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Eine wahre Geschichte. Als Petra im Mai vor 4 Jahren, an einem sonnigen Samstagnachmittag, Heiko kennenlernte, hatte sie einige Wochen zuvor in gedrückter Stimmung mit uns ihren 35ten Geburtstag gefeiert, und fühlte sich derzeit etwas verloren. Ihrer Meinung nach ging sie in viel zu schnellen Schritten auf die 40 zu, außerdem hatte sie gerade erst eine unbefriedigende Beziehung hinter sich gebracht.

Während sie unentschlossen die Eiskarte in einem Straßencafé studierte, wurde sie von einem Mann Mitte 50 angesprochen, der höflich bat, bei ihr am Tisch Platz nehmen zu dürfen. Sie hatte nur wortlos genickt, denn ihr war nicht nach Unterhaltung zumute gewesen. Vor einer Woche hatte sie sich von ihrem Lebensgefährten Björn nach 7 durchwachsenen Jahren getrennt und versuchte jetzt, mit der Tatsache klarzukommen, dass sie künftig wieder alles allein unternehmen musste. Bis ihr aufging, dass sie dies notgedrungen ohnehin immer getan hatte, denn Björn war die meiste Zeit ohne sie unterwegs gewesen.

Außerdem hatte er sich während der ganzen Dauer ihrer Bekanntschaft hartnäckig geweigert, eine gemeinsame Wohnung mit Petra zu beziehen, geschweige denn die Beziehung endlich vom Kopf auf die Beine zu stellen, denn Petra wollte verbindliche Zusagen und eine eigene Familie, das wünschte sie sich schon sehr lange. Sie arbeitete bei einem mittelständischen Unternehmen als Sekretärin der Geschäftsleitung, verdiente gut, und hatte einiges in ihrem Leben anders geplant, als es letztendlich mit Björn gelaufen war.

Männer kennenzulernen, wäre nicht das Problem gewesen, denn Petra war eine attraktive Erscheinung mit ihrem langen blonden Haar und dem ebenmäßigen Gesicht. Aber sie hatte sich vorgenommen, erst einmal die Geschichte mit Björn zu verdauen und dann zu überlegen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anzustellen gedachte.

Nun saß sie also an diesem Maisamstag mit Heiko am Tisch und gab sich Mühe, ihn geflissentlich zu übersehen, was nicht ganz einfach war, denn er starrte sie mit unverhohlener Bewunderung hartnäckig an.
„Entschuldigung, Sie sind solch eine schöne Frau. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber darf ich Sie auf ein Eis einladen?“ fragte er, als Petra seinem Blick nicht länger auszuweichen vermochte.
Er war – wie erwähnt – 20 Jahre älter als sie, schlank, mit vollem, grauem Haar und einer lausbubenhaften Ausstrahlung. Seine blauen Augen funkelten, als säße ihm der Schalk im Nacken, und es war ihm anzusehen, dass er in seiner Jugend vermutlich ein echter Ladykiller gewesen war.

Beinahe zwei Stunden lang unterhielten sie sich über alles Mögliche, obwohl die Unterhaltung Petras Meinung nach zähflüssig verlief, denn sie hörte meistens nur zu und ließ ihn reden. Heiko besaß zwei gutgehende Fitness-Studios und verkaufte außerdem hochwertige Whirlpools und Sauna-Anlagen im gesamten Bundesgebiet, wie er erzählte. Er trug eine teure Uhr und hochwertige Kleidung, hatte tadellose Manieren und wirkte wie jemand, der sich nicht mit finanziellen Sorgen herumquälen muss.

Petra lauschte seinen Schilderungen, gab ein wenig, aber nicht allzu viel, von sich preis, und bezahlte dann ihr Banana-Split selbst, ehe sie sich distanziert verabschiedete. Er war ganz einfach nicht ihr Typ, die Geschichte mit Björn noch zu frisch, und sie würde den Teufel tun, sich auf einen neuen Mann einzulassen, schon gar nicht auf einen 20 Jahre älteren.

„Du kennst mich, ich bin bestimmt kein Snob“ erzählte sie. „Aber hey – mal ganz unter uns, der Mann ist Mitte 50. Sein offensichtliches Interesse fand ich schmeichelhaft, aber mehr nicht. Du weißt, dass ich mich nicht Hals über Kopf in was Neues stürzen würde.“ Sie klang ein klein wenig genervt, denn eigentlich hatte sie nur in Ruhe in der Stadt einen Kaffee trinken wollen.
„Der wird schon kapiert haben, dass ich nichts von ihm will“ meinte sie abschließend.

Doch da hatte sie Heiko gewaltig unterschätzt. Als sie am Montag darauf während ihrer Mittagspause am Schreibtisch gerade hastig einen Joghurt löffelte, erschien ein Bote von „Fleurop“ und überreichte ihr den größten Blumenstrauß, den sie je gesehen hatte. Eine Karte mit der Aufschrift „Ich möchte dich unbedingt wiedersehen, schöne Frau, ruf mich an, Heiko“ plus einer Handynummer, lag bei.

Überrascht nahm Petra die Blumen entgegen, bis ihr einfiel, dass sie ihm leichtsinnigerweise am Samstag mitgeteilt hatte, wo sie arbeitete. Darum steckte sie die Rosen in eine Vase und versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken.

„Ich möchte momentan keine Beziehung, und mit dem sicher nicht“, berichtete sie mir nach Feierabend. „Es imponiert mir zwar, dass er sich die Mühe gemacht hat, sich zu merken, wo ich arbeite, aber der Mann ist einfach nicht mein Fall – zu spießig und zu alt.“

„Bist du sicher?“ fragte ich.
„Ich sag dir doch: zu alt und zu spießig“ wiederholte sie. „Meine Güte, er hört nur Schlager, ich mag Jazz und Rock. Und das sind nur die Kleinigkeiten, wie sieht es dann erst bei den größeren Dingen aus. Der Mann geht auf die 60 zu, der hat schon mehr wieder vergessen, als ich wahrscheinlich je gewusst habe. Klar haben wir uns ein wenig gegenseitig ausgehorcht, wie man halt so redet, wenn man sich überhaupt nicht kennt. Aber ganz ehrlich, Barbara, sogar wenn er 15 Jahre jünger wäre, würde ich ‚Nein‘ sagen. Es hat einfach nicht gefunkt.“
Damit war für sie die Sache erledigt.

Aber Heiko gab nicht auf. Nachdem Petra sich auf die Blumengrüße hin nicht gemeldet hatte, tauchte er eines Tages unangemeldet in ihrem Büro auf, mit einem Strauß Rosen in der Hand, und schaffte es, gleichzeitig verlegen, aber auch souverän und charmant zu wirken. Petras Kolleginnen waren tief beeindruckt. Sie hingegen fühlte sich belästigt.
„Ich habe keinen Stalker bestellt“, teilte sie mir säuerlich mit. „Der steht da einfach vor der Tür, mein Boss war gerade im Zimmer, weil er auf einen Ausdruck wartete, und ich musste deswegen gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn wir nicht ein kleines Unternehmen mit lockeren Umgangsformen wären, hätte das ins Auge gehen können.“

Allmählich dämmerte es Petra, dass sie an ein besonderes Exemplar Mann geraten zu sein schien: einen, der wusste, was er wollte. Und er wollte sie. Gar kein so übles Gefühl…

Nach der dritten Fleurop-Lieferung – einer Orchidee mit einer Schachtel Pralinen, gab sie sich geschlagen und nahm seine Einladung zum Abendessen in einem angesagten Sushi-Lokal an.
Heiko erschien pünktlich, rückte ihr den Stuhl zurecht, ließ ihr bei der Bestellung den Vorrang, schenkte ihr nach, als wäre er der Kellner, und behandelte sie mit auserlesener Höflichkeit.
„Zu schade, du hättest einen Mann verdient, der dich gut behandelt“ erklärte er ihr, als sie stockend von ihrer vor kurzem beendeten Beziehung erzählte. „Der wusste dich nicht zu schätzen. Du bist eine intelligente, warmherzige, bildschöne Frau und solltest deine Talente nicht verschwenden. Übrigens, ich könnte dir eine führende Position in meinem Unternehmen anbieten, denn ich suche gerade jemanden mit deinen Kenntnissen und Fähigkeiten. Würdest du bitte wenigstens darüber nachdenken? Du hast tadellose Umgangsformen, sprichst fließend Englisch und bist topfit am PC. Außerdem wärst du eine Zierde für mein Vorzimmer, das kommt noch hinzu.“
Wirklich wahr. Das habe ich mir nicht ausgedacht.

Es klang verführerisch, fand Petra, denn sie war unzufrieden mit ihrem derzeitigen Job – er verlangte ihr nicht allzu viel ab, ihr Boss war ständig unterwegs, und sie hätte gern etwas Verantwortung übernommen.
Allmählich schienen auch Heikos Erzählungen nicht mehr ganz so langweilig zu sein, im Gegenzug hörte er ihr immer aufmerksam zu. Er behandelte sie mit bewundernder, aber zurückhaltender Höflichkeit, hatte stets ein aufrichtig klingendes Kompliment parat, und fraß sie mit Blicken förmlich auf. Sie fühlte sich hübsch, begehrenswert und ein wenig geliebt, denn ein solches Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit war sie nicht gewöhnt. Es gefiel ihr.

„Ich bin mir vorgekommen wie die Königin von Saba“ strahlte sie, als sie mir von ihrem letzten Date erzählte.
„Wenn man so lange mit jemandem wie Björn zusammen war, ist es nicht selbstverständlich, dass man plötzlich von einem Typen wie eine Göttin behandelt wird. Weißt du was? Das tat richtig gut. Außerdem sieht er so übel nicht aus. Ich glaube, ich muss mal an meinen Vorurteilen arbeiten. 20 Jahre Altersunterschied sind doch gar nicht so schlimm, oder was meinst du?“

Ich meinte: nichts. Denn ich mische mich aufgrund einiger unschöner Erfahrungen nicht mehr in pikante Herzensangelegenheiten. Petra war eine selbständige, erwachsene, blitzgescheite Frau, sie würde wissen, was zu tun war.

Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt der Volksmund. Und so arbeitete sich Heiko einige Wochen lang subtil, aufwändig und mühsam zu Petras verschlossenem Herzen vor, während er dabei souverän und scheinbar bescheiden blieb.
Zu jeder Verabredung brachte er eine kleine Aufmerksamkeit mit, vergaß nie, sie für ihr Aussehen zu loben, half ihr in den Mantel oder aus der Jacke, führte sie in noble Restaurants aus, in denen man ihn überschwänglich begrüßte, und war die Beflissenheit in Person.

„Er wurde nach über 20 Jahren von seiner Freundin verlassen“ erzählte mir Petra. „Die hat sich in jemand anderen verliebt. Jetzt sucht er wieder eine Frau, die ehrlich und treu ist, ihn nicht betrügt und vielleicht sogar mit ihm zusammenarbeitet, weil er meint, man kann sich heutzutage nicht mehr auf fremdes Personal verlassen. Ich denke ernsthaft darüber nach, in meiner Firma zu kündigen, er hat mir ein mehr als faires Gehalt angeboten und eine leitende Position, außerdem kommen wir prima miteinander aus.“

„Er war nie verheiratet?“, wollte ich nachhaken . Aber wieder sagte ich nichts. Ich gestehe: Es fiel mir sehr schwer.

Nach weiteren sechs Wochen, in denen Petra mit Heiko immer wieder ausgegangen war, auch ins Kino und einmal zum Tanzen, willigte sie endlich ein, mit ihm ein Lokal in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu besuchen, um dort die besten Rigatoni ihres Lebens (und anschließend das unausgesprochene „Dessert“) zu genießen. Beide wussten, was ihr Einverständnis zu bedeuten hatte, und die Zeit schien mehr als reif zu sein. Er hatte sich mehr Mühe gegeben als alle Männer vor ihm.

Heiko bewohnte einen ultramodernen Flachbau neben einem seiner Fitness-Studios in einem gediegenen Viertel der Stadt.
Als sie ihren Wagen in der aufwändig mit Mosaiken gepflasterten Einfahrt parkte, wartete er schon in der offenen Tür auf sie mit strahlender Miene. Er schien überglücklich zu sein, sie zu sehen – so, wie jedes Mal.

„Ich zeige dir deinen künftigen Arbeitsplatz“ bot er ihr an und führte die schwer beeindruckte Petra erst durch das geräumige und sehr gut besuchte Fitness-Studio und anschließend durch seine Firma, die sich mit dem Vertrieb von Whirlpools und Saunas beschäftigte.

Während sie durch die elegant-puristisch möblierten Geschäftsräume schlenderten, stockte Petra der Atem. So gediegen und vornehm hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.
An diesem Mann war nichts Unseriöses – im Gegenteil. Er hatte wirklich was im Leben erreicht. Und das schien er mit ihr teilen zu wollen.

„Ich wollte endlich zur Ruhe kommen“, gestand sie mir. „Und er schien mir ein Mann zu sein, bei dem ich das könnte. Pfeif doch auf den Altersunterschied.“ Mittlerweile fand sie Heiko sogar außerordentlich attraktiv, und wenn er lächelte, lächelte sie zurück.

Aber verliebt war sie immer noch nicht. Sie glaubte nur, sie sei jetzt eben in einem Alter, in dem man Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen hat, und ein gediegenes Mannsbild mit angenehmem finanziellem Background schien ihr nicht die schlechteste aller Optionen zu sein.
„Ich könnte ihn aber lieben, das kann man lernen“ redete sie sich ein.
Jemand, der sich solche Mühe gab, sie zu erobern, MUSSTE es einfach ernst mit ihr meinen.

Nach der Besichtigung aßen sie bei „seinem“ Italiener zu Abend. Heiko wurde mit der allergrößten Aufmerksamkeit behandelt, namentlich begrüßt und bekam eine Flasche Wein spendiert, nachdem der Wirt Petra ein paar Komplimente gemacht hatte. Es schien ein rundum gelungener Abend. Als Heiko nach dem Essen fragte, ob sie Lust hätte, noch ein Glas Wein mit ihm vor dem offenen Kamin zu trinken, nickte sie. Er hatte sich immerhin lange genug Mühe gegeben. Wochenlang hatte sie ihn zappeln lassen, war vorsichtig und misstrauisch gewesen und konnte sich jetzt sicher sein, dass er es ernst meinte. So lange kann man niemanden betrügen, oder?

Natürlich schlief sie anschließend mit ihm.
„Ich dachte keinen Moment, das müsste ich nur tun, weil er mir doch so viele Blumen und Pralinen geschenkt hat, oder weil er mich so hartnäckig umworben hat“ erzählte sie später.
„Nein, es war meine Entscheidung, meine ganz allein. Irgendwie fand ich ihn mittlerweile wirklich anziehend und liebenswert, trotz seiner merkwürdigen Vorlieben und Marotten. Er führte mich in seine Ankleide, und ich sag dir: Der besitzt 10 mal so viele Klamotten wie ich und würde garantiert nicht maulen wie Björn, wenn ich mir mal ein paar Schuhe kaufe.“

Sie schlief also mit ihm. Der Volksmund behauptet: „Einem alten Hund kann man keine neuen Kunststückchen mehr beibringen“. Laut Petras freimütigen Erzählungen kannte Heiko allerdings auch keine alten Kunststückchen.
„Hatte ich auch nicht erwartet“ gestand sie offen ohne jede Scheu. „Ich hatte mich dazu entschieden, mich auf ihn einzulassen. Mit Haut und Haaren. Weil ich dachte, dem kann man vertrauen, der weiß was er will, immerhin ist er Mitte 50 und hat schon einiges vom Leben gesehen. Der macht garantiert keinen Mist, dazu ist er viel zu erfahren, und er möchte in der Zeit, die ihm bleibt, was Festes haben, auf das er sich verlassen kann.“
Naja, Heiko wollte anscheinend aber doch wesentlich mehr vom Leben sehen, vor allem von weiblichem, aber dazu später.

Am nächsten Morgen wachte Petra frisch und ausgeruht aus, denn sie war in der Nacht zuvor nicht allzu sehr strapaziert worden. Heiko wartete in der Küche auf sie mit dampfendem Kaffee, Brötchen vom Bäcker und der Eröffnung, dass er sie bitten müsse, sich bald zu verabschieden und nach Hause zu fahren.
„Um 11:00 Uhr kommt meine Exfreundin und macht mir den Garten vor dem Haus neben der Einfahrt, das tut sie schon immer“ erklärte er ihr. „Es wäre nicht gut, wenn du noch hier wärest, ich glaube, das könnte sie verunsichern.“

Habe ich schon erwähnt, dass Petra eine aufgeweckte, intelligente und taffe Frau ist? Aber als sie das hörte, fiel ihr erst einmal die Kinnlade herunter. Trotzdem gab sie sich den Anschein, als hätte sie es schrecklich eilig und ging kurz nach der ersten und einzigen Tasse Kaffee.
„Ich wollte mir nicht anmerken lassen, wie scheiße ich das gefunden habe“ sagte sie. „Weil ich mir doch immer so viel darauf einbilde, wie cool ich bin und wie lebenserfahren. Und wenn er seine Exfreundin nicht mit mir bekannt machen möchte, muss ich das akzeptieren, oder?“
Darauf antwortete ich vorsichtshalber nicht.

Petra verbrachte den Sonntag allein in ihrer Wohnung und versuchte, nicht allzu viel über das Geschehene nachzudenken. Aber sie merkte, wie sie immer wütender wurde.
„Der setzt mich einfach vor die Tür, weil seine Ex kommt“ tobte sie gegen Abend am Telefon, nachdem sie mich angerufen hatte, weil sie mit irgendjemandem reden musste. „Das ist doch nicht zu fassen, oder?“
„Heute Morgen hast du noch ganz anders gedacht, ich hab ne SMS von dir bekommen“ erinnerte ich sie.
„Da war ich nicht so mies drauf und stand unter Schock“ erklärte sie stinksauer. „Dem werde ich es zeigen. Der hört von mir erst mal gar nix. Wird schon merken, wie er mich vermisst.“
Daran hielt sie sich auch. Bis Mittwoch. Denn Heiko meldete sich nicht mehr. Keine Blumen, keine Pralinen, keine Blitzbesuche in ihrem Büro, obwohl sie ein paar Mal zur Tür schielte.

Darum rief sie ihn am Mittwochnachmittag auf dem Handy an.
„Hallo, was gibt’s?“ meldete er sich kurz angebunden. „Ich bin gerade in Marokko am Strand, und der Empfang ist hier nicht sonderlich gut.“
„Marokko?“ wiederholte Petra entgeistert. Noch etwas, das er nie auch nur ansatzweise erwähnt hatte. Ihr dämmerte, dass das bei Heiko auf so einiges zutreffen könnte.

„Ja, Marokko, ich mache Urlaub“ entgegnete er vergnügt. Alles klar sonst?“
„Ruf mich nie mehr an, du Arsch“ zischte Petra eisig und beendete das Gespräch.
„Dem habe ich es gezeigt“ berichtete sie mir später entrüstet. „Der braucht sich nicht mehr bei mir zu melden.“
„Tut er vermutlich auch nicht“, versuchte ich ihr schonend beizubringen. „Außerdem hast du ihm schon genug gezeigt, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ja“ brummte sie. „Der hat mich mürbe geklopft wie ein Schnitzel. Da gibt man nach und denkt, den könnte ich lieben, lässt sich auf ihn ein, und dann wird man so verarscht.“
„Nichts Neues unter der Sonne“ seufzte ich.

Es tat ihr weh, denn sie hatte sich lange hartnäckig geweigert, Heiko zu vertrauen. Hatte ihm hundert Mal erklärt, dass sie beide nicht zusammenpassten, dass der Altersunterschied zu groß war.

Männer wie Heiko ähneln skrupellosen Wilderern, die einem Nashorn so lange hinterher hetzen, bis sie es endlich gestellt und erlegt haben. Danach sägen sie dem armen Tier das Horn ab und lassen den Rest für die Hyänen liegen.
Solche Typen sind oft bestens mit allem ausgestattet, das man zum Erlegen eines hübschen Großwilds auf Pumps benötigt: Geld, Eloquenz, tadellosen Manieren und einer Menge Charme – alles Dinge, derer sie sich bedienen, um ein besonders scheues „Wild“, in diesem Fall Petra, zur Strecke zu bringen. Je mehr die „Beute“ sich ziert und sträubt, umso interessanter. Es geht ihnen um die Jagd, das Erfolgserlebnis, und ihr eigenes Ego, das man im Normalfall nur auf Erbsengröße bringt, indem man es aufbläst.
Leider fallen immer noch viele Frauen auf diesen Typus herein, denn diese wissen genau, wie sie es anstellen müssen. Dafür leben sie ja schließlich.

Aber manchmal wird der Jäger zum Gejagten, und das Karma schlägt zurück.

„Wie konnte mir sowas passieren?“ Petra war über Wochen hinweg fassungslos und fragte sich das immer und immer wieder. „Ich war doch so vorsichtig, hab so lange mit ihm gesprochen, mich geweigert, mich darauf einzulassen. Meine Güte, wenn ich dran denke, dass ich beinahe auch noch gekündigt hätte.“
Ihr mühsam aufgebautes Vertrauen war zerstört worden, zertrampelt von Männerfüßen in Größe 46, die in teuren Ralph-Lauren-Slippern steckten. Das tut weh.

Sie hätte allerdings nicht auf mich gehört, hätte ich sie vorher gewarnt. So gut kannte ich sie schon. Außerdem hatte ihr meiner Ansicht nach nichts Besseres passieren können, denn geliebt hatte sie Heiko nicht.

Irgendwann war diese Enttäuschung überwunden, wenngleich die Wut noch lange in ihr schwelte. Nach 14 Monaten lernte Petra einen netten, attraktiven und intelligenten Mann kennen, in den sie sich vom Fleck weg verliebte. Kein „Ich könnte mich an ihn gewöhnen“, kein „Eigentlich sieht er gar nicht so schlecht aus“, nein, es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick.
Dieses Jahr im Juni wird geheiratet.

Vor ein paar Wochen trafen wir uns auf dem Wochenmarkt, am Stand mit dem Bodensee-Gemüse.
„Weißt du, wer letzte Woche bei mir angerufen hat?“ fragte sie und grinste breit.
„Keine Ahnung“ antwortete ich.
„Heiko.“ Sie lachte schallend. „Stell dir vor, der hat irgendwie meine Nummer rausbekommen und meldete sich, als ob nie was gewesen wäre. Er wollte angeblich nur wissen, wie es mir geht. Dann fing er an zu lamentieren. Der war so nervös, der hat sogar gestottert.“
„Ach was, erzähl mal“ bat ich interessiert.
„Das war zum Schießen.“ Petra strahlte. „Der hat wirklich nur gejammert und von seiner missratenen Ehe gelabert. Seine Exfrau, eine bildschöne Russin, hat er angeblich damals vor 4 Jahren während seines Marokko-Urlaubs am Strand kennengelernt, nachdem ich – seiner Aussage zufolge – mit ihm Schluss gemacht hatte.“

„Ach was?“ Ich war baff.
„Glaub ich dem sowieso nicht“ winkte Petra ab. „Der lügt doch, wenn er den Mund aufmacht, ich wette mit dir, die kannte er schon, als er um mich herumscharwenzelte, immerhin hatte er oft keine Zeit, das ist mir im Nachhinein aufgefallen. Vielleicht war die damals sogar für den Sonntagvormittag bestellt, als er mich nach dem Kaffee gebeten hat, zu gehen, weil angeblich seine Exfreundin kommt, dem traue ich alles zu.“

„Und jetzt ist er geschieden?“ fragte ich.
Petra nickte.
„Das war ein Jammern und Wehklagen, sag ich dir. Eigentlich hatte ich gleich auflegen wollen, aber irgendwie tat es gut, weil der nicht mal gemerkt hat, wie er sich als Loser outet. Der muss ganz schön verzweifelt sein, wenn er mich anruft, die er damals so mies behandelt hat und denkt, ich falle nochmal auf ihn rein. Diese tolle Exfrau, die er sofort nach Erledigung aller Formalitäten geheiratet hat, sollte bei ihm in der Firma mitarbeiten, aber die sei stinkend faul gewesen und immer als letzte gekommen und als erste gegangen. Außerdem hat sie seine ganze Kohle verbraten und mehrere Autos zu Klump gefahren, darunter seinen geliebten Porsche. Dann hat sie einen Jüngeren kennengelernt und ihn verlassen. Geschieht dem doch recht.“ Sie lachte wieder.
„Er wollte einen weiblichen Lamborghini, ich als Familien-Van war ihm wohl zu langweilig. Tja, und dann ist er an seine Meisterin geraten.“

„Und du hast dir das alles angehört? Was hast du gesagt?“ fragte ich neugierig.
„Dass ich glücklich bin, nicht interessiert an seinem Gejammer, und dass er dahin gehen soll, wo der Pfeffer wächst, weil ihm im Leben ja scheinbar die Würze fehlt“ antwortete Petra ernst. „Es ist unfassbar, dass der sich getraut, einfach so bei mir anzurufen. Als wäre gar nix gewesen. Er hat mich ausgenutzt und garantiert schon die ganze Zeit mit dieser anderen Frau betrogen. Geschieht ihm recht, wenn er reingefallen ist.“
„Geht’s dir eigentlich jetzt gut?“ fragte ich Petra, aber das hätte ich mir sparen können. Sie wirkte ausgeglichen und glücklich.
„Könnte nicht besser sein, vor allem nach diesem Anruf. Manchmal kriegt einen das Karma eben doch“, meinte sie und verabschiedete sich herzlich.

Heiko, du bist ein echter Depp. Mit Petra hättest du einen verdammt guten Fang gemacht. Selbst schuld.

Neulich wurde Heiko mir bei Facebook als „Jemand, den du kennen könntest“ vorgeschlagen. Ich habe abgelehnt, obwohl er ein ansprechendes, massiv nachbearbeitetes Profilbild eingestellt hatte, das vermutlich aus dem Jahre 1995 stammt. Diese Katze lässt das Mausen nicht. Niemals.

Leider ist die Welt voller Männer, denen es nur darum geht, eine Frau „zu erlegen“, also sie herumzubekommen, um sich wieder eine Kerbe in ihre Bettkante schnitzen zu können. Auch Petra hat es erwischt, trotzdem sie vorsichtig war und anfangs gar nicht wollte. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Petras Bauch warnte sie davor, weil sie für diesen Mann keine echten Gefühle aufbringen konnte. Sie wollte nur nicht auf die innere Stimme hören. Dafür bezahlt man so gut wie immer.

Man kann sich einen Mann schönreden, zu empfehlen ist es aber nicht. Man kann sich einbilden: „Irgendwann passt das schon/verliebe ich mich in ihn/wird er mir gefallen.“ Da können Sie auch Lotto spielen.
Hätte Petra seinerzeit auf ihren Bauch gehört und Heiko höflich, aber bestimmt abgewiesen, wäre ihr seinerzeit diese peinliche Erfahrung erspart geblieben. Sie hat diese Erfahrung als in sich gefestigte Persönlichkeit gut überwunden. Andere Frauen werden von so etwas schwer emotional gekränkt und lassen alle nachfolgenden Männer büßen, was ein einziger verbockt hat.

Darum rate ich Ihnen heute: Hören Sie auf Ihren Bauch. In Ihrem Darm sitzen ungefähr 100 Millionen Nervenzellen, manche Chirurgen nennen ihn deshalb auch „das Darmhirn“.
Klar existieren Männer, für die Manieren kein Fremdwort sind, die ihre Frauen verwöhnen, und die als Lebenspartner bestens geeignet sind. Die herauszufieseln aus der Masse an paarungswilligen Exemplaren kann sich als ausgesprochen schwierig erweisen.
Genau für solche Fälle hat uns die Evolution den Instinkt gegeben.

Es gibt Männer, die ändern sich nie, und Sie wollen doch nicht als Trophäe enden?

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

Wenn Paare sich streiten

Stellen Sie sich vor, ein Ihnen bekanntes Ehepaar lädt Sie zu einer Bootspartie auf deren Yacht ein. Sie freuen sich auf unbeschwerte Stunden, denn Heidrun backt göttlich, wohingegen Rüdiger ein echter Spaßvogel ist, der auch als Alleinunterhalter sein Geld verdienen könnte, und sagen begeistert zu. Normalerweise sind die beiden immer lustig, immer gut drauf, man fühlt sich wohl bei ihnen und bekommt eine Menge köstlicher Leckereien vorgesetzt. Ein Vorzeige-Paar seit vielen Jahren.

Als Sie frohgemut das (von Heidrun) blankgeschrubbte Deck betreten, Ihren Badeanzug, ein Pfund Sonnencreme und jede Menge guter Laune im Gepäck, strahlt die Sonne heiß vom wolkenlosen Himmel. Eine leichte Brise kräuselt die Wellen, sanft vermischt sich die an- und abebbende Brandung mit dem körnigen, goldfarbenen Sand. Dieser Tag könnte schöner nicht sein. Endlich mal wieder raus aufs Meer, abschalten und unbeschwerte Stunden verbringen.

Nach der herzlichen Begrüßung räkeln Sie auf dem Sonnendeck in einem (dank Heidrun frisch geölten) Deck-Chair aus Teakholz, während das Boot Kurs auf den Ozean nimmt. Sie cremen sich ein, mit Lichtschutzfaktor 8000, um in der salzhaltigen Luft, die Ihnen um die Nase weht, brutzelnd zu bräunen, und lehnen sich entspannt zurück.

Am Steuer wechseln sich Heidrun und Rüdiger derweilen allem Anschein nach in schönster Eintracht damit ab, das elegante Gefährt in Richtung Sonnenuntergang zu lenken. Immerhin tun sie das schon seit vielen Jahren.

Gerade sind Sie eingedöst, als Sie plötzlich von einem lautem Wortwechsel geweckt werden. Die Stimmen klingen erregt und werden immer erboster. Meuterei auf der Bounty?

