom Flohmarkt so vollstopfen, dass es nicht möglich ist, ohne einen Zickzack-Parcours vom Esstisch in die Küche zu laufen, wie soll denn der Mensch als solches noch zur Wirkung kommen? Ich möchte nicht in einem Wimmelbild leben, ich möchte nur wohnen. Das gilt auch für meine Kleidung– sie soll mich kleiden, nicht verstecken oder verdecken. Sie soll meinen Typ unterstreichen, zeigen, wer ich bin, meine Vorzüge präsentieren und Stellen wegschummeln, wegen derer ich manchmal den Bauch einziehe.

Man muss nicht viel Geld ausgeben, um sich gut zu kleiden, ist nach all den Jahren mein Fazit. Man muss nur genau darauf achten, wofür man es ausgibt.

Barbara Edelmann in jungen Jahren

Die 70iger hatten es modisch in sich!

„Um Himmels Willen, so kannst du dich doch immer noch anziehen, wenn du mal vierzig bist!“, schrie meine Mutter entsetzt, als ich vom Einkaufen kam und einen braunen Hosenanzug in Glencheck-Muster freudestrahlend aus der „C&A“-Tüte zog.

Ich war damals 18, mit Kleidergröße 36, langen blonden Haaren, und einer glühenden Sehnsucht nach „Haute Couture“. Da ich mir die aber nicht leisten konnte, fuhr ich regelmäßig mit der Bahn nach Augsburg zu „Charles & Anthony“, wie ich „C&A“ liebevoll nannte, und suchte Klamotten, die wenigstens ein kleines bisschen danach aussahen, als hätte Karl Lagerfeld sie entworfen. Und es gab ja auch noch den „Bader-Katalog. Die hatten, was ich gerne trug: Mode für „Damen“. Im Grunde bin ich seit meiner Pubertät 48 – das klassische Alter für eine gepflegte Erscheinung, wie meine Nachbarin behauptet.

Mode aus der VOGUE war unerreichbar

Oft saß ich während meiner Mittagspausen in billigen Kleidchen von der Stange mit brennenden Augen über der neuesten Ausgabe der „Vogue“, bewunderte die Fotos der Modeschauen in Paris oder Mailand und schwor mir, dass ich eines Tages ein eigenes Chanel-Kostüm besitzen würde. Chanel war für mich der Inbegriff all dessen, das ich liebte: Eleganz, zeitloser Chic, und der zarte, kaum wahrnehmbare Geruch von Geld. Viel Geld.

Ach, Leben, du bist echt gemein. Es hätte mir jemand sagen müssen, dass es allein mit Arbeit nicht geht. Es hätte mir jemand sagen müssen, dass man Miete, Strom, Telefon, Benzin, Versicherung, Essen und Fahrkarten bezahlen muss, ehe man sich zu „Gucci“ wagt oder bei „Prada“ mal vorsichtig nach dem Preis für ein Twinset fragt.

Meine Altersgenossinnen trugen Ende der 70er-Jahre, während ich abends beim Ausgehen ein biederes, braunes Bouclé-Kostüm und beige Stiefel mit schmalem Absatz ausführte, knallbunte Schlaghosen, schulterfreie Smok-Blusen, keinen BH und riesige Sonnenbrillen.

Barbara Edelmann mit Hut

Weiß behütet vor vielen Jahren

Übrigens war ich die einzige Frau mit Hut in unserer winzigen Kleinstadt – ein schneeweißer Borsalino, den ich mir vom Munde abgespart hatte, denn er kostete über 100 Mark, und ich verdiente nicht allzu viel.

Vorliebe für Haute-Couture – bis heute!

Bis heute habe ich keine Ahnung, woher diese Vorliebe für Haute Couture, puristische Schnitte und edle Stoffe herrührt, denn ich bin in ganz normalen, eher ärmlichen Verhältnissen großgeworden und habe die Kindheit in von meiner Mutter gestrickten oder genähten Klamotten verbracht. Denn der Wunsch nach elegantem Design, gedeckten Farben und die Jahre überdauernden klaren Linien war immer da. So ist es übrigens bis heute geblieben.

Aber ich hatte kein Problem damit, wenigstens mein Make-Up dem herrschenden Mainstream anzupassen, rasierte mir die Augenbrauen zum üblichen dünnen Strich, trug wie alle anderen grellblauen Lidschatten bis zum Anschlag auf, und verzierte mein Unterlid mit schwarzem Kajal, als wäre ich die Billig-Version von Cleopatra.

Während also alle meine Altersgenossinnen mit aus dem Gesicht geföhnten Locken auf Plateausohlen zu den Klängen von „Chicago“ oder „Baccara“ in die Nacht tanzten, trug ich unbeirrt Hosenanzüge in neutralen Farben und Kostüme oder Mantelkleider in Etuiform, als wären die 50er-Jahre nie vorbeigegangen. Außerdem hatte mir meine Mama eingeschärft: „Eine Dame benützt nie grellroten Nagellack oder Lippenstift.“ Daran habe ich mich bis heute gehalten, auch wenn ich das nie geglaubt habe. Und jetzt bin ich zu alt, um noch mit Rubinrot anzufangen, vermutlich würde das aussehen, als hätte ich mir auf die Lippe gebissen oder wäre den „Vampire Diaries“ entsprungen.

Erinnert sich noch jemand an die „Dreiwettertaft-Frau“? Sie war mein großes Vorbild. Blond, kühl, und immer elegant, entstieg sie mit in weite Fernen gerichteten Blick ihrem Privatjet, ein schickes Aktenköfferchen an der Hand, vermutlich von „Bree“ oder „Hermès“. Stets war sie in dezente Farben gekleidet, denn sie musste morgens zur Vorstandssitzung nach Tokyo, mittags nach Rom zum Meeting und abends nach Amsterdam zum Dinner. Mit perfekt sitzenden Haaren natürlich. Keine Ahnung, wie sie das rein logistisch geschafft hat, aber sie schwitzte nie und wirkte immer kühl und reserviert. Ruhe sanft, Dreiwettertaftfrau. Ich werde dich nie vergessen. Und da behaupte noch einer, Werbung wirke nicht.

In den 80igern dominierten Stulpen und Stiefel

Auch innerhalb der Familie waren die Fronten geteilt: Meine Schwester hatte sich nämlich gegen Ende der 70er-Jahre der „Gegenbewegung“ angeschlossen, also der „Jethro-Tull“-Fraktion, in Jesuslatschen und Protest-T-Shirts, die sich im Jugendzentrum traf, gegen alles war, und Diskotussen mit lackierten Fingernägeln wie mich zutiefst verachtete. Grundsätzlich lief sie nur in zerrissenen Jeans und einem befleckten Parka herum, der aussah, als hätte man sie darin quer durch den Libanon geschleift und danach angezündet. Uns trennten Welten.

Dann kamen die 80er. „Fräulein Menke“ sang mit großem Erfolg von hohen Bergen, „Supertramp“ verdienten Millionen mit „It’s rain again“, und alle kauften sich neonfarbene Overalls mit dazu passenden Stirnbändern. Man konnte nirgendwo hin gehen, ohne dass einem beinahe die Augen platzten, vor allem, weil irgendein findiger Disko-Besitzer damit begonnen hatte, Stroboskop-Lampen zu montieren, und man teilweise beim Tanzen nur gleißend-weiße, sich bewegende Gebisse erkennen konnte. Über „stonewashed“ Jeans wurden sogenannte „Stulpen“ getragen, also wollene Strümpfe ohne Fuß, die Stiefel reichten teilweise bis zum Oberschenkel und hießen „Stiefel“. „Overknee“ kam erst später.

Meine Freunde und ich besaßen übergroße Jeans-Latzhosen, die wir stolz zum Rollschuhlaufen trugen, denn Inline-Skater waren noch nicht erfunden. Überhaupt – diese Latzhosen… sie waren am Schenkel weit und am Knöchel enger geschnitten, trugen schrecklich auf und sahen außer an Farmern aus Minnesota bei niemandem gut aus. Die zog man sogar zum Ausgehen an.
Ich allerdings nicht.

Overalls hießen „Overall“ und nicht „Jumpsuit“ und waren ein must-have. Ich besaß genau einen mit winzigen blassgelben und violetten Karos und mochte den nicht. Egal, ob man zur Toilette oder zum Beischlaf wollte, es war umständlich, sich aus den Dingern herauszuschälen. Und zunehmen durfte man übrigens auch nicht, denn dann kriegte man den Reißverschluss über dem Busen nicht mehr zu. Zum Overall brauchte man einen irrsinnig breiten Gürtel mit Schnallen oder großen Metallfiguren wie zum Beispiel Schmetterlingen auf der Schließe, was eine Sanduhrfigur signalisieren sollte. Noch etwas, das man auf der Toilette öffnen und wieder anziehen musste…Oberhalb des Gürtels quoll dann allerdings der Busen über den Rand, und unterhalb der Bauch, wenn man Pech hatte.

Leggings – der modische Supergau!

Wer keine Overalls mochte, konnte es mit übergroßen T-Shirts in verrückten Mustern und neonfarbenen Leggings in Animal-Print oder riesigen bunten (in Neonfarben natürlich) Tupfen versuchen.

Zu den neonfarbenen Leggings passende Schuhe waren Pumps oder Sneakers, das kam auf den Mut an, denn eine enge Leggings und klobige Sneakers sind nur was für Frauen mit den Beinen einer Antilope. Ich habe keine getroffen. Nirgendwo.

Zum Ausgehen waren mittlerweile Polyester-Kostüme mit ausgestellten Schößchen an der Taille mit Schulterpolstern in Sofakissen-Größe angesagt, denn Alexis Carrington, die biestige Tussi aus „Denver Clan“, intrigierte sich darin durch die Serie, und viele wollten aussehen wie sie. Ach, dieser feine, von keinem Deo der Welt besiegbare Schweißfilm, er war damals überall wahrnehmbar, in der Dorfdisko wie in der Cocktailbar, denn Polyester hat keinerlei schweißabsorbierende Eigenschaften. Es knisterte und raschelte in jeder dunklen Ecke, und manchmal bekam man beim Berühren eines Türgriffs winzige Stromschläge ab. Sehen Sie? Das wäre mit Baumwolle nie passiert…

„Miami-Vice“ wurde modisch kopiert – mit fragwürdigen Resultaten

Viele Männer taten, als wären sie Don Johnson von „Miami Vice“, wenngleich pastellfarbene, offene Sakkos und bis zum Nabel aufgeknöpfte Hemden den wenigsten überhaupt standen, da bei einigen der käseweiße Bierbauch durch die zum Zerreißen gespannte Knopfleiste schimmerte.

Barbara Edelmann

Auch dieser Look war mal „in“!

Der „Vokuhila“, also „vorne kurz, hinten lang“, erlebte eine meiner Meinung nach zu lange Blütezeit. Man benötigte für diese Frisuren Unmengen an Gel und musste alle paar Wochen zum Nachschneiden. Und es dauerte ewig, bis die Haare wieder nachgewachsen waren, wenn man es satt hatte, wie ein bekannter Fußballer auszusehen. Als Frau.

Kaum war der Vokuhila endlich verendet, kam die saure Dauerwelle. Alle wollten mit einem Mal die Wallemähne von Farah Facwett Majors aus „Drei Engel für Charlie“. Zu Farahs wilden Locken trug man verspiegelte Sonnenbrillen von Ray Ban und einen abweisenden Gesichtsausdruck. Der kostete wenigstens nichts.

Ich hatte nacheinander zwei saure Dauerwellen – und die zweite war die schlechteste Idee meines Lebens, denn meine Haare waren taillenlang und naturblond, als sie auf winzige Wickel gedreht wurden. Dabei hatte mir die Friseurin große Locken versprochen – genau wie bei Farah, die ja immerhin beinahe daherkam wie meine verehrte Dreiwettertaftfrau. Mehrere Jahre lang sah ich aus wie ein explodierter Besen, vor allem, als die Dauerwelle herauszuwachsen begann. In dieser Zeit wurde ich Spezialistin für Hochsteckfrisuren. Fotos? Die wusste ich alle zu verhindern. Gottseidank.

Saure Dauerwellen mussten übrigens so aufwändig gepflegt werden wie exotische Rassehunde, mit speziell dafür abgestimmten Spülungen und Haarkuren, die so abartig rochen, dass man sich nach jeder Haarwäsche vorkam wie die Testperson in einem Chemielabor. Aber angeblich drohten einem bei Nichtverwendung von speziellen Keratin-Spülungen mindestens Haarausfall und Spliss – die existenzielle Bedrohung für mehr als kinnlange Frisuren. Friseursalons boten Spliss-Behandlungen an, bei denen Haarsträhnen zusammengezwirbelt wurden, dann kappte die Friseurin aus den Strähnen hervorstehende gespaltene Enden. Das dauerte ewig.

Ich hatte nie eine Splissbehandlung, sondern musste mir nur ein einziges Mal beim Friseur einen riesigen Kaugummiklumpen aus dem Haar entfernen lassen, mit dem ich morgens nach einer wüsten Party aufgewacht war. Aber auch davon gibt es keine Fotos.

Seine Augenbrauen trug man wie Brooke Shields, denn die war mit dem Film „Die blaue Lagune“ mit einem Schlag weltberühmt geworden, und jeder wollte so skeptisch die Stirn runzeln können wie sie. Also ließ ich meine wieder wachsen, was übrigens gar nicht so leicht war, denn all die Jahre zuvor hatte ich sie akribisch mit der Pinzette ausgezupft.

Aber nicht nur Brauen durften wuchern, sondern auch Achselhaare und alles weiter südlich. Niemand dachte sich etwas dabei. Zumindest nicht in Europa.

Kostüm statt Karottenhose

Karottenhosen waren Pflicht. Es gab ohnehin nichts anderes zu kaufen. Dazu Hosenträger in Überbreite, zwischen deren Träger man seinen Busen quetschte, der deshalb gewollt oder ungewollt zum Eyecatcher wurde. Das sah nur bei Frauen mit weniger Oberweite wirklich gut aus. Karottenhosen waren die Pest. Oben weit, unten am Knöchel eng, oft sogar noch mit einer Bundfalte. Auch Männer hatten es mit diesem Kleidungsstück schwer, denn die allerwenigsten besaßen die richtige Figur für eine Bundfalten-Hose aus Gabardine oder Halbleinen. Wurde dazu noch das Hemd in den Bund gestopft, sah das im besten Falle unschön aus, und man wirkte gedrungen.

Während alle Welt in Karottenjeans herumlief, trug ich trotzig weiterhin Etuikleider und Kostüme. Wie eine störrische blonde Insel, die sich einfach nicht von einem Meer aus Neonfarben und Bundfalten überspülen lassen wollte. Denn ich hatte immer mein Chanel-Kostüm vor Augen, das ich mir eines Tages leisten wollte.

Die Größe unserer Brillengestelle wechselte mit jedem Jahrzehnt: groß, klein, rund, eckig und dann noch später randlos. Man kam mit dem Kaufen gar nicht hinterher, vor allem, wenn man Brillen nicht zur Dekoration, sondern zum Sehen benötigte, wie ich. Auch ich lief eine Zeitlang herum wie Oma Sophia Petrillo aus den „Golden Girls“.

Barbara Edelmann mit Sonnenbrille

Große Brillen waren damals ein MUSS.

Brillen waren eigentlich das einzige Zugeständnis, das ich dem textilen Mainstream jemals machen konnte. Alles andere hätte mich zu viel von meiner Überzeugung gekostet, dass wahre Mode zeitlos ist. Immer.

Irgendwann waren Schulterpolster endlich wieder unmodern geworden, also trennte man die Dinger heraus und hängte die Polyesterkostüme wieder in den Schrank, wo sie vor sich hin knisterten, oder man gab sie in die Kleiderspende. Vermutlich liegen diese Kunstfaser-Monstrositäten heute noch irgendwo in Afrika und Asien auf einem großen Haufen, denn sogar kleingeschnitten waren sie wegen mangelnder Saugkraft nicht mal als Putzlappen zu gebrauchen.

„Heroin-Chic“ in den Neunzigern

Die Schuhspitzen an den Pumps wurden so schmal, dass man damit hätte Papier schneiden können, die Absätze dünn genug, um sie jemandem in den Kopf zu nageln. Das Laufen auf Kopfsteinpflaster oder Kies waren eine Herausforderung, und die meisten Stilettos nur als sogenannte „Taxi-Latschen“ geeignet, also: raus aus dem Uber und rein in die Kneipe. Für längere Fußmärsche empfahl sich das Mitnehmen von Laufschuhen, die man dann auf dem Kneipenklo schnell in einer Tüte verstaute und bei der Garderobenfrau deponierte.

Die 80er verabschiedeten sich still und heimlich und machten Platz für die 90er-Jahre und Top-Model Kate Moss, die den sogenannten „Heroin-Chic“ in die Pret-a-porter-Schauen“ in Paris brachte. Models sahen plötzlich aus, als hätte man sie in einem verlotterten Hinterhof in Harlem aufgelesen, mit eingefallen Wangen, tief in den Höhlen liegenden Augen, trotzigem Gesichtsausdruck und Silhouetten, mit denen sie Zickzack laufen mussten, um bei einem Wolkenguss einen Regentropfen abzukriegen. Normale Frauenfiguren in Größe 40 verschwanden schleichend von den Bildschirmen der Fernsehgeräte und machten ausgemergelten Gestalten mit strähnigen Haaren Platz, die „38“ vermutlich für die Raumtemperatur hielten, denn eines Tages sah man im Fernsehen bis auf wenige Ausnahmen keine Rundungen mehr, sondern nur noch Schlüsselbeine, in denen man hätte Salzfässchen lagern können und Brustbeine, die als Käsereiben geeignet waren.

Dass die Mädels in der Modebranche diese gazellenhaften Figuren oftmals nur halten konnten, weil sie in Orangensaft getränkte Wattebäuschchen anstatt eines Wurstbrots aßen, wollte niemand so genau wissen.

„Size-Zero“ wurde zum Trend erhoben

Irgendeine Prominente verkündete, Size Zero (Ich nenne es bis heute „Embryonengröße“) sei das neue Schwarz, und alles darüber adipös. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber es könnte Victoria Beckham gewesen sein, die auf meiner Beliebtheitsskala dicht hinter Tatjana Gsell steht, gefolgt von Kim Kardashian, die allerdings wenigstens eindrucksvoll beweist, dass man auch mit üppigen Rundungen Millionen verdienen kann. Von wegen „Size Zero“…Das macht sie mir schon ein wenig sympathisch.

