Sonntag, 26. September, 2021

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Wenn die Depression Freunde und Bekannte stiehlt – Kolumne von Barbara Edelmann

Es gibt etwas, das mir seit Jahrzehnten Freunde und Bekannte stiehlt wie ein Dieb in der Nacht – etwas Gefährliches, das Seelen vergiftet wie Schweröl einen kristallklaren See. Per Definition ist es nicht ansteckend und hat doch für den Erkrankten und teilweise auch sein Umfeld schwerwiegende Konsequenzen.

Ich rede von der Depression, diesem gemeinen Miststück, die in meinem Bekanntenkreis um sich greift wie Lepra oder die Pest.

Die Depression ist heimtückisch und beginnt zumeist unaufällig

Sie ist heimtückisch und beginnt meist für den Beobachter unauffällig: mit einer nicht eingehaltenen Verabredung, einer fadenscheinigen Ausrede, mit Mikroaggression als Reaktion auf harmlose Fragen, mit sozialem Rückzug, mit Stimmungsschwankungen und beängstigender Unberechenbarkeit. Eine Depression zieht weite Kreise, wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. An jedem Menschen „hängen“ nämlich andere, die ihn lieben, brauchen, oder auf ihn angewiesen sind.

Eine Depression betrifft uns alle. Vielleicht lieben wir einen Erkrankten, vielleicht ist er unser Freund, oder ein Verwandter. Auf jeden Fall ist er ein Mensch, den wir nicht verlieren wollen.

Trotzdem stehen wir – das Umfeld – dieser Krankheit in den meisten Fällen machtlos gegenüber. Es scheint, dass alles falsch ist, das wir anpacken, dass jeder Versuch, dem Kranken zu helfen, sich ins Gegenteil verkehrt.

Als Außenstehender weiß man nicht, wie der Betroffene sich fühlt

Auch wenn wir mit Verständnis reagieren, haben wir doch keine Ahnung, wie der Betroffene sich fühlt, denn diese Krankheit ist zwar ein mittlerweile medizinisch definierbarer Zustand, aber dennoch eine subjektive Erfahrung mit einer Vielzahl an Symptomen und Begleiterscheinungen.

Eine Depression bedeutet oft jahrelanges emotionales Siechtum mit ungeheurem zerstörerischem Potential das auch uns Nichterkrankte miteinbezieht. Es leidet der Betroffene, und wir anderen – wir leiden mit, ob wir wollen oder nicht.

Heute geht es nicht um die Krankheit als solche. Dazu fehlt mir die medizinische Kompetenz. Ich habe nur meine eigenen Erfahrungen zu bieten, denn ich gehöre zum „Umfeld“.

Viele Jahre lang habe ich mich bemüht.

Oft verschlimmern gut gemeinte Maßnahmen die Situation noch!

„Ich muss sie beschäftigen“, dachte ich. „Muss mit ihnen etwas unternehmen, ihnen zuhören, für sie einkaufen, Besorgungen erledigen, mit ihnen telefonieren, darf nicht lockerlassen, sie dürfen nicht alleingelassen werden.“

Damit habe ich allerdings teilweise die Situation verschlimmert, denn die Betroffenen ließen sich, weil ich Ihnen das meiste abnahm, entkräftet in ihre Krankheit fallen wie in ein warmes Bad und gaben die Verantwortung für ihr Leben ab.

Dadurch machten sie sich abhängiger und anfälliger, denn Depressive wissen genau, was in ihrem Leben momentan schief läuft, sie wissen nur nicht, wie sie es ändern können, weil sie keine Energie mehr dafür aufbringen können.

Einmal frage ich eine Erkrankte: „Was müsste in deinem Leben anders sein, damit es dir besser ginge?“ Langes Schweigen.

Dann antwortete sie langsam: „Puh, das sind so viele Dinge, die kann ich gar nicht alle aufzählen.“ Der Kranke weiß relativ genau, was schief läuft. Er kann es nur nicht ändern.

