Dienstag, 22. September, 2020

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Und irgendwann war ich dann „praktisch“ – Kolumne von Barbara Edelmann

Neulich im Supermarkt: Eine bildhübsche junge Frau in engen Jeans läuft an mir vorbei. Ihr auf Taille geschnittener Kapuzenparka in Kombination zur windschlüpfrigen Jeans, die hohen Stiefeletten und das klitzekleine Designertäschchen mit dem Gucci-Logo erwecken den Eindruck, als hätte sie sich auf dem Weg zum Casting für eine Model-Show verlaufen.

Mit wallender Mähne, perfekt gezeichneten Augenbrauen und eisiger Herablassung sieht sie durch mich hindurch und schreitet dann graziös in Richtung Ausgang, begleitet von einer mir unbekannten Duftnote nach Patschuli und Zimt. Amüsiert schaue ich ihr nach. Niedliche Mütze, tolle Figur, aufrechter Gang. In ihrer Jeans würde ich mich vermutlich fühlen, als hätte man mich für einen Sado-Maso-Streifen verschnürt. Die dunkle Wolke an Haaren wurde wahrscheinlich heute Morgen penibel in Form gebracht.

Damals konnte ich alles tragen

Vom aufwändigen Make-Up ganz zu schweigen. Das Mädchen erinnert an die Zeit, als ein abgebrochener Fingernagel oder ein winziger Pickel am Kinn für mich den Abend ruinierte.

Als ich in der Disco stündlich auf dem Klo mein Make-Up überprüfte, und als ich mich beim Pizza-Essen mit Freunden auf eine Peperoni vom Nachbarteller beschränkte, um weiterhin in Größe 34 zu passen. Alles konnte ich damals tragen – vom weit ausgestellten Tellerrock bis zur hautengen Leggings, vom Bleistiftrock bis zum Abendkleid in A-Linie. Und tat es auch.

Denken Sie jetzt nicht, ich stünde gerade vor dem Supermarkt-Gewürzregal in ausgelatschten Boots, schmuddeligem Shirt und einer Frisur, die aussieht wie das Innere eines Staubsaugerbeutels. Ich habe nur damit aufgehört, perfekt sein zu wollen. Es war mir schlussendlich zu viel Arbeit, und es hat wahnsinnig viel Zeit gekostet. Irgendwann stand der Aufwand in keiner Relation mehr zum vermeintlichen Nutzen. Heute habe ich keine Ahnung mehr, warum ich mich viele Jahre lang so reglementiert und diszipliniert habe. „Praktisch“ bedeutet ja nicht gleichzeitig, sich gehen zu lassen.

Kurz sehe ich an mir herab. Dezente Stiefel von Marc’O Polo in neutralem Kackbraun, dunkelblauer Daunenmantel von Ralph Lauren, No-Name-Jeans, und ein zwar älterer, aber flauschiger Pulli aus 100 % Kaschmir, den ich mit Haarshampoo wasche und liegend trockne. Designerklamotten mit riesigem Logo auf Brust oder Rücken habe ich aus Prinzip ohnehin nie getragen. Das Zeug ist teuer genug, warum sollte ich zusätzlich für die Edelmarken showlaufen?

Der Kleiderschrank quillt nicht mehr über!

Seit längerem quillt mein Kleiderschrank nicht mehr über mit hochhackigen Pumps, für die man in manchen Ländern einen Waffenschein bräuchte, mit enganliegenden Etuikleidern und dazu passendem Blazer, mit Hosenanzügen aus Kammgarn und Seide, mit Gürteln in verschiedenen Farben von Prada, Armani oder Gucci. Aus die Maus.

