Montag, 19. Oktober, 2020

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„Nein“ sagen? Das geht! – Kolumne von Barbara Edelmann

Hand aufs Herz: Gehören auch Sie zu den Menschen, die sich schwer damit tun, laut und deutlich „Nein“ zu sagen, wenn jemand Sie um einen Gefallen bittet?

Obwohl Sie keine Zeit/Lust haben, ahnen, dass es Ärger oder Arbeit bedeuten könnte und Sie keinerlei Dank zu erwarten haben? Obwohl Sie bereits eine Menge schlechter Erfahrungen mit Hilfe aller Art machen mussten? Haben Sie – genau wie ich – ein Herz für alle, die Ihnen versichern, es ginge ihnen mies, sie seien pleite, hätten Liebeskummer oder andere Probleme, und Sie seien die Einzige, die diesen Zustand lindern oder beheben können? 

Oft läuft es darauf hinaus, dass man aushilft

„Hans-Günther hat mich verlassen. Schluchz.“ Und schon hängen Sie drei Stunden am Telefon. Mindestens. Wenn Sie Glück haben, können Sie nebenher bügeln oder die Katzentoilette saubermachen. Im ungünstigsten Fall handelt es sich um einen Videoanruf, und Sie müssen die ganze Zeit über ein betroffenes Gesicht machen, obwohl Sie denken: „Gottseidank ist sie diesen fiesen Typen endlich los.“ 

 „Miezi ist krank, und ich kann mir den Tierarzt nicht leisten.“ Zücken Sie Ihr Portemonnaie, denn es läuft darauf hinaus, dass Sie aushelfen, in bar, Überweisung oder Scheck. Und wenn derjenige heute zu pleite ist, um das arme Tier in die Klinik zu bringen, brauchen Sie nicht damit zu rechnen, dass es in drei Monaten anders aussieht. Sowas zieht sich nämlich. Also verabschieden Sie sich von der Vorstellung, Sie bekämen Ihr Geld jemals zurück. 

 „Oh je, da kommen am Wochenende zwölf Leute zur House-Warming-Party vorbei, und ich habe so gar kein Talent für kalte Platten im Gegensatz zu dir.“

Aufreiben für andere – Willkommen im Club!

Und dann setzen Sie wieder stundenlang halbe, ausgehöhlte Tomaten auf harte Eier, die Sie mit Mayonnaise betupfen, um einen Fliegenpilz zu simulieren, rollen Röschen aus Salamischeiben mit Radieschen in der Mitte und fächern geschnittene Essiggurken dekorativ auf Bierwurst.

Zur Feier werden Sie selbstverständlich nicht eingeladen – höchstens als Bedienung. Naschen Sie wenigstens aus Rache ein paar Schinkenscheiben oder formen Sie aus einem Cornichon einen deutlich erkennbaren Penis. Und dann gehen Sie mit Genugtuung nach Hause. 

„Als wir uns diese dänische Dogge geholt haben, wussten wir nicht, dass wir uns auch um sie kümmern müssen, wenn wir in Urlaub sind oder über Nacht verreisen wollen. Was tun wir denn jetzt?“

Entmotten Sie Ihre Laufschuhe und kaufen Sie massenhaft Hunde-Leckerlis. Die Dogge wird nicht auf Sie hören, weil sie Sie nicht kennt, und mit Ihnen dahin gehen, wohin SIE will. Stellen Sie sich am besten drauf ein, dass Sie neue aufregende Plätze und Bewegungsabläufe kennenlernen werden, die Ihnen bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt waren.

Der menschliche Körper ist bei um die Fußknöchel gewickelter Leine zu erstaunlichen Verrenkungen fähig. Und besorgen Sie große Tüten für den Abfall des Hundes. Richtig große. Es sei denn, es handelt sich um einen Dackel. Auch mit Frettchen habe ich bezüglich der Größenordnung ihrer Hinterlassenschaften gute Erfahrungen  gemacht. 

