Wissen Sie noch, wie im analogen Zeitalter (vor dem Internet) ein sogenannte „Blind Date“ eingefädelt wurde?

„Mein Mann hat einen Kollegen, den Günter, der ist nett und würde super zu dir passen. Lass uns nächste Woche mal zum Essen gehen, dann könnt ihr euch kennenlernen. Dich bringen wir auch noch unter die Haube.“

Pech, wenn dieser Günter sich dann als überkandidelter, unterbelichteter Depp entpuppte, mit dem Sie nix anfangen konnten. Dafür hatten Sie ab sofort Ärger mit Ihren Freunden: Weil Sie so wählerisch waren und Günter verschmäht hatten, wurden Sie von denen künftig geschnitten.

Die zweite Möglichkeit boten die allseits beliebten „Hallo Partner“-Seiten im örtlichen Käseblatt. „Attraktive Dame um die 60 sucht solventen Herrn in mittleren Jahren fürs Wandern und eventuell mehr. Bitte nur aussagekräftige Anschreiben mit Foto“ hieß es meistens.

Auch da konnte man üble Überraschungen erleben, weil 1. die wenigsten ein Bild mitschickten (Scanner waren noch  nicht erfunden) und 2. auch schon damals bei den Herren der Schöpfung eine grandiose Selbstüberschätzung grassierte.

Ich kenne bis zum heutigen Tage so gut wie keinen Mann, der sich für unattraktiv hält. Beneidenswert.

Dann kam das Internet.

Erst unterhielt man sich im AOL-Chat, wo man sich ein aussagekräftiges Profil zulegte wie zum Beispiel: „Uschi, 36 Jahre alt, 56 Kilo, blond, schlank, verdiene saugut“ und damit auf Männerfang gehen konnte.

Wenn Uschi dann „Herbert, 37 Jahre alt, 78 Kilo, dunkelhaarig, schlank, verdiene noch viel mehr und bin ein klasse Typ“, im echten Leben nach monatelangen Chats, Emails oder Telefonaten kennenlernte, folgte oft die Enttäuschung auf dem Fuße, denn Uschi war weder blond noch schlank und schon lange nicht mehr 36. Das galt aber auch für Herbert, der bei „37 Jahre alt“ kräftig nach unten abgerundet und beim Verdienst und seiner „Nettigkeit“ aufgerundet hatte.

Da saßen sich dann manchmal in Autobahnraststätten zwei wildfremde Menschen ohne Gesprächsstoff gegenüber und wunderten sich, wie sie reingelegt worden waren. Lange ist es her.

Nach dem AOL-Chat folgen die sogenannten „Social Networks“ und Dating-Plattformen. Endlich konnte man sich angemessen und ausgiebig präsentieren. Zwar wurde genauso kräftig über- und untertrieben wie zuvor, aber man hatte mehr Auswahl und konnte schon vorab dank Google ein paar Erkundigungen über den potenziellen Kandidaten einholen.

Ach, hätte nur meine Freundin Beatrix 1987 schon Google gehabt. Sie lernte in einer Kneipe einen (erst nach dem 3. Glas Wein) attraktiven Offizier der amerikanischen Air Force kennen, der in Uniform am Tresen saß und sie mit seinen Glubschaugen förmlich verschlang. Er erzählte Beate, er sei Jet-Pilot, nutzte sie und ihre Ambitionen, eines Tages Offizierswitwe zu werden, ein paar Wochen lang weidlich aus – und entpuppte sich anschließend als Hausmeister der Berufsschule in der Nachbarstadt.

Wirklich wahr.

Beate wäre mit Google oder Facebook seinerzeit viel erspart geblieben.

Ja, wir hatten leider kein Internet, nur Buschtrommeln, besorgte Freunde, neugierige Nachbarinnen und Hörensagen. Das half aber nicht viel.

Jetzt gibt es aber dank der digitalen Revolution endlich für jeden Geschmack etwas. Senioren-Dating-Portale, Partnerbörsen, und… Tinder, eine Dating-App, die immerhin allein in Deutschland von über 2 Millionen Personen genutzt wird.

Es ist, wenn man es genau nimmt, ein moralischer Rückschritt, da allein Ihr Profilbild entscheidet, ob jemand sich für Sie interessiert oder nicht. Weil aber nicht jeder so schön ist wie Jennifer Lopez, wird man quasi zum Schummeln gezwungen.

Alles, was Sie tun müssen ist, sich die App zu besorgen, Ihren Vornamen einzugeben, ein möglichst vorteilhaftes Foto von sich hochzuladen und Ihre Präferenzen einzugeben („stehe auf Männer/Frauen/mir doch egal“). Dann definieren Sie noch den Suchradius, innerhalb dessen Sie jemanden kennenzulernen gedenken. Und fertig ist die Laube.