Für mich wird Beckham bis in alle Ewigkeit nur die Person bleiben, die stolz verkündete, sie hätte noch nie ein Buch gelesen. Wenn die sich morgen eine Kette aus Hörnchen-Nudeln mit Strass-Applikationen als angesagtes Accessoire umlegt, würde ich genau das Gegenteil von dem kaufen, das sie vorschlägt. Fakt. Also Rigatoni.

An was ich mich außerdem erinnere? Bunte Strumpfhosen, die für mich eine ästhetische Herausforderung waren, denn außer den Farben „Puder“ und „Graphit“ hatte ich nix davon im Schrank. Man trug zum Beispiel eine rosa Strumpfhose zum blauen Kleid, dazu grüne Schuhe und orange Haarsträhnen. Es war eine Zeit der ästhetischen Kriegserklärungen.

Und es war die Ära von Satin. Satinblusen, Satinkleider, Satin-Hosen, Unterwäsche aus Satin, Bikinis aus Satin. Morgenmäntel aus Satin, in denen man vom Bett flutschte, Satin-Kissen, Satin-Nachthemden (die flutschten auch…) und alles, was man aus diesem Zeug nähen kann. Auf Kleider und Oberteile wurden zusätzlich kilometerweise Volants genäht. Die sind übrigens so gut wie niemals vorteilhaft, denn sie tragen schrecklich auf. Aber zu dieser Zeit liefen wir oftmals herum wie die neue Zierkissen-Kollektion von Laura Ashley.

Die 90iger waren das Jahrzehnt der Jeans

Auch ich leiste mir gelegentlich eine Modesünde, weil ich ja immer gezwungen war, mindestens ein „modernes“ Teil zu kaufen, um meine Garderobe zu ergänzen. Mein Fauxpas war eine giftgrüne (Satin)-Bluse mit monströsen Puffärmeln, spitzengesäumten Bündchen und riesigen Volants diagonal über dem Busen verteilt. In zwei Reihen.
Bitte, machen Sie das nie zuhause nach.

Die 90er. Niemand hatte sie gerufen, denn die 80er waren eine geile Zeit, aber plötzlich waren sie da.

Barbara Edelmann im Trainingsanzug

Trainingsanzüge aus Fallschirmseide – auch sie waren sehr modern

An sie habe ich nur verwaschene Erinnerungen, und wenige Kleidungsstücke aus dieser Zeit blieben mir im Gedächtnis haften. Man konnte irgendwie alles tragen, gesetzt den Fall, es war aus Jeans-Stoff: Jeans-Latzhosen, Jeans-Röcke, Jeans-Hemden, Jeans-Kleider und natürlich Jeanshosen und Jeans-Mieder. Sehr beliebt waren außerdem Trainingsanzüge aus Fallschirm-Seide in Pastellfarben, dazu Sneakers mit monströsen Sohlen, denen vermutlich mehr Leute, als man glaubt, einen Bänderriss verdankten.

Auch Trainingshosen einer beliebten deutschen Marke sah man an jeder Ampel, und in der Disko wusste man nicht, ob die scharfe Blondine gerade aus dem Fitness-Studio kam oder gleich dorthin wollte, denn sie trug ein Bustier von der Firma mit den Streifen, eine Trainingshose vom selben Label und Turnschuhe mit überdimensionierten Sohlen, dazu pfundweise Körperglitzer und ein Stirnband. Jede wollte Madonna sein, verdeckte ihre Augen mit weißumrandeten Sonnenbrillen und kaufte sogenannte „Tüten-BHs“, die man öfter anstatt eines Oberteils unter dem Bolero-Jäckchen trug, dekoriert mit pfundweise Modeschmuck. Frisuren hatten asymmetrisch zu sein, Pferdeschwänze nach Möglichkeit auch, entweder links oder rechts am Kopf. Man konnte aber auch ein paar Haarsträhnen toupieren und sie mit bunten Haargummis fixieren. Nichts war irre genug, um nicht freudig aufgegriffen und kopiert zu werden.

An was ich mich noch erinnere? Schnuller an bunten Lederbändern, Rucksäcke von „Eastpack“ statt einer Handtasche, Skater-Schuhe und Maxiröcke, die aber mindestens aussehen mussten, als hätte sie Stevie Wonder genäht – mit schiefem Saum und viel zu lang. Must-Have waren Fitness-Oberteile ohne BH mit darüber drapierten Zotteljacken, die aussahen, als hätte man gerade einen Yeti erlegt und ihm das Fell abgezogen. Wer mutig war, kombinierte bunte Leggings mit gemustertem Minirock und hohen Pumps. Übrigens waren die Schuhspitzen immer noch geeignet zum Papierschneiden.

Nur ich trug nach wie vor Kostüme, Hosenanzüge und dezenten Nagellack.

Die 90er verschwanden nach kurzer Panik wegen des Jahreswechsels ins Jahr 2000 in der Versenkung. Einige kauften Diesel-Aggregate, um eventuellen Computer-Ausfällen zuvorzukommen und ihr Überleben zu sichern. Meine Freundinnen hingegen kauften Capri- und Radlerhosen.

Schlamper-Look machte Furore

Dazu sage ich jetzt mal nix. Es soll ja Damen geben, die solche Dinger geliebt haben. An Kate Moss hätten die mit Sicherheit auch ganz prima ausgesehen. Ich besaß übrigens auch eine. Genau 30 Minuten lang.

In Ermangelung neuer Einfälle verkündeten Mode-Designer der Regenbogenpresse, dass künftig Kleider über Jeans getragen werden sollten. Einige Mutige folgten der Botschaft und bereuten das bald darauf, denn das „Zwiebelschalenprinzip“ kam nicht wirklich gut an, obwohl das Obdachlose ja auch tun, allerdings nur, weil sie keinen Koffer besitzen. Immer, wenn man dachte: „Schlampiger kann’s nicht mehr werden“, wurde es tatsächlich noch schlampiger.

Passend zum langen geblümten Kleid über der Jeans folgten Sonnenbrillen mit knallbunten Gläsern – nach UV-Schutz fragte damals ohnehin keiner, Hauptsache, bunt.
Irgendwie zog plötzlich jeder an, was er wollte oder von ganz unten aus dem Schrank kramte. Sie wissen schon, diese Stücke, bei deren Anblick man murmelt: „Ach, das habe ich damals doch nicht weggeworfen?“

„Vergammelt“ oder „unmodern“ hieß mit einem Mal „Vintage“ oder „Retro“, man mixte fröhlich Stile, und Materialien bis zum Exzess.
Die Modewelt schien einerseits total entfesselt, andererseits lustlos und demotiviert wie nie zuvor.

Schuhspitzen wurden wieder breiter, und irgendwann war mit einem Schlag alles „Romika“, so richtig breit und zum Wohlfühlen. Schöne Zeiten für Senkspreizfüße, denn auch der Blockabsatz kam zurück. Also weg mit den Stiletto-Pumps und her mit den breiten Tretern. Vage ahnte ich, dass die gute alte Plateausohle schon wieder einen Fuß in der Tür hatte und schauderte.
Denn ich trug immer noch Kostüme.

Punk meets Haute Couture

Die 2000er-Jahre waren eine glänzende Zeit. Wer ausging, betupfte oder beschmierte sich mit Körperglitzer, bevorzugt an den Oberarmen oder auf dem Dekolleté. Zwar fand man das Zeug anschließend in Bett, Badewanne oder Frühstücksmüsli wieder, aber Hoffart muss bekanntlich leiden, wie meine Mutter immer sagt.

Man sah viele bunte Haarsträhnen, die nie so richtig zu den getragenen Klamotten passten. Henna und pinkfarbene Ponyfrisuren leuchteten einem in jeder Hochglanz-Gazette entgegen. Der Bob erlebte sein hundertstes Revival und stand immer noch niemandem.

Auch der Punk-Look probierte hartnäckig, sich in der Haute Couture festzukrallen, hatte in Vivienne Westwood einen gut verdienenden und gehypten Fürsprecher gefunden, schaffte es aber vorwiegend nur in die Provinz, wo die Dorfdiskos jeden Samstagabend überquollen vor Mädels mit blauen Haarsträhnen und absichtlich zerrissenen Shirts, die einen Jägermeister nach dem anderen tranken und sich anschließend auf ihre mit Strass besetzten Jeans-Röcke übergaben.

Damals verstand ich zum ersten Mal den Spruch: „Etwas ist nicht mehr tragbar.“ Das konnte man mittlerweile wörtlich nehmen.

2010 hatte ich endlich kapiert, dass sich ohnehin nie etwas änderte, sondern nur alte Kamellen mit dem Prädikat „neu“ etikettiert und als „Mode“ bezeichnet wurden. Alles war schon mal dagewesen, durch die Yellow Press gegeistert, von Hollywood-Sternchen willfährig auf roten Teppichen präsentiert worden und von Karin Mustermann bereitwillig gekauft. Sehnsüchtig sah ich mir zuhause meine alten 50er-Jahre Schinken an, denn mit dem Kleid, das Anita Ekberg seinerzeit in „La Dolce Vita“ bei ihrem Tauchgang im Trevi-Brunnen am Körper klebte, könnte ich heute noch überall aufschlagen. Mit Körperglitzer und Neonfarben eher nicht.

Es wurde nicht wirklich interessanter für mich, Modezeitungen zu lesen, denn urplötzlich quetschten sich die Damen wieder in Schlag- oder Hüfthosen und stiegen in Plateauschuhe, die mich an meine eigenen Ende der 70er-Jahre erinnerten, in denen ich mehr als einmal umgeknickt war, vor allem immer dann, wenn hinter mir jemand lief, den ich eigentlich beeindrucken wollte. Im Grunde genommen gehören bei diesen Dingern Warnhinweise an die Absätze geklebt. Oder Rücklichter.

Pofalten waren zum normalen Anblick in jedem Biergarten oder auf Uni-Treppen mutiert, geziert von der oberen Hälfte kokett herausblitzender String-Tangas. Wer Lust hatte, ließ sich ein sogenanntes „Arschgeweih“ tätowieren, und von Basecap bis überbreitem Strohhut mit einem Kilo Plastikkirschen auf der Krempe ging irgendwie alles. Zu allem. Es war, als hätten sämtliche Designer hingeschmissen und keine Lust mehr.

Skinny-Jeans darf bleiben

Zwar versuchten sich Modelinien wie Armani und Jil Sander, Donna Karan oder Prada nach wie vor an zeitlosem Chic, aber die waren einfach zu teuer für normale Leute. Und bei Primark oder H&M hing nur auf sperrigen Kleiderständern Buntes, nicht oft Waschbares, auf Verschleiß Getrimmtes mit einer modischen Halbwertzeit von 4 Monaten.

Das einzige Basic, das mich in den letzten 20 Jahren wirklich überzeugen konnte, ist die Skinny- oder Slimfit-Jeans, denn sie sieht mit einem Overlong-Pulli und hohen Stiefeln so richtig gut aus. Die dürfen bleiben. Bei einem Kunstfaseranteil von mehr als 8 Prozent in Oberteilen stehen mir heute noch die Haare zu Berge. Das meine ich wörtlich. Auch Jeans mit einem Stretchanteil von 98 % kommen im wahrsten Sinne des Wortes nicht im die Tüte, denn schon am zweiten Tag des Tragens rutscht einem der Bund bis auf die Knie, so dass ich dazu Gürtel tragen muss.

Jetzt werden Sie denken: „Die Frau ist so ein Snob.“ Bin ich nicht. Natürlich besitze ich Jeans von verschiedenen Herstellern und dazu passende T-Shirts. Natürlich trage ich Sneakers, flache Sandalen oder mal einen Pferdeschwanz, das mit der Dreiwettertaftfrau hat ja nie geklappt. Aber diese Liebe zu klaren Schnitten, weicher Wolle in Naturfarben und knitterfreiem Leinen, die war schon immer da und ist geblieben. Vielleicht stand bei meiner Geburt eine elegante Fee in einem Mantelkleid aus Angora-Cashmere-Mischung an der Wiege und hat mich verwünscht: „Du sollst dein Lebtag lang mit Kunstfasern, Mustern und Rüschen nichts anfangen können, kleine Barbara.“ Dazu wedelte sie beschwörend mit ihrem Hermès-Tuch und besprenkelte mich mit „Coco“ von Chanel. Mittlerweile halte ich alles für möglich.

Übrigens besaß ich – 30 Jahre nach meiner ersten „Vogue“, ein echtes Chanel-Kostüm. Es war schwarz, es war dezent, und… es stand mir überhaupt nicht. Diese gerade mal hüftlangen Jäckchen muss man tragen können. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit ausgestellten Schößchen und sofakissengroßen Schulterpolstern besser ausgesehen. Und schlanker auch. Wo ist Alexis Carrington, wenn man sie mal braucht?

Dem eigenen Stil in Jahrzehnten treu geblieben

Barbara Edelmann„Mode ist, was Ihnen mehrmals jährlich angeboten wird, Stil ist, was davon Sie sich aussuchen“, las ich vor ungefähr einem Jahr. Der Spruch könnte von der göttlichen Coco Chanel stammen, aber genau kann ich das nicht sagen.

„Mode“, wie Sie uns seit vielen Jahren präsentiert wird, ist dogmatisch, flüchtig und selbstherrlich. Ich habe mal versucht, in der „Hüfthosen-Ära“ eine Jeans mit normalem Bund zu kaufen und musste hierfür mehr und länger im Internet recherchieren als für meinen umfangreichsten Kriminalroman.

In meinem Leben ist oftmals manches schiefgelaufen. Gute Vorsätze wurden gebrochen, Prinzipien über den Haufen geworfen, Lebenseinstellungen haben sich geändert. Ich bin nicht mehr dieselbe, die damals in ihrem braunen Boucle-Kostüm auf der Bank saß und sich sicher war, dass irgendwann einmal alles gut sein würde und das Leben manche gute Überraschung für mich parat hätte.

Aber in einem bin ich mir immer treu geblieben und habe es niemals bereut. Und jetzt nenne ich das einfach mal „Stil“.

Mit schmunzelnden Grüßen,

Ihr Barbara Edelmann

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Roboter

Bei diesem heutigen Beitrag handelt es sich um meine subjektive Meinung. Normalerweise resümiere ich gerne über Schwierigkeiten zwischen Männern und Frauen und sehe die Dinge mit viel Humor. Aber das nachfolgende Thema beschäftigt mich seit einiger Zeit sehr, und darum möchte ich es heute ein wenig erörtern. Danke, dass Sie mir Ihre Zeit schenken.

„Wasser kochen auf die smarte Art! Steuern Sie die Wassertemperatur mit Ihrem Smartphone“, prangte es mir gestern auf der Amazon-Website entgegen, wo mir vorgeschlagen wurde, ich solle doch endlich wieder mal etwas kaufen. Die drehen immer durch, wenn sie zwei Wochen nichts von mir hören…Neugierig geworden, las ich die Beschreibung und musste schallend lachen. Der angepriesene Wi-Fi-fähige Wasserkocher kann mittels App gesteuert werden, indem man Wassertemperatur und Warmhaltezeit damit regelt. Gedankenverloren sah ich mich nachmittags im Büro sitzen und denken: „Wäre doch nett, wenn ich jetzt bei mir zuhause einfach schnell den Wasserkocher einschalte. Weil ich es kann.“ Amazon: So wird das nichts mit uns, denn ehe dieses Gerät nicht zur Spüle fliegen und sich auffüllen oder entkalken kann, bin ich nicht interessiert, obwohl ich ein Faible für alles habe, das mit Elektronik zusammenhängt.

Ich führe einen modernen Haushalt. Sämtliche Unterhaltungselektronik in meinen Räumen ist mittels W-LAN und Bluetooth vernetzt, Lautsprecher und Anlagen untereinander gekoppelt. Der Bluray-Player erledigt seine Updates mit der aktuellen Firmware selbsttätig, mit dem Fernseher kann ich aufs Internet zugreifen, und auf meinem Handy sind über 12.000 Musiktitel gespeichert und zu Playlists sortiert, die ich auf meine bluetoothfähigen Geräte schicke, um beim Putzen gute Laune zu kriegen. Selbstverständlich trage ich hierbei einen schnurlosen Bluetooth-Kopfhörer mit dem ich auch telefonieren kann.

Vielleicht erkennt man daran, dass ich alles andere als ein Technikmuffel bin, denn alles Neue hat mich schon immer fasziniert.

Jede technische Errungenschaft wurde begeistert angenommen, weiterentwickelt und hat sich in beinahe allen Haushalten etabliert wie zum Beispiel Mikrowellengeräte, Waschmaschinen (meine Mama kochte die Unterwäsche noch in einem riesigen Topf auf dem Herd aus…), Farbfernseher, Videokassetten, CDs, DVDs, USB-Sticks, DVD-Player, Smartphones, Skype oder Computerspiele mit täuschend lebensechter Graphik.

Mein erster PC hatte eine Festplattengröße von 750 Megabyte. Das war damals schon was. Heutezutage reicht das gerade mal für ein einziges meiner Buch-Manuskripte mit 400 Seiten Text. Computer machten uns das Leben in einigen Bereichen tatsächlich leichter, wenngleich ich nach wie vor auf das „papierlose Büro“ warte. Ich kenne genügend Unternehmen und Behörden, in denen eingegangene Emails immer noch zur Sicherheit ausgedruckt und in Leitz-Ordnern archiviert werden. Man kann ja nie wissen…

1980 war das Verzeichnis sämtlicher Telefax-Anschlüsse in Deutschland ungefähr 4 Millimeter dick, ein kleines dünnes Heftchen in der Stärke eines Mickey-Mouse-Comics. In den 20 darauffolgenden Jahren wurde aus diesem schmalen Bändchen ein Nachschlagewerk mit dem Umfang des „Großen Brockhaus“, ist aber seit der Einführung des elektronischen Schriftverkehrs wieder auf die 4-Millimeter-Größe zusammengeschrumpft. Tempora mutantur. Zeiten ändern sich.

Vor 10 Jahren schaffte ich mir eine neue Küche mit einem intelligenten Ceranfeld an. Besagtes Ceranfeld brachte mich im Laufe der Zeit zur Weißglut. Gleich ob ich Schnitzel briet oder Nudeln kochte: Ein Spritzer Fett oder Wasser an der falschen Stelle, und das Ding schaltete sich ab. Wenn die wenigstens einen Warnton eingebaut hätten oder eine blecherne Stimme, die mich aufklärt, wie zum Beispiel: „Sie haben soeben Ihren Herd mit billigem Olivenöl verschmutzt. Reinigen Sie sofort Planquadrat 142 b mit einem feuchten Lappen. Und kaufen Sie künftig extra vergine, Sie Prolet!“ Aber das Ding schaltete sich völlig lautlos aus. Dann starrte man seine Putenschnitzel ratlos an, weil die nach 10 Minuten immer noch schneeweiß waren, bis einem auffiel, dass das Fett in der Pfanne so still ruhte wie der Bodensee an einem nebligen Tag.

