Wenn langjährige Jugendliebe zerbricht – leiden Männer mehr?

Ein Gastbeitrag von Andrea über eine zerbrochene Jugendliebe.

Als ich Marko (Name geändert) heute zufällig bei meinem Spaziergang durch die Wiesen und Felder nahe meines ländlichen Heimatortes traf, erschrak ich. Ich hätte ihn fast nicht erkannt.

Er sah fahl und eingefallen aus – von Weitem dachte ich noch, da ist ein Opa, der sich da am Zaun seines Grundstücks zu schaffen machte. Mein Spaziergang führte mich nämlich über einen schmalen Pfad, der von der einen Seite von Feldern und einem kleinen Bach begrenzt wurde und auf dessen anderer Seite Zäune die rückwärtigen Seiten der Grundstücke,  die zu imposanten Hof-Anwesen gehörten, markierten.

Vor einem Zaunabschnitt also saß Marko und er erhob sich, als ich näherkam. „Mensch, ich hätte Dich fast gar nicht erkannt“ sagte ich und sah seine traurigen Augen.

Dennoch versuchte er zu lächeln und deutete auf den Zaun, an dem er etwas richtete. „Einer muss es ja machen“ murmelte er. Bevor wir uns weiter unterhalten konnten, sah ich seinen Vater auf ihn zukommen. „Ist der Mann von Ebay schon da?“ fragte Marko ihn. Der Vater – der, das wusste ich, mit Markos Mutter ebenso mit auf dem Hof wohnte – nickte.

„Ich verkaufe jetzt relativ viel, was für die Kinder uninteressant geworden ist. Die Kleine ist 15 und der Große 17, für einiges interessieren die sich einfach nicht mehr, so dass ich nach und nach einiges an Spielzeug und so einen Kram bei Ebay verkaufe. Ich habe schon ein Jugendfahrrad darüber losbekommen, ein Trampolin und der Mann, der jetzt kommt, will den Bollerwagen“.

Ich nickte wissend, da auch ich eine begeisterte Ebay-Ver- und Käuferin bin.

„Na ja – und außerdem, jetzt sind `se ja alle weg“. „Wer ist weg?“ fragte ich, da ich nicht wusste, worauf er hinauswollte.

„Na – meine Frau. Mit den Kindern“ erwiderte er.

„Wie jetzt, ihr habt euch getrennt?“ fragte ich ungläubig? Mir dämmerte, dass ich Monika (Name geändert), seine Frau, tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen habe. Hier in der Kleinstadt gibt es in den Sommer- und Herbstmonaten jeden Dienstag so einen Frauen- und Kinder-Treff am Spielplatz, wenn der Bäckerei-Wagen in den Ort kommt (leider hat die letzte Bäckerei hier in der Stadt vorletztes Jahr dicht gemacht und bis heute ist kein einziger Bäcker mehr im Ort).

Dann wird gekauft, geplaudert, die Frauen bringen Kaffee in der Thermoskanne mit und es wird vor Ort schon das eine oder andere leckere Kuchenstückchen verzehrt. Monika habe ich da – wenn ich es mir recht überlegte – vielleicht im Frühsommer das letzte Mal gesehen.

Ich muss dazu sagen, dass ich selbst erst vor Jahren in diese Kleinstadt hier gezogen bin, in der ich jetzt lebe, ich kenne nun wirklich erst wenige Leute. Aber durch diesen dienstäglichen Treff habe ich einige Frauen und ihre Kinder kennengelernt und Marko kenne ich von den Festivitäten, die in der Kleinstadt, in der ich nun zuhause bin, gern und ausgiebig gefeiert werden.

Auch entdeckte ich ihn einmal auf einer Demo gegen eine Kindergartenschließung, die im Ort durchgeführt wurde. Dazumal war so gut wie die ganze Kleinstadt auf den Beinen, egal ob man noch kindergartenpflichtige Kinder hatte oder nicht. Damals hatte ich auch ziemlich lange mit Marko geplaudert und ihn als sympathischen Kerl wahrgenommen.

Als ich im Sommer mal mit meinem Freund an seinem Hof vorbeibummelte und er gerade das Hoftor strich, lud er uns spontan zu einem Glas selbst gemachten Apfelsaft ein. Damals gesellte sich auch Monika dazu und ich habe mir – natürlich nicht! – nie großartig Gedanken über die beiden gemacht.

Sooo gut kannte ich sie ja nun auch nicht.

Aber – dennoch: die Nachricht, die Marko mir da übermittelte, die traf mich doch.

„Na ja, es war eine Jugendliebe, wir sind nach der Schule zusammengekommen, insgesamt waren wir 27 Jahre zusammen“ ließ Marko mich wissen.

Er wirkte, als fiele er bald zusammen. „Tja, sie wollte es so, ist dann ausgezogen mit den Kindern, in die nächste Kleinstadt, in der sie auch arbeitet“.

Ich sah, wie Marko mit den Schultern zuckte, er wirkte so, als ob das soeben Ausgesprochene für ihn immer noch unfassbar war.

„Und nun hänge ich hier, die große Bude und…“

Er brach abrupt ab, aber ich ahnte, was er sagen wollte. „Ich gehe dann mal, der Mann von der Ebay-Anzeige wartet“.

„Mach`s gut, Marko – und komm gern mal bei uns vorbei, wenn Dir die Decke auf den Kopf fällt“ bot ich ihm an.

Er hob schlapp die Hand und ging in Richtung seines Hofes.

Ich schaute ihm nach, wie er mit hängenden Schultern und schleppendem Gang die Wiese entlang schritt, die Trennung von seiner Jugendliebe wahrscheinlich noch immer nicht realisierend.

Und ich fragte mich: „Leiden Männer vielleicht doch mehr, wenn eine Beziehung, die immerhin fast 30 Jahre dauerte und einst eine Jugendliebe war, nach so langer Zeit dann doch zerbricht?“

Ich denke schon…!

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Autor: Anja

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