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Lügnern glaubt man manchmal auch...

Neulich las ich in einem Online-Magazin, dass jeder Mensch angeblich täglich im Schnitt ca. 200 Mal lügt. Das übertraf meine kühnsten Erwartungen.  Also recherchierte ich im Internet und fand diese Aussage mehr oder weniger bestätigt. Die meisten von uns lügen. Oft.

Das ist kaum zu glauben, wo man uns doch von Kindesbeinen an beibringt, dass die Wahrheit adelt. Aber dann dachte ich darüber nach, wie oft ich selbst schon geschwindelt hatte – um des lieben Friedens willen, um jemanden nicht zu kränken oder aus Bequemlichkeit.

Also fasste ich den Entschluss, einen ganzen Tag lang die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit.

Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich ausführt, was er sich vornimmt. Um es mir nicht allzu schwer zu machen, wählte ich für mein Experiment einen Sonntag. An einem normalen Arbeitstag wäre ich nämlich untergegangen und säße jetzt vermutlich gemobbt, gehasst und arbeitslos zuhause.

Sonntag war praktisch. Ich musste dem Boss nicht beteuern, dass die wichtigen Unterlagen schon ewig unterwegs waren. Ich musste dem jungen Mann vom indischen Call-Center nicht erklären, dass mir seine Anrufe und die seiner Kollegen aus der ganzen Welt tierisch auf den Senkel gehen.

Darum war der Sonntag klug gewählt. Um die Kollateralschäden so klein wie möglich zu halten, ging ich sicherheitshalber auch nicht ans Telefon, als meine Bekannte Marianne anrief. Sonst hätte ich ihr wahrheitsgemäß erklären müssen: „Ja, du störst, wie eigentlich immer seit 10 Jahren, weil dir meine Nummer nur einfällt, wenn es dir schlecht geht.“

Auf dem Weg zur Kirche fragte der Nachbar, ob mich sein Laub in meinem Teich ärgern würde. „Es ist Herbst, da bläst der Wind“ antwortete ich und kam mir vor wie Konfuzius persönlich. Oder Yoda. Nicht gelogen war das. Es nervt tatsächlich, dass ich wöchentlich mit dem Netz so viele Blätter aus dem Wasser fischen muss. Aber ich musste wenigstens nicht lügen. Es war, als würde man beim Zweikampf einen Ausfallschritt machen, um nicht mit dem Kämpfer der Gegenseite zusammenzustoßen.

„Wie fanden Sie die Predigt?“ wollte der Pfarrer am Ende des Gottesdienstes wissen, als er beim Verlassen der Kirche jedem Besucher die Hand schüttelte.

„Interessant“ antwortete ich.

Die Predigt war auch interessant gewesen – dieses Wort passt beinahe immer, vor allem dann, wenn man nicht sagen möchte: „Schon wieder Tod und Verderben heute? Da wird man ja trübsinnig, Herr Pfarrer.“ Ich hatte klug reagiert, finde ich.

„Gefällt dir unser neuer Wintergarten?“ wollte meine Schwester wissen, als ich ihr ein paar Tupperdosen zurückbrachte.

„Interessant“ wich ich geschickt aus. Das Ding sieht zwar aus wie ein quadratischer Brutkasten, ein Würfel aus Glasscheiben, Stahlstreben und Holz. Aber interessant ist es wirklich, wie Architekten es schaffen, einem so eine Monstrosität als Ergänzung für das Eigenheim zu verkaufen.

Bei einer lieben älteren Bekannten war ich gegen 16:00 Uhr zum Kaffee eingeladen. Sie wird nächstes Jahr 80. Liebevoll legte sie mir ein riesiges Stück Marmorkuchen auf den Teller, das schon beim Kontakt mit dem Porzellan ein merkwürdiges Geräusch machte, es hörte sich an wie hohles „Klack“.

Nach dem ersten Bissen balancierte ich gekonnt so diskret wie möglich einzelne Stücke mit der Kuchengabel in den Kaffee, um sie genießbar zu machen, aber sie sogen sich nicht richtig voll. Außerdem hatte meine Gastgeberin den Zucker beim Backen vergessen.

„Schmeckt er dir?“ fragte sie misstrauisch.

„Intereschant“ nuschelte ich und tunkte ein besonders großes Stück in die braune, dünne Brühe, die schmeckte wie der dritte Aufguss. Auf dem Tassenboden konnte man das Wasserzeichen erkennen.

Wieder kam ich mit dem Wort „interessant“ davon. Ich kann es weiterempfehlen. Außerdem finde ich es ja wirklich spannend, wie man aus Mehl, Butter, Backpulver und Eiern (den Zucker hatte sie wie erwähnt vergessen) Gebäck mit der Konsistenz von Trockenbeton herzustellen vermag.

Aber ich fürchte, sie hat mir nicht geglaubt.

„Hat’s Ihnen geschmeckt?“ fragte die Bedienung schließlich gestern Abend, als wir beim Essen waren, und musterte meinen halbvollen Teller skeptisch. Mir war klar, dass ich mit „interessant“ nicht durchkommen würde, denn der Koch hätte das vielleicht falsch aufgefasst.

„Oh, so spät schon!“ rief ich und warf einen entsetzten Blick auf meine Uhr. „Darf ich bitte bezahlen?“

Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das immer frage. Warum sollte ich nicht bezahlen dürfen? Noch nie hat eine Servicekraft „nein“ gesagt. Aber sie nickte und huschte zur Theke, um die Rechnung zu holen.  Das war knapp gewesen.

Den Rest des Abends durfte ich dann mit dem einzigen Menschen auf der Welt verbringen, dem ich so gut wie immer die Wahrheit sage. Fast immer. Naja, meistens. Beinahe ausschließlich. Wenn es irgendwie geht: Meinem Mann. Keine weiteren Vorkommnisse.

Danach lag ich im Bett und grübelte über ein paar Fragen nach, deren wahrheitsgemäße Beantwortung oft nicht ganz einfach ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nette Lügen nur allzu gern geglaubt werden. Unwahrheiten bleiben sie aber trotzdem. Die Wahrheit ist oft ein schwerverdaulicher Brocken, so etwas wie der Marmorkuchen meiner betagten Bekannten: schwer zu schlucken.

Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn man mal einen Tag lang so richtig ehrlich wäre. Gemein ehrlich.

Im Büro: „Ja, Chef, logisch habe ich die Belege an die Firma Weizenkeim schon weitergeleitet. Was sagen Sie? Überstunden? Die ganze Woche? Klar, gerne, ich lebe für die Firma.“

Wahrheit: „Der Weizenkeim von ‚Weizenkeim & Söhne‘ soll sich nicht so anstellen wegen dem bisschen Papier. Die sind ohnehin fast pleite, und seine Frau geht mit dem Poolreiniger fremd, habe ich gehört. Ich wette, der hat grade ganz andere Sorgen als die Belege von mir. Und wegen der Überstunden: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich scharf darauf bin, noch zwei Stunden länger täglich in diesem Affenstall zu sitzen, von Toner-Feinstaub und Sporen aus der Klimaanlage umschmeichelt? Aber mir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, sonst werfen Sie mich raus.

Beim Boss: „Entschuldigung, dass ich so spät komme! Erst wurde der Pudel meiner Nachbarin vom Cousin des Bruders ihres Freundes überfahren, und ich musste den Hund zum Tierarzt bringen, aber leider mit dem Fahrrad, denn mein Auto hatte einen Platten, weil heute Nacht Killerbienen mein Dorf überfallen und hunderte Löcher in die Reifen gestochen haben. Als der Pudel operiert war, erwischte ich den Bus nicht mehr und musste per Anhalter zur Arbeit fahren. Dabei wurde ich von guatemaltekischen Bauarbeitern entführt, die mit mir ihren Anführer aus einem Gulag freipressen wollten und erst nach zwei Stunden feststellten, dass mich in Russland kein Schwein kennt. Dann haben sie mich wieder ausgesetzt und jetzt bin ich hier.  Diesen halben Tag muss ich jetzt aber hoffentlich nicht reinarbeiten, oder? Ist ja höhere Gewalt, so eine Entführung.“

Wahrheit: Ich war gestern besoffen wie eine Haubitze, weil wir Hans-Rüdigers Geburtstag im „Zornigen Lindwurm“ mit ein paar Hektolitern Bier gefeiert haben, und bin mit dem Gesicht in einem Blumenkübel vor der Kneipe auf Knien eingeschlafen, aber heute Morgen um 4:50 gottseidank rechtzeitig aufgewacht, ehe mich die Müllabfuhr aufladen konnte. Dann versuchte ich, nach Hause zu laufen, tastete mich um eine Litfaß-Säule herum und dachte, ich sei eingemauert. Es hat eine Stunde gedauert, bis ich bemerkte, dass ich weitergehen konnte. Endlich daheim, musste ich mit dem Schlüssel in der Hand eine Zeitlang warten, bis mein Haus vorbeikommt, weil ich zu betrunken war, um das Schüsselloch zu finden und sich die ganze Straße um mich gedreht hat. Aber immerhin bin ich zumindest frisch geduscht. Glaube ich wenigstens. Arbeite ich eigentlich überhaupt hier?

Der Kollegin mit dem neuen Outfit: „Das sieht wirklich super an dir aus, du kannst alles tragen, Vanessa. Trau dich ruhig öfter mal, nein, das ist nicht zu gewagt.“

Wahrheit: Vanessa sieht in dem neonroten Etuikleid mit den Overknee-Stiefeln aus wie eine Presswurst, die anschaffen geht. Außerdem ist das in ihrem Gesicht kein Make-Up, sondern Bauernmalerei, vermutlich klopft sie das Zeug allabendlich mit dem Spachtel ab. Sobald man ihr aber mitteilt, dass sie klugerweise ihre Klamotten zukünftig mindestens drei Nummern größer kaufen sollte und beim Lidschatten weniger mehr ist, redet sie wieder vier Wochen lang nichts mit mir. Was schlecht wäre, da ich sie schon als Urlaubsvertretung eingetragen habe.  Soll sie doch rumlaufen, wie sie möchte.

Der hochschwangeren Freundin: „Nein, leider kann ich zu deiner Babyparty nicht kommen, Claudia, ich glaube, ich hab‘ mir was geholt und möchte dich nicht anstecken.“

Wahrheit: Klar hab‘ ich mir was geholt – eine Tiefkühlpizza, Erdnusslocken und einen Eimer Schokoladeneis mit Nuss-Splittern. Bei Netflix sind nämlich neue Folgen meiner Lieblingsserie rausgekommen, und wenn du denkst, dass ich lieber freiwillig mit einem Haufen kichernder Weiber zusammensitze, um bei jedem pinkfarbenen Lätzchen in entzücktes Kreischen auszubrechen, statt in Jogginghosen auf der Couch fernzusehen, hast du dich geschnitten. Lad mich zur Konfirmation ein oder wenn das Kind stubenrein ist.  Bis dahin dürfte ich mit meiner Watchlist durch sein.

Dem Bekannten in der Fußgängerzone: „Wie es mir geht, Klaus? Spitze, einfach nur super.“

Wahrheit: Neulich wurde beim Arzt jede meiner Körperöffnungen mittels monströser und geheimnisvoller Instrumente sondiert, weil ich immer aufstoßen muss, wenn ich Udo Lindenberg im Fernsehen sehe. Außerdem hat man mir einen halber Liter Blut abgezapft, um mich auf Maul- und Klauenseuche, Kolbenfresser oder Beulenpest zu checken. Meine Freundin hat mich verlassen, mein Herpes ist an einer unaussprechlichen Stelle wieder aufgetaucht, und vorhin habe ich auf der Autobahn einen halben Meter meines Auspuffs verloren und dafür einen Strafzettel in Höhe des Brutto-Inlandproduktes von Bolivien kassiert. Meine Arterien sind laut meiner Cholesterinwerte verstopft wie der Gotthardt-Tunnel zu Ferienbeginn, und die Aktien, die ich mir auf Anraten meines geschniegelten, anzugtragenden Bankberaters gekauft habe, haben über Nacht 90 % ihres Nennwerts verloren. Helene Fischer antwortete nicht auf meine Bitte nach einem Nacktfoto und ich bin so pleite wie Venezuela. Mindestens.

Aber wenn ich dir Waschweib das erzähle, könnte ich mich genauso gut mit einem Megaphon auf den Marktplatz stellen und es fremden Leuten ins Ohr brüllen oder Flyer im ICE verteilen, du Tratsche. Also behaupte ich dreist das Gegenteil und hoffe, dass du meine untertassengroßen Augenringe und die weiße Stelle am Ringerfinger übersiehst. Dass ich pleite bin, wirst du schon merken, wenn ich meine Schulden an dich nicht zurückzahle.

Dem Bekannten bei einer Einladung ins Kino: „The Fast & the Furious, Teil 14? Da muss ich erst noch in meinem Terminkalender nachsehen, ich hab‘ grad so extrem viel um die Ohren. Irgendwas war da an dem Tag, es fällt mir nur gerade nicht ein. Ich melde mich per Whats App.“

Wahrheit: Das glaubst auch nur du, dass ich mich in ein voll besetztes Schachtelkino mit wildfremden zweibeinigen Bakterienschleudern setze, die neben mir alles vollrotzen, röchelnd während des gesamten Films husten, klebriges Popcorn auf meinem Schoß verteilen, mit dem Handy am Ohr den Film kommentieren oder mir ständig ins Kreuz treten, wenn sie hinter mir sitzen. Außerdem hab ich noch 68 Blockbuster auf meiner Watchlist, eine neue Heimkino-Soundanlage mir Presslufthammer-Effekt für Action-Streifen sowie ein gemütliches Sofa mit eingebautem Erdnuss-Fach, Getränkehalter und Massageköpfen in der Rückenlehne.  Ich kann meine eigene Toilette benutzen und brauche nicht durch einen halben Meter nasses Klopapier auf dem Boden zu waten, bis ich die Schüssel erreiche, wenn ich mitten im Film mal raus muss.

Das wird nix, und mit einer Whats-App, die ich dir morgen schicke, kann ich mich prima rauswinden. Anschließend blockiere ich dich für 4 Wochen, bis du nicht mehr sauer auf mich bist.

Im Bekleidungsgeschäft: „Also, ich finde das Kleid ganz hübsch. Aber da muss ich ein wenig darüber nachdenken, ob das wirklich zu mir passt. Ich sehe mich noch ein wenig um da hinten. Bei den BHs aus Nato-Draht.“

Wahrheit: Diesen gruseligen Lappen in Amöbenform mit Kunstpelz an strategisch unwichtigen Stellen kannst du verkaufen, wem du willst. Darin sehe ich ja aus wie eine Kreuzung aus Hulk und dem Bigfoot.  Außerdem sind 228,94 Euro ein bisschen viel für zwei Pfund Polyester mit Strass, Pailletten und Plastikfell. In dem Teil werde ich garantiert auf der Straße mit einer Pinhata verwechselt, und irgendjemand wird versuchen, Süßigkeiten aus mir herauszuklopfen mit einem Baseballschläger. Da ich dich aber nicht loskriege, weil du schon eine halbe Stunde lang wie ein ausgehungerter Geier hinter den Funktionsjacken gelauert hast, lüge ich dich an und behaupte, dass ich wiederkomme. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.

Beim Kundendienst: „Natürlich habe ich den Toaster immer absolut pfleglich behandelt, als wäre er ein Neugeborenes, glauben Sie mir. Plötzlich sind aber die Funken geflogen, im ganzen Haus war die Sicherung raus, und ich habe einen Stromschlag bekommen. Ich fürchte, ich muss Ihre Firma wegen Körperverletzung verklagen, wenn Sie mir das Gerät nicht ersetzen. Immerhin handelt es sich um einen Garantiefall.“

Wahrheit: Ich kann  doch nicht eingestehen, dass mein schwarzer Kater stinksauer auf mich war, weil ich das falsche Futter gekauft habe, und deshalb auf mein Käse-Sandwich gepinkelt hat, als es gerade im Toaster röstete. Außerdem habe ich das Gerät anschließend komplett auseinandergebaut, alle Teile gespült und mit dem Föhn getrocknet und dann wieder zusammengesetzt. Die übriggebliebenen Schrauben schicke ich Ihnen in einem eigenen Beutel mit. Keine Sorge. Aber wehe, Sie machen keinen Garantiefall draus – ich kenne meine Rechte.

Beim Arzt auf die Frage, wie viele Zigaretten man täglich raucht: „Höchstens 10 Stück, vielleicht mal 11. Ich schwöre.“

Wahrheit: Ich glaube, früher, im analogen Zeitalter, waren die Ärzte nicht so penetrant, Herr Doktor. Schon mal was von der DSVGO gehört? Und das wollen Sie vielleicht sogar noch aufschreiben? Wer sieht das dann alles, etwa Ihre sämtlichen Sprechstundenhilfen? Kriegt das auch die Krankenkasse? Was ist mit dem Datenschutz? Ich rufe Heiko Maas an und beschwere mich, wenn Sie das machen. Klar rauche ich drei Schachteln Kippen täglich, sogar im Schlaf, in der Badewanne und während des Geschlechtsverkehrs. Bin eben ein nervöser Typ.  Zur Not rauche ich auch die Füllung meines Sofas oder das Heu aus dem Meerschweinchen-Käfig, wenn ich am Monatsende pleite bin. Aber das kann ich Ihnen gegenüber auf keinen Fall zugeben, sonst verlangen Sie am Ende noch, dass ich damit aufhöre.

Beim Tierarzt: „Nein, so was kriegt der von mir nicht. Ich kenne mich aus, ich hab seit Jahrzehnten Tiere!“

Wahrheit: Meine Güte, gucken Sie mich doch nicht so ernst an, Herr Doktor. Klar hat mein Lieblingskater erst neulich ein Viertelpfund Butter geklaut und auf einen Rutsch runtergeschlungen – samt der Alufolie, aber das kommt doch nach einem Tag wieder raus, oder? Sogar viel schneller, wegen der vielen Butter, weil es gut rutscht. Außerdem wissen Sie gar nicht, wie treuherzig der schauen kann, wenn er was möchte, dem würden Sie auch was geben.  Am liebsten mag er Marzipan, das rollt er mit seinen niedlichen Pfötchen zu einem Knödel und spielt erst mal damit. Kuchen? Wer hat gesagt, dass ich für meinen Kater Kuchen backe? Ich selbst? Na gut, aber das war nur einmal. Zweimal. Ok – er kriegt jede Woche einen. Sie würden das auch machen, wenn Sie so einen Hutschi-Gutschi-Knuddel-Muddel hätten.

Außerdem hab ich neulich von einem Hund gelesen, der jeden Tag 5 Zigaretten frisst, das Nikotin BRAUCHT der, sonst geht der ein. Ich finde, das ist schlimmer als ein bisschen Nougat oder Marmelade. Ich bin ein sehr verantwortungsbewusster Tierhalter, immerhin kriegt meine Katze keine Kippen. Da können sich andere eine Scheibe von meinem Verhalten abschneiden.

Beim Geburtstag des Großneffen: „Du weißt ja, wie es finanziell bei mir aussieht, darum gibt es nur eine Kleinigkeit, Andreas. Ach, das Leben ist so teuer geworden, kennst du ja selbst. Diese Hose hab ich jetzt schon 20 Jahre. Die hält noch mal 10.“

Wahrheit: Du undankbares Balg hast in den letzten 10 Jahren kontinuierlich jeden meiner Geburtstage vergessen. Wenn du denkst, dass ich dir mehr als 5 Euro ins Kuvert lege, hast du dich geschnitten. Klar habe ich Geld wie Dreck, aber es ist mein Dreck, nicht deiner. Leute, die mir nicht gratulieren oder sich nur zum Schnorren bei mir blicken lassen, kriegen ein paar warme Worte. Oder kalte. Für so was verschwende ich keine Energie – die kostet schließlich  ein Vermögen. Übrigens erbst du von mir nur das, was du siehst, wenn du die Augen schließt: nichts. Stell dich gleich mal drauf ein. Nur schade, dass ich dein doofes Gesicht bei der Testaments-Eröffnung nicht sehen kann.

Und jetzt mach dich vom Acker, es ist 17:00 Uhr, und ich möchte mir gern wie jeden Tag um diese Zeit eine Zigarre an einem 200-Euro-Schein anzünden.

Zur guten Freundin:  „Also Laura, du brauchst doch keine Falten-Unterspritzung, du siehst 10 Jahre jünger aus als du bist.“

Wahrheit: Von wegen. Deine Mundpartie hat die optische Beschaffenheit von Seersucker-Bettwäsche, und deine Krähenfüße reichen mittlerweile bis ans Kinn. Da kannst du beim Hautarzt gleich Collagen im praktischen 30-Liter-Fass bestellen. Aber du warst ja früher immer zu knickerig, dir mal ein Fläschchen Oil of Olaz zu leisten, du Geizkrägin.

Mach dir einfach einen straffen Pferdeschwanz, vielleicht zieht es die Haut nach hinten. Warum glaubst du den Scheiß eigentlich, den ich dir erzähle von wegen, du siehst viel jünger aus? Hast du keinen Spiegel?

Was guckst du denn jetzt so sauer? Das geht aber schon noch klar, dass du meinen Hund fütterst, wenn ich demnächst vier Wochen nach Neuseeland fliege, oder?

Bei der Polizeikontrolle: „Herr Wachtmeister, ich hab‘ allerhöchstens ein Bier getrunken. Schauen Sie mich an. Können diese Augen lügen?“

Wahrheit: Beweist mir erst mal die 14 Korn und 8 Bier in der Pilsbar vorhin, ihr Superbullen. Ich bin nämlich durch jahrelange Übung gestählter Kampftrinker und laufe auch mit 3,6 Promille noch kerzengerade auf einer weißen durchgezogenen Linie völlig aufrecht und ohne zu schwanken. Oh, so ein Mist, jetzt habe ich mir die Nase an diesem überfahrenen Igel zerstochen.  Wieso liegt auf deutschen Straßen so viel Müll rum? Helfen Sie mir sofort hoch, sonst verklage ich Sie alle!

Beim Ehemann: „Das war runtergesetzt und viel billiger, Schatz.“

Wahrheit: Dieser Designer-Fetzen kostet so viel wie der Gebrauchtwagen meiner Nachbarin, aber das wirst du nie herausfinden, weil ich den Kassenzettel unter der Angora-Unterwäsche von Oma versteckt habe und du außerdem keine Ahnung von Haute Couture hast, du Depp. Außerdem tue ich das nur für dich, Süßer. Und die Wahrheit würde dich nur verunsichern. Nein, Heinz-Rüdiger – zu viel Handtaschen oder Schuhe gibt es nicht. Das ist ein urbanes Märchen. Nächstes Mal hebe ich den Kassenzettel auf, klar. Versprochen.

Zur Not lasse ich mir einen fälschen.

Nochmal zum Ehemann: „Ich hoffe, es schmeckt dir, Schatzi, hat viel Arbeit gemacht und ist mit Liebe zubereitet.“

Wahrheit: Es hat viel Arbeit gemacht, an der Tiefkühl-Theke im Supermarkt die Fotos auf den Verpackungen der Fertiggerichte eingehend in Augenschein zu nehmen. Das Zeug muss ja so authentisch wie möglich aussehen, damit ich es dir als von mir selbst zubereitete Mahlzeit unterjubeln kann. Hilfreich ist dabei, dass ich dir alles so lieblos auf den Teller knalle, als wäre ich dafür eine Stunde am Herd gestanden und jetzt total erschöpft.

Außerdem habe ich dir noch nie was Abgelaufenes untergejubelt. Wenn das nicht Liebe ist.

Am eigenen Geburtstag:  „Das hab ich mir schon immer gewünscht, vielen Dank!“

Wahrheit: Ja, genau. Das habe ich mir immer gewünscht: noch eine schiefe Blumenvase in knalligem Pink oder ein Plastik-Bilderrahmen mit einer Biene drauf und einem Brustbild von dir. Welchen Grund sollte ich haben, diesen Kitsch auf meiner Anrichte zu platzieren, damit ich dein dämliches Grinsen täglich sehe? Aber gut – immer noch besser als der Gutschein für 10 Minuten Fußmassage vom letzten Jahr oder die Einladung zum Abendessen, die sich als Veggie-Burger mit mittleren Pommes bei McDonalds entpuppt hat.

Das Essen war ich wenigstens am nächsten Tag wieder los. Wohin ich allmählich die ganzen Staubfänger stellen kann, mit denen ich jährlich von dir beglückt werde, muss ich noch herausfinden. Das wollten sie nicht mal im Wertstoffhof.

Sie sehen also: Meine boshafte – leider durch Lebenserfahrung angereicherte – Phantasie kennt keine Grenzen. Trotzdem wäre es sinnvoll, sich gelegentlich mit dem Prinzip von Lüge und Wahrheit auseinanderzusetzen. Und sich nicht selbst dabei zu belügen.

Ich persönlich habe mir vorgenommen, keine falschen Komplimente mehr zu verteilen, wenn ich gefragt werde, wie ein gewisses Kleidungsstück an gewissen Personen aussieht. Das wird schwerer, als es sich anhört, da bin ich mir sicher. Aber Lügen ist auch immer ein bisschen Feigheit. Die Wahrheit sollte nur dann taktvoll umschrieben werden, wenn sie zu sehr kränken würde. Denn man gewöhnt sich so schnell an alles. Auch an 200 Lügen täglich. Denken Sie mal drüber nach.

Und jetzt wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Woche. Ganz im Ernst. Wirklich wahr. Was? Das dürfen Sie ruhig glauben. Ehrlich.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Emanzipation - geht sie rückwärts?

Mit „Emanzipation rückwärts“ hat unsere Kolumnistin Barbara Edelmann eine augenzwinkernde Geschichte über eine Frau, die nicht mehr alles selbst erledigt, geschrieben.

Früher, als Teenager, hatte ich für Aufgaben von Mama, die ich hasste, eine perfekte Methode entwickelt: Ich stellte mich so ungeschickt an, bis sie mir entnervt die Arbeit abnahm mit den Worten: „Ich mach’s selbst. Gib schon her.“ Das funktionierte lange Jahre perfekt.

Aber dann kam Alice Schwarzer. Gegen Ende meiner Teenagerzeit strebte die Frauenbewegung gerade ihrem Höhepunkt entgegen. Frau Schwarzer leuchtete einem von unzähligen Titelseiten entgegen, wütende Mädels verbrannten ihre BHs (hätten wir uns nicht leisten können), andere gingen auf die Barrikaden gegen Sexismus, und die 68er-Bewegung hatte einige Jahre zuvor lauthals verkündet: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.“ Alles schien erlaubt, nichts wirklich verboten, man konnte ausprobieren, was man wollte. Es waren wilde Zeiten.

Nur in Würden gealterte Senioren hielten einem damals noch Restaurant-Türen auf und wurden von jungen Männern dafür verspottet. Es war ein Zeitalter des Neubeginns, des Aufbrechens von angeblich überholten Moralvorstellungen. Verkrustete Strukturen zerbröselten innerhalb weniger Jahre, und wer sich auf Manieren berief, galt als altmodisch.

Wir Damen zahlten prinzipiell in Lokalen selbst. Ausnahmen von dieser eisernen Regel „Eine Frau lässt sich von einem Mann nichts schenken“, wurden gründlich ausdiskutiert („Also gut, du lädst mich ein, weil ich eine Frau bin. Aber beim nächsten Mal zahle ich, klar? Und bring mir ja keine Blumen mit – ich bin nicht käuflich“). Man wollte sich ja keine Blöße geben.

Frauen, die sich nicht an die gängige „Mädels an die Schlagbohrer“-Doktrin hielten, wurden als „Weibchen“ belächelt, die zu faul waren, alles selbst zu machen. Nur zum Kinderzeugen brauchte man die Herren der Schöpfung damals noch, aber findige Damen fanden Mittel und Wege, dieses umständliche Verfahren auf effiziente Art und Weise abzukürzen. Nur der Himmel schien unsere Grenze zu sein. Endlich.

Frauenbewegung und Emanzipation waren allerdings auch dringend nötig. Das wurde mir eines Abends in einer Kneipe bewusst, als ich ein Gespräch vom Nebentisch mitbekam, wo ein kleiner, gedrungener Bursche Mitte 20 (wir nannten so was früher „laufender Meter“) seinem Kumpel erklärte: „Eine Frau mit Charakter vergiftet sich mit 30.“ Der Typ ist heute übrigens immer noch Single und würde vermutlich mit Handkuss eine 30jährige nehmen. Aber das nur am Rande.

Ich wuchs mit dem Satz „Frauen an die Macht“ auf. Selbstverständlich war vor dieser Bewegung einiges im Argen gelegen, sonst wäre sie erst gar nicht entstanden, aber mit den Auswüchsen der Emanzipation kämpfen faule Weibsbilder wie ich seit deren Entstehung.

Ja. Ich bin träge. Und ich hasse sogenannte „Männerarbeiten.“ Dazu gehört das Wechseln von Zündkerzen oder Reifen, das Kürzen des Rasens mit monströsen Benzinmähern, das Schleppen schwerer Gegenstände, oder das Über-Kopf-Streichen von Balkon-Verkleidungen. Dabei hat alles einmal so gut angefangen.

„Wie kannst du nur? Damit sie gleich weiß, was sie als erwachsene Frau bis ans Ende ihres Lebens zu tun hat?“ fragte ich vor rund einem Vierteljahrhundert entrüstet eine Freundin, nachdem sie mir von der Mini-Bügelstation als Weihnachtsgeschenk für ihre siebenjährige Tochter erzählt hatte.