Außerdem besaß mein Ceranfeld eine Kindersicherung. Es war wie mit allem, wo „Kindersicherung“ draufsteht: Ich komme damit nicht klar. Das gilt auch für Putzmittel-Verschlüsse, Rohrreiniger-Deckel und Autotüren. Häufig aktivierte ich diese Kindersicherung am Herd versehentlich und konnte dann den Rosenkohl solange nicht dünsten, bis ich eine halbe Stunde lang ratlos auf dem Bedienfeld herum getippt und einen Zufallstreffer gelandet hatte. Die Gebrauchsanleitung für das Ding habe ich nie wieder gefunden, die fürs Backrohr auch nicht. Wer liest denn sowas überhaupt?

Aber dieses boshafte Ceranfeld war nur ein Vorläufer auf dem Weg zum smarten Haushalt. Sie müssen sich heutzutage nicht mehr ächzend vom Sofa hochquälen, um in Ihrem schmucken Eigenheim die Schotten dichtzumachen, nein, Ihre Rollläden können Sie mittlerweile auch von Teneriffa aus schließen oder öffnen. Mitten in der australischen Wüste ist es Ihnen möglich, Ihre Beleuchtung zuhause einzuschalten, um Langfinger zu verunsichern, oder Sie lehnen sich auf Sylt entspannt im Strandkorb zurück, während Sie auf Ihrem Tablet mittels Überwachungs-App und Webcam Ihre siebzehn Katzen beobachten. Ist aber langweilig, die schlafen immer nur.

Smarte Kühlschränke mit Wi-Fi-fähigem Touchscreen und Innenkamera sind der letzte Schrei. Touchscreen! Und Internet! Wird dieser intelligente Kühlschrank dann meinen geliebten Weihenstephan-Quark mit Pfirsich-Maracuja oder „Creme-Fine“-Sahne nachbestellen, wenn das Zeug alle ist? Schickt er mir eine Whats-App-Nachricht, falls die H-Milch ausläuft oder das Haltbarkeitsdatum der Wurst abgelaufen ist? Vermutlich demnächst. Aber unter Umständen erfahre ich über die Innen-Kamera endlich, ob die Beleuchtung ausgeht, wenn ich die Tür schließe. Das wollte ich schon immer wissen.

Die gängige Definition von „smart“ ist „gewitzt oder „geschäftstüchtig“. Ich brauche aber keinen kalauernden, geschäftstüchtigen Kühlschrank, sondern einen kalten.
Da bin ich altmodisch.

Mein Staubsauger-Roboter reinigt die Wohnung nach einem System, das ich bis heute nicht durchschaue. Vor allem würde mich interessieren, warum ich ihn bei jeder Runde vom Boden des Badezimmers pflücken muss, weil er einfach die Tür aufschiebt und sich reinschleicht. Außerdem ist der kleine Mistkerl so flach, dass er sich ständig verirrt und ich ihn dann nicht wiederfinde. Er verklemmt sich zwischen Fliesen und Küchenschrank, schiebt das Tablett mit dem Katzenfutter unter die Spüle, und manchmal habe ich den Eindruck, dass er mir hinter der Türe auflauert mit seinem blinkenden leuchtend blauen Auge. Aber das bilde ich mir bestimmt nur ein. Intelligent ist er jedenfalls nicht. Ich bin übrigens auch nicht scharf drauf, dass der zur KI mutiert. Nichts könnte ich weniger brauchen als ein Haushaltsgerät, das mir nachmault. Dafür gibt es schließlich Kinder.

Wir dürfen uns zweifelsohne darauf einstellen, in Zukunft mit noch mehr smarten Geräten im Haushalt überrascht zu werden. Ich sehe mich schon vor meinem ultramodernen Kühlschrank stehen, der mir das Öffnen verweigert, geschweige denn eine Flasche Bier rausrückt, weil ich heute noch nicht die erforderlichen 30 Minuten auf dem Trimmrad absolviert habe – das übrigens ebenfalls smart ist, mich nach dem Aufsteigen umgehend wiegt und mich während des Trainings daran erinnert, was zu trinken. Wasser natürlich. An das Bier komme ich ja nicht ran, weil der hinterfotzige Heimtrainer mich beim Kühlschrank verpetzt hat. Demnächst erscheint dann die Meldung auf dem Wi-Fi-fähigen Touchscreen meines Kühlschranks, dass beim dritten Verstoß gegen die – nur gutgemeinten – Fitnessregeln ab sofort mein Fernsehkonsum eingeschränkt wird, woraufhin sich das TV-Gerät nicht mehr einschalten lassen wird, ehe ich nicht eine Stunde geradelt bin.

Das kann ja heiter werden.

Alle meine coolen Haushaltsgeräte werden sich zusammenschließen und mir das Leben zur Hölle machen. Vielleicht mault der innovative Elektroherd, wenn ich ein Stück Butter in die Pfanne werfe, um mir ein Ei zu braten (gesetzt den Fall, der Kühlschrank lässt sich öffnen, weil er noch nix vom Hometrainer gehört hat…) und informiert mich mit blauer LED auf schwarzem Grund, dass ich meine erforderliche Anzahl an Kalorien heute schon zu mir genommen habe?

Unbedingt auf die Einkaufsliste setzen: Gaskocher.

Wird die smarte Toilette meine Ausscheidungen wiegen, dem Hausarzt meine Harnsäurewerte melden und mir anschließend Intimdusche und Pilzkur verpassen? Ich habe mir sagen lassen, in Japan funktioniert das beinahe schon. Aber ich brauche kein Klo, das mir dreinredet. Da hätte ich auch bei meiner Mutter wohnen bleiben können. Werden sämtliche (mir abgenötigten) Daten irgendwo gesammelt, vielleicht beim Gesundheitsministerium, und ich werde dann zur Strafe für meinen ausufernden Lebenswandel wegen der vielen Marillenknödel und den Linguini in Sahnesauce jährlich sechs Wochen in einer Gesundheits-Anstalt interniert, wo mir gesunde Ernährung und Körper-Ertüchtigung beigebracht wird?
Ja, lachen Sie nur… Und warten Sie ab.

Wie geht es mit smarten, demnächst vorgeschriebenen Stromzählern weiter, die dem E-Werk melden, wann ich etwas einschalte, und wie lange? Kriege ich am Ende jedes Quartals ein Schreiben mit der Mahnung, nicht so viel fernzusehen, weil mit der Energie, die ich eben mit „Two and a half men“ verbraucht habe, die Klimaanlage eines Krankenhauses in Neu-Delhi betrieben werden könnte und ich mich schämen soll, nur so als Beispiel? Und wenn ich überdurchschnittlich viel Strom verbrauche im Dezember, weil mich wieder der Backwahn gepackt hat, darf ich dann dafür anschließend weniger Musik hören oder muss die elektrische Lichterkette für den Weihnachtsbaum im Karton lassen? Ich frage für einen Freund.

Ja, verrückte Gedanken, ich weiß. Aber so verrückt nun leider auch nicht. Nicht mehr. Nicht in dieser veränderten Welt, wo Daten das neue Erdöl sind und mir ein bekannter junger Philosoph erklärt, dass Menschen Verbote lieben. Herr Precht, rufen Sie mich doch mal an bitte. Die Redaktion hat meine Nummer.

Seit ein paar Wochen besitze ich einen Stand-Ventilator von Dyson. Er reinigt angeblich 290 Liter Luft pro Sekunde mit einem speziellen Hepa-Filter und wird über eine App gesteuert, die mich über Raumtemperatur, Luftqualität und Luftfeuchtigkeit informiert. Außerdem zeigt mir die App auf Wunsch die Luftwerte vor meiner Haustür an. In letzter Zeit lande ich häufig bei „befriedigend“, das ist eine Stufe vor „geht gerade noch, demnächst kippst du wahrscheinlich um“, aber das liegt vermutlich am Landwirt gegenüber, der mit seinem vollen Güllefass unter meinem Schlafzimmer auf- und abfährt.

Ich bin irgendwie gar nicht mehr so entzückt über die technischen Neuerungen wie früher, als ich freudestrahlend den ersten Walkman in den Händen halten durfte. Es geht so schrecklich schnell. Alles.

Viele Innovationen durfte ich in den letzten Jahren miterleben. Etliche habe ich begrüßt, einige skeptisch belächelt wie zum Beispiel den „smarten“ Wasserkocher, dessen praktischer Nutzwert sich mir nach wie vor verschließt, andere machen mir Angst. Denn die Forschung beschränkt sich nicht nur auf den Haushalt und möchte uns das Leben erleichtern, im Gegenteil: Oftmals bekommen wir nur die „Abfallprodukte“ ab. Obwohl ich bis heute nichts gegen Teflon sagen kann, das wir eigentlich der bemannten Raumfahrt zu verdanken haben. Aber in Wirklichkeit geht es um die ganz großen Dinge, um das Weiterführende, um die entscheidende Konsequenz all dessen, das wir uns aneignen, das wir freudig und leichtfertig übernehmen. Wir müssen nur diese Gedanken alle zu Ende denken.

Der gegenwärtige Zustand erinnert mich an den regelmäßig zu hörenden Satz in amerikanischen Kriminalfilmen: „Alles, was Sie aussagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“

Diesen Satz modifiziere ich wie folgt: „Jedes Gerät, das Sie benützen, alle Daten, die Sie preisgeben, können vor Gericht und im realen Leben ebenfalls gegen Sie verwendet werden.“
Ich bin nämlich schon lange nicht mehr der Ansicht, dass alle Regierungen auf diesem Planeten es nur gut mit uns meinen. Und ich erspare uns heute alle Ausführungen über Alexa, Siri oder Echo. Das würde den Rahmen sprengen.

In Japan laufen seit einigen Jahren Langzeit-Experimente mit Pflege-Robotern, da das Land überaltert und qualifiziertes Personal in Seniorenheimen rar ist.
Erst kürzlich sah ich einen Film über einen humanoiden Roboter, der beeindruckend menschlich wirkte. Die Frau, nach deren Vorbild er gebaut worden war, stand daneben und lächelte in die Kamera – der Unterschied war marginal. Ich hatte Mühe, zwischen Roboter und echter Frau zu unterscheiden.

Wer hätte sich vor 20 Jahren träumen lassen, dass in Deutschland mittlerweile Bordelle eröffnet werden, in denen man mit täuschend lebensechten Silikon-Puppen Sex haben kann? Der Betreiber einer solchen Einrichtung ist fein raus: Keine Gesundheitsuntersuchungen beim Gynäkologen, keine Sozialabgaben, keine nörgelnden „Angestellten“, die auf freie Tage bestehen, nur gelegentlich etwas Puder an den wichtigen Stellen, und fertig ist die Laube. Unsere schöne neue Welt ist auch sehr arbeitgeberfreundlich, wissen Sie. Und dabei rede ich noch nicht mal von Kassen zum Selbst-Scannen oder Geldautomaten.

Wir sind ganz schön überflüssig geworden…

Die zwingende Folgerung aus dieser Art des Sexbetriebs werden täuschend menschenähnliche Sex-Roboter sein müssen. Wussten Sie, dass diese lebensechten Silikon-Puppen mit atemberaubenden Figuren, die es mittlerweile für ungefähr 5000 Euro zu kaufen gibt, ursprünglich für Frauen konzipiert worden sind? Die Erfinder gedachten, damit in eine Marktlücke zu stoßen (Entschuldigung), mussten aber feststellen, dass das weibliche Geschlecht beeindruckend wenig für blauäugiges Silikon mit künstlichem Dreitagebart und zerzausten Haaren in Boxer-Shorts übrig hatte, und wären deshalb beinahe pleite gegangen. Danach entschlossen sie sich, Sexpuppen für Männer zu bauen und hatten eine Goldgrube entdeckt. Aber davon ein andermal.
Diese Sexpuppen werden nicht lange stumm bleiben und nur verkrampft lächeln, denn ein bisschen Applaus wünschen sich doch die meisten Männer. Also werden sie in absehbarer Zeit einen Sprachchip erhalten und vielleicht sogar glücklich stöhnen können.

Eventuell werden bald die ersten mit den Zehen zucken oder sich mit den Fingern in den Rücken ihres Besitzers krallen, verschämt die Augen schließen oder um mehr betteln.
Die Sex-Roboter werden kommen. Ich nehme jede diesbezügliche Wette an, meine Damen. Kein umständliches Dating, keine Emails oder Whats-App-Nachrichten, keine mit der letzten Kohle gekauften Blumensträuße, keine Eifersuchts-Szenen, kein Theater, wenn „Mann“ Fußball gucken will. Im Grunde sind diese Puppen für einige Männer der feuchte Traum schlechthin. Die wollen ohnehin nicht reden…

Und ich freue mich auf den Tag, an dem die erste Frauenrechtlerin eine Klage vor dem höchsten Gericht anstrengen wird, weil bezahlter Sex die Persönlichkeitsrechte der Puppe verletzt. Auch darauf nehme ich jede Wette an. Frau Schwarzer, können Sie mich hören?

Das wird alles noch so irre werden, dass man es sich nicht mal vorstellen kann. Glauben Sie mir.

Aber jetzt muss ich ernst werden: Alles, das uns das Leben erleichtert, kann genauso gut gegen uns verwendet werden. Mikrowellen beispielsweise erhitzen nicht nur unseren Kakao:
Das Active Denial System (ADS) ist eine US-amerikanische nicht-tödliche Anti-Personen-Strahlenwaffe, die durch starke und gerichtete Mikrowellen wirkt. Das ADS arbeitet mit Mikrowellen einer Frequenz von 95 Gigahertz, die mit einer Antenne auf menschliche oder andere Ziele in einer Entfernung von mehr als 500 Metern gerichtet werden können. Haushalts-Mikrowellengeräte arbeiten dagegen bei 2,45 Gigahertz. Nach Aussage von Befürwortern sollen dabei keine bleibenden Schäden auftreten. (Quelle: Wikipedia)

Denken Sie daran, wenn Sie die Kartoffeln vom Vortag aufwärmen. Jedes Ding hat zwei Seiten. Nicht nur Ihr Gemüsebratling…

Kennen Sie übrigens „FEDOR“ („Final Experimental Demonstration Object Research“)? Es handelt sich hierbei um einen russischen Kampfroboter, der ständig weiterentwickelt wird.

Bei Interesse können Sie gerne auf YouTube FEDOR beim Schießen, Kämpfen oder Autofahren bewundern. Er turnt übrigens auch, zwar noch ein wenig ungelenk, aber was ihm an Grazie fehlt, macht er durch mechanische Kraft wieder wett. FEDOR lässt sich niemals ablenken, er braucht bei Regen keinen Schirm, kriegt nie Grippe oder Muskelschwund geschweige denn Burnout oder eine posttraumatische Belastungsstörung, FEDOR hat niemals Hunger oder Durst, und: FEDOR hat keinerlei Gefühl. Gar keines. Er wird immer genau das tun, was sein Programmierer ihm aufträgt, und wie ich Menschen kennen und fürchten gelernt habe, werden das nicht die bekannten „Robotergesetze“ von Isaac Asimov sein, die da lauten:

1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert. (Quelle: Wikipedia)

Das alles hat ein findiger Hacker im Nullkommanix geändert…

„FEDORS 180 cm großer Körper ist menschenähnlich und mit einem Sensorsystem sowie Kraftrückkopplung ausgestattet, um sich in für Menschen gebauter Infrastruktur bewegen und mit Werkzeugen und Geräten arbeiten zu können. Gedacht ist FEDOR nicht nur als um sich schießender Robotercowboy oder Polizist, sondern als Rettungsroboter, als Assistent für Astronauten, zum Minenräumen oder für die Arbeit etwa in Umgebungen wie AKWs, die für Menschen zu gefährlich sind. Einsatzbar soll er auch autonom sein, aber er soll auch die Bewegungen eines Menschen in großer Entfernung nachahmen können. Schließlich soll er auch in den Weltraum als Hilfsastronaut und anstelle von Astronauten die ersten Testflüge des Raumschiffs Federazija durchführen.“ (Quelle: Wikipedia)

FEDOR ist nicht allein, das kann ich Ihnen versichern. Machen Sie sich einfach die Gaudi und suchen Sie „Kampfroboter“ bei Google oder YouTube. Und gruseln Sie sich anständig.
Im Grunde genommen ist FEDOR nur der böse große Bruder der Pflegeroboter in japanischen Seniorenheimen. „Robo-Cop“ war gestern. Auf uns wartet eine kalte Zukunft, fürchte ich. Das Schlimmste für mich ist eigentlich, dass viele diese Entwicklung begrüßen werden.

Wenn ich’s nur glauben könnte, das mit dem Minenräumen oder den Arbeiten in AKWs. Ich habe eher den Verdacht, dass FEDOR demnächst auf irgendeinem Schlachtfeld über die Köpfe seiner erlegten Kombattanten steigt und diese, ohne hinzusehen, zertritt, oder eine Demonstration mit Regime-Kritikern aufmischt. Vielleicht habe ich aber auch nur „Terminator“ einmal zu oft angeschaut.

Das derzeitige Meisterstück der amerikanischen Firma „Boston Dynamics“ ist momentan „Atlas“, ein von Boston Dynamics im Auftrag der US-amerikanischen Defense „Advanced Research Projects Agency“ entwickelter humanoider Roboter. Ein anderes, vierbeiniges Modell derselben Firma nennt sich „Spot“ und dient (angeblich) nur niederen Arbeiten wie dem Transport von Gütern (selbstverständlich wird Spot nur Verbandsmaterial an die Front bringen, da er gebaut ist wie ein Kojote, schnell wie ein Dingo und robust wie eine Kakerlake ist. Was dachten Sie denn?)
Wenn Sie Spot eine Weile im Video beobachten, werden Sie sehen, wie schnell und zielstrebig er läuft, wie er lauernd den Kopf senkt, um mit den eingebauten Kameras seine Umgebung zu erfassen, dann wird Ihnen Angst und bange. Und das sage ICH als leidenschaftlicher Science-Fiction und Star-Trek-Fan.

Klar sind FEDOR, ATLAS oder SPOT tolle Erfindungen, und sie könnten bei Arbeiten in AKWs, auf Ölbohrplattformen, bei der Minenräumen oder in anderen Bereichen großartige Arbeit leisten.
Aber was könnten sie noch tun? Immer bis zum Ende denken.