Sie reiben sich ebenfalls für andere auf? Willkommen im Club! Ich war jahrzehntelang Mitglied. Gleich, ob es Kinder zu hüten oder Umzüge zu arrangieren gab, egal, ob jemand Geld brauchte, einen Fahrer zum drei Stunden entfernten Flughafen, zwei kräftige Hände beim Tapezieren, oder ein geöffnetes Ohr für die Probleme von Leuten, die einen ansonsten bestenfalls grüßen. Anruf genügte. 

Praktische Hilfe in allen Lebenslagen

Puh – das war aufreibend. Weil ich nicht zu denen gehöre, die es mit einem Ratschlag gut sein lassen, sondern praktische Hilfe leiste. Ich habe zugehört, Kaffee gekocht, eingekauft, geputzt, Häuser gehütet, und ich wies niemanden zurück. Das ist keine Übertreibung. Ich war der Mülleimer der Nation. 

Auch Leonie ist so eine. „Versorgt“ mit zwei Jobs, einem großen Haus plus 2000 qm Garten, einem Mann, der auf frisch gekochte Mahlzeiten Wert legt, weil er ein Feinschmecker (ich nenne ihn „Nörgler“) ist, und einem Hobby, für das sie seit Jahren keine Zeit hat, sitzt sie jedes Wochenende zuhause und hütet ihre Enkel.

„Die Jungen müssen mal raus, ausgehen, Spaß haben“, erklärt sie mir mit großen Augen, wenn ich sie frage, wann sie mal an sich denkt. Sie klagt mir nämlich regelmäßig ihr Leid.  

Neulich richtete ein Sturm schlimme Verwüstungen in Leonies Garten an. Weinend stand sie vor umgeknickten Bäumen, dem zerstörten Gartenschuppen und einem umgeknickten Baum, und rief dann der Reihe nach ihre drei erwachsenen Kinder an. Für die sie regelmäßig kocht, wäscht, putzt, einkauft und die Enkel beaufsichtigt. Anschließend beseitigte sie die Schäden alleine, es kam nämlich keiner.

 „Die sind total fertig von der Arbeit“, erklärte Leonie mir mit unschuldigem Augenaufschlag und vier abgebrochenen Fingernägeln. „Das verstehe ich schon.“

So viele Leute sind wie Leonie – sie reiben sich auf

Leonie versteht alles. 

Leute wie sie bringen regelmäßig außerhalb der Reihe Kuchen für die ganze Belegschaft ins Büro, erscheinen garantiert nicht zum Kaffee ohne Blumen, Pralinen oder etwas Selbstgemachtes, und würden sich nie getrauen, Sie um Hilfe zu bitten, sogar wenn sie mit 40 Grad Fieber aus dem Bett fallen und sich dabei die Hüfte brechen. Menschen wie Leonie sind die liebenswertesten Menschen der Welt.

Und diejenigen, die am meisten ausgenützt werden.

„Every’s darling is everybody’s Depp“, behauptete meine Mutter immer. „Jedermanns Liebling ist jedermanns Trottel.“  

Leonie isst mittlerweile nicht mehr, sie frisst. Das kann sie nämlich beim Kinderhüten an ihren – eigentlich freien – Wochenenden prima nebenbei machen. Alles andere geht nicht, denn die Kleinkinder, auf die sie aufpasst, mögen keinen Fernsehlärm. Sie wiegt jetzt 110 Kilo bei 155 Zentimetern Körpergröße und ist total fertig, aber immerhin kann sie sich ja damit trösten, dass sie eine Menge anderer Menschen glücklich macht.  

Ich habe Leonie sehr lieb, sie hat eine Seele wie ein Bergkristall. Aber alle Versuche, sie dazu zu ermutigen, wenigstens ein einziges Mal „Nein“ zu sagen, um ein Wochenende nach ihrem Geschmack zu verbringen, prallen an ihr ab.  Obwohl sie staunend seit ein paar Jahren beobachtet, wie ich selbst mich davon freimache, mich ausnützen zu lassen, seelisch, finanziell oder körperlich.  

Die Welt ist voller Leonies. Die Welt ist voller Menschen, die sich unglaublich schwer damit tun, Distanz zwischen der fordernden Welt, die sie umgibt und sich selbst zu schaffen. 

Noch vor einigen Jahren hätten Leonie und ich eine Selbsthilfegruppe gründen können. Bis ich bemerkte, dass, was ich tat, zu kräftezehrend war.