Depressive sind oft unfähig, alltägliche Verrichtungen zu stemmen

Teilweise unfähig zu nötigen täglichen Verrichtungen, sind Depressive zwar oft dankbar für Hilfe, doch ihre symptomatische Antriebsschwäche verschwindet dadurch nicht, sondern verstärkt sich eher. Alles entpuppt sich als harte Arbeit: Waschen, Zähneputzen, freundlich zu sein am Telefon, überhaupt ans Telefon zu gehen, Einkaufen, Baden, Schlafen.

Der Depressive ist außerstande, zu funktionieren, wie es im heutigen verdichteten Berufsleben von uns allen gefordert wird. Er lebt am Rande dieser Gesellschaft unter einer schallgedämpften Käseglocke, die sein Universum dunkel färbt und grau.

Still ist es in seiner Welt, als befände er sich unter Wasser, während seine Handgelenke mit Drähten an die Hüften gefesselt sind und er nicht fähig ist, sich zu bewegen. Alles scheint ihm grell, lärmend, gefährlich, und er erträgt kein Lachen oder Heiterkeit von anderen, denn die wissen seiner Meinung nach nicht, wie es ist, wie man leidet. Und alles ist ihm viel zu laut.

Hochphasen und Schwermut im Wechsel

Für den Depressiven sind Kleinigkeiten wie ein Termin Stromschnellen in dem dunklen, trüben Fluss, in dem er durch die Tage treibt, bis es endlich dunkel wird und er sich mit gutem Gewissen gehen lassen kann, denn da macht diese hektische Welt eine Pause.

Oft überkommen ihn tiefe Resignation und Trauer, er fühlt sich von niemandem verstanden. Gelegentliche, selten auftretende Hochphasen wechseln sich mit Anfällen von tiefster Schwermut ab.

Da ihn ohnehin niemand versteht, vollzieht der Depressive häufig einen sogenannten „sozialen Rückzug“. Es ist eine verödete Wüste, durch die er verloren irrt, zu kraftlos, um am Horizont nach Besserung Ausschau zu halten.

Auf der anderen Seite sind wir: die „Lauten“. Wir sind die, von denen der Betroffene vielleicht glaubt, wir seien oberflächlich, weil wir ihn immer wieder fragen, wie es ihm geht. Auf jeden Fall ist er sich ziemlich sicher, dass er von uns nicht verstanden wird.

Einmal überredete ich eine erkrankte Freundin zu einer Wanderung durch eine wunderschöne Schlucht. Kurz zuvor hatte ich gelesen, körperliche Betätigung sei gut bei Depressionen. Es war die schweigsamste Tour meines Lebens, und als wir anschließend in einem Straßencafé, umgeben von fröhlichen Leuten saßen, starrte sie eine Stunde lang wortlos mit Augen, die wie tiefe Brunnen waren, durch mich hindurch.

Oft denken Menschen im Umfeld, mit ihnen stimmt etwas nicht

Am Ende war ich bereit, zu glauben, dass mit MIR etwas nicht stimmte, weil ich versuchte, eine Unterhaltung zu führen, weil es mir gut ging. Ich fühlte mich schuldig und war offengestanden erleichtert, als sie sich von mir verabschiedete. Während sie, in einen Mantel aus Schweigen gehüllt, neben mir durch die Schlucht gewandert war, hatte ich in meinem Kopf ganz deutlich ihre Stimme gehört: „Warum lasst ihr mich nicht alle in Ruhe? Ich will doch nur meine Ruhe! versteht ihr das denn nicht?“

Das Traurige ist eigentlich, dass sie alles andere als „ihre Ruhe“ wollte, sondern Hilfe brauchte. Es war ihr nur nicht bewusst, wie die aussehen sollte. Und ich wusste es auch nicht.

Als „Umfeld“ lernen wir Zurückweisungen hinzunehmen, akzeptieren Kränkungen und sorgen uns. Vor allem sind wir hilflos, denn der Erkrankte errichtet einen undurchdringlichen Schutzwall aus Schweigen und Verweigerung um sich herum.