Mittlerweile schleppe ich meine samstäglichen Einkäufe in flachen Stiefeln zum Auto und überlege mir morgens, was am jeweiligen Tag zu tun ist. Danach richtet sich meine Kleiderwahl. Ich besitze einen riesigen Fundus aus Jeans, T-Shirts, Long-Pullovern und Sneakern, dazu massenhaft flache Lederstiefel von Ralph Lauren, weil ich die Marke mag. Die ungetragenen Stiletto-Pumps von Guess liegen jetzt in einem Karton, den ich irgendwann auf den Flohmarkt schleppen werde. Diese Pumps habe ich mir drei Tage vor meinem Zehenbruch gekauft, bald dürfen sie jemand anderen glücklich machen. Sie hätten der jungen Frau im Supermarkt bestimmt prima gestanden.

So praktisch dachte ich nicht immer. Ehe ich nämlich früher beispielsweise ungeschminkt aus dem Haus gegangen wäre, hätte ich mich lieber erschossen.

Allein der Aufwand, den ich mit meinen Haaren betrieb, erhielt mehrere Friseursalons am Leben. Sie sollten mal meine Hochleistungs-Föhne im Badschrank sehen. Ich habe mir seinerzeit zwei gekauft, damit ich einen für den Notfall in Reserve habe. So was wird heute gar nicht mehr gebaut. Jeder von denen könnte eine Katze ins nächste Dorf blasen. Heute erhitze ich mit diesen Geräten Schrumpffolie zum Einschweißen meiner handgemachten Seifen.

Geschminkt beim Camping

Mit 20 fuhr ich mit meiner Freundin Susi zum Campen an den Gardasee. Jeden Abend baute ich vor dem Zelt einen kleinen Tisch auf, holte meinen bis zum Bersten gefüllten Schminkkoffer und bemalte mich für den Abend. Ein kleines Mädchen vom Nachbarzelt kam dann jedes Mal mit ihrem Blasebalg, um mir die selbstverständlich frischgewaschenen Hare zu trocknen. Oft wurde ich von amüsierten und fassungslosen Touristen während meiner Sitzungen fotografiert: vor Bergen von Fläschchen und Döschen, in der Hand einen riesigen Rouge-Pinsel, angestrengt mein Gesicht in einem Rasierspiegel musternd, damit mir nur ja kein noch so winziger Pickel entginge.

Ein anderes Mal war mein rechter Arm wegen eines Motorrad-Unfalls bis zur Schulter in Gips. Freunde fuhren mich abends zu einem Date, und ich schaffte es tatsächlich, ausschließlich mit der linken Hand, auf dem Rücksitz eines Autos in völliger Dunkelheit mein Make-Up zu vervollständigen. Ich war ein Profi.

Als ich wegen einer Gallenblasen-OP ins Krankenhaus musste, ließ ich mir zuvor eine fluffige Dauerwelle legen und lackierte mir die Nägel in knalligem Pink, denn ich wollte auch in Narkose gut aussehen. Die Geschichte ging übrigens nicht gut aus, denn als ich nach vier Wochen im künstlichen Koma aufgeweckt wurde, hing mein Haar wie Schnittlauch ins Gesicht und von meinen knallpinken Fingernägeln war nicht mehr viel übrig. Als ich später zum ersten Mal in einen Spiegel blickte und mein ausgezehrtes Gesicht nicht auf Anhieb erkannte, brach ich in Tränen aus.

Ich war ein ernster Fall…!

Kaum war ich wieder in der Lage, eine Gangschaltung zu bedienen, vereinbarte ich einen Termin mit meiner Kosmetikerin und fuhr schweißgebadet, vor Anstrengung keuchend, zu ihr. Die vier Stufen zu ihrer Praxis hoch schaffte ich mit Pausen, aber so wollte ich nicht rumlaufen, nicht mal halbtot.

Sie sehen – ich war ein ernster Fall.