Drohnen sind ja eigentlich auch nicht übel, oder? Man kann sie mit Kameras bestücken und endlich überprüfen, ob die rattenscharfe Nachbarin oben ohne genauso gut aussieht wie mit Kittelschürze. Man kann sie bei Waldbränden zur Aufklärung einsetzen, vielleicht sogar zum Warentransport. Und man kann Menschen damit töten. Viele Menschen. Völlig emotionslos, mittels eines Joysticks und ein paar Knöpfen. An einem Bildschirm, ohne die schmerzverzerrten Gesichter zu erkennen, den Kummer, die Gram, den Schmerz, all das Leid.
Die Kehrseite. Die dunkle Seite. Nie vergessen.

Roboter wie „Atlas“ wären eine feine Sache, würden sie als eine Art „Robo-Cop“ eingesetzt werden und nur dem Guten dienen. Aber bei Robotern ist das so eine Sache, sie benötigen immer jemanden, der sie steuert oder ihre Subroutinen schreibt. Wer passt auf die auf, die ihre Finger am Schaltpult haben? Wer passt auf die auf, die „Robo-Cops“ programmieren? Ist es immer der, der bezahlt? Und wenn jemand mehr bietet? Was kommt da auf uns zu?

In Anbetracht all dieser Entwicklungen sollten wir Sätze wie „nach menschlichem Ermessen“ oder „nach bestem Wissen und Gewissen“ mehr wertschätzen und uns ihrer essentiellen Bedeutung bewusst werden.

„Menschliches Ermessen“ ist nämlich nicht de facto etwas Schlechtes, nur wegen der eingebauten, immer wieder vorkommenden Irrtümer, denn Menschen machen Fehler. Alle. Sogar Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“. Es gibt Dinge, die können nur Menschen ermessen. Nichts, absolut nichts, das aus Titanlegierung besteht, aus seltenen Erden oder Platin, gespickt mit Hydraulik und Kameras, wird jemals ein Gewissen zu ersetzen vermögen.

Mit jeder Überwachungskamera, die irgendwo im Lande an eine Laterne montiert wird, mit jedem smarten Haushaltsgerät, mit jeder Siri, Alexa oder dem Echo, werden wir ein Stück weit mehr zu diesen durchsichtigen, gedankenlosen Lebewesen, die glauben, sie hätten nichts zu verbergen und alles im Griff – eine amporphe Masse aus vergnügungssüchtigen Hedonisten oder abgestumpften Zynikern, die alles kommentarlos hinnimmt, das ihr aufoktroyiert werden wird.

„Ich habe nichts zu verbergen, die wissen schon, was sie tun“, höre ich häufig. Aber wir haben alle etwas zu verbergen, und die Definition von „was zu verbergen“ wird sich ändern, je nachdem, wer gerade unsere Geschicke lenkt.

Vielleicht habe ich einfach ein bisschen zu viel Phantasie, wenn ich mir ausmale, wie diese militärischen Roboter nicht nur Minen entschärfen, sondern Menschen wehtun, weil wieder einmal „Recht“ oder „Unrecht“ umdefiniert worden ist. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit.

Noch haben wir es in der Hand. Wir sollten ganz genau hinsehen, worauf wir uns einlassen. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass alles, das uns nützt, auch etwas ist, das uns schaden kann. Wir sollten vorsichtig und wachsam bleiben.

Das wäre unsere Aufgabe. Unsere ganz allein. Dafür gibt’s keine Roboter. Und das ist auch gut so.

Mit nachdenklichen Grüßen,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

Zufrieden sein

Mit wem muss ich schlafen, damit ich auch so ein Bett bekomme?“ Diese Frage stellte Paula, 47 Jahre alt, Mutter zweier entzückender Töchter, vor kurzem ihrem Mann, nachdem sie bei ihrer Freundin deren hübsches neues Prinzessinnen-Bett samt Baldachin neidisch begutachten durfte.

Eigentlich hatte die gute Paula bis dahin schon alles: ein hübsches Haus, zwei gesunde Kinder, und einen Mann, der sich bei seiner Arbeit in der Nachtschicht und Haus- und Gartenpflege aufreibt, damit Paula ungestört ihrem Halbtagsjob im Einzelhandel nachgehen und sich nachmittags beim Shopping mit Freundinnen erholen kann. Waschen oder kochen tut sie nämlich auch nicht.

Letztes Jahr wurde eine neue prestigeträchtige Einbauküche gekauft und anschließend das Bad nach Paulas Vorstellungen renoviert. Ihr Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, den schnittigen blauen Kleinwagen hat sie vor sechs Monaten quasi beim Händler aus dem Schaufenster gefahren, gesponsert vom Gatten, der auch Steuern und Versicherung übernimmt. Alle vier Familienmitglieder sind kerngesund, finanzielle Sorgen existieren keine, und bis auf die normale Monotonie eines langjährigen Ehelebens hat niemand innerhalb der Familie nennenswerte Probleme.

Paulas Mundwinkel aber haben sich in den letzten 10 Jahren allerdings immer weiter nach unten gesenkt, und das letzte Mal habe ich sie ungefähr 1986 herzhaft lachen gehört. Sie ist unzufrieden mit ihrem Leben und hat sich in diesem Zustand eingerichtet wie in einem bequemen Sessel.

Man könnte meinen, sie müsste glücklich sein, so ganz ohne finanzielle oder gesundheitliche Sorgen, aber ihre Wunschliste ist sehr umfangreich und verlängert sich exponentiell mit jedem weiteren Schaufensterbummel. Weil Paula generell mit ihrem Leben hadert und das auch allen mehr oder weniger unverblümt mitteilt, wird sie oft zu Konzerten mit anschließender Übernachtung eingeladen, zum Essen in gute Lokale gebeten oder mit Geschenken überhäuft. Dieser Wahnsinn hat scheinbar Methode.

Einige Male war ich mit ihr einkaufen. Wühltische ziehen sie magisch an, das Haus quillt über von ungelesenen Hochglanz-Zeitschriften, Garage, Keller und Dachboden sind mittlerweile voll.
Aber das Loch in ihrem Herzen wird mit jedem Tag größer, denn je mehr Paula besitzt, um so mehr will sie haben.

Paula gibt es wirklich. Und ihre Unzufriedenheit ist dabei, sie nach und nach aufzufressen. Irgendwann werden von ihr nur noch die nach unten hängenden Mundwinkel übrig bleiben.

Sie ist in ihrer Erwartungshaltung mittlerweile erstarrt, und wenn sie sich in ihrem geräumigen, modern eingerichteten Haus umsieht, dann fallen ihr ausschließlich Dinge auf, die sie unbedingt noch braucht, um ihr Leben perfekt zu machen, nie alles, das sie schon besitzt.

„Ohne eine anständige Küchenmaschine wirkt die ganze Einrichtung doch dilettantisch“, erklärte sie mir neulich verdrossen. „Da gibt man 2000 € für einen Backofen aus, und dann habe ich nicht mal anständiges Arbeitsgerät wie eine Kitchenaid.“

So viel zu Paula.

Erinnern Sie sich vielleicht an die Firma „Louis London“ und ihren Werbeslogan: „Gestern Nacht träumte ich, ich hätte im Lotto gewonnen. Alle kleinen Wünsche waren weg, weil erfüllt. Schade“? Darüber habe ich früher oft nachgedacht und gedankenverloren genickt. Für mich wäre es schrecklich, keine Wünsche mehr zu haben.

Wenn alles zu besitzen und sich alles kaufen zu können so erstrebenswert ist, warum zieht dann Paris Hilton auf jedem Foto so ein gelangweiltes Gesicht? Wieso wirken wahre Superreiche immer irgendwie blasiert und angeödet? Das kann doch nicht nur vom Botox kommen.

Paula jedenfalls fällt täglich etwas anderes ein, das sie unbedingt noch benötigt, um ihr Leben zu vervollständigen. DANN ist sie aber bestimmt glücklich, meint sie. Ich habe mittlerweile den Kontakt zu ihr drastisch eingeschränkt, denn ihr permanentes Gejammer ging mir auf die Nerven.

Zufrieden ist sie nicht. Wird sie niemals werden.

Wenn Sie allerdings mit einem Mindestlohnjob Ihr Geld verdienen und abends in ihr Wohnklosett mit Kochnische heimkehren, den leeren Kühlschrank anstarren und dann frustriert die letzte Scheibe Knäckebrot mit Margarine bestreichen, haben Sie übrigens alles Recht der Welt, unzufrieden mit Ihrem Leben zu sein, wenn eine schwere Krankheit Sie erwischt hat, gegen die Sie ankämpfen müssen, gleichfalls.

Es gibt leider unzählige Menschen, denen sehr vieles fehlt, um auch nur menschenwürdig existieren zu können, das gebe ich zu. Um die dreht sich mein Beitrag aber nicht. Ihnen sei meine Hochachtung gewiss, weil Sie kämpfen, weil Sie sich durchschlagen, weil Sie nicht aufgeben, und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass sich Ihr Leben zum Positiven ändert.
Diese Seite des Lebens kenne ich nämlich auch bis zum Überdruss, und manches Mal war ich drauf und dran, zu verzweifeln.

Ich meine diejenigen, die alles haben, und glauben, immer noch etwas mehr zu brauchen. Daran ist die Werbung nicht ganz unschuldig, die uns mit unterschwelligen Schlüsselreizen wie „Sex“ und „Tod“ perfide-manipulativ in die Zange nimmt, bis endlich im Flusensieb unseres Unterbewusstseins hängenbleibt, dass wir uns unbedingt etwas kaufen müssen, ohne das wir nicht mehr leben oder zumindest nicht mehr „in“ sein können.

Ein Bekannter von mir ließ sich, als er das Gewicht von 170 Kilogramm erreicht hatte, ein Magenband legen und schaffte es tatsächlich, mit diesem innerhalb eines Jahres nochmal 12 Kilo zuzunehmen. Er meinte, Reis oder Salatblätter seien so schlecht zu schlucken und stieg deshalb auf Schokolade und Eis um, die prima sofort bis in den Magen rutschten.

Übermäßiger Konsum ist genau wie Schokolade: schnell gegessen, voller leerer Kalorien, und muss letztendlich irgendwo gelagert werden. Ob das Ihr übervoller Keller oder die Hüften sind, mag jeder für sich selbst entscheiden. Sie werden trotzdem nie das Gefühl haben, wirklich satt zu sein.

Warum können wir nicht einfach zufrieden sein? Warum ist das so schwer?

Gestern Vormittag befand ich mich auf dem Heimweg von einer Besorgung auf einer gewundenen, herrlichen Landstraße und war wegen des Gegenverkehrs gezwungen, eine gefühlte Ewigkeit hinter einem älteren Herrn im silbernen Cabrio her zu schleichen, da es keinerlei Überholmöglichkeiten gab. Normalerweise fahre ich defensiv und poche nie auf meine Vorfahrt, aber allmählich begann ich, die Geduld zu verlieren, denn der Senior ließ sich vormittags um 11:00 Uhr alle Zeit der Welt und besichtigte die schöne Landschaft mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 65 Stundenkilometern, während sich hinter ihm der Verkehr staute, und sogar die LKW-Fahrer allmählich ungehalten wurden, wie ich an dem aufgebrachten Handzeichen des Truckers hinter mir erkennen konnte.

Ich wartete bis zu einer übersichtlichen Stelle, gab Gas und überholte ihn mit röhrendem Motor, während mir wegen der herabgelassenen Fenster die langen Haare um die Nase wehten.
Gerade lief „Video killed the radio star“ von den Buggles in meinem Radio, und als ich wieder auf der rechten Spur einscherte, jauchzte ich unvermittelt auf und schrie lauthals: „Ist das geil!“

Entschuldigung, ja, das schrie ich wirklich. Der Fahrtwind, die Musik, der strahlende Sonnenschein und die ganze Kraft meines Motors, als sich bei 3500 Umdrehungen der Turbo einschaltete, all das vermischte sich innerhalb einer Millisekunde zu einem berauschenden Gefühl von Eins-Sein mit dem gesamten Universum – sogar mit allen Leuten, die ich normalerweise nicht leiden kann.
Und schwupp – war es wieder vorbei. Leider. Man kann ja nicht ständig Cabrios überholen.

Dieser eine Augenblick, in dem ich im wahrsten Sinne des Wortes juchzte – ich werde ihn für alle Zeiten in meinem Gedächtnis abspeichern. In dieser einen Sekunde des überbordenden Frohsinns passte alles zusammen: das Leben, das ich bis dahin gelebt hatte, die vielen Jahre, in denen ich mehr geweint als gelacht habe, all die winzigen kleinen Ereignisse, die dazu geführt hatten, dass ich mich genau in dieser Sekunde an genau diesem Ort befand und vor Freude schrie.

Es war das pure Glück. Solltest du mal ausprobieren, Paula. Aber du brauchst vermutlich mindestens einen Lamborghini dazu.

Glücklich sein wollen wir ja alle. Wir fordern es in Bekanntschafts-Anzeigen („Suche den Mann fürs Leben, mit dem ich glücklich werden kann“), spielen wöchentlich Lotto („Versuchen Sie Ihr Glück!“), und sind immer auf der Jagd nach diesem ominösen Bewusstseinszustand, den keiner von uns so genau beschreiben kann, außer den Menschen, die vielleicht an einer schweren Krankheit leiden und sich kein größeres Glück vorstellen können als eine Heilung. Sie sind von diesem Beitrag selbstverständlich ausgenommen.

Glück ist etwas Flüchtiges, wie ein geruchloses Gas. Manchmal hält es lediglich für die Länge eines Atemzuges oder Wimpernschlages vor. Und Sie haben es nicht mal bemerkt.
Die meisten von uns würden es nicht mal erkennen, wenn man es ihnen auf den Bauch bindet. Leider wahr.

Wie die Karotte vor der Nase des Esels hängt es durchscheinend als vager Umriss vor unserem Gesicht, und scheinbar müssen wir danach streben, in jeder freien Minute. Obwohl wir nicht wissen, wie es aussieht, wie es riecht… und wie es sich anfühlen sollte.

Es gibt eine herrliche Stelle in dem Film „City-Slickers“ aus dem Jahre 1991 mit Billy Cristal in der Hauptrolle. Frustrierte Großstädter verbringen einige Tage Urlaub auf einer Ranch und lernen dort einen alten Haudegen kennen, der sie total verunsichert, denn er ist ein rauer Bursche, der nicht viele Worte macht.

„Kennst du den Sinn des Lebens?“, fragt dieser Cowboy namens „Curly Washborn“, der von dem göttlichen Jack Palance verkörpert wird.

„Nein, was ist er?“, fragt der eingeschüchterte Billy Cristal zurück.

Curly deutet mit seinem knochigen Zeigefinger auf Billy und sagt: „Das. Und was das ist, muss jeder für sich selbst herausfinden.“

Na, dann suchen wir eben weiter. Das wird aber schwierig vor lauter Tagesgeschäft, ständig klingelnden Telefonen, Terminen, Blockbustern, To-Do-Listen, gesellschaftlichen Verpflichtungen und Verabredungen mit Leuten, die wir nicht ausstehen können. Manchmal steht das Glück nämlich genau neben uns, aber wir kriegen es nicht mit, weil wir gerade auf unser Handy-Display starren und bei Google eingegeben haben: „Wie werde ich schnell reich ohne Arbeit?“

Glück in des Wortes reinster Definition ist ein punktueller Zustand, ein winziges, nur Nanobruchteile von Sekunden dauerndes Gefühl, das sich weder in einem Einmachglas konservieren noch auf der Festplatte speichern lässt. Zwar bemüht sich die Werbung nach Kräften, analog wie auch digital, Ihnen das einzureden, aber glauben Sie mir: Die lügen.
Sie werden nicht glücklicher sein mit dem roten Auto, der Waschmaschine mit Turbo-Schleudergang oder dem neuesten Fertiggericht. Auch zwei oder drei Flaschen von dem neuen angesagten alkoholischen Mixgetränk in der stylischen Flasche machen Sie nicht glücklicher, nur besoffen.

Glück ist deshalb so begehrt, weil es sich schwer definieren lässt, mit keinem Gerät weltweit gemessen werden kann und sofort verfliegt, sobald man bemerkt, dass man es hat. Wieder nichts.

Die meisten von uns sind ganz normale Menschen mit einem Durchschnitts-Einkommen und einem Durchschnitts-Leben und sehnen sich vielleicht nach finanziellem Wohlstand, wenn wieder einmal zu viel Monat am Ende des Geldes herrscht. „Es wäre doch schön, sich alles kaufen zu können, was man will“, denkt man dann vielleicht.

„Ach wissen Sie, die sitzen dann alle bei mir auf der Couch“, erklärte mir diesbezüglich mal eine Psychologin auf einer Party, als ich mich bei ihr darüber beklagte, nie genug Geld zu haben und mich über meinen reichen Nachbarn beschwerte, der alle mit seinen Monate dauernden, lautstarken Umbauarbeiten in den Wahnsinn trieb, denn rücksichtlos war er außerdem.

„Glauben Sie nicht, dass Sie reich glücklicher wären, oder dass diese Leute es sind“, versicherte mir die Psychologin. „Wirklich überall ist etwas, und Probleme haben die genauso.“
Daran erinnere ich mich oft, bei mir hat dieser Spruch tatsächlich ein Umdenken bewirkt. Wie schon meine Mutter immer sagte: „Unter jedem Dach ein Ach“. Dieses „Ach“, das Leid und der Schmerz, vielleicht werden sie bei der Geburt mitgeliefert und gehören zur Serienausstattung unserer Existenz. Jeder bekommt seinen Teil. Und nur manche dürfen den Kummer häppchenweise schlucken. Anderen wird alles auf einmal serviert, und sie gehen daran zugrunde.

Ich kenne ein paar Leute, die reich sind. So richtig reich. Einer davon ist gute hundert Millionen schwer und hat seit dem Tag seiner Geburt das nutz- und sinnloseste Leben geführt, das ich persönlich mir vorstellen kann.

Geboren als Kind äußerst wohlhabender Eltern, nie dazu gezwungen, sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen, hat er eigentlich die letzten Jahrzehnte nichts anderes getan, als Geld auszugeben, wenn auch widerwillig, denn was sollte man tun, wenn man Kohle hat ohne Ende, aber keine Freizeitbeschäftigung? Außerdem ist er extrem geizig. Ich habe selbst schon erlebt, wie er das Kerngehäuse eines Apfels, den jemand auf dem Tisch achtlos liegengelassen hatte, aufaß. Mit Stumpf und Stiel.

Seit vielen Jahrzehnten lebt er in permanenter Angst davor, finanziell ausgenutzt zu werden und wünscht sich – natürlich – aus Paritätsgründen eine Partnerin, die genauso reich ist. Da diese Sorte Damen aber mindestens genauso paranoid ist wie er und außerdem äußerst anspruchsvoll, ist dieser Mann nach wie vor einsam und hat seinen 60ten Geburtstag allein gefeiert.