Nach und nach stellt Ihnen Tinder nun Personen vor, die Ihren Vorlieben entsprechen könnten und sich in dem zuvor genannten Suchradius aufhalten. Sie entscheiden, ob Sie an einem Chat interessiert sind oder nicht, indem Sie ein sogenanntes „like“ vergeben. Erhalten Sie von dem potenziellen Chatpartner ebenfalls ein „like“, können Sie loslegen. Bei Nicht-Interesse signalisieren Sie durch ein rotes Kreuz („nope“ genannt), dass Sie keine Lust auf die Person haben.

So weit, so gut. Nie war es einfacher, jemanden kennenzulernen. Und nie schwieriger. Denn der attraktive blonde Hipster mit den grünen Augen und dem gewinnenden Lächeln könnte in Wirklichkeit auch ein mittelalter Bauch-Bart-und Brille-Träger sein, der einfach mal rausfinden wollte, ob es atemberaubende Frauen wie Sie überhaupt noch gibt, und Sie, wenn Sie viel Glück haben, zu einer Tüte Fritten mit anschließendem Beischlaf einlädt. Sie können ja dann immer noch „nope“ sagen.

Umgekehrt herum wird übrigens auch ein Schuh draus. Die lächelnde Brünette mit Schmollmund muss nicht brünett sein oder einen Schmollmund haben. Sie muss nicht mal eine Frau sein. Betrogen wird überall.

Rechnen Sie einfach sicherheitshalber mit allem. Das ist auf jeden Fall besser. Die Welt ist nämlich schlecht, so richtig schlecht.

Seitdem das Internet vor knapp 20 Jahren in unsere Haushalte eingezogen ist, wird gelogen, dass die Schwarte kracht. Oder verschwiegen. Im Internet kann jeder sein, was er möchte und wie er möchte.

Ich kenne bei Facebook genügend sehr attraktive Frauen um die 50, deren Gesichtszüge vor lauter Filtern und Weichzeichnern mittlerweile beinahe nicht mehr zu erkennen sind.

Eine Dame tut sich da jedes Mal besonders hervor. Alle ihre Fotos wirken, als hätte jemand Schmierseife auf das Objektiv gerieben. Aber neulich ist ihr scheinbar der Finger ausgerutscht, und sie hat ein Bild gepostet, auf dem sie genau so aussieht wie im echten Leben. Meiner Meinung nach ist sie auf diesem Portrait um Längen schöner auf als auf ihren sonstigen Machwerken mit Herzchen-Rahmen und Schmetterlingen, bei deren Betrachtung man sich die Augen reibt, weil man denkt, es sei einem eine Wimper reingerutscht.

Martin (Name geändert), ein Freund von mir aus Villingen-Schwenningen hat so eine Internet-Geschichte erlebt und ein Blind-Date absolviert. Meine Mutter meint übrigens immer noch, das sei eine Kennenlern-Veranstaltung für Sehbehinderte. Ich lasse sie in dem Glauben.

Zurück zu Martin. Frisch geschieden, kreuzunglücklich und einsam, suchte er verzweifelt bei Facebook nach einer Frau. Ich kenne Martin persönlich, einen attraktiven Mann Mitte 40, der auf seine Gesundheit achtet, viel Sport betreibt und weder raucht noch trinkt.

Seine Hoffnung war, ein weibliches Wesen kennenzulernen, mit der er seine Hobbies ausleben und seinem natürlichen Bewegungsdrang nachgeben konnte. Gemeinsam.

Seine Exfrau hatte sich zwar auch viel bewegt, aber nur unter dem Trauzeugen, wo Martin die beiden eines Tages dann fand. Im Wochenendhäuschen seiner Oma.

Endlich lernte Martin bei Facebook Brigitte kennen, eine hübsche Dunkelhaarige aus Essen. In den ersten Tagen likten sie gegenseitig ihre Beiträge mit Herzchen, dann schrieben sie sich über Whats App, später telefonierten sie viele Stunden und loteten ihre Seelen aus. Endlich beschlossen sie, sich mal im echten Leben zu treffen.

Brigitte hatte massenhaft bezaubernde Brustbilder (Portrait-Aufnahmen) von sich bei Facebook eingestellt. Außerdem war sie genau so sportlich wie Martin, zudem noch Vegetarierin, hasste Zigaretten und Alkohol und liebte Bergsteigen und Wandern.

Also machte sich Martin auf den Weg und fuhr die ganzen 523 Kilometer zu Brigitte nach Essen im Ruhrgebiet in einem Rutsch. Sie hatte ihn zum romantischen Dinner (vegetarisch) eingeladen. Voller Vorfreude sprang er mehr, als er lief, die drei Stockwerke zu Brigittes Wohnung hoch, in der Hand einen riesigen Strauß Rosen, und klingelte. Sein Herz schlug bis zum Hals.

Das sollte auch so bleiben, denn die Tür wurde ihm von der voluminösesten Dame geöffnet, die er je gesehen hatte. Sie lächelte ihn strahlend an und winkte ihm, einzutreten.