Jahre zogen ins Land, meine Kosmetikprodukte wurden hochpreisiger, weil ich es mir leisten konnte, aber  nicht weniger. Immer noch quoll mein Badschrank über mit Cremes, Tuben, Kajalstiften, Lidstrich, Lidschatten, Rouge-Puder und Lippenstiften, von denen ich ungefähr 80 Stück besaß. Ausschließlich von Clinique, Shiseido, Kanebo oder Helena Rubinstein. Da war mir nichts zu teuer. Diese Lippenstifte verteilte ich griffbereit im Auto, sämtlichen Handtaschen, Jeans-Hosentaschen oder auf dem Couchtisch, damit ich immer einen zur Hand hatte. Spiegel brauchte ich keinen, denn nach ein paar Jahrzehnten Übung, und bei Verwendung transparenter Farben, kann man sich auch ohne die Lippen nachziehen.

Meine Ansprüche an mich selbst waren hoch. Alles musste zusammenpassen: die Handtasche zu Gürtel und Schuhen, der Lippenstift zu Kostüm und Bluse. Ich orientierte mich mit militärischer Disziplin an teilweise überkommenen Regeln wie „no brown after six“ oder „niemals eine weiße Handtasche nach September“. Übertreten hätte ich diese Regeln niemals. Da war ich eisern.

Geboren wurde ich als „echte“ Blondine – mit blonden Haaren, Augenbrauen und Wimpern. Im Laufe der Jahre verwandelte sich allerdings diese Farbe in eine Art „Straßenköterblond“, das von meinem Friseur „aschig“ genannt wurde.Aber dann kam der 18.12.93, und mit ihm mein erstes Date mit einem Mann, in den ich sehr verliebt war. Unentschlossen musterte ich mich vor dem Spiegel. „Blonde Strähnen würden alles auflockern“, flüsterte die unzufriedene kleine Stimme in mir, wegen deren Quengelei ich immer so viel Zeit für mein Äußeres aufwendete, also fuhr ich zum Friseur, wo ich mir normalerweise nur einmal im Vierteljahr die Spitzen schneiden ließ.

Auf einmal war ich blond

„Was machen wir?“, fragte eine freundliche Friseurin, als sie mir das Plastikmäntelchen umlegte. „Ich möchte Strähnen“, antwortete ich. „Goldblond wäre gut.“

Kurze Zeit später kam sie mit einer kleinen Schüssel zurück und begann, eine weiße Creme auf meinem Kopf zu verteilen. Das kam mir spanisch vor, aber sie würde wissen, was sie tat, dachte ich.
Damals bekam ich zum ersten Mal die Haare gefärbt und brauchte tatsächlich eine ganze Stunde, um das zu kapieren. Das Blond war aber hübsch, es gefiel mir. Da ich niemand bin, der wegen verschütteter Milch jammert, sagte ich mir: „Ist nun mal so, hör auf zu jammern“, und ließ es von da an alle sechs Wochen nachfärben.

Es ging anfangs nicht immer gut. Einmal bemerkte ich am Morgen nach dem Friseurbesuch im hellen Tageslicht, dass meine Haare dieselbe Farbe hatten wie meine ausgewaschene Jeans: Hellblau. Ein anderes Mal schimmerten sie grünstichig, denn ich war frisch gefärbt im Freibad gewesen. Und wieder ein anderes Mal blätterte die Haut hinter meinen Ohren in großen Schuppen ab. Aber von solchen Kleinigkeiten lässt sich eine Frau wie ich nicht irritieren.

Im Jahre 2000 ließ ich mir dann in einem Anfall von Wahn die Haare in Dunkelbraun färben, weil ich dachte, es wirke seriöser. Das war für mich als Natur-Blondine keine wirklich gute Idee, denn es sah scheiße aus. Ich war zu blass, meine Augen zu blau, und der Farbton wirkte rötlich, statt brünett. Im Grunde hätte ich zusätzlich noch eine komplett neue Garderobe gebraucht, da ich plötzlich Orange und Froschgrün tragen konnte, zwei Farben, in denen ich normalerweise aussah wie beim Auskurieren eines Magen-Darm-Virus. Und alle meine „Blondinen“-Outfits wirkten fade.