Er lebt verbittert in einem heruntergekommenen Bungalow an der französischen Grenze (wird seit Jahren umgebaut, aber alle Handwerker bauen nur Mist laut seiner Aussage), kleidet sich wie ein Obdachloser, weil er fürchtet, jemand würde ihn anpumpen, sobald herauskommt, dass er Geld hat, und mag weder andere noch sich selbst. Im Grunde genommen ist es eine traurige Geschichte, und er ärmer dran als wir alle.

Glücklich ist er übrigens nicht und war er meines Wissens nach auch noch nie. Dazu reicht ein Blick auf seine herabhängenden Mundwinkel. Der kann sich gleich neben Paula stellen. Die beiden wären ein Dream-Team.

Aber zurück zum Thema. Glück ist keine Konserve, sondern eine scheue Gelegenheit, die sich selten blicken lässt, oftmals unansehnlich in alte Lumpen gekleidet und unscheinbar. Und wenn es bemerkt, dass man es nicht beachtet, dann dreht es sich um und geht. Und es kommt nicht wieder.

Anders verhält es sich mit der kleinen Schwester des Glücks, der Zufriedenheit. Zwar trägt sie meistens Grau und wirkt etwas langweilig, aber sie ist recht zuverlässig, nimmt selten was übel und ist sehr viel zugänglicher. Zufriedenheit lässt sich leicht mit einer positiven Grundeinstellung anlocken, und wenn sie es sich bei Ihnen gemütlich gemacht hat, dann bleibt sie Ihnen auch erhalten. Sie verlangt eigentlich nur, dass man ihr täglich Beachtung schenkt, mit einem guten Gedanken oder einem netten Wort, mehr nicht. Ich habe mich vor sehr langer Zeit für sie entschieden und bin mit „zufrieden“ mehr als zufrieden. Sollen andere versuchen, glücklich zu werden. Es wäre sogar gut möglich, dass ich es schon bin.

Und zur Zufriedenheit gehören diese „perfekten Momente“, von denen ich gestern einen erlebte.

In meinem eigenen Leben gibt es ein paar solcher wunderschöner Augenblicke, aus denen ich mir eine virtuelle Perlenkette gebastelt habe, die ich an besonders dunklen Tagen aus dem Versteck in meinem Gedächtnis hole, um sie wehmütig durch die Finger gleiten zu lassen. Ich tue das nicht allzu oft, denn sonst nutzt sie sich ab.

Das Leben ist eine bunte Mischung aus allem – Freude und auch Schmerz. Und wäre nicht das Leid, wie könnten wir das Schöne denn erkennen, das uns begegnet? Ohne die Dunkelheit würden Sie das Licht gar nicht bemerken. Vielleicht muss man wirklich erst gehörig vom Leben in die Mangel genommen worden sein, um kurze Verschnaufpausen schätzen zu lernen.

Der amerikanische Poet Ralph Waldo Emerson schrieb: „Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.“ Wie sieht wohl die Persönlichkeit von jemandem aus, der nie gegen irgendwelche Widrigkeiten zu kämpfen hatte? Der ein stromlinienförmiges Leben lebte, ohne Entbehrungen, ohne Schmerz oder Verluste? Ganz ehrlich: Ich möchte mit keinem von denen tauschen.

Glück. Alle wollen es haben, keiner weiß genau, wie es aussieht. Die meisten Lottogewinner haben ein paar Jahre nach ihrem Gewinn noch weniger als vorher und sind außerdem um die Erfahrung reicher, dass Geld mit Glück nichts zu tun hat. Und das ist keine Plattitüde.

Glück ist Definitionssache. Und die wenigsten von uns haben es wirklich nötig, glaube ich. Gesund zu werden bei schwerer Krankheit DAS nenne ich Glück. Aus einer ausweglosen Situation gerettet zu werden ebenfalls. Alles andere fällt unter die Sparte „Zufriedenheit“.

Und nicht mal das können wir wirklich.

Schon Goethe behauptete seinerzeit: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.“ Der Gute hatte so was von recht. Weil wir Esel nämlich aufs Eis tappen, wenn es uns zu wohl wird – frei interpretiert. Narren sind wir, die Gemütlichkeit mit Langeweile verwechseln, denen unheimlich wird, wenn mal drei Tage nichts passiert.

Von Goethe stammt auch der Satz: „Wage es, glücklich zu sein.“ Und da der Geheimrat kein Narr war, was seine zeitlosen Werke beweisen, hatte er wohl seine Gründe. Man muss sich wirklich trauen, „glücklich“ oder zufrieden zu sein. Einfach ist es nicht, denn wir werden automatisch darauf warten, dass uns ein LKW überfährt.

Zufriedenheit ist die kleine Schwester des Glücks. Sie ist sehr viel zugänglicher und charmanter als ihre große Verwandte, und sie lässt sich auch häufiger sehen. Wir müssen nur hinschauen, aber wir sind gerade dabei, diese Fähigkeit zu verlernen. Wer 24 Stunden am Tag auf sein Handy-Display starrt, wird wohl die Gelegenheit verpassen, den „perfekten Moment“ zu erwischen. Er lauert nämlich nicht auf dem Home-Bildschirm, sondern steht draußen vor der Tür oder sitzt vielleicht lächelnd im Gras neben dem kleinen Teich, an dem Sie auf dem Weg zur Arbeit immer vorbeikommen.

Es gibt, wie gesagt, nicht viele solche perfekten Momente in meinem Leben. Einen erlebte ich, als mein alter Onkel im Sterben lag und meine Mutter nach tagelangem Bohren dazu überreden konnte, sich von ihm zu verabschieden. Die beiden waren seit Jahrzehnten zerstritten und hatten seit Ewigkeiten kein Wort mehr miteinander geredet.

Ich durfte dabei sein, als meine Mutter die von einem schweren Schlaganfall gezeichnete Hand ihres Bruders nahm, der versuchte, sie zu ergreifen und sie mit einem verbliebenen Auge anstarrte. „Alt sind wir geworden“, flüsterte meine Mutter liebevoll und streichelte meinem Onkel den Handrücken. Mir schossen damals Tränen in die Augen, als ich diese beiden gelebten Leben so nah beieinander sah, die durch belanglose Nichtigkeiten entzweit worden waren.

Rien ne va plus. Ihr Einsatz bitte. Nichts geht mehr…

Es war das Ergreifendste, das ich je gesehen habe. Ich werde es nie vergessen, weil ich glaube, DAS ist es, worauf es ankommt – diese Sekundenbruchteile, in denen wir eins sind mit dem, was wir eigentlich werden hätten sollen, dieses glitzernde, funkelnde kristallklare Reine, das in unserer Seele verschüttet liegt von dem Moment an, wo wir mit dem „wahren Leben“ beginnen und uns nicht mehr die Zeit und Mühe machen, um uns zu blicken und zu erkennen, dass wir nichts von alldem mitnehmen können, das wir jetzt anhäufen wie panische Eichhörnchen. Oder haben Sie schon mal einen Fichtensarg mit Anhängerkupplung gesehen?

So vieles entgeht uns, weil wir damit beschäftigt sind, durch die Jahre zu hecheln, weil wir verlernt haben, hinzuschauen und zuzuhören. Diese innere Stimme, die immer da ist in uns, die uns genau sagt, was eigentlich richtig und falsch wäre, sie kommt gegen den infernalischen Lärm, den unser Alltag verursacht, einfach nicht mehr an.

Wie gesagt – es gibt viele Situationen, in denen wir wahrhaftig von „Glück“ sprechen dürfen wie die Heilung von einer schweren Krankheit oder das Überleben eines grauenvollen Auto-Unfalles. Alles andere fällt in die Kategorie „Zufriedenheit“. Aber wie wir Menschen nun einmal sind: Mit der billigeren Kopie geben wir uns nie zufrieden. Es muss immer der Traumpartner sein, der Wunsch-Konto-Stand oder ein besseres Auto als der Nachbar, ein größeres Haus oder überhaupt eins und soviel Geld, wie man nur essen kann. Ich habe das jetzt mit Absicht geschrieben, um Ihnen zu verdeutlichen, wie sinnlos dieses Streben nach immer mehr und immer weiter eigentlich ist.

Perfekte Momente sind ein Geschenk. Zufriedenheit eine Entscheidung. Irgendwann wird der Croupier Sie auffordern, Ihr letztes Spiel zu machen. Bis dahin sollten Sie ausreichend gelächelt haben und sich an Schönes erinnern können.

Glauben Sie mir, ich kenne eine Menge Leute, die allen Grund zur Zufriedenheit hätten. Sie sind gut situiert, haben gesunde Kinder, keinerlei körperliche oder seelische Beschwerden, und ihr Leben scheint zu laufen wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Zufrieden sind sie aber nicht. Es scheint ihnen irgendetwas zu fehlen. Immer könnte es von allem etwas mehr sein: mehr Geld, mehr Freizeit, weniger Gewicht, weniger Falten und so weiter. Es reicht ganz einfach nie. So sind wir Menschen.

Ich bin in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, und so gut wie alles, das ich bis zum Antritt meiner Ausbildung in die Finger bekam, war gebraucht oder ein Geschenk von fremden Leuten. Von jedem einzelnen Stück in meiner Wohnung kenne ich heute noch den Preis und weiß genau, wann und wo ich es erworben habe. Meine erste Schreibmaschine habe ich auf Raten gekauft und lange abbezahlt. Sie hatte nicht mal ein Korrekturband. Die liegt heute noch gut verpackt im Keller, denn ich musste für sie auf so vieles verzichten, das ich ebenfalls dringend gebraucht hätte. Die gebe ich nicht mehr her.

Heute nun geht es mir relativ gut, auch wenn mein Auto allmählich Rente beantragen könnte und der Kühlschrank verdächtig laut rattert an schlechten Tagen. Ich besitze alles, was ich brauche, auch wenn sich manche meiner Träume nie erfüllt haben, wie eine Reise nach Hawaii zum Beispiel oder eine eigene Immobilie.

Dann setze ich mich auf den Balkon, genieße die Sonne, schlürfe einen Kaffee, lasse meinen Blick über die weitläufige Landschaft schweifen und fühle mich so richtig reich.
Mehr brauche ich nicht. Es ist mir nicht mehr wichtig.

Wenn ich Kaffee möchte, mache ich mir einen. Wenn etwas kaputt ist, kann ich es ersetzen.

Der Weg dahin war steinig, und manchmal hatte ich nicht mal Schuhe, rein metaphorisch gesehen. Diese Zufriedenheit – sie ist ein guter Platz zum Rasten. Es könnte alles so leicht sein, wenn wir nur die nörgelnde kleine Stimme in uns ausschalten, die und rund um die Uhr antreibt.

Die wichtigsten Dinge in meinem Leben konnte ich ohnehin nie käuflich erwerben, nicht mal auf Raten, denn sie hatten kein Preisschild. Ich bekam sie geschenkt. Und ich weiß sie sehr zu schätzen, gerade jetzt, wo manches etwas leichter geworden ist für mich.

Vielleicht hatte ich einfach nur Glück. Womit wir wieder beim Thema wären. Aber ich habe gelernt, hinzuschauen, damit ich es nie mehr übersehe.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Lächeln Sie. Sie haben es sich verdient.

Ihre Barbara Edelmann

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Sanduhr mit rotem Sand

Gestern besuchte ich einen ganz besonderen Ort – eine kleine Lichtung mitten im Wald, wo seit über 30 Jahren ein Einsiedler lebt. Er hat sich dort mit tausenden von der Sonne ausgebleichten Seidenblumen, die in angeschlagenen Plastiktöpfen schmale, mit verwitterten Steinplatten ausgelegte Wege säumen, und unbeholfen gezimmerten, dämmerigen Holzhütten voller vergilbter Heiligenbildchen, ein skurriles Refugium geschaffen. Fernab vom hektischen Treiben, allumfassender Konsumgier und der rasenden, uns immer mehr in ihren Strudel aus Verpflichtungen und Begehrlichkeiten hineinreißenden Geschwindigkeit unserer Welt.

Betritt man einen der verwinkelten Pfade, die durch ein unübersichtliches Labyrinth im dichten Nadelwald im Kreis führen, befindet man sich schlagartig in einer Welt der Stille, einem kleinen buntgemusterten Universum aus gelebter, zu Herzen gehender Frömmigkeit und innerer Einkehr. Alle Hektik fällt von einem ab, und man durchwandert selbstvergessen diese Enklave, den manifestierten Traum eines introvertierten Einzelgängers, der für sich selbst beschlossen hat, dass ihn das Treiben „dort draußen“ nicht mehr interessiert, weil er nicht dazugehören möchte.

Dieser Einsiedler verzichtet auf jede Art von Konsum seit mehr als drei Jahrzehnten, läuft fast immer barfuß und bezeichnet seine Eremitage selbst als einen heiligen Ort. Ab und zu besuche ich ihn und lausche in der flüsternden Kühle dieser aus der Welt gefallenen Insel der Seligen dem gequälten Wispern meiner gehetzten Seele, fernab von Trubel, Alltagssorgen, übervollen Terminkalendern und dem lästigen Vibrieren meines Mobiltelefons. Dieses Stück Wald ist ein wunderbarer Ort zur Einkehr, eine Herausforderung für uns „digitale“ Arbeitssklaven, eine kleine Flucht ins Unwirkliche.

Außerdem beeindrucken mich Konsequenz, Beharrlichkeit und der tiefe Glauben an eine übergeordnete Macht, mit denen dieser Mensch sein eigenes kleines Reich gestaltet hat, in dem er schon so lange ohne Strom oder fließendes Wasser (außer dem kleinen Bach, der an dem Grundstück vorbeifließt) lebt und jetzt bei allerbester Gesundheit bald seinen 80ten Geburtstag feiern darf.
Wobei ich mir nicht sicher bin, was „feiern“ bei ihm bedeutet.

Gestern nun, als ich mit einer Freundin die wispernde Ruhe des Waldes durchschritt, wie jedes Mal beeindruckt von der Frömmigkeit und Bescheidenheit, die dieser von Menschenhand geschaffene Ort ausstrahlt, sah ich den Eremiten stehen, der sich mit jemandem unterhielt. Bei ihm verweilte ein Ehepaar Mitte 50. Der Mann klammerte sich in grotesk verzerrter, gebückter Haltung an einen Rollstuhl und starrte mich mit einer Eindringlichkeit an, die bekommen machte. Er wirkte, als würde er sich an mich erinnern, oder sich zu erinnern versuchen, obwohl ich ihn nicht kannte. Man sah ihm an, dass er sich verzweifelt bemühte, nicht zusammenzusacken, als sei er gerade hingefallen und beim Aufstehen auf halber Höhe daran gehindert worden.

Meine Freundin und ich taten, was uns angemessen schien – wir grüßten höflich und gingen weiter. Aber das Bild des Mannes, der sich an diesen Stuhl klammert und aussieht, als würde er gleich in sich zusammenfallen, lässt mich seitdem nicht mehr los.

Ich bin ganz sicher, für diese beiden Menschen, ein dem Anschein nach altgedientes Ehepaar, hat sich die ganze Welt innerhalb von Sekundenbruchteilen für immer verändert. Vielleicht machten sie früher regelmäßig Radtouren, feierten ausgelassen mit Freunden auf der Terrasse ihres Hauses, zogen Kinder groß, gingen samstags zum Einkaufen und hatten alles durchgeplant bis zur Rente. Vielleicht stritten sie gelegentlich über die Freizeitgestaltung, probierten regelmäßig neue Diäten aus und überlegten, ob sie die Oma ins Pflegeheim bringen sollten. Manchmal hatten sie unter Umständen das Gefühl, das Geld reiche nicht und bekamen sich in die Wolle, weil er unbedingt ein neues Auto kaufen wollte, sie aber meinte, man müsse fürs Alter etwas sparen. Eventuell hatten sie Sorgen, weil eines ihrer Kinder über die Stränge schlug. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Und dann… kam dieser Schicksalsschlag, der alles zunichte machte. Vielleicht ein Schlaganfall, vielleicht ein Verkehrsunfall oder eine gemeine Krankheit. Eine Millisekunde, die ihr künftiges Leben unter einer von Kummer eingetrübten Käseglocke für alle Zeiten konservierte, unter welcher sie seitdem zu existieren gezwungen sind. Dieser eine Moment, in dem unsere Wünsche, Hoffnungen und Träume, all unser Ärger um Kleinigkeiten, in sich zusammenfallen wie ein angestochener Helium-Ballon, er hängt über jeden einzelnen Schicksal wie ein Damokles-Schwert. Übrig bleibt dann nur noch die leere Hülle unserer vorherigen Existenz: unter Umständen ein nicht abbezahltes Haus, zu wenig Krankengeld und … Schmerz. Jede Menge Schmerz und die Frage: „Warum ausgerechnet ich?“

Wissen Sie, was ich am häufigsten von meinen Freunden höre, wenn ich vorschlage, mal wieder was zu unternehmen? „Ich habe keine Zeit.“

Durch die Bank sind sie gestresst, reiben sich zwischen Arbeit, Gartenpflege, Kindererziehung oder Hobbies auf, streamen gelegentlich zur Entspannung einen Film oder gönnen sich einen Kino-Besuch und denken, sie hätten alles im Griff, denn nichts ist wichtiger heutzutage, als gut durchorganisiert zu sein. Ihre Urlaube planen sie mindestens ein Jahr im Voraus wegen dem Frühbucher-Rabatt, sie zahlen pünktlich jeden Monat in ihre Altersvorsorge ein und sparen fleißig („Damit ich mir in der Rente was gönnen und auch mal eine Kreuzfahrt machen kann“). Sie verschwenden, außer auf Beerdigungen von alten Freunden, keinen Gedanken dran, dass ihr Lebensplan nicht in Stein gemeißelt sein könnte, wie sie das zu glauben scheinen. Glauben müssen, denn die Wahrheit ist einfach zu grausam.

Aber das Leben nimmt keine Kreditkarten und unterschreibt keine Verträge. Auch nicht, wenn man 17 verschiedene Versicherungen abgeschlossen hat, unter anderem gegen Asteroideneinschlag oder Poltergeister. „Willst du Gott amüsieren, dann mach’ einen Plan“, las ich neulich.

Wer oder was auch immer unsere Geschicke lenken sollte – es/er ist unberechenbar, manchmal boshaft … und sehr, sehr mächtig. „Unter jedem Dach ein Ach“, sagte meine Mutter immer, und heute – mit all meiner Lebenserfahrung – muss ich ihr leider zustimmen.