Niemand fragt uns „andere“, wie wir uns fühlen, während wir uns in Rufbereitschaft halten für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Depressive sich meldet. Niemand weiß, wie beharrlich wir warten, hoffen, über einer Methode grübeln, die uns helfen könnte, den Erkrankten aus dem schwarzen Loch zu hieven, in dem er sitzt, weil er denkt, das sei sein neues Zuhause.

Depressionen können jeden von uns treffen

Depressionen können jeden von uns treffen, keiner von uns ist dagegen gefeit, denn jeder von uns hat eine Sollbruchstelle. Veränderungen wie zum Beispiel der Verlust eines lieben Menschen, Liebeskummer, traumatische Unfälle oder Erlebnisse – alles kann einem die Seele zerbröseln wie einen alten Ziegelstein.

Ich habe gestandene Männer erlebt, Führungspersönlichkeiten, die jahrzehntelang sämtlichen Widrigkeiten getrotzt hatten und dann auf dem Höhepunkt ihrer Macht förmlich implodierten und unter dem Druck zerbrachen, dem sie jahrzehntelang standgehalten hatten.

„Irgendwann fällt der Haufen um“, sagt man bei uns. Und oft ist es nur noch eine Kleinigkeit, die fehlt, um das ganze Gebäude aus Selbstwertgefühl und Verdrängung zum Einsturz zu bringen.

Auf der Seite der AOK fand ich ein Merkblatt mit folgenden, bestürzenden Fakten:

„An Depressionen leiden derzeit in Deutschland 11,3 % der Frauen und 5,1 % der Männer. Insgesamt sind im Laufe eines Jahres in Deutschland 8,2 % der deutschen Bevölkerung, also ca. 5,3 Millionen Bundesbürger erkrankt. 2015 starben mehr Menschen durch Suizid (10.080) als durch Drogen. Die Mehrheit der Suizide erfolgt vor dem Hintergrund einer unbehandelten Depression.“

5,3 Millionen. Lassen Sie das mal sacken. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich auch in Ihrem unmittelbaren Bekanntenkreis ein/e Betroffene/r befindet.

Depressionen haben mir, wie ich erwähnte, einige meiner Freunde oder Verwandten genommen. Die Krankheit als solche ist eine ernstzunehmende Gefahr. Sie lauert im Verborgenen und wartet auf den richtigen Moment. Und sie nimmt keine Rücksicht darauf, ob es sich bei ihrem Opfer um eine ehemalige Frohnatur handelt oder jemanden mit einer belastenden Biographie. Wie bei meinem Freund Ulf, der in seinem Leben niemals echte Sorgen hatte.

Auch lebenslustige Menschen sind vor Depressionen nicht gefeit!

Jahrzehntelang war er ein beliebter Hansdampf in allen Gassen, von der Sorte „liebenswerter Hallodri“, der auf sämtlichen Hochzeiten tanzte. Sein Terminkalender war voller als der eines Bundestagsabgeordneten.

Er besuchte regelmäßig Theateraufführungen, amüsierte sich in Lokalen, hatte einen riesigen Freundes- und Bekanntenkreis und war für jede Unternehmung zu begeistern. Jährlich flog er mindestens dreimal in Urlaub mit attraktiven Damenbekanntschaften.

Zuhause lebte er in perfekter Symbiose mit seiner Mutter, einer resoluten, kultivierten Dame, in einem schnuckeligen kleinen Reihenhaus ohne finanzielle oder gesundheitliche Probleme irgendwelcher Art.

Mit Ulf konnte man tiefsinnige Gespräche über Gott und die Welt führen, am Lagerfeuer philosophieren, sich in Freibad oder Theater amüsieren, auf Partys tanzen, und ein guter, hilfsbereiter Freund war er auch. Immer lauerte in seinen Mundwinkeln dieses versteckte Schmunzeln. Mitfühlend war er, aufmerksam, tolerant und verständnisvoll. Ale mochten ihn gern.