Irritiert lugen Sie über den Rand Ihrer Sonnenbrille und richten sich auf. Immerhin hat man Ihnen heute einen amüsanten Nachmittag, gekrönt von Heidruns gedecktem Apfelkuchen und Rüdigers neuester Kaffee-Kreation versprochen, nicht eine interaktive Neuauflage von „Krieg und Frieden.“

Rüdiger ist jetzt nämlich seit kurzem Hobby-Barista, weil Heidrun seine elektrische Eisenbahn, die in den letzten Jahren die Ausmaße des Berliner Regierungsviertel angenommen hat, aus dem Keller geworfen hat, um dort künftig ihre Soleier zu lagern. Jetzt braucht er eine neue Beschäftigung. Heidrun hingegen wuselt Tag und Nacht in ihrer luxuriösen Designerküche im Gegenwert eines massiv goldenen Lamborghini zwischen dem Herdblock und der Speisekammer hin- und her, kocht, bäckt, blanchiert, tranchiert und legt Gemüse ein. Irgendjemand muss das alles aber auch essen – und in den letzten Jahren waren Sie das, einer der Gründe dafür, dass Sie heute einen äh… etwas großzügig geschnittenen Einteiler tragen statt eines aus Kokos-Schalen gefertigten Bikinis.

Streit. Oh weia. Und dabei hatten Sie sich so auf den Kaffee gefreut.

Also stehen Sie auf, um nachzusehen. Mühsam arbeiten Sie schwankend sich zum Steuerrad vor, wo Heidrun und Rüdiger abwechselnd versuchen, das Ruder in ihre Richtung herumzureißen. Jedes Mal macht das Boot einen Schlenker, so dass alle auf die verwitterten Planken zu stürzen drohen.

„Du hast das Riff vorhin übersehen, beinahe sind wir draufgebrettert, dabei war es so groß wie Schleswig-Hostein!“ schreit Heidrun erbost. „Möchte nur mal wissen, wo du immer deine Augen hast. Vermutlich bei der 19jährigen Meerjungfrau, die da gerade halbnackt auf dem Felsen herumlungerte und sich ihre Extensions kämmte. Glaubst du etwa, so eine würde sich mit dir altem Dackel abgeben? Träum mal schön weiter, du Depp.“

„Du gemeine Giftspritze“ brüllt Rüdiger zornig zurück. „Ist doch kein Wunder, wenn ich mal anderen Frauen hinterhergucke, ob mit Fisch-Schwanz oder ohne. Du rennst ja bloß noch in deiner speckigen Kittelschürze rum. Die Tussi vorhin war immerhin oben ohne. Deinen Busen hab ich das letzte Mal 1994 zu sehen gekriegt. Und überhaupt, wir schlafen gar nicht mehr miteinander!“

Verstört reiben Sie sich die Augen und möchten sich am liebsten Ihre Ohren zuhalten. Sind das wirklich Heidrun und Rüdiger, Ihre guten Bekannten, das liebe altgediente Ehepaar, das immer lacht und scherzt und scheinbar alle Widrigkeiten des Lebens mühelos weggesteckt hat? Kann gar nicht sein.

Mittlerweile ist eine richtig steife Brise aufgekommen, die sich Ihrer eigenen Erfahrung nach demnächst zu einem Orkan mit Windstärke 12 auswachsen wird. Stürme dieser Größenordnung beginnen meist mit einem lauen Lüftchen und richten nach Erreichen ihrer vollen Stärke verheerende Schäden an, denen mühsam abbezahlte Reihenhäuser, erarbeitete Rentenpunkte, die Hälfte aller gemeinsamen Freunde sowie das Sparkonto zum Opfer fallen. Gegen solche Naturkatastrophen war „Katharina“ seinerzeit ein laues Lüftchen.

Aber im Bekanntenkreis wird ja schon länger hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass die beiden Probleme hätten. Rüdiger treibt sich immer öfter allein im Modellbau-Laden herum, und Heidrun isst mittlerweile ihre Kuchen alle selbst, was die Verkäuferin vom Fachgeschäft für Übergrößen bestätigen kann. Da scheinen tatsächlich ein paar Wölkchen am Horizont aufgetaucht zu sein.

Heidrun und Rüdiger beschimpfen sich weiter. Skeptisch werfen Sie einen Blick über die Reling, wo mittlerweile der immer stärker werdende Wind hohe Wogen an den Bootsrumpf peitscht. Teile des Decks werden mit salzigem Meerwasser überschwemmt, und Sie versuchen vergeblich, keine nassen Füße zu bekommen.
Zu spät. Dazu hätten Sie erst gar nicht an Bord gehen dürfen.

Die beiden Eheleute sind so in ihr Kompetenzgerangel vertieft, dass sie den aufkommenden Sturm nicht wahrzunehmen scheinen. Jeder der zwei behauptet, er wisse, in welche Richtung man steuern müsse. Mittlerweile scheint Wasser unter Deck eingedrungen zu sein, das Schiff bekommt schwere Schlagseite.

Während Heidrun und Rüdiger sich mühsam auf den Beinen halten, weil der Wind ihnen zwischen die Beine fährt und ihnen das Haar zerzaust, zählen sie mit lauten Stimmen und vorwurfsvollem Blick sämtliche Verfehlungen des anderen der letzten 25 Jahre auf. Und das sind einige.

„Ich bin der Kapitän, ich hab diesen Kahn bezahlt wie alles seit vielen Jahren!“ brüllt Rüdiger wütend und greift sich das mittlerweile durchdrehende Ruder. Der Kahn scheint nicht mehr steuerbar zu sein und treibt ziellos auf der aufgewühlten See. Eben haben Sie die erste Haiflosse hinter sich im Kielwasser entdeckt. Das kann ja heiter werden.

„Gar nix hättest du bezahlen können, wenn ich diesen blöden Seelenverkäufer nicht die ganze Zeit wie blöd geputzt, lackiert und anschließend imprägniert hätte, gar nix!“ brüllt Heidrun wutempört zurück. „Wie oft hat man dich denn in der Kombüse gesehen? Da stehe ich seit 25 Jahren und brutzle dir täglich irgendeinen Schrott, den du daherbringst, weil du zu blöd bist, einen anständigen großen Fisch an Land zu ziehen. Wir haben immer nur diese winzigen Viecher, die nach nix schmecken, weil du zu dämlich bist, mal einen Wal zu schießen. Gewehre besitzt du ja genug, du Ahab für Arme. Dann gibt’s eben weiter Forelle Müllerin, mir doch wurscht! Beklag dich nicht oder koch gefälligst selber!“

„Während ich hier draußen unter Lebensgefahr Fische fange, konntest du jahrzehntelang in aller Gemütsruhe Teakholz polieren, Teppiche häkeln und dir eine Million neuer, ungenießbarer Rezepte für alles ausdenken, was ich nach Hause bringe. Hättest ja selbst auch mal angeln können“ giftet Rüdiger, der sich angegriffen fühlt.

„Meine Eltern haben damals gesagt, ich soll es mir mit dir überlegen.“ Heidrun kneift die Lippen zusammen und funkelt ihren Mann vorwurfsvoll an.

„Das taugt nix, dein Boot, haben die gesagt. Alles billig und selbstgebaut. Ich hätte auch den Weizenkeim Alfons kriegen können vom Autohaus Weizenkeim, ist dir das eigentlich klar? Der hatte eine hochseetüchtige Yacht mit Helikopter-Landeplatz und einem Butler. Aber nö, ich musste ja an dir hängenbleiben. Was hast du für Sprüche gemacht damals? Dass du uns ein Walfang-Imperium aufbaust und ich goldene Kloschüsseln kriege, die jemand anderer saubermacht. Von wegen, du Loser. Und jetzt, nach all den Jahren, verrenkst du dir den Hals und glotzt minderjährigen Sirenen mit gefärbten Haaren hinterher, mit denen du nicht mal was anfangen könntest. So lass ich mich nicht behandeln.“

Die Fronten scheinen verhärtet zu sein. Beide starren sich unerbittlich an und ignorieren nach wie vor den immer heftiger werdenden Sturm. Sie selbst überlegen gerade, ob Sie sich für den Fall einer Havarie mit Ihrem einteiligen Badeanzug am Mast festknoten könnten, bis Ihnen einfällt, dass das Schiff gar keinen Mast besitzt.

„Was sagst du denn dazu? Ich hab doch recht, oder?“ wendet sich Heidrun an Sie, die sich wünscht, jetzt zuhause mit einer Tüte Erdnusslocken und Netflix zu sitzen. Alles ist besser als das hier.

„Wir müssen doch nach rechts, oder? Weil wir nämlich jahrelang links gefahren sind, wie Rüdiger das bestimmt hat. Ich hatte von Anfang an recht. Also fahren wir nach rechts!“ „Das heißt Steuerbord“ murmeln Sie verlegen, aber niemand hört Ihnen zu.

„Links, sag ich!“ brüllt Rüdiger und reißt das Ruder herum, so dass das Boot einen scharfen Schlenker macht. Ein Tau rutscht übers Deck und versinkt dann in der Gischt. Allmählich wird es gefährlich.

„Backbord, nicht ‚links'“ wagen Sie flüsternd einzuwenden, aber es interessiert keinen. Die beiden sind damit beschäftigt, sich gegenseitig in der Luft zu zerreißen, ungeachtet der schweren Krängung, ungeachtet des Wellengangs und der Windstärke. Eine Havarie scheinen sie billigend in Kauf zu nehmen, so wie beide immer wieder das Steuerrad an sich reißen. Fast wünscht man sich ein paar somalische Piraten, damit mal wieder etwas Ordnung reinkommt in die Angelegenheit. Und damit die zwei endlich die Klappe halten. Aber Somalia ist weit weg. Vermutlich.

„Jetzt sag doch auch mal was. Du bist sicher meiner Meinung, oder? So kann der doch nicht mit mir reden!“ verlangt Heidrun, die in ihrer Kittelschürze wirklich ein wenig gedrungen und farblos aussieht. In letzter Zeit hat sie tatsächlich etwas nachgelassen in ihrer äußeren Erscheinung, da hat der Rüdiger schon irgendwie recht. Aber was Heidrun behauptet, stimmt auch ein bisschen.

Unsicher weichen Sie einen Schritt zurück. Beide starren Sie auffordernd an, damit Sie endlich Position beziehen. Endlich dämmert Ihnen: Da kommen Sie heil nicht wieder raus.

„Erklär dieser Xanthippe, dass es nur einen Kapitän geben kann, der am Steuer steht und das Boot lenkt. Immer dieser Schwachsinn von wegen, dass sie mitbestimmen will. Die hat doch von Navigation keine Ahnung“ befiehlt Rüdiger, wobei er mittlerweile gegen das brausende Tosen des Sturms anschreien muss.

„Äh, ich kenne Frauen, die ganz allein ihr Boot steuern“ stottern Sie. „Das klappt ganz gut, aber…“

„Ach, du bist auch so eine?“ brüllt Rüdiger stinksauer.

Was tun Sie nun in so einem Fall?

Na, Sie klemmen sich ihre teure nagelneue Sonnenbrille in den Ausschnitt, halten sich die Nase zu und hüpfen über Bord. Mit den paar Haien, 20 Meter großen Kraken, Piranhas, Kuno, dem Killerkarpfen, oder allem, was da sonst noch unter der Wasseroberfläche kreucht und schwimmt, werden Sie garantiert fertig. Mit einem ausgedehnten Ehekrach nicht, da geraten Sie unter die Räder… äh, unter den Kiel. Also nix wie weg.

Ich finde diese Analogie, in der ich eine Ehe mit einem Wassergefährt vergleiche, recht zutreffend, bis auf eine winzige Kleinigkeit:

Eine Ehe oder Beziehung ist keine Yacht, sondern ein Ruderboot.

Solange beide sich einträchtig in die Riemen hängen oder welchen Begriff auch immer die seemännische Sprache hierfür hergibt, wird es Fahrt aufnehmen und zum anvisierten Zielpunkt gleiten wie von selbst. Gleich, was Ihnen vorschwebt: Wenn beide mitarbeiten, schaffen Sie alles, ob Samoa oder Kehl am Rhein bleibt Ihnen überlassen. Ich weiß ja nicht, wo Sie hinwollen.

Allerdings erlebe ich seit Jahrzehnten immer wieder Paare, bei denen einer gemächlich eine Kippe raucht, während er seinem Ehepartner/partnerin Anweisungen gibt, die sich keuchend bemühen, die leckgeschlagene Jolle über Wasser zu halten. „Mach mal ein bisschen schneller, Amalie, so wird das aber nix, wir wollen doch irgendwann ankommen.“ Und Amalie strengt sich an, während ihr Partner sich entspannt zurücklehnt und zu faul ist, seinen Teil beizutragen.

Es gibt auch Beziehungen, in denen keiner mehr was tut. Die lassen ihre Ruder ins Wasser gleiten, lehnen sich zurück, weil sie denken: „Wir sind ja schon ziemlich weit gekommen“, … und treiben dann führerlos auf den großen, alles in die Tiefe reißenden Wasserfall zu, das Ende selbst der größten Liebe. Abspringen nicht möglich.

Rudern müssen Sie immer. Unser Leben und jede Partnerschaft bestehen aus einer nicht enden wollender Kette ständiger Herausforderungen, die nur gemeistert werden können, wenn keiner zu lange Pausen einlegt. Jedes Boot kommt nur so weit, wie sein Team es zulässt.

Seneca sagte angeblich einmal: „Wenn ein Kapitän nicht weiß, welches Ufer er ansteuern soll, dann ist kein Wind der richtige.“

Eines muss Ihnen klar sein: Sobald Sie sich in diese Nussschale namens „Beziehung“ begeben, die sich leicht zum rostigen Seelenverkäufern mausert, wenn man sie nicht pflegt: Eine gemeinsame Reise funktioniert nur, wenn Sie sich über die einzuschlagende Richtung einig sind. Im anderen Falle gehen sie unter. Beide.

Sollte allerdings einer das Boot verlassen und zum nahen Ufer kraulen, dann müssen Sie es eben allein versuchen. Das geht ganz gut, wenn man erst mal ein wenig Übung darin hat. Auch ich habe das schon getan. Wer sagt denn, dass man nur zu zweit vorankommt? Wenn der Partner zum Klabautermann wird, ist es besser, allein zu reisen. Dann gibt es schon kein Kompetenz-Gerangel. So ein schnittiges Einer-Kajak hat was.

Manchmal winkt Ihnen vielleicht jemand zu, während Sie gerade gemütlich am Ufer vorbeifahren, und signalisiert Ihnen, an Bord kommen zu wollen.

Fragen Sie nach der anvisierten Richtung, notfalls mittels einiger universell gültiger Handzeichen. Wer bei Ihnen anmustern möchte, sollte Ihre Vorstellungen akzeptieren. Erklären Sie dem neuen Matrosen, dass das hier kein Vergnügungsdampfer ist, sondern ein bisweilen mühsam zu bedienendes Fortbewegungsmittel für diesen reißenden Fluss oder tiefen Ozean namens „Leben“, dass Sie auf „Mississippi-Riverboat-Player“, Glücksritter und Kreuzfahrer, die auf „all inclusive“ bestehen, verzichten können weil Sie jemanden brauchen, der bereit ist, sich mit Ihnen fortzubewegen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.

Bei dem Party-Schiff mit der Techno-Disko, den Gratisdrinks und Spaßfaktor 1000 müssen Sie nämlich spätestens von Bord gehen, wenn Sie heiraten. Dann kriegen Sie ein hölzernes Boot geschenkt mit der Aufforderung, was draus zu machen. Wie Sie es lackieren oder taufen, bleibt Ihnen überlassen. Und achten Sie auf Holzwürmer.

Zurück zu Heidrun und Rüdiger. Sollten Sie ungewollt Zeuge einer solchen Meuterei werden, rate ich Ihnen, panisch „Mayday“ zu brüllen und das Weite zu suchen.

Einmischungen in Beziehungsstreitigkeiten sind die beste Möglichkeit, zwei bis dato gute Freunde für immer zu verlieren.

Irgendwann vertragen sich die beiden mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 % nämlich voraussichtlich wieder, und Sie werden kielgeholt. Das ist kein Spaß, und man muss währenddessen verdammt lange die Luft anhalten können.

Ein bekanntes Ehepaar, mit denen ich über Jahre befreundet war, kriegte sich mal bei meiner Halloweenparty dermaßen in die Haare, dass sämtliche Gäste scharenweise mein Fest wegen „spontaner Kopfschmerz-Attacken“ verließen.

Am Ende saßen als einzige übriggebliebene Besucher meine Freundin Susi und ihr Mann Hans auf der Couch und warfen sich Beleidigungen an den Kopf, für die mir meine Mama seinerzeit den Mund mit Kernseife ausgewaschen hätte. Ohne Nachspülen.

Um es salonfähig zu umschreiben: Susi bemängelte unter Zuhilfenahme von Fäkalwörtern und Begriffen, die vermutlich nur auf der Reeperbahn verstanden werden, Hans‘ nachlassende Manneskraft und seinen dafür im Gegenzug immer stärker werdenden Hang zum Alkohol.

Hans hingegen erklärte mir, seine Frau sei eine Schlampe, und zwar im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne, weil sie 1. nächtelang ohne ihn in der Kneipe am Tresen hing, nie aufräumte, und 2. der einzige Ort, wo bei ihr Ordnung herrschte, der mehr als übersichtliche Inhalt ihres Verstandes sei.

Da kann man eigentlich nur noch ausziehen und den beiden seine Wohnung überlassen. Nächstes Mal tue ich das vielleicht sogar.

Übrigens sind die zwei immer noch zusammen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Stellen Sie sich vor, ein bekanntes Ehe- oder Liebespaar hat sich gerade getrennt. Weil es sich so gehört, sitzen Sie aufgrund weiblicher Solidarität heute zusammen mit Heidrun im Café und ziehen schon mindestens so lange, wie es dauert, 3 Stück Käsekuchen zu essen, über Rüdiger her.

„Du hast ja so recht, Heidrun. Der hat mich immer genervt, der Rüdiger. Vor allem sein Kichern ist unerträglich, gerade, wenn er selbst über seine Sparwitze lacht. Hab nie verstanden, wie du das ausgehalten hast. Außerdem kratzt der sich ständig am rechten Ohr, das nervt unsäglich. Und wie der isst! Als säße man mit einem Wolfsrudel am Tisch, das gerade ein Reh gerissen hat. Sei bloß froh, dass er weg ist, einen wie den bekommst du an jeder Straßenecke. Du hast was Besseres verdient, das dachte ich schon immer.“

So oder ähnlich klingt es meistens. Selbst schuld, liebe Leserin.

In absehbarer Zeit werden sich Heidrun und Rüdiger wieder in die Arme fallen, und dann sind Sie angeschmiert, weil Heidrun ihrem geliebten Rüdiger brühwarm berichten wird, dass Sie was gegen ihn haben und ihn komisch finden. Haarklein.

Ich überlasse das „Einmischen“ in Eheangelegenheiten mittlerweile Personen, die dafür bezahlt werden wie Paartherapeuten, Seelsorger, einem Ringrichter oder Chuck Norris.

Auch wenn Sie mit der Dame des Hauses seit Jahrzehnten befreundet sein sollten: Rüdiger schläft mit ihr und ist somit wesentlich näher an der „Materie“ (und Kittelschürze), als Sie je rankommen werden. Darum ist die erste Regel bei Streitigkeiten unter lieben Freunden: Finger weg.

Es gibt ja auch Bootspartien, die gut enden, wo der Apfelkuchen vorzüglich schmeckt, der jeweilige „Rüdiger“ eine schmackhafte Kaffee-Komposition zustandegebracht hat, und auf denen man einen schönen Nachmittag verbringt.

Dann haben Sie, nachdem Sie sich verabschiedet haben und wieder von Bord gegangen sind, den Trost, dass beide anschließend nur über SIE herziehen werden, anstatt sich zu streiten. Das ist doch schon was, oder?

Also, Seemanns Heil. Ich wünsche Ihnen auf Ihren Booten immer eine Handbreit Wasser unter dem Bug. Unter dem Heck natürlich auch. Nicht, dass Sie eines Tages singen müssen: „Junge, komm bald wieder.“

Mit augenzwinkernden Grüßen

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Kolumnistin Barbara Edelmann schreibt über das Altern. „Da steht Jonas gerade an meinem Bett im Krankenhaus mit einem riesigen Strauß Blumen, als sich die Tür öffnet, und Ralph hereinkommt. Die beiden Männer haben sich tatsächlich in meinem Zimmer in die Haare gekriegt, weil keiner vom anderen wusste und hätten beinahe eine Rauferei angefangen.“ „Den Werner kenne ich aus der Zeitung, der hat ein Inserat aufgegeben. Er ruft mich die ganze Zeit an und will zum Essen kommen, oder dass wir mal ins Kino gehen, aber der ist mir zu jung.“

Diese beiden Sätze aus 2018 stammen von meiner lieben Nachbarin namens Ilse, die ich seit mehr als 25 Jahren kenne. Ilse ist Ende 70.

Als ich sie kennenlernte, war sie gerade 50 geworden: eine robust gebaute Dame mit nussbraun gefärbter Beton-Dauerwelle, umfangreicher Kittelschürzen-Sammlung, hausfraulichen Qualitäten, wie man sie heute selten findet… und dem brennenden Wunsch nach einem Kerl, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen konnte, denn Ilse war schon im Alter von 48 Jahren Witwe geworden und wollte nicht allein bleiben.

Seit über einem Vierteljahrhundert lausche ich ungläubig-amüsiert ihren teilweise haarsträubenden Geschichten, denn sie scheute niemals irgendwelche Mühen, um einen Mann aufzutreiben. Die Liste der Fahrzeuge mit fremden Kennzeichen, die vor ihrem Grundstück parkten, ist lang. Unbefangen berichtete sie über ihre Erlebnisse mit den jeweiligen Herrschaften, von denen nur einige wenige vor ihren strengen Augen Bestand hatten. Die meisten verschwanden schnell wieder in der Versenkung.

Ilse war rührig. Sie schrieb auf Kontaktanzeigen in der Zeitung, ging mit gleichaltrigen Freundinnen zu speziellen Tanzveranstaltungen, sprach wildfremde Männer im Supermarkt oder an der Tankstelle an und verbuchte mit dieser Methode teilweise mehr Erfolge als eine attraktive emanzipierte Frau um die 30, obwohl sie in einem anderen Zeitalter großgeworden war, in dem der Mann alles galt und sie als Frau nichts zu sagen hatte.

Im zarten Alter von 76 fand Ilse nun endlich jemanden, der ihren Ansprüchen genügt. Sein Name ist Jonas. Er besitzt genau wie sie ein eigenes Haus, ist fleißig, sparsam und redet nicht viel. Aber er käme ohnehin nicht zu Wort. Jonas erweist sich als unglaublich praktisch, denn Ilse hat eine Menge Aufträge an einen willigen Helfer zu vergeben – und damit meine ich nichts, das in der Horizontalen stattfindet.

Hecken müssen geschnitten werden, der Bio-Abfall zum Wertstoffhof, es muss eingekauft werden, Obst gepflückt, das Ilse einkochen kann, und außerdem trägt Jonas seinen finanziellen Obolus zum Haushalt bei, wenn Ilse kocht. Einmal war sie mit einem Metzger befreundet – diesen Zeiten trauert sie noch gelegentlich hinterher, denn „der brachte jede Woche einen Beutel voller Fleisch.“ Sie ist praktisch veranlagt, müssen Sie wissen.

Ich mag Ilse sehr gerne, sie ist sozusagen mein großes Vorbild. Die never ending Story „Frau sucht Mann“ endet nämlich nicht schlagartig, wenn man einen runden Geburtstag feiert, mag das der 40te, der 50te oder der 60te sein. Im Gegenteil. Nur die Suche gestaltet sich etwas komplizierter.

Immer wieder stellte mir Ilse im Laufe dieser fast drei Jahrzehnte irgendwelche Herren vor, deren Gesichter oder Namen ich mir nicht zu merken brauchte. Sie verschwanden schneller wieder als der köstliche Zwiebelrostbraten bei einer ihrer Essenseinladungen, wenn mich der Hunger plagte. Irgendwas fand sie immer auszusetzen, und darum hielt sich keiner lange. Aber ich nehme an, Jonas werde ich mir merken müssen.

Ilse wurde als Kind armer Leute geboren. Sie heiratete als sehr junge Frau und gebar zwei Kinder, die sie nach dem Tode ihres Mannes weiterhin finanziell unterstützte, bis sie selbständig waren. Als Witwe verdiente sie ihr Geld mit Putzen. Sie bezahlte das Eigenheim nach dem Tode ihres Mannes ab, kümmerte sich um den riesigen Garten, denn ihre Kinder waren weggezogen, und sie schaffte das alles ganz allein.

Vor einigen Jahren begleitete sie mich zum Baumarkt, wo wir gemeinsam fünf Säcke Quarz-Sand in meinen Wagen luden, den ich dringend brauchte. „Wir Frauen müssen zusammenhalten“ sagte sie, während wir ächzend die schweren Teile in meinen Kofferraum wuchteten. „Ich habe gelernt, alles selbst zu regeln. Solltest du auch. Dann bist du auf niemanden angewiesen.“

Ilse ist wie erwähnt mein leuchtendes Vorbild – ein Beispiel dafür, dass es nicht mit allem vorbei sein muss, wenn man ein gewisses Alter erreicht. Nur zu gut erinnere ich mich heute noch an meinen 30ten Geburtstag, als ich verloren an einem Tresen in irgend einer Disko stand und hoffte, niemand würde bemerken, wie alt ich von einem Tag auf den anderen geworden war. Himmel, ich war 30. Es kam mir vor wie das Ende von allem, das mir lieb und teuer war. Als hätte ich über Nacht 17 neue Falten gekriegt und graue Haare.

„Gott, bist du dumm“, sagte eine Freundin meiner Mutter damals zu mir. „Da kommt doch erst der Verstand, und es wird richtig gut.“ Sie hatte recht. Aber es dauert eine Weile, bis man das begreift.

Von meinem 40ten Geburtstag existiert nur ein einziges Foto. Ich war damals gerade dunkelhaarig und blicke mürrisch in die Kamera. Meinem Gesichtsausdruck nach hatte ich schlimme Magenbeschwerden oder eine Analfistel, zumindest sieht es so aus. Diese missmutige Miene betrachte ich gelegentlich auf dem Handy und denke mir: „Mädel, warst du blöd.“

40 ist nicht das Ende der Welt. Man denkt es zwar, aber es ist nicht so. Das gilt übrigens für alle anderen Geburtstage auch, meine Damen. Nur zu schade, dass man das erst begreift, wenn man schon länger drüber ist.

Um wenige Dinge wird hierzulande so ein Hype gemacht wie ums Älterwerden. Es ist sogar eine richtige „Verhinderungs-Industrie“ drumherum entstanden. Mit wenig anderen Dingen lässt sich so viel Geld verdienen wie mit Anti-Aging-Produkten. Es sollte nur nicht unbedingt auf der Packung stehen, denn scheinbar liest die geneigte Kundin nicht gerne das Wort „Age“ – also „Alter“ auf einer Cremetube. Das mag wohl einer der Gründe gewesen sein, warum Unilever die von mir favorisierte „Dove pro age“-Linie eingestellt hat. Es verkauft sich einfach nichts gut bei den Damen, das aufs Älterwerden hinweist.

Vor vielen Jahren betreute ich an meinem früheren Arbeitsplatz eine Kundin, nennen wir sie „Frau B.“.
Sie war Ende 60, als ich sie kennenlernte – eine gepflegte, attraktive Erscheinung mit langem, braungefärbten Haar, bis zum Platzen gestraffter Haut, vollen aufgespritzten Lippen… und einem mindestens 20 Jahre jüngeren Liebhaber, der immer in seinem Club-Sakko hereinschneite, die Hände in den Hosentasche, wie eine jüngere Ausgabe von Heinz Rühmann.

Frau B. sprach nie viel, wenn sie uns aufsuchte, vielleicht war es das viele Botox. Sie behandelte uns jüngere Frauen wie etwas, das sie sich am liebsten vom Schuh kratzen würde und verschwand mit rauschendem Nerzmantel wieder in ihrer Luxus-Limousine, sobald sie erledigt hatte, weswegen sie gekommen war. Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass Frau B. ausgesprochen wohlhabend war. Genaugenommen war sie stinkreich. Nichts von dem, das sie am Körper trug, hatte weniger als drei meiner Monatslöhne gekostet, sie war mit teurem Schmuck behangen und wurde von allen hofiert.

Irgendwann kam dann der für Frau B. wohl grauenhafteste Tag: Sie wurde 70. Ihre Hausbank, bei der sie ihre Millionen angelegt hatte, schickte ihr ein Blumen-Bukett, einen Fresskorb und eine edle geprägte Karte mit der Aufschrift: „Alles Gute zum 70ten Geburtstag.“

Unmittelbar darauf kündigte Frau B sämtliche Konten und Depots bei dieser Bank und wechselte zu einer anderen. Sie hielt es nämlich für absolut unanständig, eine Dame – zumal eine so reiche – auf ihr Alter hinzuweisen.

Diese Geschichte habe ich nicht erfunden, sie ist wahr. Und sie zeigt recht deutlich auf, wie hierzulande noch mit dem Älterwerden umgegangen wird.

Frau B. konnte sich jede kosmetische Korrektur leisten: Lifting, Micro-Needling, Lasern, Peeling, Falten-Unterspritzung. Es half alles nichts – am Ende stehen immer der Personalausweis und die Geburtsurkunde. Die lügen nicht.