„Aber… sie hat sich das doch selbst gewünscht“ antwortete meine Freundin damals verlegen. Nein, ich wollte diese Mutter nicht davon überzeugen, ihrer Tochter einen Satz Schraubenschlüssel zu schenken, aber ich war so was von emanzipiert und wehrte mich vehement gegen die Vorstellung, dass mein gesamtes Dasein nur von Kochen, Putzen oder Bügeln geprägt sein sollte.

Immerhin hattenwir  jetzt endlich die gleichen Rechte wie jeder Mann. Dass darin aber auch die gleichen Pflichten beinhaltet waren, sagte einem leider damals keiner, sonst hätte vielleicht die eine oder andere von uns nochmal darüber nachgedacht.

Denn die Männer waren nicht blöd und fanden Emanzipation natürlich unglaublich praktisch. Sie war so was wie moralisches Viagra für Rüpel. Endlich schien es vorbei mit dieser altbackenen Unsitte, einer Frau Auto- oder Restauranttüren aufzuhalten geschweige denn, das Essen im Lokal zu bezahlen oder gar das Kino.

„Du bist ja total unabhängig, du kannst das selbst“ bekam ich mehr als einmal zu hören. Viele Männer pickten sich – genau wie einige Frauen – nur die Rosinen aus der ganzen Geschichte.

Es war trotzdem eine tolle Zeit. Wir trugen violette Latzhosen, fuhren Rollschuh, trugen BHs oder keine (meistens keine…), und es bürgerte sich ein, dass auch Frauen Männer anbaggern durften, ohne schief angesehen zu werden. Niemand dachte sich etwas dabei. Wer auch nur auf ein Mindestmaß an zivilisatorisch über Jahrhunderte gewachsenen Umgangsformen pochte, wurde als „Ewiggestriger“ gebrandmarkt und „wenig fortschrittlich“ genannt.

Ja. Es waren goldene Zeiten für Männer. Für mich als Frau eher weniger, denn ich musste mich aufgrund meiner nagelneuen gesetzlich verordneten Unabhängigkeit mit wenig beliebten Geräten wie Schlagbohrmaschinen, Zollstöcken, Hämmern oder Radkreuzen anfreunden. Die hätte ich in den 50er-Jahren niemals gebraucht. Im Gegenzug für das Wahlrecht, das Recht mein Einkommen selbst zu verwalten und ein Bankkonto zu führen, sowie das Recht auf bezahlte Erwerbstätigkeit, bekamen wir auch etliche Dinge aufs Auge gedrückt, die wir lieber nach wie vor den Herren der Schöpfung überlassen hätten.

Als junge Frau merkte ich schnell, dass diese Emanzipation auch ihre Schattenseiten hatte. Wenn ich zum Beispiel zu hören bekam: „Einen Bad-Spiegelschrank anschließen? Das kannst du doch allein. Ihr wollt doch immer selbständig sein. Macht was draus.“

Damals bekam ich, auf einem Hocker über dem Waschbecken balancierend, einen Stromschlag, und knallte erst mal mit dem Kopf auf die Toilettenschüssel vor lauter Schreck. Der verschmorte Fleck an meinem linken Unterarm (niemand hatte mir geraten, die Sicherungen rauszuschrauben) war noch wochenlang sichtbar.

Bei den nächsten 30 Deckenleuchten war ich vorsichtiger geworden, und bis auf das eine Mal beim Anschluss zweier riesiger Bass-Lautsprecher 1992 ist mir nie mehr ein Missgeschick mit Strom passiert. Da kroch ich anschließend auf dem Boden herum und fragte wimmernd: „Bin ich jetzt tot?“, was für Gelächter unter den anwesenden Herren der Schöpfung sorgte.

Und weiter emanzipierte ich mich durch die Tage. Ich schaufelte zum Beispiel ganz allein 6 Tonnen Kies für eine Beet-Umrandung, weil mir der freundliche (männliche) LKW-Fahrer das Zeug zwar in die Einfahrt schüttete, aber dann schnell wieder verschwand. Aber mit Wut im Bauch schippt es sich ganz gut, und ich war anschließend unglaublich stolz auf mich. Krumm, mit Hexenschuss und Wärmflasche auf dem Sofa, aber stolz.

Einmal tapezierte ich eine Küche mutterseelenallein mit einem Spülschwamm (ich hatte keinen Pinsel) und der Arbeitsfläche als Tapeziertisch. Das Ergebnis hielt viele Jahre bombenfest.

„Das ist ganz leicht, brauchen Sie nur abzuschrauben und das andere einzusetzen“ erklärte mir ein freundlicher Mann vom „Landmarkt“, als ich ihm von meinem Rasenmäher-Scherblatt erzählte, weil es das Gras nicht mehr schnitt, sondern rupfte. Er verkaufte mir ein neues, das glänzte und blinkte. Ich habe es eingebaut. Mir blieb keine andere Wahl – weit und breit war kein Mann in Sicht, der einer hübschen emanzipierten Frau diese Aufgabe abnehmen wollte.

Zusammen mit einer Freundin schraubte ich in der Rekordzeit von zwei Stunden meinen neuen Couchtisch zusammen. In der Anleitung hatte allerdings gestanden: „30 Minuten“. Nach einer Stunde war ich übrigens bereit, meinen großen Hammer zu holen und alles zu Klump zu schlagen vor lauter Wut. Aber so männlich wollte ich nicht werden.

Täglich gab es eine Million Dinge zu tun, für die mich Mutter Natur nicht konzipiert hatte. Zum Beispiel musste an meinem früheren Wohnort mehrmals jährlich ein Steilhang gemäht werden. Nachdem sich das Sensenblatt mehrere Male nur Millimeter neben meinem linken Fuß in den Boden gegraben hatte, kaufte ich mir eine Motorsense. Und passend dazu Handschuhe und Schneidschutzhosen plus Brille und Arbeitsschuhe, denn ich gedachte meine Zehen weiterhin zu benützen. In einem Stück.

Eine elektrische Heckenschere schaffte ich mir nach vergeblichen Versuchen mit einer manuellen an. Selbstverständlich kaufte ich eine mit 70-cm-Schwert, denn ich war ja gleichberechtigt und hatte mir das bei den Männern abgeschaut: „Meiner ist größer“ lautete das Motto. Mit dieser riesigen Heckenschere durchtrennte ich dann mehrere Male das elektrische Zuleitungskabel, aber zumindest nicht meinen Arm.

Einmal platzte mir ein Reifen kurz vor einer Autobahn-Abfahrt. Ich schaffte es gerade noch so, die Autobahn zu verlassen und bockte dann mit dem Wagenheber das Fahrzeug auf, um den Reifen zu wechseln. Und scheiterte an der Tatsache, dass mir fürs Lockern der Radmuttern das Muskelschmalz fehlte, weswegen ich kleinlaut den ADAC rufen musste. Als ich mich kniend und fluchend mit dem Ersatzreifen abmühte, hielt übrigens kein einziger der an mir vorbeifahrenden Herren an. Ich war ja emanzipiert. Von wegen Kavaliere. Und dabei sah ich Alice Schwarzer nicht mal ansatzweise ähnlich.

Irgendwann ging mir auf, dass es unglaublich anstrengend war, gleichberechtigt zu sein. Die Männer ließen sämtliche Werkzeuge und Manieren unter den Tisch fallen, denn wir wollten es ja angeblich nicht anders. Jetzt hatten wir endlich alle Rechte und mussten tatsächlich wegen dieser Rüpel unsere Regale selbst an die Wand schrauben. Das fand ich nicht fair. Und schmutzig wurde man dabei außerdem.

Ich habe in den letzten 30 Jahren mehr als genug Regale an die Wand gedübelt (ist wie Lotto, mal hält’s, mal nicht), meinen Staubsauger-Roboter komplett zerlegt, um das Getriebe zu reinigen, den Akku meines I-Phones mit Hilfe eines YouTube-Videos ersetzt, meinen Router konfiguriert, 4 Websites erstellt und hochgeladen, so gut wie alle elektrischen Geräte in meiner Wohnung selbst angeschlossen und meinen alten Jeep wochenlang von Hand abgeschliffen und dann lackiert.

Ich habe schwere Arbeitsmaschinen auf Baustellen gefahren (fragen Sie nicht…), und meine Rollläden repariert, was mich beinahe einen Finger gekostet hätte. Das einzige, wobei ich kläglich versagte, ist Holzhacken. Ich besitze einen großen Vorrat an hübschen Stiefeln, und ohne Kniescheibe sehen die nur halb so gut aus. Auch von Tisch-Kreissägen lasse ich die Finger, ich kenne mich zu gut.

Nach Jahrzehnten voller Emanzipation war ich an der Gleichberechtigung gereift und gewachsen und versuchte deshalb, meine mühsam erworbenen Erkenntnisse an andere Frauen weiterzugeben.

„Geht nicht gibt’s nicht“ predigte ich meinen „Zieh-Töchtern“, die bei mir Wochenenden und Ferien verbrachten. Dieses junge Menschenmaterial war nämlich formbar. Denen konnte ich beibringen, wie toll das mit der Gleichberechtigung war.

„Das einzige, das ihr nicht könnt, ist ein ‚Z‘ in den Schnee zu pinkeln, ansonsten gibt es zwischen den Fähigkeiten von Männern und Frauen keine Unterschiede“ erklärte ich den staunenden Mädchen, die es sich zu Herzen nahmen und sich zu tollen, bodenständigen erwachsenen Frauen entwickelten.

Die Siebenjährige von damals mit dem Bügelstation ist heute übrigens eine aufgeweckte junge Dame mit dem Herzen am rechten Fleck. Und soviel ich weiß, plättet sie nicht übermäßig gern, sondern fährt lieber PS-starke Sportwägen. Aus meinen „Ziehtöchtern“ sind prächtige Weibsbilder geworden, die sich von niemandem ein X für ein U vormachen lassen. Alle stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden und verdienen ihr eigenes Geld. Keine von ihnen ist von einem Mann abhängig.

Nach all dem Dübeln, Streichen, Mähen und Reparieren war ich allerdings etwas biestig geworden, wenn ein Mann mir stotternd sein schmutziges Hemd entgegenhielt mit der Bitte, es zu waschen und zu bügeln. „Mach’s selbst. Unten steht die Maschine. Und das Bügeleisen im Hauswirtschaftsraum“ bekam er dann zu hören. Eine Liebe ist schließlich der anderen wert. Wer für mich nicht dübelt, dem bügle ich nicht. Selber schuld.

Jetzt allerdings bin ich etwas in die Jahre gekommen und stinkendfaul geworden.

Unangenehme Arbeiten lagere ich so weit wie möglich aus. Irgendwann hat man genügend Reifen gewechselt, Regale an die Wand gedübelt oder Wasserschläuche in Kaffeevollautomaten gepfriemelt. Mir reicht’s.

Ach, was war ich fleißig. Ach, was habe ich alles allein gemacht. Erstens wollte ich nicht in den Verdacht geraten, ein sogenanntes Weibchen zu sein, und zweitens war ich Zeit meines Lebens immer stolz darauf, auf niemanden angewiesen zu sein. Lust hatte ich nie auf solche Aufgaben, weil ich faul bin, aber ich musste.

Denn die Herren machten sich dünn, sobald es ernst wurde. Sie waren auf Spaß geeicht. Und irgendwann war „Kavalier“ kein Kompliment mehr, sondern ein Schimpfwort geworden. Finde ich persönlich schade.

Irgendwann wird man bequem. Irgendwann muss man sich nicht mehr beweisen. Oder irgendjemandem was beweisen. Irgendwann ruht man in sich und denkt: „Mir doch egal, was ihr von mir denkt.“

Es kam also, wie es kommen musste: Eines Tages war wieder mal das Scherblatt meines Rasenmähers schartig geworden und musste ersetzt werden. Ich dachte an die Gras- und Ölflecken, daran, dass ich jetzt lieber einen Kaffee trinken oder shoppen gehen würde, besorgte das Scherblatt und bat einen Bekannten um Hilfe.

„Das ist mir zu kompliziert“ erklärte ich mit meinem treuherzigsten Augenaufschlag. „Kannst du mir helfen?“ Und ich kam mir nicht mal dumm dabei vor, während ich mich dumm stellte. Selbstverständlich baute er das Scherblatt für mich ein. Und reparierte mein hölzernes Rosenspalier, das dem schiefen Turm von Pisa erschreckend ähnlich zu sehen begonnen hatte. Er richtete zwei schiefe Terrassenplatten aus, wechselte das Flusensieb meiner Waschmaschine und befestigte eine lockere Lüsterklemme an meiner Wohnzimmerlampe. All das kostete mich einen Kaffee und ein Lächeln.

Männer helfen gern, müssen Sie wissen. Die meisten zumindest. Und als das neue glänzende Scherblatt eingebaut war, sah ich herrliche ölfleckenfreie Zeiten auf mich zukommen, ohne Schwielen am Daumen und ohne Hexenschuss.

Mögen mich alle Feministinnen dieser Welt jetzt steinigen, wenn Sie meinen, ich hätte sie verraten. Mir wäre das zu viel Arbeit. Wissen Sie, wie viel so ein Stein wiegt? Ich habe 6 Tonnen davon geschaufelt.

Männer besitzen mehr Muskelgewebe und weniger Fettgewebe als Frauen. Über mehr Gehirnmasse verfügen sie übrigens auch, aber die wird von ihnen eher benutzt wie eine Doppelgarage für ein einziges Auto: Da drinnen lagert oft nur Sperrmüll. Wissen Sie, mit welchem Satz ich mich in den letzten 20 Jahren am meisten emanzipierte?

„Kannst du mir bitte mal helfen, mir ist das zu schwierig.“ Wieso bin ich da nicht früher draufgekommen?

Mittlerweile halte ich es nämlich für weise, Arbeiten outzusourcen an Leute, die es besser können. Und die es vor allem auch tun WOLLEN. Ich will nicht, da bin ich ganz ehrlich. Und wer sagt denn, dass man nicht trotzdem emanzipiert ist? Überlegen Sie doch mal: Jemand erledigt Ihre Arbeit. Nur dafür, dass Sie ihn darum bitten. Viel einfacher geht es nicht. Sie vergeben sich nichts dabei. Sie sind deshalb nicht weniger selbständig. Weil Sie nämlich viele Dinge können, die ein Mann nicht mal ansatzweise beherrscht.

Welche das sind? Sie haben genügend Zeit, das herauszufinden, während Heinz-Rüdiger draußen Ihren Luftfilter tauscht oder die Küche umbaut. Lassen Sie sich einen Kaffee einlaufen und denken Sie nach. Zeit haben Sie jetzt ja dazu.

Und jetzt muss ich „meinen“ Heinz-Rüdiger anrufen. Mein Auto sollte in die Werkstatt, und es hat geschneit.

Da versaue ich mir meine neuen Stiefel von diesem inovativen italienischen Designer. Heinz-Rüdiger trägt grundsätzlich Arbeitsschuhe, wenn er vorbeischaut. Der weiß schon, warum.

Ich wünsche Ihnen – breit grinsend und augenzwinkernd – eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Nachdenkliche Frau

Stellen Sie sich vor, Sie haben beschlossen, sich einen Gebrauchtwagen zuzulegen, weil Sie einen fahrbaren Untersatz benötigen und es satthaben, zu laufen.

Was Sie wollen, wissen Sie genau: einen benzinsparenden fünfsitzigen Kombi mit bis zu 90 PS in der Farbe Grau oder Anthrazit. Monatelang haben Sie sich im Internet schlau gemacht und Angebote geprüft, beschließen aber, den Wagen vor Ort zu kaufen, damit sie ihn sofort mit nach Hause nehmen können. Sie klappern alle Händler in Ihrer näheren Umgebung ab, doch nirgends gibt es, was Ihnen vorschwebt. Am Ende eines langen Tages stehen Sie dann vor einem sperrigen Geländewagen mit Dellen und Rost an verschiedenen Stellen. Er hat 180 statt 90 PS und ist nicht grau, sondern feuerrot. In den Fond passen mit viel Glück zwei Kleinwüchsige, und das Ding wird garantiert mehr Sprit saufen als Ihr verstorbener Onkel Leipold seinerzeit Apfelkorn.

Sie wollen aber unbedingt einen Wagen, jetzt, sofort, deshalb denken Sie sich:

„Ach, zur Not bringt man da auch 5 Leute rein. Der hat zwar keinen Kofferraum, aber ich lasse eine Anhängerkupplung montieren. Und der Spritverbrauch ist enorm, aber dann fahre ich weniger. Hauptsache, nicht mehr laufen.“

Und jetzt ersetzen Sie einfach „Gebrauchtwagen“ durch „Mann“.

Würden Sie diesbezüglich so einen Kompromiss eingehen? Nein? Dann lesen Sie, wie es meiner Bekannten Beate erging.

Vor fünf Jahren lernte sie – eine hübsche Brünette Mitte 30, Sekretärin der Geschäftsleitung, und verbissen auf der Suche nach dem Partner fürs Leben – Tom, 36, freiberuflicher Grafiker, auf einer Party kennen.  Er war groß, schlank und dunkelhaarig, mit freundlichen braunen Augen und gewinnendem Lächeln. Tom mochte laut eigener Aussage Kinder und Tiere und schien still, sanftmütig und gelassen zu sein. Beate verknallte sich sofort, denn es war spät am Abend und kein anderer Kandidat in Sicht.

Am nächsten Tag gingen sie zusammen essen. Tom erschien beinahe eine Stunde zu spät zu der Verabredung beim Italiener, in einem Parka aus Restbeständen der Bundeswehr, mit dreckigen Sneakers und fleckiger Hose. Bei Spaghetti und Lambrusco erklärte er Beate freimütig, dass er weder vom Heiraten noch von Beziehungen oder Familie etwas hielte. Nach seinem dritten, in Rekordgeschwindigkeit geleerten Glas Wein flocht er beiläufig ein, dass er momentan mehr trinke, weil seine letzte Freundin ihn verlassen habe, diese verständnislose Zimtzicke. Und dass er sparen müsse und Beate deshalb heute nicht einladen könne, denn er restauriere gerade einen Oldtimer, der eine neue Zylinderkopfdichtung bräuchte. Er sei außerdem öfter mal pleite, weil die Aufträge gelegentlich auf sich warten ließen, er aber freiberuflich bleiben wolle und sich nicht vorstellen könne, sich in eine Firmen-Hierarchie einzufügen.

Weiter gab er zu, dass ihn außer alten Autos nichts interessiere, weder Musik, noch Freunde, weder Filme noch Bücher. Er schien wie ein weißes Blatt, das Beate sich im Stillen vornahm, zu beschriften. Mit einem dicken wasserfesten Eddingstift, nämlich ihren eigenen Vorstellungen.

Tom redete langsam und bedächtig. Beate lauschte ihm scheinbar aufmerksam, und doch hörte sie… nichts, denn alles, was sie dachte war: „Endlich muss ich nicht mehr zu Fuß gehen.“ Im übertragenen Sinne.

Sie interpretierte Toms Desinteresse an allem, was ihn umgab, als Abgeklärtheit, seine Einsilbigkeit als Gelassenheit, und dass er sich am Lambrusco bediente, als wäre er gratis, fand sie nicht so schlimm.

Als sie mir Tom damals vor fünf Jahren vorstellte, war ich erstaunt, denn normalerweise stand sie auf Anzugträger mit einwandfreien Manieren – kultivierte, weltgewandte Männer mit Charme und Bildung, die sich auf jedem Parkett zu bewegen wussten. Tom sah nicht aus, als hätte er überhaupt schon mal ein Parkett von näherem gesehen. Höchstens beim Draufknallen, wenn er betrunken war. Er war das genaue Gegenteil von allen Männern, mit denen ich Beate zuvor gesehen hatte.

„Der ist so cool“ schwärmte sie, als Tom auf der Toilette verschwand. „Tiefgang hat der. Und tierlieb ist er auch. Ich glaube, ich bin verknallt. Endlich mal ein Typ, der nicht so oberflächlich ist wie dieser Versicherungsmakler vom letzten Mal. Und vielleicht hat er Recht, wenn er mir vorwirft, ich hätte zu viele Klamotten. Wahrscheinlich wird es Zeit, dass ich mein Leben umstelle, immerhin werde ich in fünf Jahren 40.“

„Du bist nicht verknallt, du bist verzweifelt“ dachte ich damals, behielt es aber für mich. Es half nicht, Beate dreinzureden. Sie wusste normalerweise sehr genau, was sie wollte. Aber ihr Kinderwunsch war in den letzten Jahren drängend geworden, und scheinbar dachte sie, Tom wäre der richtige Mann, ihr bei deren Produktion behilflich zu sein. Wie sie so dasaß mit leuchtenden Augen, gönnte ich es ihr von Herzen, glücklich zu werden.

Zwei Jahre lang hörte ich von Beate und Tom wenig. Nur gelegentlich rief sie an und klang längst nicht mehr so begeistert wie am Anfang.

„Genau einmal habe ich Blumen zum Geburtstag bekommen“ erzählte sie vor einiger Zeit.  „Da war das Etikett noch dran, denn die waren reduziert. Ich könne mir die zukünftig selbst kaufen, sagte er. Weil ich besser verdiene. Aber ich glaube, das ist eine Ausrede, der ist nur knickerig. Immer muss ich ihn einladen, wenn wir zum Essen gehen. Zu Weihnachten habe ich einen selbst gekritzelten Gutschein für eine Massage gekriegt. Er wird schon noch draufkommen, wie viel Glück er mit einer so geduldigen Frau wie mir hat.“

„Und wie geht es weiter mit euch? Fühlst du dich gut?“ fragte ich.

„Weiß nicht“ murmelte sie. „Ich hätte wohl damals auf meinen Bauch hören sollen. Irgendwie hat der sich von Anfang an geziert, und ich musste ihn förmlich überreden, sich mit mir einzulassen. Stell dir das mal vor! Aber ich weiß mittlerweile nicht mehr, was der überhaupt will. Wenn ich ihn frage, wie es mit uns weitergeht, weicht er mir aus. Er meint dann, es sei doch alles gut so, wie es ist. Aber ich möchte, dass wir mindestens zusammenziehen und die Beziehung auf den nächsten Level heben. Immerhin werden wir beide nicht jünger.“

Das klang nicht so toll, aber Beate ließ sich von Toms Verweigerungshaltung nicht beirren. Sie fand ein bezahlbares Haus zur Miete und plante einen Wohnungswechsel. Tom weigerte sich standhaft. Erst als sie ihm mit Schlussmachen drohte, gab er nach, denn offenbar wollte er die Annehmlichkeiten wie regelmäßige Mahlzeiten und kostenlosen Sex nicht verlieren.

Beate hatte ihre Vision von einem Leben zu zweit, und sie versuchte, sich dieses gewaltsam zusammenzubauen, als wären Hoffnungen und Wünsche bunte Legosteine, die sie nur aneinanderfügen musste, damit aus ihnen ein Wolkenkuckucksheim entstünde.

Sie setzte sich durch. Tom willigte in den Umzug ein – unter der Bedienung, dass er ein eigenes, abschließbares Zimmer bekäme.

Am Tag des Umzuges halfen wir Freunde alle mit. Alle, außer Tom. Der musste nämlich angeblich einem Kumpel bei einer Autopanne Nothilfe leisten und kam erst, reichlich angeschickert, zurück, als wir bereits sämtliche Möbel ins Haus gewuchtet hatten und uns gerade ausruhten. Dann setzte er sich aufs Sofa, grinste verlegen und schlief anschließend ein.

„Ist hart für ihn, dass er seine Wohnung aufgeben muss, da hat er wohl etwas über die Stränge geschlagen“ entschuldigte ihn Beate verlegen. Wir dachten uns unseren Teil und schwiegen. Man sagt nie was, wenn man sieht, wie jemand in sein Verderben rennt. Ist ja nicht unser Verderben. Ein klein wenig schäme ich mich sogar heute noch dafür.

Ich hörte in der Zeit nach dem Einzug in das Häuschen nicht mehr viel von Beate und Tom. Scheinbar hatten sie sich eingerichtet und kamen zurecht. Einmal erschienen sie auf meiner Halloweenparty gemeinsam gegen 20:00 Uhr und gingen sich dann bis ungefähr 3:00 Uhr erfolgreich aus dem Weg. Aber immerhin verließen sie die Party zusammen wieder – sie hatten denselben Heimweg.

Beate war nach Jahren mit Tom immer noch nicht schwanger, geschweige denn verheiratet. Tom trug nach wie vor seinen alten grünen Parka und trank zu viel. Aber wie das so ist mit guten Bekannten, gelegentlich verliert man sich aus den Augen. Und so fiel mir gar nicht auf, dass ich schon länger nichts mehr von Beate und Tom gehört hatte.

Letzte Woche nun bemerkte ich am späten Nachmittag, dass mir für das Abendessen noch ein paar Zutaten fehlten, also machte ich mich auf den Weg zum Supermarkt.

Als ich durch die Gänge irrte, hörte ich, nur durch ein Regal getrennt, die lauten Stimmen von Beate und Tom. „Ich zahl das nicht, basta!“ Das war Tom, und er schien recht aufgebracht zu sein. Von unheilvoller Neugierde getrieben arbeitete ich mich von den Cerealien zu den Hygieneartikeln. Tom schwenkte gerade entrüstet eine Packung Wattestäbchen. Beate tappte stinksauer von einem Fuß auf den anderen und starrte mich entgeistert an.

„Hallo, ihr beiden“ grüßte ich, während ich schon bereute, mich herangeschlichen zu haben. „Der sagt, er will die Wattestäbchen nicht mitbezahlen!“ schimpfte Beate los und funkelte Tom wütend an.

Ich warf einen Blick auf den Einkaufswagen. Darin lagen nur ein 10er-Pack WC-Papier und ein großer Stapel Katzenfutter. Tom und Beate trugen aber jeweils einen Einkaufskorb am Arm. „Das ist mein Zeug!“ Beate deutete auf ihren roten Plastik-Korb. „Da kommen nur Sachen rein, die ich allein verwende.“

„Ja, und das meiner!“ Tom schwenkte den roten Korb an seinem Arm, in dem Rasierschaum, Klingen und ein Männer-Duschgel lagen.

„Und jetzt will Beate Wattestäbchen und Küchenrollen in den Einkaufswagen mit den Sachen legen, die wir gemeinsam kaufen.  Das akzeptiere ich nicht, weil sie so verschwenderisch mit dem Zeug umgeht. Ich brauche zwei Wattestäbchen im Jahr. Das bezahle ich nicht mit.“ Tom schien wirklich entrüstet.

„Ich hoffe, dir bricht mal eins ab und bleibt dir im Ohr stecken, du Depp!“ zischte Beate fuchsteufelswild. Dann wandte sie sich an mich. „Es ist doch die Höhe, dass dieser Geizkragen sich nicht dran beteiligt. Demnächst wird bei uns wohl noch das Klopapier abgezählt?“

Tom grinste verlegen. „Und was ist mit den Küchenrollen?“ fragte ich irritiert.

„Na, jedes Mal, wenn Beate was überläuft am Herd, dann nimmt sie so ein Papiertuch und wischt da drüber!“ nuschelte Tom. „Da kann man einen Lappen benützen. Es ist einfach unerträglich, wie sie mit den Sachen umgeht und das Geld raushaut. Genauso ist es mit den Putzmitteln. Man muss doch nicht einen halben Liter Kloreiniger ins WC schütten. Eine Bürste täte es auch. Sie kann einfach nicht sparen.“

„Und du bist geizig wie die Nacht dunkel. Der hat jetzt sogar eine eigene Kommode“ berichtete Beate. „Stell dir vor, die ist abgeschlossen. Da war seine blöde Schokolade drin, und kürzlich hatte ich Lust auf Süßes und hab mir eine Rippe von seiner Schokolade genommen. Eine Rippe!“ Sie schaute Tom anklagend an.

„Das ist die gute Fair-Trade-Bio-Schoki“ verteidigte sich Tom. „Du kannst dir ja was von dem Billigfraß holen. Aber wenn du zu geizig bist, dir anständigen Süßkram zuzulegen, dann mach nicht mich dafür verantwortlich.“

„Habt ihr beiden denn festgelegt, was gemeinsam bezahlt wird?“ fragte ich vorsichtig und schaute nochmal in den Einkaufswagen, wo einsam Katzenfutter und Klopapier lagen.

„Ja, haben wir“ maulte Beate. „Aber scheinbar will er neu verhandeln, weil ich mehr Klopapier verbrauche als er. Männer benutzen seiner Aussage zufolge nach dem Pinkeln kein Papier, und deshalb zahlt er angeblich immer drauf.“

„Das stimmt doch, oder?“ Tom blinzelte mich beifallheischend an. Endlich ging mir ein Licht auf. Die beiden brauchten einen Schiedsrichter. Und der wollte auf keinen Fall ich sein. „Sorry, ich muss dringend los, brauch noch gefüllte Eichhörnchen fürs Abendessen“ murmelte ich deshalb verlegen und schaute, dass ich wegkam, nachdem ich mich hastig verabschiedet hatte.