„Entschuldigung, mir fällt grade ein, ich hab noch ein Geschenk für dich im Kofferraum“ murmelte Martin mit hochrotem Kopf, stürmte die drei Stockwerke in Lichtgeschwindigkeit nach unten, sprang in sein Auto und fuhr nach Hause.

Einige Tage später klagte er mir sein Leid. Brigitte hatte angeblich behauptet, sie sei regelmäßig im Fitness-Studio und würde Nordic Walking lieben. Tja, ich persönlich liebe zum Beispiel Ölbilder, kann sie aber nicht malen.

Vielleicht mochte Brigitte Nordic Walking sogar wirklich, weil sie die Stöcke so hübsch fand, aber sie hatte Martin am Telefon unter anderem erzählt, sie hätte einen BMI von 21 und einen IQ von 119. Vermutlich hatte sie nur die Zahlen verwechselt. Er jedenfalls war kuriert von seinem ersten und einzigen Blind-Date und heiratete zwei Jahre später eine sehr nette Frau, die bei ihm um die Ecke wohnte, und die er beim Bäcker kennengelernt hatte.

Bei einem Blind-Date wissen Sie nie, was Sie kriegen. So ein Profilbild, in dem ich aussehe wie Ende 20, schustere ich Ihnen mit einer guten Bildbearbeitungs-Software und ein wenig Phantasie in ein paar Minuten zusammen.

Also hat das Wort „blind“ seine Bedeutung behalten. Nach all den Jahrzehnten ist nichts wirklich besser geworden. Enttäuschung vorprogrammiert. Meistens. Aber es soll Fälle geben, wo sich Leute auf solche Verabredungen eingelassen und die Liebe fürs Leben gefunden haben. Das möchte ich nicht in Abrede stellen.

Darum dachte ich mir neulich: Warum nicht mal ganz ehrlich sein in all den Dating-Portalen bei seinen Selbst-Beschreibungen? Man könnte sich so verdammt viel Ärger ersparen.

Ich zum Beispiel sehe, wenn ich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett komme, aus, als wäre ich nach 8 Runden mit Mike Tyson auf die Bretter gegangen.

Vor 30 Jahren sagte mal einer aus unserer Clique nach einem Lagerfeuer-Abend am nächsten Tag, als wir alle zerknittert aus unseren Zelten krochen: „Barbara, wenn alle Frauen morgens so aussehen wie du, heirate ich nie.“

Der Rüdiger ist übrigens noch ledig und zu haben, meine Damen.

Also – warum nicht ehrlich sein? Zugeben, wer und was man ist?

„Ja, aber“ werden Sie einwenden, „Männer sind nun mal Augentiere und können besser gucken als denken.“ Das mag schon sein. Sie sollen ja auch kein Profilbild einstellen, auf dem Sie aussehen wie durch die Mangel gedreht, oder als kämen Sie gerade von der Rallye Paris-Dakar zurück.

Ein wenig vorteilhaft darf es schon sein. Aber wenn Sie von sich behaupten, Sie backen und kochen gern, sollten Sie wenigstens einen Braten oder einen Käsekuchen zustande bringen. Wenn Sie von sich behaupten, tierlieb zu sein, in Wirklichkeit aber sogar bei 2 Kilometer entfernten Katzenhaaren anfangen zu niesen, kann es nur von Vorteil sein, die Wahrheit zu sagen, sonst endet Ihr erstes Date in der örtlichen Ambulanz.

Auch so einen Fall kenne ich persönlich. Petra, gestraft mit einer schweren Katzenhaar-Allergie, verbrachte ihre erste und einzige Nacht mit Patrick in dessen Bett mit seinen drei Stubentigern, die sie zuvor noch gestreichelt hatte, weil sie unbedingt diesem Mann gefallen wollte. Anschließend landete sie in der Notaufnahme, weil sie keine Luft mehr bekam. Es ist erstaunlich, wie weit Frauen gehen, wenn sie jemanden für sich gewinnen wollen.

Selbstverständlich ist es vollkommen normal, dass man sich so positiv wie möglich darstellen möchte. Aber es kommt doch immer raus, wenn man lügt. Wie bei meiner Freundin Martha, die ständig in Singlebörsen unterwegs ist und sich da gute 10 Jahre jünger schummelt.

„Ich sehe nicht so alt aus, wie ich bin!“ schimpft sie, wenn ich sie darauf anspreche. „Und ich benehme mich auch nicht so. Da lerne ich doch sonst nur Typen in meinem Alter kennen, die sind mir zu langweilig.“

Sie hat noch kein einziges Mal einen Kandidaten zweimal getroffen. Die  melden sich einfach nicht mehr. Niemand mag Lügen wirklich gern, außer es handelt sich um raffinierte Komplimente.

Und: Martha sieht nicht wirklich 10 Jahre jünger aus. Es getraut sich nur keiner, es ihr zu sagen.