Tagen, an denen alles zuviel wurde, häuften sich

Die Tage, an denen ich mich nicht mehr wohl fühlte als „Rächer der Enterbten“, an denen mir alles zu viel wurde, weil mir keine Zeit oder Kraft mehr für mich selbst blieb, häuften sich. Aber das sprach ich nie laut aus, denn ich war so verdammt hilfsbereit, dass es wehtat. Vor allem mir selbst.

Als ich 2014 dann nach 22 Jahren umziehen musste, durfte ich erleben, wie es sich anfühlt, von Menschen umgeben zu sein, die im Gegensatz zu mir mit dem Wort „Nein“ keine Probleme haben. Vier Wochen vor dem Termin saß ich in einer seit etlichen Jahren bestehenden geselligen Runde, und bekam folgendes zu hören:

 „Es gibt ganz in der Nähe einen guten Umzugsservice, ruf doch da mal an.“

„Ich hätte noch gebrauchte Kartons im Keller, für 2 €/Stück kann ich dir die abtreten.“

„Puh, da beneide ich dich nicht – so ein Umzug ist der volle Horror. Du Arme.“

„Ehe du was auf den Sperrmüll gibst, lass es mich anschauen. Du hast so schöne Sachen.“

 „Willst du diese Vollholz-Vitrine loswerden? Die gefällt uns.“

„Wenn ihr euch einen LKW leiht, könnten wir den vielleicht kurz borgen? Wir müssten nur eine Kommode abholen, die wir bei Ebay-Kleinanzeigen gekauft haben.“

Und da stand ich dann am Tag X. Allein. Alle mussten dringend zum Steuerberater, das Grab eines Urahnen in Paraguay gießen, in der Raumstation ISS mal nach dem Rechten sehen oder im Keller Heizöl sägen – für mindestens die nächsten zwei Monate, denn dann wäre sichergestellt, dass ich mich im neuen Domizil häuslich eingerichtet hatte.

Zur Einweihungsparty würden sie natürlich vollständig wieder aufschlagen. Und mit viel Glück eine dieser Topfpflanzen mit einer Halbwertzeit von zwei Wochen mitbringen. Die halten bei mir nämlich nicht lange – ich habe einen braunen Daumen. 

Diese Leute bezeichnen sich als „Freunde“

Bei diesen Personen handelte es sich ausschließlich um Leute, die sich als meine „Freunde“ bezeichneten, gerne mal unangekündigt hereinschneiten, Küche und Kühlschrank leerfraßen, meine großzügigen Geburtstags- und Weihnachts-Geschenke freudig annahmen und sich auf mich als Partyplaner, Vollzeit-Servicekraft oder Animateur verließen.  

Genau zwei boten ihre Hilfe an: Eine Freundin, die in der Altenpflege arbeitet, während sie nebenbei noch täglich im Morgengrauen für einen Caterer Brote belegt, um als Witwe finanziell über die Runden zu kommen, und eine mit 12-Stunden-Job.

Selbstverständlich lehnte ich ab, aber es war bezeichnend, dass die mit der wenigsten Freizeit und dem meisten Stress für mich dagewesen wären und die anderen nicht.  

In dieser Umzugs-Woche machte es bei mir „Klick“, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, denn ich verhob mich an einem schweren Bücherkarton und musste ins Krankenhaus. So viel zu „Ich schaffe das schon.“  

Weniger freigiebig mit Dienstleistungen sein

Seither bin ich weniger freigiebig mit meinen „Dienstleistungen“, vor allem jener Sorte Menschen gegenüber, die einem regelmäßig den ganzen Arm rausreißen, wenn man ihnen den kleinen Finger anbietet. Und die sind leider gar nicht so selten. 

Für jeden war ich da. Zu jeder Uhrzeit. Holte sie mitten in der Nacht im Wald ab, wenn das Auto streikte, briet auf sein Flehen hin Grießschnitten für einen Kumpel im 20 Kilometer entfernten Krankenhaus, und lieferte sie ans Bett. Er pickte daran herum wie einer dieser vollgefressenen Spatzen auf Mac Donalds-Parkplätzen und meinte, eigentlich sei er satt. 