Ich mische mich grundsätzlich nicht in Beziehungsangelegenheiten. Da könnte ich auch gleich in einen riesigen Gartenhäcksler hüpfen und darauf warten, dass dieses Ding mich als kleingemahlene Brösel auf den Gehweg spuckt, denn man kann, wenn es um die Streitigkeiten anderer Leute geht, eigentlich nur alles verkehrt machen.

Auf dem Heimweg dachte ich über dieses Treffen nach. Scheinbar lagen die Probleme noch tiefer, als mir Beate bei den letzten Telefonaten gestanden hatte. Am nächsten Tag rief sie mich an.

„Ich habe gestern die Wattestäbchen und die Küchentücher bezahlt“ erzählte sie mürrisch. „Der war eigentlich von Anfang an so geizig, wenn ich darüber nachdenke. Aber jetzt ist es ihm nicht mal mehr peinlich. Das einzige, das er mal kocht, wenn er das Essen selbst kauft, sind Rühreier oder Kartoffeln. Und jedes Mal sieht es hinterher aus in der Küche wie im Libanon. Ich muss aber alles saubermachen, weil der keinen Finger rührt.“

Im Grunde genommen signalisiert Tom Beate durch jede Pore, dass er nicht mit ihr leben möchte. Er verkriecht sich oft tagelang in seinem Zimmer, wo Beate, wenn sie vorbeiläuft, nur den Fernseher vernimmt oder Tom im Flüsterton telefonieren hört. Auf gut Deutsch: Er separiert sich, so gut er kann, denn er wurde genötigt und lebt jetzt etwas, das er nicht möchte. Das lässt er Beate deutlich spüren.

Die Weigerung, sich an minimalen Ausgaben für den täglichen Bedarf zu beteiligen, darf umdefiniert werden in eine Weigerung, ein Leben zu zweit, wie Beate es sich vorstellt, zu führen.

Genaugenommen hat sie nichts erreicht, außer dass sie in dem neuen Haus eine größere Fläche putzt als vorher in ihrer kleinen Wohnung, denn Tom sieht nicht ein, dass er einen Finger in diesem Haushalt rührt, den er eigentlich gar nicht wollte. Ihm hätte seine düstere Bude mit Blick auf den Hinterhof weiterhin genügt. Erholen konnte er sich ja immer in Beates blitzsauberem Appartement.

All das – den Geiz, die Lethargie, diese völlige Verweigerung von allem, was Beate wichtig wäre, registrierte sie damals beim Kennenlernen nicht.

Sie sah nur einen schlanken, intelligenten Mann in ihrem Alter und dachte sich: „Wenn wir erst mal zusammen sind, wird der seine Einstellungen schon ändern.“ In verständliches Deutsch übersetzt bedeutete das: „Ich brauche einen Mann, dringend, sofort, und dann nehme ich eben, was ich kriege und biege mir das zurecht.“ Basta.

Bestünden Männer aus Knetmasse, hätten wir Frauen es einfacher. Aber sie sind eigenständige Persönlichkeiten, die sich nicht verformen und schon gar nicht brechen lassen. Ab einem gewissen Alter ist die Persönlichkeitsentwicklung abgeschlossen, und Sie müssen das ganze Paket nehmen, mit allem, das drin ist, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Darum sollten Sie genau hinsehen, worauf Sie sich einlassen. Manche Wundertüte enthält eben kein Feuerwerk, sondern nur ein paar abgebrannte Zündhölzer. Selbst schuld, wenn Sie nicht vorher nachsehen. Und man kann auch nicht behaupten, dass Tom Beate getäuscht hätte. Schon beim ersten Treffen machte er unmissverständlich klar, was ihm wichtig war: nichts außer seinen Oldtimern. Sie hat nur nicht zugehört.

Beate wollte damals nicht nachdenken. Sie war zu optimistisch, sie war zu hungrig nach Zuwendung, und sie war zu einsam.

Ihr ging kein Licht auf nach den ersten 10 Dates, bei denen sie nicht nur ihr eigenes Essen bezahlte, sondern Tom sogar einladen musste, weil er in seinem Geldbeutel herumkramte, als suche er auf dem Grund des Münzfaches nach der versunkenen Stadt Atlantis. Ihr ging kein Licht auf, als er immer wieder Verabredungen absagte, weil ein Ersatzteil für seinen Oldtimer eingetroffen war, das er einbauen musste. Beate wollte einen Mann, sie wollte ihn bald, und Tom war da und schien keinen sonderlich ausgeprägten Fluchtinstinkt zu haben. Das genügte ihr.

Neulich musste Beate zum Arzt. Ihr eigener Wagen war in der Werkstatt, also bat sie Tom darum, sie hinzubringen. Er verlangte 10 Euro fürs Benzin. Ist wirklich wahr.

Viel mehr kann man sich nicht abgrenzen.

Beate ist auch nach der „Wattestäbchen-Affäre“ weiterhin mit Tom zusammen, obwohl sie durchaus erkennt, dass ihre Beziehung gescheitert ist. Aber sobald sie diese Tatsache anerkennt, müsste sie die Konsequenzen ziehen und sich von ihm trennen.

„Wir sind jetzt fünf Jahre zusammen, es kann nicht sein, dass ich diese Zeit umsonst investiert habe!“ erklärte sie mir am Telefon grimmig. „Es gibt schlimmere Kerle als ihn. Wenigstens geht er nicht fremd.“

So kann es gehen, wenn Verzweiflung auf Gleichgültigkeit trifft. Tom, der eigentlich auch ohne Beziehung gut zurechtkam – er war ohnehin viel zu lethargisch, um sich selbst eine Frau zu suchen – ließ sich „einfangen“ von Beate, die lediglich nicht mehr allein sein wollte.

Für Tom ist Heiraten eine überholte Institution. Das würde ich an seiner Stelle auch behaupten, denn wenn er Beate ehelicht und mit ihr Kinder bekommt, bleibt für die Schrauberei an seinen alten Schrottkisten weniger Zeit oder Geld als vorher, und Ersatzteile kann er sich vielleicht auch nicht mehr leisten. Das scheint seine größte Sorge zu sein.

„Manchmal denke ich mir, er hat sich schon heimlich einer Vasektomie unterzogen“ klagte Beate am Telefon ihr Leid. „Es kann doch nicht sein, dass ich ums Verrecken nicht schwanger werde, obwohl ich es mir so wünsche.“

Merken Sie was? Beide Teile dieses Paares tun eigentlich, was sie wollen. Sie täuschen eine Partnerschaft lediglich vor, und das nicht mal besonders gut. Das kann nur in einer Katastrophe enden. Nur weil man sich innerhalb derselben vier Wände bewegt, dieselbe Toilette benützt, gelegentlich gemeinsam kocht oder isst, bedeutet das nicht, dass man eine Beziehung führt. Die beiden haben eine Wohngemeinschaft mit gelegentlichem Geschlechtsverkehr in den wenigen Momenten, in denen sie sich nicht gerade um Wattestäbchen oder Küchennutzung streiten.

Etwas Traurigeres kann ich mir nicht vorstellen.

„Manchmal laufen wir morgens aneinander vorbei und murmeln nur hallo“, erzählte Beate. „Als wären wir Gäste in einer Pension. Da ist nichts Herzliches oder Liebevolles mehr. Wenn ich nur verstehen könnte, warum er so reserviert ist.“

Die Masken sind also gefallen. Trotzdem ist die Möglichkeit groß, dass beide dieses traurige Spiel weiterspielen. Tom wäre schön dumm, Beate zu verlassen, denn sie hält das Haus sauber, versorgt seine Katzen, wenn er wieder mal eine Sauftour mit seinen Kumpels macht und kocht gut. Mit Lebensmitteln, die sie bezahlt.

Seit dem Vorfall im Supermarkt haben die beiden getrennt angelegte Vorräte, über die strengstens Buch geführt wird.

All das artet aus zu einem Partisanenkrieg, bei dem es nur noch darum geht, wer dem anderen zuerst eine Handgranate vor die Beine wirft, um ihn ins Straucheln zu bringen, damit er schadenfroh lachen kann. „Wenn du mich schon nicht liebst, dann möchte ich, dass du leidest.“

Da quälen sich zwei vernunftbegabte Wesen täglich aneinander vorbei, die eigentlich Freunde sein und zusammen eine Menge Spaß haben könnten, wären sie nicht durch irrationale Vorstellungen und lethargische Nachgiebigkeit aneinander gekettet wie Galeerensklaven.

Ich als Frau verstehe Beates Sehnsüchte. Mit Ende 30 will man nicht mehr konsequenzlos vor sich hinleben, sondern Verbindlichkeiten generieren. Man möchte einen Partner, der sich erklärt und sagt: „Zu dieser Frau gehöre ich, mit ihr möchte ich mein Leben gemeinsam meistern.“

Aber gleich, was Beate anstellt: Tom gleicht diesbezüglich einem Ei. Je länger sie es kocht, um so härter wird es. Sie wird weiterhin warten und hoffen, bohren, nörgeln und quengeln. Denn sie hat ja laut eigener Aussage „Zeit investiert“. Als würde diese einem nicht durch die Finger rinnen wie giftiger Sand, als wäre Zeit eine messbare Größe, wie ein Stapel Goldbarren, etwas, das sich nicht sofort verflüchtigt, nachdem man es gelebt hat.

Eine Beziehung ist keine Spardose, wie zum Beispiel ein kleines Schweinchen, das man in einer Notlage mit dem Hammer zerdeppert, um dann herauszuholen, was man vorher reingeworfen hat. Eine Beziehung ist, was beide Partner daraus machen, wenn es denn beide wollen.

Genau darum sollte man aufmerksam zuhören, wenn man jemanden kennenlernt. Gesetzt den Fall, man wird nicht angelogen (auch solche Männer gibt es leider), lassen sich schon aus den ersten Unterhaltungen Rückschlüsse ziehen, ob es sich bei unserem Objekt der Begierde um einen potenziellen Kandidaten für ein Leben zu zweit handelt, oder nur um eine Feuerfliege, die nach einer gemeinsamen Nacht verglüht.

Zu glauben, man könne einen Menschen von etwas überzeugen, das er vom ersten Moment an kategorisch ablehnt, ist eine Lüge gegenüber sich selbst. Druck erzeugt Gegendruck. Je mehr Beate will, umso mehr verweigert sich Tom. Sie führen ihre kleinlichen Scharmützel um Küchenrollen und Wattestäbchen vertretungsweise für ihre diametral verlaufenden Lebensvorstellungen. Es geht nicht um Küchenkrepp oder Kleingeld – es geht um alles, denn die Zeit, dieser flüchtige Stoff, mit dem wir nur begrenzt ausgestattet sind, verfliegt in rasendem Tempo, je älter wir werden.

Beate und Tom – diese beiden tragischen Figuren – werden nur noch vom Kleber der zusammen verbrachten gemeinsamen Jahre zusammengehalten, der mittlerweile an vielen Stellen bröckelt.

Und darum, wenn Ihnen das Leben eine dieser „Wundertüten“ präsentiert, in Form eines Mannes, der Sie gewinnend anlächelt, wenn ihr Herz Purzelbäume schlägt und die Schmetterlinge in Ihrem Magen wilde Flugmanöver veranstalten – bleiben Sie vorsichtig.

Manche Überraschungen sind nämlich böse und unserer seelischen Gesundheit abträglich. Es ist immer besser, rational zu sondieren, worauf man sich einlässt. Halten Sie nicht an sinnlosen Gegebenheiten fest, machen Sie sich frei davon, dass jeder, der Ihnen schöne Worte ins Ohr flüstert, mit Ihren eigenen Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben konform gehen müsste.

Das Leben ist eine fiese Lotterie mit wesentlich mehr Nieten als dem sehnsüchtig erwarteten Hauptgewinn. Manchmal darf man nur zwischen einer neuen Zahnbürste oder einem Schokoriegel wählen. Nehmen Sie ruhig, was das Schicksal Ihnen bietet, aber versuchen Sie nicht, den Trostpreis zum Hauptgewinn umzudefinieren.

Belügen Sie sich nicht selbst. Sie müssten sich die Wahrheit wert sein. Betrachten Sie mit dem falschen Partner verschwendete Zeit nicht als fehlgeschlagene Investition, sondern als das, was sie ist: ein Irrtum, dem Sie erlegen sind. Fehler machen wir alle. Wir sollten nur darauf bedacht sein, sie nicht zu wiederholen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und eine schöne Zeit.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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„Und dann hat die Caro immer Kerzen angezündet und langsame Musik aufgelegt. Da wusste ich, es war wieder Zeit für Sex. Wir haben nur einmal im Jahr miteinander geschlafen, und wenn sie die Kerzen aufstellte, war es das Zeichen.“ Langer trauriger Seufzer. Es ist knapp 30 Jahre her, dass mir ein gutaussehender junger Mann mit blitzenden Augen und lockigem Haar diese Geschichte in einer Cocktailbar in Bad Wörishofen erzählte, nachdem wir uns gerade erst kennengelernt hatten. Wir saßen seit ungefähr einer Stunde an der Theke und schlürften genussvoll einen „Karibischen Traum“. Allerdings hatte ich innerhalb dieser 60 Minuten nichts anderes von meiner neuen Bekanntschaft erfahren als „alles über Caro“, die unbekannte Ex des Mannes.

Sie hatte ihn nach über 7 Jahren verlassen, und er schien darüber tief betrübt. Scheinbar jedoch nicht betrübt genug, denn den gesamten Abend über baggerte er mich hartnäckig an. Vielleicht sah ich auch nur aus, als könnte ich gut zuhören.

Und genau darum zahlte ich, verweigerte ihm meine Telefonnummer und machte mich erleichtert aus dem Staub.

Damals – im analogen Zeitalter vor Google, Instagram oder Facebook – hatten wir einen geflügelten, wenn auch gemeinen Spruch: „Hier hast du 20 Pfennig, erzähl‘ das einer Parkuhr.“

Sie denken, das sei herzlos? Sicher nicht. Denn meine neue Bekanntschaft war auf der Suche nach einer „Placebo“-Frau, die ihm helfen würde, seine vorherige Beziehung zu verarbeiten. Wer auch immer sich darauf einließ, würde mächtig draufzahlen. Denn eine Placebo-Frau ist nur etwas für den Übergang, eine Art Mülleimer auf zwei Beinen, die, nachdem sie ausgedient hat, zusammen mit der Bio-Tonne rausgestellt wird.

Gelegentlich gehen solche Bekanntschaften gut aus, jedoch beileibe nicht immer.

Ich bin heute noch sicher, damals das Richtige getan zu haben, und die Erfahrungen in meinem breiten Umfeld bestätigten mir das über die Jahrzehnte immer wieder.

„Der Rainer bringt seine schmutzige Wäsche immer noch zu seiner Ex, als wäre ich zu blöd zum Waschen“ klagte Lena, eine Bekannte von mir, vor einiger Zeit am Telefon. „Jetzt sind wir schon 6 Monate zusammen, und tagein, tagaus höre ich nix anderes als ‚Uschi hier, Uschi da‘. Das geht mir tierisch auf die Nerven.“

Abgesehen davon, dass manche Frau froh wäre, wenn es jemanden gäbe, dem man die Schmutzwäsche bringen könnte, verstand ich Lena recht gut.

Sie war, als sie ihren Rainer kennenlernte, seit 2 Jahren Single, aber sicher nicht aus Mangel an Gelegenheit. Ihre vorige Beziehung hatte in einer schmerzhaften Trennung geendet, und sie musste sich erst einmal davon erholen, wie sie sagte.

Rainer war ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – 10 Minuten nach seiner Scheidung vor dem Eingang des Amtsgerichts über die Füße gestolpert und hatte sie angerempelt. Und weil Lena ein Herz für alle Gestrauchelten hat, lud sie ihn auf einen Kaffee ein, aus dem mittlerweile ein halbes Jahr in ihrer Wohnung wurde. Rainer ist so alt wie Lena, hat einen guten Job und seit neuestem eben auch eine Exfrau. Das reibt er Lena jeden Tag unter die hübsche Nase, damit sie nicht in Versuchung kommt, es zu vergessen.

„Der beschreibt mir sogar im Bett, was seine Ex gerne mochte. Diese Tussi sitzt quasi auf der Bettkante“ jammerte Laura weiter.

„Er hat keine Ahnung, wie sehr mir das auf den Wecker geht. Ich kann nicht mal mehr mit ihm schlafen, ohne dass ich an sie denke und mich beobachtet fühle oder Kopfkino habe, weil er ständig detailliert beschreibt, auf was sie stand. Manchmal komme ich mir vor wie ein Abziehbild von ihr. Ein paar Mal hat er mich sogar schon mit ihrem Namen angesprochen. Da weiß man nicht mehr, wie man reagieren soll.“

Nun, Lena, ich würde Rainer darauf hinweisen und es mir verbitten. Ich würde ihn fragen, ob er sich überhaupt so weit gefestigt fühlt, mit einer völlig anderen Frau eine neue Beziehung zu führen, oder ob er einfach nur da weitermachen möchte, wo er aufgehört hat?

Lena, eine taffe Frau mit einer Menge Herz und Verstand, hat eben diesen beim Kennenlernen komplett ausgeschaltet, denn sie müsste aus eigener Erfahrung gelernt haben, dass man nicht von einer Beziehung in die nächste taumeln sollte, weil die Möglichkeit riskanter Fettnäpfchen, die sich einem in solch einem Falle anbieten, unterschätzt wird. Trotzdem hat sie es mit Rainer riskiert und ist dabei auf die Nase gefallen.

Mittlerweile ist sie hauptsächlich mit Zuhören beschäftigt, denn ihre gemeinsam verbrachte Zeit ist durchwoben mit feinen, äußerst haltbaren Fäden, die aus Rainers Vergangenheit mit Uschi bestehen und kontinuierlich in ihr tägliches Leben eingeflochten werden, ohne Aussicht auf Besserung.

Lena ist kein Einzelfall. Leider.

Wie kommen Männer eigentlich auf die Idee, dass wir nichts lieber hören als Geschichten über die Ex? Wie kommen sie darauf, dass wir begierig sind, zu erfahren, was sie gern aß oder trank, was sie mochte und was nicht? Klar sind wir Frauen sehr interessiert an zwischenmenschlichen Geschichten, das liegt in unserer Natur. Jedoch müssen wir spätestens dann das mitfühlende Zuhören beenden, wenn es unser eigenes Wohlbefinden empfindlich stört.

Diese fiktive Ex, der viele Frauen im Laufe ihres Lebens begegnen (manche sogar mehrmals) sind wie Lieder auf unserer Playlist in Dauerschleife. Und zwar so lange, bis unser neuer Lebensgefährte die Melodie selbst nicht mehr hören möchte. Das kann dauern, darum machen Sie sich auf einiges gefasst.

Sie liegen gerade mit Ihrer neuen Liebe am Strand, weil Sie sich einen gemeinsamen Urlaub gegönnt haben. Zwar ist die Bekanntschaft noch frisch, aber wo findet man schneller heraus, ob man zusammenpasst, als während 14 Tagen all inklusive am Ballermann? Die Möwen krächzen heiser, das sanfte Rauschen der Wellen wiegt Sie in einen angenehm trägen Zustand, als eine Stimme Ihre Tagträume unterbricht: „He, du hast da eine rote Stelle am Brustbein. Uschi hat immer Lichtschutzfaktor 5000 genommen. Die verstand was davon, denn sie hat in einer Apotheke gearbeitet. Und Fleisch mochte die gar nicht, die war so was von krass vegetarisch drauf, mit der hätte ich nie ein Steakhouse gehen können wie gestern mit dir. Weil die so tierlieb war, hat die gar nix gegessen, das Augen hatte. Du isst ja alles. Und die ganze Zeit wollte sie alte Kirchen besichtigen. War gelegentlich echt stressig. Ich bin froh, dass du so locker drauf bist.“

Schwupps sitzt Uschi quasi im Liegestuhl nebenan und cremt sich mit Lichtschutzfaktor 5000 ein, während sie uns hämisch angrinst. Selbstverständlich sieht sie rattenscharf aus und wiegt mindestens 10 Kilo weniger als wir. Das ist bei Uschis in unserer Vorstellung immer so.

„Ich bin froh, dass du so locker drauf bist“ ist in diesem Fall ein ziemlich halbgares Kompliment, in etwas Wehmut gewickelt, gespickt mit subtilen Vorwürfen und der Mahnung, Sie könnten vielleicht auch ein klitzekleines bisschen vegetarischer oder spiritueller sein. Und eingecremter.

Schon sitzen Sie da und überlegen, ob Sie mit dem Neuen doch mal eine Kirche oder eine Synagoge besichtigen sollten, oder eventuell sogar einen „Veggie-Day“ einlegen. Damit er nicht denkt, Sie wären bildungsfern, eine Heidin oder desinteressiert an Tierleid. Im schlimmsten Fall sind Sie „schlechter“ als Uschi, was Sie auf keinen Fall sein möchten. Zack, sitzen Sie in der Falle.

Irgendwann weiß man von der ominösen Uschi so ziemlich alles, angefangen vom Umgang mit Geld („Uschi hätte nie ein Kleid für 400 Euro gekauft, so wie du neulich, die war irre sparsam“) über ihren Fernsehgeschmack („Uschi mochte nur Komödien und hat immer gesagt, sie lehnt explizit dargestellte Gewalt ab“) bis hin zu ihrer Krankheitsgeschichte („Die konnte ohne Benzodiazepine nicht mal über die Straße gehen, du solltest mal deinen Hausarzt danach fragen, weil du doch auch immer so nervös bist. Das Zeug ist der Hammer.“)

Für Sie bedeuten diese Sätze: „Huch, ich sollte weniger Geld ausgeben, über meine Vorliebe für Horror-Filme nachdenken und Baldrian schlucken.“ Klar. Man will ja auf keinen Fall nervöser sein als Uschi, oder?

Sie sind nicht Uschi. Nur für den Fall, dass Sie es vergessen haben sollten. Irgendwann ist man aufgrund der täglichen Dauerberieselung mürbe geworden, weil die unerreichbare Traumgestalt, seine Ex, einen zementierten Platz in unserem Alltag eingenommen hat.

Sagen Sie es also Ihrem Neuen. Möglichst täglich. In Dauerschleife. Männer kapieren recht langsam, also haben Sie Geduld. Es ist außerdem gut möglich, dass Uschi weder so schlank noch so klug oder vorausschauend war, wie Ihr Neuer ständig behauptet. Die Vergangenheit verklärt vieles, und kein Mann wird gerne zugeben, dass er die letzten Jahre mit einer dauernörgelnden Xanthippe verbracht hat, die sein Geld zum Fenster rauswarf, als wären es Staubflusen. Gestünde er das ein, dann wüssten Sie ja, dass Sie im Gegensatz zu seiner Uschi eine enorme Verbesserung in seinem Leben sind.

Wir erfahren im schlimmsten Fall weiterhin täglich, ob wir wollen oder nicht, über Uschi Dinge, die wir nie wissen wollten, nur merkt das der Neue nicht, denn der ist noch vollauf damit beschäftigt, seine vorherige Beziehung zu verarbeiten, und zwar mit uns, meine Damen.

Das kommt davon, dass wir beim Kennenlernen nicht aufgepasst haben. Zwar fanden wir, unsere neue Liebe hätte wahnsinnigen Tiefgang, weil er mit traurigen Augen tiefschürfende Dinge von sich gab wie zum Beispiel: „Das Leben ist manchmal saumäßig hart“, aber wie hätten wir ahnen können, dass jemand, den die Ex vor kurzem rausgeschmissen hatte, nicht schon vollständig mit allem abgeschlossen hat? Na? Dämmert’s?

Exfreundinnen sind ständig präsent, wenn wir einen Mann erwischen, der immer noch in der vorherigen Beziehung wie in einer Zeitschleife festhängt und das Murmeltier täglich wehmütig grüßt.

Exfreundinnen sitzen mit uns auf der Couch, wenn wir fernsehen, stehen am Herd, wenn wir kochen („Tust du da keinen Chili rein? Ich fand das immer so lecker, wenn Uschi das gemacht hat“).

Sie beeinflussen unsere Kleiderwahl („Uschi hatte so eine schlanke Taille, sie konnte super Tellerröcke tragen, ich finde die voll weiblich, hast du überhaupt einen?“). Uschis greifen in jeden unserer privaten Bereiche ein. Sie sind jetzt Teil unserer neuen Beziehung. Herzlichen Glückwunsch!

Besonders strapaziös sind Fälle, in denen die Uschis zu unseren Lebensgefährten noch gute Kontakte pflegen und sich mit ihm regelmäßig zum Kaffee/Essen/Kneipenbummel treffen. Es gibt nämlich Damen, die haben mit dem Loslassen so ihre Probleme. Sprich: Sie wollen ihn nicht mehr, trotzdem soll ihn auch keine andere haben.

Das ist, als ob man ein Grundstück verlottern lässt und es verschenkt, aber nicht möchte, dass jemand anderer sich dort ein Häuschen baut. Solche Uschis existieren öfter, als Sie glauben. Die rufen an, schreiben SMS oder Whats-App-Nachrichten, melden sich über Facebook und schrecken sogar vor analogen Fossilien wie Postkarten nicht zurück, um mit ihrem Ehemaligen irgendwie in Verbindung zu bleiben. Jede Hämorrhoide ist einfacher zu behandeln.

Vielleicht werden die Uschis einfach nicht gern vergessen. Wer möchte das schon. Im Gedächtnis unseres neuen Lebensgefährten haben die sich jedenfalls bombenfest verankert. Die sind mental gedübelt, die kriegen Sie da so schnell nicht raus.

Warum auch? Die Ex ist ein Teil des Lebens Ihres neuen Partners. Selbstverständlich gab es schon Frauen vor Ihnen, es sei denn, Sie hätten eine männliche Jungfrau erwischt. Das ist zu respektieren und zu akzeptieren. Auch wir selbst schleppen unsere Altlasten, unsere Vorbehalte und miesen Erfahrungen mit uns herum. Es kommt nur immer darauf an, wie man damit umgeht.

„Mit der Uschi und mir läuft sexuell gar nix mehr, Ute. Kannst du schon glauben. Wir waren immerhin 10 Jahre zusammen. Da hat man noch einiges zu reden miteinander. Und ich bin ein freier Mensch, oder? Du kannst nix dagegen haben, dass wir mal einen Kaffee miteinander trinken und über alte Zeiten quatschen.“

Viel Vergnügen beim Souverän-Sein, beim Locker-Bleiben, beim „So-tun-als-macht-mir-das-nichts-aus“. Denken Sie daran: Vom Knirschen lockern sich die Zahnwurzeln. Also besorgen Sie sich rechtzeitig eine Beißschiene.

Einige Uschis rufen ihre Exfreunde mitten in der Nacht an, weil die Batterien ihrer Taschenlampe gewechselt werden müssen. Und während Sie noch fassungslos über diese Dreistigkeit im Bett sitzen, ist der Neue schon in seine Jeans geschlüpft und auf dem Weg, denn Uschi ist komplett hilflos ohne ihn. Bei der Gelegenheit kann er auch gleich noch die Biotonne auf die Straße stellen, weil morgen die Müllabfuhr kommt. Hat er immerhin 10 Jahre lang gemacht.

Ja. Unser Neuer hat das alles wirklich voll verarbeitet. Merken Sie selbst, oder?

Wie Sie reagieren, bleibt Ihnen überlassen. Wobei die Gefahr bei immer noch anrufenden Uschis relativ groß für Sie ist, demnächst selbst zu einer „Uschi“ zu werden. Denn es wäre möglich, dass sich die alte Uschi fürs Mülltonne-Rausstellen mit einem Akt der Nächstenliebe bedanken möchte. Es wäre möglich, dass momentan bei ihr kein Mann in Sicht ist, und jetzt, wo Sie den Neuen klasse finden, ist er auch für Uschi wieder interessant geworden. Ehe Sie sich versehen, sind Sie die Ex. So schnell kann das gehen. Darum sollte man mit Dingen wie Souveränität oder Toleranz in solch einem Falle etwas sparsam umgehen.

Wenn Sie von Anfang an beteuert haben, dass Sie „das alles“ vollkommen verstehen und akzeptieren“, haben Sie nun mal schlechte Karten. Denn Ihr Verständnis setzt eben unausgesprochen auch voraus, dass der Neue sich weiterhin um seine Uschi kümmert. Man ist ja gelassen. Und kein bisschen eifersüchtig. Ach, trinken Sie doch einfach ein Glas Wodka. Oder lassen Sie sich endlich diese Beruhigungsmittel verschreiben. Seiner Ex haben die auch gutgetan. Die braucht jetzt übrigens keine mehr.

Uschis, die nicht loslassen können, sind die eine Seite der Medaille. Aber es gibt noch die andere Sorte: Exfreundinnen/Frauen, über die der Neue schon beim Kennenlernen so richtig vom Leder zieht. An denen er kein gutes Haar lässt, so dass Sie denken: „Das müssen wirklich üble Weibsbilder gewesen sein“ und sofort an den Film „Der Club der Teufelinnen“ mit Roseanne und Goldie Hawn denken müssen.

  • „Uschi war rasend eifersüchtig, die hat mein Handy kontrolliert und mir nachspioniert. Total verrückt, diese Frau, die bräuchte mal eine Therapie.“

Ja. Möglich. Oder sie hat schlechte Erfahrungen gemacht mit dem König der Lügen, der Ihnen gerade gegenübersitzt und dachte sich: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.“ Oft existiert ein realer Grund für tiefschürfendes Misstrauen, auch wenn der Mann ums Verrecken nicht begreifen will, dass sein hemmungsloses Fremdknutschen auf dem letzten Faschingsball sehr wohl ein Grund für Misstrauen sein könnte. Er hat doch gar nix gemacht?