Darum habe ich mir jetzt die Mühe gemacht, mal eine Selbstbeschreibung zu entwerfen, und zwar vor meinem „Wahrheitsfilter“ und danach. Bitte, bitte, nehmen Sie mich nicht ernst:

Beschreibung: „Hallo, ich bin Susi und 32 Jahre alt. Leider ist das Foto nicht so doll geworden, mein Handy spinnt grade.“

Klartext: „Hallo, ich bin die Susi und 32 Jahre alt, sehe aber aus wie 48 und habe eine Haut wie ein Putzlappen, weil ich in den letzten Jahren keine Nacht mehr als vier Stunden geschlafen und täglich drei Schachteln Kippen geraucht habe. Wie mein Bett ausschaut, weiß ich gar nicht mehr, weil ich nie drin liege. Das Handy spinnt also nicht. Leider.“

Beschreibung: „Ich bin manchmal recht häuslich und habe es gern gemütlich, gehe aber auch gern aus und interessiere mich für Kultur. Außerdem bin ich ein lebenslustiger Mensch.“

Klartext: „Ich bin eine versoffene Nachteule, mache wahnsinnig gern Party bis zum Morgengrauen, aber nicht so gern sauber, das finde ich total spießig. Wäre cool, wenn du das übernehmen würdest. Hast du vielleicht einen Putzfimmel und bist so ein Typ, der mehrmals wöchentlich hinterm Sofa saugt? Fände ich gut. Mit ‚gemütlich’ meine ich, dass ich überall Plüschtiere und Teelichter aufgebaut habe, die ich abwechselnd versehentlich anzünde. Wenn du bei der Feuerwehr wärst, könnte das von Vorteil sein.“

Beschreibung: „Ich bin kontaktfreudig, aufgeschlossen und gesellig. Was ich nicht leiden kann: Eifersucht und Klammern. Bin aber sehr anhänglich, wenn ich jemanden wirklich mag.“

Klartext: „Ich hab alle meine Exfreunde der letzten 15 Jahre noch auf Kurzwahl und treffe die auch regelmäßig, also solltest du ein toleranter Typ sein. Aber wehe, eine Ehemalige von dir taucht auf, der schnitze ich erst mal ein neues Muster in ihre Autotür. Und mit ‚anhänglich’ meine ich, dass der israelische Geheimdienst ein Dreck gegen mich ist, wenn ich mal glaube, dass du mich betrügst.“

Beschreibung: „Ich bin selbständig und unabhängig, mag Kavaliere alter Schule und stehe auf gute Manieren. Außerdem bevorzuge ich großzügige Männer, weil ich selbst ein total hilfsbereiter Typ bin, der gerne was verschenkt.“

Klartext: „Ich bin so selbständig, dass ich grundsätzlich mein eigenes Ding durchziehe. Kannst ja auf mich warten, wenn ich mal wieder eine Verabredung vergesse, wegen der guten Manieren, die ich einfordere. Im Klartext heißt das: Widersprich mir niemals und halte mir gefälligst immer die Autotür auf. Deine Autotür natürlich. Du hast doch nix dagegen, dass ich den mal fahre? Mein Wagen ist nämlich momentan in der Reparatur.

Und wenn ich drei Tage vor dem Ersten eine nette Handtasche im Gegenwert eines Kleinwagens sehe, dann kaufst du mir die, nur dass das klar ist.

Ich bin wirklich total großzügig, aber nur mit meinem Körper, wirst du schon noch merken. Es sei denn, du schenkst mir diese Handtasche nicht.“

Beschreibung: „Ich bin sportlich wegen der Work-Life-Balance, habe viel übrig für Rohkost und esse vegetarisch. Außerdem bin ich ein sehr spiritueller Mensch.“

Klartext: „Ich esse hauptsächlich Salat, weil ich nicht kochen kann und nehme mir meistens ein paar Portionen vom Supermarkt mit. Aber Braten mag ich, vielleicht kochst du ja künftig für uns. Zahlen musst du das aber selber, Fleisch kostet ja ein Vermögen. Und wenn du nach Hause kommst und ich grad meinen Hexenzirkel zu Besuch habe, dann mach uns ein paar Schnittchen und zieh keine Fleppe. Sonst verhexen wir dich. Und das meine ich nicht positiv.

Mit ‚sportlich’ will ich ausdrücken, dass ich mich wahnsinnig gern mal im Trainingsanzug zu ‚Starbucks’ setze und da total erledigt dreinschaue. Ist schon Action genug, mich in das enge Teil zu zwängen, aber ich sehe rattenscharf darin aus, womit wir wieder bei meiner Interpretation von ‚großzügig’ wären.“

Beschreibung: „Ich bin emanzipiert und suche einen sensiblen Mann mit viel Verständnis für ein gemeinsames Leben zu zweit, weil ich mir nix Schöneres vorstellen kann als eine Familie und Kinder.“

Klartext: „Mit ‚sensibel’ meine ich, dass du, wenn ich dich anbrülle, zu heulen anfängst und mir alles gibst, was ich will, weil ich dich sonst verlasse. Außerdem kochst du mir gefälligst Kamillentee bei PMS („Post-Mastercard-Syndrom“) und massierst mir täglich zweimal die Füße.