Das neue Ich war zeitaufwändig

Zeitaufwändig war dieses neue brünette Ich auch: Schon eine Woche nach dem Färben begannen meine Haare in Aschblond nachzuwachsen, das aber aussah wie Grau. Ich kaufte mir ein paar Tuben Tönung, versaute mindestens 10 Handtücher, färbte aus Unfähigkeit die Kopfhaut mit, und bemerkte entsetzt, dass meine Dusche nach jeder Benutzung aussah wie die Filmsequenz in „Psycho“, in der die Blondine erstochen wird. Irgendwie hatte ich mit braunen Haaren noch mehr Arbeit als zu meiner aschigen Zeit.

„Bitte, mach sie wieder blond“, flehte ich meinen Lieblingsfriseur nach fünf Wochen an. „So einfach funktioniert das nicht“, erklärte er mir bedauernd. „Ich kann sie dir jetzt nicht einfach wieder blond färben, da gehen die Haare kaputt. Wir hellen es nach und nach auf, aber mit knapp zwei Jahren musst du rechnen.“ Es waren verdammt lange zwei Jahre. Kurz vor deren Ablauf schaffte ich es immerhin bis zu einem glänzendhellen Rotton, mit dem ich wirkte wie frisch aus Irland eingeflogen.

Kurz vor meinem 40ten Geburtstag beschloss ich, künftig ein Fitness-Studio aufzusuchen, das taten alle, und ich wollte nicht der faule Sack sein, der sich nicht um seinen Muskeltonus kümmert. Also trainierte ich dreimal wöchentlich  morgens um 7:00 Uhr, denn ich musste nach dem anschließenden Duschen sofort zur Arbeit. Zwei Jahre hielt ich durch. Während dieser Zeit fühlte ich mich so  stark wie der „Hulk“, lief aufrechter und trug bei fast  jedem Wetter ärmellose Klamotten. Dann verpasste ich wegen höherem Arbeitsaufkommen den ersten Termin. „Ach, diese Woche lass ich mal aus, ich hab mir eine Pause verdient“, dachte ich. „Da kann ich auch nächsten Montag weitermachen.“

Das Fitnessstudio sah ich nur noch beim Vorbeifahren

Ich ging nie wieder hin, und ich fand immer neue Ausreden. Zwar zahlte ich noch 10 Monate weiter meine Beiträge, aber das Studio sah ich nur noch beim Einkaufen, wenn ich dran vorbei fuhr.
Zum Ausgleich schaffte ich mir, getrieben von guten Vorsätzen, zuerst ein Rudergerät, dann einen Crosstrainer an. Falls Sie Bedarf haben…

Zwei Jahre später ging das mit den Gelnägeln los. Alle meine Freundinnen hatten welche, also wollte ich die auch. Bis zu diesem Zeitpunkt benutzte ich normalen Nagellack, den ich einmal in der Woche erneuerte. Aber natürlich bekam ich das nie so hin wie zum Beispiel meine Bekannte Sissi, die auf ihren Fingernägeln quasi das Fresko der Sixtinischen Kapelle in Strass auf Acryl spazieren trug. So was musste ich haben!

Da ich zeitlich sehr eingebunden war und keine Zeit für lange Autofahrten hatte, dauerte es eine Weile, bis ich jemanden in der Nähe fand: eine Hausfrau im Nachbarort, die sich nebenbei was dazuverdiente und ein paar Kurse in Nageldesign absolviert hatte. Sie verpasste mir French Manikure. Es war elegant, es sah unglaublich gepflegt aus, und stolz wedelte ich bei Gesprächen fortan mit den Händen vor meinem Gesicht herum, damit es auch jeder sehen konnte.