Anti-Aging-Produkte verkaufen sich nach wie vor wie geschnitten Brot. Sekretärinnen lassen sich in der Mittagspause beim Dermatologen um die Ecke Botox spritzen, im Jahresurlaub Fett absaugen und rennen zum Yoga, um die Auslage straff zu halten. Es wird gerannt, trainiert und geschmiert. Jeden einzelnen Tag. Und jede Sekunde, die verrinnt, trägt uns ein wenig weiter in die Richtung von Frau B., die nicht vor der grausamen Tatsache auf ihren Louboitin-Pumpps davonrennen konnte, dass man nun mal älter wird, und dass dies – frei nach Woody Allen – die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Denken Sie da mal drüber nach.

„In anderen Kulturen wird kein solches Gewese ums Älterwerden gemacht, im Gegenteil. Da werden solche Menschen verehrt, weil sie Lebenserfahrung haben“ erzählte mir der Gynäkologe meines Vertrauens vor einigen Jahren. „Das ist hier in Europa wirklich ein zivilisatorisches Problem.“ An diesen Satz muss ich oft denken.

Vor noch nicht allzu langer Zeit durfte man in aller Ruhe und Gelassenheit ergrauen. Schlagzeilen wie „50 ist das neue 40“ mit dazu passender Werbung für Skinny-Jeans und Harley-Davidson-Bikes mit beheizbarem Sitz waren noch nicht erfunden, und die Haare färbte der Friseur nur auf ausdrücklichen Wunsch. Wer beispielsweise über 50 war, ließ sich eine nette Dauerwelle in Eisengrau legen, kaufte sich eine neue Kittelschürze und dazu passende Pantoletten, guckte den „Kommissar“ mit Erik Ode und war fürs erste zufrieden, diesen scheußlichen Weltkrieg überlebt zu haben. In sämtlichen damals gezeigten Filmen gab es ein gerüttelt Aufkommen von Herrschaften über 50. Über Falten zerbrach man sich nicht den Kopf wie heute, denn das waren damals Designer-Sorgen.

Mittlerweile wird Älterwerden als bedrohlicher Zustand stigmatisiert. Es gibt nicht mehr nur Hyaluronsäure-Injektionen, sondern Sie können das Zeug auch als Kapseln kaufen. Die Taxifahrerin neulich empfahl mir Lachsöl-Dragees, andere schwören auf Shea-Butter. Ich selbst warte immer auf die beflissenste Verkäuferin in der Parfümerie, die mir dann was aufschwätzt, weil ich so gerne glaube, was die erzählen. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Preis in keinem Zusammenhang mit der Wirkung steht, und dass es ziemlich egal ist, was ich auf meinen etwas patinierten Teint auftrage. Wirklich helfen konnte mir nichts. Ich werd‘s wohl mit Fassung und Sonnenbrille tragen müssen.

„Nehmen Sie doch das hier.“ Die Verkäuferin hielt zwischen zwei unglaublich langen, sehr spitzen Fingernägeln eine Dose mit Augencreme. Es war was „gegen sichtbare Spuren des Älterwerdens“. „Das hilft wirklich“ beteuerte sie und sah mich ungnädig im erbarmungslosen Tageslicht an.

„Ach wissen Sie“ antwortete ich., „diesen Krieg verliere ich. Der Gegner ist einfach besser munitioniert. Aber geben Sie die Platzpatrone her… Ich zahle jeden Preis, wenn Sie mir schwören, dass es hilft.“ Leider bin ich ein leichtes Opfer für die Schönheitsindustrie. Das gilt aber auch für Putzmittel. Schreiben Sie drauf: „noch weißer, noch sauberer“, ist schon gekauft.

Gleichgültig, ob 30, 40, oder 50 – diese Jahreszahlen verschaffen den meisten Frauen ein flaues Gefühl im Magen. Sie befürchten, quasi unsichtbar zu werden. Aus der werberelevanten Zielgruppe der bis 49jähren ist man auf jeden Fall raus. Dafür kommen dann mit der Post Termine von Mammografie-Zentren und Kataloge von Online-Sanitätshäusern. Von einem Tag auf den anderen wird man mit Werbung für Treppenlifte bombardiert, und die Mitarbeiter dort wollen partout nicht glauben, dass man keine Ahnung hat, was ein Pagenschlüpfer ist, wenn man entrüstet anruft und sich beschwert. Es ist, als würde es „Klick“ machen, und jemand legt einen Schalter um. Als hätten sich Hersteller von Gleitsichtbrillen und Inkontinenzeinlagen verabredet dass sie einen von diesem Tag an mit Angeboten zuschütten. Alle Beteuerungen Ihrerseits, dass Sie durchaus noch imstande sind, Ihren BH selbst auf dem Rücken zu schließen, verpuffen wirkungslos.

Wissen Sie was? Ich kenne schon einige Personen, die behaupten: „Zum Lesen brauche ich keine Brille, das geht noch prima ohne“, und dabei dann die Zeitung mit den Zehen halten müssen, um sie studieren zu können.
Aber das sind alles Männer. Die leiden nämlich auch. Jawohl. Über die schreibe ich ein andermal.

„Ich mache mir nichts daraus, wenn mir an Baustellen die Arbeiter hinterherpfeifen“ sagte meine Freundin Lena mal. „Ich fürchte mich eher vor dem Tag, an dem sie es nicht mehr tun.“

Sehen Sie – solche Sorgen hat meine liebe Bekannte Ilse mit ihren Ende 70 nicht. Die weiß, dass in jedem Alter, für jeden Topf, ein Deckelchen existiert. Nur sind diese eben gleichfalls ein wenig älter geworden sind und genauso verbogen wie sie selbst.

Letztes Jahr flog Ilse übrigens mit ihrem Lebensgefährten nach Neuseeland, um ihre Tochter zu besuchen, die dort zusammen mit ihrem Mann eine Farm betreibt. Ilse räumte erst mal das ganze Wohnzimmer aus und wischte unter dem Sofa, fütterte das Vieh, half im Stall, jätete Unkraut im Gemüsegarten, nörgelte, wie es ihre liebe Gewohnheit ist, an allem herum, kochte 4 Wochen lang für die versammelte Mannschaft und flog dann wieder nach Hause, um mir zu berichten.

Selbstverständlich hatte sie mittels einer monströsen Digitalkamera eine Million Fotos geschossen. Die Abzüge durfte ich samt und sonders angucken, obwohl ich einen Arzttermin vorzuschieben versuchte. Wie bei Ilse üblich, fehlte auf jeder Aufnahme da ein Kopf und dort die Beine, und manchmal war nur ein Erdhaufen auf dem Bild zu erkennen, aber ich wühlte mich pflichtschuldigst durch das ganze Programm.
Da ist sie knallhart.

Was ich aber wirklich bewundere, ist ihre ganz besondere Lebensfreude, ihr Pragmatismus, dieses „Nicht an morgen denken“, das es ihr ermöglicht, auch im Alter ein erfülltes, zufriedenes Leben zu führen.

Ilse hat sich noch nie mit Gedanken über Falten geplagt. Sie wütet durch ihren Garten mit einem schweren Benzinmäher, setzt sich anschließend fluchend auf meine Couch, wo sie einen Cappuccino genießt, und schimpft dann über den unfähigen Arzt, der ihr immer noch kein neues Knie verschreiben möchte, weil es in letzter Zeit etwas zwickt, weil er (mit Mitte 50) zu jung ist, um echte Schnerzen nachempfinden zu können. Hätte sie einen Internetanschluss, dann hätte sie sich vermutlich schon selbst eine Ersatz-Kniescheibe besorgt und sich diese in ihrer Garage eingebaut.

Sie jammert nie. Das liegt nicht in ihrer Natur, und ich vermute, mit Wehklagen wäre sie nie so alt geworden, sondern hätte längst aufgegeben. Den einzigen Hinweis auf eventuelle Beschwerden erhielt ich, als sie eines Tages bei mir klingelte und mir an ihrem Grinsen etwas merkwürdig vorkam.

„Hascht du einen Schekundenkleber?“ fragte sie hektisch. Da sah ich es: An ihrer Prothese fehlte ein Schneidezahn. Sie hatte beim Morgenmüsli eine Nuss-Schale erwischt. „Dasch schieht blöd ausch“ nuschelte sie. „Ich musch dasch reinkleben, schnell.“

Auf mein Anraten versuchte sie es dann doch beim Dentisten, denn ich wollte nicht, dass sie sich eventuell vergiftet. Irgendwie bin ich sicher – sie hätte das weggesteckt, so wie sie es mit allen Widrigkeiten in ihrem Leben getan hat.

Aber mit einer immer wiederkehrenden Retrospektive über die Schicksalsschläge in ihrer Vergangenheit hätte Ilse garantiert niemals ein Haus abbezahlt, einen jüngeren Lebensgefährten gefunden oder sich beim Tanzen in der Disko für Herrschaften fortgeschrittenen Alters den Fuß verstaucht.

Ich mag sie, weil ich mir oft ins Gedächtnis rufe, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie, wie ich, wieder mal prüfend vor dem Spiegel stünde und das missmutige Gesicht mustern würde, das ihr entgegenblickt.

„Siehst gut aus, du altes Luder“ würde Ilse vermutlich zu sich selbst sagen und sich anlächeln, eine heile Prothese vorausgesetzt.

Ilse hatte einfach niemals Zeit für Falten, keine Muße für Kummer und keinen Nerv für allzu viele Sorgen, die ihr das Leben schwermachen könnten, denn sie musste dieses Leben nonstop leben und als Alleinverdienerin ÜBERleben, ob sie wollte oder nicht. Vielleicht dachte sie gelegentlich: „Ich beschäftige mich später damit.“ Wobei „später“ bei Ilse Definitionssache ist.

Und darum denke ich heute, wenn ich wieder mal lese: „Nach nur vier Wochen faltenfrei“:„Ilse ist so was egal. Sie ist glücklich und zufrieden, freut sich, dass sie morgens aus dem Bett kommt und beschwert sich mit 75 Jahren immer noch darüber, dass Männer alle das Gleiche wollen. Herz, was willst du mehr?“ Ilse würde daraufhin antworten: „Keinen Infarkt.“ Sie ist sehr bodenständig.

Es ist gleichgültig, ob Sie gerade 40 werden, 50 oder 60, und damit kreuzunglücklich sind, denn es liegt an Ihnen, was Sie mit der verbleibenden Zeit anstellen.

Nutzen Sie diese sinnvoll, oder wollen Sie Nebenkriegs-Schauplätze eröffnen wie zum Beispiel den verzweifelten (und auch sinnlosen) Kampf gegen Falten?

Achtung, Spoileralarm: Keine Chance. Möglich, dass Sie aus einigen Schlachten als Siegerin hervorgehen werden, wenn der Dermatologe es schafft, 10 Jahre aus Ihren Mundwinkeln mittels der doppelten Dosis Hyaluron zu entfernen, aber gewöhnen Sie sich nicht daran. Das wird nicht ewig funktionieren. Und nur für den Fall, dass Sie mir nicht glauben: Googeln Sie einfach mal: „Mutter von Sylvester Stallone.“

Ganz ehrlich? Nein. Danke. Ich verzichte.

Sicher besitzen auch sie eine Fotosammlung Ihres bisherigen Lebens, oder? Halten Sie es wirklich für zielführend, diese Bilder gelegentlich versonnen zu betrachten und tief zu seufzen?

„Wo ist nur die Zeit hingekommen?“ fragen sie dann. Ich kann es Ihnen nicht sagen – das ist eines der großen Mysterien. Aber das Alter spielt nur in dem Ausmaß eine Rolle, in dem Sie ihm selbst Gewicht zuweisen. Einer Frau, die sich wegen ihres 40ten Geburtstags grämt, kann ich versichern: Freuen Sie sich. Erstens gibt es – leider – viele Menschen, die dieses Datum gar nicht erreichen. Zweitens liegt noch einiges vor Ihnen. Und sie entscheiden, ob es schön wird oder nicht. Von unten, vom Boden der Niedergeschlagenheit aus, ist die Perspektive auf jeden Fall erdrückend. Darum richten Sie sich auf, erheben Ihr Haupt (ist auch gut für die Kinnlinie) und sehen der Realität ins blutunterlaufene Auge.

Es gibt viele Dinge im Leben, die wir selbst ändern können. Altern gehört nicht dazu, dem sind wir ausgeliefert. Es gibt aber auch verdammt viele Gründe, sich darüber zu freuen, wie viele Erfahrungen man schon machen durfte, und auch (denken Sie an Ilse, die tatsächlich existiert), wie viele dieser schönen Erfahrungen noch vor Ihnen liegen.

Kaufen Sie sich einfach kurzärmelige Shirts statt ärmelloser, wenn Sie partout nicht mit sich zufrieden sind. Und statt dem Bikini in Size Zero tut’s auch ein hübscher Einteiler mit französischem Beinschnitt. Schuhe müssen nicht 10 Zentimeter hohe Absätze haben, auch 5 Zentimeter können sexy wirken.

Am anziehendsten ist ohnehin in jedem Alter ein gesundes Selbstwertgefühl und eine Menge Charisma. Wenn ich Ilse ansehe, geht’s sogar ganz ohne Charisma.

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„Hurra, ich bin noch da“ wäre vielleicht ein Motto für Ihren nächsten runden Geburtstag. Erinnern Sie sich an die Lieben, die Sie nicht mehr in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten können. Freuen Sie sich einfach, dass Sie am Leben sind. Das geht auch mit 30, 40, 50 oder älter. Das geht eigentlich immer.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Alles Gute zum nächsten Geburtstag. Sie haben ihn sich verdient.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Er ist ein behütetes Einzelkind und wohnt schon sein ganzes Leben lang bei seinen Eltern – einer niedlichen, aber besitzergreifenden Dame Mitte 70 und einem desinteressierten Vater, der seine Tage mit einer Halben Bier vor dem Fernseher verbringt, weil irgendwo auf der Welt immer Fußball läuft.

Jeden Urlaub verbringt Gerd ausnahmslos mit seinen Eltern und schwärmt uns dann von ereignisreichen Kreuzfahrten und lehrsamen Pyramidenbesichtigungen vor. Er kümmert sich um den Haushalt, begleitet Mutti zum Einkaufen und widmet sich in der Freizeit hingebungsvoll seinen Hobbies Fußball, Netflix und Modellbau.

Im Keller, den Mama für ihn freigeräumt hat, fieselt Gerd nächtelang an seiner elektrischen Eisenbahn, die mittlerweile die Ausmaße einer Kleinstadt angenommen hat und das gesamte Zimmer ausfüllt.

Kennen Sie Gerd? Nein? Dann haben Sie etwas verpasst.Gerd ist 180 Zentimeter groß und hat seine dunklen Haare extra auf einer Seite bis zur Schulter wachsen lassen, damit er sie über seine Glatze kämmen kann. Den anachronistischen 80er-Jahre-Schnäuzer stutzt er akribisch einmal pro Woche, und auf seinem Kinn prangt eine pechschwarze Warze in der Größe eines 20-Cent-Stücks. Seine Gesichtszüge wirken etwas verbissen, und um die Taille herum trägt er ein paar Unebenheiten mit sich herum, die seiner sitzenden Tätigkeit geschuldet sind. Gerd ist 53 Jahre alt.

Zu unser aller Überraschung ist Gerd Single, aber leider nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Gelegenheit. Das mag Sie jetzt verwundern, aber bisher hat sich tatsächlich noch keine Frau gefunden, die sich mit ihm auf eine Beziehung einzulassen bereit ist, weil Gerd jeder Kandidatin bereits beim ersten Date unverblümt mitteilt, was sie erwartet: mit Mama zusammen den Haushalt schmeißen, mit Mama einkaufen, ansehnlichen Nachwuchs gebären (darum darf die potenzielle Frau auch nicht über 35 sein…), den Biernachschub für Papa nie ausgehen lassen und ansonsten begeistert Gerds Hobbies zusammen mit ihm ausleben.

Selbstverständlich winkt nach jedem arbeitsreichen Jahr ein erholsamer Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Zusammen mit Mama und Papa.

Auch sonst sind Gerds Ansprüche an eine Heiratskandidatin (wilde Ehe geht gar nicht – das würde Mutti umbringen) ziemlich hoch. Eine Ausländerin kommt wegen der zu erwartenden Verständigungsschwierigkeiten nicht in Frage (es wäre doch zu schade, wenn die junge Dame süffisante Sticheleien von Mutti nicht sofort kapiert), eine Gleichaltrige ist ihm laut eigener Aussage „zu alt“, da irgendwer ja mal die elektrische Eisenbahn erben und deshalb ein Stammhalter gezeugt werden muss.

Die Wunsch-Frau sollte kochen können (mindestens so gut wie Mutti), darf keinerlei Ansprüche auf Intimität oder Privatsphäre geltend machen und sollte in Gerd das Tollste seit der Erfindung des WC-Papiers sehen.

Gerd selbst ist übrigens der Charme in Person.

Ich kenne ihn seit 20 Jahren persönlich und habe mir ihn nicht ausgedacht. Solche Typen kann man sich nicht ausdenken. Neulich saßen wir mit ihm am Tisch, und eine Bekannte meinte scherzhaft: „Oh, Gerd, du hast ja ein Bäuchlein gekriegt.“

Er sah sie giftig an und meinte: „Halt doch die Klappe – die Schlankste bist du ja auch nicht.“

Ich kann mir sehr gut vorstellen, woran all seine Blind Dates scheitern. Aber das wissen Sie garantiert mittlerweile auch. Gelegentlich klagt uns Gerd sein Leid. Versteht er doch nicht, warum keine Dame seinem zarten Werben erliegt. Immerhin ist er ein guter Fang. Die Angebetete darf nämlich sein Jugendzimmer zusammen mit ihm im mittlerweile abbezahlten 70er-Jahre-Reihenhaus beziehen (gesetzt den Fall, sie findet zwischen Flugzeugmodellen und winzigen Plastik-Panzern noch Platz), nach Feierabend täglich den kompletten Haushalt schmeißen, Gerd sexuell befriedigen – bei ihm besteht 40jähriger Nachholbedarf, das kann also dauern – und wenn sie viel Glück hat, gibt’s zur Belohnung dann abends „Bauer sucht Frau“, falls nicht gerade in Abu Dhabi Fußball läuft, denn Papa lässt sich sonst nicht von der Glotze in die Kneipe vertreiben.

Wie gesagt, Gerd versteht die Welt nicht und die Frauen noch weniger, denn ein Ende seiner Durststrecke ist nicht in Sicht. Das wird auch so bleiben.

Da Sklavenmärkte in Deutschland nicht existieren, wird er sich wohl weiterhin hoffnungsvoll von einem Blind Date zum nächsten hangeln müssen.

Der nächste Aspirant in Frauenangelegenheiten ist Stefan. Er misst vom Scheitel bis zur Sohle stolze 155 Zentimeter, wobei sich Länge und Breite mittlerweile bei ihm die Waage halten. Er hat in letzter Zeit die Form eines Medizinballs angenommen. Seine 15 Kopfhaare trägt er stolz in 25 Reihen gekämmt, und er erklärt jedem, dass der feuerrote Teint und die wässrigen Schweinsäuglein dem Bluthochdruck geschuldet sind, „weil die dummen Weibsbilder so anspruchsvoll sind und ich mich darüber aufrege“.

Stefan ist seit kurzem stolze 71 Jahre alt und zweimal geschieden. Seine erste Hochzeit feierte er mit 50, unmittelbar nach dem Tode seiner Mutter, als er eine 25jährige aus einem osteuropäischen Land mit hohem Armutsfaktur ehelichte, die ihn nach zwei Jahren verließ. Sie war praktisch veranlagt, denn sie nahm sämtliches Inventar sowie den größten Teil der Einbauküche und den gerade abbezahlten Staubsauger mit, als sie verschwand, während Stefan bei der Arbeit war. Wäre das Haus etwas kleiner gewesen, hätte sie das wohl auch in ihre Reisetasche gepackt. So blieb ihm als Erinnerung wenigstens der Immobilien-Kredit, den er abbezahlen durfte.

Stefan aß anschließend aus Kummer noch mehr, trank wie ein Bierkutscher, und begab sich in seinen nüchternen Phasen erneut auf der Suche nach einer Frau. Mit 70 heiratete er dann abermals, eine Dame, die aus demselben Land wie seine erste Gattin stammte. Sie war erst 37, einen Kopf größer als er und wog circa 80 Kilo mehr als er.
„Ich nehme dieses Mal eine Dicke, die bleibt mir“ erklärte er pragmatisch, als ich ihn vorsichtig fragte, ob er denke, dass das Liebe sei.

Diese Ehe hielt genau eine Woche – dann verschwand die neue Frau gegen Mitternacht samt ihrem Koffer und tauchte im undurchdringlichen Nebel des deutschen Dienstleistungssektors unter, wo sie sich seither als selbständige Nageldesignerin durchschlägt. Es scheint ihr lieber zu sein, als weiterhin in Stefans zugigem Bungalow Schnitzel zu braten.

Aber Stefan lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren. Die Welt ist voller Mädels, die auf ihn warten. Immerhin hat er eine gute Rente und ein schönes Haus zu bieten. Also vertraute er sich kurz nach dem unrühmlichen Abgang seiner zweiten Gattin einem Heiratsinstitut an und klagte mir dann vor ein paar Wochen wütend sein Leid.

„Du glaubst nicht, was die mir anbieten!“ schimpfte er. „Die schicken mir tatsächlich 60jährige!“

„Ja, aber du bist über 70 und mit einer gleichaltrigen oder ein wenig jüngeren Frau hast du vielleicht ein paar Gemeinsamkeiten. In dem Alter ähneln sich die Interessen doch viel mehr“ antwortete ich. „Pah, was will ich mit einer 60jährigen“ widersprach er. „Alt bin ich ja selber.“

Stefan ist übrigens nach wie vor auf der Suche, meine Damen. Und er ist sich ganz sicher, dass die maßgeschneiderte Frau nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, immerhin ist er – genau wie Gerd – seiner Meinung nach ein prima Fang.

Nun verbindet Gerd und Stefan, diese beiden Geschenke Gottes an die Frauenwelt, außer besitzergreifenden Müttern noch etwas anderes, um das ich sie seit Jahrzehnten glühend beneide: ein Zauberspiegel.
Ja, Sie haben schon richtig gelesen. Die haben einen und ich nicht.

Ich selbst besitze natürlich auch mehrere dieser Dinger. Während der im Badezimmer, wenn er einen guten Tag hat, morgens vermeldet: „Tja, geht so heute, Barbara. Solltest allerdings gut ausgeleuchtete Plätze meiden“, lacht mich der andere in der Ankleide hämisch aus und kichert: „So deckende Farben gibt’s auf der ganzen Welt nicht, dass du die Röllchen um die Taille alle vertuschen kannst. Mach endlich eine Diät oder verschone mich mit deinem Anblick. Übrigens sollst du dich dringend bei meinem Cousin, dem Rasierspiegel melden. Der meint, er hätte dich schon länger nicht mehr gesehen. Du hast wohl Probleme mit der Wahrheit? Hähä.“ Wie gesagt – der ist fies und ich gucke nicht oft rein.

Mit solchen Gemeinheiten müssen Gerd oder Stefan sich nicht herumplagen. Egal, ob sie sich nackt oder angezogen vor ihre eigenen Spiegel stellen, die behaupten immer: „Mann, siehst du geil aus, Junge. Die Weibsbilder dürfen froh sein, wenn sie dich kriegen. Bauch? Wo ist hier ein Bauch? Ist nur das Licht. Du bist der Schönste!“

Verlogene Schleimbeutel sind das, diese Spiegel. Wenn der von Gerd ehrlich wäre, würde er ihm den Besuch eines Hautarztes empfehlen, damit der mal die krasse Warze auf dem Kinn checken kann, außerdem einen guten Friseur, der ihm erklärt, dass niemand auf die über seine Glatze gekämmten Haare reinfällt.

Und Stefans Spiegel könnte ehrlich warnen: „Junge, du bist mehr breit als hoch und solltest es mal mit Trennkost versuchen. Sprich: Deine Pizza ist am besten in der Küche aufgehoben und du auf dem Laufband. Außerdem bist du nicht der Jüngste. Was willst du mit einer ganz jungen Frau? Schon mal richtig in mich armen Spiegel reingesehen? Ich hab‘ die Lügerei allmählich satt.“

Trotzdem ich Gerd und Stefan schon oft angebettelt habe, wollen sie mir ihre Spiegel nicht leihen, nicht mal für einen einzigen Tag. Ich muss also jeden Morgen weiterhin meinen Anblick ertragen, weil ich trotz Intervallfasten nach wie vor daherkomme wie eine Presswurst. Den Rasierspiegel habe ich allerdings verschenkt. Der quält mich nie mehr.

In unserer aufgeklärten Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass niemand wegen seines Aussehens gehänselt wird oder dadurch Nachteile erleidet. Das finde ich natürlich richtig und wichtig. Nur möchte ich ganz gerne wissen, woher dieses durch nichts gerechtfertigte Selbstbewusstsein herrührt, welches Gerd und Stefan an den Tag legen. Beide haben sich noch nie Gedanken darüber gemacht, ob es vielleicht an ihrem Auftreten liegen könnte, wenn sie Absagen von der Damenwelt erhalten. Stefan und Gerd sind sich beide sicher, dass die Damenwelt nur zu blöde ist, einen guten Fang wie sie zu erkennen und festzuhalten.

„Was sind diese Frauen bloß anspruchsvoll“ stöhnte Gerd neulich, während ich mir wieder mal wünschte, er würde endlich zum Hautarzt gehen, damit ich nicht immer auf dieses Ding an seinem Kinn starren muss.
„Immer dieses Gezeter von wegen Emanzipation. Und Respekt vor dem Alter haben die auch nicht, wenn ich erzähle, dass ich bei meinen Eltern lebe, melden die sich nie wieder.“

So was aber auch.

Stefan, der Rentner, ist da etwas pragmatischer. „Ich hab schon ein paar Qualitäten, aber die binde ich dir nicht auf die Nase. Das Aussehen ist doch gar nicht so wichtig“ meinte er, als ich ihm vorschlug, seine hohen Ansprüche („jung, knackig, bewandert im Kochen und Erdulden“) nochmals zu überdenken.

Wenn das Aussehen nicht so wichtig ist, lieber in Ehren gealterter Stefan, warum willst du dann unbedingt eine Junge?

Nun ja – Stefan ist jetzt das Problem der Dame vom Heiratsinstitut, die ihm vollmundig versichert hat, für ihn als Topf den passenden Deckel in Übergröße aufzutreiben. Ich bin überzeugt, dass sie das mittlerweile bereut.

Im Laufe meines Lebens durfte ich immer wieder die Erfahrung machen, dass die Selbstwahrnehmung vieler Männer sich nicht mit der Realität deckt. Während unsereins sich im Fitness-Studio quält, eine Diät nach der anderen ausprobiert, kiloweise Foundation, Rouge und Mascara aufträgt und sich morgens mit einem Bein auf die Waage stellt, um sie auszutricksen, streift diese Sorte Mann sich ein Feinripp-Hemd über, schlüpft in Tennis-Socken mit Sandalen und macht sich frohgemut auf die Balz.

Geht nicht, gibt’s nicht, denken die.

Allerdings ist – das möchte ich betonen – der Besitz eines solchen wunderbaren Zauberspiegels nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Ich habe eine alte („alt“ im Sinne von kenne ich schon ewig) Bekannte, die auch so ein tolles Stück ihr eigen nennt. Meine Freundin Susi hat nämlich ebenfalls so einen, der ihr täglich suggeriert, sie sei die Schönste. Dabei hat Susi spärliches, astroschwarz gefärbtes Haar mit durchschimmernder Kopfhaut, ein fliehendes Kinn, winzige, immer verkniffene schmale Lippen, die Figur einer Avocado und – das Selbstbewusstsein von Kim Kardashian. Ist so.

Egal wo Susi hinkommt, immer findet sich ein Anbeter, der vor ihr auf die Knie geht und ihr spätestens nach dem vierten Bier ewige Liebe schwört. Weil Susi ganz einfach von sich selbst überzeugt ist.

Endlich sind wir da, worauf ich hinauswollte. Diese Spiegel, meine Damen, bekommen wir nicht bei Ali Baba oder Amazon – die stellen wir selbst her oder schleppen sie als Teil unserer Aussteuer mit uns herum. Unser ganzes Leben lang. Angeschafft werden sie schon in frühester Kindheit, und unsere Eigenwahrnehmung hängt signifikant davon ab, wie viel Selbstbewusstsein oder gesundes Selbstwertgefühl uns in frühen Jahren vermittelt wurde.

Diese bösen Spiegel, vor denen wir morgens stehen und uns ein wenig zu dick finden, oder zu dünn, diese Spiegel, die uns zeigen, dass unser Haar zu spröde ist oder unsere Lippen zu schmal, sind Artefakte unserer Kindheit.
Jetzt müssen wir uns täglich mit ihnen herumschlagen.

So schmeichelnd den Gerds und Stefans auf dieser Welt ihr Ebenbild gezeigt wird, so gemein wird unser eigenes gezeichnet, wenn wir prüfend auf die polierte Fläche blicken.

Es ist meist nicht die Wahrheit, die wir sehen, denn diese liegt vermutlich irgendwo zwischen „Du bist die Schönste“ und „Oh Gott, wie schaue ich heute wieder aus, so kann ich nicht unter die Leute!“.

Ich selbst bin vermutlich gar nicht so… äh, gut proportioniert (denken Sie sich einen grinsenden Emoji), wie es mir mein Spiegel zeigt, denn ich bewege mich schon mein Leben lang zwischen Verzicht und Genuss wie beim Hürdenlauf und horte deshalb Klamotten von Größe 38 – 42, damit ich immer was zum Anziehen habe. Aber ich bin ganz sicher, dass das, was mir morgens entgegenlächelt, nicht die wahrhaftige Realität ist, denn ich neige zu Selbstkritik, und mein Spiegel zeigt mir genau das, was ich zu erblicken befürchte.