Bestimmt kennen auch Sie Geschichten von Leuten, die 40 Jahre gearbeitet haben und dann kurz vor Antritt der Rente todkrank wurden und verstarben. „Das mache ich später, jetzt geht es nicht“, versichern mir Freunde, wenn ich einen Ausflug vorschlage. Auf dem Balkon zu sitzen und versonnen den Mond zu betrachten oder die nackten Füße in einem Bach baumeln zu lassen ist unmodern geworden – seit es Netflix und Handys gibt.

Manchmal hat man den Eindruck, die meisten fürchten sich vor der Besinnlichkeit, die sie zwingen könnte, darüber nachzudenken, was morgen sein wird, und wir versuchen deshalb, „was ist“, bis ins Unendliche zu verlängern, denn „was sein wird“, könnte sich für uns als unerträglich herausstellen. Wir Menschen sind nicht allzu gut in Schicksalsschlägen, habe ich das Gefühl. Feiern können wir definitiv besser.

Es gibt ja auch die sogenannten Stoiker, die sich jeden Morgen ungefähr 10 Minuten lang alles Schlimme vorstellen, das ihnen im Laufe des Tages zustoßen könnte – die werden dann wenigstens immer nur angenehm überrascht. („Gottseidank ist mir heute kein Klavier auf den Kopf gefallen.“)

Alle anderen rennen wie kreischende, von Besessenheit getriebene Hamster im sich immer schneller drehenden Rad einem imaginären Ziel hinterher, bis sie aufgrund der Fliehkraft oder vor Erschöpfung herausfallen und liegenbleiben. Manche stehen nie wieder auf. Andere nehmen Anlauf, hechten erneut ins Hamsterrad und fangen von vorn an.
Meine Bewunderung sei ihnen gewiss.

Ein Freund von mir erlitt mit 26 Jahren beim Rasenmähen einen Schlaganfall. Er konnte sich davon restlos erholen und lebt heute beschwerdefrei seit vielen Jahrzehnten, allerdings sehr viel dankbarer als vorher. Der andere verstarb mit 47 an Krebs. Und erst kürzlich musste ich einen alten Bekannten beerdigen, der mit 53 Jahren einfach umgefallen ist, trotzdem er nie rauchte oder trank. Im Gegenteil: Ich kannte niemanden, der gesünder lebte als er. Dann steht man beklommen am offenen Grab und denkt: „Er hatte doch eigentlich gar nichts vom Leben – immer nur gearbeitet und sich um seine alten Eltern gekümmert.“

Unser eigener Kilometerzähler läuft kontinuierlich mit jedem Tag schneller, und dann drehen wir einfach unser Leben „lauter“, um das bedrohliche weiße Hintergrundrauschen der Unendlichkeit auszublenden.

Wäre das alles hier ein Computerspiel, dann säße an den Steuerungselementen ein frustrierter, unberechenbarer Spieler, der willkürlich die „Delete“-Taste drückt und uns scheinbar nach Belieben löscht. Es gibt da die wahre Geschichte einer früheren Nachbarin, die aus dem Supermarkt kam, ihre Einkäufe im Auto verstaute, und in dem Moment, als sie den Motor startete, mit dem Kopf aufs Lenkrad knallte und starb. Einfach so.

Mittlerweile denke ich: „Hätte schlimmer kommen können, wenigstens war sie gut drauf, weil sie vielleicht noch ein Sonderangebot erwischt hat und musste nicht jahrelang leiden.“

Auf einem Friedhof sah ich mal ein steinernes Herz auf dem Grab einer Frau, die mit gerade mal 40 Jahren gestorben war mit der Inschrift: „Wir haben sie von Herzen geliebt.“ Es tut weh, so etwas zu lesen.

Geliebt zu werden schützt einen nicht vor Unabwägbarkeiten. Versicherungen oder Vitaminpillen übrigens auch nicht. Jeden Moment des Lebens darauf gefasst zu sein, dass das Schicksal mit dem Hammer draufhaut, scheint mir sinnvoller. Wären 10minütige Achterbahnfahrten denn schöner, wenn sie Stunden oder Tage dauerten? Ich denke nicht.

Alles ist endlich. Das Glück und auch das Leid. Nur kommt‘s einem bei zweiterem länger vor.

„Ich habe keine Zeit.“ Von wegen. Sie „haben“ gar nichts, das ist das Problem. Die Zeit gehört nicht Ihnen, sie ist nur eine Art Cluster, ein virtuelles Schwimmbecken, innerhalb dessen Sie sich bewegen dürfen, trotzdem Sie sich bemühen, Ihre Existenz in kontrollierbare Strukturen zu packen, unterstützt von tickenden Uhren, vollgepackten Kalendern und eng gesetzten Terminen.

Wir haben nichts. Es bleibt immer nur der Augenblick.

Und genau das sollte uns eindringlich bewusst werden. Eine Sandburg aus Träumen „haben“ wir, eine im Mahlstrom der Ereignisse trudelnde Seifenblase, inmitten derer wir schweben und uns bemühen müssen, nicht deren Rand zu berühren, weil diese sonst platzt und wir unsanft auf dem Boden unserer eigenen Sterblichkeit landen. Unser Sein ist voller unabwägbarer Ereignisse, die einen urplötzlich und ohne jede Vorwarnung treffen und einem den Boden unter den Füßen wegziehen können.
Schrecklicher Gedanke, nicht wahr?

Was oder wer auch immer unsere Geschicke lenkt, er ist unbestechlich und macht uns vielleicht einen Strich durch Hoffnungen oder Vorstellungen, ehe wir „ab in den Urlaub“ sagen, geschweige denn die Koffer packen können. Und genau um das zu verdrängen, lenken wir uns ab auf Teufel komm raus, denn wir wollen nicht mit der hässlichen Tatsache konfrontiert werden, dass wir nichts sind und keinen Einfluss darauf haben, was das Schicksal demnächst mit uns plant.

Neulich machte ich einen Stadtbummel und wollte mir zum Abschluss noch eine Tasse Cappuccino in einem Straßencafé gönnen. Da alle Tische an den Rändern besetzt waren, musste ich in der Mitte des bunten Pulks Platz nehmen und wurde von allen Seiten unfreiwilliger Zeuge sämtlicher Gespräche.

„Nächstes Jahr fliegen wir wieder auf die Malediven. Das hat uns vor vier Jahren so gut gefallen.“

„Letzte Woche hat der … zu mir gesagt, er hält das nicht mehr lange aus. Das macht er jetzt seit Jahren.“

„Ich freue mich so auf nächste Woche, da kriegen wir endlich die neue Küche. Und Ende August lade ich euch alle zum Essen sein.“

Und so weiter und so fort. Keiner von all diesen Menschen war wirklich da. Anwesend. Präsent. „Gestern, heute, morgen, nächstes Jahr, letzten Monat …“. Wir sind wirklich nie zuhause. In unserem Leben, meine ich.

Ich wiederhole: Wir haben nichts. Alles, das uns ausmacht, kann von der einen zur nächsten Sekunde Vergangenheit sein. Und die schöne neue digitalisierte Welt hilft uns vortrefflich dabei, diesen Gedanken zu verdrängen.

Es gibt nichts Zerbrechlicheres als die menschliche Existenz, und nur, um dessen nicht gewahr zu werden, packen wir unser Leben voll mit Pflichten, Verbindlichkeiten und scheinbarer Zeitnot. Außerdem haben wir doch Netflix, Online-Medien, Bungee-Jumping und Yoga-Kurse. Wir werden das wohl hinkriegen, jede Minute des Tages mit „sinnvollen“ Aktivitäten zu füllen, so dass unser Hirn nicht zur Ruhe kommt. Denn wenn es zur Ruhe käme… Um Himmels Willen!

Erst kürzlich sagte mir eine liebe Nachbarin, die vor kurzem ihren 60ten Geburtstag gefeiert hat: „ich werde nichts mehr hinausschieben, aufs nächste Jahr oder nächsten Monat, wie zum Beispiel einen Urlaub oder ein Treffen mit netten Leuten, denn ich lebe jetzt. Und es ist mir neulich erst bewusst geworden, dass es vielleicht irgendwann keine Gelegenheit mehr zum Verschieben geben werden wird.“

Wissen Sie: DAS könnte der Grund sein, warum Rentner so viel und oft verreisen. Worauf sollen sie denn noch warten? Bis zu ihrem 90ten Geburtstag? DANN gönnen sie sich aber wirklich was?

Aber zurück zu gestern. Diese Frau und ihr bedauernswerter Ehemann, auch sie hatten mit Sicherheit ein ganz normales Leben und vielleicht fürs Alter gespart. Sie hatten Pläne für ihre Rentenzeit geschmiedet, sich eventuell auf ein Enkelkind gefreut oder vor kurzem ihr Badezimmer renoviert.

Jetzt schiebt die Frau den Rollstuhl des Mannes, der verzweifelt versucht, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, weil in seinem Gehirn vielleicht ein Rest von Autonomiebestreben erhalten blieb, vielleicht auch Scham darüber, dass er jede Minute des Tages auf jemanden angewiesen ist (Wir Menschen sind merkwürdige Wesen…). Vielleicht erinnert er sich daran, wie schön es war, zu laufen, zu schwimmen, Auto zu fahren oder den Rasen zu mähen.

Es hätte auch andersherum laufen können und seine Frau treffen. Es hätte auch gar nichts passieren können, und beide wären zusammen in gepflegter Langeweile alt geworden.

Ich hätte es ihnen so gegönnt.

„Wenn du schon etwas tun musst, dann tu es gern“, ermahnte mich während meiner Schulzeit ein Lehrer. Das habe ich bis heute beherzigt, denn unser ganzes Leben besteht unter anderem aus vielen ungeliebten Tätigkeiten wie bei mir zum Beispiel Putzen oder schwere Gartenarbeit, einem Job, den man nur ausübt, weil man die Kohle braucht oder pflegebedürftigen Eltern hat.

„Tu es gern“, verwandelt verhasste Aufgaben vielleicht in die Erkenntnis, dass auch das Hacken von Unkraut von unserer Lebenszeit abgezogen wird. Und diese Lebenszeit sollten wir nicht mit Groll im Herzen verbringen. Stellen Sie sich doch einfach vor, Sie hätten keine Möglichkeit mehr, all das zu tun, was Sie nicht mögen.

„So eine miese Bude, in der ich wohne, ausgerechnet im dritten Stock, und all diese Treppen.“ Und wenn man nicht mehr dazu imstande ist, ein paar Stufen zu nehmen, dann erinnert man sich wehmütig daran, wie schön es noch war, einen Fuß vor den anderen setzen zu können.

Das gilt übrigens für so gut wie alles, das einem sauer aufstößt. Uns fehlt nur das Bewusstsein und die Dankbarkeit dafür, dass wir überhaupt KÖNNEN. Die Chance steht täglich bei 50:50, dass das morgen schon ganz anders aussehen könnte, denn wie Friedrich Schiller mal so treffend sagte:

„Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.“

Wenn ich zum Beispiel putze (ich hasse es…), trage ich riesige geräuschunterdrückende Kopfhörer und singe lauthals alle bekannten Lieder mit. Gelegentlich spiele ich mit sogar dem Schrubber Luftgitarre und tue, als wäre ich Ozzy Osbourne. Weil ich Putzen nicht mag, es aber erledigt werden muss. Und weil auch Putzen von meiner kostbaren Lebenszeit abgeht. Wenn ich versuche, es gern zu tun, habe ich mehr davon. Versuchen Sie es einfach mal.

Denn unser aller Leben ist kurz und beschränkt. Vielleicht kommt eine Gelegenheit, bei der Sie sich mit Bedauern daran erinnern, wie Sie flott den Feudel geschwungen haben zu den Klängen von Jethro Tull. Ich wünsche das niemanden, aber es kann uns alle treffen.

Deshalb: Genießen Sie jede Minute Ihres Lebens, und sei sie noch so beschissen. Schlimmer geht schließlich immer.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und eine gute Zeit!

Ihre Barbara Edelmann

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Frau im Bett

Freitagabend in der Stadt. Eine schummrige Bar in einer Nebenstraße. Sie lehnen am Tresen, aufgebrezelt und in voller Takelage, bereit für ein Abenteuer, zumindest erwecken Sie diesen Anschein. In Wirklichkeit waren die „Smokey Eyes“ Tipp der Woche in Ihrem Lieblings-Frauenmagazin, da stand nämlich, dass manche Männer auf Verruchtes voll abfahren, und das wollten Sie mal ausprobieren, denn immerhin bewegen Sie sich mit Riesenschritten auf irgendeinen drohenden runden Geburtstag zu und sind nach wie vor auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Bisher haben Sie nämlich nur Ausschuss kennengelernt und sehnen sich nach einer festen Beziehung.

Während Sie verkrampft auf Stilettos balancieren, die man ohne Weiteres jemandem ohne Hammer in die Stirn nageln könnte und sich ärgern, weil Sie in dem engen Kleid die ganze Zeit die Luft anhalten müssen, öffnet sich die Tür, und herein kommt – er. Ja genau, der Eine. Sieht tatsächlich aus, als ob er der Richtige sein könnte. Dreitagebart, grüne Augen, kantiges Kinn, abgewetzte Lederjacke. Je nach Ihrem Beuteschema ein jüngerer George Clooney oder ein älterer Ryan Reynolds – suchen Sie sich was aus.

In Wirklichkeit wollen Sie nämlich gar kein Abenteuer, sondern endlich den Mann fürs Leben finden, darum stehen Sie heute in dem schummrigen Pressluftschuppen und warten, was so an den Tresen gespült wird. Wäre super, wenn dieser Neuankömmling ein wenig Rhett Butler aus „Vom Winde verweht“ ähneln würde, aber man kann ja nicht alles haben, und allmählich würden wir uns mit allem Möglichen anfreunden, denn wir haben es satt, immer allein zum Wertstoffhof zu fahren, um die alten Zeitungen wegzubringen. Aber dieser Typ hier, der gerade mit festem Schritt auf uns zukommt, sieht aus, als wäre die Rallye Paris-Dakar sein Anfahrtsweg zur Arbeit, bei der er täglich brennende Ölquellen löscht und Jungfrauen aus brennenden Häusern rettet.

Der stellt sich tatsächlich neben Sie und grüßt kurz, weshalb Sie endlich auf einen dieser unbequemen Barhocker klettern, um nicht demnächst mitsamt Ihren hohen Hacken umzukippen.
Sie kommen mit ihm ins Gespräch, und im Laufe der nächsten paar Stunden lädt er Sie zu einigen Drinks ein, von denen Sie jeder besoffener macht, aber auch ein bisschen lockerer. Nach dem 14ten Cocktail finden Sie beide sich unheimlich sympathisch.
Ach was, reden wir nicht drumherum: „sympathisch“ trifft es nicht, der Typ ist einfach heiß.

Er heißt Kai, ist drei Jahre älter als Sie (genau richtig!), bisher nie verheiratet gewesen (behauptet er zumindest), im Sternzeichen Löwe (passt super, denn mit Skorpionen wollen Sie nie mehr was zu tun haben!) und in der IT-Branche tätig. Was Ihnen aber wurscht ist, denn Ihre Pheromone tanzen schon seit mindestens zwei Stunden Polka, weil er Sie vorhin absichtlich oder unabsichtlich am Arm berührt hat. Gänsehaut-Alarm!

Als er Sie fragt, ob Sie noch einen Absacker in seiner Wohnung trinken möchten, sagen Sie ja, denn immerhin haben wir 2019 und nicht 1958, Sie können anbandeln, mit wem auch immer Sie möchten. Die Nacht ist jung, Sie sind es nicht mehr so ganz, und wer weiß, wie viele verpasste Gelegenheiten Sie sich noch leisten können, also los geht’s.

Sicherheitshalber bestellen Sie sich aber noch einen Caipirinha bei dem attraktiven Barkeeper, damit Sie nicht der Mut verlässt, denn Ihre Mutter hat Ihnen 20 Jahre lang eingeschärft, dass Sie nicht mit fremden Männern gehen sollten. Und jetzt machen Sie es trotzdem. Kurz überlegen Sie, ob Sie ihrer Mama eine SMS schicken sollten, damit die sich mal so richtig ärgert, lassen es dann aber sein, denn die schläft garantiert schon.

Die Wohnung von Kai ist ganz nett. Typisch männlich-kahler Charme (er nennt es „puristisch“), viel Edelstahl und Chrom, ein bisschen Akazie dazwischen, ein paar Fußball-Pokale und ein monströser Fernseher mit einer Heimkino-Anlage im Gegenwert eines Gebrauchtwagens. Geld scheint nur eine untergeordnete Rolle bei ihm zu spielen, umso besser, denn Ihre letzten drei Freunde mussten Sie ganz allein finanzieren, weil die immer pleite waren.

Auf Ihrer kurzen Stippvisite zum Klo entdecken Sie keine pinkfarbenen Haargummis oder Nachtcreme für reife Haut, nur „AXT“-Deo und „Niveau for Gentlemen“, also alles paletti. Wenn der Typ irgendwelche Mädels abschleppen sollte, hinterlassen die zumindest keine Spuren.

Als sie zurückkommen ins Wohnzimmer, spielt Alexa gerade seine Soul-Playlist mit der „Slip-Runter-Garantie“, alle Lampen sind gedimmt, und wenn man die Augen schließt und nur der Musik und Kais Schmeicheleien lauscht, könnte man sich vorstellen, gerade in einem Penthouse in Manhattan oder dem Strandhaus von Charlie Harper, dem bekanntesten Playboy der Welt aus „Two and a half men“, zu sitzen. Zum Nachdenken kommen Sie aber gar nicht mehr, weil Kai jetzt kommt – zur Sache nämlich, und Ihnen seine Zunge in den Hals steckt. Was Sie ganz gut finden, denn wenn einer gut küssen kann… naja, denken Sie sich den Rest.

Oh – das ging aber schnell. Nun haben wir schon den nächsten Morgen. Die Sonne scheint durch eine Ritze in der Jalousie. Samstag. Sie haben heute frei und könnten liegenbleiben. Wenn Sie sich daran erinnern, wo Sie eigentlich liegen. Das wissen Sie nämlich nicht mehr.

„Oh Mann, ich hätte nicht so viel saufen sollen. Ach ja, der süße Typ. Wie hieß der? Karl, Konstantin, Kevin? Mist. Wo bin ich überhaupt?“
Böse Mädchen kommen ja angeblich überall hin. Nur müssen Sie jetzt noch rausfinden, wohin Sie gekommen sind. Und ob überhaupt.