Oftmals ist es ein traumatisches Erlebnis, das eine Depression auslöst

Dann starb seine Mutter im Alter von 93 Jahren und Ulf stürzte ab, trotzdem ihr Tod absehbar gewesen war. Zuallererst zog er sich von sämtlichen Freunden, Bekannten und Verwandten zurück, anschließend verschwand er für zwei Monate in einer Klinik, und als er zurückkehrte, war das vertraute spitzbübische Blitzen in seinen blauen Augen verschwunden, obwohl er jedem versicherte: „Mir geht es wieder gut. Ehrlich. Ich habe mich gefangen. Ich bin jetzt nur ein wenig selektiver in meinem Umgang.“

Wir glaubten das, weil wir es glauben wollten. Dann erst bemerkten wir, was er mit „selektiv“ gemeint hatte, denn er traf sich nur noch mit Leuten, die er während seines Reha-Aufenthaltes kennengelernt hatten. Wir „anderen“ waren wohl keine adäquaten Gesprächspartner mehr. Das tat weh.

Bei Ulf wurde eine reaktive Depression diagnostiziert. Immer, wenn ich dieses Wort ausspreche, denke ich an eine schwarzgekleidete, hagere Gestalt mit einer Kapuze über dem Kopf, die gebückt über meinen Freunden sitzt und mit ihrer knochigen Hand ihren Nacken umklammert, so dass sie sich nicht aufrichten können.

Depressive haben oft keine Lust auf Unternehmungen

Ulf rief seit dem Klinikaufenthalt nie mehr an, um zu plaudern, so wie früher regelmäßig. Er ging nicht mehr mit uns zum Essen aus in sein Lieblingslokal. Einmal verabredete er sich nach tagelangem Betteln mit uns zu einem Kinobesuch. Er begrüßte uns mit Handschlag statt einer Umarmung, sah sich schweigend den Film an und verabschiedete sich anschließend mit einem unverbindlichen Winken, ehe er zu seinem Wagen eilte, als hätte das zweistündige Zusammensein im Kinosaal mit uns sein Nervenkostüm bis zum Anschlag strapaziert. Man merkte ganz deutlich: Er wollte nur noch weg.

In den Urlaub flog er noch häufiger als vorher. Von seinen jeweiligen Aufenthaltsorten schickte er mir immer 20 – 30 Fotos über Whats App, ohne jede Anmerkung.

Diese Reisen waren eine Flucht vor dem, was zuhause auf ihn wartete: ein vom Keller bis zum Dach mit Erinnerungen an seine Mutter vollgestopftes Haus, in dem vom Bodenbelag bis zu den Handtüchern alles von ihr ausgesucht worden war. Und nach jedem Urlaub musste er dorthin zurückkehren.

Null Reaktion…Typisch für viele Depressive

Mittlerweile waren seit dem Tode seiner Mutter zwei Jahre vergangen. Ich hatte schon länger aufgegeben, ihn einzuladen, denn er reagierte nie und sagte weder zu noch ab. Also ging ich davon aus, dass er nicht wollte, denn auf mein „Wenn du reden möchtest, ich bin immer für dich da“, kam nie eine Antwort.

Dann nahte der runde Geburtstag einer gemeinsamen Freundin. Wir waren beide eingeladen, und ich wollte Ulf fragen, ob wir zusammen hinfuhren, denn wir hatten denselben Weg.

Ans Telefon ging er trotz mehrerer Versuche nicht, also schrieb ich ihm eine Whats App mit der Bitte um Rückruf. Keine Antwort. Natürlich.

Auf der Geburtstagsfeier ließ er sich nicht blicken, er gratulierte auch unserer Freundin nicht. Und als deren Mann kurze Zeit später unerwartet während einer Operation verstarb, schickte Ulf ihr eine SMS, die kurz und knapp lautete: „Mein Beileid.“ Der Beerdigung blieb er ebenfalls fern.