Wir nehmen uns zu großen Teilen nur partiell wahr, sprich: Wer ein Problem mit seinem Gesicht hat, wird gar nicht beachten, dass der Rest seiner Erscheinung völlig ok ist. Wer ein Problem mit seiner Figur hat, übersieht sein ansprechendes Lächeln und die schönen Augen. Weil Frauen mit der Lupe ihre Mängel und Unzulänglichkeiten prüfen, während Männer sagen: „Nö danke, ich brauche keine Brille. Ich sehe alles, was ich will.“

Herren wie Gerd und Stefan, denen niedliche, aber besitzergreifende Mütter schon in früher Kindheit ein Pfund Schmierseife zwecks Weichzeichnung der tatsächlichen Gegebenheiten auf die Spiegel gerieben haben, erkennen gleichfalls nicht die Wirklichkeit, sondern nehmen nur ein irrationales, verzerrtes Bild ihrer selbst wahr, mit dem sie aber prima zu leben imstande sind. Das sollten wir auch mal versuchen.

Viele von uns Frauen hingegen rücken täglich mit einer Armada von Putzmitteln an, um unsere eigenen Spiegel blankzureiben, damit wir ja jeden kleinen Pickel, jede Unebenheit, jedes Fältchen, wahrzunehmen imstande sind. So hat man es in unserer Jugend nämlich beigebracht. Zu Hilfe kommen uns dabei Zeitungsartikel wie zum Beispiel: „Blitz-Diät, Heidrun nahm 87 Kilo in 14 Tagen ab, endlich ist sie wieder begehrenswert!“ oder „Was ich tun kann, damit Männer mich attraktiv finden“.

Wissen Sie, was Sie tun können, damit Männer Sie für attraktiv halten? Ist ganz einfach: SIE müssen sich attraktiv finden, so wie meine Freundin Susi. Egal, wann die in ihren Spiegel guckt, ihr lächelt jedes Mal eine Mischung aus Penelope Cruz und Salma Hayeck entgegen, obwohl sie in Wirklichkeit ein misslungener Hybrid aus Roseanne Barr und Morticia Addams ist.

Wir sollten aufhören, unsere Spiegel blitzeblank zu reiben, denn was uns dann gezeigt wird, ist nicht die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, sondern nur ein Konglomerat aus Suggestionen, die uns von klein an eingeimpft worden sind. Wenn Sie liebevolle Eltern hatten, die Ihnen Selbstwertgefühl und Wertschätzung vermittelt haben, dann werden Sie im Spiegel keine unangenehmen Überraschungen erleben sondern sagen: „Hm, ist ja wirklich ok. Nicht mehr ganz taufrisch, aber echt nicht übel. Ich sehe nett aus.“

Vielleicht ist ein Teil der eingeschränkten Selbstwahrnehmung vieler Männer wirklich der Tatsache zu verdanken, dass Männer nun mal Mütter haben, die ihre Jungs liebhaben und sie für das Größte und Beste halten, das die Welt hervorgebracht hat. So sollte es auch sein. Nur würde ab und an etwas mentaler „Glasreiniger“ bei Herrschaften wie Gerd und Stefan Wunder wirken, denn dann wären sie dazu imstande, einen übergewichtigen Rentner und einen griesgrämigen Nerd wahrzunehmen, anstatt sich für George Clooney zu halten.

Diese Selbsterkenntnis könnte der erste Schritt zu einem erfüllten Zusammensein mit einer Frau, die ihren Vorlieben und Neigungen entspricht, werden.

Man darf ja noch träumen.

Und so bitte ich Sie heute: Hören Sie mal auf, Ihre Spiegel zu „putzen“. Machen Sie nicht täglich sauber, sondern lassen Sie das Ding mal einstauben. Denken Sie an Gerd und Stefan, die haben das auch nicht nötig und ärgern sich nicht über sich, sondern über andere.

Sie sind hübsch. Auch wenn Sie nicht aussehen wie ein Filmstar. Spiegel lügen manchmal, weil unser Auge nur wahrzunehmen imstande ist, was unser Verstand durchdringen lässt. Spiegel sind manchmal böse Lügner und Relikte aus unserer Jugend, Spiegel bestehen gelegentlich aus gemeinen Sätzen, die irgendjemand zu uns sagte, als wir klein waren.

Spiegel sind nicht das wahre Leben. Tun Sie sich selbst den Gefallen und werden Sie wohlwollend sich selbst gegenüber.

Viele Frauen sind sich selbst ihr größter Feind. Hochglanz-Gazetten mit Model-Fotos und Casting-Shows, in denen bildhübsche Size-Zero-Kandidatinnen über Laufstege stolpern, tun ihr Übriges.

Egal, was Ihnen morgens im Badezimmer entgegengrinst – zeigen sie ihm die Zähne und lächeln Sie es an.
Haben Sie sich lieb. Sie sind Sie – was anderes haben Sie nicht geliefert bekommen. Und Umtausch ist ausgeschlossen.

Das einzige, das Sie reklamieren können, ist Ihre eigene Selbstwahrnehmung oder ein Mann, der Sie nicht genügend wertschätzt und an Ihnen herumnörgelt.

Oder bitten Sie einfach meine Freundin Susi, wie das geht. Die kann es Ihnen besser erklären. Noch nie hat sie an sich gezweifelt.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und verbleibe herzlichst!

Ihre Barbara Edelmann

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Besserwissern geht man besser nicht auf den Leim

Gehören Sie zu den glücklichen Damen, die mit einem besonderen Exemplar Mann gesegnet sind – einem Nörgler und Besserwisser? So ein richtig kuscheliges Herzblatt, das sich extra ein Kissen mit dem Spruch zulegt: „Ich bin kein Klugscheißer – ich weiß wirklich alles besser“?

Herzlichen Glückwunsch. Dann reihen Sie sich ein in eine lange Liste gebeutelter Frauen.

„Nicht geschimpft ist genug gelobt“ sagt Jan immer, der Mann meiner Freundin Anna. Noch nie hat sie es geschafft, ihm etwas recht zu machen, im Gegenteil:  Jan findet stets das berühmte Haar in der Suppe. Dazu benötigt er nicht mal Suppe, er kann das auch so. Neulich servierte sie ihm Gulasch, und auf ihre bange Frage, ob es ihm schmecke, antwortete er: „Ist wenigstens warm.“ Ihre liebevoll verzierten Weihnachtsplätzchen kommentierte er mit dem Spruch: „Wie die schmecken? Süß eben.“

Da weiß man doch, wofür man stunden- oder tagelang in der Küche stand.

Egal, was Anna tut, sie konnte es Jan in über 20 Jahren Ehe noch kein einziges Mal recht machen. Er findet, seine Frau kleidet sich nicht mehr sexy genug, denn nach ihrem 45ten Geburtstag ist sie dazu übergegangen, Skinny-Jeans mit Long-Pullovern statt Mikro-Minis mit Overknee-Stiefeln zu tragen. Zwei erwachsene Töchter, wenig Zeit fürs Fitness-Studio und jede Menge Stress fordern eben ihren Tribut, was Bindegewebsbeschaffenheit oder das Hautbild angeht.

Annas Haare sind Jan zu kurz (er muss sie ja nicht waschen und pflegen), ihr Make-Up zu dezent („Früher hast du dir mehr Mühe mit deinem Aussehen gegeben“), und ihr Fahrstil sorgt seit vielen Jahren für aufregende Unterhaltungen bei Ausflügen. Wenn Anna denn überhaupt mal ans Steuer darf. Dann bekommt sie jedes Mal von Jan eine Nachschulung. Am liebsten würde er sie wohl wöchentlich zur MPU schicken, wenn man seinen Worten glauben darf.

Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren in Deutschland im Januar 2018 insgesamt 56,5 Millionen Fahrzeuge zugelassen. Und jetzt stellen Sie sich vor: Es gibt unter den Haltern dieser 56,5 Millionen Fahrzeuge genau einen einzigen, der zum Führen eines Kfz befähigt ist – Jan natürlich. Alle anderen, die ihm auf Deutschlands Straßen begegnen, sind Idioten. Behauptet er.

Anna hat es wirklich nicht leicht. Zusammen mit Jan betreibt sie einen florierenden Einzelhandel mit großem Ladengeschäft und einen gutgehenden Internetversand. Selbstverständlich ist Jan der Boss. Er kauft Ware ein, überwacht die Buchhaltung (und Anna), beschließt oder ändert Ladenöffnungszeiten und kontrolliert alles. Anna steht tagein- tagaus im Laden, hilft im Versand und darf zum Ausgleich am Feierabend den Haushalt schmeißen oder den Garten versorgen. Meistens beides.

„Manchmal verkrieche ich mich in der Kundentoilette und heule in eine Klopapierrolle“ gestand sie mir neulich am Telefon. „Er macht mich vor den Kunden zur Minna, wenn ich seiner Meinung nach was Falsches gesagt habe. Und er behauptet ständig, dass die Kunden, genau wie ich, von nichts eine Ahnung haben. Die Welt besteht seiner Meinung nach ausschließlich aus Trotteln. Das schließt alle Regierungen auf diesem Planeten mit ein. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.“

Jan nennt seine Anna heute noch „Mausi“ wie am Anfang ihrer Bekanntschaft vor zwei Jahrzehnten. Meiner Meinung nach könnte es nur von Vorteil sein, wenn Anna aus „Mausi“ herausschlüpfen und sich zum Drachen weiterentwickeln würde, aber das getraut sie sich nicht.

Immerhin erzählt er ihr seit zwei Jahrzehnten, wie dumm sie ist, und dass sie ohne ihn aufgeschmissen wäre. Irgendwann fing sie an, ihm zu glauben.

Selbstverständlich ist Jan im Gegensatz zu Anna die Perfektion in Person – seiner eigenen Meinung nach.

Erst kürzlich erklärte er dem Chef der inneren Medizin (zwei Doktortitel!) im nahegelegenen Krankenhaus, dass er dessen Befund aufgrund eklatanter diagnostischer Defizite anzweifeln müsse. Zwar wurde Jan nach neuesten medizinischen Gesichtspunkten untersucht, sein Blut auf alle möglichen Formen von Krankheiten geprüft, und nach Sondierung sämtlicher Körperöffnungen lautete die Diagnose „ohne Befund“. Das war es aber nicht, was Jan hören wollte, denn er tyrannisiert Anna seit Jahren mit selbst angefertigten Diätvorschriften und Vorwürfen wegen mangelnder Rücksichtnahme auf seine wechselnden Befindlichkeiten. Dieses Freizeitvergnügen stünde ihm im Falle einer Spontanremission nicht mehr zur Verfügung.

Der Katalog seiner Symptome liest sich übrigens wie ein Handbuch über psychosomatische Erkrankungen, aber auf dem Ohr ist er taub.

„Bleibt mir ja vom Leib mit diesen Psychokram“ wiegelt er Annas zaghafte Bitte, einen Psychologen aufzusuchen, regelmäßig ab. Therapie ist seiner Meinung nach nur was für hysterische Weiber, die mit seiner männlichen, allwissenden Art nicht klarkommen.

Da Jan als einzige Autoritäten „Doktor Google“ und die YouTube-Universität akzeptiert, hatte Herr Professor Dr. Dr. Weizenkeim vom Krankenhaus in A. einen schweren Stand, denn Jan weiß nicht nur zuhause alles, sondern immer und überall, was er auch gern jedem mitteilt.

Er irrlichtert durchs World Wide Web nach einem für ihn genehmen Krankheitsbild (geheimnisvoll, aber bitte nicht tödlich), gibt ein Vermögen für noch im Teststadium befindliche Medikamente ohne Zulassung aus, injiziert sich mittlerweile diese dubiosen Einkäufe selbst, und ist nach einem Disput mit seinem Zahnarzt jetzt außerdem dazu übergegangen, seine Zähne teilweise eigenständig zu behandeln. Im Internet gibt’s nämlich alles, auch die nötigen Mittel für eine Kariesfüllung.

Sie glauben mir nicht? Wollte ich anfangs auch nicht, stimmt aber.

Jan akzeptiert als Autorität niemanden außer Jan und führt, zusammen mit der Stimme in seinem Kopf, ein sehr einsames Leben. Genau wie seine Frau Anna.

Sie wird von ihm gezwungen, abwechselnd fleisch-, salz- oder eiweißlos zu kochen, das hängt immer davon ab, über welchen Artikel er im Internet gerade wieder gestolpert ist. Momentan hat er sich eine remittierende Lebensmittelunverträglichkeit attestiert, allerdings muss er noch herausfinden, um welche Nahrungsmittel es sich handelt. Einen diesbezüglich aufschlussreichen Bluttest möchte Jan nicht machen lassen, „weil in den Labors nur Idioten arbeiten“, die ihn nicht kennen. Er ist nämlich ein Spezialfall.

Finde ich auch.

Ich fürchte, Sie lesen aus meinen Zeilen eine gewisse Aversion gegen diesen Mann heraus. Da liegen Sie richtig. Ich tröste die schluchzende Anna nämlich am Telefon seit mindestens 15 Jahren, weil sie seit meiner Kindheit eine meiner engsten Freundinnen ist, und ich bin auch selbst schon in den Genuss seiner allumfassender Weisheit gekommen, als er mein erstes Buch in Händen hielt und mir detailliert in harschen Worten erklärte, was an Titel, Cover und Inhalt falsch sei.

Selbstverständlich hat er nie einen meiner Romane gelesen („keine Zeit“), geschweige denn selbst eines geschrieben („Irgendwann setze ich mich hin, da werdet ihr alle Augen machen!“), aber wenn das wirklich mal passiert, werden „Vom Winde verweht“ oder „50 Shades of Grey“ von den Weltbestsellerlisten verdrängt, davon ist Jan überzeugt. Sollte das Manuskript abgelehnt werden, ist eben der Verleger verblendet genug, ein wahres Genie nicht als solches zu erkennen.

Jan liest ohnehin generell nicht. Außer im Darknet geteilte Berichte über geheimnisvolle und hocheffiziente neue Medikamente… und Kontoauszüge. Da kann er Anna dann anschließend tadelnd fragen, warum sie anlässlich ihrer letzten Kiefer-Operation ein Schmerzmittel für 18,95 € kaufen musste, wenn es seiner Meinung nach eine Tasse Kamillentee auch getan hätte („Du bist so wehleidig“).

Immerhin lässt er selbst sich beim Dentisten grundsätzlich nicht einspritzen („Nur was für Weicheier“), wenn er mal tatsächlich einen Zahn nicht selbst reparieren kann und sich zu einem „Pfuscher“ in Behandlung begeben muss. Allerdings habe ich mir von Anna erzählen lassen, dass er seit seiner letzten Wurzelbehandlung anders darüber denkt… Sein Schrei, als der Zahnarzt den Nerv traf, muss bis ins Wartezimmer zu hören gewesen sein.

Mittlerweile ist der Freundeskreis der beiden auf genau 0 geschrumpft. Sie werden nicht mehr zu Grillpartys bei Nachbarn oder Geburtstagsfesten bei Bekannten eingeladen, denn niemand lässt sich in seinen eigenen vier Wänden gern erklären, was er beim Tapezieren/Boden verlegen/Heckeschneiden alles falsch macht. Jan braucht nur einen Raum zu betreten und findet sofort eine schiefe Kante an Ihrer Wohnzimmertapete oder eine herauslugende Lüsterklemme an der Deckenlampe.

Ja, der Mann hat ein Rad ab. Das steht außer Frage. Und er ist ein schwerer Fall mit einer Menge Probleme – die er seiner gebeutelten Frau mit aufbürdet.

Leider gibt es viele dieser Nörgler und Besserwisser in abgemilderter Form überall unter uns. Von bösen Zungen werden sie „Klugscheißer“ genannt, gelegentlich „Kontrollfreaks“ oder auch „Hypochonder“.

Anna hat das unglaubliche „Glück“, dass in Jan mehrere dieser Eigenschaften zu einem einzigen unangenehmen Exemplar verschmolzen sind.

„Ich komme gegen ihn einfach nicht an“ vertraute sie mir an. „Seit 15 Jahren erzählt er mir, was ich falsch mache. Er hat mich noch nie gelobt, sondern nörgelt nur an mir herum. Jetzt sind wir auch noch sozial isoliert und sitzen jedes Wochenende allein zuhause. Aber weißt du, irgendwie ist er total liebenswert und unheimlich intelligent. Er wird von den meisten Leuten nur falsch eingeschätzt. Die kennen ihn alle nicht richtig.“

Da kann man – fürchte ich – nichts mehr machen.

Bei uns in Bayern sagt man in einem Fall wie dem von Anna: „Es gehören immer zwei dazu.“ Einen, der es tut (Nörgeln), und einen, der es mit sich machen lässt. Wohl wahr.

Vor beinahe 30 Jahren war ich auch mal mit so einem Besserwisser / Dauernörgler zusammen. Er hieß Bruno und hatte politische Wissenschaften studiert. Wenn man ihn fragte, wie spät es war, erklärte er einem erst mal die Uhr. Hinterher wusste man die Zeit immer noch nicht, aber wenigstens hatten wir drüber gesprochen.

Bruno nörgelte an allem herum, genau wie Jan. Allerdings auf eine sehr gewählte Art und Weise.

„Bin ich zu abstrakt?“ fragte er anschließend immer, weil er der Meinung war, niemand hätte seine hochgestochene Kritik verstanden.

„Abstrakt ist das Gegenteil von konkret“ antwortete ich dann immer grinsend. Da müssen schon Metzger kommen und keine Wursträdchen, um mich zu verunsichern.

„Meine Mutter hat die immer ganz anders gefaltet, nicht so krumm an der Knopfleiste. Und dein Bügeleisen ist der letzte Schrott, das wird nicht heiß genug“ bemängelte er meine Arbeit, nachdem ich gefälligkeitshalber ein paar zerfledderte 70er-Jahre-Hemden für ihn geplättet hatte.

„Dann mach’s doch besser“ antwortete ich gelassen und warf die Dinger zusammengeknüllt wieder in den Wäschekorb. Von diesem Tag an bügelte der gute Bruno seine Hemden selbst, weil ich mich weigerte. Mit seinem funkelnden – neu erworbenen – Bügeleisen. Das selbstverständlich sehr viel teurer gewesen war als mein eigenes. Er verschmorte einige Krägen wegen zu hoch eingestellter Temperatur, und nach drei Wochen hatte er das Gerät geschrottet, weil er mit der höchsten Stufe seine vergilbten Polyesterhemden zu glätten versucht hatte. Das Hemd war mit dem Bügeleisen eine untrennbare Verbindung eingegangen. Es roch damals ziemlich streng im Haus.

Beim Kochen war Bruno selbsternannter Gourmet. Erstens kannte er nur die Portionsgröße: „ausgehungertes Landsknechts-Bataillon“ und bereitete grundsätzlich Mahlzeiten für mindestens 25 Personen zu, obwohl wir zu zweit waren. Zweitens warf er in alles, das erhitzt werden musste, pfundweise „Kräuter der Provence“, gleich, ob es sich um Gulasch, Rührei oder Grießauflauf handelte. Alles andere schmeckte ihm „zu bourgeois“ und nicht zeitgemäß.

„Du kannst nur aufwärmen“ behauptete er mehr als einmal. Das lag daran, dass ich im Regelfall seine Zwei-Kilo-Portionen klebriger Spaghetti, die er stets zu einem matschigen Klumpen verkochte und dann zusammen mit Olivenöl auf den Teller klatschte, nicht wegwerfen wollte, und deshalb solange täglich in der Pfanne briet, bis sie alle waren. Manchmal gab es 6 Tage am Stück Nudeln. Da bin ich knallhart.

Einmal schleppte er an Weihnachten freudestrahlend eine Monstrosität von Truthahn ins Haus, die gerade mal bis zu den Keulen in meinen Backofen passte. Er schmorte sie nach ein paar vergeblichen Versuchen, den Vogel ins Backrohr zu quetschen, kleinlaut, zusammen mit zwei Handvoll „Kräutern der Provence“ (was sonst?) in der Kasserolle und servierte sie mit den Worten: „Jetzt wirst du mal merken, wie Geflügel schmecken sollte“.

Die Kräuter der Provence überlagerten etwas den Geschmack nach angebranntem Styropor, aber diese Mahlzeit hatte ich mir ohnehin anders vorgestellt: essbar.

Anschließend gab es wochenlang Truthahn-Sandwich, Truthahn-Geschnetzeltes, Spaghetti-Auflauf mit Truthahn und Salat mit Truthahn. Und Kräutern der Provence. Damit Bruno wieder seinen Spruch „Du kannst nur aufwärmen“ anbringen durfte, weil ich es nicht übers Herz brachte, das fade Federvieh in den Mülleimer zu entsorgen.

Bruno hatte mir in jedem Lebensbereich etwas mitzuteilen, und tat das ausgiebig. Nach ungefähr 6 Monaten unserer Bekanntschaft benutzte ich meine innere „Mute“-Taste, sobald er den Mund aufmachte und blendete ihn aus, so dass nur noch eine Art weißes Rauschen zu mir durchdrang. Bis auf die Besserwisserei war er nämlich intelligent, großzügig, kultiviert und charmant. Da sieht man über einiges hinweg.

Aber er ließ sich nicht beirren und machte immer weiter.

Als ich eines schönen Tages vor dem Spiegel stand und mich in meinem neuen schwarzen Kleid bewunderte, trat er hinter mich und meinte: „Du glaubst, das ist schön? Stell dich doch mal echter Konkurrenz“. Vermutlich wollte er mir signalisieren, ich sollte Heidi Klum um ein gemeinsames Fotoshooting bitten und dann heulen, weil ich neben ihr wirken würde wie ein Trampel.

Das ließ mich aber unbeeindruckt, denn mit seinen hervortretenden wässrigen Augen, dem fliehenden Kinn und der Stauung am Mittleren Ring (So nennen wir in Bayern den Rettungsreif um die Taille) war er auch nicht gerade ein Gottesgeschenk, was ich ihm freundlich lächelnd umgehend mitteilte.

Anna hingegen wäre wohl umgehend zum Telefon gestürzt, um sich im Fitness-Studio und beim Schönheits-Chirurgen anzumelden.

„Da kriege ich lauter winzige Viecher in die Haare, und meine Schleimhäute trocknen aus! Es gibt keinen einzigen sinnvollen Grund, offen zu fahren“ quengelte er mal auf einem Sonntagsausflug. Wir fuhren mit meinem Cabrio gerade eine gewundene Landstraße entlang, die Sonne schien, der Himmel war blau, aber Bruno saß mit hochgezogener Kapuze bei 30 Grad im Schatten auf dem Beifahrersitz und starrte mich immer wieder giftig an. Ich ignorierte es.

„Kannst du nicht die Kurven einmal anders nehmen?“ beschwerte er sich. „Du fährst an der Haftgrenze deiner Reifen! Wieso schaltest du so spät? Wieso schaltest du so früh? Warum hast du gerade gebremst? Wieso gibst du ausgerechnet jetzt Gas? Nun überhole doch endlich, das reicht noch ewig. Himmel, ihr Frauen traut euch wirklich gar nichts. Euch fehlt das Peripheriesehen.“

Ich suchte mir einen Feldweg, blinkte rechts und stoppte am Fahrbahnrand.

„Da klingelt was, vorne rechts unter der Motorhaube“ sagte ich auf seinen fragenden Blick hin. „Kannst du mal nachsehen? Hört sich wirklich gefährlich an!“

Maulend stieg er aus – immer noch mit hochgezogener Kapuze. Ich wartete, bis er die Beifahrertür geschlossen hatte und fuhr weiter. Allein. Nie vergesse ich den ungläubigen Blick dieser verloren wirkenden Gestalt am Straßenrand. Sollte er mal schön per Anhalter sehen, wie er weiterkam.

Der brauchte keinen geschlossenen Wagen, sondern eine geschlossene Anstalt.

Das ist sehr lange her, aber ich erinnere mich manchmal noch daran, wie wichtig es ist, Anfängen zu wehren oder sich nicht so sehr von dieser Art Nörgelei beeindrucken zu lassen. Anna hat das leider nie getan. Darum wird sie immer „Mausi“ bleiben und weiterheulen.

Es gehören – wie ich vorhin schon erwähnte – immer zwei dazu. Der Nörgler lebt davon, dass seine Kritik auf fruchtbaren Boden fällt, auf Ihren nämlich. Wenn Sie darauf eingehen, öffnen Sie die Büchse der Pandora und die werden Sie nie mehr zukriegen. Das verspreche ich Ihnen!

Selbstverständlich gibt es absolut berechtigte Kritik. Wenn Ihr Krustenbraten in einer Salzlake schwimmt, die schmeckt wie das Tote Meer, dann haben Sie was falsch gemacht und können das auch offen eingestehen. Wenn Ihr Kleinwagen nach 465 vergeblichen Einpark-Versuchen aussieht, wie ein Golfball von Tiger Woods, dürfen Sie ruhig den Ratschlag eines Menschen annehmen, der schwungvoll sein Kfz einhändig in jeden Säulenparkplatz lenkt. Man kann nicht alles können.

Allerdings verlange ich von jedem, der mich kritisiert, dass er mir vorführt, wie er es besser macht. Das gilt für alles. Personen, die ihr Leben nicht auf der Reihe haben, dürfen mir keine Ratschläge erteilen.

Karlheinz, der es in den letzten 10 Jahren nicht geschafft hat, Menschen anders als kopf- oder beinlos abzulichten, und dessen Selfies aussehen, als wäre er der kleine Bruder von E.T., braucht mir nicht zu erklären, wie ich meine Digitalkamera auf Nachtaufnahmen einstelle.

Der hat genügend eigene Probleme.

Wer über mein Essen nörgelt, sollte mindestens ein Spiegelei zustande bringen. Kritik an meinem Outfit von Männern in Hosen, die aussehen wie eine Kleiderspende von Steve Erkel, mit löchrigem ungepflegtem Bart und in Holzfällerhemden, in denen sie zu ertrinken scheinen, ist nicht erwünscht. Kaufen Sie sich einen Spiegel, meine Herren!

Mit Besserwissern tut man sich ein wenig schwerer. Denen brauchen Sie gar nicht mit Fakten zu kommen. Ich kenne außer Jan noch so ein Exemplar. Gleich, ob Sie mit ihm über die bolivianische Agrarstruktur  oder das Haushaltsdefizit diskutieren, sparen Sie sich die Mühe, nach Beweisen zum Untermauern Ihrer Argumente zu googeln. Der Besserwisser wird sie nicht anerkennen und Ihnen erklären, dass er Einträgen im Internet prinzipiell nicht vertraut, weil da alles gefälscht ist.

Geben Sie einfach auf. Es gibt Dinge, die sind sinnlos und verschwendete Lebenszeit. Erfinden Sie einen dringendenTermin und machen Sie sich vom Acker, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben.

Sollten Sie die Stellung halten müssen, weil Sie mit dem Besserwisser verheiratet oder liiert sind, dann legen Sie sich eine Stummschalt-Taste zu. Die kostet nichts. Und sie erspart Ihnen viel Ärger. Ich weiß, wovon ich spreche.

Einen Besserwisser überzeugen Sie grundsätzlich von nichts, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen, in die Hände klatschen und dazu „La Paloma“ singen. Darum ist er ja ein Besserwisser. Würde er das aufgeben, hätte er nichts mehr.

Das Wichtigste im Umgang mit solchen Herren ist innere Gelassenheit und die Notwendigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein. Wenn ich weiß, was ich kann, wer ich bin, und was ich mir zutrauen darf, dann erschüttert mich kein Jan oder ein Bruno. Dann erschüttere ich eher die. Eine in sich ruhende, gefestigte Persönlichkeit, lässt sich nicht von ein paar hämischen Sticheleien oder ein wenig Nörgelei aus dem Takt bringen. Die weiß, was sie wert ist.

Sollten Sie einen Jan oder einen Bruno zuhause haben, dann lächeln Sie ab heute einfach milde zu Vorwürfen jedweder Couleur. Sogar, wenn die Nörgelei einen wahren Kern enthält, ist das noch lange kein Grund, Ihr Selbstvertrauen zu unterminieren zu lassen. Ehrlich gemeinte, konstruktive Kritik hingegen muss man vertragen können.

Aber grundlose Herabwürdigungen, diffamierende Behauptungen oder Verächtlichmachung der eigenen Talente und Fähigkeiten sind nicht in Ordnung. Daran sollten Sie denken.

Es lässt sich immer etwas ändern, und in einer Beziehung ist niemals ein Zustand irreversibel, sondern stets fließend. Kritik muss man als erwachsener Mensch anzunehmen imstande sein, dauerndes Genörgel aber nicht. Lassen Sie sich nicht verunsichern bitte – denn oft geht es wirklich nur darum.

Wir Frauen sind wunderbare, sensible Geschöpfe. Und wir haben gelegentlich ein nettes Wort verdient. Dafür einzustehen müssen Sie sich als gestandene Frau wert sein.

Also, los geht‘s. Wann fangen Sie damit an?

Ich wünsche Ihnen besinnliche, froh und vor allem nörgelfreie Weihnachten!

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Lügnern glaubt man manchmal auch...

Neulich las ich in einem Online-Magazin, dass jeder Mensch angeblich täglich im Schnitt ca. 200 Mal lügt. Das übertraf meine kühnsten Erwartungen.  Also recherchierte ich im Internet und fand diese Aussage mehr oder weniger bestätigt. Die meisten von uns lügen. Oft.

Das ist kaum zu glauben, wo man uns doch von Kindesbeinen an beibringt, dass die Wahrheit adelt. Aber dann dachte ich darüber nach, wie oft ich selbst schon geschwindelt hatte – um des lieben Friedens willen, um jemanden nicht zu kränken oder aus Bequemlichkeit.

Also fasste ich den Entschluss, einen ganzen Tag lang die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit.

Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich ausführt, was er sich vornimmt. Um es mir nicht allzu schwer zu machen, wählte ich für mein Experiment einen Sonntag. An einem normalen Arbeitstag wäre ich nämlich untergegangen und säße jetzt vermutlich gemobbt, gehasst und arbeitslos zuhause.