Eine Familie will ich, aber eine eigene selbstgemachte, nicht deine bucklige Verwandtschaft. Kannst du dir in die Haare schmieren, dass ich zu euren Feiern mitkomme.

Und wenn mir unsere zukünftigen Kinder die Figur ruinieren, dann werde ich dich das büßen lassen bis an dein Lebensende.  Du wirst aus der Hausarbeit nicht mehr rauskommen, weil ich nämlich dann trainieren muss.“

Gut, ich habe jetzt ganz böse übertrieben. Niemand von uns ist wirklich so gemein und abgebrüht wie die Dame, deren Sätze ich weiter oben in „Klartext“ übersetzt habe. Es stimmt immer nur ein bisschen was. Und so ist es auch bei den Männern, die uns Bilder schicken, auf denen sie verwegen vom Motorrad grinsen oder sich über eine Schlucht hangeln, am Fallschirm hängen oder uns zuprosten. Wie zum Beispiel der hier:

Beschreibung: „Hallo, ich bin der Fredi, ein Unternehmer. Das Bild von mir (halblange Haare, blitzende blaue Augen, Lederkluft, AC/DC-Shirt) ist schon ein bisschen älter, das hat mir ein Kumpel eingescannt, der Bernd. Den wirst du  noch kennenlernen, der ist nett. Ich bin ein recht geselliger Mensch, mag Party und Hunde. Ich bin selbständig und tierlieb. Ich mag Lagerfeuer, gute Filme und auch Kino. Koche wahnsinnig gern und habe unglaublich viel Phantasie.“

Männer machen nicht viel Worte, wissen Sie.

Klartext: „Hallo, ich bin der Fredi. Hab grad kein besseres Foto zur Hand, weil ich neulich mein Handy verkaufen musste, um an die nächsten paar Kisten Bier und Tabak zu kommen. Wenn du ne coole Frau bist, die ein bisschen Dreck nicht stört und vielleicht auch noch anständig verdienst, könnte aus uns beiden was werden, obwohl ich  mich seit fast 50 Jahren vor einer festen Beziehung drücke. Vorausgesetzt, du gehst mit meinen Hunden raus, weil ich dazu entweder zu faul oder zu besoffen bin. Manchmal auch bekifft.

Der Bernd, mein Kumpel, und ich haben gemeinsam ein Gewerbe angemeldet, irgendwas mit Autoteilen, da sollten wir jetzt mal dringend was arbeiten, ehe uns das Finanzamt aufs Dach steigt. Lagerfeuer machen wir jeden Abend, weil wir kein Geld für Heizöl mehr haben. Nächstes Jahr vielleicht wieder. Frierst du leicht?

Sag mal, hast du vielleicht ein eigenes Haus, eventuell sogar mit einer Garage und einer Grube? Garten wäre auch geil, wegen der Lagerfeuer.

Hoffe, du magst Würstchen, was anderes gibt’s bei uns nämlich nicht. Die kann ich aber gut.

Unsere Dusche ist grad verstopft, darum wirken meine Haare etwas fettig, aber ehe wir uns treffen, schaue ich bei meiner Mama vorbei, versprochen. Und mit ‚gute Filme’, die ich mag, meine ich den Pornokanal, aber das wirst du schon selber noch merken. Hoffe, du bist nicht so spießig und verklemmt. Dann wirst du merken, dass ich echt viel Phantasie habe, weil ich ein Geschenk Gottes an die Frauen bin.“

Ok, ich habe wieder granatenmäßig übertrieben. Aber teilweise ist Ähnliches Freundinnen von mir schon passiert. Gottseidank nicht alles auf einmal.

Logisch, dass niemand auf seine Profilseite schreiben würde: „Ich bin ein narzisstischer Psychopath, der gerne Frauen schikaniert und suche eine devote Sie, der es nichts ausmacht, dreimal täglich mein Haus zu putzen, nachdem sie mich bedient hat.“ Obwohl ich sicher bin, auch dafür fände sich jemand.

Das Problem ist doch folgendes: Es kommt zu 99 % raus, wenn man lügt. Und niemand hat es nötig, sich eine Beziehung durch Schwindeln zu ergaunern. Jeder Mensch ist einzigartig, und meine Oma sagte ständig: „Für jeden Topf findet sich ein Deckel.“

Lassen wir doch ein wenig mehr Ehrlichkeit walten, um uns und anderen unliebsame Überraschungen zu ersparen. Seien wir, wie wir wirklich sind, mit all unseren Fehlern und Mängeln, nicht wie meine Freundin Susi, die behauptet:

„Ich hab keine Geheimnisse, das ist nur unveröffentlichtes Bonusmaterial.“

Irgendwann kriechen wir ohnehin ungeschminkt aus dem Bett. Oder haben versehentlich zu viele blähende Hülsenfrüchte gegessen, die uns den romantischen Videoabend nachhaltig versauen. Irgendwann klemmt das Konto kurz vor dem Ersten, werden wir vielleicht krank, oder rasten vor Eifersucht aus.