  • „Uschi hat in den letzten zwei Jahren keinen Finger mehr in der Küche gerührt und was für uns gekocht. Hat immer gesagt, ich soll zum Essen gehen. Stinkfaul war die.“

Ja. Möglich. Oder er hat seinerzeit so oft an Uschi herumgenörgelt, dass ihr irgendwann die Hutschnur geplatzt ist und sie ihm die Bratpfanne an den Kopf geschmissen hat und das Nudelholz gleich hinterher. Denn die Narbe an seiner Schläfe kommt nicht vom Holzfällen in Alaska. Er will nur, dass Sie das glauben, doch in Wirklichkeit ist es eine Beziehungs-Fleischwunde. Kann man rauspolieren. Mit einer Käsereibe – falls Sie sauer sind…

  • „In unserer Wohnung hat es ausgesehen wie bei Luis Trenker im Rucksack. Das glaubst du nicht, wie schlampig die war. Nie hat die aufgeräumt. Eine richtige Messie-Frau war das.“

Ja. Möglich. Oder er selbst war die Faulheit in Person, und Uschi hatte eines Tages die Nase voll davon, ehrenamtlich und unbezahlt verschimmelte Badetücher einzusammeln und die Toilette zu schrubben. Frau will nämlich auch noch was vom Leben haben außer vom Wischwasser aufgequollene Fingerkuppen.

  • „Wir haben so gut wie gar nicht mehr miteinander geschlafen. Immer war die müde oder hatte Kopfweh.“

Ja. Möglich. Vielleicht war Uschi aber auch der Werbeblock zwischen zwei Fußball-Übertragungen einfach zu kurz, als dass sie hätte anständig in Fahrt kommen können. Und wenn mal kein Fußball lief, musste er mit seinen Kumpels feiern gehen. Da darf man schon die Lust verlieren und den Laden dichtmachen.

  • „Mit der konnte man nie was unternehmen. Immer war die erschöpft und schlecht drauf. Alles musste ich allein machen.“

Ja. Möglich. Oder Uschi hatte eine Vollzeitstelle + einen Nebenjob, um die Heizölrechnung zu bezahlen, weil „irgendwas mit Medien“ – der Job unseres Neuen – sich als Rohrkrepierer mit staatlicher Aufstockung entpuppte und Uschi einfach nicht gerne friert. Kein Wunder, dass die erledigt war. Und ob Uschi vielleicht keine Lust auf Freizeitgestaltung à la: „Jede versiffte Pilsbar sieht nach dem 14. Korn gut aus“ hatte, entzieht sich unserer Kenntnis. Denn wir hören immer nur eine Variante. Seine.

  • „Uschi war so eine militante Emanze, die hat einen förmlich kastriert. Mit der konnte man gar nicht mehr reden. Hat immer auf Gleichberechtigung gepocht. Das war, als würde Alice Schwarzer bei uns am Tisch sitzen und sie aufhetzen.“

Ja. Möglich. Oder Uschi hat lediglich darauf bestanden, dass Hausarbeit zu gleichen Teilen erledigt wird, seine schmutzstarrenden Socken nicht mehr in den Wäschepuff geschmissen und verlangt, dass er sich an den Ausgaben beteiligt. So eine Zumutung. Wieder kennen Sie nur eine Seite. Ihnen werden spätestens dann die Augen aufgehen, wenn seine dreckigen Jeans zukünftig von allein in die Waschküche wanken und er lediglich den Kühlschrank leerfrisst, aber nie etwas zum Lebensunterhalt beisteuert.

Meine Erfahrung nach all den Jahrzehnten voller Berichten frustrierter Frauen ist, dass Uschis in den wenigsten Fällen so gemein und böse sind wie behauptet. Sollten Sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen Ihres Neuen haben, empfehle ich Ihnen, obwohl es Ihnen mit Sicherheit schwerfällt, den Kontakt zur Ex zu suchen.

Meiner Nachbarin Petra erging es so ähnlich. Sie hörte über ein Jahr lang nur Horrorgeschichten über die Verflossene ihres neuen Lebensgefährten. Die hatte die Wohnung komplett vermüllen lassen, ihn kaltschnäuzig betrogen, herzlos verlassen, ihm zuvor noch den letzten Cent aus der Tasche gezogen, ihn sexuell auf das Trockendock geschickt und außerdem gemein beschimpft.

Wollte man seinen Worten Glauben schenken, war diese Frau eine Mischung aus Imelda Marcos, Lucrezia Borgia und Katharina der Großen gewesen. Immer, wenn ihre neue Liebe von seiner früheren Beziehung erzählte, konnte Petra die traurigen Geschichten gar nicht fassen und bedauerte den armen Mann, bis sie sich endlich einmal ein Herz fasste, die ominöse „bitterböse“ Dame anrief und sich mit ihr verabredete.

Völlig überrascht war Petra, als ihr, während sie mit klopfendem Herzen vor der Wohnung der Ex stand, eine liebenswerte, hübsche und humorvolle Mitt-Dreißigerin die Tür öffnete und sie sofort auf eine Tasse Kaffee in eine sauber aufgeräumte Küche einlud.

Als Petra sich mit der „Inkarnation des Bösen“ eine Weile unterhalten hatte, waren sämtliche Irrtümer ausgeräumt.

Denn diese Uschi hatte niemandem den letzten Cent aus der Tasche gezogen, sondern sich lediglich geweigert, ihr gesamtes Erspartes in eine riskante Anleihe zu investieren. In der Beziehung war auch nicht die Ex schlampig gewesen. Der den Boden bedeckende Wust aus getragener Kleidung, offenen Chipstüten, vollgeschnäuzten Küchentüchern und zerfledderten Comics hatte damals allein dem männlichen Teil dieser Wohngemeinschaft gehört. Und war beim Auszug liegengeblieben.

Diese Frau hatte niemanden betrogen, sondern nach Jahren voller halbgarer Kompromisse ermattet einen Schluss-Strich gezogen, die Beziehung beendet und etwas später einen anderen Mann kennengelernt.

„Das einzige, das diese Uschi zugeben musste, war die Sache mit dem Schimpfen“ berichtete mir Petra später grinsend. „Sie hat ihn alles Mögliche genannt, doch wie ich im Nachhinein zugeben muss, völlig zu Recht. Er hat auch mich angelogen, dass sich die Balken biegen. Und als ich ihn damit konfrontiert habe, dass ich mit seiner Ex Kontakt habe, zog es ihm förmlich den Boden unter den Füßen weg.“

Petras Beziehung endete kurz darauf, denn sie ist die Sorte Frau, die es nicht erträgt, wenn sie so dreist belogen wird. Immerhin hat sie eine neue gute Freundin hinzugewonnen, 85 überflüssige Kilos verloren und ihre Seelenruhe wiedergefunden. Das ist ja auch schon was.

Wenn Ihnen, wie einigen meiner weiblichen Bekannten, einmal ein armer Gestrandeter vor die Füße taumelt, sollten Sie genau hinhören, was er Ihnen anvertraut, wie oft, und in welchem Ton.

Bitte bedenken Sie: Wer von Anfang an schlecht über seine Ex (Ex-Frau oder Ex-Freundin) redet, der wird vielleicht eines Tages über Sie so sprechen. Dann sind Sie die Böse, das Biest, die Hexe.

Wer andererseits die Ehemalige in den Himmel hebt, bei dem werden Sie es ebenfalls nicht leicht haben. Denn die von einem Heiligenschein umgebene Vorgängerin wird Ihnen sekündlich als leuchtendes Beispiel vor Augen gehalten werden gleich einer Karotte an einer Schnur, mit der Esel zum Vorwärtslaufen motiviert werden sollen. Natürlich können Sie sämtliche Vorbehalte unter den Tisch fallen lassen und sich Hals über Kopf in eine Beziehung mit einem Mann stürzen, der soeben erst eine Partnerschaft hinter sich gelassen hat und sichtbar daran krankt.

Die tagtäglich aufgewärmten Geschichten von seiner Ehemaligen werden irgendwann aufhören. Das kann in einem Vierteljahr der Fall sein oder in zwei Jahren. Sie werden Geduld, Toleranz und jede Menge Souveränität aufbringen müssen.

Als probates Gegenmittel haben sich Schwärmereien über unsere eigenen männlichen Verflossenen bestens bewährt. Jede von uns hat doch mindestens einen aufzubieten. Manchmal muss man von der eigenen Medizin kosten, um geheilt zu werden. Und wenn der Neue tagtäglich nur Geschichten von „Heiner, dem Herrlichen“ („Der Heiner konnte zwei volle Mülltonnen auf einmal tragen, mit verbundenen Augen eine Kurbelwelle ausbauen, war schon 13mal Telefonjoker beim Fernseh-Quiz, hat gekocht wie Jamie Oliver und war und der beste Liebhaber von allen!“) hört, merkt er vielleicht, wie sich das anfühlt.

Das liegt ganz allein bei Ihnen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der richtigen Auswahl Ihrer Mittel.

Beruhigungstabletten sollten es übrigens nicht sein. Sie schaffen das auch ohne.

Und bei allen Damen, die „Uschi“ heißen, möchte ich mich im Voraus entschuldigen. Sie waren nicht gemeint. Der Name diente nur als Beispiel.

Herzlichst

Ihre

Barbara Edelmann

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„Und dann sagte der tatsächlich zu mir am Telefon, die Gründe, dass er sich von mir trennen will, seien schlechter Sex, und weil ich nicht gut tanzen kann!“ erzählte mir Michaela vor kurzem entrüstet bei einer Tasse Kaffee in einem Bistro in der Stadt, wo wir uns getroffen hatten.

Michaela ist Ende 40, dunkelhaarig, schlank, dynamisch und intelligent. Unmittelbar nach ihrem abgeschlossenen BWL-Studium verguckte sie sich in den fünf Jahre älteren Peter, heiratete ihn vom Fleck weg, gebar zwei Töchter und versorgte dann 20 Jahre lang die Familie, bis die Kinder ausgezogen waren.

Peter arbeitete während der gesamten Zeit als Informatiker im Home-Office und freute sich, dass Michaela ab sofort mehr Zeit für ihn hätte. Aber nach dem Auszug ihrer Kinder begann sie umgehend eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin.

„Ich muss hier raus“ sagte sie mehr als einmal, wenn ich sie fragte, warum sie unbedingt arbeiten gehen wollte, denn Peter verdiente genug. „Wenn ich zuhause bleibe, sitzen Peter und ich den ganzen Tag aufeinander. Das macht mich verrückt. Ich will unter Leute.“

Sie bestand ihre Ausbildung mit Auszeichnung und fand sofort eine gutdotierte Anstellung.

Peter empfing seine Frau allabendlich mit einem warmen Essen, manchmal auch mit einem kalten, denn Michaelas Schichtdienste wechselten häufig, und oft kam sie erst nachts zurück.

Er kümmerte sich um den großen Garten, fuhr den Müll zum Wertstoffhof, kaufte ein, ging mit dem Hund raus, räumte auf, fütterte die Katze, saugte Staub und kümmerte sich um alles.

„Sie bräuchte keinen Job“ erzählte er einmal, als wir zusammen essen waren und Michaela gerade auf der Toilette verschwunden war. „Das Haus ist bezahlt, uns geht es gut. Aber sie will unbedingt unter Menschen. Und wenn Michaela etwas unbedingt will, lasse ich sie machen. Sie ist dann wie eine Dampframme und nicht aufzuhalten.“

Alles lief scheinbar perfekt in den letzten Jahren. Peter engagierte sich mittlerweile in ein paar Vereinen, um nicht allein herumzusitzen, und gelegentlich sahen beide zusammen gemütlich fern bei einem Glas Wein, wo sie sich dann vertraulich anschwiegen.

Diese Ehe war zu einem gemütlichen Wohnzimmer mit bequemen Sesseln mutiert, in die man sich hineinfläzen und sich wohlfühlen konnte.

Dann, urplötzlich und unerwartet, vor knapp drei Jahren, starb Peter aufgrund eines Kunstfehlers während eines Routine-Eingriffs.

Ich war damals auf seiner Beerdigung und werde Michaelas Anblick nie vergessen, wie sie gebrochen und tränenüberströmt den Sargträgern folgte. Es tut mir heute noch in der Seele weh. Auch ich hatte Peter sehr gemocht und selten einen liebenswürdigeren, toleranteren und geduldigeren Menschen kennengelernt.

Mit einem Mal stand Michaela ganz allein da, denn die beiden Töchter lebten mittlerweile im Ausland und kamen selten zu Besuch. Mit dem abbezahlten Haus, ein paar anderen vermieteten Immobilien und Peters Witwenrente plus Michaelas Verdienst war sie finanziell gut aufgestellt.

Aber in dem leeren, stillen Haus tickten die Uhren schrecklich laut.

Nach Peters Tod war noch kein Jahr vergangen, als Michaela begann, auf Bekanntschafts-Anzeigen im örtlichen Käseblatt zu antworten und sich mit Männern zu treffen.

„Ich möchte nicht mehr allein sein“ erklärte sie mir mit Nachdruck.

„Und ich will wieder einen Partner. Ihr habt alle gut reden, denn ihr wisst nicht, wie das ist, ohne jemandem, der einem hilft. Alles muss ich selber machen, ich muss zum Wertstoffhof, ich muss diesen riesigen Rasen mähen, ich muss mich darum kümmern, dass Winterreifen aufs Auto kommen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie gut es euch geht mit euren Männern.“

Nun habe ich mir sagen lassen, dass es weltweit viele Frauen gibt, die sich selbst um Reifen, Rasen und Müll kümmern, schwieg aber, denn es ging wohl eher um die bohrende Einsamkeit, die Michaela nach Peters Tod erfasst hatte und nicht mehr losließ.

Immerhin waren die beiden ein Vierteljahrhundert zusammen gewesen. Michaela hatte noch nie einen anderen Mann gekannt, und ihr Leben kam ihr vor wie eines dieser Vexierbilder mit einem Schattenriss statt einer Person an ihrer Seite – einer kahlen Stelle, die täglich schmerzte.

Niemand wartete auf sie, wenn sie müde von der Arbeit nach Hause kam, um mit ihr ein Glas Wein zu trinken. Niemandem konnte sie erzählen, wer sie heute wieder geärgert hatte. Nur die Uhren tickten immer lauter.

Sie war einsam. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

Also warf sie sich mit Schwung in den Dating-Markt. Ich getraute mich nicht, sie zu fragen, ob sie sich dafür schon mental bereit fühlte, denn sie schien beängstigend entschlossen, schnellstmöglich die Stille im Haus wieder zu vertreiben.

Es lief offen gestanden nicht so gut. Sie lernte bei jedem Rendezvous neue, aufregende Dinge, denn, seitdem sie 20 gewesen war, hatte sich einiges geändert. Die für sie in Frage kommenden Männer waren nämlich auch älter geworden. Und anspruchsvoller.

Genau wie Michaela übrigens, nur wollte sie das nicht wahrhaben. Sie selbst hatte für ihre Vorstellung von einem neuen Partner ein gnadenloses Raster angelegt. Geld sollte er haben (aus Paritätsgründen). Einen guten Beruf sollte er haben. Charmant sollte er sein. Zärtlich, aufmerksam, unternehmungslustig. Sie hofieren und umschmeicheln.

„Ich möchte umworben werden“ erklärte sie mir. „Ich möchte händchenhaltend mit ihm spazieren gehen und wissen, dass immer jemand für mich da ist.“

Ach Michaela. Ich selbst möchte gern den großen Topf mit Gold am Ende des Regenbogens. Aber ich habe ihn nie gefunden.

Mit einem dieser Inserat-Bekanntschaften traf sie sich zwei Monate lang. Er ließ kein einziges gutes Haar an ihr. Apropos Haar: Es störte ihn, dass sie es selten offen trug. Auch ihr Brünett war ihm zu eintönig. Er bemängelte ihre Kleiderwahl, ihre Beine und ihren Musikgeschmack. Nichts war ihm an Michaela gut genug. Trotzdem gingen die beiden wandern oder fuhren gelegentlich an einen Badesee. Und Michaela trug ihr Haar in der ganzen Zeit offen und nur noch Kobaltblau, denn das hatte Monsieur für sie als gut befunden.

„Ich finde unverschämt, was er alles zu dir sagt. Was ist das denn für einer?“ wollte ich erbost wissen, denn ich konnte es nicht fassen, was eine intelligente Frau wie Michaela sich alles gefallen ließ.

„Er sieht toll aus und hatte schon 25 Jahre lang keine Beziehung mehr, nur Affären“ erklärte mir Michaela, scheinbar tief beeindruckt. Vielleicht glaubte sie, diejenige zu sein, die den flotten Junggesellen zur Einsicht bekehren könnte.

Ach Michaela, ich hätte dir gleich sagen können, dass das nix wird. Schon bei der Aussage „seit 25 Jahren keine Beziehung mehr“ hatten bei mir alle Alarmglocken geschrillt.

Nachdem er zwei Monate lang an Michaela herumgenörgelt hatte, meldete sich der Ladykiller nicht mehr. Vermutlich hatte er jemand anderen zum Kritisieren gefunden. Wenigstens befolgte sie meinen Rat und rief ihn nicht an, um zu fragen, was sie falsch gemacht hatte.

Der nächste Typ schlief drei Mal mit ihr und verschwand dann wieder vor dem Frühstück. Sicherheitshalber änderte er seine Telefonnummer. Und wo er wohnte, wusste Michaela ohnehin nicht. Sie war nicht so neugierig oder an seiner Persönlichkeit interessiert – sie war nur auf der Suche, um nicht mehr allein zu sein. Wenngleich auch auf eigenwillige Art und Weise.

Mittlerweile gab sie auch selbst Anzeigen in der Zeitung auf und sortierte nach einem strengen Schema die eingehenden Briefe:

„Der wohnt zur Miete, der will sich bei mir nur ins gemachte Nest setzen.“, „Der hat einen Hund, ich will keine Haare auf dem Teppich.“, „Der ist mir zu alt (5 Jahre älter), ich brauche einen, der so aktiv ist wie ich.“, „Der wohnt zu weit weg, 80 Kilometer. Da geht eine Menge für die Fahrzeit und Benzin drauf.“, „Der mag nur Oldies, ich aber Schlager, da können wir ja nie auf ein Konzert.“, „Der hatte schon mal einen Herzinfarkt, ich will doch keinen Pflegefall.“, „Der ist mir zu stämmig und hat einen Bart. Man kann sich doch pflegen, muss ich ja auch.“, „Der war mal wegen Depressionen in Behandlung. Ich bin kein Kummerkasten.“, „Der ist Vegetarier, das macht nur Probleme.“, Und so weiter.

Es blieben trotzdem immer noch genügend einsame Herzen übrig. Michaela absolvierte ein Blind Date nach dem anderen. Sie traf sich mit wildfremden Männern, ging mit ihnen zum Essen oder zum Tanzen, nahm sie mit zu sich nach Hause … und hörte dann nichts mehr von ihnen.

„Die sind alle so verbittert“ klagte sie. „Die haben miese Erfahrungen mit Frauen gemacht und denken jetzt, ich bin ganz genauso. Dabei kann man mit mir so viel Spaß haben!“

Tja, Michaela. Mit gelebtem Leben ist das wie mit einer großen Plastiktüte voller Ballast. Alle Erlebnisse schleppt man mit sich herum. Manche dieser Tüten sind so prall gefüllt, dass sie sogar auf dem Boden schleifen und man sie gar nicht mehr tragen kann. Und du, Michaela, schleppst auch eine dieser Tüten voller Erinnerungen, die dich daran hindern, dich auf Neues einzulassen. Du hast es nur noch nicht bemerkt.

Jeder dieser Herren, mit denen Michaela sich traf, hatte schon Beziehungen gehabt oder war verheiratet gewesen. Alle hatten irgendeinen Anhang, etwas, das sie verpflichtete, etwas, um das sie sich kümmern mussten. Alle pflegten ihre Ansprüche und ganz eigene Vorstellungen von einem Lebenspartner. Genau wie Michaela.

Vor ungefähr 3 Monaten rief sie mich wieder an. Sie hatte sich erneut jemanden geangelt, den sollte ich unbedingt kennenlernen („Der gefällt mir wirklich gut!“) und deshalb mit ihr und dem „Neuen“ zum Essen gehen.

„Freut mich, mach ich gern“ sagte ich. „Wie alt ist er denn?“ „Ich habe keine Ahnung, ehrlich“ antwortete Michaela nach kurzem Nachdenken.

„Ja, und was macht er beruflich?“ wollte ich wissen. „Irgendwas im Büro, glaube ich“ meinte sie. „Aber ich habe nicht gefragt.“ „Was weißt du denn überhaupt von ihm?“ Ich konnte mir diese Frage nicht verkneifen.

„Naja, er geht gern aus, genau wie ich. Und ich finde, er ist attraktiv.“

Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

Der Abend mit dem ominösen Martin erwies sich als schwierig. Die Zeit tröpfelte dahin wie Sirup. Martin war der wortkargste Mensch, den ich je getroffen hatte. Obwohl ich nur plauderte und ihn nicht ausfragte, musste man ihm jede Antwort aus der Nase ziehen.

Michaela schien das nicht zu bemerken. Sie redete für zwei, lachte zu viel und beschloss, ohne Martin zu fragen, dass wir zusammen einen Ausflug in eine mittelalterliche Stadt machen würden. Da schaute er schon etwas verkniffen. Ich registrierte es. Michaela nicht.

Martin habe ich nie wiedergesehen. Kurz nach diesem Abend rief er Michaela an und erklärte ihr, wie eingangs erwähnt, dass der Sex genau wie ihre Tanzschritte schlecht gewesen seien und er deshalb nicht mehr käme.

„Ich weiß nicht, was dieser Mensch hatte“ klagte sie. „Weil ich ihm sogar angeboten habe, einen Tanzkurs zu machen. Du siehst, ich bin bereit, mich zu verändern.“

Ganz ehrlich – ich bezweifle, dass ein Tanzkurs etwas verbessert hätte. Wenn ein Mann so weit geht, einer Frau schlechten Sex vorzuwerfen, dann ist Hopfen und Malz verloren, denn „schlechter Sex“ bedeutet bei Männern in den meisten Fällen „gar kein Sex“, mehr nicht. Anstandshalber hätte er aber auch behaupten können: „Deine Fenster waren nicht sauber geputzt.“ Das wäre nicht so gemein gewesen.

Ich habe Michaela übrigens tanzen gesehen. Sie bewegt sich hölzern und steif, als hätte man sie auf ein Brett genagelt.  Und – für guten Sex gibt es, glaube ich, nicht viele Kurse. Trotzdem fand ich den Vorwurf von Martin ungerechtfertigt, denn Peter war Michaelas erster und einziger Mann gewesen und daher auch ihre einzige sexuelle Erfahrung.

Ihr neues Leben verlangte scheinbar auch eine komplette Um-Orientierung beim Geschlechtsverkehr. Etwas, das sie so gar nicht interessierte, wie sie mir mal eingestanden hatte.

Ich vermute, für Michaela ist Sex wie Autofahren: etwas, das man tun muss, um von A nach B zu kommen – in ihrem Fall vom Abend des Kennenlernens bis zum nächsten Morgen. Damit man die Zeit irgendwie rumkriegt. Und wenn wir schon bei Metaphern sind, Michaela fuhr eben einen praktischen, benzinsparenden Kleinwagen, während die Herren sich vielleicht einen Maserati gewünscht hätten. Immerhin sieht sie wie einer aus. Michaela ist nämlich sehr hübsch.

Nach der Sache mit Martin schien sie irritiert, bezog aber weiterhin ihre männlichen Bekanntschaften aus der Spalte „Hallo Partner“ des Käseblattes (gratis…) und traf sich mit jedem, der mit einer Verabredung einverstanden war.

Ich wollte ihr dringend raten, sich nicht so unter Wert zu verkaufen. Nicht gleich mit jedem zu schlafen, der sie darum bittet. Darum suchte ich das Gespräch mit ihr.

Es war sinnlos.

„Sei du nur still“ meinte sie bockig. „Du hast einen Mann. Ich will auch endlich wieder einen. Und dafür mach ich eben alles.“

Sehen Sie – und genau das stimmt nicht.

Michaela machte eben nichtalles. Sie ist nichtauf der Suche nach einem Mann fürs Leben, nach jemanden, auf den sie sich mit Haut, Haaren und Herz einlassen kann  – sie ist auf der Suche nach einem Ersatz für ihren verstorbenen Peter. Weil sie glaubt, sie könnte, wenn sie ein wenig Glück hat und eifrig genug inseriert, da weitermachen, wo sie gezwungenermaßen aufhören musste.

Ihr „Neuer“ sollte genau das tun, was Peter immer getan hat: Haus und Garten in Ordnung halten, gelegentlich für sie kochen und für Michaela Zeit haben, wenn sie Muße dafür hat.

Er soll für sie da sein, wenn sie ihn braucht. Sich nicht drum scheren, wenn sie ihn nicht braucht. Sie unterstützen, aber nur, wenn sie das möchte. Mit ihr zum Tanzen gehen, ihre Hand halten und sie umwerben.

Er sollte nicht krank werden, nicht zu viel von sich zu erzählen („Ich habe einen harten Job und will mich amüsieren, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, keine Probleme wälzen“), immer unternehmungslustig sein („Ich bin offen für alles).“

Michaela sucht einen Animateur oder einen Alleinunterhalter. Einen Lebenspartner braucht sie nicht. Denn dann würde sie darüber nachdenken, warum es sie nicht interessiert, was all diese Männer arbeiten, denken oder fühlen.

Nie fragt sie einen: „Hast du Kinder? Verwandte? Sehnsüchte? Träume? Hobbies? Woher stammt die kleine Narbe am Kinn?“

Es ist ihr egal.

Sie will jemanden, der sich genau in diese leere Stelle einfügt, die Peter hinterlassen hat. Als hätte sie einen Lego-Stein verloren. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird sie trauriger und verzweifelter, weil keiner so richtig „passt“. Und wenn sie einen findet, der wenigstens einen kleinen Teil ihrer Vorstellungen abdeckt, dann verschwindet er wieder, sobald er merkt, dass Michaela selbst zu keinerlei Kompromissen bereit ist.

Klar hätte sie einen Tanzkurs mit Martin absolviert, weil er ihr vorwarf, sie sei zu hölzern und unmusikalisch. Mit dem nächsten geht sie vielleicht sogar zur Rotwildjagd. Oder zum Fallschirm-Springen. Schlafen wird sie mit allen. Aber sie wird das absolvieren wie Autofahren. Weil sie denkt, es sei nötig, um mit diesem oder jenem Mann die Zeit von Montag bis Freitag zu überstehen. Sie macht Zugeständnisse, weil sie selbst eine Menge davon fordert. Mit dem Herzen ist sie nie dabei.

Michaela erledigt die Partnersuche streng pragmatisch.  Vielleicht ist ihr gar nicht bewusst, dass ihr Herz immer noch an Peter hängt und über den Verlust mehr trauert, als sie sich eingestehen will. Vielleicht weiß sie gar nicht, wie sehr sie ihren immer anwesenden, immer lächelnden, immer toleranten Mann geliebt hat. Denn „Liebe“ existiert in Michaelas Universum nur im Fernsehen und ist eine Luftnummer für Träumer und Utopisten. Es ist der Alltag, der sie beschäftigt. Das Reifenwechseln, das Einkaufen, der Müll, der Rasen, das stille Haus.

Abgesehen davon, dass man sich nie so unter Wert verkaufen sollte, wie Michaela das momentan tut, indem sie wahllos mit Zufallsbekanntschaften schläft, nimmt auch ihre Seele immensen Schaden. Man hört ihr die Abgeschlagenheit an, wenn sie spricht. Ihre Augenringe sind riesig, die Falten neben den Mundwinkeln tief eingegraben, und sie ist erschreckend dünn geworden.

Mit Ende 40 wäre es an der Zeit, einzusehen, dass ohne Kompromissbereitschaft, ohne ein paar kleine Abstriche an die eigenen Ansprüche, keine funktionierende Partnerschaft möglich ist. Denn so ein Arrangement wie mit Peter wird sie sich nicht mehr zimmern können. Peter war einmalig, ein wunderbarer Mensch mit einem gerüttelten Maß an Geduld und Toleranz. Er akzeptierte Michaelas Freiheitsdrang, ließ sie gehen, wenn sie gehen wollte und empfing sie herzlich, wenn sie kam.

Peter war eine Selbstverständlichkeit für Michaela. Und wie das oft ist mit Selbstverständlichkeiten, wissen wir sie erst zu schätzen, wenn wir sie nicht mehr haben.

Sie wird verdammt lange suchen müssen, um jemanden zu finden, der ihm ähnelt. Sie wird in viele Betten schlüpfen müssen, enttäuscht aus vielen herauskriechen und dann das nächste Inserat aufgeben.

Michaela ist eine Art emotionaler Legastheniker. Sie versteht die Sprache des Herzens nicht und nicht die der Begierde. Sie versteht nicht das Spiel zwischen Lust und Überdruss, das Flirten und Zurückweisen,  das langsame Annähern, das zurückhaltende Öffnen für den anderen und die Enttäuschung, wenn man bemerkt, dass da nichts ist.