Nach all den Versuchen, mit ihm in Kontakt zu treten, nach all den Zurückweisungen, hatte mittlerweile bei uns „anderen“ ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt. Also ließ ich Ulf erst mal in Ruhe.

Monate später traf ich ihn dann zufällig bei einem Theaterstück. Niemand hatte Ulf dazu eingeladen, der ja nie ans Telefon ging und auf Nachrichten nicht antwortete. Trotzdem war er da, und wie es das Schicksal wollte, saß er uns sogar gegenüber.

Einstige Freunde können wie Fremde wirken, wenn sie depressiv sind

„Hallo Ulf, du hier? Schön, dich zu treffen.“ Schweigen. Nicken.

Es fühlte sich für mich an, als hätte ihn jemand gehäutet und mit Packpapier ausgestopft, denn er wich meinem Blick aus, indem er nonstop in sein Glas starrte.

„Hey Ulf, alles ok bei dir?“, fragte ich. „Ich hab dich vor Wochen gebeten, mich anzurufen.“
„Ich weiß.“ Er warf mir einen rätselhaften Blick zu, der alles hätte enthalten können: Vorwürfe, Langeweile, Desinteresse, vielleicht sogar Aggression.

Mehr als dieses „ich weiß“, sagte er den ganzen Abend nicht. Er war wie ein Fremder, wollte definitiv nichts reden, nichts wissen, und es passte ihm nicht, uns getroffen zu haben. Das schmerzte: eine dieser Mikroaggressionen, mit denen man lernen muss umzugehen, wenn man es mit seelisch Kranken zu tun hat.

Und es fühlte sich für mich an wie eine Bestrafung. Ulf verhielt sich wie ein scheues Dschungeltier, das beim kleinsten Geräusch zusammenzucken und flüchten würde, also schwieg ich, um ihn nicht zu verärgern oder zu nerven.

Die Seele wie unter einer Käseglocke aus Melancholie und Antriebslosigkeit

War seine Seele unter dieser Käseglocke aus Melancholie und Antriebslosigkeit endgültig eingefroren?

Gerne würde ich ihn heute fragen, ob er glaubt, dass sich sein Zustand irgendwann soweit geändert haben könnte, dass er wieder mit uns zusammen sein möchte, mit uns – seinen Freunden, die ihn in Ruhe lassen, weil er es sich wünscht. Oder sind wir gar keine Freunde mehr, und ich habe es nur nicht bemerkt?

Ich möchte wissen, ob er uns nicht mehr erträgt.

Er glaubt, er trüge die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern, wir glauben, wir seien schuld an seinem Kummer. Irgendwie.

Offengestanden traue ich mich nicht, ihn anzusprechen. Es ist eine heilige Scheu, denn ich weiß, dass Erkrankte es hassen, ausgefragt oder genötigt zu werden.

Nie würde ich Sätze sagen wie „Reiß dich zusammen“ oder „Schau dir mal Leute mit echten Sorgen an“. Ich bin trotzdem ratlos, möchte ihn nicht noch mehr von uns wegtreiben, als er sich freiwillig schon entfernt hat.

Die Lust auf Kontakt mit Freunden kommt depressiven Menschen abhanden

An einem Samstag vor zwei Jahren fuhr ich, einem spontanen Einfall folgend, morgens um 8:30 Uhr mal zu Ulfs Häuschen und klingelte. Eigentlich hatte ich vor, ihn zu einem Frühstück in der City einzuladen.

In einen schmuddeligen Trainingsanzug gekleidet, öffnete er die Tür, begrüßte mich zurückhaltend und führte mich dann in ein unordentliches Wohnzimmer.

Auf einem winzigen Couchtisch waren sieben Gartenzwerge zu einem Stillleben arrangiert. Der achte lag auf dem Boden.