Niemand hat mich vor „Nebenwirkungen“ gewarnt

Niemand hatte mich vor den „Nebenwirkungen“ gewarnt: An der Kasse im Supermarkt konnte ich weder das Wechselgeld vom Transportband aufklauben, noch die EC-Karte aus dem Fach im Portemonnaie fieseln, weshalb ich dazu überging, der Kassiererin flehend meinen Geldbeutel mit geöffnetem Münzfach oder meine bittend ausgestreckte Handfläche entgegen zu strecken. Die aber legte jedes einzelne Mal wieder mein Wechselgeld mit verstohlenem Grinsen auf das Laufband.

Bis heute habe ich keine Ahnung, wie andere Frauen das mit ihren Nägeln hinbekommen. Ich selbst hatte beispielsweise Probleme damit, eine Bluse auf- oder zuzuknöpfen, denn ich kriegte die Knöpfe nicht zu fassen. Bei der Arbeit vertippte ich mich ständig, weil ich  drei Buchstaben anschlug, anstatt einem. Tippen habe ich nämlich auf uralten mechanischen Maschinen gelernt, auf deren Tastatur man mit dem Hammer hauen musste.

Auch Gartenarbeit war eine frustrierende Beschäftigung geworden. In die üblichen Gartenhandschuhe passten meine langen Nägel nicht rein, Gummihandschuhe machte ich sofort kaputt. Zupfte ich Unkraut mit nackten Händen, sah ich hinterher aus, als hätte ich soeben ein Grab geplündert, ganz zu schweigen von der Mühe, die Nägel mit einer Bürste wieder zu sauber zu bekommen. Mein Leben war  umständlich geworden. Gepflegter, aber umständlich.

Meine Nägel waren dünn wie Papier

Nach eineinhalb Jahren ließ ich die Gelschicht entfernen und erschrak: Die Nägel waren dünn wie Papier geworden. Das können Sie wörtlich nehmen. Sie rissen bei der kleinsten Kleinigkeit bis ins Fleisch, waren am Ansatz entzündet, und ich konnte immer noch keine Bluse zuknöpfen, weil es höllisch schmerzte. Weiß an den Nägeln hatte ich gar keines mehr. Es sah schrecklich aus und ich versteckte die Hände, mit denen ich vor kurzem noch begeistert herumgewedelt hatte, von da an schamhaft unter dem Tisch. Nicht mal mit Nagellack konnte ich das Elend überdecken, dazu waren meine Nägel viel zu kaputt.

Vor einigen Jahren begann der Trend mit den gemalten Augenbrauen. Meist sind sie dunkel und deutlich gezeichnet. Sehr viele junge Frauen tragen sie. Nein. Da mach ich nicht mit, das würde nur schiefgehen, ich kenne mich. Jahrelang ließ ich meine Brauen vom Profi zupfen und färben, aber es kam jedes Mal etwas anderes dabei heraus. Erstens hielt die Farbe nie länger als zwei Wochen, zweitens gerieten die Brauen entweder zu dick oder zu dünn. Wahlweise sah ich aus wie Marlene Dietrich nach einer Sauftour oder Bette Davis in „Wiegenlied für eine Leiche“.

Mein Gesicht pflege ich seit meinem 18ten Lebensjahr konsequent, da las ich nämlich in der „Cosmopolitan“, dass man gar nicht früh genug damit anfangen könnte. Über Jahrzehnte besuchte ich allmonatlich meine Kosmetikerin, die auch ausgebildete Visagistin war, und verließ ihr Studio nie ohne eine prall gefüllte Tüte mit Cremes, Lidschatten oder Lippenstiften, denn sie war nicht nur kompetent, sondern auch geschäftstüchtig.

Den Kosmetik-Termin verpasste ich nie

Nie verpasste ich einen Besuch, denn meine Fee zupfte mir nicht nur lästige Härchen vom Kinn, sie verpasste mir auch nach jedem Termin ein super Make-Up, mit dem ich aussah wie eine Mischung aus Michelle Pfeifer und Sharon Stone, wenn ich mit meinem Tütchen zum Parkplatz wankte. „Wanken“ deshalb, weil das Zeug in der Tüte ein Vermögen kostete. Aber ich gönnte mir ja sonst nix, vor allem keine Kalorien.