Michaela verlangt etwas und bietet etwas – nach bester betriebswirtschaftlicher Manier. Aber weil sie recht viel verlangt, müsste sie auch ziemlich viel bieten. Angebot und Nachfrage, so läuft das in der freien Marktwirtschaft.

Das versteht sie aber nicht, denn für Peter hat es immer gereicht.

Die Seele fehlt bei allem, was sie tut. Ihre Dates laufen ab wie eine Vorstandssitzung. Sie hat es mir erzählt. Und spätestens beim Nachtisch, wenn Michaela die „Verhandlungspunkte“ auf den Tisch knallt und damit beginnt: „Ich will das und das und das…“ nehmen sensiblere Gemüter Reißaus. Es ist nicht schlau, das Fell zu zerteilen, ehe man den Bären geschossen hat, Mädel.

Sicher wird sie immer wieder jemanden finden, der mit ihr schläft. Die meisten Herren der Schöpfung schlagen nicht gern ein Gratis-Angebot aus. Dafür bekommt sie kurzfristig Gesellschaft, eine Unterhaltung beim Abendessen und vielleicht sogar einen Ausflug an einen schönen See. Meistens aber zahlt sie im Restaurant selbst und im Bett drauf.

Alles kostet immer etwas, aber leider in einer Währung, die Michaela derzeit nicht vorrätig hat: Gefühl.

Irgendwann taucht vielleicht wirklich einmal einer auf, der in ihr Raster passt. Jemand mit einer Immobilie, um die er sich nicht viel kümmert, so dass er Zeit für Michaelas Garten hat. Einer mit viel Freizeit, die er bereit ist, Michaelas straffen Schichtplänen anzupassen.

Einer ohne Haustiere oder Anhang, einer, der sein Leben lang nur auf sie gewartet hat.

Einer, der Rosen bringt und seine schmutzige Wäsche mitnimmt („Ich habe lange genug den Haushalt gemacht, tue ich nicht mehr“), einer, der den Müll wegfährt und den Kühlschrank füllt, weil Michaela das nämlich immer vergisst.

Vielleicht kommt einer, der ihren Tanzstil super findet, für den Sex eine unwichtige Nebensache ist, der auf alle Forderungen eingeht und nichts verlangt.

Ich hoffe für sie, dass irgendwo so einer auf sie wartet, der nur bis jetzt die „Hallo Partner“-Spalte noch nicht gelesen hat.

Eine gemeinsame Nacht ist oft nicht der Startschuss in ein Leben zu zweit. Ein Abendessen ist kein Versprechen. Sex ist kein Klebstoff für geschundene Seelen. Und Pragmatismus ein schlechter Ratgeber, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Das Leben stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Es ist gemein, es ist hart, es ist manchmal sehr grausam. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und Vorstellungen aus Beton zerbersten irgendwann an der rauen Wirklichkeit.

Wer Liebe will, muss Liebe geben. Wer Gefühle verlangt, muss sie empfinden können. Wer Sex will, sollte wissen, wie Lust sich anfühlt.

Und wer alles will, wird am Ende nichts bekommen.

Wissen Sie was? Ich glaube, ich rufe Michaela jetzt gleich mal wieder an. Dass ich sie mag, kann sie nämlich spüren. Das ist ein Anfang.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bilndnachweis: pexels.com

Haben Sie schon mal einen Zerstäuber vor Ihr Gesicht gehalten und dann gepumpt? Man wird nicht wirklich nass, es sind nur Mikropartikel einer Flüssigkeit, die Ihre Haut benetzen und ein kurzes feuchtes Gefühl hinterlassen. Genauso ist es auch mit der sogenannten „virtuellen Realität“, die einen nicht wirklich berührt, sondern nur berieselt.

Stellen Sie sich bitte jetzt einen gigantischen Zerstäuber vor, eine Düse, durch die Sie mit Milliarden von Aversionen, Vorlieben, Abneigungen, Neuigkeiten und leider auch Hass und Selbstgerechtigkeit berieselt werden.

Ja, ich  spreche von Facebook. Es ist voller Stimmen, die sich zu einem gigantischen Raunen, Flüstern, Wispern und Rufen vereinigen.

Einige dieser Stimmen sind nur ein Flüstern im Wind, das sich zwischen redundanten Nachrichten, Spendenaufrufen und Katzenbildchen verliert und dann verstummt.

Andere schreien geradezu ihre Einsamkeit in diese schillernde, bizarre Scheinwelt hinaus – nur hört leider keiner von uns mehr richtig zu.

Weltweit existieren 2,34 Milliarden Facebook-Nutzer, von denen 1,47 Milliarden täglich aktiv sind. Wie ich der Seite „statista.de“ entnommen habe, gibt es allein in Deutschland 26 Millionen Menschen, die man als sogenannte „monatliche User“ bezeichnet, also Personen, die regelmäßig ihren Newsfeed kontrollieren und sich umsehen, was die Netzgemeinde zu bieten hat.

Facebook ist ein bunter Bilderreigen, versetzt mit Einzelmeinungen, unterlegt mit Parolen, garniert mit Witzen oder Aufforderungen zu Spenden oder ehrenamtlichem Engagement. Theoretisch könnte ich mit sämtlichen 2,34 Milliarden Nutzern weltweit interagieren, sofern diese es zulassen. Dieser metaphorische „Zerstäuber“, durch den Sie sich berieseln lassen, ist also imposant groß.

Ich zum Beispiel habe eine große Menge regionaler und überregionaler Online-Zeitungen abonniert, weil ich mich gern umfassend informiere. Sie können aber auch lediglich Back-Blogs abrufen oder die neueste Kinovorschau. Das bleibt Ihnen überlassen.

Bis auf ein paar leicht zu erkennende Fake-Profile, selbsternannte „Kreditvermittler“ aus allen Teilen der Welt (auf die Sie hoffentlich nicht hereinfallen), einige Romance-Scammer (also beispielsweise falsche Army-Soldaten, die sich in Ihr Leben und Ihr Portemonnaie schleichen wollen) oder militante Anhänger von extremen Parteien sind Facebook-Nutzer Menschen wie Sie und ich.

Alle essen und trinken, steuern ein Kfz (obwohl ich bei einigen hoffe, sie tun es nicht, ja, dich meine ich, der du dich immer mit leeren Wodkaflaschen und voll wie eine Haubitze präsentierst!), alle haben Wünsche, Träume, Hoffnungen, ein Programm, eine Botschaft … oder sind verzweifelt und einsam.

So gut wie niemand bemerkt sie: die verlorenen Seelen, die stummen Mitleser bei eskalierenden Kommentar-Diskussionen, einsame Poster, die höchstens einmal pro Woche einen Beitrag verfassen, den niemand beachtet, niemand kommentiert, niemand teilt.

Rufer in der Nacht sind sie, die vergeblich in dieses summende Vakuum schreien in der Hoffnung, dass jemand antwortet oder sich ihrer annimmt.

Manche von ihnen fühlen sich besser, wenn sie einen Teil ihres Leids einer breiten Netzgemeinde kundgetan haben und merken vermutlich nicht einmal, dass diese „Zuschauerschar“ von merkwürdigen, vermutlich nicht mal für Facebook wirklich verständlichen Algorithmen abhängig ist, der sie aus dem Raster wirft. Facebook bestimmt nämlich, wer mit Ihnen interagieren kann, wer Ihre Beiträge zu lesen bekommt.

In Großbritannien oder den USA bekommen Sie nur Kredit, wenn Sie eine sogenannte „credital history“ vorzuweisen haben. Sie müssen also beweisen, dass Ihnen irgendjemand schon mal Geld geliehen hat, um welches zu bekommen.

Facebook macht es genauso. Je mehr Likes Sie für Ihre Beiträge erhalten, umso mehr Menschen werden Ihre Postings angezeigt.

Und die im Mahlstrom zwischen schon morgen überholten Neuigkeiten und oberflächlichen Wochenend-Wünschen Untergegangenen – die hört niemand mehr schreien. Dafür haben sie nicht ausreichend Likes bekommen.

Meistens sind sie ganz leise, diese Gestrandeten. Niemand achtet auf sie. Niemand widmet ihnen Aufmerksamkeit, denn das wäre lästig. Wo man doch so beschäftigt damit ist, Fotos seines Abendessens hochzuladen, über die Ortungsdienste mitzuteilen, in welcher Kneipe man gerade den Nachspeisenteller verdrückt hat oder wo man momentan am Strand liegt. Meistens.

Sie schreiben so gut wie nie Kommentare auf vielbesuchten Seiten, nein, sie senden mit einer Hoffnung, die keine mehr ist, in diese virtuelle Dunkelheit, die sie umgibt und wünschen sich, dass es vielleicht einer mal hört. Dass irgendjemand sich für sie interessiert. Weil nichts für die menschliche Psyche so schlimm ist wie die Vorstellung, dass das eigene Dasein für niemanden relevant ist. Ich poste, also bin ich.

Jede Existenz sollte einem Zweck folgen, so hat man es uns beigebracht. Nur wer arbeitet, ist ein guter Mensch. Nur wer morgens aufsteht, nur wer sozialverträglich jovial und gutgelaunt bleibt, gehört dazu.

Alles andere wird ignoriert und weggeklickt. Man ist irritiert, man ist manchmal abgestoßen, manchmal ist man voller Mitleid und oft einfach nur ratlos, was mit denen zu tun ist, die durchs Raster fallen, die aus dem Rattenrennen um die guten Jobs, die schönen Wohnungen, die neuen Autos, gekickt worden sind mit einem Arschtritt. Denn das Leben ist in den seltensten Fällen fair.

Manchmal sind die verlorenen Seelen einfach nur vergessen worden. Manchmal sind sie aus dem gerutscht, was wir als „normales Leben“ bezeichnen und damit sozialverträgliche Existenzen meinen, die uns nicht groß auf den Wecker gehen. Was nicht der Norm entspricht, wird ignoriert und weggeklickt. So einfach ist das in der schönen neuen Welt, von der wir angeblich alle was haben sollen.

Oft haben diese vereinsamten Existenzen sogar eine Freundesliste, die aus ein paar ausländisch klingenden Namen besteht. Vielleicht sind das verlorene Seelen von der anderen Hälfte des Erdballs, ich weiß es nicht.

Nehmen wir Lilly zum Beispiel (Name geändert). Ich bin durch Zufall im Forum einer großen Online-Zeitung über ihren absolut wirren, in keinem Zusammenhang zum Artikel stehenden Kommentar gestolpert. Was sie schrieb, klang so daneben, dass ich mir ihr Profil anschaute. Eine geschlagene Stunde las ich, was Lilly dort von sich preisgegeben hatte, und das war eine ganze Menge.

Wie gesagt, ich weiß von ihr eigentlich nichts, und doch viel zu viel. Sie hat sich auf eine irritierende Weise entblößt, wie jemand, der zwar sein Gesicht verhüllt, aber der ganzen Welt seinen nackten Hintern zeigt.

Lilly veröffentlicht ihren Bewilligungsbescheid für Hartz IV inklusive ihres kompletten Namens und ihrer Anschrift, sie postet an sie gerichtete SMS mit Droh-Inhalten, sie stellt Bilder aus ihrer Kindheit ein, Fotos von ihren Großeltern und die Anordnung eines Gerichts bezüglich der Unterbringung ihres Vaters in einem Pflegeheim.

Sie ist eine dieser verlorenen Seelen, die ich meine. Ihr ganzes Profil schreit nach Hilfe. Und keiner hört ihr zu.

Mal veröffentlicht sie Bilder der Benzinstands-Anzeige ihres Wagens mit der Behauptung, am Vortag sei der Tank noch randvoll gewesen, was bedeuten würde, dass ihr nachts Sprit abgezapft wurde. Mal behauptet sie, ihre Möbel würden heimlich verschoben, der Herd von der Wand weggezogen und ihre persönlichen Habseligkeiten durchwühlt.

Einmal bittet sie herzzerreißend: „Papa, komm zu mir zurück, ich hab dich doch so lieb. Warum meldest du dich nicht bei mir?“

Aber am besten ist Lilly beim Schimpfen. Stellen Sie sich einfach eine Tirade vor, die in etwa so klingt: „Ihr …., ich hasse euch alle, ihr …., …. euch doch, ihr könnt mich alle mal…. ihr ….. und du….. ganz besonders, du …. Stück.“ Und so weiter. Etliche dieser Bezeichnungen kannte ich noch nicht mal. Sie ist recht kreativ. Laut ihrem Profil findet sie übrigens Satan cool. Naja, jeder wie er will.

Wie gesagt: Da ist der nackte Hintern, also all die hässlichen Dinge in ihrem Leben, die ihr geschehen, und da ist das verhüllte Gesicht, denn ich habe keine Ahnung, wie alt Lilly ist. Genau ein einziges Selfie findet sich auf ihrer Seite. Darauf ist eine bildhübsche, alterslos wirkende Frau zu erkennen mit einem strahlenden Lächeln, die einen lebenslustigen, heiteren Eindruck macht.

Ein Facebook-Foto eben.

Gelegentlich entschuldigt sich Lilly für ihre Rechtschreibung, dabei ist diese das einzige, das ich bei ihrem Profil für unbedenklich halte. Sogar ihre erfundenen Schimpfwörter, die sich aus zwei bis drei Fäkalbegriffen zusammensetzen, sind orthographisch korrekt. Sie hat also eine gute Schulbildung genossen.

Wenigstens ist sie gerecht und hasst jeden gleichermaßen.

Seitdem ich ihr verwirrendes Profil durch Zufall entdeckte, schaue ich regelmäßig nach ihr, nur damit sie nicht ganz vergessen ist, denn sie scheint mir sehr allein zu sein. Irgendjemand oder irgendetwas hat ihr wohl mal sehr wehgetan.

Einsamer als Lilly kann wohl niemand sein. Verwandte haben den Kontakt abgebrochen, das weiß ich, weil Lilly die SMS veröffentlichte. Und ihr Exmann droht ihr offen mit Ungemach, bei dem eine Eisenstange und jede Menge Wut mit anschließender schwerer Körperverletzung eine Rolle spielen. Ich hoffe, er kriegt sie nicht zu fassen.

Wissen Sie, ich bin ein freundlicher Mensch und helfe gern. Aber um Lilly würde ich im echten Leben einen großen Bogen machen, denn sie ist wohl einmal zu oft zerbrochen worden. Ich weiß nicht, was ihr angetan wurde, als Kind oder auch als Erwachsene. Aber dass da ein verzweifelter Mensch nach Hilfe schreit und keine Resonanz erhält, das macht mich ratlos.

Lilly ist nicht die einzige verlorene Seele, nach der ich ab und zu sehe. Da gibt es noch ein verrücktes kleines Mädchen. Auf all ihren Fotos wirkt sie sehr kindlich und verloren, höchstens 18 Jahre alt. Sie haust allein in einer düsteren Kellerwohnung, umgeben von Meerschweinchen und Katzen und ist bemüht, mit Selbstgebasteltem aus Dingen, die sie auf Wiesen und in Wäldern findet, diesem Wohnklosett mit Kochnische ein heimeliges Flair zu verleihen. Wenn man ihre Selfies sieht, möchte man sie in den Arm nehmen und drücken, nur um ihr das Gefühl zu geben, sie ist nicht ganz allein.

„Maya“ (geändert) heißt sie. Und sie richtet alle ihre Beiträge an einen Jungen, den sie „Knuddel“ (geändert) nennt, und der nie antwortet. Maya möchte gern mit Knuddel durchbrennen, der sich – ihren Aussagen zufolge – in einer geschlossenen Einrichtung wie zum Beispiel einer Entzugsklinik befindet. Oft schmiedet sie wirre Ausbruchspläne.

Aber „Knuddel“ hat entweder kein Internet, oder er existiert überhaupt nicht. Wenn es ihn aber gibt, und er brennt eines Tages tatsächlich mit Maya durch, wer wird sich um die Meerschweinchen und die Katze kümmern?

Neulich hat sie einen Stein fotografiert  und das Bild veröffentlicht. All ihre Fotos kommentiert sie selbst als einzige. Facebook ist Mayas Tagebuch, aber keine besorgte Mutter will wissen, was drinsteht. Das ist so traurig.

Warum ist dieses zierliche, verloren wirkende Mädchen so einsam? Warum muss sie, die offensichtlich eine helfende Hand bräuchte, einen Sozialarbeiter oder einen Therapeuten vielleicht, ganz allein in einer kalten, dunklen Wohnung klarkommen? Ist das dieses System, dieses soziale Netz, das alle so loben?

Oder möchte sie es so haben?

Als nächstes wäre da Paul (geändert), Frührentner und auf Mindestsicherung angewiesen. Früher befand er sich einmal in meiner Freundesliste und postete des Öfteren, dass er vorhätte, von einer Brücke zu springen.

Ich schrieb ihn daraufhin an. Nachdem er mir sein Leid geklagt hatte: vormals höherer Angestellter, heute Rentner, muss Abfall essen (Zitat), Wohnung schimmelt vor sich hin, keine Familie, keine Freunde, überwies ich ihm 100 Euro in der Hoffnung, er würde sehen, dass die Welt nicht ganz schlecht ist. Dass er nicht allen Leuten so gleichgültig ist, wie er denkt.

Er nahm das Geld, dann entfreundete und blockierte er mich umgehend.

Ach Paul, ich habe noch einen Account, du Dummdödel. Und ich habe mir Sorgen gemacht, obwohl du mich nichts angehst. Obwohl du schmuddelig aussiehst und einen irgendwie verwahrlosten Eindruck machst. Vermutlich hast du dich selbst schon aufgegeben.

Ich habe Paul sogar mal gegoogelt, als er ein paar Wochen nichts postete, weil ich dachte, er hätte seine Drohung wahrgemacht. Während meiner Internet-Recherche erfuhr ich staunend, dass sogar ein ausführlicher Zeitungsartikel über ihn existierte. Verblüfft las ich, dass ihm die Stadt Taxifahrten zum Arzt, aufgrund seiner Gehbehinderung, sowie eine Haushaltshilfe finanziert. Todesanzeige entdeckte ich keine. Das war es, was ich wissen wollte, und erleichtert lehnte ich mich zurück.

Ich gebe zu, Paul ist arm dran. Er hatte vorher ein etwas ausgedehnteres Leben, wie ich es nenne. Konnte zweimal jährlich in Urlaub fliegen, sich etwas leisten, und verdiente gutes Geld.

Dann kam dieser Unfall, und er war weg vom Fenster.

Der soziale Abstieg, den wir alle fürchten, und den viele leider schon hinter sich gebracht haben, setzt einem zu. Mehr als man glauben möchte, wenn man selbst der eigenen Meinung nach noch relativ fest im Sattel sitzt.

So lief es auch bei Walter (geändert). Nach einer unerquicklichen Scheidung zog er seine beiden Söhne allein groß, während er nebenher noch eine kleine mittelständische Firma mit ein paar Angestellten führte. Er kochte täglich frisch für die Kinder, bügelte, wusch, machte Hausaufgaben mit seinen Sprösslingen und abends die Buchführung, war immer gut drauf, immer aktiv, und in jeder Lebenslage hatte er einen Scherz auf den Lippen.

Dann wurden Walters Eltern krank und verstarben beide innerhalb desselben Jahres. Er pflegte sie aufopfernd bis zum bitteren Ende, musste anschließend deren Wohnung auflösen und löste dabei aus Versehen auch noch nebenbei seine Firma und seine langjährige Beziehung auf, denn er hatte vor lauter Kummer angefangen zu saufen, und zwar mehr als genug.

Seine Söhne waren mittlerweile erwachsen geworden und ausgezogen. Nun saß Walter mittellos nach einer demütigenden Insolvenz in seiner Altbauwohnung mitten in der Großstadt, als auch noch die Kündigung wegen Eigenbedarf ins Haus flatterte und er sein Zuhause räumen musste.

Pleite, so gut wie immer verkatert und ohne Aussicht auf einen Job trotz einer gediegenen Ausbildung zum Handwerkermeister eine Wohnung zu finden, ist auch nüchtern schon schwer genug. Walter war damit überfordert.

Eine Bekannte ließ ihn im Souterrain ihres Hauses für eine lächerlich geringe Miete unterschlüpfen. Dort versuchte Walter weiterhin, auf die Beine zu kommen. Allerdings verweigerte er hartnäckig staatliche Unterstützung, vermutlich wegen der strengen Reglementierung, der er sich als ehemaliger Selbständiger nicht ausgesetzt sehen wollte, und pumpte stattdessen seine paar übriggebliebenen Freunde an.

Ich war einer davon.

Natürlich zahlte er nie etwas zurück. Genauso wenig wie Miete für die winzige Wohnung im Haus seiner Bekannten.

Er spielte toten Käfer, beantwortete keine Nachrichten mehr und ging nicht mehr ans Telefon. Vermutlich hoffte er, seine Gläubiger würden sich, wenn er nur lange genug durchhielte, in Luft auflösen.

Da er mich aus seinem Leben gestrichen hatte, blieb mir nur, ihn gelegentlich auf seiner Facebook-Seite zu „besuchen“, um zu erfahren, ob er denn überhaupt noch lebte.

Er verfasste Beiträge in verschwurbeltem Deutsch über Nichtigkeiten und gab sich allergrößte Mühe, bei seinen knapp 300 Facebook-Freunden dein Eindruck aufrechtzuerhalten, bei ihm sei alles wunderbar in Ordnung.

Regelmäßig veröffentlichte er Ergebnisse von Online-Quiz-Spielen, bei denen er selbstverständlich immer überragend abgeschnitten hatte, ließ alle an tiefschürfenden Gedanken über Gott und die Welt teilhaben und fotografierte ab und zu sein liebevoll angerichtetes Essen.

Wer ihn nicht kannte, musste glauben, er hätte alles im Griff. Das war wohl der Sinn der Sache. Und trotzdem hörte ich ihn rufen. Sehr laut sogar.

Dann verkaufte seine Bekannte das Haus, denn Walter hatte ewig weder Miete noch Nebenkosten bezahlt, und sie konnte es nicht mehr halten.

Walter teilte seinen 300 „Freunden“ mit, dass er ein neues Zuhause suche. 3 Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Wenn möglich, 400 Euro. Warm. In einer deutschen Großstadt.

Viele meldeten sich, teilten ihm mit, dass seine Vorstellungen eher nach Burundi passen würden und schlugen ihm ansprechende Appartements vor, die ein wenig teurer waren. Woher hätten sie auch wissen sollen, mit welchen finanziellen Problemen Walter zu kämpfen hatte? Wo er doch immer so verdammt gut drauf und souverän gewesen war, ganz offiziell?

Seitdem verliert sich Walters Spur. Es ist still um ihn geworden. Er „schreit“ nicht mehr ins Internet: „Seht her, wie gut es mir geht, wie klug ich bin, wie toll ich koche, ich gehöre doch zu euch!!!“.

Walter ist verstummt.

Wo er wohl wohnt? Wohnt er überhaupt irgendwo? Hat ihn eines seiner Kinder aufgenommen? Wo ist er hin? Hat er ein warmes Plätzchen gefunden? Musste er etwa in ein Obdachlosenheim?

Es tat wirklich weh, mit anzusehen, wie Walter immer tiefer sank. Weiter und tiefer, als ich es bei ihm je für möglich gehalten hätte.

Ich musste beobachten, wie er verstummte, wie er es nicht einmal mehr schaffte, genügend Energie aufzubringen, um sich selbst darzustellen, so wie es alle hier machen. Immer wieder einmal trifft man falsche Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Sorgen lassen sich nicht ertränken, Walter – sie sind hervorragende Schwimmer.

Ich würde gern wissen, was er heute tut, wie es ihm geht. Und ich rufe seine Seite immer noch einmal in der Woche auf. Wegen des Geldes bin ich nicht böse, obwohl ich es nie mehr wieder bekommen werde.

Walter ist eine verlorene Seele. Die machen das. Die dürfen das. Sonst wären sie nicht verloren. Sonst wären sie noch voll dabei.

Ob ich zu viel freie Zeit habe, fragen Sie? Nein. Die habe ich nicht. Nur zu viel Empathie.

Vergessen will ich sie nicht, „meine“ verlorenen Seelen, gescheiterte Existenzen, die mich gestreift haben, wie ein kalter Lufthauch in der Nacht, und deren Berührung mich nicht mehr loslässt.

Es sind kleine Leben, wissen Sie. Keine Berühmtheiten. Wenn sie morgen sterben würden, wer würde um sie weinen? Ich würde nicht einmal mitbekommen, dass sie nicht mehr da sind. Und trotzdem kann ich es nicht lassen. Weil sie dann ganz vergessen sind.

Es gibt noch ein paar mehr, nach denen ich regelmäßig schaue. Wie ein Oberarzt bei der Visite, der hastig und mit wehendem Kittel an Betten vorbeirennt, sich kurz Notizen macht und dann schnell wieder aus dem Zimmer verschwindet, um den Patienten nicht zu wecken oder zu erschrecken.

Weil es einfach zu viele sind. Viel zu viele. Ich kann nicht allen helfen, und die meisten wollen gar keine Hilfe. Sie wollen nur wahrgenommen werden.

Solange auch nur ein Mensch diese Pinnwände voller verlorengegangener Hoffnungen und Alpträume besucht, sind sie nicht ganz allein. Es interessiert mich, wie es ihnen geht, was sie machen. Wenigstens einen interessiert es.

Man fällt leicht durchs Raster in dieser Welt. Ein kleiner Knacks reicht, und man ist raus. Denn dann kann man dieses Rattenrennen um das höchste Gehalt, das dickste Auto, den entferntesten Urlaub, nicht mehr mitmachen, um den es scheinbar hauptsächlich geht.

Kalt ist diese Welt geworden. Und für diese Form von Kälte gibt es keine Jacken oder wärmende Decken. Pass dich an oder stirb. Und wenn du dich nicht anpasst, verhalte dich unauffällig oder werde gefälligst so berühmt, dass es als Exzentrik interpretiert werden kann.

Manchmal, wenn ich wieder nachschaue, ob Lilly immer noch alle hasst oder Walter endlich eine Wohnung bekommen hat, wenn ich mich frage, ob der ominöse „Knuddel“ der kleinen Maya endlich geantwortet hat, ob Paul damit aufgehört hat, von einer Brücke springen zu wollen, dann muss ich einen Moment innehalten und mich fragen:

Bin ich der einzige Mensch, der darüber traurig ist, dass es so viele Traurige gibt? Bin ich der einzige, der erkennen muss, dass diese Solidargemeinschaft so solidarisch gar nicht ist? Dass allein der administrative Aufwand des Ausfüllens eines Antrags auf staatliche Hilfe manche Menschen vielleicht überfordern könnte?

Es gibt viele verzweifelte Menschen da draußen. Vielleicht sind sie, nach gängiger psychologischer Definition, sogar krank. Alle leiden zumindest an Depressionen und haben keinen Mut mehr. Das Netz in Deutschland ist nicht mehr engmaschig, die Löcher darinnen sind mittlerweile riesengroß. Man fällt leicht da durch.

Wenn Sie einen dieser verlorenen Seelen durch Zufall entdecken, dann sehen Sie gelegentlich mal nach ihnen. Es kostet ja nichts. Und es erinnert Sie daran, wie gut Sie es haben. Oder: dass Sie  nicht allein mit Ihrem Kummer sind.

Wir haben nämlich alle unter unserem Dach ein sogenanntes „Ach“. Wirklich alle.

Das Leben rupft jeden einmal. Viele Faktoren entscheiden darüber, ob wir uns aufrappeln oder liegenbleiben. Vielleicht treffen Sie mal einen Gestrauchelten. Auch wenn Sie ihm nicht die Hand reichen, schauen Sie ihm wenigstens in die Augen. Registrieren Sie, dass es ihn gibt.

Für verlorene Seelen ist das schon viel.

Danke.

Ihre Barbara Edelmann

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Wissen Sie noch, wie im analogen Zeitalter (vor dem Internet) ein sogenannte „Blind Date“ eingefädelt wurde?

„Mein Mann hat einen Kollegen, den Günter, der ist nett und würde super zu dir passen. Lass uns nächste Woche mal zum Essen gehen, dann könnt ihr euch kennenlernen. Dich bringen wir auch noch unter die Haube.“

Pech, wenn dieser Günter sich dann als überkandidelter, unterbelichteter Depp entpuppte, mit dem Sie nix anfangen konnten. Dafür hatten Sie ab sofort Ärger mit Ihren Freunden: Weil Sie so wählerisch waren und Günter verschmäht hatten, wurden Sie von denen künftig geschnitten.

Die zweite Möglichkeit boten die allseits beliebten „Hallo Partner“-Seiten im örtlichen Käseblatt. „Attraktive Dame um die 60 sucht solventen Herrn in mittleren Jahren fürs Wandern und eventuell mehr. Bitte nur aussagekräftige Anschreiben mit Foto“ hieß es meistens.

Auch da konnte man üble Überraschungen erleben, weil 1. die wenigsten ein Bild mitschickten (Scanner waren noch  nicht erfunden) und 2. auch schon damals bei den Herren der Schöpfung eine grandiose Selbstüberschätzung grassierte.

Ich kenne bis zum heutigen Tage so gut wie keinen Mann, der sich für unattraktiv hält. Beneidenswert.

Dann kam das Internet.