Sämtliche Regale im Raum quollen über mit Zeitschriften, Büchern, Plastiktüten und anderem Kram, das Sofa war mit Klamotten übersät. Alle Rollläden waren heruntergelassen. Im Fernseher lief eine Doku.

Ulf schlurfte mit müden Schritten in seine unordentliche Küche, wo sich ungewaschenes Geschirr in der Spüle türmte und fragte mürrisch: „Kaffee?“

Ich nickte dankend.

Vernachlässigung der eigenen vier Wände bei vielen Depressiven ein Thema

Er füllte eine angeschlagene Tasse mit einer Brühe, in die man ohne Weiteres ein Hufeisen hätte werfen können, ohne dass es untergegangen wäre, und tappte wieder zurück ins Wohnzimmer, wo er sich auf den Klamottenberg auf dem Sofa fallen ließ. Dieses Szenario wirkte nicht, als würde Ulf das Haus zusammen mit mir verlassen, um in ein Café zu gehen. Es sah nicht mal aus, als würde er überhaupt mal wieder vor die Tür wollen.

„Ist lauter Zeug von meiner Mutter.“ Er deutete auf den schlampigen Raum. „Ich muss irgendwann aufräumen, das Haus ist voll.“ Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht die geringste Lust oder Kraft dazu hatte.

„Wenn du Hilfe brauchst, sag es mir“, bot ich ihm an. „Wir besorgen einen Container, und alles, das du nicht aufheben willst, entsorgen wir dann, Zimmer für Zimmer. Brauchst nur Bescheid geben, das musst du nicht allein machen.“

Er nickte schweigend. Ich schüttete meinen Kaffee in mich hinein und verschwand so schnell wie möglich wieder, denn Ulf ließ die ganze Zeit seine Augen nicht vom Fernseher und ignorierte mich weitestgehend.

Auf Nachrichten oft keine Reaktion…

Bis heute reagiert er nicht auf Whats App-Nachrichten, er ruft nie zurück, und er öffnet nicht, wenn ich bei ihm klingle. Ich weiß nur, dass er noch arbeitet, weil ich einen seiner Kollegen kenne.

Irgendwann wird er – wie schon öfter in den letzten Jahren – aus heiterem Himmel anrufen und zwei Stunden mit mir quatschen. Dann darf ich nichts anderes zu tun haben, sonst verliere ich ihn für immer, weil er denkt, er sei mir nicht wichtig genug.

In seinem mit Kummer gefüllten Herzen ist kein Platz für die Einsicht, dass er uns weh tut. Er sieht nicht die Versuche, mit ihm in Kontakt zu bleiben, er hat die Mails, Nachrichten und Anrufe vergessen.

Und wieder muss ich schweigen. Und alles aushalten. Und darf nicht fragen.

Man muss es ihm überlassen, mit wem er etwas zu tun haben möchte. Ich oder unsere Freunde gehören offenbar nicht mehr dazu. Wir sind jetzt „die anderen“.

Ich muss Verständnis zeigen, muss mich abweisen, abwimmeln, versetzen, anlügen und anschweigen lassen, trotz all meiner Bemühungen, trotz aller Geduld.

Ulf mauert und lässt mich nicht mehr in sein Leben.

Ich muss das aushalten und mich damit abfinden. Es tut aber trotzdem weh.

„Warum hast du dich gestern auf meiner Halloween-Party dermaßen volllaufen lassen, obwohl du zuvor Tranquilizer geschluckt hattest? Du hast die Toilette vollgereihert, deinen Exfreund vor dessen Ehefrau angemacht und alle beleidigt?“, fragte ich Paula, eine langjährige Bekannte, am Tag nach einer Halloweenparty.

Depression als Ausrede?

Sie lachte verächtlich. „Stellt euch doch nicht so an, ich habe Depressionen.“
Es klang wie „Was wollt ihr denn? Ich hatte doch Grün.“

Ich mochte Paula immer. Sie ist intelligent, sensibel, kreativ und eine gute Seele. Aber sie ist eigentlich schon lange nicht mehr Paula, sondern jemand anderer, den ich nicht kenne, hart und abweisend.