Sonntag war praktisch. Ich musste dem Boss nicht beteuern, dass die wichtigen Unterlagen schon ewig unterwegs waren. Ich musste dem jungen Mann vom indischen Call-Center nicht erklären, dass mir seine Anrufe und die seiner Kollegen aus der ganzen Welt tierisch auf den Senkel gehen.

Darum war der Sonntag klug gewählt. Um die Kollateralschäden so klein wie möglich zu halten, ging ich sicherheitshalber auch nicht ans Telefon, als meine Bekannte Marianne anrief. Sonst hätte ich ihr wahrheitsgemäß erklären müssen: „Ja, du störst, wie eigentlich immer seit 10 Jahren, weil dir meine Nummer nur einfällt, wenn es dir schlecht geht.“

Auf dem Weg zur Kirche fragte der Nachbar, ob mich sein Laub in meinem Teich ärgern würde. „Es ist Herbst, da bläst der Wind“ antwortete ich und kam mir vor wie Konfuzius persönlich. Oder Yoda. Nicht gelogen war das. Es nervt tatsächlich, dass ich wöchentlich mit dem Netz so viele Blätter aus dem Wasser fischen muss. Aber ich musste wenigstens nicht lügen. Es war, als würde man beim Zweikampf einen Ausfallschritt machen, um nicht mit dem Kämpfer der Gegenseite zusammenzustoßen.

„Wie fanden Sie die Predigt?“ wollte der Pfarrer am Ende des Gottesdienstes wissen, als er beim Verlassen der Kirche jedem Besucher die Hand schüttelte.

„Interessant“ antwortete ich.

Die Predigt war auch interessant gewesen – dieses Wort passt beinahe immer, vor allem dann, wenn man nicht sagen möchte: „Schon wieder Tod und Verderben heute? Da wird man ja trübsinnig, Herr Pfarrer.“ Ich hatte klug reagiert, finde ich.

„Gefällt dir unser neuer Wintergarten?“ wollte meine Schwester wissen, als ich ihr ein paar Tupperdosen zurückbrachte.

„Interessant“ wich ich geschickt aus. Das Ding sieht zwar aus wie ein quadratischer Brutkasten, ein Würfel aus Glasscheiben, Stahlstreben und Holz. Aber interessant ist es wirklich, wie Architekten es schaffen, einem so eine Monstrosität als Ergänzung für das Eigenheim zu verkaufen.

Bei einer lieben älteren Bekannten war ich gegen 16:00 Uhr zum Kaffee eingeladen. Sie wird nächstes Jahr 80. Liebevoll legte sie mir ein riesiges Stück Marmorkuchen auf den Teller, das schon beim Kontakt mit dem Porzellan ein merkwürdiges Geräusch machte, es hörte sich an wie hohles „Klack“.

Nach dem ersten Bissen balancierte ich gekonnt so diskret wie möglich einzelne Stücke mit der Kuchengabel in den Kaffee, um sie genießbar zu machen, aber sie sogen sich nicht richtig voll. Außerdem hatte meine Gastgeberin den Zucker beim Backen vergessen.

„Schmeckt er dir?“ fragte sie misstrauisch.

„Intereschant“ nuschelte ich und tunkte ein besonders großes Stück in die braune, dünne Brühe, die schmeckte wie der dritte Aufguss. Auf dem Tassenboden konnte man das Wasserzeichen erkennen.

Wieder kam ich mit dem Wort „interessant“ davon. Ich kann es weiterempfehlen. Außerdem finde ich es ja wirklich spannend, wie man aus Mehl, Butter, Backpulver und Eiern (den Zucker hatte sie wie erwähnt vergessen) Gebäck mit der Konsistenz von Trockenbeton herzustellen vermag.

Aber ich fürchte, sie hat mir nicht geglaubt.

„Hat’s Ihnen geschmeckt?“ fragte die Bedienung schließlich gestern Abend, als wir beim Essen waren, und musterte meinen halbvollen Teller skeptisch. Mir war klar, dass ich mit „interessant“ nicht durchkommen würde, denn der Koch hätte das vielleicht falsch aufgefasst.

„Oh, so spät schon!“ rief ich und warf einen entsetzten Blick auf meine Uhr. „Darf ich bitte bezahlen?“

Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das immer frage. Warum sollte ich nicht bezahlen dürfen? Noch nie hat eine Servicekraft „nein“ gesagt. Aber sie nickte und huschte zur Theke, um die Rechnung zu holen.  Das war knapp gewesen.

Den Rest des Abends durfte ich dann mit dem einzigen Menschen auf der Welt verbringen, dem ich so gut wie immer die Wahrheit sage. Fast immer. Naja, meistens. Beinahe ausschließlich. Wenn es irgendwie geht: Meinem Mann. Keine weiteren Vorkommnisse.

Danach lag ich im Bett und grübelte über ein paar Fragen nach, deren wahrheitsgemäße Beantwortung oft nicht ganz einfach ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nette Lügen nur allzu gern geglaubt werden. Unwahrheiten bleiben sie aber trotzdem. Die Wahrheit ist oft ein schwerverdaulicher Brocken, so etwas wie der Marmorkuchen meiner betagten Bekannten: schwer zu schlucken.

Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn man mal einen Tag lang so richtig ehrlich wäre. Gemein ehrlich.

Im Büro: „Ja, Chef, logisch habe ich die Belege an die Firma Weizenkeim schon weitergeleitet. Was sagen Sie? Überstunden? Die ganze Woche? Klar, gerne, ich lebe für die Firma.“

Wahrheit: „Der Weizenkeim von ‚Weizenkeim & Söhne‘ soll sich nicht so anstellen wegen dem bisschen Papier. Die sind ohnehin fast pleite, und seine Frau geht mit dem Poolreiniger fremd, habe ich gehört. Ich wette, der hat grade ganz andere Sorgen als die Belege von mir. Und wegen der Überstunden: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich scharf darauf bin, noch zwei Stunden länger täglich in diesem Affenstall zu sitzen, von Toner-Feinstaub und Sporen aus der Klimaanlage umschmeichelt? Aber mir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, sonst werfen Sie mich raus.

Beim Boss: „Entschuldigung, dass ich so spät komme! Erst wurde der Pudel meiner Nachbarin vom Cousin des Bruders ihres Freundes überfahren, und ich musste den Hund zum Tierarzt bringen, aber leider mit dem Fahrrad, denn mein Auto hatte einen Platten, weil heute Nacht Killerbienen mein Dorf überfallen und hunderte Löcher in die Reifen gestochen haben. Als der Pudel operiert war, erwischte ich den Bus nicht mehr und musste per Anhalter zur Arbeit fahren. Dabei wurde ich von guatemaltekischen Bauarbeitern entführt, die mit mir ihren Anführer aus einem Gulag freipressen wollten und erst nach zwei Stunden feststellten, dass mich in Russland kein Schwein kennt. Dann haben sie mich wieder ausgesetzt und jetzt bin ich hier.  Diesen halben Tag muss ich jetzt aber hoffentlich nicht reinarbeiten, oder? Ist ja höhere Gewalt, so eine Entführung.“

Wahrheit: Ich war gestern besoffen wie eine Haubitze, weil wir Hans-Rüdigers Geburtstag im „Zornigen Lindwurm“ mit ein paar Hektolitern Bier gefeiert haben, und bin mit dem Gesicht in einem Blumenkübel vor der Kneipe auf Knien eingeschlafen, aber heute Morgen um 4:50 gottseidank rechtzeitig aufgewacht, ehe mich die Müllabfuhr aufladen konnte. Dann versuchte ich, nach Hause zu laufen, tastete mich um eine Litfaß-Säule herum und dachte, ich sei eingemauert. Es hat eine Stunde gedauert, bis ich bemerkte, dass ich weitergehen konnte. Endlich daheim, musste ich mit dem Schlüssel in der Hand eine Zeitlang warten, bis mein Haus vorbeikommt, weil ich zu betrunken war, um das Schüsselloch zu finden und sich die ganze Straße um mich gedreht hat. Aber immerhin bin ich zumindest frisch geduscht. Glaube ich wenigstens. Arbeite ich eigentlich überhaupt hier?

Der Kollegin mit dem neuen Outfit: „Das sieht wirklich super an dir aus, du kannst alles tragen, Vanessa. Trau dich ruhig öfter mal, nein, das ist nicht zu gewagt.“

Wahrheit: Vanessa sieht in dem neonroten Etuikleid mit den Overknee-Stiefeln aus wie eine Presswurst, die anschaffen geht. Außerdem ist das in ihrem Gesicht kein Make-Up, sondern Bauernmalerei, vermutlich klopft sie das Zeug allabendlich mit dem Spachtel ab. Sobald man ihr aber mitteilt, dass sie klugerweise ihre Klamotten zukünftig mindestens drei Nummern größer kaufen sollte und beim Lidschatten weniger mehr ist, redet sie wieder vier Wochen lang nichts mit mir. Was schlecht wäre, da ich sie schon als Urlaubsvertretung eingetragen habe.  Soll sie doch rumlaufen, wie sie möchte.

Der hochschwangeren Freundin: „Nein, leider kann ich zu deiner Babyparty nicht kommen, Claudia, ich glaube, ich hab‘ mir was geholt und möchte dich nicht anstecken.“

Wahrheit: Klar hab‘ ich mir was geholt – eine Tiefkühlpizza, Erdnusslocken und einen Eimer Schokoladeneis mit Nuss-Splittern. Bei Netflix sind nämlich neue Folgen meiner Lieblingsserie rausgekommen, und wenn du denkst, dass ich lieber freiwillig mit einem Haufen kichernder Weiber zusammensitze, um bei jedem pinkfarbenen Lätzchen in entzücktes Kreischen auszubrechen, statt in Jogginghosen auf der Couch fernzusehen, hast du dich geschnitten. Lad mich zur Konfirmation ein oder wenn das Kind stubenrein ist.  Bis dahin dürfte ich mit meiner Watchlist durch sein.

Dem Bekannten in der Fußgängerzone: „Wie es mir geht, Klaus? Spitze, einfach nur super.“

Wahrheit: Neulich wurde beim Arzt jede meiner Körperöffnungen mittels monströser und geheimnisvoller Instrumente sondiert, weil ich immer aufstoßen muss, wenn ich Udo Lindenberg im Fernsehen sehe. Außerdem hat man mir einen halber Liter Blut abgezapft, um mich auf Maul- und Klauenseuche, Kolbenfresser oder Beulenpest zu checken. Meine Freundin hat mich verlassen, mein Herpes ist an einer unaussprechlichen Stelle wieder aufgetaucht, und vorhin habe ich auf der Autobahn einen halben Meter meines Auspuffs verloren und dafür einen Strafzettel in Höhe des Brutto-Inlandproduktes von Bolivien kassiert. Meine Arterien sind laut meiner Cholesterinwerte verstopft wie der Gotthardt-Tunnel zu Ferienbeginn, und die Aktien, die ich mir auf Anraten meines geschniegelten, anzugtragenden Bankberaters gekauft habe, haben über Nacht 90 % ihres Nennwerts verloren. Helene Fischer antwortete nicht auf meine Bitte nach einem Nacktfoto und ich bin so pleite wie Venezuela. Mindestens.

Aber wenn ich dir Waschweib das erzähle, könnte ich mich genauso gut mit einem Megaphon auf den Marktplatz stellen und es fremden Leuten ins Ohr brüllen oder Flyer im ICE verteilen, du Tratsche. Also behaupte ich dreist das Gegenteil und hoffe, dass du meine untertassengroßen Augenringe und die weiße Stelle am Ringerfinger übersiehst. Dass ich pleite bin, wirst du schon merken, wenn ich meine Schulden an dich nicht zurückzahle.

Dem Bekannten bei einer Einladung ins Kino: „The Fast & the Furious, Teil 14? Da muss ich erst noch in meinem Terminkalender nachsehen, ich hab‘ grad so extrem viel um die Ohren. Irgendwas war da an dem Tag, es fällt mir nur gerade nicht ein. Ich melde mich per Whats App.“

Wahrheit: Das glaubst auch nur du, dass ich mich in ein voll besetztes Schachtelkino mit wildfremden zweibeinigen Bakterienschleudern setze, die neben mir alles vollrotzen, röchelnd während des gesamten Films husten, klebriges Popcorn auf meinem Schoß verteilen, mit dem Handy am Ohr den Film kommentieren oder mir ständig ins Kreuz treten, wenn sie hinter mir sitzen. Außerdem hab ich noch 68 Blockbuster auf meiner Watchlist, eine neue Heimkino-Soundanlage mir Presslufthammer-Effekt für Action-Streifen sowie ein gemütliches Sofa mit eingebautem Erdnuss-Fach, Getränkehalter und Massageköpfen in der Rückenlehne.  Ich kann meine eigene Toilette benutzen und brauche nicht durch einen halben Meter nasses Klopapier auf dem Boden zu waten, bis ich die Schüssel erreiche, wenn ich mitten im Film mal raus muss.

Das wird nix, und mit einer Whats-App, die ich dir morgen schicke, kann ich mich prima rauswinden. Anschließend blockiere ich dich für 4 Wochen, bis du nicht mehr sauer auf mich bist.

Im Bekleidungsgeschäft: „Also, ich finde das Kleid ganz hübsch. Aber da muss ich ein wenig darüber nachdenken, ob das wirklich zu mir passt. Ich sehe mich noch ein wenig um da hinten. Bei den BHs aus Nato-Draht.“

Wahrheit: Diesen gruseligen Lappen in Amöbenform mit Kunstpelz an strategisch unwichtigen Stellen kannst du verkaufen, wem du willst. Darin sehe ich ja aus wie eine Kreuzung aus Hulk und dem Bigfoot.  Außerdem sind 228,94 Euro ein bisschen viel für zwei Pfund Polyester mit Strass, Pailletten und Plastikfell. In dem Teil werde ich garantiert auf der Straße mit einer Pinhata verwechselt, und irgendjemand wird versuchen, Süßigkeiten aus mir herauszuklopfen mit einem Baseballschläger. Da ich dich aber nicht loskriege, weil du schon eine halbe Stunde lang wie ein ausgehungerter Geier hinter den Funktionsjacken gelauert hast, lüge ich dich an und behaupte, dass ich wiederkomme. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.

Beim Kundendienst: „Natürlich habe ich den Toaster immer absolut pfleglich behandelt, als wäre er ein Neugeborenes, glauben Sie mir. Plötzlich sind aber die Funken geflogen, im ganzen Haus war die Sicherung raus, und ich habe einen Stromschlag bekommen. Ich fürchte, ich muss Ihre Firma wegen Körperverletzung verklagen, wenn Sie mir das Gerät nicht ersetzen. Immerhin handelt es sich um einen Garantiefall.“

Wahrheit: Ich kann  doch nicht eingestehen, dass mein schwarzer Kater stinksauer auf mich war, weil ich das falsche Futter gekauft habe, und deshalb auf mein Käse-Sandwich gepinkelt hat, als es gerade im Toaster röstete. Außerdem habe ich das Gerät anschließend komplett auseinandergebaut, alle Teile gespült und mit dem Föhn getrocknet und dann wieder zusammengesetzt. Die übriggebliebenen Schrauben schicke ich Ihnen in einem eigenen Beutel mit. Keine Sorge. Aber wehe, Sie machen keinen Garantiefall draus – ich kenne meine Rechte.

Beim Arzt auf die Frage, wie viele Zigaretten man täglich raucht: „Höchstens 10 Stück, vielleicht mal 11. Ich schwöre.“

Wahrheit: Ich glaube, früher, im analogen Zeitalter, waren die Ärzte nicht so penetrant, Herr Doktor. Schon mal was von der DSVGO gehört? Und das wollen Sie vielleicht sogar noch aufschreiben? Wer sieht das dann alles, etwa Ihre sämtlichen Sprechstundenhilfen? Kriegt das auch die Krankenkasse? Was ist mit dem Datenschutz? Ich rufe Heiko Maas an und beschwere mich, wenn Sie das machen. Klar rauche ich drei Schachteln Kippen täglich, sogar im Schlaf, in der Badewanne und während des Geschlechtsverkehrs. Bin eben ein nervöser Typ.  Zur Not rauche ich auch die Füllung meines Sofas oder das Heu aus dem Meerschweinchen-Käfig, wenn ich am Monatsende pleite bin. Aber das kann ich Ihnen gegenüber auf keinen Fall zugeben, sonst verlangen Sie am Ende noch, dass ich damit aufhöre.

Beim Tierarzt: „Nein, so was kriegt der von mir nicht. Ich kenne mich aus, ich hab seit Jahrzehnten Tiere!“

Wahrheit: Meine Güte, gucken Sie mich doch nicht so ernst an, Herr Doktor. Klar hat mein Lieblingskater erst neulich ein Viertelpfund Butter geklaut und auf einen Rutsch runtergeschlungen – samt der Alufolie, aber das kommt doch nach einem Tag wieder raus, oder? Sogar viel schneller, wegen der vielen Butter, weil es gut rutscht. Außerdem wissen Sie gar nicht, wie treuherzig der schauen kann, wenn er was möchte, dem würden Sie auch was geben.  Am liebsten mag er Marzipan, das rollt er mit seinen niedlichen Pfötchen zu einem Knödel und spielt erst mal damit. Kuchen? Wer hat gesagt, dass ich für meinen Kater Kuchen backe? Ich selbst? Na gut, aber das war nur einmal. Zweimal. Ok – er kriegt jede Woche einen. Sie würden das auch machen, wenn Sie so einen Hutschi-Gutschi-Knuddel-Muddel hätten.

Außerdem hab ich neulich von einem Hund gelesen, der jeden Tag 5 Zigaretten frisst, das Nikotin BRAUCHT der, sonst geht der ein. Ich finde, das ist schlimmer als ein bisschen Nougat oder Marmelade. Ich bin ein sehr verantwortungsbewusster Tierhalter, immerhin kriegt meine Katze keine Kippen. Da können sich andere eine Scheibe von meinem Verhalten abschneiden.

Beim Geburtstag des Großneffen: „Du weißt ja, wie es finanziell bei mir aussieht, darum gibt es nur eine Kleinigkeit, Andreas. Ach, das Leben ist so teuer geworden, kennst du ja selbst. Diese Hose hab ich jetzt schon 20 Jahre. Die hält noch mal 10.“

Wahrheit: Du undankbares Balg hast in den letzten 10 Jahren kontinuierlich jeden meiner Geburtstage vergessen. Wenn du denkst, dass ich dir mehr als 5 Euro ins Kuvert lege, hast du dich geschnitten. Klar habe ich Geld wie Dreck, aber es ist mein Dreck, nicht deiner. Leute, die mir nicht gratulieren oder sich nur zum Schnorren bei mir blicken lassen, kriegen ein paar warme Worte. Oder kalte. Für so was verschwende ich keine Energie – die kostet schließlich  ein Vermögen. Übrigens erbst du von mir nur das, was du siehst, wenn du die Augen schließt: nichts. Stell dich gleich mal drauf ein. Nur schade, dass ich dein doofes Gesicht bei der Testaments-Eröffnung nicht sehen kann.

Und jetzt mach dich vom Acker, es ist 17:00 Uhr, und ich möchte mir gern wie jeden Tag um diese Zeit eine Zigarre an einem 200-Euro-Schein anzünden.

Zur guten Freundin:  „Also Laura, du brauchst doch keine Falten-Unterspritzung, du siehst 10 Jahre jünger aus als du bist.“

Wahrheit: Von wegen. Deine Mundpartie hat die optische Beschaffenheit von Seersucker-Bettwäsche, und deine Krähenfüße reichen mittlerweile bis ans Kinn. Da kannst du beim Hautarzt gleich Collagen im praktischen 30-Liter-Fass bestellen. Aber du warst ja früher immer zu knickerig, dir mal ein Fläschchen Oil of Olaz zu leisten, du Geizkrägin.

Mach dir einfach einen straffen Pferdeschwanz, vielleicht zieht es die Haut nach hinten. Warum glaubst du den Scheiß eigentlich, den ich dir erzähle von wegen, du siehst viel jünger aus? Hast du keinen Spiegel?

Was guckst du denn jetzt so sauer? Das geht aber schon noch klar, dass du meinen Hund fütterst, wenn ich demnächst vier Wochen nach Neuseeland fliege, oder?

Bei der Polizeikontrolle: „Herr Wachtmeister, ich hab‘ allerhöchstens ein Bier getrunken. Schauen Sie mich an. Können diese Augen lügen?“

Wahrheit: Beweist mir erst mal die 14 Korn und 8 Bier in der Pilsbar vorhin, ihr Superbullen. Ich bin nämlich durch jahrelange Übung gestählter Kampftrinker und laufe auch mit 3,6 Promille noch kerzengerade auf einer weißen durchgezogenen Linie völlig aufrecht und ohne zu schwanken. Oh, so ein Mist, jetzt habe ich mir die Nase an diesem überfahrenen Igel zerstochen.  Wieso liegt auf deutschen Straßen so viel Müll rum? Helfen Sie mir sofort hoch, sonst verklage ich Sie alle!

Beim Ehemann: „Das war runtergesetzt und viel billiger, Schatz.“

Wahrheit: Dieser Designer-Fetzen kostet so viel wie der Gebrauchtwagen meiner Nachbarin, aber das wirst du nie herausfinden, weil ich den Kassenzettel unter der Angora-Unterwäsche von Oma versteckt habe und du außerdem keine Ahnung von Haute Couture hast, du Depp. Außerdem tue ich das nur für dich, Süßer. Und die Wahrheit würde dich nur verunsichern. Nein, Heinz-Rüdiger – zu viel Handtaschen oder Schuhe gibt es nicht. Das ist ein urbanes Märchen. Nächstes Mal hebe ich den Kassenzettel auf, klar. Versprochen.

Zur Not lasse ich mir einen fälschen.

Nochmal zum Ehemann: „Ich hoffe, es schmeckt dir, Schatzi, hat viel Arbeit gemacht und ist mit Liebe zubereitet.“

Wahrheit: Es hat viel Arbeit gemacht, an der Tiefkühl-Theke im Supermarkt die Fotos auf den Verpackungen der Fertiggerichte eingehend in Augenschein zu nehmen. Das Zeug muss ja so authentisch wie möglich aussehen, damit ich es dir als von mir selbst zubereitete Mahlzeit unterjubeln kann. Hilfreich ist dabei, dass ich dir alles so lieblos auf den Teller knalle, als wäre ich dafür eine Stunde am Herd gestanden und jetzt total erschöpft.

Außerdem habe ich dir noch nie was Abgelaufenes untergejubelt. Wenn das nicht Liebe ist.

Am eigenen Geburtstag:  „Das hab ich mir schon immer gewünscht, vielen Dank!“

Wahrheit: Ja, genau. Das habe ich mir immer gewünscht: noch eine schiefe Blumenvase in knalligem Pink oder ein Plastik-Bilderrahmen mit einer Biene drauf und einem Brustbild von dir. Welchen Grund sollte ich haben, diesen Kitsch auf meiner Anrichte zu platzieren, damit ich dein dämliches Grinsen täglich sehe? Aber gut – immer noch besser als der Gutschein für 10 Minuten Fußmassage vom letzten Jahr oder die Einladung zum Abendessen, die sich als Veggie-Burger mit mittleren Pommes bei McDonalds entpuppt hat.

Das Essen war ich wenigstens am nächsten Tag wieder los. Wohin ich allmählich die ganzen Staubfänger stellen kann, mit denen ich jährlich von dir beglückt werde, muss ich noch herausfinden. Das wollten sie nicht mal im Wertstoffhof.

Sie sehen also: Meine boshafte – leider durch Lebenserfahrung angereicherte – Phantasie kennt keine Grenzen. Trotzdem wäre es sinnvoll, sich gelegentlich mit dem Prinzip von Lüge und Wahrheit auseinanderzusetzen. Und sich nicht selbst dabei zu belügen.

Ich persönlich habe mir vorgenommen, keine falschen Komplimente mehr zu verteilen, wenn ich gefragt werde, wie ein gewisses Kleidungsstück an gewissen Personen aussieht. Das wird schwerer, als es sich anhört, da bin ich mir sicher. Aber Lügen ist auch immer ein bisschen Feigheit. Die Wahrheit sollte nur dann taktvoll umschrieben werden, wenn sie zu sehr kränken würde. Denn man gewöhnt sich so schnell an alles. Auch an 200 Lügen täglich. Denken Sie mal drüber nach.

Und jetzt wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Woche. Ganz im Ernst. Wirklich wahr. Was? Das dürfen Sie ruhig glauben. Ehrlich.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Emanzipation - geht sie rückwärts?

Mit „Emanzipation rückwärts“ hat unsere Kolumnistin Barbara Edelmann eine augenzwinkernde Geschichte über eine Frau, die nicht mehr alles selbst erledigt, geschrieben.

Früher, als Teenager, hatte ich für Aufgaben von Mama, die ich hasste, eine perfekte Methode entwickelt: Ich stellte mich so ungeschickt an, bis sie mir entnervt die Arbeit abnahm mit den Worten: „Ich mach’s selbst. Gib schon her.“ Das funktionierte lange Jahre perfekt.

Aber dann kam Alice Schwarzer. Gegen Ende meiner Teenagerzeit strebte die Frauenbewegung gerade ihrem Höhepunkt entgegen. Frau Schwarzer leuchtete einem von unzähligen Titelseiten entgegen, wütende Mädels verbrannten ihre BHs (hätten wir uns nicht leisten können), andere gingen auf die Barrikaden gegen Sexismus, und die 68er-Bewegung hatte einige Jahre zuvor lauthals verkündet: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.“ Alles schien erlaubt, nichts wirklich verboten, man konnte ausprobieren, was man wollte. Es waren wilde Zeiten.

Nur in Würden gealterte Senioren hielten einem damals noch Restaurant-Türen auf und wurden von jungen Männern dafür verspottet. Es war ein Zeitalter des Neubeginns, des Aufbrechens von angeblich überholten Moralvorstellungen. Verkrustete Strukturen zerbröselten innerhalb weniger Jahre, und wer sich auf Manieren berief, galt als altmodisch.

Wir Damen zahlten prinzipiell in Lokalen selbst. Ausnahmen von dieser eisernen Regel „Eine Frau lässt sich von einem Mann nichts schenken“, wurden gründlich ausdiskutiert („Also gut, du lädst mich ein, weil ich eine Frau bin. Aber beim nächsten Mal zahle ich, klar? Und bring mir ja keine Blumen mit – ich bin nicht käuflich“). Man wollte sich ja keine Blöße geben.

Frauen, die sich nicht an die gängige „Mädels an die Schlagbohrer“-Doktrin hielten, wurden als „Weibchen“ belächelt, die zu faul waren, alles selbst zu machen. Nur zum Kinderzeugen brauchte man die Herren der Schöpfung damals noch, aber findige Damen fanden Mittel und Wege, dieses umständliche Verfahren auf effiziente Art und Weise abzukürzen. Nur der Himmel schien unsere Grenze zu sein. Endlich.

Frauenbewegung und Emanzipation waren allerdings auch dringend nötig. Das wurde mir eines Abends in einer Kneipe bewusst, als ich ein Gespräch vom Nebentisch mitbekam, wo ein kleiner, gedrungener Bursche Mitte 20 (wir nannten so was früher „laufender Meter“) seinem Kumpel erklärte: „Eine Frau mit Charakter vergiftet sich mit 30.“ Der Typ ist heute übrigens immer noch Single und würde vermutlich mit Handkuss eine 30jährige nehmen. Aber das nur am Rande.

Ich wuchs mit dem Satz „Frauen an die Macht“ auf. Selbstverständlich war vor dieser Bewegung einiges im Argen gelegen, sonst wäre sie erst gar nicht entstanden, aber mit den Auswüchsen der Emanzipation kämpfen faule Weibsbilder wie ich seit deren Entstehung.

Ja. Ich bin träge. Und ich hasse sogenannte „Männerarbeiten.“ Dazu gehört das Wechseln von Zündkerzen oder Reifen, das Kürzen des Rasens mit monströsen Benzinmähern, das Schleppen schwerer Gegenstände, oder das Über-Kopf-Streichen von Balkon-Verkleidungen. Dabei hat alles einmal so gut angefangen.

„Wie kannst du nur? Damit sie gleich weiß, was sie als erwachsene Frau bis ans Ende ihres Lebens zu tun hat?“ fragte ich vor rund einem Vierteljahrhundert entrüstet eine Freundin, nachdem sie mir von der Mini-Bügelstation als Weihnachtsgeschenk für ihre siebenjährige Tochter erzählt hatte.

„Aber… sie hat sich das doch selbst gewünscht“ antwortete meine Freundin damals verlegen. Nein, ich wollte diese Mutter nicht davon überzeugen, ihrer Tochter einen Satz Schraubenschlüssel zu schenken, aber ich war so was von emanzipiert und wehrte mich vehement gegen die Vorstellung, dass mein gesamtes Dasein nur von Kochen, Putzen oder Bügeln geprägt sein sollte.

Immerhin hattenwir  jetzt endlich die gleichen Rechte wie jeder Mann. Dass darin aber auch die gleichen Pflichten beinhaltet waren, sagte einem leider damals keiner, sonst hätte vielleicht die eine oder andere von uns nochmal darüber nachgedacht.

Denn die Männer waren nicht blöd und fanden Emanzipation natürlich unglaublich praktisch. Sie war so was wie moralisches Viagra für Rüpel. Endlich schien es vorbei mit dieser altbackenen Unsitte, einer Frau Auto- oder Restauranttüren aufzuhalten geschweige denn, das Essen im Lokal zu bezahlen oder gar das Kino.

„Du bist ja total unabhängig, du kannst das selbst“ bekam ich mehr als einmal zu hören. Viele Männer pickten sich – genau wie einige Frauen – nur die Rosinen aus der ganzen Geschichte.