Erst unterhielt man sich im AOL-Chat, wo man sich ein aussagekräftiges Profil zulegte wie zum Beispiel: „Uschi, 36 Jahre alt, 56 Kilo, blond, schlank, verdiene saugut“ und damit auf Männerfang gehen konnte.

Wenn Uschi dann „Herbert, 37 Jahre alt, 78 Kilo, dunkelhaarig, schlank, verdiene noch viel mehr und bin ein klasse Typ“, im echten Leben nach monatelangen Chats, Emails oder Telefonaten kennenlernte, folgte oft die Enttäuschung auf dem Fuße, denn Uschi war weder blond noch schlank und schon lange nicht mehr 36. Das galt aber auch für Herbert, der bei „37 Jahre alt“ kräftig nach unten abgerundet und beim Verdienst und seiner „Nettigkeit“ aufgerundet hatte.

Da saßen sich dann manchmal in Autobahnraststätten zwei wildfremde Menschen ohne Gesprächsstoff gegenüber und wunderten sich, wie sie reingelegt worden waren. Lange ist es her.

Nach dem AOL-Chat folgen die sogenannten „Social Networks“ und Dating-Plattformen. Endlich konnte man sich angemessen und ausgiebig präsentieren. Zwar wurde genauso kräftig über- und untertrieben wie zuvor, aber man hatte mehr Auswahl und konnte schon vorab dank Google ein paar Erkundigungen über den potenziellen Kandidaten einholen.

Ach, hätte nur meine Freundin Beatrix 1987 schon Google gehabt. Sie lernte in einer Kneipe einen (erst nach dem 3. Glas Wein) attraktiven Offizier der amerikanischen Air Force kennen, der in Uniform am Tresen saß und sie mit seinen Glubschaugen förmlich verschlang. Er erzählte Beate, er sei Jet-Pilot, nutzte sie und ihre Ambitionen, eines Tages Offizierswitwe zu werden, ein paar Wochen lang weidlich aus – und entpuppte sich anschließend als Hausmeister der Berufsschule in der Nachbarstadt.

Wirklich wahr.

Beate wäre mit Google oder Facebook seinerzeit viel erspart geblieben.

Ja, wir hatten leider kein Internet, nur Buschtrommeln, besorgte Freunde, neugierige Nachbarinnen und Hörensagen. Das half aber nicht viel.

Jetzt gibt es aber dank der digitalen Revolution endlich für jeden Geschmack etwas. Senioren-Dating-Portale, Partnerbörsen, und… Tinder, eine Dating-App, die immerhin allein in Deutschland von über 2 Millionen Personen genutzt wird.

Es ist, wenn man es genau nimmt, ein moralischer Rückschritt, da allein Ihr Profilbild entscheidet, ob jemand sich für Sie interessiert oder nicht. Weil aber nicht jeder so schön ist wie Jennifer Lopez, wird man quasi zum Schummeln gezwungen.

Alles, was Sie tun müssen ist, sich die App zu besorgen, Ihren Vornamen einzugeben, ein möglichst vorteilhaftes Foto von sich hochzuladen und Ihre Präferenzen einzugeben („stehe auf Männer/Frauen/mir doch egal“). Dann definieren Sie noch den Suchradius, innerhalb dessen Sie jemanden kennenzulernen gedenken. Und fertig ist die Laube.

Nach und nach stellt Ihnen Tinder nun Personen vor, die Ihren Vorlieben entsprechen könnten und sich in dem zuvor genannten Suchradius aufhalten. Sie entscheiden, ob Sie an einem Chat interessiert sind oder nicht, indem Sie ein sogenanntes „like“ vergeben. Erhalten Sie von dem potenziellen Chatpartner ebenfalls ein „like“, können Sie loslegen. Bei Nicht-Interesse signalisieren Sie durch ein rotes Kreuz („nope“ genannt), dass Sie keine Lust auf die Person haben.

So weit, so gut. Nie war es einfacher, jemanden kennenzulernen. Und nie schwieriger. Denn der attraktive blonde Hipster mit den grünen Augen und dem gewinnenden Lächeln könnte in Wirklichkeit auch ein mittelalter Bauch-Bart-und Brille-Träger sein, der einfach mal rausfinden wollte, ob es atemberaubende Frauen wie Sie überhaupt noch gibt, und Sie, wenn Sie viel Glück haben, zu einer Tüte Fritten mit anschließendem Beischlaf einlädt. Sie können ja dann immer noch „nope“ sagen.

Umgekehrt herum wird übrigens auch ein Schuh draus. Die lächelnde Brünette mit Schmollmund muss nicht brünett sein oder einen Schmollmund haben. Sie muss nicht mal eine Frau sein. Betrogen wird überall.

Rechnen Sie einfach sicherheitshalber mit allem. Das ist auf jeden Fall besser. Die Welt ist nämlich schlecht, so richtig schlecht.

Seitdem das Internet vor knapp 20 Jahren in unsere Haushalte eingezogen ist, wird gelogen, dass die Schwarte kracht. Oder verschwiegen. Im Internet kann jeder sein, was er möchte und wie er möchte.

Ich kenne bei Facebook genügend sehr attraktive Frauen um die 50, deren Gesichtszüge vor lauter Filtern und Weichzeichnern mittlerweile beinahe nicht mehr zu erkennen sind.

Eine Dame tut sich da jedes Mal besonders hervor. Alle ihre Fotos wirken, als hätte jemand Schmierseife auf das Objektiv gerieben. Aber neulich ist ihr scheinbar der Finger ausgerutscht, und sie hat ein Bild gepostet, auf dem sie genau so aussieht wie im echten Leben. Meiner Meinung nach ist sie auf diesem Portrait um Längen schöner auf als auf ihren sonstigen Machwerken mit Herzchen-Rahmen und Schmetterlingen, bei deren Betrachtung man sich die Augen reibt, weil man denkt, es sei einem eine Wimper reingerutscht.

Martin (Name geändert), ein Freund von mir aus Villingen-Schwenningen hat so eine Internet-Geschichte erlebt und ein Blind-Date absolviert. Meine Mutter meint übrigens immer noch, das sei eine Kennenlern-Veranstaltung für Sehbehinderte. Ich lasse sie in dem Glauben.

Zurück zu Martin. Frisch geschieden, kreuzunglücklich und einsam, suchte er verzweifelt bei Facebook nach einer Frau. Ich kenne Martin persönlich, einen attraktiven Mann Mitte 40, der auf seine Gesundheit achtet, viel Sport betreibt und weder raucht noch trinkt.

Seine Hoffnung war, ein weibliches Wesen kennenzulernen, mit der er seine Hobbies ausleben und seinem natürlichen Bewegungsdrang nachgeben konnte. Gemeinsam.

Seine Exfrau hatte sich zwar auch viel bewegt, aber nur unter dem Trauzeugen, wo Martin die beiden eines Tages dann fand. Im Wochenendhäuschen seiner Oma.

Endlich lernte Martin bei Facebook Brigitte kennen, eine hübsche Dunkelhaarige aus Essen. In den ersten Tagen likten sie gegenseitig ihre Beiträge mit Herzchen, dann schrieben sie sich über Whats App, später telefonierten sie viele Stunden und loteten ihre Seelen aus. Endlich beschlossen sie, sich mal im echten Leben zu treffen.

Brigitte hatte massenhaft bezaubernde Brustbilder (Portrait-Aufnahmen) von sich bei Facebook eingestellt. Außerdem war sie genau so sportlich wie Martin, zudem noch Vegetarierin, hasste Zigaretten und Alkohol und liebte Bergsteigen und Wandern.

Also machte sich Martin auf den Weg und fuhr die ganzen 523 Kilometer zu Brigitte nach Essen im Ruhrgebiet in einem Rutsch. Sie hatte ihn zum romantischen Dinner (vegetarisch) eingeladen. Voller Vorfreude sprang er mehr, als er lief, die drei Stockwerke zu Brigittes Wohnung hoch, in der Hand einen riesigen Strauß Rosen, und klingelte. Sein Herz schlug bis zum Hals.

Das sollte auch so bleiben, denn die Tür wurde ihm von der voluminösesten Dame geöffnet, die er je gesehen hatte. Sie lächelte ihn strahlend an und winkte ihm, einzutreten.

„Entschuldigung, mir fällt grade ein, ich hab noch ein Geschenk für dich im Kofferraum“ murmelte Martin mit hochrotem Kopf, stürmte die drei Stockwerke in Lichtgeschwindigkeit nach unten, sprang in sein Auto und fuhr nach Hause.

Einige Tage später klagte er mir sein Leid. Brigitte hatte angeblich behauptet, sie sei regelmäßig im Fitness-Studio und würde Nordic Walking lieben. Tja, ich persönlich liebe zum Beispiel Ölbilder, kann sie aber nicht malen.

Vielleicht mochte Brigitte Nordic Walking sogar wirklich, weil sie die Stöcke so hübsch fand, aber sie hatte Martin am Telefon unter anderem erzählt, sie hätte einen BMI von 21 und einen IQ von 119. Vermutlich hatte sie nur die Zahlen verwechselt. Er jedenfalls war kuriert von seinem ersten und einzigen Blind-Date und heiratete zwei Jahre später eine sehr nette Frau, die bei ihm um die Ecke wohnte, und die er beim Bäcker kennengelernt hatte.

Bei einem Blind-Date wissen Sie nie, was Sie kriegen. So ein Profilbild, in dem ich aussehe wie Ende 20, schustere ich Ihnen mit einer guten Bildbearbeitungs-Software und ein wenig Phantasie in ein paar Minuten zusammen.

Also hat das Wort „blind“ seine Bedeutung behalten. Nach all den Jahrzehnten ist nichts wirklich besser geworden. Enttäuschung vorprogrammiert. Meistens. Aber es soll Fälle geben, wo sich Leute auf solche Verabredungen eingelassen und die Liebe fürs Leben gefunden haben. Das möchte ich nicht in Abrede stellen.

Darum dachte ich mir neulich: Warum nicht mal ganz ehrlich sein in all den Dating-Portalen bei seinen Selbst-Beschreibungen? Man könnte sich so verdammt viel Ärger ersparen.

Ich zum Beispiel sehe, wenn ich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett komme, aus, als wäre ich nach 8 Runden mit Mike Tyson auf die Bretter gegangen.

Vor 30 Jahren sagte mal einer aus unserer Clique nach einem Lagerfeuer-Abend am nächsten Tag, als wir alle zerknittert aus unseren Zelten krochen: „Barbara, wenn alle Frauen morgens so aussehen wie du, heirate ich nie.“

Der Rüdiger ist übrigens noch ledig und zu haben, meine Damen.

Also – warum nicht ehrlich sein? Zugeben, wer und was man ist?

„Ja, aber“ werden Sie einwenden, „Männer sind nun mal Augentiere und können besser gucken als denken.“ Das mag schon sein. Sie sollen ja auch kein Profilbild einstellen, auf dem Sie aussehen wie durch die Mangel gedreht, oder als kämen Sie gerade von der Rallye Paris-Dakar zurück.

Ein wenig vorteilhaft darf es schon sein. Aber wenn Sie von sich behaupten, Sie backen und kochen gern, sollten Sie wenigstens einen Braten oder einen Käsekuchen zustande bringen. Wenn Sie von sich behaupten, tierlieb zu sein, in Wirklichkeit aber sogar bei 2 Kilometer entfernten Katzenhaaren anfangen zu niesen, kann es nur von Vorteil sein, die Wahrheit zu sagen, sonst endet Ihr erstes Date in der örtlichen Ambulanz.

Auch so einen Fall kenne ich persönlich. Petra, gestraft mit einer schweren Katzenhaar-Allergie, verbrachte ihre erste und einzige Nacht mit Patrick in dessen Bett mit seinen drei Stubentigern, die sie zuvor noch gestreichelt hatte, weil sie unbedingt diesem Mann gefallen wollte. Anschließend landete sie in der Notaufnahme, weil sie keine Luft mehr bekam. Es ist erstaunlich, wie weit Frauen gehen, wenn sie jemanden für sich gewinnen wollen.

Selbstverständlich ist es vollkommen normal, dass man sich so positiv wie möglich darstellen möchte. Aber es kommt doch immer raus, wenn man lügt. Wie bei meiner Freundin Martha, die ständig in Singlebörsen unterwegs ist und sich da gute 10 Jahre jünger schummelt.

„Ich sehe nicht so alt aus, wie ich bin!“ schimpft sie, wenn ich sie darauf anspreche. „Und ich benehme mich auch nicht so. Da lerne ich doch sonst nur Typen in meinem Alter kennen, die sind mir zu langweilig.“

Sie hat noch kein einziges Mal einen Kandidaten zweimal getroffen. Die  melden sich einfach nicht mehr. Niemand mag Lügen wirklich gern, außer es handelt sich um raffinierte Komplimente.

Und: Martha sieht nicht wirklich 10 Jahre jünger aus. Es getraut sich nur keiner, es ihr zu sagen.

Darum habe ich mir jetzt die Mühe gemacht, mal eine Selbstbeschreibung zu entwerfen, und zwar vor meinem „Wahrheitsfilter“ und danach. Bitte, bitte, nehmen Sie mich nicht ernst:

Beschreibung: „Hallo, ich bin Susi und 32 Jahre alt. Leider ist das Foto nicht so doll geworden, mein Handy spinnt grade.“

Klartext: „Hallo, ich bin die Susi und 32 Jahre alt, sehe aber aus wie 48 und habe eine Haut wie ein Putzlappen, weil ich in den letzten Jahren keine Nacht mehr als vier Stunden geschlafen und täglich drei Schachteln Kippen geraucht habe. Wie mein Bett ausschaut, weiß ich gar nicht mehr, weil ich nie drin liege. Das Handy spinnt also nicht. Leider.“

Beschreibung: „Ich bin manchmal recht häuslich und habe es gern gemütlich, gehe aber auch gern aus und interessiere mich für Kultur. Außerdem bin ich ein lebenslustiger Mensch.“

Klartext: „Ich bin eine versoffene Nachteule, mache wahnsinnig gern Party bis zum Morgengrauen, aber nicht so gern sauber, das finde ich total spießig. Wäre cool, wenn du das übernehmen würdest. Hast du vielleicht einen Putzfimmel und bist so ein Typ, der mehrmals wöchentlich hinterm Sofa saugt? Fände ich gut. Mit ‚gemütlich’ meine ich, dass ich überall Plüschtiere und Teelichter aufgebaut habe, die ich abwechselnd versehentlich anzünde. Wenn du bei der Feuerwehr wärst, könnte das von Vorteil sein.“

Beschreibung: „Ich bin kontaktfreudig, aufgeschlossen und gesellig. Was ich nicht leiden kann: Eifersucht und Klammern. Bin aber sehr anhänglich, wenn ich jemanden wirklich mag.“

Klartext: „Ich hab alle meine Exfreunde der letzten 15 Jahre noch auf Kurzwahl und treffe die auch regelmäßig, also solltest du ein toleranter Typ sein. Aber wehe, eine Ehemalige von dir taucht auf, der schnitze ich erst mal ein neues Muster in ihre Autotür. Und mit ‚anhänglich’ meine ich, dass der israelische Geheimdienst ein Dreck gegen mich ist, wenn ich mal glaube, dass du mich betrügst.“

Beschreibung: „Ich bin selbständig und unabhängig, mag Kavaliere alter Schule und stehe auf gute Manieren. Außerdem bevorzuge ich großzügige Männer, weil ich selbst ein total hilfsbereiter Typ bin, der gerne was verschenkt.“

Klartext: „Ich bin so selbständig, dass ich grundsätzlich mein eigenes Ding durchziehe. Kannst ja auf mich warten, wenn ich mal wieder eine Verabredung vergesse, wegen der guten Manieren, die ich einfordere. Im Klartext heißt das: Widersprich mir niemals und halte mir gefälligst immer die Autotür auf. Deine Autotür natürlich. Du hast doch nix dagegen, dass ich den mal fahre? Mein Wagen ist nämlich momentan in der Reparatur.

Und wenn ich drei Tage vor dem Ersten eine nette Handtasche im Gegenwert eines Kleinwagens sehe, dann kaufst du mir die, nur dass das klar ist.

Ich bin wirklich total großzügig, aber nur mit meinem Körper, wirst du schon noch merken. Es sei denn, du schenkst mir diese Handtasche nicht.“

Beschreibung: „Ich bin sportlich wegen der Work-Life-Balance, habe viel übrig für Rohkost und esse vegetarisch. Außerdem bin ich ein sehr spiritueller Mensch.“

Klartext: „Ich esse hauptsächlich Salat, weil ich nicht kochen kann und nehme mir meistens ein paar Portionen vom Supermarkt mit. Aber Braten mag ich, vielleicht kochst du ja künftig für uns. Zahlen musst du das aber selber, Fleisch kostet ja ein Vermögen. Und wenn du nach Hause kommst und ich grad meinen Hexenzirkel zu Besuch habe, dann mach uns ein paar Schnittchen und zieh keine Fleppe. Sonst verhexen wir dich. Und das meine ich nicht positiv.

Mit ‚sportlich’ will ich ausdrücken, dass ich mich wahnsinnig gern mal im Trainingsanzug zu ‚Starbucks’ setze und da total erledigt dreinschaue. Ist schon Action genug, mich in das enge Teil zu zwängen, aber ich sehe rattenscharf darin aus, womit wir wieder bei meiner Interpretation von ‚großzügig’ wären.“

Beschreibung: „Ich bin emanzipiert und suche einen sensiblen Mann mit viel Verständnis für ein gemeinsames Leben zu zweit, weil ich mir nix Schöneres vorstellen kann als eine Familie und Kinder.“

Klartext: „Mit ‚sensibel’ meine ich, dass du, wenn ich dich anbrülle, zu heulen anfängst und mir alles gibst, was ich will, weil ich dich sonst verlasse. Außerdem kochst du mir gefälligst Kamillentee bei PMS („Post-Mastercard-Syndrom“) und massierst mir täglich zweimal die Füße.

Eine Familie will ich, aber eine eigene selbstgemachte, nicht deine bucklige Verwandtschaft. Kannst du dir in die Haare schmieren, dass ich zu euren Feiern mitkomme.

Und wenn mir unsere zukünftigen Kinder die Figur ruinieren, dann werde ich dich das büßen lassen bis an dein Lebensende.  Du wirst aus der Hausarbeit nicht mehr rauskommen, weil ich nämlich dann trainieren muss.“

Gut, ich habe jetzt ganz böse übertrieben. Niemand von uns ist wirklich so gemein und abgebrüht wie die Dame, deren Sätze ich weiter oben in „Klartext“ übersetzt habe. Es stimmt immer nur ein bisschen was. Und so ist es auch bei den Männern, die uns Bilder schicken, auf denen sie verwegen vom Motorrad grinsen oder sich über eine Schlucht hangeln, am Fallschirm hängen oder uns zuprosten. Wie zum Beispiel der hier:

Beschreibung: „Hallo, ich bin der Fredi, ein Unternehmer. Das Bild von mir (halblange Haare, blitzende blaue Augen, Lederkluft, AC/DC-Shirt) ist schon ein bisschen älter, das hat mir ein Kumpel eingescannt, der Bernd. Den wirst du  noch kennenlernen, der ist nett. Ich bin ein recht geselliger Mensch, mag Party und Hunde. Ich bin selbständig und tierlieb. Ich mag Lagerfeuer, gute Filme und auch Kino. Koche wahnsinnig gern und habe unglaublich viel Phantasie.“

Männer machen nicht viel Worte, wissen Sie.

Klartext: „Hallo, ich bin der Fredi. Hab grad kein besseres Foto zur Hand, weil ich neulich mein Handy verkaufen musste, um an die nächsten paar Kisten Bier und Tabak zu kommen. Wenn du ne coole Frau bist, die ein bisschen Dreck nicht stört und vielleicht auch noch anständig verdienst, könnte aus uns beiden was werden, obwohl ich  mich seit fast 50 Jahren vor einer festen Beziehung drücke. Vorausgesetzt, du gehst mit meinen Hunden raus, weil ich dazu entweder zu faul oder zu besoffen bin. Manchmal auch bekifft.

Der Bernd, mein Kumpel, und ich haben gemeinsam ein Gewerbe angemeldet, irgendwas mit Autoteilen, da sollten wir jetzt mal dringend was arbeiten, ehe uns das Finanzamt aufs Dach steigt. Lagerfeuer machen wir jeden Abend, weil wir kein Geld für Heizöl mehr haben. Nächstes Jahr vielleicht wieder. Frierst du leicht?

Sag mal, hast du vielleicht ein eigenes Haus, eventuell sogar mit einer Garage und einer Grube? Garten wäre auch geil, wegen der Lagerfeuer.

Hoffe, du magst Würstchen, was anderes gibt’s bei uns nämlich nicht. Die kann ich aber gut.

Unsere Dusche ist grad verstopft, darum wirken meine Haare etwas fettig, aber ehe wir uns treffen, schaue ich bei meiner Mama vorbei, versprochen. Und mit ‚gute Filme’, die ich mag, meine ich den Pornokanal, aber das wirst du schon selber noch merken. Hoffe, du bist nicht so spießig und verklemmt. Dann wirst du merken, dass ich echt viel Phantasie habe, weil ich ein Geschenk Gottes an die Frauen bin.“

Ok, ich habe wieder granatenmäßig übertrieben. Aber teilweise ist Ähnliches Freundinnen von mir schon passiert. Gottseidank nicht alles auf einmal.

Logisch, dass niemand auf seine Profilseite schreiben würde: „Ich bin ein narzisstischer Psychopath, der gerne Frauen schikaniert und suche eine devote Sie, der es nichts ausmacht, dreimal täglich mein Haus zu putzen, nachdem sie mich bedient hat.“ Obwohl ich sicher bin, auch dafür fände sich jemand.

Das Problem ist doch folgendes: Es kommt zu 99 % raus, wenn man lügt. Und niemand hat es nötig, sich eine Beziehung durch Schwindeln zu ergaunern. Jeder Mensch ist einzigartig, und meine Oma sagte ständig: „Für jeden Topf findet sich ein Deckel.“

Lassen wir doch ein wenig mehr Ehrlichkeit walten, um uns und anderen unliebsame Überraschungen zu ersparen. Seien wir, wie wir wirklich sind, mit all unseren Fehlern und Mängeln, nicht wie meine Freundin Susi, die behauptet:

„Ich hab keine Geheimnisse, das ist nur unveröffentlichtes Bonusmaterial.“

Irgendwann kriechen wir ohnehin ungeschminkt aus dem Bett. Oder haben versehentlich zu viele blähende Hülsenfrüchte gegessen, die uns den romantischen Videoabend nachhaltig versauen. Irgendwann klemmt das Konto kurz vor dem Ersten, werden wir vielleicht krank, oder rasten vor Eifersucht aus.

Irgendwann naht die Stunde der Wahrheit. Die sich übrigens bis ins Unendliche ausdehnen kann, wenn man aufgeflogen ist.

Veröffentlichen Sie darum vorab ein wenig von Ihrem Bonusmaterial. Nicht allzu viel. Aber genügend, um sich hinterher nicht vorwerfen lassen zu müssen, Sie hätten sich als jemand dargestellt, der/die Sie nicht sind.

Ich bin nämlich ganz sicher, das haben Sie nicht nötig.

Darum wünsche ich Ihnen heute, breit schmunzelnd, eine schöne Woche!

Ihre

Barbara Edelmann

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„Wie nennt man die Angewohnheit, alle Lebensmittel in Plastikdosen zu verpacken?: Tupperkulose!“ las ich neulich bei Facebook und musste schallend lachen. Kennen Sie das auch? Sie haben eine oder mehrere Freundinnen, die sich nebenher etwas verdienen wollen. Selbstverständlich unterstützen Sie das nach Kräften, weil Sie eine gute Freundin sind.

Und plötzlich sitzen Sie auf einer Menge Partys herum, an deren Ende es immer darum geht, dass Sie etwas einkaufen. Im Grunde genommen wäre „Verkaufsveranstaltung mit Schnittchen“ die richtige Bezeichnung, aber „Party“ klingt einfach besser, obwohl ich dort noch nie jemanden habe tanzen gesehen.

Vorweg: Ich liebe zum Beispiel Tupperware. Hätten Sie mir vor 30 Jahren erzählt, dass ich mal so viele Schüsseln und Behälter dieser Firma horte, dass ich keine Schranktür mehr gefahrlos öffnen kann, ohne mindestens zwei oder mehr von den Dingern auf die Nase zu kriegen, weil sie mir entgegenpurzeln, hätte ich Sie ausgelacht.

Aber irgendwann – vor vielen Jahren – konnte ich den Einladungen nicht mehr ausweichen. Die Einschläge kamen immer näher, ich kriegte so viele Aufforderungen per Postkarte, Telefon oder über den Gartenzaun hinweg (die Nachbarin…), dass es unmöglich war, alle abzulehnen. Und so landete ich in grauer Vorzeit auf meiner allerersten „Party“.

Seitdem kann ich nicht mehr damit aufhören.

Die Dame buk damals für uns einen Kuchen in der Mikrowelle (wollte ich auch!!), formte kugelrunde Snacks aus Blätterteig mit Haselnussfüllung (hab ich!), briet Pfannkuchen, indem sie alle Zutaten für den Teig in eine Dose warf und schüttelte (hab ich) und machte einen Braten (hab ich, ist ja klar.) Außerdem rollte sie Plätzchenteig geschickt mit einer schneeweißen wassergekühlten Nudelrolle (hab ich) und schnitt Zwiebeln auf einem wirklich innovativen Brett. (hab ich).

Was ich mittlerweile nicht mehr habe, ist Platz.

Es gibt ziemlich wenig, das man mit den Artikeln dieser Firma nicht machen kann, das weiß jeder. Und wenn ich wirklich mal einen dieser Behälter verleihen muss („Die brauche ich unbedingt wieder, die sind nicht aus dem Supermarkt, das ist Tupperware!“), dann rufe ich denjenigen mindestens einmal in der Woche an zur Erinnerung. Meine Tupperware ist mir heilig.

Auch meine Schwiegermutter gehört zum Kreis der Frauen mit „Tupperkulose“, und wenn sie mir Essen hierlässt, dann schickt sie mir spätestens am nächsten Tag eine SMS mit dem Inhalt: „Die blaue Tupperschüssel mit dem hellgrünen Deckel ist meine. Und denk bitte an die Mikrowellenbehälter und den Eidgenossen!“

Wir kennen unsere Schüsseln auswendig und jeden einzelnen Kratzer daran auch.

Aber mit Tupperware ist es in meinem Fall leider nicht getan. Eine meiner Bekannten verkauft seit neuestem Kerzen, die rückstandsfrei verbrennen, eine andere Putzmittel, die nächste sündteure Hautpflege-Produkte, und die letzte hübsche Dessous und äääh… sonstige Dinge. Auch die Herrschaften, die an meine Tür klingeln und mir etwas verkaufen wollen, darf man nicht vergessen. Bis auf die Zeugen Jehovas, die sind immer sehr distinguiert und wollen eigentlich etwas da lassen.

Seit Jahrzehnten (doch wirklich!) klingelt einmal im halben Jahr ein älterer Herr mit graumelierten Schläfen im perfekt sitzenden Zweireiher und möchte meine Teppiche probesaugen. Er ist höflich, aber bestimmt und lässt sich nur schwer abwimmeln. Ein paar Mal war ich schon in Versuchung, ihn reinzulassen, denn ich habe Haustiere, und er wäre eine Weile beschäftigt gewesen, aber ich habe nicht gern fremde Leute in der Wohnung.

Bei seinem letzten Besuch erklärte ich mit einem beschämten Augenaufschlag:

„Tut mir leid, mein Mann hat mir verboten, an der Haustür was zu kaufen.“ Seitdem war er nicht mehr da.

Das hat er akzeptiert. Der Herr ist um die 60 und erinnert sich noch an die Zeiten, in denen Männer ihren Frauen irgendwas verbieten durften. Ich hab mich ein bisschen geschämt, weil ich gelogen habe, aber das war es wert.

Wesentlich anfälliger als für Staubsauger zum Preis eines Gebrauchtswagens bin ich für Tiefkühl-Kost. Sie wissen schon: die Herren mit den Kitteln in einheitlicher Farbe, die regelmäßig läuten und wissen wollen, ob man nicht doch zwei gefüllte Eichhörnchen mit Knödeln oder Cappuccino-Ravioli mit Salbei-Pesto bei ihnen bestellen möchte. Weil sie doch nur alle vier Wochen vorbeischauen und das Zeug direkt ins Haus liefern.

Mittlerweile war ich Kundin bei mehreren Firmen, denn ich kann schlecht „Nein“ sagen. Das sieht immer alles so gut aus im Katalog, und die Lieferanten sind unglaublich höflich. Darum kommt mein Mann öfter zu exotischen Mahlzeiten wie Straußen-Steak oder indischen Linsengerichten. Anfangs hab ich immer noch behauptet, ich hätte das selbst gekocht, aber es war nix angebrannt und alles einwandfrei, darum durchschaute er das Theater relativ schnell.