Seit über 20 Jahren geht sie zur Therapie, denn auch bei ihr wurde seinerzeit eine Depression diagnostiziert. Tabletten weigerte sie sich anfangs, zu nehmen, denn sie war sicher, mit ein wenig Disziplin würde sie es auch ohne schaffen.

Wenn Sie mittags nach ihrem Halbtagsjob nach Hause kam, legte sie sich aufs Sofa, schaltete den Fernseher ein und schlief bis zum Abend, während ihre Kinder aufwuchsen wie wilde Blumen.

Die lernten, sich selbst zu versorgen, sich ein Brot zu schmieren, kannten keine festen Ausgehzeiten oder Regeln und entwickelten sich abenteuerlich, denn Paulas Mann arbeitet seit vielen Jahren in Nachtschicht und war keinen Abend zuhause.

Mancher gibt sich einem unsteten Leben hin

Hatte die Familie Lust auf ein warmes Essen, fuhr sie zu Mac Donalds, denn Paula kochte nicht. Wollte sie der ehelichen Monotonie entfliehen, verreiste sie für einige Tage. Ihr Mann getraute sich nie, zu fragen, warum, mit welchem Geld, oder wohin, denn er hatte Angst, sie käme sonst nicht zurück.

Erholte Paula sich auf einer Kur, wurde sie anschließend mit einem handgemalten Willkommens-Schild + riesiger Welcome-Party empfangen.

Trotzdem lächelte sie niemals.

Nach genau 25 Jahren Ehe verließ Paula ihren Ehemann. Sie zog bei Nacht und Nebel aus und informierte nur einen flüchtigen Bekannten via SMS, dass sie jetzt ein neues, verbessertes Leben zu führen gedenke.

Das mit dem neuen verbesserten Leben klappte nicht recht, denn Paula hatte nie einen Plan gehabt außer dem geflügelten Spruch „Irgendwie geht es immer weiter“. Nach einem halben Jahr wurde sie in die Psychiatrie wegen massiver Eigengefährdung eingewiesen. Sie war es nicht gewöhnt, allein zu sein, Dinge wie beispielsweise Banküberweisungen selbständig zu handhaben, oder Geld zu verdienen.

Kontakte zum Freundeskreis werden rigoros gekappt

Das hatte immer ihr Mann erledigt, und der weigerte sich jetzt mit Hilfe eines gewieften Rechtsanwaltes, ihr Unterhalt zu bezahlen. Alles stürzte über Paula zusammen. Ich konnte ihr damals nicht helfen, denn ich war einer der 99,9 % aus ihrem Bekanntenkreis, die weder ihre neue Anschrift noch ihre Telefonnummer kannten.

Nach Paulas Entlassung folgte ein jahrelanger Rosenkrieg. Der Exmann wollte Rache. Und er bekam sie auch.

Mittlerweile lebt sie von einer winzigen EU-Rente am Rande der Welt und hangelt sich von Burnout zu Burnout. Ich habe sie seit 2011 nicht mehr gesehen. Einmal meinte ich sie in einem Supermarkt zu erkennen, aber als ich mich durchs Gedränge zwängte, um ihr hinterherzulaufen, war sie verschwunden.

Ich hätte noch viel mehr solcher Fälle anzubieten, zum Beispiel Beate, eine Lehrerin, die mal eine sehr gute Freundin war. Was haben wir zusammen gelacht und uns amüsiert in unseren gemeinsamen Urlauben. Mit ihr war es immer schön, sie konnte sogar ein profanes Brettspiel zu etwas Besonderem machen.

Völlig neue Charakterzüge tun sich auf

Beate hat sich seit 2007 nicht mehr gemeldet. Sie änderte ihre Telefonnummer und reagierte nicht mal auf handgeschriebene Briefe. Als ich sie zufällig im Supermarkt traf und meinte, wir könnten zusammen einen Kaffee trinken, wirkte sie abweisend, gab aber zu, wegen einer Depression in Behandlung zu sein.