Seit meinen jungen Jahren befand ich mich nämlich auf Dauerdiät. Ich sehe mich heute noch mit 19 im Kreis meiner Freunde in der Pizzeria sitzen. Alle aßen, nur ich hatte nichts bestellt und zupfte hungrig eine Peperoni vom Teller meines Nachbarn. Noch heute kann ich Ihnen den Kaloriengehalt aller gängigen Grundnahrungsmittel aufsagen. Die habe ich auswendig gelernt und kriege sie auch nicht mehr aus dem Kopf.

In meinen Vierzigern dämmerte mir schließlich, dass mein Leben stressig geworden war. Zusätzlich zum Vollzeitjob, einem riesigen Garten, Kinderbetreuung, Vereinsleben und häuslichen Pflichten kamen ja regelmäßige Besuche bei Kosmetikerin, Nagelstudio, Friseur, Fitness-Studio, dazu eine Diät nach der anderen. Als gepflegte Frau hat man eben nie Feierabend. Oder genug zu essen.

„Gepflegtsein“ wurde zum Fulltime-Job

Als das „Gepflegtsein“ allmählich zum Fulltime-Job mutierte, erreichten mich plötzlich innerhalb eines einzigen Monats mehrere Hiobsbotschaften. Meine Kosmetikerin wanderte aus und ließ mich sitzen. Das neue Fitness-Studio, in dem ich mich kurz zuvor reuig angemeldet hatte, wurde wegen Insolvenz geschlossen, meine Nägel unter dem Gel entpuppten sich als gesundheitsgefährdend ruiniert, und mein Lieblings-Friseur ging in den Ruhestand. Wer sollte mir künftig die Haare färben, mich beim Trizeps-Training beraten, meine Augenbrauen konturieren, mir teure Cremes ins Gesicht massieren? Ich war erledigt! Nach dem ersten Schock dämmerte mir, dass ich das auch positiv sehen könnte. Es war eventuell an der Zeit, diesen Wahnsinn etwas einzudämmen. Aber das klappte nicht von heute auf morgen.

Als dieser Bann erst mal gebrochen war, ging es schleichend weiter. Nachdem ich mir ein paar nagelneue sündteure Pumps von Prada im Abtropf-Gitter eines Bahnhofs ruiniert hatte, begann ich, öfter flaches Schuhwerk zu tragen. Irgendwann fand ich nämlich keinen ausreichenden Grund mehr für hohe Pumps beim Abholen von Leuten an Bahnhöfen oder beim Schlendern durch den Supermarkt, im Gegenteil. Irgendwann fing ich an, Jeans zu bevorzugen, und trug Kleider, vor allem eng geschnittene, nur noch im Sommer oder zu besonderen Anlässen. Irgendwann begann ich, lange Wintermäntel zu kaufen statt kurze, in denen ich ständig an den Schenkeln gefroren hatte. Irgendwann nahm ich fünf Kilo zu und suchte nicht sofort nach einem Hanfseil oder meldete mich bei den Weight Watchers an, sondern kaufte mir meine Klamotten eine Nummer größer.

Der praktische Stil kam schleichend

Ich rannte auch nicht von einem Tag auf den anderen los mit dem Entschluss, jetzt blindwütig nur noch „praktische“ Klamotten zu kaufen. Die schlichen sich nach und nach in meinen Schrank, weil ich bei jedem Teil heute gründlich überlege, wann ich es tragen könnte, wie oft, und zu welchem Anlass.

Wenn Sie wie ich oben auf einem Berg wohnen und die stark abschüssige Straße vor Ihrem Haus im Winter häufig gefroren ist, bevorzugen Sie vermutlich auch Schneestiefel mit dicken Sohlen. Ich hab jetzt ein hübsches Paar von Armani. Meine Stiefel mit hohen Hacken sind zu „Taxi-Schuhen“ mutiert, die trage ich nur noch, wenn ich höchstens fünf Meter damit laufen muss und dann in ein Auto einsteigen darf. Egal in welches.