Irgendwann naht die Stunde der Wahrheit. Die sich übrigens bis ins Unendliche ausdehnen kann, wenn man aufgeflogen ist.

Veröffentlichen Sie darum vorab ein wenig von Ihrem Bonusmaterial. Nicht allzu viel. Aber genügend, um sich hinterher nicht vorwerfen lassen zu müssen, Sie hätten sich als jemand dargestellt, der/die Sie nicht sind.

Ich bin nämlich ganz sicher, das haben Sie nicht nötig.

Darum wünsche ich Ihnen heute, breit schmunzelnd, eine schöne Woche!

Ihre

Barbara Edelmann

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„Wie nennt man die Angewohnheit, alle Lebensmittel in Plastikdosen zu verpacken?: Tupperkulose!“ las ich neulich bei Facebook und musste schallend lachen. Kennen Sie das auch? Sie haben eine oder mehrere Freundinnen, die sich nebenher etwas verdienen wollen. Selbstverständlich unterstützen Sie das nach Kräften, weil Sie eine gute Freundin sind.

Und plötzlich sitzen Sie auf einer Menge Partys herum, an deren Ende es immer darum geht, dass Sie etwas einkaufen. Im Grunde genommen wäre „Verkaufsveranstaltung mit Schnittchen“ die richtige Bezeichnung, aber „Party“ klingt einfach besser, obwohl ich dort noch nie jemanden habe tanzen gesehen.

Vorweg: Ich liebe zum Beispiel Tupperware. Hätten Sie mir vor 30 Jahren erzählt, dass ich mal so viele Schüsseln und Behälter dieser Firma horte, dass ich keine Schranktür mehr gefahrlos öffnen kann, ohne mindestens zwei oder mehr von den Dingern auf die Nase zu kriegen, weil sie mir entgegenpurzeln, hätte ich Sie ausgelacht.

Aber irgendwann – vor vielen Jahren – konnte ich den Einladungen nicht mehr ausweichen. Die Einschläge kamen immer näher, ich kriegte so viele Aufforderungen per Postkarte, Telefon oder über den Gartenzaun hinweg (die Nachbarin…), dass es unmöglich war, alle abzulehnen. Und so landete ich in grauer Vorzeit auf meiner allerersten „Party“.

Seitdem kann ich nicht mehr damit aufhören.

Die Dame buk damals für uns einen Kuchen in der Mikrowelle (wollte ich auch!!), formte kugelrunde Snacks aus Blätterteig mit Haselnussfüllung (hab ich!), briet Pfannkuchen, indem sie alle Zutaten für den Teig in eine Dose warf und schüttelte (hab ich) und machte einen Braten (hab ich, ist ja klar.) Außerdem rollte sie Plätzchenteig geschickt mit einer schneeweißen wassergekühlten Nudelrolle (hab ich) und schnitt Zwiebeln auf einem wirklich innovativen Brett. (hab ich).

Was ich mittlerweile nicht mehr habe, ist Platz.

Es gibt ziemlich wenig, das man mit den Artikeln dieser Firma nicht machen kann, das weiß jeder. Und wenn ich wirklich mal einen dieser Behälter verleihen muss („Die brauche ich unbedingt wieder, die sind nicht aus dem Supermarkt, das ist Tupperware!“), dann rufe ich denjenigen mindestens einmal in der Woche an zur Erinnerung. Meine Tupperware ist mir heilig.

Auch meine Schwiegermutter gehört zum Kreis der Frauen mit „Tupperkulose“, und wenn sie mir Essen hierlässt, dann schickt sie mir spätestens am nächsten Tag eine SMS mit dem Inhalt: „Die blaue Tupperschüssel mit dem hellgrünen Deckel ist meine. Und denk bitte an die Mikrowellenbehälter und den Eidgenossen!“

Wir kennen unsere Schüsseln auswendig und jeden einzelnen Kratzer daran auch.

Aber mit Tupperware ist es in meinem Fall leider nicht getan. Eine meiner Bekannten verkauft seit neuestem Kerzen, die rückstandsfrei verbrennen, eine andere Putzmittel, die nächste sündteure Hautpflege-Produkte, und die letzte hübsche Dessous und äääh… sonstige Dinge. Auch die Herrschaften, die an meine Tür klingeln und mir etwas verkaufen wollen, darf man nicht vergessen. Bis auf die Zeugen Jehovas, die sind immer sehr distinguiert und wollen eigentlich etwas da lassen.

Seit Jahrzehnten (doch wirklich!) klingelt einmal im halben Jahr ein älterer Herr mit graumelierten Schläfen im perfekt sitzenden Zweireiher und möchte meine Teppiche probesaugen. Er ist höflich, aber bestimmt und lässt sich nur schwer abwimmeln. Ein paar Mal war ich schon in Versuchung, ihn reinzulassen, denn ich habe Haustiere, und er wäre eine Weile beschäftigt gewesen, aber ich habe nicht gern fremde Leute in der Wohnung.