Sie wirkte bedrückt, alles Verschmitzte war aus ihrem Gesicht verschwunden, und ich fragte mich, woran es liegen könnte, denn ein Jahr zuvor hatte sie die Liebe ihres Lebens geheiratet. Sie war gesund, hatte keinerlei finanzielle Sorgen, es ging ihr – eigentlich – gut.
Was sie heute macht, weiß ich nicht.

Saskia, 31, war eine quirlige, intelligente und bildhübsche Persönlichkeit, bis sie der Liebeskummer aus der Bahn warf. Zuvor hatte sie bei einem großen deutschen Unternehmen Assistentin der Geschäftsführung gearbeitet, war zweimal jährlich verreist und hatte das Leben einer Frau geführt, die dabei war, Karriere zu machen.

Dann kam der Burnout.

Zukunftsgedanken sind für Depressive meist kein Thema

Seither sitzt sie in ihrer abgedunkelten Bude und schaut mit Joints und Wein irgendwelche Serien bei Netflix. Ans Telefon geht sie nur, wenn ihr danach ist, Nachrichten beantwortet sie nicht (mehr), denn jemand könnte etwas Unangenehmes schreiben. Ihren Job hat sie nach anderthalb Jahren verloren, weil sie sich nicht vorstellen konnte, nochmal in ihrer alten Firma zu arbeiten, denn sie wurde dort „zu wenig gelobt“.

Eine Vorstellung, wie es mit ihr weitergehen könnte, hat sie nicht. Gedanken an die Zukunft schiebt sie weit von sich.

Sie ist dabei, in dem Morast auf dem Grunde ihres eigenen schwarzen Lochs zu versinken und nie wieder aufzutauchen.

Sechs Monate lang haben wir täglich stundenlang telefoniert, ihre Befindlichkeit ausgelotet, ihre Vergangenheit analysiert.

„Ich hab das im Griff“, beteuerte sie bei unserem letzten Telefonat vor über einem Jahr, als ich sie besorgt darauf hinwies, dass die Einnahme starker Psychopharmaka zusammen mit Drogen und Alkohol eine ungute Kombination war, auch bei einer erst 30jährigen Leber.

Aus einem langsamen Rückzug wird oft ein Verschwinden

„Du hast keine Ahnung, wie scheiße es mir geht, ich brauch das“, heulte sie. „Sonst komm ich nicht runter, und dann kann ich nicht schlafen.“

Meine Liste ist noch viel länger – sie beinhaltet Menschen, die immer „funktioniert“ haben, die nach außen hin glücklich und ausgeglichen wirkten, von denen niemand angenommen hätte, dass sie gefährdet gewesen wären, an einer Depression zu erkranken. Jetzt sind sie aus meinem Leben verschwunden und nur noch ein Echo.

Also warte ich weiter. Ich habe Geduld, aber ich vermisse diese Personen, sie haben mein Leben so sehr bereichert. Nun sind sie verstummt. Dieses Schweigen ist das Schlimmste.

Schweigen und Leiden ist für das Umfeld an der Tagesordnung

Warum ich das aufgeschrieben habe? Weil man uns so selten hört, uns, die wir mit hilflos herabhängenden Armen zusehen, wie uns liebgewonnene Menschen entgleiten, wie sie sich verändern, abweisend und spröde werden. Wir haben gelernt, zu schweigen, aber wir leiden auch.

Ich fand, das sollte mal erwähnt werden.

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Manche Dinge werden wieder gut, wenn man nur fest genug daran glaubt, hat mal jemand behauptet.

Vielleicht war das sogar ich…

Ich wünsche Ihnen das Beste in dieser merkwürdigen Zeit!

Ihre

Barbara Edelmann

Bildnachweis: stock.adobe.com / nito
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