Sneaker besitze ich mittlerweile in allen Farben und Formen, vor allem, seit ich mir vorletztes Jahr innerhalb eines Monats an jedem Fuß einen Zeh gebrochen habe, weil ich ganz offensichtlich zu blöd zum Barfußlaufen bin.

Und letztes Jahr besuchte ich tatsächlich ein Straßenfest, für das ich mich vor fünf Jahren noch voll in Schale geworfen hätte, in flachen weißen Sandaletten, Skinny-Jeans und einem langen Leinenhemd. Ist niemandem aufgefallen. Die Augenbrauen färbe ich seit Jahren mit einem speziellen Puder, der wie Lidschatten aufgetragen wird. Meine super coole Friseurin kommt mit dem Trike ins Haus, wenn ich mir das wünsche und macht aus mir wieder eine aschige Blondine. Ich trainiere regelmäßig mit  Hanteln vor dem Fernseher und mache Yoga, dazu muss ich nicht mal vor die Tür. Meine Nägel knipse ich einmal die Woche kurz. Sie sind gesund und in meinen Augen schön.

Designerkleidung kaufe ich immer noch gern!

Zwar kaufe ich immer noch gern Designerkleidung, aber eben funktionelle. Die gibt es tatsächlich. Von guter Qualität müssen die Klamotten sein, das ist mir wichtig. Und ich habe im Laufe der Jahre eine tiefe Abneigung gegen Kunstfasern entwickelt, weil ich jedes Mal eine gewischt kriege, sobald ich den Küchenherd oder eine meiner Katzen anfasse, wenn ich ein Polyestershirt trage. Sobald ich heute eines dieser Blüschen aus durchsichtigem Material durch meine Finger gleiten lasse, schaudere ich, obwohl die teilweise wirklich hübsch aussehen.

Letztes Jahr wollte ich mir eine halbe Stunde vor einem Termin die Zeit vertreiben und betrat die Filiale einer großen Bekleidungskette. Schon nach zwei Minuten standen mir im wahrsten Sinne des Wortes die langen Haare zu Berge. Fluchtartig verließ ich den Laden und habe ihn nie wieder betreten. Ob Sie es glauben oder nicht: Es knisterte da drinnen.

Ja. Ich bin praktisch geworden. Dafür kann ich jetzt aber Kopfsteinpflaster, sandige Kinderspielplätze oder verschneite Wege betreten, ohne Angst davor, mir alle Gräten zu brechen oder mir Absätze von sündteuren Schuhen zu reißen. Ich kann mich über die Tieflühltruhe beugen, und meine Kehrseite bleibt bedeckt. Ich kann mit meiner Freundin ein Restaurant besuchen, mir was bestellen, es tatsächlich essen und dann einen Nachtisch ordern. In den Kleidern, die ich vorher trug, hätte ich nach einem Teller Kraftbrühe genau überlegen müssen, wie tief ich einatme.

Lieber unscheinbar, als unübersehbar!

Vielleicht wird mir nicht unbedingt ein gutaussehender Mann die Tür aufhalten, wenn ich in meinen kackbraunen praktischen Stiefeln schwer beladen ein Geschäft verlasse, aber das nehme ich gern in Kauf. Lieber unscheinbar als unübersehbar, denke ich heute. Mann, war das anstrengend.

Vielleicht sind wir uns schon mal begegnet in letzter Zeit. Ich war die mit der weißen Handtasche. Im Dezember. Ja, ich hab’s tatsächlich getan: etwas Weißes nach September getragen.

Für mich ist das ein riesen Fortschritt. Oh – es klingelt.

Ich hoffe, das ist nicht die Modepolizei…!

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: stock.adobe.com / Kaspars Grinvalds

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