Nachdem Sie den niedlichen Typen neben sich entdeckt haben, der gerade ausgiebig gähnt, können Sie erst mal aufatmen. Nicht Quasimodo, eher Ryan Reynolds. Alles gut. Und wie war doch gleich sein Name? Ach, Sie werden es schon rausfinden, denn der Kerl ist wirklich saumäßig attraktiv.

Sie: „Äh, guten Morgen.“

Er: (räuspert sich): „Morgen.“ („Wow, die Tussi sieht ja bei Tag genauso gut aus. Hätte schon früher auf Stefan hören sollen und den Dreitagebart wachsen lassen. Das klappt ja wirklich. Ob die mich nochmal ranlässt?“)

Sie: „Ich müsste mal wohin, würdest du …“

Er: „Vorne, links.“ („Ich hoffe, die will jetzt kein Frühstück. Wie hieß sie nochmal? Irgendwas mit B? Oder war’s L? Mist, ich hätte fragen sollen. Oder hab ich gefragt? Ob ich mir wohl von meinem Nachbarn von gegenüber Kaffee borgen kann? Und Filter? Und die Maschine? Vielleicht bleibt sie dann nochmal 30 Minuten. Ach was, 10 reichen mir auch.“)

Sie raffen hastig Ihre Klamotten vom Boden, aus denen Sie sich gestern Nacht innerhalb von Sekundenbruchteilen geschält haben und huschen ins Klo. Papier alle. Natürlich. Aber im Badschrank finden Sie eine Rolle Küchenkrepp. Wenigstens etwas. Und keine zweite Zahnbürste oder Damenhygiene-Artikel. Wobei Ihnen das Wort „Hygiene“ nicht so recht über die Lippen will, wenn Sie die (hochgeklappte) Klobrille ansehen. Da kommt wohl jemand nicht oft zum Putzen. Kein Wunder, wenn man so viel freeclimbt, bungjee-jumpt und brennende Ölquellen löscht wie Kevin. Oder Karl. Oder Konstantin. Sie sollten sich gelegentlich mal durch die Blume erkundigen, wie Ihre Männerbekanntschaft überhaupt heißt. Besser spät als nie.

„Ob es wohl zu früh ist, ihn zu fragen, ob er mich zur Hochzeit meines Cousins nächste Woche begleitet?“, denken Sie, während Sie hastig in Ihre Klamotten schlüpfen und sich mit einem Blatt Küchenkrepp die Reste der Wimperntusche unter den Augen wegwischen. Dann stolpern Sie auf Ihren 10-Zentimeter-Hacken wieder ins Schlafzimmer, wo er im Bett sitzt und Sie erwartungsvoll anfunkelt.

Er: „Oh, du willst schon gehen? Schade.“ („Gottseidank, muss ich mir keinen Kaffee bei der blöden Weizenkeim von gegenüber pumpen. Andererseits – dieses Kleid ist echt rattenscharf. Wann hat die das nur angezogen, die war doch gerade noch nackt? Vielleicht kriege ich sie ja noch mal rum?“)

Sie: „Äh, ich denke, ja, ich sollte nach Hause. Aber ist ja eigentlich Samstag.“ („Er könnte mich wenigstens fragen, ob wir heute noch was zusammen unternehmen möchten. Nie wieder lasse ich mich auf einen One-Night-Stand ein. Der bietet mir ja nicht mal Kaffee an, der Idiot.“)

Er: „Oh, schade.“ („Kacke, die will wirklich schon weg. Ob ich sie noch irgendwie rumkriege, ohne dass sie meint, sie könnte gleich bei mir einziehen?“)

Sie: „Äh, ich sollte dann los.“ („Sag schon endlich, dass ich noch bleiben soll.“)

Er: „Möchtest du vielleicht Kaffee?“ („Scheiße, scheiße, scheiße, dann muss ich mich jetzt anziehen und zum Nachbarn rüber. Hoffentlich will der seine Bohrmaschine nicht zurück, die ich mir vor einem halben Jahr geliehen habe, ich weiß nämlich nicht mehr, wo in meinem Saustall die liegt.“)

Sie: „Nö danke.“ (Eingeschnappt. Warum eigentlich?)

Er: „Na dann, schönen Tag noch, war nett. Ich ruf dich an.“

Sie: „Ja, mach das.“ („Depp, blöder. Du hast ja nicht mal meine Nummer“).

Tja, das wäre Ihr Preis gewesen. Nur weil der Trottel Sie nicht gefragt hat, wie Sie heißen, sind Sie beleidigt. Gestern Nacht haben Namen Sie ja auch nicht interessiert, als Sie aus Ihren Klamotten gehüpft sind, als würden die demnächst Feuer fangen. Was denn nun? Wollen Sie den Burschen haben oder nicht? Und jetzt streichen Sie einfach kampflos die Segel? Wenn Sie von einem Mann etwas möchten, müssen Sie ihm das sagen. Unmissverständlich. Sofort. Ohne Schnörkel.

Erstens kann der Ihnen ruhig einen Kaffee machen, auch wenn er den aus Kolumbien holen muss. Der nächste Flieger geht bestimmt demnächst, und wer sich einen Fernseher im Format einer Kinoleinwand leisten kann, hat auch die Kohle für ein Flugticket nach Bogota. Bis er von der Kaffeeplantage zurückkommt, haben Sie genügend Zeit, wieder einen Menschen aus sich zu machen und seine Kontoauszüge durchzusehen. Man möchte ja wissen, mit wem man sich eingelassen hat.

Scherz beiseite – Stolz ist eine tolle Sache, vor allem, wenn man nicht weiß, wo man seine Unterwäsche ein paar Stunden zuvor hingeworfen hat, aber manchmal sollte man ihn herunterschlucken und eine einsame Entscheidung treffen, denn zu mindestens 80 % möchte der Herr der Schöpfung auch, dass Sie bleiben, weiß nur nicht, wie er es anfangen soll. Was haben Sie zu verlieren?

Diese Beklommenheit nach einem glückseligen verschwitzten Durcheinander in einer lauen Sommernacht ist ganz normal, und wenn Sie sich dazu entschließen, jetzt nicht gleich abzuhauen, könnte aus Ihnen und „irgendwas mit K“ durchaus was werden. Manche Männer brauchen ein wenig Nachhilfe. Die Betonung liegt auf „manche“.

1993 war ich zu einer wirklich prachtvollen Hochzeit eingeladen. Den Bräutigam kannte ich schon mein ganzes Leben lang, seine frischgebackene Ehefrau war „neu“ in unserer Clique.
„Weißt du, wir haben uns in einer Pilsbar kennengelernt, und ich nahm sie nur für eine Nacht mit zu mir“, erklärte mir Klaus damals etwas verlegen. „Und als sie am nächsten Morgen verschwand, entdeckte ich ihre Haarbürste im Badezimmer. Ich habe nichts gesagt. Als sie zwei Tage darauf wieder kam, fand ich, kurz nachdem sie gegangen war, zwei blütenweiße Slips in meinem Schlafzimmer, die sie dort zwischen meinen Socken deponiert hatte. Und jedes Mal, wenn sie kam, brachte sie wieder was mit. Nach nur sechs Wochen wohnte sie quasi bei mir.“

Die beiden sind mittlerweile seit über 25 Jahren verheiratet und haben vier prächtige Kinder großgezogen, und das nur, weil Stefanie nach dieser – als One-Night-Stand gedachten Nacht – beschloss, dass Klaus gutes Ehemann-Material abgäbe und ihn sich einfach krallte. Er hat es nie bereut, wäre aber selbst nicht entschlusskräftig genug gewesen, sich dazu durchzuringen, geschweige denn eine Andeutung Stefanie gegenüber zu machen.

Also bitten Sie ruhig um Kaffee. Nein, verlangen Sie ihn. Und dann fragen Sie nach seinem Namen und erinnern ihn daran, dass heute Wochenende ist und Sie eine Menge freie Zeit haben. An seinem Gesichtsausdruck werden Sie schnell erkennen, ob er das klasse findet oder am liebsten im Erdboden versinken möchte.

Aber auf Kaffee bestehen Sie auf jeden Fall. Sollte „irgendwas mit K“ nämlich nicht begeistert von Ihrem Vorschlag sein, noch ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, dann brauchen Sie den für Ihren Walk of Shame nach Hause, auf 10 Zentimeter hohen Hacken, und mit Augenringen, als hätten Sie zehn Runden mit Vitali Klitschko hinter sich.

Und – um Himmels Willen schämen Sie sich nicht. Wie gesagt – wir haben 2019 und nicht 1958. Man kann sich auch mal irren. Oder zu viel trinken. Oder mit jemandem schlafen, der wirklich nur auf ein Abenteuer aus war.

Es wäre jedenfalls schade, sollten Sie – falls der Typ Ihnen wirklich gefällt – zu schnell das Handtuch werfen. Und wenn er wirklich keine Anstalten macht, Sie wiedersehen zu wollen: Kopf hoch, Krönchen richten und weitermachen. Pah, den haben Sie doch nicht nötig. Garantiert schwemmt Ihnen das Schicksal heute Abend in einer düsteren Bar noch einen wirklich tollen Mann vor die Füße. Gibt doch genug von denen.

Meine Freundin Susi nimmt die Männer, wie sie kommen. Sie ist allerdings eine der ganz wenigen mir bekannten Frauen, die problemlos am nächsten Morgen „Tschüssi!“ rufen und von selbst verschwinden, denn sie legt keinen Wert auf eine feste Beziehung.

Noch nie habe ich erlebt, dass sie einem Kerl hinterher trauerte oder wegen einem betrübt war, denn ihrer Meinung nach gibt es ja Männer wie Sand am Meer. Damit hat sie irgendwie recht.

Man muss es allerdings leben können, dieses „Von Blüte zu Blüte torkeln“ – die meisten Frauen tun das nicht. Und darum wäre es ratsam, vor dem 14. Caipirinha in der schummrigen Bar darüber nachzudenken, wie Sie sich eventuell am nächsten Morgen fühlen, wenn Sie in einem fremden Bett aufwachen mit jemandem, den Sie nicht kennen. Zumindest nicht von Namen her.

Was ich damit sagen wollte? Nun – gelegentlich täuscht man sich oder fällt auf einen umwerfenden Typen herein, mit dem man eigentlich allerhöchstens den Boden aufwischen kann, weil er es nicht ernst mit einem meint und einen nur ausnützen möchte.

Dann trinkt man vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel und landet im vielbenützten Bett eines ewigen Junggesellen. Sobald Sie das merken, verschwinden Sie mit den Worten „Bye bye, ich trete heute eine achtmonatige Misdion im Weltall an und meld‘ mich, sobald wir auf unserer Raumstation endlich DSL haben. Meine mobilen Daten sind nämlich leider aufgebraucht. Solltest du mir in nächster Zeit bei Starbucks oder H&M begegnen – das bin nicht ich, sondern mein böser Zwilling. Also nicht ansprechen.“

Wer so blöd ist, eine Frau wie Sie einfach sausen zu lassen, glaubt so einen Scheiß ohne weiteres.

Aber: Gelegentlich sind es nur ein, zwei Worte, die aus einem kurzen angeschickerten Vergnügen eine lange und meistens angenehme Partnerschaft entstehen lassen können. Ihren Verstand haben Sie ja nicht auf der Fußmatte vor der fremden Wohnung samt Ihren Wünschen und Hoffnungen abgelegt. Ein bisschen Glück ist immer dabei.

Und wenn Sie „irgendwas mit K“ eine Chance geben, finden Sie es heraus.

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Frau am Laptop

Kennen Sie Ebay und seinen Ableger „Kleinanzeigen“? Die meisten von Ihnen ganz sicher.

Aber obwohl ich mich seit 1999 (!) im Internet bewege und denke, alles schon gesehen und erlebt zu haben, lerne ich immer wieder dazu, wie in den letzten paar Tagen.

Es ist lange her, dass man sich im guten alten AOL-Chatroom „Wir um die 30“ die Finger wundschrieb und nette Leute kennenlernte. Längere Mails verfasste man offline, anschließend loggte man sich ein, versendete sie und meldete sich sofort wieder ab, denn jede Minute kostete Geld, und Flatrates waren noch nicht erfunden. Mit dem 56-K-Modem, das quietschte und pfiff, war die Einwahl ins WWW eine abenteuerliche Angelegenheit, denn es klappte bei weitem nicht immer.

„Geh aus der Leitung, ich will endlich telefonieren“, hörte man zu Vor-ISDN-Zeiten öfter, und nicht immer in höflichem Tonfall, denn entweder surfte man im Internet oder rief Oma Gertrud in Buxtehude an – beides gleichzeitig war nicht möglich.

Wollte man eine Website aufrufen, konnte man, ehe die sich aufbaute, nebenher einen Pullover stricken und mit der Nachbarin Kaffee trinken. Alles verlief gemütlicher, und das Internet war nur etwas für nebenbei. Mittlerweile hat es sich in so gut wie jeden Haushalt eingeschlichen und ist nicht mehr wegzudenken. Ich erledige meine Bankgeschäfte online, bestelle mein Tierfutter im Internet und bekam neulich von Ebay die goldene Nahkampfspange verliehen. Ohne DSL wäre ich aufgeschmissen, das gebe ich als Landei in meinem winzigen Dorf ohne jegliche Infrastruktur gerne zu.

Vieles hat sich geändert, seitdem man mit banger Miene am Rechner (Windows 3.1) saß und darauf wartete, dass die blecherne Frauenstimme verkündete: „Sie haben Post.“ Websites bauen sich mittlerweile auf wie der Blitz – zumindest die meisten, sogar Verkehrs-Ampeln werden übers Netz geschaltet, sämtliche Nachrichten gibt es auf Facebook, und ich könnte sogar online beichten, was aber nicht nötig ist, denn ich bin immer brav. Kleiner Scherz am Rande.

In Deutschland existierten bis zum 31.12.2018 insgesamt 34 Millionen Breitbandanschlüsse, und das Verzeichnis meiner Internet-Accounts von „A“ wie „Amazon“ bis „Z“ wie Zalando ist länger als das Telefonbuch von Hamburg. Wie ich allerdings zu XING oder Instagram wieder reinkomme, habe ich vergessen, weil ich mir die 579.247 Passwörter von meinen diversen Onlinekonten nie irgendwo aufgeschrieben habe. Jedenfalls kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ich war von Anfang an dabei und bewege mich im Internet wie ein Fisch im Wasser.

Aber eines ist gleichgeblieben über die Jahrzehnte: Männer und ihre Anmachen. Oder ihre Verzweiflung und die befremdliche Marotte, an den unmöglichsten Stellen zwischen Bits und Bytes nach einer Frau zu suchen. Aber lesen Sie selbst:

Neulich zum Beispiel dachte ich mir: „Barbara, du bist doch auf der Suche nach ein paar Leuten, die deine Vorliebe für Filme und Serien teilen, und mit denen du dich regelmäßig treffen und vielleicht sogar einen Stammtisch gründen könntest. Also setz‘ einfach eine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen rein, vielleicht meldet sich ja jemand aus deiner Gegend.“

Sie müssen wissen, ich bin Film- und Serienfan, seit ich im zarten Alter von 17 Jahren „Wiegenlied für eine Leiche“ mit der göttlichen Bette Davis gesehen habe. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich mich wirklich gern gelegentlich mit ein paar sympathischen Menschen darüber unterhalten.

Gesagt – getan. Ich verfasste also eine eloquentes, nett formuliertes Inserat, teilte mein Alter und meine Vorlieben mit (Musik, Lagerfeuer, Lesen usw.) und fragte höflich an, ob jemand im Umkreis von 30 Kilometern jemand Lust hätte, gelegentlich mal etwas gemeinsam zu unternehmen oder einen Stammtisch zu gründen. Insgeheim träumte ich von einer fröhlichen Runde, mit der man ins Kino gehen, einen Biergarten besuchen, vielleicht einen Spiele-Nachmittag veranstalten oder grillen könnte.

„Auf dieser Plattform müssen doch welche zu finden sein?“, überlegte ich. Immerhin bietet Ebay-Kleinanzeigen die Rubrik „Freundschaften“ (zu verschenken!) an. „Kostet nix“ ist ein super Argument. Darum riskierte ich es.

Als sich einen halben Tag nach dem Schalten meines Inserats ein junges Paar aus der nahegelegenen Kreisstadt meldete, freute ich mich wie Bolle. Die beiden beschrieben sich als große Serienfans und hofften laut eigener Aussage, sie wären nicht zu jung für mich. Wir mailten hin und her. Als ich anbot, sie anzurufen, wurden sie vage in ihren Aussagen, denn „sie wollten ihre Telefonnummer geheim halten“, wie sie betonten. Weil ihnen ihr Privatleben sehr wichtig sei. (Mittlerweile verstehe ich auch, warum).

Zwar überlegte ich, dass es ein wenig schwierig sein könnte, sich in einem Biergarten zu treffen, wenn sie doch so viel Wert auf ihre Anonymität legten, akzeptierte aber dann den Wunsch nach Privatsphäre, und wir einigten uns darauf, über Instagram zu kommunizieren. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Wir schrieben uns also weiter nichtssagende Nachrichten. Das ist nervig, und kostet Zeit. Mit einem Telefongespräch wäre alles längst erledigt gewesen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach ungefähr einer Stunde rückten sie endlich mit der Wahrheit heraus. Um Filme oder Serien ging es den beiden nicht, nur um ein paar zwar gesetzlich legitimierte, aber für mich nicht in Frage kommende Schweinigeleien zu dritt oder zu viert. Oder mit wie vielen auch immer. Mehr möchte ich hier nicht preisgeben. Sie wissen auch so, was ich meine.

Abgesehen davon, dass mir dieses Angebot schmeichelte – immerhin bin ich nicht mehr die Frischeste – war ich doch enttäuscht, denn ich suche wirklich nur Gesellschaft. Ganz harmlose Gesellschaft sogar. Also blockierte ich die beiden und verbuchte es unter „Reinfall im Internet“. War ja nicht mein erster.

Weiterhin trudelten auf meine Anzeige Nachrichten ein. Etliche Herren wollten mich unbedingt kennenlernen und teilten mir dies auf mehr oder weniger anzügliche Weise mit. Zwar hatte ich kein Foto von mir eingestellt, aber die Bezeichnung „weiblich“ war scheinbar völlig ausreichend.

„Darf ich dein Freund sein?“, fragte einer. Dagegen wäre überhaupt nichts einzuwenden, würde es sich nicht ums Internet handeln – diese digitale Kloake – handeln, in der sich jeder als das ausgeben kann, was er möchte und sich auch ohne Weiteres als Axtmörder oder frei herumlaufender Psychopath entpuppen kann.