Jeden Monat nehme ich mir vor: „Diesmal kaufst du nix.“ Aber die schauen einen immer so treuherzig an, und so türmt sich in meinem Gefrierschrank von Gemüse bis zum Seelachs alles, was gut und teuer ist. Die Herren lassen Ausreden aller Art nicht gelten, sogar wenn ich die Tür der Gefriere öffne und sage: „Gucken Sie  mal, da passt kein Blatt mehr dazwischen, wie soll ich denn noch eine 3-Kilo-Lasagne reindrücken? Ich hab ja noch nicht mal den Krokodil-Braten vom letzten Jahr geschafft.“

Aber das kriege ich irgendwann noch in den Griff. Ich kenne diese Leute ja nicht, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, die alle in ihrer neuen Verkaufstätigkeit voll und ganz aufgehen. So wie mein Portemonnaie auch…

Darum sitze ich seit Jahren auf Gartenstühlen in Wohnzimmern, umringt von neuen weiblichen Bekannten, während mir Cremes ins Gesicht gerieben werden oder beobachte staunend, wie eine Dame meinem alten Schurwollteppich mit „Hauruck“-Produkten zu neuem Glanz verhilft. Oder ich suche verzweifelt die Streichhölzer vom letzten Weihnachten, weil auf meinem Tisch 60 Kerzen drapiert sind, die angeblich alle ganz toll brennen. Wenn ich es schaffe, sie anzuzünden.

Männer sieht man so gut wie nie auf solchen Partys, zumindest ist das meine Erfahrung nach vielen Jahrzehnten. Allerdings wären sie an Dessous-Partys alle sehr interessiert gewesen, nur dürfen sie da nicht kommen.

Aber bis auf Tupperware habe ich einfach kein Glück mit den Produkten, die ich auf diesen coolen Partys kaufe.

Dabei hab ich mich so frisch und verjüngt gefühlt, als Theresa mir vor Monaten ein Pfund der neuen supertollen Nachtcreme ins Gesicht schmierte. Theresa versichert mir, alle würden mich für höchstens 25 halten, wenn ich ab sofort vier Wochen am Stück die neue Creme zum Sonder-Einführungspreis von 140 € pro Tiegel benützte.

Natürlich kaufte ich eine. Und eine Reinigungslotion. Und das Augenöl. Den Kassenzettel versteckte ich vor meinem Mann, sonst hätte der vermutlich Sauerstoff und einen Defibrillator gebraucht.

Nach drei Tagen mit der neuen Creme war mein Gesicht von stattlichen Pusteln bedeckt, die schneller wuchsen als die deutsche Staatsverschuldung, und es stellte sich heraus, dass ich die Produkte dieser Firma nicht vertrug. Also verschenkte ich sie wieder, was nicht so einfach war, wie es sich anhört. Bei Gratis-Geschenken sind viele Leute misstrauisch, und mein mit Pusteln übersätes Gesicht sprach für sich.

Meine Einkäufe auf der „Putz-Party“ waren ähnlich erfolglos.

Sieglinde säuberte vor 5 staunenden Augenpaaren meinen Gabbeh-Teppich, bis er aussah wie frisch gekauft. Oder geknüpft.

„Reinigt alles!“ versicherte sie mit strahlendem Lächeln, also schlug ich zu, in der Größenordnung des Militäretats eines kleinen mittelamerikanischen Landes, versteckte wieder den Kassenzettel und freute mich, dass ich künftig nie mehr Angst vor Flecken im Orient-Teppich haben musste.

Als ich allerdings eine Woche später meine Fenster mit dem Zeug (genau nach Vorschrift) putzte, sahen die hinterher aus, als hätte sie ein Tyrannosaurus Rex mit schwerer Parodontose abgeleckt.

Also stellte ich enttäuscht die monströse Flasche im Gegenwert einer schicken Handtasche von „Picard“ ins Gartenhäuschen und warte seitdem auf eine günstige Gelegenheit. Vielleicht kommt die von gegenüber ja mal zu mir, weil ihr die Reinigungsmittel ausgegangen sind. Die hat genügend Zeit, immer vor der Haustür rumzubrüllen, also kann sie auch ihre Fenster zweimal saubermachen.

Der gönne ich das.

Es ist wie es ist: Man kauft immer etwas ein auf diesen Partys, ich habe noch nie erlebt, dass jemand gegangen ist, ohne wenigstens ein einziges Teil zu bestellen.

Die wenigsten kommen ja vorbei, weil sie neugierig auf die Produkte sind, sondern weil sie a) die Einladung aus verschiedenen Gründen nicht ablehnen können oder b) wegen a). Ja, genau.

Zu solchen Partys einladen kann nur jemand, der genügend Guthaben bei der „Gefälligkeitsbank“ gesammelt hat („Tust du mir einen Gefallen, hast du wieder einen bei mir gut“.) Das funktioniert seit Jahrzehnten so und wird immer so bleiben. Dann kommen sie, weil sie einem was schulden. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Und die Putzmittel.

Jedes Mal nehme ich mir vor: „Höchstens ein einziges Teil, Barbara, ok?“

Und jedes Mal werden mir anschließend lastwagenweise Behälter, Kartoffelschäler, Body-Lotions oder Allzweckreiniger geliefert, mit denen ich ganz offensichtlich als einziger Mensch auf diesem Planeten unfähig bin, umzugehen.

„Wir müssen mal was anderes machen“ sagte ich darum neulich zu meinen vier Freundinnen, als wir beim Apfelkuchen zusammensaßen und über unsere Männer herzogen.

„Immer kaufen wir viel zu viel auf diesen Veranstaltungen ein. Lasst uns doch mal eine Tausch-Party mit Klamotten machen!“

Alle fanden, es wäre eine super Idee, Kleidung, die man selbst nicht mehr tragen möchte oder kann, gegen was zu tauschen, das gut erhalten ist und einem gefällt.

Also trafen wir uns eine Woche später an einem Freitagabend. Jede von uns hatte mehrere Säcke mit abgelegten Sachen dabei.

Und dann… stellte sich heraus, dass wir nicht weiter als von Wand bis Tapete gedacht hatten, denn wir fünf sind grundverschieden. Von Kleidergröße 36 – 48 war alles dabei. Das hübsche Dirndl von Beate schlackerte an mir wie ein Kartoffelsack, dafür kam Beate in mein feuerrotes Etui-Kleid gerade mal mit dem linken Arm rein.

Wir schauten uns entgeistert an und prusteten los. Dann köpften wir ein paar Piccolo-Flaschen und machten uns einen netten Abend. Und nach dem dritten Glas hätten wir gern irgendwas gekauft, denn wir waren in Geberlaune und herrlich beschwipst.

Ich überlegte kurz, ob ich meine Kartons voller Plastikschüsseln, Reinigungsmittel und Super-Kerzen aus dem Vorratsraum holen sollte, um ein Geschäft nebenher zu machen, entschied mich dann aber dagegen, da ich das mit dem Abkassieren nicht mehr hingekriegt hätte.

Aber sollte ich wieder mal als Gastgeberin für eine dieser Partys fungieren, habe ich für mich selbst neue Grundregeln aufgestellt:

• Putze gründlich und am besten zweimal. Da kommen nur Frauen, und die sehen alles.

• Serviere Häppchen, die hübsch angerichtet sind. Da kommen nur Frauen, und die können das mindestens genauso gut wie du.

• Wenn du das erledigt hast, putze nochmal. Wie gesagt: Die sehen alles.

• Serviere massenhaft eiskalten Sekt. Sehr viel Sekt. Nach dem vierten Glas kaufen die alles, dann brauchst du selbst nichts mehr zu kaufen.

• Bleib selbst unbedingt nüchtern! Wichtig!

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte – ich sehe gerade, ich hab schon wieder zu viel Geld im Portemonnaie. Gudrun hat mich zu einer „Hauruck“-Party eingeladen. Ich nehme den Läufer vom Flur mit, der sieht übel aus. Vielleicht gibt’s ja mittlerweile eine Flüssigkeit, mit der ich umgehen kann.

Sekt hat Gudrun ja immer zuhause. Gottseidank.

Ich wünsche Ihnen schmunzelnd eine schöne restliche Woche!

Ihre

Barbara Edelmann

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„Dieses Miststück! Wenn ich die in die Finger kriege! Die bringe ich um!“ Wie oft habe ich das schon gehört, während ich eilig einer schluchzenden Freundin Taschentücher reichte. Ich kann es gar nicht mehr zählen.

Der Anlass ist immer derselbe: Irgendein Lebensgefährte oder Ehemann namens Horsti, Günti  oder Florian (suchen Sie sich einen aus) ist fremdgegangen.

Entweder wurde er in flagranti erwischt, er bekam eine verfängliche SMS, die entdeckt wurde, oder jemand hat hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass Horsti an dem Tag, an dem er angeblich seine verstorbene Oma zu Grabe getragen hat, quietschfidel im Hotel „Zur zornigen Hornisse“ mit einer mehr als spärlich bekleideten flotten Biene gesehen wurde, wo beide eimerweise Champagner aufs Zimmer bestellt haben. Der Schaden ist da. Größtmöglicher Unfall. Sozusagen der Beziehungs-Super-GAU.

Wir winden uns in Zorn und Wut, heulen, stampfen mit den Füßen auf, leeren erst mal ein paar Piccolos oder auch Weinflaschen, erzählen allen, die wir kennen, die Geschichte unserer abgesoffenen Beziehung, schnäuzen zwei Kilo Papiertaschentücher voll und streicheln wehmütig und verständnislos die jämmerlichen Reste unser ehemals kleinen heilen Welt und unseres in die Brüche gegangenen Selbstwertgefühls, weil das Ungeheuer aus dem moralischen Sumpf es zertrampelt hat.

Und mit „Ungeheuer“ meinen wir komischerweise NIE den Mann, sondern immer seine neue Flamme.

Ja, meistens sind wir sauer auf die Damen, mit denen unsere Typen sich eingelassen haben und nicht auf die Männer selbst. Ist ihr bestes Stück von allein zwischen zarte Schenkel gerutscht, oder haben die Männer nicht doch kräftig mitgeholfen? Wurden sie mit vorgehaltener Pistole gezwungen, die Hosen herunterzulassen? Hat jemand sie an einen Stuhl gefesselt, mit kompromittierenden Kontoauszügen erpresst, oder genügte einfach nur ein koketter Augenaufschlag mit zu viel Lidstrich, ein kleiner Minderwertigkeitskomplex und eine erstklassige Gelegenheit? („Das kommt nie raus, da breiten wir den Mantel, äääh… die Bettdecke des Schweigens darüber.“)

Und trotzdem waschen die Herren der Schöpfung ihre Hände in Unschuld. Während die betrogene Frau vor Wut kocht und ihre Rachegelüste nur mühsam im Zaum zu halten vermag. Ich finde das grotesk.

Wieso wollen wir nur immer den Mädels die Augen auskratzen, ihnen die Klamotten vom Leib reißen und sie auf dem nächsten hastig aufgetürmten Scheiterhaufen verbrennen, aber den Fremdgänger lassen wir ungeschoren?

Ich habe einen umfangreichen Bekanntenkreis mit einer Menge toller Frauen. Alle sind sie großartig, verdienen ihr eigenes Geld, sind hübsch anzusehen, fleißig, loyal und selbständig. Man sollte meinen, diese Teufelsweiber wirft so schnell nichts um. Bis es dann passiert.

Nehmen wir zum Beispiel Laura. Sie lebte lange Jahre in einer strapaziösen Beziehung, denn ihr Freund sah verdammt gut aus. Er war eine ansehnliche Mischung aus dem jungen Tom Selleck und einem gereiften George Clooney. Wo er hinkam, flogen ihm die Herzen zu, und nicht nur die. Sämtliche Damen, auch die im nicht mehr fortpflanzungsfähigen Alter, schürzten in seiner Gegenwart freiwillig die Röcke und kicherten albern um die Wette bei jedem seiner Flachwitze. Mehr als einmal saß Laura vor Wut mit den Zähnen knirschend am Tisch und verwünschte sich für die dumme Idee, irgendwelche weiblichen Wesen zum Kaffee oder zum Abendessen bei sich einzuladen.

Sobald Lukas, Lauras Herzensmann, den Raum betrat, verwandelten sich nämlich die weiblichen Gäste in gickernde Hühner, die ihm ihr Ei anboten. Und ja, das meine ich wörtlich.

Eines Tages, an einem Wochenende, während sie gemeinsam frühstückten, erzählte Lukas  der mittlerweile ziemlich verunsicherten Laura langatmig, er hätte ein paar Probleme in ihrem Zusammensein entdeckt, an denen sie beide arbeiten müssten. Mit „daran arbeiten“ meinte er selbstverständlich Laura, denn er selbst war ja in seinen Augen perfekt, wie ihm sein Fanclub immer wieder bestätigte.

„Wir sollten eine neue Qualität in unsere Beziehung bringen“ begann Lukas vorsichtig.

„Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir etwas Abstand voneinander bekommen und nicht immer aufeinander kleben. Wenn das hier funktionieren soll, dann musst du mir in Zukunft eine verdammt lange Leine lassen. Ich brauche ein wenig Freiheit. Außerdem wäre eine kleine Auszeit nicht schlecht. Du bist ja eine intelligente Frau und siehst das bestimmt auch so.“

Roter Alarm. Zumindest wäre das bei mir der Fall. Alle Mann in die Wanten. Ein Sturm naht, und der könnte diese kleine Nuss-Schale namens Beziehung zum Kentern bringen.

Laura ist ein taffes Weibsbild und hat schon alles gesehen. Als Tierärztin spendet sie häufig Trost, hat schon die schwierigsten Fälle durchgebracht und übrigens erst vor vier Jahren, nur weil sie Lust darauf hatte, den LKW-Führerschein gemacht. Wirklich wahr.

Sie ist attraktiv, selbstbewusst, sportlich, kultiviert und sehr belesen. Aber als Lukas ihr lang und breit aufzählte, wie eingeengt er sich in der Beziehung mittlerweile fühle, saß sie fassungslos am Tisch und schnappte nach Luft.

Keine Frau hört es gern, dass sie das menschliche Äquivalent einer Bärenfalle sein soll, nicht wahr? Also nickte sie nur entgeistert und sah zu, wie Lukas sich sein Handy schnappte, das ohnehin die ganze Zeit gepiepst hatte, und verschwand. Dann trank sie einen Kaffee und dachte nach. Ungefähr zwei Stunden lang.

Aber das Gefühl, als wäre sie gerade dazu gezwungen worden, auf Seife zu beißen blieb. Irgendetwas stimmte nicht. War das derselbe Mann, der ihre Mülltonne durchwühlt hatte, auf der Suche nach einem uralten Adressbuch, in dem die Telefon-Nummern ihrer Exfreunde notiert waren? War das derselbe Mann, der eifersüchtig darüber wachte, dass sie nicht mit fremden Männer zu lange sprach? Es kam ihr merkwürdig vor. Also setzte sie sich in ihr Auto und fuhr zu Lukas, der 10 Kilometer entfernt wohnte.

Sarkastiker würden sagen, eine lange Leine benötigen nur Leute mit mindestens einem Hund. Und Laura wurde mit jedem Kilometer misstrauischer. Denn Lukas war in den letzten Jahren nicht der Zuverlässigste gewesen und kam gerne mal einen halben Tag zu spät zu einer Verabredung. Trotzdem liebte sie ihn. Irgendwie.

„Kann ich dir nicht sagen“ antwortete sie patzig auf meine diesbezügliche Frage. „Er hat einfach was, das mich fasziniert.“

Wenn Männer so etwas sagen, wollen sie meistens (Ich betone: meistens!) eigentlich nur mehr Zeit zum Fremdgehen haben und fixe Termine bei festen Freundinnen sind da eher lästig. Das gehört zum Basiswissen jeder Frau und sollte in der Schule gelehrt werden. Selbstverständlich kann man nicht 24 Stunden am Tag aufeinander sitzen, aber wenn das Zusammensein zur lästigen Pflicht wird, so dass man sich daraus befreien möchte, dann sollte man ohnehin alles nochmal überdenken.

Während Laura ihren Wagen über die Landstraße steuerte, beschwor sie sich selbst, unbedingt  gelassen zu bleiben und Lukas nach konkreten Gründen für seine Unlust zu fragen. Sie nahm sich vor, in Zukunft nicht mehr so „lästig“ zu sein („Was denkst du gerade?“), nicht mehr zu verlangen, dass er seine Wochenenden ausschließlich mit ihr verbrachte („Was, du willst schon wieder mit deinen Kumpels nach Mallorca? Da warst du doch erst vor zwei Wochen!“), und nicht mehr wütend über Lukas herzufallen, wenn ihm „wildfremde“ Frauen um den Hals fielen und sie dabei anzüglich und triumphierend anlächelten. („Musst du die auch noch umarmen? Woher kennst du die überhaupt?“).

Lukas war ein Mistkerl, aber Laura sah in ihm nur das Gute: einen 185 Meter großen attraktiven Mann mit blauen Augen, einem repräsentativen Job und Schwiegersohn-Qualitäten. Sie hatte völlig vergessen, dass ja nicht ihre Eltern mit Lukas leben mussten, sondern sie selbst.

Als Laura mit ihrem Schlüssel die Wohnung von Lukas aufschloss und eintrat, bemerkte sie als erstes ein paar blaue Pumps in der Diele. In Größe 40. Laura trug 37. Dann hörte sie das Geräusch der Dusche und ging ins Bad. Dort fand sie Lukas zusammen mit einer ansehnlichen Dunkelhaarigen, wie sie sich gerade kichernd unter dem Wasserstrahl von jüngst begangenen Schandtaten säuberten.

DAS nenne ich mal ein straffes Zeitmanagement. Scheinbar hatte Lukas keine Zeit verloren und war sofort nach seiner Ansprache an Laura unter die nächste Frau geflutscht. Er schien definitiv ein Mann der Tat zu sein, das war ja eines der Dinge, die Laura so an ihm schätzte. Nur welche Dinge er anpackte, hatte sie vor diesem Tag nicht geahnt.

Hätte Laura die von Lukas erwähnte „lange Leine“ in diesem Moment zur Hand gehabt, dann wäre es wohl mit der Brünetten vorbei gewesen, so erzählte sie mir ein paar Tage später.

„Ich war außer mir vor Wut und hätte sie am liebsten stranguliert“ heulte sie.

„Da präsentiert sich dieses Luder völlig nackt vor mir, stemmt beide Arme in die Hüften und grinst mich triumphierend an, während ich mir gerade die Augen aus dem Kopf heule. Und Lukas, dieser Feigling, steht schlotternd daneben, weil er aufgeflogen ist.“

„Wo hast du die versteckt bisher?“ fragte Laura ihren frischgebackenen Exfreund schluchzend und zeigte auf die nackte Dritte im Bunde.

„Ich glaube, das hat er nicht nötig, dass er mich versteckt“ antwortete die Brünette süffisant und stieg graziös aus der Duschwanne, während sie sich ein Handtuch schnappte.

Laura flüchtete schniefend vors Haus und setzte sich auf eine Mauer. Lukas war ihr im Bademantel nachgekommen und nahm neben ihr Platz.

„Es ist nur was fürs Bett“ stammelte er hilflos, während er verlegen versuchte, Laura zu umarmen. Es schien ihm peinlich zu sein, dass er aufgeflogen war, denn er hatte ein Ego wie der Watzmann und doch immer alles so gründlich durchgeplant.

Außerdem nannte er alle seine Bekanntschaften „Schatz“ – dadurch konnte er sichergehen, nie einen Namen zu verwechseln.

Ja, Lukas war verlegen. Nicht schuldbewusst. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass er diese Dame namens Sieglinde schon sechs Monate lang traf. Sozusagen mitten zwischen die Knie.

Das darf man ruhig so nennen.

„Warum hast du ihm denn nicht wenigstens eine geschmiert für das, was er dir angetan hat?“ fragte ich Laura völlig entgeistert.

„Weil ich ihn doch liebe“ platzte Laura heraus.

„Ich war unglaublich sauer auf dieses Miststück. Ich hätte sie am liebsten gekillt, egal womit. Aber auf ihn konnte ich einfach nicht böse sein. Er meint es nicht so, er ist nur schwach.“

Da fehlen mir die Worte, und das will was heißen.

In der darauffolgenden Woche schmiedete Laura düstere Rachepläne, die allesamt darin gipfelten, dass diese fremde, dunkelhaarige Frau ein qualvolles und langwieriges Ende nehmen würde. Unter der Erde, denn Laura wollte sie anschließend lebendig begraben.

Aber sie hat diese Pläne nie ausgeführt, Gottseidank.

Lukas schien in Lauras Augen lediglich das Opfer widriger Umstände zu sein. Die böse schlanke Schlange mit dunklen langen Haaren hatte sich in ihr Paradies geschlichen und von Lauras Apfel genascht. Sie ist übrigens heute noch davon überzeugt, dass alles nie passiert wäre, hätte die Brünette damals die Finger von Lukas gelassen.

Ich kenne Lukas allerdings, und ich habe schon viel von ihm gehört. Nicht alles konnte ich Laura erzählen.

„Brünhilde“ war nämlich nicht die erste gewesen, die in Lukas’  wurmstichigen Apfel gebissen hatte. Genaugenommen war schon sehr lange von Lukas nur noch das abgenagte Kerngehäuse übrig – metaphorisch gesehen.

Mit Frauen, die mit gebundenen Männern fremdgehen, verhält es sich wie mit dem Kauf von Rüstungsaktien. Es ist zwar moralisch geächtet, aber wenn Sie die nicht kaufen, tut es jemand anderer. Weil sie ja scheinbar verfügbar sind. Weil sie mitmachen.

Weil sie nicht „Nein“ sagen.

DAS ist die Wahrheit. Die Welt ist nicht voller verführerisch glitzernder „böser Mädchen“, die nur darauf warten, sich einen Mann zu krallen, egal, ob verheiratet oder nicht. Meistens geht es nur um eine günstige Gelegenheit, ein paar Bier zu viel oder zu wenig sexuelle Befriedigung zuhause. Und es sind nicht immer nur die fremden Frauen schuld.

Hätte „Brünhilde“ sich damals nicht Lukas geschnappt, wäre es eben eine andere gewesen, denn er konnte seinen Feinripp-Slip einfach nicht bei sich behalten, sobald er weibliche Pheromone witterte.

Laura hätte mir vermutlich nicht geglaubt, dass Lukas ohnehin alles bestieg, was bei 3 nicht auf dem nächsten Baum verschwunden war. Und sie nennt es auch weiterhin „Liebe.“

Jedenfalls war Laura lange, lange Zeit so unglaublich sauer auf die ominöse Dunkelhaarige, dass ich es gar nicht zu beschreiben vermag. Für Laura war sie die Personifizierung des Antichristen, das Böse schlechthin. Dass der arme unschuldige Lukas aber tatkräftig an ihr herumgefummelt hatte, mit ihr in SEINER Dusche geduscht hatte und bereitwillig mit „Brünhilde“ in sein ungemachtes Bett gehüpft war (in dem ein paar Tage zuvor noch sie selbst gelegen hatte), verdrängte sie ganz einfach.

Beide sind jetzt übrigens nicht mehr zusammen. Und das Traurige ist: Es lag nicht an Laura, denn sie hätte Lukas mit Kusshand zurückgenommen, weil sie sich so an ihn gewöhnt hatte. Jetzt hat sie sich einen Mann gesucht, der nicht ganz so gut aussieht, aber eine treue Seele ist. Ich hoffe, die beiden werden glücklich, denn vielen Versuchungen wird der Neue vermutlich nicht ausgesetzt sein.

„Es ist mir egal, ob er aus Mangel an Gelegenheit bei mir bleibt“ erzählte mir Laura vor ein paar Monaten pragmatisch.

„Ich will einfach nur einen Mann, auf den ich mich verlassen kann. Aber wenn Lukas heute zu mir zurückkäme, könnte ich für nichts garantieren.“

Naivität hat viele Gesichter. In Lauras Fall sogar ein sehr hübsches.

So ähnlich wie Laura erging es Vanessa im Februar vor drei Jahren. Sie war nämlich mit einem Mann liiert, der zum damaligen Faschingsprinzen gekürt wurde.

Nun ist „Faschingsprinz“ ein stressiger Job, zumindest, so lange, wie der bierernste deutsche Karneval dauert. Man muss sich ständig in Gesellschaft und bei lauter Musik volllaufen lassen, mit hübschen Mädchen tanzen und darf morgens nie vor 5:00 Uhr ins Bett gehen. So war das zumindest damals. Ich nehme hiermit ausdrücklich alle lieben und treuen Karnevalisten aus.

Jeder „Regent“ umgibt sich mit der sogenannten „Garde“, die vorwiegend aus lauter süßen Käfern in möglichst kurzen Röckchen und einem bis dato kurzen Leben besteht. Es wird geprobt, es finden Auftritte statt, und Vanessa hatte schwer daran zu knabbern, dass ihr Jürgen so gar keine Zeit mehr für sie hatte und nur noch mit blutjungen süßen Mädels übers Parkett hüpfte.

Eines Abends wollte Vanessa „ihren“ Prinzen nur kurz vor einem Auftritt besuchen und ihm Mut zusprechen, da er unter schlimmem Lampenfieber litt.

Sie erwischte ihn, während er seine Zunge gerade in der Speiseröhre der pummeligen blonden Faschings-Prinzessin und beide Hände in deren Dekolleté versenkte. Es war kein schöner Anblick.

Vanessa stürmte wutentbrannt nach draußen, verkroch sich den gesamten restlichen Fasching unkostümiert und stinksauer in ihrer Wohnung und schwor der dicklichen Prinzessin (Tochter des örtlichen Großbäckers) schwerste Rache, sollte die ihr jemals allein zwischen die Finger geraten. Sie wollte ihr die Haare im Schlaf abschneiden, ihr Auto und das Gesicht zerkratzen, sie wollte ihr mindestens einen Zahn ausschlagen und sie vor allen Leuten unmöglich machen, indem sie behauptete, Prinzessin Blondie litte an einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Außerdem kauft Vanessa seit drei Jahren ihre Brötchen aus Protest jetzt bei ALDI. Wobei ich sehr bezweifle, dass die ehemalige Prinzessin das bemerkt hat.

Und Jürgen – war wieder mal an gar nichts schuld.

„Er kann so gut tanzen und sieht klasse aus, klar dass alle auf ihn stehen“ greinte Vanessa, als sie heulend bei mir am Tisch saß und ein Taschentuch nach dem anderen vollschnäuzte.

„Außerdem ist er schon öfter fremdgegangen. Ich hab’s nur noch nie live gesehen, das war eine ganz andere Qualität. Und die blöde blonde Kuh hat sich ihm an den Hals geschmissen. Der wollte das doch gar nicht. Der steht doch nicht mal auf mollige Frauen. Und auf Blondinen schon gar nicht.“

An dieser Stelle wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Übrigens wurde Vanessa ein halbes Jahr darauf von ihrem Prinzen wegen einer dürren Dunkelhaarigen verlassen. Zumindest, was Jürgens Vorlieben anging, hatte sie Recht behalten.

Ich könnte Ihnen noch etliche Fälle aufzählen, in denen Frauen betrogen wurden, die jedes Mal, wirklich jedes einzelne Mal, der „anderen“ Frau die Schuld daran gaben.

Wissen Sie, in dieser Debatte vermisse ich eines ziemlich: weibliche Solidarität. Meine Oma sagte immer: „Wie man sie kriegt, so verliert man sie wieder“, und ich durfte das mehr als einmal beobachten.

Elvira zum Beispiel hat ihren Mann seiner Ehefrau ausgespannt, ihn unter Triumpfgeheul geheiratet und wurde dann nach 10 Jahren von eben diesem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Die triumphierte dann auch.

Katrin ergatterte sich einen verheirateten Zahnarzt, der sich wegen ihr scheiden ließ, mit ihr eine rauschende Hochzeit auf den Malediven feierte… und sie dann wegen seiner Exfrau wieder sitzenließ.

Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um Moral, es geht um Integrität. Wir Frauen sollten zusammenhalten, denn wir haben es schwer genug in dieser Welt. Jede fremde Frau, die ich treffe, sollte meine Freundin und Verbündete sein, nicht meine Konkurrentin oder meine Feindin, die ich im Auge behalten muss.

Weltweit haben immer noch die Männer die Macht. Und wenn wir uns untereinander schon das Leben so schwermachen – wie wollen wir es dann in die Führungsetagen schaffen?

Ein kleines bisschen Solidarität wäre wirklich schön. Und wenn Sie mich hundert Mal altmodisch schimpfen: Man klaut einer anderen Frau nicht den Mann. Das tut man einfach nicht. Es ist so einfach wie logisch. Und meistens auch ein Pyrrhussieg.

Denn einer, den sich von Ihnen „klauen“ lässt, auf den müssen Sie, wenn Sie ihn dann „haben“, ganz gewaltig aufpassen, er scheint ja eher der wankelmütige Typ zu sein, der sich gerne von einem flott gezogenen Eyeliner oder einem Schmollmund zum Wechsel in eine andere Mannschaft überzeugen lässt. Und das alles nur wegen ein paar Trikot-Wechseln?

Wo wird er wohl in der nächsten Saison spielen?

Ja. Ich wirke vermutlich antiquiert, wenn ich im Jahre 2018 schreibe: „Das tut man nicht.“ Weil wir doch in der freiesten Gesellschaft leben, die wir uns vorstellen können. Aber ich erwarte von einem Mann ganz einfach, wenn er sich für mich entscheidet, dass er sich auch daran hält. Sollte die Beziehung für beide Teile nicht zufriedenstellend sein, kann er sich gern dorthin begeben, wo ihm das Gras grüner scheint. Oder der Pfeffer wächst. Aber ich möchte keinen fliegenden Wechsel von einer Blüte zur nächsten erleben.