War ja nicht mein erstes Mal. 

Ich fütterte das Katzenrudel einer WG, weil alle in den USA Urlaub machten. Jede Fahrt zu ihrem Haus und zurück dauerte eine Stunde. Damit sie es sauber haben würden, wenn sie zurückkamen, schamponierte ich zwei ihrer Teppiche, schrubbte die gesamte Bude und besorgte einen Korb voller Lebensmittel, denn der Kühlschrank der WG war so leer wie Boris Beckers Konto, und das Bad ein einziges Dreckloch. So was kann ich nicht sehen.

Nein – sie haben mich nicht darum gebeten. Ich war nett. Und bescheuert.

Ich säuberte das Haus meines an Grippe erkrankten Onkels, nachdem ich das mitgebrachte selbstgebackene Brot und das Gulasch im Kühlschrank verstaut hatte. Während ich sein Schlafzimmer saugte, kommandierte er mich krächzend herum. „Da drüben unter dem Schrank warst du noch nicht. Machst du das daheim auch immer so?“

Der einzige Satz, den ich normalerweise seit meiner Kindheit regelmäßig von ihm hörte, war: „Ach, habe ich schon wieder deinen Geburtstag vergessen? Macht ja nix.“

Aufreiben beim Plätzchen backen

Alles für die Familie. 

Ich verschickte jährlich kiloweise Weihnachtsgebäck an Menschen, die zum Backen zu faul waren. „Deine Plätzchen sind die besten. Ach, wenn ich die nur hätte.“ Dabei handelte es sich ausschließlich um junge Leute mit jeweils zwei gesunden Händen und robustem Selbstbewusstsein sowie einer feinen Nase dafür, dass bei mir nicht viel mehr nötig war als ein wehmütiges Seufzen, damit ich losrannte, Zutaten kaufte und eine Woche lang täglich 12 Stunden in der Küche stand.

Von den Kosten für Blechdosen und Versand möchte ich gar nicht anfangen. Was hätten sie denn tun sollen, wenn sie nicht backen konnten?  

Ich verlieh Geld an Freunde, das ich nie mehr wieder bekam, weil sie entweder anschließend den Kontakt zu mir abbrachen oder mit Selbstmord drohten, denn ich war ja nicht die einzige, die sie angepumpt hatten. Dabei hatte ich mich ohnehin nie getraut, die ausstehenden Beträge anzusprechen, um sie nicht zu demütigen. Also erließ ich ihnen ihre Schulden, weil ich wusste: Dann hört das Gejammer auf.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich wäre reich. Ich bin nur blöd. 

Ich versuchte, aus bekennenden Alkoholikern trockene zu machen, weil es mir im Herzen wehtat, mitanzusehen, wie intelligente, warmherzige Menschen sich selbst zugrunde richteten. Einen schleppte ich zum „Blauen Kreuz“, zum „Weißen Licht“ und zu den Anonymen Alkoholikern, bekochte ihn, gab ihm Geld, fuhr ihn zu Arztterminen, und unterhielt mich mit ihm stundenlang über seine Halluzinationen wie beispielsweise „Men in black“, die ihn mit Hubschraubern jagten, und der wegen ihm auf Rot geschaltete Ampeln.

Denn wenn E. mit seinem Fahrrad schlingernd anrollte, weil er im Transportkorb 20 frische Tetrapacks mit Bauernwein nach Hause fahren wollte, spielte ihm das „System“ gerne einen Streich, um ihn nachhaltig zu verstören. 

Zu gutmütig für diese Welt

Ich versuchte wirklich alles, um ihm zu helfen. Vergeblich. Natürlich. 

Einmal geriet meine ehemalige beste Freundin in arge finanzielle Nöte, und ich ließ ihr anonym einen gigantischen Fresskorb liefern, weil ich mir nicht sicher war, ob sie es von mir angenommen hätte, da sie mich ja seit kurzem hasste. Immerhin habe ich ihr kein Geld gegeben, obwohl ich ihr zuerst welches mit der Post schicken wollte, damit sie nicht hungern muss. Man durfte nie zu mir sagen: „Ich weiß nicht, was ich essen soll“, denn dann rannte ich sofort los.  