Bei seinem letzten Besuch erklärte ich mit einem beschämten Augenaufschlag:

„Tut mir leid, mein Mann hat mir verboten, an der Haustür was zu kaufen.“ Seitdem war er nicht mehr da.

Das hat er akzeptiert. Der Herr ist um die 60 und erinnert sich noch an die Zeiten, in denen Männer ihren Frauen irgendwas verbieten durften. Ich hab mich ein bisschen geschämt, weil ich gelogen habe, aber das war es wert.

Wesentlich anfälliger als für Staubsauger zum Preis eines Gebrauchtswagens bin ich für Tiefkühl-Kost. Sie wissen schon: die Herren mit den Kitteln in einheitlicher Farbe, die regelmäßig läuten und wissen wollen, ob man nicht doch zwei gefüllte Eichhörnchen mit Knödeln oder Cappuccino-Ravioli mit Salbei-Pesto bei ihnen bestellen möchte. Weil sie doch nur alle vier Wochen vorbeischauen und das Zeug direkt ins Haus liefern.

Mittlerweile war ich Kundin bei mehreren Firmen, denn ich kann schlecht „Nein“ sagen. Das sieht immer alles so gut aus im Katalog, und die Lieferanten sind unglaublich höflich. Darum kommt mein Mann öfter zu exotischen Mahlzeiten wie Straußen-Steak oder indischen Linsengerichten. Anfangs hab ich immer noch behauptet, ich hätte das selbst gekocht, aber es war nix angebrannt und alles einwandfrei, darum durchschaute er das Theater relativ schnell.

Jeden Monat nehme ich mir vor: „Diesmal kaufst du nix.“ Aber die schauen einen immer so treuherzig an, und so türmt sich in meinem Gefrierschrank von Gemüse bis zum Seelachs alles, was gut und teuer ist. Die Herren lassen Ausreden aller Art nicht gelten, sogar wenn ich die Tür der Gefriere öffne und sage: „Gucken Sie  mal, da passt kein Blatt mehr dazwischen, wie soll ich denn noch eine 3-Kilo-Lasagne reindrücken? Ich hab ja noch nicht mal den Krokodil-Braten vom letzten Jahr geschafft.“

Aber das kriege ich irgendwann noch in den Griff. Ich kenne diese Leute ja nicht, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, die alle in ihrer neuen Verkaufstätigkeit voll und ganz aufgehen. So wie mein Portemonnaie auch…

Darum sitze ich seit Jahren auf Gartenstühlen in Wohnzimmern, umringt von neuen weiblichen Bekannten, während mir Cremes ins Gesicht gerieben werden oder beobachte staunend, wie eine Dame meinem alten Schurwollteppich mit „Hauruck“-Produkten zu neuem Glanz verhilft. Oder ich suche verzweifelt die Streichhölzer vom letzten Weihnachten, weil auf meinem Tisch 60 Kerzen drapiert sind, die angeblich alle ganz toll brennen. Wenn ich es schaffe, sie anzuzünden.

Männer sieht man so gut wie nie auf solchen Partys, zumindest ist das meine Erfahrung nach vielen Jahrzehnten. Allerdings wären sie an Dessous-Partys alle sehr interessiert gewesen, nur dürfen sie da nicht kommen.

Aber bis auf Tupperware habe ich einfach kein Glück mit den Produkten, die ich auf diesen coolen Partys kaufe.

Dabei hab ich mich so frisch und verjüngt gefühlt, als Theresa mir vor Monaten ein Pfund der neuen supertollen Nachtcreme ins Gesicht schmierte. Theresa versichert mir, alle würden mich für höchstens 25 halten, wenn ich ab sofort vier Wochen am Stück die neue Creme zum Sonder-Einführungspreis von 140 € pro Tiegel benützte.

Natürlich kaufte ich eine. Und eine Reinigungslotion. Und das Augenöl. Den Kassenzettel versteckte ich vor meinem Mann, sonst hätte der vermutlich Sauerstoff und einen Defibrillator gebraucht.

Nach drei Tagen mit der neuen Creme war mein Gesicht von stattlichen Pusteln bedeckt, die schneller wuchsen als die deutsche Staatsverschuldung, und es stellte sich heraus, dass ich die Produkte dieser Firma nicht vertrug. Also verschenkte ich sie wieder, was nicht so einfach war, wie es sich anhört. Bei Gratis-Geschenken sind viele Leute misstrauisch, und mein mit Pusteln übersätes Gesicht sprach für sich.

Meine Einkäufe auf der „Putz-Party“ waren ähnlich erfolglos.

Sieglinde säuberte vor 5 staunenden Augenpaaren meinen Gabbeh-Teppich, bis er aussah wie frisch gekauft. Oder geknüpft.

„Reinigt alles!“ versicherte sie mit strahlendem Lächeln, also schlug ich zu, in der Größenordnung des Militäretats eines kleinen mittelamerikanischen Landes, versteckte wieder den Kassenzettel und freute mich, dass ich künftig nie mehr Angst vor Flecken im Orient-Teppich haben musste.