Die Herren der Schöpfung sind nämlich keine Bienen, sondern Drohnen. Und die Königinnen sind immer noch wir, vergessen Sie das bitte nicht.

Männer sind selbstverständlich nicht unser Eigentum. Und jeder Mensch hat einen freien Willen, auch wenn er behauptet, er hätte sich nicht wehren können gegen dieses Bollwerk an Verführungskunst, das ihm neulich in einer schummrigen Pilsbar schöne Augen gemacht hat.

Auch wenn er behauptet, er hätte nicht gewusst, was er tat. Auch wenn er behauptet, es sei nur eine einmalige Angelegenheit gewesen.

„Die hat sich mir an den Hals geworfen, Uschi!“ beteuern sie und vergessen ganz nebenbei, dass sie ihren Hals vermutlich bereitwillig in Richtung des verführerisch geöffneten Dekolletés gestreckt haben.

„Es ist nur was fürs Bett, Schatzi!“

Wie bitte? Ich habe ja auch keinen Mann nur für den Müll, oder einen, der ausschließlich fürs Rückenschrubben zuständig ist.

Mitgefangen, mitgehangen, liebe Herren der Schöpfung. Eine Beziehung ist nämlich all inklusive, und das Buffet wechselt nicht täglich, auch wenn Sie das manchmal gern hätten. Also denken Sie nach, ehe Sie eine holperige Kreuzfahrt auf dem Seitensprung-Dampfer buchen.

Ich wünsche mir für alle Frauen dieser Welt ein wenig Solidarität. Lassen Sie uns zusammenhalten. „Böse Mädchen“ bekämen gar keine Chance, wenn es nur „brave Männer“ gäbe.

Bleiben Sie gelassen. Denn für fast alle für uns gilt das „AMIGA“-Prinzip: „Aber meiner ist ganz anders“. So gut wie immer stimmt das auch.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Nehmen Sie mich nicht allzu ernst. Ich selbst tue das auch nicht.

Mit augenzwinkernden Grüßen,

Ihre Barbara Edelmann

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Als Kind saß ich oft mit meiner Großmutter im Licht der untergehenden Abendsonne am Fenster und beobachtete, wie sie Socken stopfte, Knöpfe an Hemden nähte, Löcher in getragener Kleidung ausbesserte und Schnürsenkel-Enden mit Wachs überzog, damit sie sich wieder einfädeln ließen.

Ja, ich stamme aus einer Zeit, in der Dinge „geflickt“ wurden. Wenn etwas kaputt war, warf man es nicht weg, denn meistens waren mit dem Erwerb viele Entbehrungen verbunden gewesen.

Dann kam der Konsum. Die Leute verdienten mehr, die Ansprüche wurden größer, und was früher eine Woche Zelturlaub am Gardasee gewesen war, sind heute vier Wochen Bali all inclusive mit dem Billig-Flieger.

Das Angebot an Waren ist riesig. Viele Gebrauchsgüter sind, proportional zum Einkommen gesehen, so billig geworden, dass es sich nicht mehr lohnt, sie zu reparieren. Und merkwürdigerweise gilt das auch für Beziehungen.

Verstehen Sie mich richtig: Ich propagiere nicht, in einer unbefriedigenden Ehe auszuharren. Ich appelliere nur an Ihren wachen Verstand, genau zu prüfen, welche Definition von „besser“ Sie haben. Weil „Ex und Hopp“ nicht immer die bessere Wahl ist. Ganz einfach.

Viel hat sich verändert seit damals. Kein Mensch stopft heute mehr Socken. Aber die Socken sind nur ein Gleichnis, denn dieses achtlose Wegwerfen, es gehört mittlerweile zu unserer „schönen neuen Welt“.

Früher zappten wir uns gelangweilt durch die Privatsender, heute zappen wir uns durch Beziehungen. Tinder, Facebook, Snapchat, Instagram und wie sie alle heißen, sind voll mit einsamen Herzen auf der Suche nach dem Partner fürs Leben.

Der/die Nächste muss perfekt sein. Kompromisse sind nämlich out.

„Ich will einen 1,85 Meter großen Blonden mit grünen Augen, der Sozialwissenschaften oder Arabistik studiert hat, einen Fiat fährt, Katzen liebt und für den ‚How I Met Your Mother’ das Beste seit der Erfindung des Klopapiers ist.“

So in etwa läuft das heute. Ich habe leicht übertrieben, aber leider nicht viel.

„Was, du magst weder Sushi noch Ayurveda und findest Angela Merkel doof? Dann aber fix wieder runter vom Hof!“ heißt es mittlerweile. OK. Ich habe wieder übertrieben, aber wieder nicht viel.

Perfekt soll er sein, der Partner. Schnell tauscht man den „Alten“ aus, es warten doch genügend Neue. Aber Herzen sind keine Kurbelwellen, wissen Sie. Neues muss nicht unbedingt besser sein. Oder wie es Schiller schon ausdrückte: „Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.“

Es heißt ja nicht umsonst: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Der Satz endet übrigens NICHT mit „… ob sich nicht doch was Besseres findet.“

Beziehungen werden mittlerweile weggeworfen wie Tennissocken mit Löchern. Meine Oma hätte sie noch gestopft.

Und genau darum erzähle ich Ihnen heute die wahre Geschichte von Susi. Sie war Zeit ihres Lebens ein großer Fan von Neuanschaffungen und hasste Reparaturen. Susi kauft lieber neu. Das gilt für alles. Einmal warf sie eine Bluse in die Altkleidersammlung, weil zwei Knöpfe fehlten. Und das ist die reine Wahrheit.

Susi und ich waren seit unserer Schulzeit beste Freundinnen.

Sie wuchs als Einzelkind bei wohlhabenden Eltern auf. Von klein auf glich Susis Leben dem Spaziergang von Alice im Wunderland. Fuhr Susi wieder mal einen Wagen zu Klump, kaufte Papi ihr einfach einen neuen.

Egal, welchen Wunsch sie äußerte, er wurde umgehend erfüllt. Jedes Mal, wenn ich Susi in ihrem Elternhaus besuchte, war das für mich wie Science-Fiction. Sie bewohnte schon als Teenager die komplette obere Etage des elterlichen Hauses und hatte dort freie Hand. Es war ein Paradies für uns. Mit Zimmerservice, denn Susi brauchte nur übers Haustelefon unten anzurufen, und schon bekamen wir die leckersten Dinge serviert.

Susi heiratete sehr jung, bekam zwei Kinder, und zog, nachdem diese Ehe gescheitert war, mit ihren beiden Kindern wieder im Obergeschoß ihres Elternhauses ein.

Die Großeltern kümmerten sich rührend um ihre beiden Enkel, während Susi morgens zur Arbeit fuhr und erst abends nach Hause kam.

Dann hauchte sie nach dem Essen, das die Oma gekocht hatte, ihren Kindern einen Kuss auf die Stirn, befahl ihnen, zu schlafen, schminkte sich und verschwand auf hohen Hacken in die Nacht.

Es folgte im Laufe der nächsten 10 Jahre eine stattliche Anzahl an willigen Herren, die zwar gerne Susi, aber nicht ihre beiden Kinder genommen hätten.

Da niemand sie mit ihren Kindern wollte, sondern nur als Einzelpack, blieb Susi weiterhin Single und alleinerziehend. So nannte sie sich gern in heiterer Runde. Dabei kannte ich niemanden, auf den diese Bezeichnung weniger zugetroffen hätte, aber keiner getraute sich, ihr das zu sagen, auch ich nicht.

Susi lebte in der 5-Sterne-Version des „Hotel Mama“, weiterhin mit Roomservice und Putzfrau.

Endlich lernte Susi Hugo kennen, einen farblosen, schlanken Mann mit zurückweichendem Haaransatz, stillem Wesen und großen, ein wenig traurig dreinblickenden Augen.

Er zierte sich etwas, und das war Susi nicht gewöhnt. Normalerweise fuhr sie auf große dunkelhaarige Männer mit hohen Wangenknochen und blauen Augen ab, und Hugo fiel überhaupt nicht unter ihr Beuteschema. Aber es reizte Susi, dass mal jemand nicht so wollte wie sie es gerne hatte.

Hugo redete wenig und lächelte selten. Aber er war belesen, einfühlsam und hatte eine Menge Tiefgang. Ich mochte ihn.

Susi ließ ein T-Shirt mit einem Foto von ihr in äußerst aufreizender Pose und extrem wenig Textilien am Leib bedrucken und schmuggelte es unter seine Klamotten, als Hugo für ein paar Wochen verreiste. Sie legte sich ein Arsenal an Reizwäsche zu, auf das vermutlich eine Sexarbeiterin auf der Reeperbahn neidisch gewesen wäre. Susi wollte Hugo, und sie sorgte dafür, dass sie ihn bekam. Etwas anderes hätte ihre Programmierung durcheinandergebracht.

Endlich machte Hugo Susi einen Antrag.

Er war übrigens Gastronom, bewohnte ein schönes geräumiges Haus auf dem Lande und schien mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. So jemand hatte ich mir für sie gewünscht.

Nach einer rauschenden Hochzeit zog Susi mit den Kindern in ihr neues Zuhause. Susis Eltern hatten endlich wieder ein Privatleben, wenn auch nicht für lange. Ich hätte es ihnen gegönnt, aber leider starben sie bald darauf.

Susi verwand diese Schicksalsschläge erstaunlich schnell, vielleicht, weil Hugo wie zuvor ihre Eltern, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas.

Arbeiten musste Susi übrigens nicht, denn Hugos Einkommen war ausreichend.

Außerdem kümmerte er sich aufopfernd um seine neue Familie. Er wusch die Wäsche, kochte das Essen, kaufte ein und machte sauber, denn Susi hatte öfter mal keine Lust und beschwerte sich oft darüber, dass die Kinder so anstrengend waren. Nach dem Tode ihrer Eltern war Erziehung Neuland für sie, denn unter Tags hatte sie ihre Sprösslinge vorher so gut wie nie zu Gesicht bekommen, und wenn, dann waren sie schon von Oma und Opa versorgt worden.

Im Grunde genommen war sie nun das erste Mal richtig Mutter geworden. Trotzdem ihr Leben gut lief, schien Susi aber irgendwie unzufrieden.

„Mir ist langweilig“ sagte sie mehr als einmal, wenn ich sie besuchte. Wir saßen dann zusammen am Tisch, die Kinder spielten, und Hugo stand am Herd und kochte fürs Abendessen vor, nachdem er vorher eingekauft hatte.

„Hier ist überhaupt nichts los auf dem Land“ murrte Susi. „Ich gehe noch ein. Ich will hier raus.“

Ich  musterte sie damals ungläubig, denn meiner Meinung nach hatte sie es gut getroffen. Das Haus war hell und geräumig, die paar Pfund, die sie zugenommen hatte, standen ihr ausnehmend gut, und sie wirkte wesentlich ausgeglichener als früher, wo es sie jeden Abend auf die Piste getrieben hatte.

„Die Kinder machen mich wahnsinnig“ stöhnte sie oft. „Nirgendwo kann man hin. Ich habe ja niemanden, der auf sie aufpasst. Es ist die Hölle.“

Diese Anspielung überhörte ich regelmäßig geflissentlich, denn die beiden Kinder von Susi, damals 16 und 14, waren Rabauken, die mich mental überfordert hätten.

Nachdem die liebevolle Strenge von Susis Eltern fehlte und Susi eine gewisse Nachlässigkeit bezüglich der Erziehung an den Tag legte, wuchsen sie auf wie wilde Blumen. Sie breiteten sich quasi in alle Richtungen, auch in verbotene, aus, denn Susi hatte auf Konsequenz keine Lust, das hätte sie angestrengt.

Dann verletzte sich Susi den Rücken. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es passierte, aber beim Putzen kann es nicht gewesen sein, das erledigte Hugo, wenn er nicht im Lokal oder auf dem Großmarkt war. Jedenfalls wurde sie von ihrem Arzt nach einem Bandscheibenvorfall zur Kur geschickt.

„Ich habe mich verknallt“ berichtete sie mir freudestrahlend, als wir uns das erste Mal nach ihrer Reha wieder trafen. „Das ist die Liebe meines Lebens. Er ist ein Geschäftsmann aus Hamburg, er sieht klasse aus. Groß, dunkelhaarig, blaue Augen. Wir haben es die ganze Zeit getrieben. Den heirate ich.“

„Aber du bist doch schon verheiratet?“ wandte ich ein.

„Na und? Ich lasse mich eben scheiden.“ Da war sie wieder, meine Prinzessin auf der Erbse. Susi hatte noch nie viel dafür übrig gehabt, Kaputtes zu reparieren. Sie kaufte lieber gleich neu. Und Hugo war diese Bluse, an der zwei Knöpfe fehlten. Rein metaphorisch gesehen.

Meine Prinzessin Susi – sie hatte mir gefehlt. Die Frau, die damit aufgewachsen war, immer zu bekommen, was sie wollte. Die nie eine Mahlzeit zweimal aß, sondern die Reste in den Abfall kippte. Hugo kaufte ja stets frisch ein und kochte einfach neu.

Wissen sie, irgendwann flutscht man wieder in seine natürliche Form zurück. Und Susi war soeben geflutscht. Erst unter den Hamburger Geschäftsmann, dann in ihre Rolle als verwöhnte Tochter. Ich hätte mir um sie wohl keine Sorgen machen brauchen. Sie blieb sich selbst treu.

„Susi“ versuchte ich zu intervenieren, weil ich Hugo mochte und den Eindruck hatte, dass er meiner Freundin guttat.

„Ich war auf deiner Hochzeit. Vor dem Altar hast du geschworen, ‚bis dass der Tod euch scheide’, und jetzt kommt die erste leichte Brise, und du willst dich vom Acker machen? Was ist mit den Kindern? Die lieben ihn doch auch.“

„Ach, Kinder halten viel aus“ wehrte Susi ab. „Verschon mich mit deinen Predigten. Du klingst wie ein Pfarrer.“

Die nächsten Monate wurden zur Zerreißprobe für unsere Freundschaft. Ich hatte Susi nochmals gebeten, die Angelegenheit gründlich zu überdenken, aber sie wollte in dieser Zeit nicht auf ihren „Fredi Schlotterbeck“, wie ich ihn aus purer Bosheit taufte, verzichten. Deshalb nutzte sie jede Gelegenheit, sich mit ihm zu treffen, während Hugo daheim die Kinder hütete. Einige Male musste er sogar sein Lokal deswegen geschlossen halten.

Ich konnte das Elend nicht mehr mit ansehen und rief Fredi Schlotterbeck an, um ihn auszuhorchen. Susi hatte mir seine Nummer gegeben.

„Was willst du von meiner Freundin?“ fragte ich ihn misstrauisch. „Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Hast du überhaupt gute Absichten? Susi ist zu schade für eine Affäre.“

„Diese Frau ist eine Wucht“ erklärte mir Fredi Schlotterbeck am Telefon überheblich. „Ich heirate die, auch wenn sie zehn Kinder hat.“

„Warst du schon mal verheiratet?“ fragte ich vorsichtig?“

„Nur kurz“ antwortete Fredi. „Aber ich liebe Susi. Und ich nehm sie auf jeden Fall.“

Susi lachte mich aus, als ich ihr von diesem Gespräch erzählte und führte stolz ihre neue Pelzjacke vor, die Fredi ihr bei einem Stadtbummel gekauft hatte.

„Ich und die Kinder fahren am Wochenende zu Fredi nach Hamburg und verbringen dort das Wochenende“ erklärte sie mir entschlossen. „Ich habe mit Hugo geredet und ihm alles gesagt. Wir lassen uns scheiden.“

Susi fuhr also mit Kind und Kegel nach Hamburg und verbrachte zusammen mit ihrem Nachwuchs das Wochenende bei ihrem Zukünftigen in dessen Villa. Dann reiste sie wieder zurück, um mit Hugo die Modalitäten wegen der Scheidung zu klären.

Hugo war so still wie immer. Er wirkte bedrückt, aber gelassen. „Ich liebe Susi“ sagte er zu mir. „Weil sie so ehrlich zu mir ist. Es bricht mir das Herz, aber was soll ich tun?“

Nach diesem Wochenende wartete Susi ungeduldig darauf, dass Fredi sich melden würde, um ihr mitzuteilen, wann der Umzugswagen käme.

Er kam nie. Fredi rührte sich nämlich nach diesem einen Wochenende nicht mehr. Es war, als wäre er gestorben. Er ging nicht ans Telefon, änderte seine Handynummer und öffnete nicht die Tür, als Susi nach einer 8 Stunden langen Autofahrt vor seiner Villa stand.

Fredi hatte sehr wahrscheinlich seine pädagogischen Fähigkeiten, was zwei Teenager betrifft, gewaltig überschätzt, genau wie die Geduld seiner Putzfrau, denn ich erinnere Sie daran: Susis Kinder waren Rabauken mit hoher destruktiver Energie.

Es ging um eine chinesische Vase, ein italienisches Sofa und eine Kaffeemaschine aus der Schweiz. Mehr weiß ich nicht. Aber ich habe die Kinder schon live erlebt und hätte Fredi alles geglaubt.

Nach einer Woche war Susi verzweifelt. Sie saß nur noch zuhause und heulte. Hugo tröstete sie.

Irgendwann hatte sogar Susi eingesehen, dass Fredi sich nicht mehr melden würde. Sie war nicht daran gewöhnt, dass ihr Wünsche verwehrt blieben und dementsprechend erschüttert. Es war ihr erstes Mal. Nun war sie also keine Jungfrau mehr. Rein lebenstechnisch gesehen.

Nach einem Jahr schien es, als wäre die ganze Geschichte nie passiert.

Und dann verliebte sich Susi wieder. Diesmal in einer Kneipe, die sie zusammen mit ein paar Arbeitskollegen besuchte. Dort lernte sie Ralf kennen. Er stand kurz vor seinem Vorruhestand – wegen einer Erkrankung – und war 12 Jahre älter als Susi, schlank, grauhaarig, mit hohen Wangenknochen und blauen Augen.

„So was ist mir noch nie passiert“ strahlte Susi. „So verliebt war ich nicht nie.“

„Das hast du bei Fredi Schlotterbeck auch gesagt“ erinnerte ich sie und dachte mit Grauen an Hugo, der nichtsahnend gerade die Wäsche faltete.

„Dieses Mal ist es anders“ fauchte Susi. „Den Mann will ich. Er mich auch. Mit den Kindern kommt er klar. Ich lasse mir von dir gar nix dreinreden.“

Ein paar Tage später stellte sie mir Ralf vor. Er wirkte unterkühlt, etwas tranig, aber höflich und kultiviert. Ich mochte ihn trotzdem nicht, weil ich an Hugo denken musste. „Und wie hat Hugo es aufgenommen?“  fragte ich Susi, als Ralf gerade auf der Toilette war.

„Nicht so gut“ antwortete Susi lapidar. „Aber mit uns ist es die letzte Zeit eh nicht toll gelaufen. Der trinkt ab und zu mehr, als ihm guttut. Und  er ist auch so langweilig. Gar nix los. Als ich den kennenlernte, war der ständig auf Achse. Jetzt ist er nur müde, wenn er heimkommt. Auch sonst läuft nicht viel. Du weißt, was ich meine. Unsere Beziehung ist ziemlich abgekühlt.“

Wer hätte das gedacht?

Allmählich hatte ich ein Déjà-vu. Es klang einfach alles zu sehr nach Fredi Schlotterbeck.

Aber Ralf verschwand nicht einfach aus Susis Leben wie Fredi, er mietete sogar ein hübsches kleines Haus, das Susi zusammen mit ihm und den Kindern bezog. Sie suchte sich einen Job und kam wieder abends müde nach Hause. Ralf erledigte den Haushalt, so wie Susi das gewöhnt war, und die Kinder kamen und gingen ohnehin, wie es ihnen beliebte, denn Susi hielt nach wie vor nichts von Konsequenz oder Verboten.

Nach ungefähr einem Jahr traf ich Ralf in der Stadt allein beim Einkaufen. Normalerweise sahen wir uns nur, wenn Susi dabei war.

Er wartete erst gar nicht ab, bis ich ihn fragte, wie es ihm ginge, sondern legte sofort los.

„Die drei tun absolut nichts zuhause!“ schimpfte er. „Ich muss alles allein machen. Sie kochen und lassen dann das angebrannte Geschirr stehen. Im Bad schimmeln die Handtücher. Ich bezahle Miete, Strom, Telefon und den größten Teil des Essens und muss noch den Haushalt schmeißen!“

Ich hätte Ralf aufklären können, dass er damit einer langjährigen Tradition folgte, aber er hätte mich wohl nicht verstanden.

„Der ist so ein Erbsenzähler und Kleinkrämer“ klagte Susi auf meine Nachfrage hin. „Ständig soll man nur putzen. Immer hockt der vor der Glotze. Ich will raus, ich will was erleben. Mal irgendwo hingehen. Aber der Ralf, der ist ständig zu müde.“

„Wer hätte das ahnen können bei jemandem, der wegen Krankheit in den Vorruhestand geht?“ sagte ich. „Hast du doch vorher gewusst. Oder dachtest du, nach eurem Zusammenziehen findet eine Spontanheilung statt? Und warum helft ihr nicht mal im Haushalt mit, wenn er schon alles bezahlt? Er möchte doch nur wahrgenommen werden?“

„Mann, du solltest zu mir halten, du bist meine Freundin nicht seine!“ zischte Susi böse und rief mich erst mal einen Monat nicht mehr an.

Ich dachte mir nichts dabei, denn Susi hat eine kurze Zündschnur und ist nie lange beleidigt.

Susi und Ralf blieben in dem schmucken Reihenhaus aber tatsächlich noch ein weiteres Jahr zusammen. Sie hielt sich die meiste Zeit an irgendeinem Barhocker in der Stadt fest, und Ralf kaufte sich einen monströsen Fernseher, der nonstop mit voller Lautstärke lief, damit er mithören konnte, wenn er im anderen Zimmer die  Wäsche machte.

Einmal nötigte er mich bei einem meiner Besuche in die Küche. Seitdem kann ich Ihnen versichern, dass bestimmte gekochte Lebensmittel, wenn sie mehr als zwei Wochen der Luft ausgesetzt sind, ohne weiteres die Konsistenz von Trockenbeton anzunehmen imstande sind. Den Rest verdränge ich bis heute.

Aber irgendwann war Ralfs Geduld am Ende.

Als einigen Lebensmitteln im Kühlschrank wuchsen Haare, trotz Ralfs verzweifelter Versuche, Ordnung zu halten. Als merkwürdige kleine Tiere auftauchten, seine Scheckkarte aber hingegen verschwand, kündigte er kurzerhand den Mietvertrag und die Beziehung und suchte sich eine Wohnung.

Vermutlich wollte er in seinem Ruhestand auch etwas Ruhe haben, schätze ich, denn der Haushalt machte ihn fertig.

Ralfs indianischer Name hätte wahrscheinlich „Der-alles-zahlt“ gelautet. Sagen durfte er nichts, denn dann hatte er Susi und ihre Kinder als geschlossene Front gegen sich. Er hatte nie eine Chance gehabt und war erst durch Schaden klug geworden. Manche lernen nur durch Schmerz.

„Der macht tatsächlich Schluss mit mir!“ schrie Susi wütend ins Telefon. „Du musst mit ihm reden!“

„Ich glaube nicht, dass es helfen würde“ antwortete ich vorsichtig. „Weil ich schon merke, wenn man jemanden nicht umstimmen kann. Das schaffst du schon, auch ohne ihn.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“ heulte Susi. „Ich kann die Miete für das Haus nicht zahlen, das hat immer er gemacht.“

Susi wäre nicht Susi gewesen, hätte sie sich nach einer günstigen Alternative für das Haus umgesehen. Irgendwie schien es, als hätte sie noch nicht registriert, dass zum ersten Mal in ihrem Leben niemand da war, der ihr etwas abnahm.

Sie fand einen Loft mitten in der Stadt, der genau 50 Euro billiger war als das Haus, in dem sie zusammen mit Ralf und ihren Kindern gewohnt hatte.

„Ich brauche etwas, in dem ich mich wohlfühle“ raunzte sie mich an, als ich sie auf die hohe Miete ansprach. „Ich bin ein Stadtmensch. Was soll ich auf dem Land, da ist doch nix los?!“

Natürlich setzte sie ihren Kopf durch und wir halfen alle beim Umzug. Ich kaufte ihr als Einweihungsgeschenk einen Schreibtisch, der ihr nicht gefiel (alles andere hätte mich gewundert).

Susi fand einen Job in der Nähe. Gelegentlich besuchte ich sie. Sicherheitshalber brachte ich mir Kaffee von McDonalds mit, denn alle im Haushalt, also Susi und ihre Kids, lebten recht organisch. Mehr als einmal blieb ich am Küchenboden kleben, aber nach so langer Freundschaft sieht man über Kleinigkeiten hinweg.

Sie tat mir irgendwie leid, denn sie hatte es jetzt schwer.

Zum ersten Mal in ihrem Leben, mit 45 Jahren, war sie ganz allein für sich verantwortlich. Und für ihre beiden Kinder, die bei ihr lebten. Nach der Arbeit kam sie nach Hause, und niemand hatte eingekauft. Vor der Waschmaschine türmten sich Klamottengebirge, in der Spüle lag das schmutzige Geschirr.

Alles kostete Geld, musste Susi erstaunt feststellen. Strom, Miete, Essen und Trinken, das Auto, Benzin, Steuern, Versicherung, Kleidung.

Schon ein halbes Jahr, nachdem sie in ihre neue Wohnung gezogen war, bat sie mich zu sich. „Du hattest recht“ sagte sie kleinlaut,  als wir auf dem Sofa saßen. „Ich hätte nie von Hugo weggehen sollen. Fredi hat nix getaugt, der hat mich im Stich gelassen, dieser blöde Kerl. Und Ralf ist ein riesiger Egoist, der nur auf sich selbst schaut. Ich hätte auf dich hören sollen. Würdest du mal mit Hugo reden, ob er mich wieder zurücknimmt?“

„Es wäre schön, wenn du das selbst tun könntest“ antwortete ich.

„Ich gebe dir eine 50%ige Chance, denn Hugo hat dich wirklich sehr geliebt. Vielleicht nimmt er dich wieder. Aber ich möchte mich lieber nicht einmischen. Außerdem hilft es vielleicht, wenn du heulst, da bin ich nicht so gut drin.“

Susi ging also zu Hugo und beichtete ihm tränenreich, dass sie ihn vermisste. Dass sowohl Fredi als auch Ralf riesige Fehler gewesen waren. Dass sie einfach nur zurück haben wollte. Dass sie mittlerweile wisse, wie toll es mit ihm gewesen war. Mit jemandem, der alles für sie getan und sie so geliebt hatte.

„Ich kann es mir eigentlich nicht mehr vorstellen“ sagte Hugo und sah Susi ruhig an. „Wenn du Geld brauchst, kann ich dich als Teilzeit-Bedienung anstellen. Aber mehr kann ich dir leider nicht mehr anbieten. Du hast mir nämlich das Herz gebrochen.“

Kennen Sie diese Quizsendungen, in denen man die Wahl zwischen einer Waschmaschine oder einem toll verpackten Geschenk hat, von dem man nicht weiß, was es enthält? Es könnte ein Goldbarren drin sein oder eine Rolle Küchentücher?

Susi ist der Typ, der immer das super verpackte Geschenk wählen würde. Und wenn dann ein Päckchen Kaugummi drin liegt, ist sie enttäuscht und möchte doch die Waschmaschine haben.

Was Susi heute macht? Nun, sie ist etwas älter geworden. Aber die Kinder leben heute noch bei ihr. Sie wählen nämlich auch immer die toll eingepackten Geschenke, in denen aber meist nur eine Tafel Schokolade liegt, die zwar im ersten Moment gut schmeckt, aber kurz darauf verschwunden ist.

Der Haushalt funktioniert irgendwie. Meistens. Ab und an übernachtet ein „Geschenk“ in der Wohnung und verschwindet als zerknittertes Einwickelpapier.

Hugo hat wieder geheiratet und ist noch einmal Vater geworden. Er hat ein wenig zugenommen, und sein Restaurant läuft gut. Ralf lebt seit der Geschichte mit Susi allein und möchte sich nie mehr auf eine Frau einlassen.

Und Fredi, der Hamburger Geschäftsmann? Von dem haben wir nie wieder etwas gehört.

Das war Susis Geschichte. Und irgendwie hört sie an dieser Stelle auf, weil es manchmal kein gutes Ende gibt. Bunt bedrucktes Papier und glitzernde Schleifen sind eben nicht alles.

Susi würde heute garantiert die Waschmaschine nehmen. Wenn sie noch eine Chance bekäme. Darum denke ich: manchmal muss man eben zwei Mal hinsehen. Manchmal muss man nachdenken, denn jede Beziehung lebt davon, dass man auch einmal nachgibt.

Die Amerikaner haben da ein hübsches Lied: „You have to give a litte, take a little, let your heart break a little…“- „Du musst etwas nehmen, etwas geben, und vielleicht dein Herz ein wenig brechen lassen.“

Umsonst ist der Tod. Es kostet immer etwas. Und niemand bekommt alles, was er möchte. Auch Waschmaschinen gehen kaputt. Aber man kann sie reparieren.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und eine schöne Woche!

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com