Ich bezahlte Tierarztrechnungen für Hunde und Katzen anderer Leute, und ich spendierte einer entfernten Bekannten einen Ausflug mit ihrem Kirchenchor. Als sie mit meiner Kohle freudestrahlend verschwunden war, fiel mir wieder ein, dass sie ein Mietshaus mit vier Parteien besitzt und ungefähr 1000 Euro monatlich mehr verdient als ich. Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass ich nicht reich bin. Das mit dem „blöd“ wissen Sie ja schon.

Ich verschenkte eine der liebsten Erinnerungen an meine Kindheit, ein originales „Hohner“-Akkordeon, auf dem ich im Alter von 5 Jahren das Spielen gelernt hatte, an eine flüchtige Bekannte, die von einer Krebs-OP genesen war, weil sie mindestens 20mal beteuerte: „Ach, das ist so eine hübsche kleine Orgel, die würde mir gefallen.“

Geldautomat auf zwei Beinen

„Nimm sie mit“, sagte ich, weil ich dachte, sie brauchte die „Orgel“ dringender als ich. Und ich gestehe, dass mir diese Geste schon öfter leidgetan hat, denn die Frau kann nicht spielen und ist unmusikalisch bis ins Mark. Und weil ich mehrere hundert Euro für ein neues Akkordeon ausgeben musste. Habe ich schon erzählt, dass ich blöd bin? 

Für einige war ich ein Geldautomat auf zwei Beinen, für andere Behelfs-Butler, Tapezierer, Anstreicher, Hundesitter, Einkäufer, Chauffeur, Animateur, Bäcker, Koch, Partyplaner, Auftrags-Fotograf („Kannst du mich so knipsen und schminken, dass ich schön aussehe?“ – ja, kann ich. Dauert halt inklusive Nachbearbeitung so um die 20 Stunden, aber die opfere ich gern. Ich bin ja nett), Dokumentarfilmer (Hochzeiten und Geburtstage), Friseur, Psychologe, Zuhörer, Babysitter, Kindesbetreuer, Jugendherberge und Hotel. 

Alles gratis. Immer. 

Über etliche Jahre wurde in meinem Kollegenkreis nicht geheiratet oder Geburtstag gefeiert ohne ein mindestens 15(!)-seitiges Gedicht über den Werdegang des Brautpaares oder Jubilars, von mir verfasst. Das längste bestand aus 27 Seiten und beschrieb die gesamte Kindheit der frisch Getrauten bis hin zur Hochzeit. Dafür schenkte mir der „Auftraggeber“ ein ungehobeltes Schneidebrett aus dem Sägewerk seiner Verwandten.

Ich besitze es heute noch, damit ich nie vergesse, wie bescheuert ich war, und benutze es regelmäßig, obwohl man es nicht mal richtig abwaschen kann, denn es ist rau, und man zieht sich Splitter in die Finger.

Stundenlange Telefonseelsorge bei Liebeskummer

Ich wurde von Hunden spazieren geführt, die so groß waren wie ich selbst, reinigte Aquarien, verlieh mein Auto, mein Laptop, und sogar mal meinen Fernseher, und ich war Telefonseelsorgerin für mindestens 50 Personen. 

Einmal telefonierte ich an einem Samstagmorgen mit einer Bekannten, deren verheirateter Freund ihren Geburtstag vergessen hatte. „Ich habe nicht lange Zeit, ich muss zum Wertstoffhof, Einkaufen, und danach das Haus saubermachen“, bat ich zu Beginn des Gesprächs, aber sie legte erst nach vier (!) Stunden auf.

Und rief kurz darauf gleich nochmal an, der Freund hatte nämlich eine neue fiese SMS geschickt, über die wir die nächsten vier Stunden reden mussten. 

Das habe ich mir nicht ausgedacht, es ist wahr. Acht Stunden. 

„Dummgut“ – ein Begriff für Menschen wie mich

Nichts war mir zu teuer oder zu aufwändig, wenn es darum ging, zu helfen. Aber ich war schon als Kind so: Bekam ich von meiner Oma Geld geschenkt, dann kaufte ich meiner Mutter eine neue Handtasche oder einen Strauß Blumen. Vielleicht ist es ein genetischer Defekt. 