„Ich will dich unbedingt mal treffen!“, schrieb der nächste. Dem hätte ich auch meine Mutter schicken können, denn niemand weiß ja, wie ich wirklich aussehe. Scheint aber auch nicht wichtig zu sein.

Der Dritte kam gleich zur Sache: „Kann ich dich angerufen?“, bat er in holprigem Deutsch. Sonst nichts. „Nein“, schrieb ich.

Ich verrate besser an dieser Stelle nicht, was ich kurz darauf zur Antwort bekam, nur so viel: Der offensichtlich eingesetzte Google -Translator kennt sich mit Schimpfworten nicht wirklich gut aus. Es hatte aber was mit Damen aus dem horizontalen Gewerbe zu tun…

Vielleicht war meine Anzeige einfach nur falsch formuliert gewesen, dachte ich frustriert, löschte mein Inserat und stellte es einen Tag später unverdrossen in der Rubrik „Freundschaften“ nochmal mit neuem Text ein. Er lautete wie folgt:

„Suche Leute in … und Umgebung, die wie ich (w,), auf Filme und Serien stehen. Vielleicht gibt‘s ja irgendwo dort draußen nette Personen mit meinen Interessen.
Eventuell kann man einen Stammtisch gründen oder zusammen mal ins Kino gehen. Lust?
 Alle Kommunikationskanäle offen. Meldet euch.“

Es stellte sich heraus, dass auch dieser Text, bis auf das Kürzel „w“ (weiblich) nicht gelesen worden war.

„Muss dich kennenlernen. Gruß“, verlangte einer anonym. „Wann treffen wir uns?“, schrieb der nächste. Andere waren noch deutlicher, einige drastisch, und die meisten musste ich löschen und anschließend blockieren.

Wer bei Ebay-Kleinanzeigen schon mal was verkauft hat, kennt sicher die Anfragen mit dem Inhalt „Was letzte Preis?“. Und da ich unter „zu verschenken“ stand, schien ich billig geworden zu sein, so kam es mir vor. Genügt tatsächlich das „w“ für „weiblich“ schon als Eingeständnis, dass ich Ausschussware bin, die dringend einen Abnehmer braucht? Was treibt die Herren der Schöpfung an, eine Gebrauchtwaren-Plattform mit einer Single-Börse zu verwechseln? Ist denn nichts harmlos genug, um nicht falsch interpretiert zu werden? Wie könnte ich mein Inserat abfassen, um nicht dreist angemacht zu werden?

Ich bin Autorin und kenne mich mit Worten aus. Aber hier versagt meine Kreativität.

Nach zwei Tagen und dem Beantworten unzähliger dummer Anmachsprüche war ich mittlerweile bereit, entnervt das Handtuch zu werfen, denn ich wollte doch nur ein paar Leute – Alter egal – kennenlernen, mit denen man vielleicht einen Stammtisch gründen könnte, mehr nicht. Aber alle Aspiranten schienen notdürftig bis verzweifelt zu sein und nicht auf Feinheiten wie Alter, Aussehen oder den Zweck meines Inserats zu achten. Hauptsache „w“. Wie meine Mama immer so schön sagte: „In der Not frisst der Teufel Fliegen.“
Und die Fliege war ich.

Mal ganz ehrlich, liebe Männer: Wie kommt ihr auf das schmale Brett, dass ich als gestandene Frau ausgerechnet in einem Online-Portal, auf dem verscheuert wird, was man bei Oma Else im Nachlass gefunden hat, nach einem Mann suche? Haltet ihr mich für einen Dachbodenfund mit kleinen Mängeln, der froh sein muss, dass ihn noch einer nimmt? Ich bin doch kein Kaffeeservice mit angeschlagenem Kännchen oder ein zerfledderter Steiff-Teddy mit nur einem Auge!

Mittlerweile habe ich meinen Inserat-Text um den Satz: „Bitte keine Anmach-Mails, das nervt“, ergänzt. Seitdem ist Funkstille. Kein Schwein ruft… äh schreibt mich an. Ins Kino will auch niemand mit mir, geschweige denn ein Pils mit mir trinken. Hätte ich mir denken können.

Ladies, wenn Sie dringend einen Mann suchen, kann ich Ihnen o.g. Online-Portal nur empfehlen. Finden tun Sie da garantiert was. Rechnen Sie aber sicherheitshalber mit dem Schlimmsten und legen Sie sich ein dickes Fell zu.

Das Verhalten einiger paarungswilliger Männer im Internet ist zum Teil ohnehin grenzwertig, wie ich zu meinem Leidwesen schon Jahre zuvor feststellen musste, als ich zu Recherchezwecken für ein Buch einen Account bei einer großen kostenlosen Internet-Singlebörse anlegte.

Ich gab mir den Namen meiner Lieblings-Figur aus einer bekannten Frauenserie, stellte ein halbwegs akzeptables (aber nicht ZU schönes!) Profilbild ein und beschrieb mich exakt und gnadenlos als das, was ich war, ohne mich zu schonen. Außerdem gab ich explizit an, was ich nicht wollte: Männer, die saufen, Tierquäler, selbstgerechte Besserwisser und Extremsportler (zu anstrengend, meine Damen…).

Als wichtigste Präferenzen für den Mann, den ich suchte, trug ich „Intelligenz“ und „Toleranz“ ein. Aussehen zweitrangig.

Das hätte ich mir alles sparen können. Die lesen nur „weiblich“ und vielleicht noch das Alter, dann geht’s auch schon los, und sie fangen an zu tippen. Keiner von denen, die mich mit beeindruckender Eloquenz („Hallo, wie geht’s?“) anschrieb, hatte mein Profil gelesen. „Weiblich“ genügt. Immer. Zu jeder Zeit.

Einer bettelte: „Bitte, ruf mich an, ich bin so allein.“ Der tat mir leid, aber nicht so sehr, dass ich zum Telefon gegriffen hätte. Ein anderer wies mich darauf hin, ich hätte bei meiner Personenbeschreibung drei Sätze mit dem Wort „Ich“ begonnen, was auf eine gestörte Persönlichkeit hinweise. Leider habe ich nie mehr was von ihm gehört, wo ich doch ansonsten so an Küchen-Psychologie und kostenlosen Analysen meiner Seele interessiert bin.

Der dritte beschrieb detailliert sein einsames Leben mit Hartz IV auf einem stillgelegten Bauernhof und die abgrundtiefe Gemeinheit und Oberflächlichkeit der Frauen, die er bisher kennengelernt hatte, denn die bestanden tatsächlich alle auf fließend warmem Wasser und einer Heizung. Der war eigentlich ganz nett, trotzdem bin ich nicht die Caritas. Wie es dem wohl heute geht? Ich wette, der ist immer noch online.

Am besten fand ich allerdings einen Herrn, den ich um der Anonymität willen einfach mal „Wolpertinger78“ nenne – ein rüstiger Rentner mit boshaften Augen und sieben Haaren in elf Reihen, der verschmitzt in die Kamera lächelte. Bei der „78“ handelte es sich übrigens um sein Alter. Wolpertinger bot mir sofort unanständige Bilder von sich und seinem Penis an, wollte mich innerhalb der nächsten 10 Minuten anrufen, damit wir ein bisschen Telefonsex betreiben können und war erotisch gesehen so ausgehungert, als käme er gerade von einem zehnjährigen Aufenthalt in einem Kloster mit Schweigegelübde zurück.

Als ich ihn entnervt blockierte, war er nach 10 Minuten mit einem neuen Namen (und zwar „Wolpertinger79“) wieder online und ging mir auf den Senkel. Findiger Bursche. Der wird’s noch weit bringen. Den Account bei besagter Single-Börse löschte ich nach Abschluss meiner Recherche, aber gelegentlich juckt es mich in den Fingern, nachzusehen, ob „Wolpertinger78“, der jetzt mindestens „Wolpertinger84“ heißen müsste, noch existiert und immer noch so heiß auf Telefonsex ist.

Diese Erlebnisse beweisen eigentlich zwei Dinge: erstens, dass der männliche Trieb bei vielen niemals endet, und zweitens, dass die Herren online nicht sonderlich wählerisch sind. Niemand von denen, die mir zweideutige Angebote machten, interessierte es, dass ich gerne lese, Tiere liebe oder Filmklassiker und Erdbeeren mag. Denen blieb allein meine Haarfarbe in Erinnerung. Und meine scheinbare Verfügbarkeit.

Es ist wie mit den Wühlkörben beim Discounter. „Oh, eine aufblasbare Kaffeemaschine – brauch‘ ich zwar gerade gar nicht, aber sie ist billig, das nehmen wir mal mit.“

Meine Anzeige unter „Freundschaft“ bei Ebay-Kleinanzeigen läuft übrigens weiter. Ich habe immerhin acht Euro bezahlt, um sie eine Woche lang ganz vorn zu platzieren.
Leider bin ich ziemlich sicher, dass sich niemand melden wird, der Lust auf nette Gesellschaft unter Gleichgesinnten hat (klingt das eigentlich auch schon anzüglich?).

Vielleicht kann mir mal jemand erklären, warum sich Männer mit sexuellen Defiziten bei Ebay auf der Suche nach der Frau für die nächsten zwei Stunden herumtreiben und nicht einschlägige Partnerbörsen oder ein Bordell bevorzugen? Was hoffen sie in den Kleinanzeigen zu finden? Was geht in so einem Männergehirn vor, wie heißt das Hormon, das sie zwingt, in die Tasten zu hauen ohne Rücksicht auf Verluste?

Es ist einerseits zum Schmunzeln. Und andererseits irgendwie traurig, finde ich.

Drücken Sie mir einfach die Daumen bitte. Irgendwo dort draußen sitzen nämlich garantiert ein paar sympathische Couch-Potatoes, mit denen ich mich ganz sicher bestens unterhalten könnte, wenn sie nur mal die Fernbedienung aus der Hand legen und bei Ebay unter „Zu verschenken“ stöbern.

Ich nehme mittlerweile beinahe alles…

Mit geknickten Grüßen

Ihre Barbara Edelmann

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Vor gut einem Jahr brauchte ich wieder mal eine Jeans. Ständig hatte ich das Gefühl, dass keine in meinem Schrank noch wirklich passte. Einige kniffen, andere schlotterten. Das kommt davon, wenn man eine Zwischengröße hat, dachte ich und orderte eine wunderschöne, eng geschnittene Stretch-Jeans in Größe 40.

Zwar wog ich zu diesem Zeitpunkt gerade mal 57 Kilo, aber seitdem ich etwas in die Jahre gekommen bin, sind meine Proportionen irgendwie verrutscht, wie bei einem Käsekuchen, den man zu früh aus dem Rohr genommen hat. Mit 57 Kilo trug ich früher fröhliche 36/38, aber die Zeiten schienen vorbei.

Die Hose kam und passte ganz wunderbar. Ich trug sie von da an beinahe täglich, vor allem, weil sie schon nach einem Tag begann, nachzugeben. Nach zwei Tagen saß sie locker, und nach drei Tagen schlackerte sie, aber nur leicht.

Normalerweise würde mich so was stören, aber… ich empfand es irgendwie als angenehm, kam ich mir doch schlank und rank in diesem Kleidungsstück vor. Also trug ich sie weiterhin beinahe ausschließlich, denn das Gefühl, so anmutig wie eine Gazelle zu sein, war einfach überwältigend.

Waren wir zum Essen eingeladen, dachte ich: „Ach, die Hose ist so weit, und es ist eine Größe 40, das bedeutet, ich hab in Wirklichkeit 38, also kann ich ruhig zuschlagen.“ Und dann haute ich so richtig rein.

Die Jeans wurde einfach nicht enger. In den ersten 6 Monaten zumindest. Dann kam der Advent. Ich backte Plätzchen und naschte vom Teig, ich naschte von den Plätzchen, und eine Sorte aß ich sogar ganz allein auf, die waren mir nämlich noch zuvor nie so gut gelungen. Ein paar Mal wurde ich gefragt: „Hast du dieses Jahr gar keine Vanillekipferl gebacken?“, dann errötete ich schuldbewusst, gab aber nicht zu, dass ich diese köstlichen kleinen Teile alle selbst verdrückt hatte. Die waren einfach zu lecker gewesen.

Es wurde Januar, und irgendwie schlotterte die Hose gar nicht mehr so wie sonst. Sie saß nicht wirklich stramm – es war immer noch Platz zwischen dem Bund und meinem Bauch, aber nicht mehr allzu viel. Trotzdem wollte ich nichts anderes tragen, als eben genau diese Jeans. Und glauben Sie bitte nicht, ich hätte nichts anderes anzuziehen, aber allmählich gruselte mich vor der Vorstellung, ich müsste versuchen, in meine vorige Lieblingsjeans zu schlüpfen. Die wirkte nämlich auf dem Bügel gar nicht so komfortabel wie die, die ich jetzt schon die ganze Zeit trug. Außerdem hatte ich in letzter Zeit eine verdächtige Liebe zu Trainingshosen mit Gummibund am Feierabend entwickelt, fiel mir auf.

Ein paar Mal schlich ich um die Waage herum und dachte: „Soll ich?“, entschied mich dann aber für das Gegenteil. Es gibt da ja so so tolle Bücher mit wohlklingenden Titeln wie „Denke dich schlank“, ich würde mir einfach so eins besorgen, denn ich ahnte, dass ich dabei war mich selbst gewaltig zu veräppeln.

Aber: Dick fühlte ich mich immer noch nicht. Dazu saß die Hose einfach viel zu gut.

Neulich nun erwischte mich überfallartig eine Grippe. Morgens saß ich noch frohgemut vor einem üppigen Frühstück (in meiner geliebten Jeans wohlgemerkt), ein paar Stunden später wälzte ich mich auf dem Sofa mit rasenden Kopfschmerzen und 40 Grad Fieber. Diese Krankheit war gekommen wie ein Raubüberfall, und sie fraß, gleich einem Großbrand, scheinbar enorm viele meiner Gehirnzellen auf, denn ich erinnere mich nicht mehr an viel, aber dass ich halbnackt im Fieberwahn zur Waage wankte und murmelte: „Ist jetzt auch schon scheißegal.“

Dann wog ich mich. Ich besitze eine alte Balkenwaage – wissen Sie, so ein Ding, das früher auch von Ärzten gern benutzt wurde. Sie wird regelmäßig geeicht und ist absolut unbestechlich.

Und sie zeigte mir 65 Kilo. Fünfundsechzig Kilo. Ich starrte darauf, obwohl ich vor lauter Kopfschmerzen kaum mehr gerade aus gucken konnte, wankte zurück auf mein Sofa, mümmelte mich in meine Decke und nahm mir vor: „Ich beschäftige mich später damit“.

Warum ich das getan habe? Fragen Sie mich nicht. Es wird erzählt, ich hätte in meinem vier Tage dauernden Fieberwahn auch noch ein paar Leute angerufen und abenteuerliche Geschichten erzählt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich weiß nämlich nichts mehr. Und ich wundere mich immer noch darüber, dass meine erste Amtshandlung mit 40 Grad Fieber war, zur Waage zu wanken.

Mittlerweile bin ich fieberfrei. Ich habe innerhalb einer Woche 5 Kilo Gewicht verloren. Jawohl, ich habe mich nämlich wieder gewogen. Und ich bin wieder unter 60 Kilo. Fehlen noch drei zu meinem alten Gewicht. Das ich aber nur erreichen kann, wenn ich diese verhexte Jeans ganz hinten in meinen Kleiderschrank verbanne, wo ich sie nicht sehen kann.

Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Dass Sie ein Kleidungsstück besitzen, welches so bequem ist, dass es Ihnen Anmut und Schlanksein suggeriert? So was wie diese Hose hatte ich noch nie zuvor. Sie hat es tatsächlich geschafft, mir sagenhafte 8 Kilo Gewichtszunahme zu verbergen oder mir vorzugaukeln, die wären gar nicht da. Und sie saß immer noch locker nach mehr als 8 Kilo! Sie kniff nicht, zwickte nicht, und sie sah an mir auch nicht anders aus als am Tag des Kaufs.

Ich hasse diese Hose. Sie hat mich verführt, mich eingelullt, mir weisgemacht, da sei kein Gramm hinzugekommen an Bauch und Hüften. Ich habe sogar den Verdacht, dass die sich jede Nacht heimlich extra noch gedehnt hat, um mir immer etwas Spielraum zu lassen. Vielleicht wurde sie von einer chinesischen Hexenmeisterin zusammengenäht. Nur so eine Vermutung.

Was ich aber weiß ist, dass ich die irgendjemandem schenken werde. Jemanden, der bei mir verschissen hat, und dem ich eins auswischen will.

„Ach nimm sie doch“ werde ich säuseln. „Die hat 80 Euro gekostet, trägt sich wunderbar, schau nur, dieser robuste Stoff und der tolle Schnitt. Du wirst dich drin wohlfühlen.“

Und dann werde ich lachen und lachen und lachen. Und missmutig meine Kiwi löffeln, denn ich fürchte, die Zeiten der Tiramisu und der Erdnusslocken sind erst mal vorbei. Seit Kurzem trage ich wieder meine vorherige Lieblingsjeans, die mal an mir geschlackert hat. In der fühlte ich mich früher immer pudelwohl. Die zeigt mir jedes Gramm zu viel, denn sie ist eng geschnitten und spannt am Bund. Noch. Das werde ich ändern.

Diese Hose ist unbestechlich, die dehnt sich garantiert nicht nachts aus, damit sie mich am nächsten Morgen veräppeln kann, wenn ich zaghaft reinschlüpfe, nö, die sagt knallhart: „Hey du, wenn der Knopf weiter so stramm sitzt, dann platzt der ab. Also reiß dich am Riemen, Edelmann.“

Die andere Hose, dieses Miststück, ist wie eine boshafte Freundin, die immer sagt: „Aber du bist doch sooo schlank, iss ruhig was, siehst klasse aus!“ Und sich dann freut, wenn man genauso viel wiegt wie sie selbst.

Tja, das ist die Geschichte meiner „bösen“ Jeans. Ich bleibe dabei, es war die Hose. Sie hat mich verführt und angefixt. In ihr habe ich angefangen, Tiramisu zu machen, und Tartes mit deftiger Füllung mit viel Sauerrahm. Sie hat nicht gemosert oder gespannt bei den Nudelpfannen, bei der herrlichen ALDI-Schokolade oder beim Nachtisch im Restaurant. Sie sagte stets: „Immer rein damit, da geht noch was, schau doch, wie locker ich sitze.“

Schluss damit. Wenn Sie die Hose möchten – ich schicke Sie Ihnen und spendiere sogar das Porto. Die kommt mir nie mehr über den Po. Das schwöre ich.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche

Herzlichst,

Ihre

Barbara Edelmann

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