Es war trotzdem eine tolle Zeit. Wir trugen violette Latzhosen, fuhren Rollschuh, trugen BHs oder keine (meistens keine…), und es bürgerte sich ein, dass auch Frauen Männer anbaggern durften, ohne schief angesehen zu werden. Niemand dachte sich etwas dabei. Wer auch nur auf ein Mindestmaß an zivilisatorisch über Jahrhunderte gewachsenen Umgangsformen pochte, wurde als „Ewiggestriger“ gebrandmarkt und „wenig fortschrittlich“ genannt.

Ja. Es waren goldene Zeiten für Männer. Für mich als Frau eher weniger, denn ich musste mich aufgrund meiner nagelneuen gesetzlich verordneten Unabhängigkeit mit wenig beliebten Geräten wie Schlagbohrmaschinen, Zollstöcken, Hämmern oder Radkreuzen anfreunden. Die hätte ich in den 50er-Jahren niemals gebraucht. Im Gegenzug für das Wahlrecht, das Recht mein Einkommen selbst zu verwalten und ein Bankkonto zu führen, sowie das Recht auf bezahlte Erwerbstätigkeit, bekamen wir auch etliche Dinge aufs Auge gedrückt, die wir lieber nach wie vor den Herren der Schöpfung überlassen hätten.

Als junge Frau merkte ich schnell, dass diese Emanzipation auch ihre Schattenseiten hatte. Wenn ich zum Beispiel zu hören bekam: „Einen Bad-Spiegelschrank anschließen? Das kannst du doch allein. Ihr wollt doch immer selbständig sein. Macht was draus.“

Damals bekam ich, auf einem Hocker über dem Waschbecken balancierend, einen Stromschlag, und knallte erst mal mit dem Kopf auf die Toilettenschüssel vor lauter Schreck. Der verschmorte Fleck an meinem linken Unterarm (niemand hatte mir geraten, die Sicherungen rauszuschrauben) war noch wochenlang sichtbar.

Bei den nächsten 30 Deckenleuchten war ich vorsichtiger geworden, und bis auf das eine Mal beim Anschluss zweier riesiger Bass-Lautsprecher 1992 ist mir nie mehr ein Missgeschick mit Strom passiert. Da kroch ich anschließend auf dem Boden herum und fragte wimmernd: „Bin ich jetzt tot?“, was für Gelächter unter den anwesenden Herren der Schöpfung sorgte.

Und weiter emanzipierte ich mich durch die Tage. Ich schaufelte zum Beispiel ganz allein 6 Tonnen Kies für eine Beet-Umrandung, weil mir der freundliche (männliche) LKW-Fahrer das Zeug zwar in die Einfahrt schüttete, aber dann schnell wieder verschwand. Aber mit Wut im Bauch schippt es sich ganz gut, und ich war anschließend unglaublich stolz auf mich. Krumm, mit Hexenschuss und Wärmflasche auf dem Sofa, aber stolz.

Einmal tapezierte ich eine Küche mutterseelenallein mit einem Spülschwamm (ich hatte keinen Pinsel) und der Arbeitsfläche als Tapeziertisch. Das Ergebnis hielt viele Jahre bombenfest.

„Das ist ganz leicht, brauchen Sie nur abzuschrauben und das andere einzusetzen“ erklärte mir ein freundlicher Mann vom „Landmarkt“, als ich ihm von meinem Rasenmäher-Scherblatt erzählte, weil es das Gras nicht mehr schnitt, sondern rupfte. Er verkaufte mir ein neues, das glänzte und blinkte. Ich habe es eingebaut. Mir blieb keine andere Wahl – weit und breit war kein Mann in Sicht, der einer hübschen emanzipierten Frau diese Aufgabe abnehmen wollte.

Zusammen mit einer Freundin schraubte ich in der Rekordzeit von zwei Stunden meinen neuen Couchtisch zusammen. In der Anleitung hatte allerdings gestanden: „30 Minuten“. Nach einer Stunde war ich übrigens bereit, meinen großen Hammer zu holen und alles zu Klump zu schlagen vor lauter Wut. Aber so männlich wollte ich nicht werden.

Täglich gab es eine Million Dinge zu tun, für die mich Mutter Natur nicht konzipiert hatte. Zum Beispiel musste an meinem früheren Wohnort mehrmals jährlich ein Steilhang gemäht werden. Nachdem sich das Sensenblatt mehrere Male nur Millimeter neben meinem linken Fuß in den Boden gegraben hatte, kaufte ich mir eine Motorsense. Und passend dazu Handschuhe und Schneidschutzhosen plus Brille und Arbeitsschuhe, denn ich gedachte meine Zehen weiterhin zu benützen. In einem Stück.

Eine elektrische Heckenschere schaffte ich mir nach vergeblichen Versuchen mit einer manuellen an. Selbstverständlich kaufte ich eine mit 70-cm-Schwert, denn ich war ja gleichberechtigt und hatte mir das bei den Männern abgeschaut: „Meiner ist größer“ lautete das Motto. Mit dieser riesigen Heckenschere durchtrennte ich dann mehrere Male das elektrische Zuleitungskabel, aber zumindest nicht meinen Arm.

Einmal platzte mir ein Reifen kurz vor einer Autobahn-Abfahrt. Ich schaffte es gerade noch so, die Autobahn zu verlassen und bockte dann mit dem Wagenheber das Fahrzeug auf, um den Reifen zu wechseln. Und scheiterte an der Tatsache, dass mir fürs Lockern der Radmuttern das Muskelschmalz fehlte, weswegen ich kleinlaut den ADAC rufen musste. Als ich mich kniend und fluchend mit dem Ersatzreifen abmühte, hielt übrigens kein einziger der an mir vorbeifahrenden Herren an. Ich war ja emanzipiert. Von wegen Kavaliere. Und dabei sah ich Alice Schwarzer nicht mal ansatzweise ähnlich.

Irgendwann ging mir auf, dass es unglaublich anstrengend war, gleichberechtigt zu sein. Die Männer ließen sämtliche Werkzeuge und Manieren unter den Tisch fallen, denn wir wollten es ja angeblich nicht anders. Jetzt hatten wir endlich alle Rechte und mussten tatsächlich wegen dieser Rüpel unsere Regale selbst an die Wand schrauben. Das fand ich nicht fair. Und schmutzig wurde man dabei außerdem.

Ich habe in den letzten 30 Jahren mehr als genug Regale an die Wand gedübelt (ist wie Lotto, mal hält’s, mal nicht), meinen Staubsauger-Roboter komplett zerlegt, um das Getriebe zu reinigen, den Akku meines I-Phones mit Hilfe eines YouTube-Videos ersetzt, meinen Router konfiguriert, 4 Websites erstellt und hochgeladen, so gut wie alle elektrischen Geräte in meiner Wohnung selbst angeschlossen und meinen alten Jeep wochenlang von Hand abgeschliffen und dann lackiert.

Ich habe schwere Arbeitsmaschinen auf Baustellen gefahren (fragen Sie nicht…), und meine Rollläden repariert, was mich beinahe einen Finger gekostet hätte. Das einzige, wobei ich kläglich versagte, ist Holzhacken. Ich besitze einen großen Vorrat an hübschen Stiefeln, und ohne Kniescheibe sehen die nur halb so gut aus. Auch von Tisch-Kreissägen lasse ich die Finger, ich kenne mich zu gut.

Nach Jahrzehnten voller Emanzipation war ich an der Gleichberechtigung gereift und gewachsen und versuchte deshalb, meine mühsam erworbenen Erkenntnisse an andere Frauen weiterzugeben.

„Geht nicht gibt’s nicht“ predigte ich meinen „Zieh-Töchtern“, die bei mir Wochenenden und Ferien verbrachten. Dieses junge Menschenmaterial war nämlich formbar. Denen konnte ich beibringen, wie toll das mit der Gleichberechtigung war.

„Das einzige, das ihr nicht könnt, ist ein ‚Z‘ in den Schnee zu pinkeln, ansonsten gibt es zwischen den Fähigkeiten von Männern und Frauen keine Unterschiede“ erklärte ich den staunenden Mädchen, die es sich zu Herzen nahmen und sich zu tollen, bodenständigen erwachsenen Frauen entwickelten.

Die Siebenjährige von damals mit dem Bügelstation ist heute übrigens eine aufgeweckte junge Dame mit dem Herzen am rechten Fleck. Und soviel ich weiß, plättet sie nicht übermäßig gern, sondern fährt lieber PS-starke Sportwägen. Aus meinen „Ziehtöchtern“ sind prächtige Weibsbilder geworden, die sich von niemandem ein X für ein U vormachen lassen. Alle stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden und verdienen ihr eigenes Geld. Keine von ihnen ist von einem Mann abhängig.

Nach all dem Dübeln, Streichen, Mähen und Reparieren war ich allerdings etwas biestig geworden, wenn ein Mann mir stotternd sein schmutziges Hemd entgegenhielt mit der Bitte, es zu waschen und zu bügeln. „Mach’s selbst. Unten steht die Maschine. Und das Bügeleisen im Hauswirtschaftsraum“ bekam er dann zu hören. Eine Liebe ist schließlich der anderen wert. Wer für mich nicht dübelt, dem bügle ich nicht. Selber schuld.

Jetzt allerdings bin ich etwas in die Jahre gekommen und stinkendfaul geworden.

Unangenehme Arbeiten lagere ich so weit wie möglich aus. Irgendwann hat man genügend Reifen gewechselt, Regale an die Wand gedübelt oder Wasserschläuche in Kaffeevollautomaten gepfriemelt. Mir reicht’s.

Ach, was war ich fleißig. Ach, was habe ich alles allein gemacht. Erstens wollte ich nicht in den Verdacht geraten, ein sogenanntes Weibchen zu sein, und zweitens war ich Zeit meines Lebens immer stolz darauf, auf niemanden angewiesen zu sein. Lust hatte ich nie auf solche Aufgaben, weil ich faul bin, aber ich musste.

Denn die Herren machten sich dünn, sobald es ernst wurde. Sie waren auf Spaß geeicht. Und irgendwann war „Kavalier“ kein Kompliment mehr, sondern ein Schimpfwort geworden. Finde ich persönlich schade.

Irgendwann wird man bequem. Irgendwann muss man sich nicht mehr beweisen. Oder irgendjemandem was beweisen. Irgendwann ruht man in sich und denkt: „Mir doch egal, was ihr von mir denkt.“

Es kam also, wie es kommen musste: Eines Tages war wieder mal das Scherblatt meines Rasenmähers schartig geworden und musste ersetzt werden. Ich dachte an die Gras- und Ölflecken, daran, dass ich jetzt lieber einen Kaffee trinken oder shoppen gehen würde, besorgte das Scherblatt und bat einen Bekannten um Hilfe.

„Das ist mir zu kompliziert“ erklärte ich mit meinem treuherzigsten Augenaufschlag. „Kannst du mir helfen?“ Und ich kam mir nicht mal dumm dabei vor, während ich mich dumm stellte. Selbstverständlich baute er das Scherblatt für mich ein. Und reparierte mein hölzernes Rosenspalier, das dem schiefen Turm von Pisa erschreckend ähnlich zu sehen begonnen hatte. Er richtete zwei schiefe Terrassenplatten aus, wechselte das Flusensieb meiner Waschmaschine und befestigte eine lockere Lüsterklemme an meiner Wohnzimmerlampe. All das kostete mich einen Kaffee und ein Lächeln.

Männer helfen gern, müssen Sie wissen. Die meisten zumindest. Und als das neue glänzende Scherblatt eingebaut war, sah ich herrliche ölfleckenfreie Zeiten auf mich zukommen, ohne Schwielen am Daumen und ohne Hexenschuss.

Mögen mich alle Feministinnen dieser Welt jetzt steinigen, wenn Sie meinen, ich hätte sie verraten. Mir wäre das zu viel Arbeit. Wissen Sie, wie viel so ein Stein wiegt? Ich habe 6 Tonnen davon geschaufelt.

Männer besitzen mehr Muskelgewebe und weniger Fettgewebe als Frauen. Über mehr Gehirnmasse verfügen sie übrigens auch, aber die wird von ihnen eher benutzt wie eine Doppelgarage für ein einziges Auto: Da drinnen lagert oft nur Sperrmüll. Wissen Sie, mit welchem Satz ich mich in den letzten 20 Jahren am meisten emanzipierte?

„Kannst du mir bitte mal helfen, mir ist das zu schwierig.“ Wieso bin ich da nicht früher draufgekommen?

Mittlerweile halte ich es nämlich für weise, Arbeiten outzusourcen an Leute, die es besser können. Und die es vor allem auch tun WOLLEN. Ich will nicht, da bin ich ganz ehrlich. Und wer sagt denn, dass man nicht trotzdem emanzipiert ist? Überlegen Sie doch mal: Jemand erledigt Ihre Arbeit. Nur dafür, dass Sie ihn darum bitten. Viel einfacher geht es nicht. Sie vergeben sich nichts dabei. Sie sind deshalb nicht weniger selbständig. Weil Sie nämlich viele Dinge können, die ein Mann nicht mal ansatzweise beherrscht.

Welche das sind? Sie haben genügend Zeit, das herauszufinden, während Heinz-Rüdiger draußen Ihren Luftfilter tauscht oder die Küche umbaut. Lassen Sie sich einen Kaffee einlaufen und denken Sie nach. Zeit haben Sie jetzt ja dazu.

Und jetzt muss ich „meinen“ Heinz-Rüdiger anrufen. Mein Auto sollte in die Werkstatt, und es hat geschneit.

Da versaue ich mir meine neuen Stiefel von diesem inovativen italienischen Designer. Heinz-Rüdiger trägt grundsätzlich Arbeitsschuhe, wenn er vorbeischaut. Der weiß schon, warum.

Ich wünsche Ihnen – breit grinsend und augenzwinkernd – eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Nachdenkliche Frau

Stellen Sie sich vor, Sie haben beschlossen, sich einen Gebrauchtwagen zuzulegen, weil Sie einen fahrbaren Untersatz benötigen und es satthaben, zu laufen.

Was Sie wollen, wissen Sie genau: einen benzinsparenden fünfsitzigen Kombi mit bis zu 90 PS in der Farbe Grau oder Anthrazit. Monatelang haben Sie sich im Internet schlau gemacht und Angebote geprüft, beschließen aber, den Wagen vor Ort zu kaufen, damit sie ihn sofort mit nach Hause nehmen können. Sie klappern alle Händler in Ihrer näheren Umgebung ab, doch nirgends gibt es, was Ihnen vorschwebt. Am Ende eines langen Tages stehen Sie dann vor einem sperrigen Geländewagen mit Dellen und Rost an verschiedenen Stellen. Er hat 180 statt 90 PS und ist nicht grau, sondern feuerrot. In den Fond passen mit viel Glück zwei Kleinwüchsige, und das Ding wird garantiert mehr Sprit saufen als Ihr verstorbener Onkel Leipold seinerzeit Apfelkorn.

Sie wollen aber unbedingt einen Wagen, jetzt, sofort, deshalb denken Sie sich:

„Ach, zur Not bringt man da auch 5 Leute rein. Der hat zwar keinen Kofferraum, aber ich lasse eine Anhängerkupplung montieren. Und der Spritverbrauch ist enorm, aber dann fahre ich weniger. Hauptsache, nicht mehr laufen.“

Und jetzt ersetzen Sie einfach „Gebrauchtwagen“ durch „Mann“.

Würden Sie diesbezüglich so einen Kompromiss eingehen? Nein? Dann lesen Sie, wie es meiner Bekannten Beate erging.

Vor fünf Jahren lernte sie – eine hübsche Brünette Mitte 30, Sekretärin der Geschäftsleitung, und verbissen auf der Suche nach dem Partner fürs Leben – Tom, 36, freiberuflicher Grafiker, auf einer Party kennen.  Er war groß, schlank und dunkelhaarig, mit freundlichen braunen Augen und gewinnendem Lächeln. Tom mochte laut eigener Aussage Kinder und Tiere und schien still, sanftmütig und gelassen zu sein. Beate verknallte sich sofort, denn es war spät am Abend und kein anderer Kandidat in Sicht.

Am nächsten Tag gingen sie zusammen essen. Tom erschien beinahe eine Stunde zu spät zu der Verabredung beim Italiener, in einem Parka aus Restbeständen der Bundeswehr, mit dreckigen Sneakers und fleckiger Hose. Bei Spaghetti und Lambrusco erklärte er Beate freimütig, dass er weder vom Heiraten noch von Beziehungen oder Familie etwas hielte. Nach seinem dritten, in Rekordgeschwindigkeit geleerten Glas Wein flocht er beiläufig ein, dass er momentan mehr trinke, weil seine letzte Freundin ihn verlassen habe, diese verständnislose Zimtzicke. Und dass er sparen müsse und Beate deshalb heute nicht einladen könne, denn er restauriere gerade einen Oldtimer, der eine neue Zylinderkopfdichtung bräuchte. Er sei außerdem öfter mal pleite, weil die Aufträge gelegentlich auf sich warten ließen, er aber freiberuflich bleiben wolle und sich nicht vorstellen könne, sich in eine Firmen-Hierarchie einzufügen.

Weiter gab er zu, dass ihn außer alten Autos nichts interessiere, weder Musik, noch Freunde, weder Filme noch Bücher. Er schien wie ein weißes Blatt, das Beate sich im Stillen vornahm, zu beschriften. Mit einem dicken wasserfesten Eddingstift, nämlich ihren eigenen Vorstellungen.

Tom redete langsam und bedächtig. Beate lauschte ihm scheinbar aufmerksam, und doch hörte sie… nichts, denn alles, was sie dachte war: „Endlich muss ich nicht mehr zu Fuß gehen.“ Im übertragenen Sinne.

Sie interpretierte Toms Desinteresse an allem, was ihn umgab, als Abgeklärtheit, seine Einsilbigkeit als Gelassenheit, und dass er sich am Lambrusco bediente, als wäre er gratis, fand sie nicht so schlimm.

Als sie mir Tom damals vor fünf Jahren vorstellte, war ich erstaunt, denn normalerweise stand sie auf Anzugträger mit einwandfreien Manieren – kultivierte, weltgewandte Männer mit Charme und Bildung, die sich auf jedem Parkett zu bewegen wussten. Tom sah nicht aus, als hätte er überhaupt schon mal ein Parkett von näherem gesehen. Höchstens beim Draufknallen, wenn er betrunken war. Er war das genaue Gegenteil von allen Männern, mit denen ich Beate zuvor gesehen hatte.

„Der ist so cool“ schwärmte sie, als Tom auf der Toilette verschwand. „Tiefgang hat der. Und tierlieb ist er auch. Ich glaube, ich bin verknallt. Endlich mal ein Typ, der nicht so oberflächlich ist wie dieser Versicherungsmakler vom letzten Mal. Und vielleicht hat er Recht, wenn er mir vorwirft, ich hätte zu viele Klamotten. Wahrscheinlich wird es Zeit, dass ich mein Leben umstelle, immerhin werde ich in fünf Jahren 40.“

„Du bist nicht verknallt, du bist verzweifelt“ dachte ich damals, behielt es aber für mich. Es half nicht, Beate dreinzureden. Sie wusste normalerweise sehr genau, was sie wollte. Aber ihr Kinderwunsch war in den letzten Jahren drängend geworden, und scheinbar dachte sie, Tom wäre der richtige Mann, ihr bei deren Produktion behilflich zu sein. Wie sie so dasaß mit leuchtenden Augen, gönnte ich es ihr von Herzen, glücklich zu werden.

Zwei Jahre lang hörte ich von Beate und Tom wenig. Nur gelegentlich rief sie an und klang längst nicht mehr so begeistert wie am Anfang.

„Genau einmal habe ich Blumen zum Geburtstag bekommen“ erzählte sie vor einiger Zeit.  „Da war das Etikett noch dran, denn die waren reduziert. Ich könne mir die zukünftig selbst kaufen, sagte er. Weil ich besser verdiene. Aber ich glaube, das ist eine Ausrede, der ist nur knickerig. Immer muss ich ihn einladen, wenn wir zum Essen gehen. Zu Weihnachten habe ich einen selbst gekritzelten Gutschein für eine Massage gekriegt. Er wird schon noch draufkommen, wie viel Glück er mit einer so geduldigen Frau wie mir hat.“

„Und wie geht es weiter mit euch? Fühlst du dich gut?“ fragte ich.

„Weiß nicht“ murmelte sie. „Ich hätte wohl damals auf meinen Bauch hören sollen. Irgendwie hat der sich von Anfang an geziert, und ich musste ihn förmlich überreden, sich mit mir einzulassen. Stell dir das mal vor! Aber ich weiß mittlerweile nicht mehr, was der überhaupt will. Wenn ich ihn frage, wie es mit uns weitergeht, weicht er mir aus. Er meint dann, es sei doch alles gut so, wie es ist. Aber ich möchte, dass wir mindestens zusammenziehen und die Beziehung auf den nächsten Level heben. Immerhin werden wir beide nicht jünger.“

Das klang nicht so toll, aber Beate ließ sich von Toms Verweigerungshaltung nicht beirren. Sie fand ein bezahlbares Haus zur Miete und plante einen Wohnungswechsel. Tom weigerte sich standhaft. Erst als sie ihm mit Schlussmachen drohte, gab er nach, denn offenbar wollte er die Annehmlichkeiten wie regelmäßige Mahlzeiten und kostenlosen Sex nicht verlieren.

Beate hatte ihre Vision von einem Leben zu zweit, und sie versuchte, sich dieses gewaltsam zusammenzubauen, als wären Hoffnungen und Wünsche bunte Legosteine, die sie nur aneinanderfügen musste, damit aus ihnen ein Wolkenkuckucksheim entstünde.

Sie setzte sich durch. Tom willigte in den Umzug ein – unter der Bedienung, dass er ein eigenes, abschließbares Zimmer bekäme.

Am Tag des Umzuges halfen wir Freunde alle mit. Alle, außer Tom. Der musste nämlich angeblich einem Kumpel bei einer Autopanne Nothilfe leisten und kam erst, reichlich angeschickert, zurück, als wir bereits sämtliche Möbel ins Haus gewuchtet hatten und uns gerade ausruhten. Dann setzte er sich aufs Sofa, grinste verlegen und schlief anschließend ein.

„Ist hart für ihn, dass er seine Wohnung aufgeben muss, da hat er wohl etwas über die Stränge geschlagen“ entschuldigte ihn Beate verlegen. Wir dachten uns unseren Teil und schwiegen. Man sagt nie was, wenn man sieht, wie jemand in sein Verderben rennt. Ist ja nicht unser Verderben. Ein klein wenig schäme ich mich sogar heute noch dafür.

Ich hörte in der Zeit nach dem Einzug in das Häuschen nicht mehr viel von Beate und Tom. Scheinbar hatten sie sich eingerichtet und kamen zurecht. Einmal erschienen sie auf meiner Halloweenparty gemeinsam gegen 20:00 Uhr und gingen sich dann bis ungefähr 3:00 Uhr erfolgreich aus dem Weg. Aber immerhin verließen sie die Party zusammen wieder – sie hatten denselben Heimweg.

Beate war nach Jahren mit Tom immer noch nicht schwanger, geschweige denn verheiratet. Tom trug nach wie vor seinen alten grünen Parka und trank zu viel. Aber wie das so ist mit guten Bekannten, gelegentlich verliert man sich aus den Augen. Und so fiel mir gar nicht auf, dass ich schon länger nichts mehr von Beate und Tom gehört hatte.

Letzte Woche nun bemerkte ich am späten Nachmittag, dass mir für das Abendessen noch ein paar Zutaten fehlten, also machte ich mich auf den Weg zum Supermarkt.

Als ich durch die Gänge irrte, hörte ich, nur durch ein Regal getrennt, die lauten Stimmen von Beate und Tom. „Ich zahl das nicht, basta!“ Das war Tom, und er schien recht aufgebracht zu sein. Von unheilvoller Neugierde getrieben arbeitete ich mich von den Cerealien zu den Hygieneartikeln. Tom schwenkte gerade entrüstet eine Packung Wattestäbchen. Beate tappte stinksauer von einem Fuß auf den anderen und starrte mich entgeistert an.

„Hallo, ihr beiden“ grüßte ich, während ich schon bereute, mich herangeschlichen zu haben. „Der sagt, er will die Wattestäbchen nicht mitbezahlen!“ schimpfte Beate los und funkelte Tom wütend an.

Ich warf einen Blick auf den Einkaufswagen. Darin lagen nur ein 10er-Pack WC-Papier und ein großer Stapel Katzenfutter. Tom und Beate trugen aber jeweils einen Einkaufskorb am Arm. „Das ist mein Zeug!“ Beate deutete auf ihren roten Plastik-Korb. „Da kommen nur Sachen rein, die ich allein verwende.“

„Ja, und das meiner!“ Tom schwenkte den roten Korb an seinem Arm, in dem Rasierschaum, Klingen und ein Männer-Duschgel lagen.

„Und jetzt will Beate Wattestäbchen und Küchenrollen in den Einkaufswagen mit den Sachen legen, die wir gemeinsam kaufen.  Das akzeptiere ich nicht, weil sie so verschwenderisch mit dem Zeug umgeht. Ich brauche zwei Wattestäbchen im Jahr. Das bezahle ich nicht mit.“ Tom schien wirklich entrüstet.

„Ich hoffe, dir bricht mal eins ab und bleibt dir im Ohr stecken, du Depp!“ zischte Beate fuchsteufelswild. Dann wandte sie sich an mich. „Es ist doch die Höhe, dass dieser Geizkragen sich nicht dran beteiligt. Demnächst wird bei uns wohl noch das Klopapier abgezählt?“

Tom grinste verlegen. „Und was ist mit den Küchenrollen?“ fragte ich irritiert.

„Na, jedes Mal, wenn Beate was überläuft am Herd, dann nimmt sie so ein Papiertuch und wischt da drüber!“ nuschelte Tom. „Da kann man einen Lappen benützen. Es ist einfach unerträglich, wie sie mit den Sachen umgeht und das Geld raushaut. Genauso ist es mit den Putzmitteln. Man muss doch nicht einen halben Liter Kloreiniger ins WC schütten. Eine Bürste täte es auch. Sie kann einfach nicht sparen.“

„Und du bist geizig wie die Nacht dunkel. Der hat jetzt sogar eine eigene Kommode“ berichtete Beate. „Stell dir vor, die ist abgeschlossen. Da war seine blöde Schokolade drin, und kürzlich hatte ich Lust auf Süßes und hab mir eine Rippe von seiner Schokolade genommen. Eine Rippe!“ Sie schaute Tom anklagend an.

„Das ist die gute Fair-Trade-Bio-Schoki“ verteidigte sich Tom. „Du kannst dir ja was von dem Billigfraß holen. Aber wenn du zu geizig bist, dir anständigen Süßkram zuzulegen, dann mach nicht mich dafür verantwortlich.“

„Habt ihr beiden denn festgelegt, was gemeinsam bezahlt wird?“ fragte ich vorsichtig und schaute nochmal in den Einkaufswagen, wo einsam Katzenfutter und Klopapier lagen.

„Ja, haben wir“ maulte Beate. „Aber scheinbar will er neu verhandeln, weil ich mehr Klopapier verbrauche als er. Männer benutzen seiner Aussage zufolge nach dem Pinkeln kein Papier, und deshalb zahlt er angeblich immer drauf.“

„Das stimmt doch, oder?“ Tom blinzelte mich beifallheischend an. Endlich ging mir ein Licht auf. Die beiden brauchten einen Schiedsrichter. Und der wollte auf keinen Fall ich sein. „Sorry, ich muss dringend los, brauch noch gefüllte Eichhörnchen fürs Abendessen“ murmelte ich deshalb verlegen und schaute, dass ich wegkam, nachdem ich mich hastig verabschiedet hatte.

Ich mische mich grundsätzlich nicht in Beziehungsangelegenheiten. Da könnte ich auch gleich in einen riesigen Gartenhäcksler hüpfen und darauf warten, dass dieses Ding mich als kleingemahlene Brösel auf den Gehweg spuckt, denn man kann, wenn es um die Streitigkeiten anderer Leute geht, eigentlich nur alles verkehrt machen.

Auf dem Heimweg dachte ich über dieses Treffen nach. Scheinbar lagen die Probleme noch tiefer, als mir Beate bei den letzten Telefonaten gestanden hatte. Am nächsten Tag rief sie mich an.

„Ich habe gestern die Wattestäbchen und die Küchentücher bezahlt“ erzählte sie mürrisch. „Der war eigentlich von Anfang an so geizig, wenn ich darüber nachdenke. Aber jetzt ist es ihm nicht mal mehr peinlich. Das einzige, das er mal kocht, wenn er das Essen selbst kauft, sind Rühreier oder Kartoffeln. Und jedes Mal sieht es hinterher aus in der Küche wie im Libanon. Ich muss aber alles saubermachen, weil der keinen Finger rührt.“

Im Grunde genommen signalisiert Tom Beate durch jede Pore, dass er nicht mit ihr leben möchte. Er verkriecht sich oft tagelang in seinem Zimmer, wo Beate, wenn sie vorbeiläuft, nur den Fernseher vernimmt oder Tom im Flüsterton telefonieren hört. Auf gut Deutsch: Er separiert sich, so gut er kann, denn er wurde genötigt und lebt jetzt etwas, das er nicht möchte. Das lässt er Beate deutlich spüren.

Die Weigerung, sich an minimalen Ausgaben für den täglichen Bedarf zu beteiligen, darf umdefiniert werden in eine Weigerung, ein Leben zu zweit, wie Beate es sich vorstellt, zu führen.

Genaugenommen hat sie nichts erreicht, außer dass sie in dem neuen Haus eine größere Fläche putzt als vorher in ihrer kleinen Wohnung, denn Tom sieht nicht ein, dass er einen Finger in diesem Haushalt rührt, den er eigentlich gar nicht wollte. Ihm hätte seine düstere Bude mit Blick auf den Hinterhof weiterhin genügt. Erholen konnte er sich ja immer in Beates blitzsauberem Appartement.