Es existiert ein Begriff für Menschen wie mich: „Dummgut“. Man musste mir lediglich suggerieren, dass jemand Hilfe brauchte, und schon legte ich los wie der Duracell-Hase oder ein dressiertes Äffchen. Ich war leicht zu manipulieren und wurde ausgenützt. 

Manchmal fragte mich mein Herzblatt, wenn eine bestimmte „Freundin“ wieder verschwunden war: „Und? Wie viel hat sie dir heute wieder aus dem Kreuz geleiert?“ Komisch, dass andere immer alles etwas pragmatischer sehen als man selbst. Wenn Sie auf Kommando heulen konnten, waren sie bei mir auf der sicheren Seite. 

So lief das viele, viele Jahre lang. Und eben bei diesem Umzug in 2014 dämmerte in mir die Erkenntnis, dass ich ein Depp gewesen war. Ich litt an kognitiver Dissonanz, was mich selbst betraf. Weil ich nicht wahrhaben wollte, dass nie was zurückkam.

Weil mir zwar aufgefallen war, dass ich von den Leuten, denen ich am meisten geholfen hatte, zum Geburtstag nicht mal eine SMS kriegte, aber den logischen Zusammenhang nicht herzustellen vermochte. Es hätte vielleicht zu sehr geschmerzt.

Abgrenzen will geübt sein

Über Jahre war ich nicht fähig, Einsteins Definition von Wahnsinn zu verstehen: wenn man immer das Gleiche tut, aber jedes Mal ein anderes Ergebnis erwartet. 

Also übte ich mich ab dem Umzug darin, mich abzugrenzen. Auch mal laut und deutlich „Nein“ zu sagen. Hey – das ist sehr schwer, wenn man es nicht gewöhnt ist. Es ging nicht von heute auf morgen, denn ich musste mein Paradigma, das mich mein Leben lang begleitet hatte, neu überdenken. Bisher hatte es gelautet:

 „Wenn es jemandem schlecht geht, MUSST du helfen, egal, was es kostet, und wie viel Arbeit es macht. Sonst bist du nicht nett. Und kein guter Mensch.“

Dann stellte ich fest: Ich muss gar nicht immer nett sein. Oder gut. Und ich kann prima damit leben, wenn jemand mich deswegen nicht mehr mag. Weil es sich dabei ohnehin um Leute handelt, für die ich vermutlich vorher schon nicht sonderlich sympathisch, sondern nur verfügbar gewesen war.

Die Erde tat sich nicht auf, ich kriegte keine bösen Briefe, nur die Anrufe wurden weniger, die Nachrichten mit „kannst du mal, würdest du bitte?“, nahmen merklich ab. 

Alkoholikern kann nur eine ärztlich überwachte Entgiftung helfen. Telefonate, bei denen einer der Gesprächspartner nachts um 23:00 Uhr lallt: „Du bischt mein einschiger echter Freund…“, führen wirklich zu gar nichts. Das gilt auch für Anrufe von Frauen in toxischen Beziehungen. Wenn die das schon 20 Jahre mit so einem Soziopathen aushalten, sind sie zäh genug. Wären diese geplagten Damen ernsthaft daran interessiert, ihren Status zu ändern, würden sie sich trennen.

Andere lagerten ihren Seelenmüll ab

Aber sie erzählen mir eigentlich nur, was sie sich „ihm“ nicht ins Gesicht zu sagen trauen. Und mir geht es anschliessend mies, denn ich bin bestenfalls das Äquivalent eines Taschentuchs, in das sie sich schnäuzen, damit sie zuhause wieder ein freundliches Gesicht machen können.

Also lasse ich das künftig. Geld muss man nicht verleihen, man kann es tun, akzeptiert dann aber im Vorfeld, dass gewisse Personen, die schon ihr Leben lang finanziell nicht klarkommen, nicht damit anfangen werden, nachdem man ihnen eine größere Summe zukommen ließ. Also schreibt man es als „Spende“ ab, denn man sieht die Kohle niemals wieder. Oder lässt die Geldbörse zu – meine bevorzugte Haltung seit einigen Jahren.

Jeder kann backen lernen, das ist gar nicht so schwer. Man muss sich nur die Zeit dafür nehmen und mal die Finger von Twitter oder Instagram lassen. Ihr könnt ja dann eure Ergebnisse posten und auf Likes von mir warten. Wenn ihr wollt, dass ich weiterhin eure Tiere versorge, wenn ihr in Urlaub fahrt, dann kümmert euch künftig auch um meine.

Putzen für andere? Nein!

Ausgeführt werden von mir nur noch Hunde mit einer Risthöhe von höchstens 30 Zentimetern, alles andere führt zu Unfällen und Hindernisläufen auf wunbekanntem Terrain,  weil ich damit beschäftigt bin, euren Dobermännern hinterherzujagen und hoffe, dass ihnen der Jäger nicht zuerst begegnet.

Ich putze nicht mehr für euch. Wenn ich das wollte, könnte ich einen Reinigungs-Service aufmachen und damit Geld verdienen. Und ich habe Höhenangst. Mir wird schwindelig, wenn ich auf der zweiten Stufe einer Trittleiter stehe. Niemals mehr werde ich ein Baugerüst betreten, außer, ein SEK-Team mit vorgehaltener Waffe zwingt mich dazu.

Also muss euch künftig jemand anderer die Ziegel reichen. Außerdem hasse ich Tapetenkleister. Der klebt überall, sogar in den Haaren, und geht beim Waschen nicht mehr richtig raus. Warum nur seid ihr zu gezig für einen Maler? Ich musste ihn auch bezahlen. Von euch war nämlich keiner da.

Nicht mehr zuständig für Wohltaten aller Art

Euch vom Flughafen abholen, obwohl ihr euch nicht einmal am Benzin beteiligt?Wer imstande ist, sich im hintersten Winkel des Planeten herumzutreiben, muss fähig sein, einen Zugfahrplan zu lesen.

TV und Auto brauche ich selbst, wie ich feststellen musste, denn als einer von euch mit meinem Wagen gerade seine neue heiße Schnecke besuchte, musste ich mit dem Taxi zum Tierarzt fahren. Und wer noch mal meinen Fernseher will, muss ihn sich mit Gewalt holen. Basta.

Ganz so unfreundlich habe ich es natürlich nicht formuliert. Aber ich war präzise in meinen Aussagen und bestimmt, ab dem Moment, in dem sich meine überbordende   Hilfsbereitschaft in reine Selbsterhaltung verwandelte.  

Die Anzahl meiner Bekannten hat sich auf eine überschaubaren Gruppe dezimiert. Weil ich nicht mehr freudig „Ja“ schreie, wenn angefragt wird, ob ich nicht aushelfen kann. Ein gewisses Hintergrundrauschen an Bedarf existiert ja trotzdem weiter. Beispielsweise schneide ich nach wie vor Videos für bestimmte Anlässe, aber das tue ich gern, es macht mir Freude. Gedichte über 27 Seiten zu schreiben für Leute, die ich noch nie im Leben gesehen habe, macht mir keine mehr.

Alles Übermäßige wird schnell zur Belastung

Alles, was man gern tut, wird, wenn man es im Übermaß betreibt, zur Belastung. 

Es geht mir wirklich richtig gut, ich hätte es nicht gedacht. Und es muss einen nicht jeder mögen. Das kann man tatsächlich aushalten. Einsamer wurde ich nicht – ich habe nur endlich wieder mehr Freizeit. Und echte Freunde, die auch mal für mich da sind, wenn ich sie brauche. 

Aber mal ganz unter uns: Wenn es Ihnen wirklich schlecht geht, melden Sie sich ruhig. So ganz werde ich das Helfer-Syndrom nie mehr los werden – es ist wie eine schlummernde Herpes-Infektion. Nett bin ich ja weiterhin. Nur nicht mehr ganz so naiv.

Ich kann nur jedem empfehlen, es selbst  zu versuchen. 

Es grüßt Sie augenzwinkernd

Ihre Barbara Edelmann 

Bildnachweis: stock.adobe.com / Krakenimages.com

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