All das – den Geiz, die Lethargie, diese völlige Verweigerung von allem, was Beate wichtig wäre, registrierte sie damals beim Kennenlernen nicht.

Sie sah nur einen schlanken, intelligenten Mann in ihrem Alter und dachte sich: „Wenn wir erst mal zusammen sind, wird der seine Einstellungen schon ändern.“ In verständliches Deutsch übersetzt bedeutete das: „Ich brauche einen Mann, dringend, sofort, und dann nehme ich eben, was ich kriege und biege mir das zurecht.“ Basta.

Bestünden Männer aus Knetmasse, hätten wir Frauen es einfacher. Aber sie sind eigenständige Persönlichkeiten, die sich nicht verformen und schon gar nicht brechen lassen. Ab einem gewissen Alter ist die Persönlichkeitsentwicklung abgeschlossen, und Sie müssen das ganze Paket nehmen, mit allem, das drin ist, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Darum sollten Sie genau hinsehen, worauf Sie sich einlassen. Manche Wundertüte enthält eben kein Feuerwerk, sondern nur ein paar abgebrannte Zündhölzer. Selbst schuld, wenn Sie nicht vorher nachsehen. Und man kann auch nicht behaupten, dass Tom Beate getäuscht hätte. Schon beim ersten Treffen machte er unmissverständlich klar, was ihm wichtig war: nichts außer seinen Oldtimern. Sie hat nur nicht zugehört.

Beate wollte damals nicht nachdenken. Sie war zu optimistisch, sie war zu hungrig nach Zuwendung, und sie war zu einsam.

Ihr ging kein Licht auf nach den ersten 10 Dates, bei denen sie nicht nur ihr eigenes Essen bezahlte, sondern Tom sogar einladen musste, weil er in seinem Geldbeutel herumkramte, als suche er auf dem Grund des Münzfaches nach der versunkenen Stadt Atlantis. Ihr ging kein Licht auf, als er immer wieder Verabredungen absagte, weil ein Ersatzteil für seinen Oldtimer eingetroffen war, das er einbauen musste. Beate wollte einen Mann, sie wollte ihn bald, und Tom war da und schien keinen sonderlich ausgeprägten Fluchtinstinkt zu haben. Das genügte ihr.

Neulich musste Beate zum Arzt. Ihr eigener Wagen war in der Werkstatt, also bat sie Tom darum, sie hinzubringen. Er verlangte 10 Euro fürs Benzin. Ist wirklich wahr.

Viel mehr kann man sich nicht abgrenzen.

Beate ist auch nach der „Wattestäbchen-Affäre“ weiterhin mit Tom zusammen, obwohl sie durchaus erkennt, dass ihre Beziehung gescheitert ist. Aber sobald sie diese Tatsache anerkennt, müsste sie die Konsequenzen ziehen und sich von ihm trennen.

„Wir sind jetzt fünf Jahre zusammen, es kann nicht sein, dass ich diese Zeit umsonst investiert habe!“ erklärte sie mir am Telefon grimmig. „Es gibt schlimmere Kerle als ihn. Wenigstens geht er nicht fremd.“

So kann es gehen, wenn Verzweiflung auf Gleichgültigkeit trifft. Tom, der eigentlich auch ohne Beziehung gut zurechtkam – er war ohnehin viel zu lethargisch, um sich selbst eine Frau zu suchen – ließ sich „einfangen“ von Beate, die lediglich nicht mehr allein sein wollte.

Für Tom ist Heiraten eine überholte Institution. Das würde ich an seiner Stelle auch behaupten, denn wenn er Beate ehelicht und mit ihr Kinder bekommt, bleibt für die Schrauberei an seinen alten Schrottkisten weniger Zeit oder Geld als vorher, und Ersatzteile kann er sich vielleicht auch nicht mehr leisten. Das scheint seine größte Sorge zu sein.

„Manchmal denke ich mir, er hat sich schon heimlich einer Vasektomie unterzogen“ klagte Beate am Telefon ihr Leid. „Es kann doch nicht sein, dass ich ums Verrecken nicht schwanger werde, obwohl ich es mir so wünsche.“

Merken Sie was? Beide Teile dieses Paares tun eigentlich, was sie wollen. Sie täuschen eine Partnerschaft lediglich vor, und das nicht mal besonders gut. Das kann nur in einer Katastrophe enden. Nur weil man sich innerhalb derselben vier Wände bewegt, dieselbe Toilette benützt, gelegentlich gemeinsam kocht oder isst, bedeutet das nicht, dass man eine Beziehung führt. Die beiden haben eine Wohngemeinschaft mit gelegentlichem Geschlechtsverkehr in den wenigen Momenten, in denen sie sich nicht gerade um Wattestäbchen oder Küchennutzung streiten.

Etwas Traurigeres kann ich mir nicht vorstellen.

„Manchmal laufen wir morgens aneinander vorbei und murmeln nur hallo“, erzählte Beate. „Als wären wir Gäste in einer Pension. Da ist nichts Herzliches oder Liebevolles mehr. Wenn ich nur verstehen könnte, warum er so reserviert ist.“

Die Masken sind also gefallen. Trotzdem ist die Möglichkeit groß, dass beide dieses traurige Spiel weiterspielen. Tom wäre schön dumm, Beate zu verlassen, denn sie hält das Haus sauber, versorgt seine Katzen, wenn er wieder mal eine Sauftour mit seinen Kumpels macht und kocht gut. Mit Lebensmitteln, die sie bezahlt.

Seit dem Vorfall im Supermarkt haben die beiden getrennt angelegte Vorräte, über die strengstens Buch geführt wird.

All das artet aus zu einem Partisanenkrieg, bei dem es nur noch darum geht, wer dem anderen zuerst eine Handgranate vor die Beine wirft, um ihn ins Straucheln zu bringen, damit er schadenfroh lachen kann. „Wenn du mich schon nicht liebst, dann möchte ich, dass du leidest.“

Da quälen sich zwei vernunftbegabte Wesen täglich aneinander vorbei, die eigentlich Freunde sein und zusammen eine Menge Spaß haben könnten, wären sie nicht durch irrationale Vorstellungen und lethargische Nachgiebigkeit aneinander gekettet wie Galeerensklaven.

Ich als Frau verstehe Beates Sehnsüchte. Mit Ende 30 will man nicht mehr konsequenzlos vor sich hinleben, sondern Verbindlichkeiten generieren. Man möchte einen Partner, der sich erklärt und sagt: „Zu dieser Frau gehöre ich, mit ihr möchte ich mein Leben gemeinsam meistern.“

Aber gleich, was Beate anstellt: Tom gleicht diesbezüglich einem Ei. Je länger sie es kocht, um so härter wird es. Sie wird weiterhin warten und hoffen, bohren, nörgeln und quengeln. Denn sie hat ja laut eigener Aussage „Zeit investiert“. Als würde diese einem nicht durch die Finger rinnen wie giftiger Sand, als wäre Zeit eine messbare Größe, wie ein Stapel Goldbarren, etwas, das sich nicht sofort verflüchtigt, nachdem man es gelebt hat.

Eine Beziehung ist keine Spardose, wie zum Beispiel ein kleines Schweinchen, das man in einer Notlage mit dem Hammer zerdeppert, um dann herauszuholen, was man vorher reingeworfen hat. Eine Beziehung ist, was beide Partner daraus machen, wenn es denn beide wollen.

Genau darum sollte man aufmerksam zuhören, wenn man jemanden kennenlernt. Gesetzt den Fall, man wird nicht angelogen (auch solche Männer gibt es leider), lassen sich schon aus den ersten Unterhaltungen Rückschlüsse ziehen, ob es sich bei unserem Objekt der Begierde um einen potenziellen Kandidaten für ein Leben zu zweit handelt, oder nur um eine Feuerfliege, die nach einer gemeinsamen Nacht verglüht.

Zu glauben, man könne einen Menschen von etwas überzeugen, das er vom ersten Moment an kategorisch ablehnt, ist eine Lüge gegenüber sich selbst. Druck erzeugt Gegendruck. Je mehr Beate will, umso mehr verweigert sich Tom. Sie führen ihre kleinlichen Scharmützel um Küchenrollen und Wattestäbchen vertretungsweise für ihre diametral verlaufenden Lebensvorstellungen. Es geht nicht um Küchenkrepp oder Kleingeld – es geht um alles, denn die Zeit, dieser flüchtige Stoff, mit dem wir nur begrenzt ausgestattet sind, verfliegt in rasendem Tempo, je älter wir werden.

Beate und Tom – diese beiden tragischen Figuren – werden nur noch vom Kleber der zusammen verbrachten gemeinsamen Jahre zusammengehalten, der mittlerweile an vielen Stellen bröckelt.

Und darum, wenn Ihnen das Leben eine dieser „Wundertüten“ präsentiert, in Form eines Mannes, der Sie gewinnend anlächelt, wenn ihr Herz Purzelbäume schlägt und die Schmetterlinge in Ihrem Magen wilde Flugmanöver veranstalten – bleiben Sie vorsichtig.

Manche Überraschungen sind nämlich böse und unserer seelischen Gesundheit abträglich. Es ist immer besser, rational zu sondieren, worauf man sich einlässt. Halten Sie nicht an sinnlosen Gegebenheiten fest, machen Sie sich frei davon, dass jeder, der Ihnen schöne Worte ins Ohr flüstert, mit Ihren eigenen Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben konform gehen müsste.

Das Leben ist eine fiese Lotterie mit wesentlich mehr Nieten als dem sehnsüchtig erwarteten Hauptgewinn. Manchmal darf man nur zwischen einer neuen Zahnbürste oder einem Schokoriegel wählen. Nehmen Sie ruhig, was das Schicksal Ihnen bietet, aber versuchen Sie nicht, den Trostpreis zum Hauptgewinn umzudefinieren.

Belügen Sie sich nicht selbst. Sie müssten sich die Wahrheit wert sein. Betrachten Sie mit dem falschen Partner verschwendete Zeit nicht als fehlgeschlagene Investition, sondern als das, was sie ist: ein Irrtum, dem Sie erlegen sind. Fehler machen wir alle. Wir sollten nur darauf bedacht sein, sie nicht zu wiederholen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und eine schöne Zeit.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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„Und dann hat die Caro immer Kerzen angezündet und langsame Musik aufgelegt. Da wusste ich, es war wieder Zeit für Sex. Wir haben nur einmal im Jahr miteinander geschlafen, und wenn sie die Kerzen aufstellte, war es das Zeichen.“ Langer trauriger Seufzer. Es ist knapp 30 Jahre her, dass mir ein gutaussehender junger Mann mit blitzenden Augen und lockigem Haar diese Geschichte in einer Cocktailbar in Bad Wörishofen erzählte, nachdem wir uns gerade erst kennengelernt hatten. Wir saßen seit ungefähr einer Stunde an der Theke und schlürften genussvoll einen „Karibischen Traum“. Allerdings hatte ich innerhalb dieser 60 Minuten nichts anderes von meiner neuen Bekanntschaft erfahren als „alles über Caro“, die unbekannte Ex des Mannes.

Sie hatte ihn nach über 7 Jahren verlassen, und er schien darüber tief betrübt. Scheinbar jedoch nicht betrübt genug, denn den gesamten Abend über baggerte er mich hartnäckig an. Vielleicht sah ich auch nur aus, als könnte ich gut zuhören.

Und genau darum zahlte ich, verweigerte ihm meine Telefonnummer und machte mich erleichtert aus dem Staub.

Damals – im analogen Zeitalter vor Google, Instagram oder Facebook – hatten wir einen geflügelten, wenn auch gemeinen Spruch: „Hier hast du 20 Pfennig, erzähl‘ das einer Parkuhr.“

Sie denken, das sei herzlos? Sicher nicht. Denn meine neue Bekanntschaft war auf der Suche nach einer „Placebo“-Frau, die ihm helfen würde, seine vorherige Beziehung zu verarbeiten. Wer auch immer sich darauf einließ, würde mächtig draufzahlen. Denn eine Placebo-Frau ist nur etwas für den Übergang, eine Art Mülleimer auf zwei Beinen, die, nachdem sie ausgedient hat, zusammen mit der Bio-Tonne rausgestellt wird.

Gelegentlich gehen solche Bekanntschaften gut aus, jedoch beileibe nicht immer.

Ich bin heute noch sicher, damals das Richtige getan zu haben, und die Erfahrungen in meinem breiten Umfeld bestätigten mir das über die Jahrzehnte immer wieder.

„Der Rainer bringt seine schmutzige Wäsche immer noch zu seiner Ex, als wäre ich zu blöd zum Waschen“ klagte Lena, eine Bekannte von mir, vor einiger Zeit am Telefon. „Jetzt sind wir schon 6 Monate zusammen, und tagein, tagaus höre ich nix anderes als ‚Uschi hier, Uschi da‘. Das geht mir tierisch auf die Nerven.“

Abgesehen davon, dass manche Frau froh wäre, wenn es jemanden gäbe, dem man die Schmutzwäsche bringen könnte, verstand ich Lena recht gut.

Sie war, als sie ihren Rainer kennenlernte, seit 2 Jahren Single, aber sicher nicht aus Mangel an Gelegenheit. Ihre vorige Beziehung hatte in einer schmerzhaften Trennung geendet, und sie musste sich erst einmal davon erholen, wie sie sagte.

Rainer war ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – 10 Minuten nach seiner Scheidung vor dem Eingang des Amtsgerichts über die Füße gestolpert und hatte sie angerempelt. Und weil Lena ein Herz für alle Gestrauchelten hat, lud sie ihn auf einen Kaffee ein, aus dem mittlerweile ein halbes Jahr in ihrer Wohnung wurde. Rainer ist so alt wie Lena, hat einen guten Job und seit neuestem eben auch eine Exfrau. Das reibt er Lena jeden Tag unter die hübsche Nase, damit sie nicht in Versuchung kommt, es zu vergessen.

„Der beschreibt mir sogar im Bett, was seine Ex gerne mochte. Diese Tussi sitzt quasi auf der Bettkante“ jammerte Laura weiter.

„Er hat keine Ahnung, wie sehr mir das auf den Wecker geht. Ich kann nicht mal mehr mit ihm schlafen, ohne dass ich an sie denke und mich beobachtet fühle oder Kopfkino habe, weil er ständig detailliert beschreibt, auf was sie stand. Manchmal komme ich mir vor wie ein Abziehbild von ihr. Ein paar Mal hat er mich sogar schon mit ihrem Namen angesprochen. Da weiß man nicht mehr, wie man reagieren soll.“

Nun, Lena, ich würde Rainer darauf hinweisen und es mir verbitten. Ich würde ihn fragen, ob er sich überhaupt so weit gefestigt fühlt, mit einer völlig anderen Frau eine neue Beziehung zu führen, oder ob er einfach nur da weitermachen möchte, wo er aufgehört hat?

Lena, eine taffe Frau mit einer Menge Herz und Verstand, hat eben diesen beim Kennenlernen komplett ausgeschaltet, denn sie müsste aus eigener Erfahrung gelernt haben, dass man nicht von einer Beziehung in die nächste taumeln sollte, weil die Möglichkeit riskanter Fettnäpfchen, die sich einem in solch einem Falle anbieten, unterschätzt wird. Trotzdem hat sie es mit Rainer riskiert und ist dabei auf die Nase gefallen.

Mittlerweile ist sie hauptsächlich mit Zuhören beschäftigt, denn ihre gemeinsam verbrachte Zeit ist durchwoben mit feinen, äußerst haltbaren Fäden, die aus Rainers Vergangenheit mit Uschi bestehen und kontinuierlich in ihr tägliches Leben eingeflochten werden, ohne Aussicht auf Besserung.

Lena ist kein Einzelfall. Leider.

Wie kommen Männer eigentlich auf die Idee, dass wir nichts lieber hören als Geschichten über die Ex? Wie kommen sie darauf, dass wir begierig sind, zu erfahren, was sie gern aß oder trank, was sie mochte und was nicht? Klar sind wir Frauen sehr interessiert an zwischenmenschlichen Geschichten, das liegt in unserer Natur. Jedoch müssen wir spätestens dann das mitfühlende Zuhören beenden, wenn es unser eigenes Wohlbefinden empfindlich stört.

Diese fiktive Ex, der viele Frauen im Laufe ihres Lebens begegnen (manche sogar mehrmals) sind wie Lieder auf unserer Playlist in Dauerschleife. Und zwar so lange, bis unser neuer Lebensgefährte die Melodie selbst nicht mehr hören möchte. Das kann dauern, darum machen Sie sich auf einiges gefasst.

Sie liegen gerade mit Ihrer neuen Liebe am Strand, weil Sie sich einen gemeinsamen Urlaub gegönnt haben. Zwar ist die Bekanntschaft noch frisch, aber wo findet man schneller heraus, ob man zusammenpasst, als während 14 Tagen all inklusive am Ballermann? Die Möwen krächzen heiser, das sanfte Rauschen der Wellen wiegt Sie in einen angenehm trägen Zustand, als eine Stimme Ihre Tagträume unterbricht: „He, du hast da eine rote Stelle am Brustbein. Uschi hat immer Lichtschutzfaktor 5000 genommen. Die verstand was davon, denn sie hat in einer Apotheke gearbeitet. Und Fleisch mochte die gar nicht, die war so was von krass vegetarisch drauf, mit der hätte ich nie ein Steakhouse gehen können wie gestern mit dir. Weil die so tierlieb war, hat die gar nix gegessen, das Augen hatte. Du isst ja alles. Und die ganze Zeit wollte sie alte Kirchen besichtigen. War gelegentlich echt stressig. Ich bin froh, dass du so locker drauf bist.“

Schwupps sitzt Uschi quasi im Liegestuhl nebenan und cremt sich mit Lichtschutzfaktor 5000 ein, während sie uns hämisch angrinst. Selbstverständlich sieht sie rattenscharf aus und wiegt mindestens 10 Kilo weniger als wir. Das ist bei Uschis in unserer Vorstellung immer so.

„Ich bin froh, dass du so locker drauf bist“ ist in diesem Fall ein ziemlich halbgares Kompliment, in etwas Wehmut gewickelt, gespickt mit subtilen Vorwürfen und der Mahnung, Sie könnten vielleicht auch ein klitzekleines bisschen vegetarischer oder spiritueller sein. Und eingecremter.

Schon sitzen Sie da und überlegen, ob Sie mit dem Neuen doch mal eine Kirche oder eine Synagoge besichtigen sollten, oder eventuell sogar einen „Veggie-Day“ einlegen. Damit er nicht denkt, Sie wären bildungsfern, eine Heidin oder desinteressiert an Tierleid. Im schlimmsten Fall sind Sie „schlechter“ als Uschi, was Sie auf keinen Fall sein möchten. Zack, sitzen Sie in der Falle.

Irgendwann weiß man von der ominösen Uschi so ziemlich alles, angefangen vom Umgang mit Geld („Uschi hätte nie ein Kleid für 400 Euro gekauft, so wie du neulich, die war irre sparsam“) über ihren Fernsehgeschmack („Uschi mochte nur Komödien und hat immer gesagt, sie lehnt explizit dargestellte Gewalt ab“) bis hin zu ihrer Krankheitsgeschichte („Die konnte ohne Benzodiazepine nicht mal über die Straße gehen, du solltest mal deinen Hausarzt danach fragen, weil du doch auch immer so nervös bist. Das Zeug ist der Hammer.“)

Für Sie bedeuten diese Sätze: „Huch, ich sollte weniger Geld ausgeben, über meine Vorliebe für Horror-Filme nachdenken und Baldrian schlucken.“ Klar. Man will ja auf keinen Fall nervöser sein als Uschi, oder?

Sie sind nicht Uschi. Nur für den Fall, dass Sie es vergessen haben sollten. Irgendwann ist man aufgrund der täglichen Dauerberieselung mürbe geworden, weil die unerreichbare Traumgestalt, seine Ex, einen zementierten Platz in unserem Alltag eingenommen hat.

Sagen Sie es also Ihrem Neuen. Möglichst täglich. In Dauerschleife. Männer kapieren recht langsam, also haben Sie Geduld. Es ist außerdem gut möglich, dass Uschi weder so schlank noch so klug oder vorausschauend war, wie Ihr Neuer ständig behauptet. Die Vergangenheit verklärt vieles, und kein Mann wird gerne zugeben, dass er die letzten Jahre mit einer dauernörgelnden Xanthippe verbracht hat, die sein Geld zum Fenster rauswarf, als wären es Staubflusen. Gestünde er das ein, dann wüssten Sie ja, dass Sie im Gegensatz zu seiner Uschi eine enorme Verbesserung in seinem Leben sind.

Wir erfahren im schlimmsten Fall weiterhin täglich, ob wir wollen oder nicht, über Uschi Dinge, die wir nie wissen wollten, nur merkt das der Neue nicht, denn der ist noch vollauf damit beschäftigt, seine vorherige Beziehung zu verarbeiten, und zwar mit uns, meine Damen.

Das kommt davon, dass wir beim Kennenlernen nicht aufgepasst haben. Zwar fanden wir, unsere neue Liebe hätte wahnsinnigen Tiefgang, weil er mit traurigen Augen tiefschürfende Dinge von sich gab wie zum Beispiel: „Das Leben ist manchmal saumäßig hart“, aber wie hätten wir ahnen können, dass jemand, den die Ex vor kurzem rausgeschmissen hatte, nicht schon vollständig mit allem abgeschlossen hat? Na? Dämmert’s?

Exfreundinnen sind ständig präsent, wenn wir einen Mann erwischen, der immer noch in der vorherigen Beziehung wie in einer Zeitschleife festhängt und das Murmeltier täglich wehmütig grüßt.

Exfreundinnen sitzen mit uns auf der Couch, wenn wir fernsehen, stehen am Herd, wenn wir kochen („Tust du da keinen Chili rein? Ich fand das immer so lecker, wenn Uschi das gemacht hat“).

Sie beeinflussen unsere Kleiderwahl („Uschi hatte so eine schlanke Taille, sie konnte super Tellerröcke tragen, ich finde die voll weiblich, hast du überhaupt einen?“). Uschis greifen in jeden unserer privaten Bereiche ein. Sie sind jetzt Teil unserer neuen Beziehung. Herzlichen Glückwunsch!

Besonders strapaziös sind Fälle, in denen die Uschis zu unseren Lebensgefährten noch gute Kontakte pflegen und sich mit ihm regelmäßig zum Kaffee/Essen/Kneipenbummel treffen. Es gibt nämlich Damen, die haben mit dem Loslassen so ihre Probleme. Sprich: Sie wollen ihn nicht mehr, trotzdem soll ihn auch keine andere haben.

Das ist, als ob man ein Grundstück verlottern lässt und es verschenkt, aber nicht möchte, dass jemand anderer sich dort ein Häuschen baut. Solche Uschis existieren öfter, als Sie glauben. Die rufen an, schreiben SMS oder Whats-App-Nachrichten, melden sich über Facebook und schrecken sogar vor analogen Fossilien wie Postkarten nicht zurück, um mit ihrem Ehemaligen irgendwie in Verbindung zu bleiben. Jede Hämorrhoide ist einfacher zu behandeln.

Vielleicht werden die Uschis einfach nicht gern vergessen. Wer möchte das schon. Im Gedächtnis unseres neuen Lebensgefährten haben die sich jedenfalls bombenfest verankert. Die sind mental gedübelt, die kriegen Sie da so schnell nicht raus.

Warum auch? Die Ex ist ein Teil des Lebens Ihres neuen Partners. Selbstverständlich gab es schon Frauen vor Ihnen, es sei denn, Sie hätten eine männliche Jungfrau erwischt. Das ist zu respektieren und zu akzeptieren. Auch wir selbst schleppen unsere Altlasten, unsere Vorbehalte und miesen Erfahrungen mit uns herum. Es kommt nur immer darauf an, wie man damit umgeht.

„Mit der Uschi und mir läuft sexuell gar nix mehr, Ute. Kannst du schon glauben. Wir waren immerhin 10 Jahre zusammen. Da hat man noch einiges zu reden miteinander. Und ich bin ein freier Mensch, oder? Du kannst nix dagegen haben, dass wir mal einen Kaffee miteinander trinken und über alte Zeiten quatschen.“

Viel Vergnügen beim Souverän-Sein, beim Locker-Bleiben, beim „So-tun-als-macht-mir-das-nichts-aus“. Denken Sie daran: Vom Knirschen lockern sich die Zahnwurzeln. Also besorgen Sie sich rechtzeitig eine Beißschiene.

Einige Uschis rufen ihre Exfreunde mitten in der Nacht an, weil die Batterien ihrer Taschenlampe gewechselt werden müssen. Und während Sie noch fassungslos über diese Dreistigkeit im Bett sitzen, ist der Neue schon in seine Jeans geschlüpft und auf dem Weg, denn Uschi ist komplett hilflos ohne ihn. Bei der Gelegenheit kann er auch gleich noch die Biotonne auf die Straße stellen, weil morgen die Müllabfuhr kommt. Hat er immerhin 10 Jahre lang gemacht.

Ja. Unser Neuer hat das alles wirklich voll verarbeitet. Merken Sie selbst, oder?

Wie Sie reagieren, bleibt Ihnen überlassen. Wobei die Gefahr bei immer noch anrufenden Uschis relativ groß für Sie ist, demnächst selbst zu einer „Uschi“ zu werden. Denn es wäre möglich, dass sich die alte Uschi fürs Mülltonne-Rausstellen mit einem Akt der Nächstenliebe bedanken möchte. Es wäre möglich, dass momentan bei ihr kein Mann in Sicht ist, und jetzt, wo Sie den Neuen klasse finden, ist er auch für Uschi wieder interessant geworden. Ehe Sie sich versehen, sind Sie die Ex. So schnell kann das gehen. Darum sollte man mit Dingen wie Souveränität oder Toleranz in solch einem Falle etwas sparsam umgehen.

Wenn Sie von Anfang an beteuert haben, dass Sie „das alles“ vollkommen verstehen und akzeptieren“, haben Sie nun mal schlechte Karten. Denn Ihr Verständnis setzt eben unausgesprochen auch voraus, dass der Neue sich weiterhin um seine Uschi kümmert. Man ist ja gelassen. Und kein bisschen eifersüchtig. Ach, trinken Sie doch einfach ein Glas Wodka. Oder lassen Sie sich endlich diese Beruhigungsmittel verschreiben. Seiner Ex haben die auch gutgetan. Die braucht jetzt übrigens keine mehr.

Uschis, die nicht loslassen können, sind die eine Seite der Medaille. Aber es gibt noch die andere Sorte: Exfreundinnen/Frauen, über die der Neue schon beim Kennenlernen so richtig vom Leder zieht. An denen er kein gutes Haar lässt, so dass Sie denken: „Das müssen wirklich üble Weibsbilder gewesen sein“ und sofort an den Film „Der Club der Teufelinnen“ mit Roseanne und Goldie Hawn denken müssen.

  • „Uschi war rasend eifersüchtig, die hat mein Handy kontrolliert und mir nachspioniert. Total verrückt, diese Frau, die bräuchte mal eine Therapie.“

Ja. Möglich. Oder sie hat schlechte Erfahrungen gemacht mit dem König der Lügen, der Ihnen gerade gegenübersitzt und dachte sich: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.“ Oft existiert ein realer Grund für tiefschürfendes Misstrauen, auch wenn der Mann ums Verrecken nicht begreifen will, dass sein hemmungsloses Fremdknutschen auf dem letzten Faschingsball sehr wohl ein Grund für Misstrauen sein könnte. Er hat doch gar nix gemacht?

  • „Uschi hat in den letzten zwei Jahren keinen Finger mehr in der Küche gerührt und was für uns gekocht. Hat immer gesagt, ich soll zum Essen gehen. Stinkfaul war die.“

Ja. Möglich. Oder er hat seinerzeit so oft an Uschi herumgenörgelt, dass ihr irgendwann die Hutschnur geplatzt ist und sie ihm die Bratpfanne an den Kopf geschmissen hat und das Nudelholz gleich hinterher. Denn die Narbe an seiner Schläfe kommt nicht vom Holzfällen in Alaska. Er will nur, dass Sie das glauben, doch in Wirklichkeit ist es eine Beziehungs-Fleischwunde. Kann man rauspolieren. Mit einer Käsereibe – falls Sie sauer sind…

  • „In unserer Wohnung hat es ausgesehen wie bei Luis Trenker im Rucksack. Das glaubst du nicht, wie schlampig die war. Nie hat die aufgeräumt. Eine richtige Messie-Frau war das.“

Ja. Möglich. Oder er selbst war die Faulheit in Person, und Uschi hatte eines Tages die Nase voll davon, ehrenamtlich und unbezahlt verschimmelte Badetücher einzusammeln und die Toilette zu schrubben. Frau will nämlich auch noch was vom Leben haben außer vom Wischwasser aufgequollene Fingerkuppen.

  • „Wir haben so gut wie gar nicht mehr miteinander geschlafen. Immer war die müde oder hatte Kopfweh.“

Ja. Möglich. Vielleicht war Uschi aber auch der Werbeblock zwischen zwei Fußball-Übertragungen einfach zu kurz, als dass sie hätte anständig in Fahrt kommen können. Und wenn mal kein Fußball lief, musste er mit seinen Kumpels feiern gehen. Da darf man schon die Lust verlieren und den Laden dichtmachen.

  • „Mit der konnte man nie was unternehmen. Immer war die erschöpft und schlecht drauf. Alles musste ich allein machen.“

Ja. Möglich. Oder Uschi hatte eine Vollzeitstelle + einen Nebenjob, um die Heizölrechnung zu bezahlen, weil „irgendwas mit Medien“ – der Job unseres Neuen – sich als Rohrkrepierer mit staatlicher Aufstockung entpuppte und Uschi einfach nicht gerne friert. Kein Wunder, dass die erledigt war. Und ob Uschi vielleicht keine Lust auf Freizeitgestaltung à la: „Jede versiffte Pilsbar sieht nach dem 14. Korn gut aus“ hatte, entzieht sich unserer Kenntnis. Denn wir hören immer nur eine Variante. Seine.

  • „Uschi war so eine militante Emanze, die hat einen förmlich kastriert. Mit der konnte man gar nicht mehr reden. Hat immer auf Gleichberechtigung gepocht. Das war, als würde Alice Schwarzer bei uns am Tisch sitzen und sie aufhetzen.“

Ja. Möglich. Oder Uschi hat lediglich darauf bestanden, dass Hausarbeit zu gleichen Teilen erledigt wird, seine schmutzstarrenden Socken nicht mehr in den Wäschepuff geschmissen und verlangt, dass er sich an den Ausgaben beteiligt. So eine Zumutung. Wieder kennen Sie nur eine Seite. Ihnen werden spätestens dann die Augen aufgehen, wenn seine dreckigen Jeans zukünftig von allein in die Waschküche wanken und er lediglich den Kühlschrank leerfrisst, aber nie etwas zum Lebensunterhalt beisteuert.

Meine Erfahrung nach all den Jahrzehnten voller Berichten frustrierter Frauen ist, dass Uschis in den wenigsten Fällen so gemein und böse sind wie behauptet. Sollten Sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen Ihres Neuen haben, empfehle ich Ihnen, obwohl es Ihnen mit Sicherheit schwerfällt, den Kontakt zur Ex zu suchen.

Meiner Nachbarin Petra erging es so ähnlich. Sie hörte über ein Jahr lang nur Horrorgeschichten über die Verflossene ihres neuen Lebensgefährten. Die hatte die Wohnung komplett vermüllen lassen, ihn kaltschnäuzig betrogen, herzlos verlassen, ihm zuvor noch den letzten Cent aus der Tasche gezogen, ihn sexuell auf das Trockendock geschickt und außerdem gemein beschimpft.

Wollte man seinen Worten Glauben schenken, war diese Frau eine Mischung aus Imelda Marcos, Lucrezia Borgia und Katharina der Großen gewesen. Immer, wenn ihre neue Liebe von seiner früheren Beziehung erzählte, konnte Petra die traurigen Geschichten gar nicht fassen und bedauerte den armen Mann, bis sie sich endlich einmal ein Herz fasste, die ominöse „bitterböse“ Dame anrief und sich mit ihr verabredete.

Völlig überrascht war Petra, als ihr, während sie mit klopfendem Herzen vor der Wohnung der Ex stand, eine liebenswerte, hübsche und humorvolle Mitt-Dreißigerin die Tür öffnete und sie sofort auf eine Tasse Kaffee in eine sauber aufgeräumte Küche einlud.

Als Petra sich mit der „Inkarnation des Bösen“ eine Weile unterhalten hatte, waren sämtliche Irrtümer ausgeräumt.

Denn diese Uschi hatte niemandem den letzten Cent aus der Tasche gezogen, sondern sich lediglich geweigert, ihr gesamtes Erspartes in eine riskante Anleihe zu investieren. In der Beziehung war auch nicht die Ex schlampig gewesen. Der den Boden bedeckende Wust aus getragener Kleidung, offenen Chipstüten, vollgeschnäuzten Küchentüchern und zerfledderten Comics hatte damals allein dem männlichen Teil dieser Wohngemeinschaft gehört. Und war beim Auszug liegengeblieben.

Diese Frau hatte niemanden betrogen, sondern nach Jahren voller halbgarer Kompromisse ermattet einen Schluss-Strich gezogen, die Beziehung beendet und etwas später einen anderen Mann kennengelernt.

„Das einzige, das diese Uschi zugeben musste, war die Sache mit dem Schimpfen“ berichtete mir Petra später grinsend. „Sie hat ihn alles Mögliche genannt, doch wie ich im Nachhinein zugeben muss, völlig zu Recht. Er hat auch mich angelogen, dass sich die Balken biegen. Und als ich ihn damit konfrontiert habe, dass ich mit seiner Ex Kontakt habe, zog es ihm förmlich den Boden unter den Füßen weg.“

Petras Beziehung endete kurz darauf, denn sie ist die Sorte Frau, die es nicht erträgt, wenn sie so dreist belogen wird. Immerhin hat sie eine neue gute Freundin hinzugewonnen, 85 überflüssige Kilos verloren und ihre Seelenruhe wiedergefunden. Das ist ja auch schon was.

Wenn Ihnen, wie einigen meiner weiblichen Bekannten, einmal ein armer Gestrandeter vor die Füße taumelt, sollten Sie genau hinhören, was er Ihnen anvertraut, wie oft, und in welchem Ton.

Bitte bedenken Sie: Wer von Anfang an schlecht über seine Ex (Ex-Frau oder Ex-Freundin) redet, der wird vielleicht eines Tages über Sie so sprechen. Dann sind Sie die Böse, das Biest, die Hexe.

Wer andererseits die Ehemalige in den Himmel hebt, bei dem werden Sie es ebenfalls nicht leicht haben. Denn die von einem Heiligenschein umgebene Vorgängerin wird Ihnen sekündlich als leuchtendes Beispiel vor Augen gehalten werden gleich einer Karotte an einer Schnur, mit der Esel zum Vorwärtslaufen motiviert werden sollen. Natürlich können Sie sämtliche Vorbehalte unter den Tisch fallen lassen und sich Hals über Kopf in eine Beziehung mit einem Mann stürzen, der soeben erst eine Partnerschaft hinter sich gelassen hat und sichtbar daran krankt.

Die tagtäglich aufgewärmten Geschichten von seiner Ehemaligen werden irgendwann aufhören. Das kann in einem Vierteljahr der Fall sein oder in zwei Jahren. Sie werden Geduld, Toleranz und jede Menge Souveränität aufbringen müssen.

Als probates Gegenmittel haben sich Schwärmereien über unsere eigenen männlichen Verflossenen bestens bewährt. Jede von uns hat doch mindestens einen aufzubieten. Manchmal muss man von der eigenen Medizin kosten, um geheilt zu werden. Und wenn der Neue tagtäglich nur Geschichten von „Heiner, dem Herrlichen“ („Der Heiner konnte zwei volle Mülltonnen auf einmal tragen, mit verbundenen Augen eine Kurbelwelle ausbauen, war schon 13mal Telefonjoker beim Fernseh-Quiz, hat gekocht wie Jamie Oliver und war und der beste Liebhaber von allen!“) hört, merkt er vielleicht, wie sich das anfühlt.

Das liegt ganz allein bei Ihnen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der richtigen Auswahl Ihrer Mittel.

Beruhigungstabletten sollten es übrigens nicht sein. Sie schaffen das auch ohne.

Und bei allen Damen, die „Uschi“ heißen, möchte ich mich im Voraus entschuldigen. Sie waren nicht gemeint. Der Name diente nur als Beispiel.

Herzlichst

Ihre

Barbara Edelmann

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„Und dann sagte der tatsächlich zu mir am Telefon, die Gründe, dass er sich von mir trennen will, seien schlechter Sex, und weil ich nicht gut tanzen kann!“ erzählte mir Michaela vor kurzem entrüstet bei einer Tasse Kaffee in einem Bistro in der Stadt, wo wir uns getroffen hatten.

Michaela ist Ende 40, dunkelhaarig, schlank, dynamisch und intelligent. Unmittelbar nach ihrem abgeschlossenen BWL-Studium verguckte sie sich in den fünf Jahre älteren Peter, heiratete ihn vom Fleck weg, gebar zwei Töchter und versorgte dann 20 Jahre lang die Familie, bis die Kinder ausgezogen waren.

Peter arbeitete während der gesamten Zeit als Informatiker im Home-Office und freute sich, dass Michaela ab sofort mehr Zeit für ihn hätte. Aber nach dem Auszug ihrer Kinder begann sie umgehend eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin.

„Ich muss hier raus“ sagte sie mehr als einmal, wenn ich sie fragte, warum sie unbedingt arbeiten gehen wollte, denn Peter verdiente genug. „Wenn ich zuhause bleibe, sitzen Peter und ich den ganzen Tag aufeinander. Das macht mich verrückt. Ich will unter Leute.“

Sie bestand ihre Ausbildung mit Auszeichnung und fand sofort eine gutdotierte Anstellung.

Peter empfing seine Frau allabendlich mit einem warmen Essen, manchmal auch mit einem kalten, denn Michaelas Schichtdienste wechselten häufig, und oft kam sie erst nachts zurück.

Er kümmerte sich um den großen Garten, fuhr den Müll zum Wertstoffhof, kaufte ein, ging mit dem Hund raus, räumte auf, fütterte die Katze, saugte Staub und kümmerte sich um alles.

„Sie bräuchte keinen Job“ erzählte er einmal, als wir zusammen essen waren und Michaela gerade auf der Toilette verschwunden war. „Das Haus ist bezahlt, uns geht es gut. Aber sie will unbedingt unter Menschen. Und wenn Michaela etwas unbedingt will, lasse ich sie machen. Sie ist dann wie eine Dampframme und nicht aufzuhalten.“

Alles lief scheinbar perfekt in den letzten Jahren. Peter engagierte sich mittlerweile in ein paar Vereinen, um nicht allein herumzusitzen, und gelegentlich sahen beide zusammen gemütlich fern bei einem Glas Wein, wo sie sich dann vertraulich anschwiegen.

Diese Ehe war zu einem gemütlichen Wohnzimmer mit bequemen Sesseln mutiert, in die man sich hineinfläzen und sich wohlfühlen konnte.

Dann, urplötzlich und unerwartet, vor knapp drei Jahren, starb Peter aufgrund eines Kunstfehlers während eines Routine-Eingriffs.

Ich war damals auf seiner Beerdigung und werde Michaelas Anblick nie vergessen, wie sie gebrochen und tränenüberströmt den Sargträgern folgte. Es tut mir heute noch in der Seele weh. Auch ich hatte Peter sehr gemocht und selten einen liebenswürdigeren, toleranteren und geduldigeren Menschen kennengelernt.

Mit einem Mal stand Michaela ganz allein da, denn die beiden Töchter lebten mittlerweile im Ausland und kamen selten zu Besuch. Mit dem abbezahlten Haus, ein paar anderen vermieteten Immobilien und Peters Witwenrente plus Michaelas Verdienst war sie finanziell gut aufgestellt.

Aber in dem leeren, stillen Haus tickten die Uhren schrecklich laut.

Nach Peters Tod war noch kein Jahr vergangen, als Michaela begann, auf Bekanntschafts-Anzeigen im örtlichen Käseblatt zu antworten und sich mit Männern zu treffen.

„Ich möchte nicht mehr allein sein“ erklärte sie mir mit Nachdruck.

„Und ich will wieder einen Partner. Ihr habt alle gut reden, denn ihr wisst nicht, wie das ist, ohne jemandem, der einem hilft. Alles muss ich selber machen, ich muss zum Wertstoffhof, ich muss diesen riesigen Rasen mähen, ich muss mich darum kümmern, dass Winterreifen aufs Auto kommen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie gut es euch geht mit euren Männern.“

Nun habe ich mir sagen lassen, dass es weltweit viele Frauen gibt, die sich selbst um Reifen, Rasen und Müll kümmern, schwieg aber, denn es ging wohl eher um die bohrende Einsamkeit, die Michaela nach Peters Tod erfasst hatte und nicht mehr losließ.

Immerhin waren die beiden ein Vierteljahrhundert zusammen gewesen. Michaela hatte noch nie einen anderen Mann gekannt, und ihr Leben kam ihr vor wie eines dieser Vexierbilder mit einem Schattenriss statt einer Person an ihrer Seite – einer kahlen Stelle, die täglich schmerzte.

Niemand wartete auf sie, wenn sie müde von der Arbeit nach Hause kam, um mit ihr ein Glas Wein zu trinken. Niemandem konnte sie erzählen, wer sie heute wieder geärgert hatte. Nur die Uhren tickten immer lauter.

Sie war einsam. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

Also warf sie sich mit Schwung in den Dating-Markt. Ich getraute mich nicht, sie zu fragen, ob sie sich dafür schon mental bereit fühlte, denn sie schien beängstigend entschlossen, schnellstmöglich die Stille im Haus wieder zu vertreiben.

Es lief offen gestanden nicht so gut. Sie lernte bei jedem Rendezvous neue, aufregende Dinge, denn, seitdem sie 20 gewesen war, hatte sich einiges geändert. Die für sie in Frage kommenden Männer waren nämlich auch älter geworden. Und anspruchsvoller.

Genau wie Michaela übrigens, nur wollte sie das nicht wahrhaben. Sie selbst hatte für ihre Vorstellung von einem neuen Partner ein gnadenloses Raster angelegt. Geld sollte er haben (aus Paritätsgründen). Einen guten Beruf sollte er haben. Charmant sollte er sein. Zärtlich, aufmerksam, unternehmungslustig. Sie hofieren und umschmeicheln.

„Ich möchte umworben werden“ erklärte sie mir. „Ich möchte händchenhaltend mit ihm spazieren gehen und wissen, dass immer jemand für mich da ist.“

Ach Michaela. Ich selbst möchte gern den großen Topf mit Gold am Ende des Regenbogens. Aber ich habe ihn nie gefunden.

Mit einem dieser Inserat-Bekanntschaften traf sie sich zwei Monate lang. Er ließ kein einziges gutes Haar an ihr. Apropos Haar: Es störte ihn, dass sie es selten offen trug. Auch ihr Brünett war ihm zu eintönig. Er bemängelte ihre Kleiderwahl, ihre Beine und ihren Musikgeschmack. Nichts war ihm an Michaela gut genug. Trotzdem gingen die beiden wandern oder fuhren gelegentlich an einen Badesee. Und Michaela trug ihr Haar in der ganzen Zeit offen und nur noch Kobaltblau, denn das hatte Monsieur für sie als gut befunden.

„Ich finde unverschämt, was er alles zu dir sagt. Was ist das denn für einer?“ wollte ich erbost wissen, denn ich konnte es nicht fassen, was eine intelligente Frau wie Michaela sich alles gefallen ließ.

„Er sieht toll aus und hatte schon 25 Jahre lang keine Beziehung mehr, nur Affären“ erklärte mir Michaela, scheinbar tief beeindruckt. Vielleicht glaubte sie, diejenige zu sein, die den flotten Junggesellen zur Einsicht bekehren könnte.

Ach Michaela, ich hätte dir gleich sagen können, dass das nix wird. Schon bei der Aussage „seit 25 Jahren keine Beziehung mehr“ hatten bei mir alle Alarmglocken geschrillt.

Nachdem er zwei Monate lang an Michaela herumgenörgelt hatte, meldete sich der Ladykiller nicht mehr. Vermutlich hatte er jemand anderen zum Kritisieren gefunden. Wenigstens befolgte sie meinen Rat und rief ihn nicht an, um zu fragen, was sie falsch gemacht hatte.

Der nächste Typ schlief drei Mal mit ihr und verschwand dann wieder vor dem Frühstück. Sicherheitshalber änderte er seine Telefonnummer. Und wo er wohnte, wusste Michaela ohnehin nicht. Sie war nicht so neugierig oder an seiner Persönlichkeit interessiert – sie war nur auf der Suche, um nicht mehr allein zu sein. Wenngleich auch auf eigenwillige Art und Weise.

Mittlerweile gab sie auch selbst Anzeigen in der Zeitung auf und sortierte nach einem strengen Schema die eingehenden Briefe:

„Der wohnt zur Miete, der will sich bei mir nur ins gemachte Nest setzen.“, „Der hat einen Hund, ich will keine Haare auf dem Teppich.“, „Der ist mir zu alt (5 Jahre älter), ich brauche einen, der so aktiv ist wie ich.“, „Der wohnt zu weit weg, 80 Kilometer. Da geht eine Menge für die Fahrzeit und Benzin drauf.“, „Der mag nur Oldies, ich aber Schlager, da können wir ja nie auf ein Konzert.“, „Der hatte schon mal einen Herzinfarkt, ich will doch keinen Pflegefall.“, „Der ist mir zu stämmig und hat einen Bart. Man kann sich doch pflegen, muss ich ja auch.“, „Der war mal wegen Depressionen in Behandlung. Ich bin kein Kummerkasten.“, „Der ist Vegetarier, das macht nur Probleme.“, Und so weiter.

Es blieben trotzdem immer noch genügend einsame Herzen übrig. Michaela absolvierte ein Blind Date nach dem anderen. Sie traf sich mit wildfremden Männern, ging mit ihnen zum Essen oder zum Tanzen, nahm sie mit zu sich nach Hause … und hörte dann nichts mehr von ihnen.

„Die sind alle so verbittert“ klagte sie. „Die haben miese Erfahrungen mit Frauen gemacht und denken jetzt, ich bin ganz genauso. Dabei kann man mit mir so viel Spaß haben!“

Tja, Michaela. Mit gelebtem Leben ist das wie mit einer großen Plastiktüte voller Ballast. Alle Erlebnisse schleppt man mit sich herum. Manche dieser Tüten sind so prall gefüllt, dass sie sogar auf dem Boden schleifen und man sie gar nicht mehr tragen kann. Und du, Michaela, schleppst auch eine dieser Tüten voller Erinnerungen, die dich daran hindern, dich auf Neues einzulassen. Du hast es nur noch nicht bemerkt.

Jeder dieser Herren, mit denen Michaela sich traf, hatte schon Beziehungen gehabt oder war verheiratet gewesen. Alle hatten irgendeinen Anhang, etwas, das sie verpflichtete, etwas, um das sie sich kümmern mussten. Alle pflegten ihre Ansprüche und ganz eigene Vorstellungen von einem Lebenspartner. Genau wie Michaela.

Vor ungefähr 3 Monaten rief sie mich wieder an. Sie hatte sich erneut jemanden geangelt, den sollte ich unbedingt kennenlernen („Der gefällt mir wirklich gut!“) und deshalb mit ihr und dem „Neuen“ zum Essen gehen.

„Freut mich, mach ich gern“ sagte ich. „Wie alt ist er denn?“ „Ich habe keine Ahnung, ehrlich“ antwortete Michaela nach kurzem Nachdenken.

„Ja, und was macht er beruflich?“ wollte ich wissen. „Irgendwas im Büro, glaube ich“ meinte sie. „Aber ich habe nicht gefragt.“ „Was weißt du denn überhaupt von ihm?“ Ich konnte mir diese Frage nicht verkneifen.

„Naja, er geht gern aus, genau wie ich. Und ich finde, er ist attraktiv.“

Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

Der Abend mit dem ominösen Martin erwies sich als schwierig. Die Zeit tröpfelte dahin wie Sirup. Martin war der wortkargste Mensch, den ich je getroffen hatte. Obwohl ich nur plauderte und ihn nicht ausfragte, musste man ihm jede Antwort aus der Nase ziehen.

Michaela schien das nicht zu bemerken. Sie redete für zwei, lachte zu viel und beschloss, ohne Martin zu fragen, dass wir zusammen einen Ausflug in eine mittelalterliche Stadt machen würden. Da schaute er schon etwas verkniffen. Ich registrierte es. Michaela nicht.

Martin habe ich nie wiedergesehen. Kurz nach diesem Abend rief er Michaela an und erklärte ihr, wie eingangs erwähnt, dass der Sex genau wie ihre Tanzschritte schlecht gewesen seien und er deshalb nicht mehr käme.

„Ich weiß nicht, was dieser Mensch hatte“ klagte sie. „Weil ich ihm sogar angeboten habe, einen Tanzkurs zu machen. Du siehst, ich bin bereit, mich zu verändern.“

Ganz ehrlich – ich bezweifle, dass ein Tanzkurs etwas verbessert hätte. Wenn ein Mann so weit geht, einer Frau schlechten Sex vorzuwerfen, dann ist Hopfen und Malz verloren, denn „schlechter Sex“ bedeutet bei Männern in den meisten Fällen „gar kein Sex“, mehr nicht. Anstandshalber hätte er aber auch behaupten können: „Deine Fenster waren nicht sauber geputzt.“ Das wäre nicht so gemein gewesen.

Ich habe Michaela übrigens tanzen gesehen. Sie bewegt sich hölzern und steif, als hätte man sie auf ein Brett genagelt.  Und – für guten Sex gibt es, glaube ich, nicht viele Kurse. Trotzdem fand ich den Vorwurf von Martin ungerechtfertigt, denn Peter war Michaelas erster und einziger Mann gewesen und daher auch ihre einzige sexuelle Erfahrung.

Ihr neues Leben verlangte scheinbar auch eine komplette Um-Orientierung beim Geschlechtsverkehr. Etwas, das sie so gar nicht interessierte, wie sie mir mal eingestanden hatte.

Ich vermute, für Michaela ist Sex wie Autofahren: etwas, das man tun muss, um von A nach B zu kommen – in ihrem Fall vom Abend des Kennenlernens bis zum nächsten Morgen. Damit man die Zeit irgendwie rumkriegt. Und wenn wir schon bei Metaphern sind, Michaela fuhr eben einen praktischen, benzinsparenden Kleinwagen, während die Herren sich vielleicht einen Maserati gewünscht hätten. Immerhin sieht sie wie einer aus. Michaela ist nämlich sehr hübsch.

Nach der Sache mit Martin schien sie irritiert, bezog aber weiterhin ihre männlichen Bekanntschaften aus der Spalte „Hallo Partner“ des Käseblattes (gratis…) und traf sich mit jedem, der mit einer Verabredung einverstanden war.

Ich wollte ihr dringend raten, sich nicht so unter Wert zu verkaufen. Nicht gleich mit jedem zu schlafen, der sie darum bittet. Darum suchte ich das Gespräch mit ihr.

Es war sinnlos.

„Sei du nur still“ meinte sie bockig. „Du hast einen Mann. Ich will auch endlich wieder einen. Und dafür mach ich eben alles.“

Sehen Sie – und genau das stimmt nicht.

Michaela machte eben nichtalles. Sie ist nichtauf der Suche nach einem Mann fürs Leben, nach jemanden, auf den sie sich mit Haut, Haaren und Herz einlassen kann  – sie ist auf der Suche nach einem Ersatz für ihren verstorbenen Peter. Weil sie glaubt, sie könnte, wenn sie ein wenig Glück hat und eifrig genug inseriert, da weitermachen, wo sie gezwungenermaßen aufhören musste.

Ihr „Neuer“ sollte genau das tun, was Peter immer getan hat: Haus und Garten in Ordnung halten, gelegentlich für sie kochen und für Michaela Zeit haben, wenn sie Muße dafür hat.

Er soll für sie da sein, wenn sie ihn braucht. Sich nicht drum scheren, wenn sie ihn nicht braucht. Sie unterstützen, aber nur, wenn sie das möchte. Mit ihr zum Tanzen gehen, ihre Hand halten und sie umwerben.

Er sollte nicht krank werden, nicht zu viel von sich zu erzählen („Ich habe einen harten Job und will mich amüsieren, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, keine Probleme wälzen“), immer unternehmungslustig sein („Ich bin offen für alles).“

Michaela sucht einen Animateur oder einen Alleinunterhalter. Einen Lebenspartner braucht sie nicht. Denn dann würde sie darüber nachdenken, warum es sie nicht interessiert, was all diese Männer arbeiten, denken oder fühlen.

Nie fragt sie einen: „Hast du Kinder? Verwandte? Sehnsüchte? Träume? Hobbies? Woher stammt die kleine Narbe am Kinn?“

Es ist ihr egal.

Sie will jemanden, der sich genau in diese leere Stelle einfügt, die Peter hinterlassen hat. Als hätte sie einen Lego-Stein verloren. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird sie trauriger und verzweifelter, weil keiner so richtig „passt“. Und wenn sie einen findet, der wenigstens einen kleinen Teil ihrer Vorstellungen abdeckt, dann verschwindet er wieder, sobald er merkt, dass Michaela selbst zu keinerlei Kompromissen bereit ist.

Klar hätte sie einen Tanzkurs mit Martin absolviert, weil er ihr vorwarf, sie sei zu hölzern und unmusikalisch. Mit dem nächsten geht sie vielleicht sogar zur Rotwildjagd. Oder zum Fallschirm-Springen. Schlafen wird sie mit allen. Aber sie wird das absolvieren wie Autofahren. Weil sie denkt, es sei nötig, um mit diesem oder jenem Mann die Zeit von Montag bis Freitag zu überstehen. Sie macht Zugeständnisse, weil sie selbst eine Menge davon fordert. Mit dem Herzen ist sie nie dabei.

Michaela erledigt die Partnersuche streng pragmatisch.  Vielleicht ist ihr gar nicht bewusst, dass ihr Herz immer noch an Peter hängt und über den Verlust mehr trauert, als sie sich eingestehen will. Vielleicht weiß sie gar nicht, wie sehr sie ihren immer anwesenden, immer lächelnden, immer toleranten Mann geliebt hat. Denn „Liebe“ existiert in Michaelas Universum nur im Fernsehen und ist eine Luftnummer für Träumer und Utopisten. Es ist der Alltag, der sie beschäftigt. Das Reifenwechseln, das Einkaufen, der Müll, der Rasen, das stille Haus.

Abgesehen davon, dass man sich nie so unter Wert verkaufen sollte, wie Michaela das momentan tut, indem sie wahllos mit Zufallsbekanntschaften schläft, nimmt auch ihre Seele immensen Schaden. Man hört ihr die Abgeschlagenheit an, wenn sie spricht. Ihre Augenringe sind riesig, die Falten neben den Mundwinkeln tief eingegraben, und sie ist erschreckend dünn geworden.

Mit Ende 40 wäre es an der Zeit, einzusehen, dass ohne Kompromissbereitschaft, ohne ein paar kleine Abstriche an die eigenen Ansprüche, keine funktionierende Partnerschaft möglich ist. Denn so ein Arrangement wie mit Peter wird sie sich nicht mehr zimmern können. Peter war einmalig, ein wunderbarer Mensch mit einem gerüttelten Maß an Geduld und Toleranz. Er akzeptierte Michaelas Freiheitsdrang, ließ sie gehen, wenn sie gehen wollte und empfing sie herzlich, wenn sie kam.

Peter war eine Selbstverständlichkeit für Michaela. Und wie das oft ist mit Selbstverständlichkeiten, wissen wir sie erst zu schätzen, wenn wir sie nicht mehr haben.

Sie wird verdammt lange suchen müssen, um jemanden zu finden, der ihm ähnelt. Sie wird in viele Betten schlüpfen müssen, enttäuscht aus vielen herauskriechen und dann das nächste Inserat aufgeben.

Michaela ist eine Art emotionaler Legastheniker. Sie versteht die Sprache des Herzens nicht und nicht die der Begierde. Sie versteht nicht das Spiel zwischen Lust und Überdruss, das Flirten und Zurückweisen,  das langsame Annähern, das zurückhaltende Öffnen für den anderen und die Enttäuschung, wenn man bemerkt, dass da nichts ist.

Michaela verlangt etwas und bietet etwas – nach bester betriebswirtschaftlicher Manier. Aber weil sie recht viel verlangt, müsste sie auch ziemlich viel bieten. Angebot und Nachfrage, so läuft das in der freien Marktwirtschaft.

Das versteht sie aber nicht, denn für Peter hat es immer gereicht.

Die Seele fehlt bei allem, was sie tut. Ihre Dates laufen ab wie eine Vorstandssitzung. Sie hat es mir erzählt. Und spätestens beim Nachtisch, wenn Michaela die „Verhandlungspunkte“ auf den Tisch knallt und damit beginnt: „Ich will das und das und das…“ nehmen sensiblere Gemüter Reißaus. Es ist nicht schlau, das Fell zu zerteilen, ehe man den Bären geschossen hat, Mädel.

Sicher wird sie immer wieder jemanden finden, der mit ihr schläft. Die meisten Herren der Schöpfung schlagen nicht gern ein Gratis-Angebot aus. Dafür bekommt sie kurzfristig Gesellschaft, eine Unterhaltung beim Abendessen und vielleicht sogar einen Ausflug an einen schönen See. Meistens aber zahlt sie im Restaurant selbst und im Bett drauf.

Alles kostet immer etwas, aber leider in einer Währung, die Michaela derzeit nicht vorrätig hat: Gefühl.

Irgendwann taucht vielleicht wirklich einmal einer auf, der in ihr Raster passt. Jemand mit einer Immobilie, um die er sich nicht viel kümmert, so dass er Zeit für Michaelas Garten hat. Einer mit viel Freizeit, die er bereit ist, Michaelas straffen Schichtplänen anzupassen.

Einer ohne Haustiere oder Anhang, einer, der sein Leben lang nur auf sie gewartet hat.

Einer, der Rosen bringt und seine schmutzige Wäsche mitnimmt („Ich habe lange genug den Haushalt gemacht, tue ich nicht mehr“), einer, der den Müll wegfährt und den Kühlschrank füllt, weil Michaela das nämlich immer vergisst.

Vielleicht kommt einer, der ihren Tanzstil super findet, für den Sex eine unwichtige Nebensache ist, der auf alle Forderungen eingeht und nichts verlangt.

Ich hoffe für sie, dass irgendwo so einer auf sie wartet, der nur bis jetzt die „Hallo Partner“-Spalte noch nicht gelesen hat.

Eine gemeinsame Nacht ist oft nicht der Startschuss in ein Leben zu zweit. Ein Abendessen ist kein Versprechen. Sex ist kein Klebstoff für geschundene Seelen. Und Pragmatismus ein schlechter Ratgeber, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Das Leben stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Es ist gemein, es ist hart, es ist manchmal sehr grausam. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und Vorstellungen aus Beton zerbersten irgendwann an der rauen Wirklichkeit.

Wer Liebe will, muss Liebe geben. Wer Gefühle verlangt, muss sie empfinden können. Wer Sex will, sollte wissen, wie Lust sich anfühlt.

Und wer alles will, wird am Ende nichts bekommen.

Wissen Sie was? Ich glaube, ich rufe Michaela jetzt gleich mal wieder an. Dass ich sie mag, kann sie nämlich spüren. Das ist ein Anfang.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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