Als ich allerdings eine Woche später meine Fenster mit dem Zeug (genau nach Vorschrift) putzte, sahen die hinterher aus, als hätte sie ein Tyrannosaurus Rex mit schwerer Parodontose abgeleckt.

Also stellte ich enttäuscht die monströse Flasche im Gegenwert einer schicken Handtasche von „Picard“ ins Gartenhäuschen und warte seitdem auf eine günstige Gelegenheit. Vielleicht kommt die von gegenüber ja mal zu mir, weil ihr die Reinigungsmittel ausgegangen sind. Die hat genügend Zeit, immer vor der Haustür rumzubrüllen, also kann sie auch ihre Fenster zweimal saubermachen.

Der gönne ich das.

Es ist wie es ist: Man kauft immer etwas ein auf diesen Partys, ich habe noch nie erlebt, dass jemand gegangen ist, ohne wenigstens ein einziges Teil zu bestellen.

Die wenigsten kommen ja vorbei, weil sie neugierig auf die Produkte sind, sondern weil sie a) die Einladung aus verschiedenen Gründen nicht ablehnen können oder b) wegen a). Ja, genau.

Zu solchen Partys einladen kann nur jemand, der genügend Guthaben bei der „Gefälligkeitsbank“ gesammelt hat („Tust du mir einen Gefallen, hast du wieder einen bei mir gut“.) Das funktioniert seit Jahrzehnten so und wird immer so bleiben. Dann kommen sie, weil sie einem was schulden. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Und die Putzmittel.

Jedes Mal nehme ich mir vor: „Höchstens ein einziges Teil, Barbara, ok?“

Und jedes Mal werden mir anschließend lastwagenweise Behälter, Kartoffelschäler, Body-Lotions oder Allzweckreiniger geliefert, mit denen ich ganz offensichtlich als einziger Mensch auf diesem Planeten unfähig bin, umzugehen.

„Wir müssen mal was anderes machen“ sagte ich darum neulich zu meinen vier Freundinnen, als wir beim Apfelkuchen zusammensaßen und über unsere Männer herzogen.

„Immer kaufen wir viel zu viel auf diesen Veranstaltungen ein. Lasst uns doch mal eine Tausch-Party mit Klamotten machen!“

Alle fanden, es wäre eine super Idee, Kleidung, die man selbst nicht mehr tragen möchte oder kann, gegen was zu tauschen, das gut erhalten ist und einem gefällt.

Also trafen wir uns eine Woche später an einem Freitagabend. Jede von uns hatte mehrere Säcke mit abgelegten Sachen dabei.

Und dann… stellte sich heraus, dass wir nicht weiter als von Wand bis Tapete gedacht hatten, denn wir fünf sind grundverschieden. Von Kleidergröße 36 – 48 war alles dabei. Das hübsche Dirndl von Beate schlackerte an mir wie ein Kartoffelsack, dafür kam Beate in mein feuerrotes Etui-Kleid gerade mal mit dem linken Arm rein.

Wir schauten uns entgeistert an und prusteten los. Dann köpften wir ein paar Piccolo-Flaschen und machten uns einen netten Abend. Und nach dem dritten Glas hätten wir gern irgendwas gekauft, denn wir waren in Geberlaune und herrlich beschwipst.

Ich überlegte kurz, ob ich meine Kartons voller Plastikschüsseln, Reinigungsmittel und Super-Kerzen aus dem Vorratsraum holen sollte, um ein Geschäft nebenher zu machen, entschied mich dann aber dagegen, da ich das mit dem Abkassieren nicht mehr hingekriegt hätte.

Aber sollte ich wieder mal als Gastgeberin für eine dieser Partys fungieren, habe ich für mich selbst neue Grundregeln aufgestellt:

• Putze gründlich und am besten zweimal. Da kommen nur Frauen, und die sehen alles.

• Serviere Häppchen, die hübsch angerichtet sind. Da kommen nur Frauen, und die können das mindestens genauso gut wie du.

• Wenn du das erledigt hast, putze nochmal. Wie gesagt: Die sehen alles.

• Serviere massenhaft eiskalten Sekt. Sehr viel Sekt. Nach dem vierten Glas kaufen die alles, dann brauchst du selbst nichts mehr zu kaufen.

• Bleib selbst unbedingt nüchtern! Wichtig!

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte – ich sehe gerade, ich hab schon wieder zu viel Geld im Portemonnaie. Gudrun hat mich zu einer „Hauruck“-Party eingeladen. Ich nehme den Läufer vom Flur mit, der sieht übel aus. Vielleicht gibt’s ja mittlerweile eine Flüssigkeit, mit der ich umgehen kann.

Sekt hat Gudrun ja immer zuhause. Gottseidank.

Ich wünsche Ihnen schmunzelnd eine schöne restliche Woche!

Ihre

Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

„Dieses Miststück! Wenn ich die in die Finger kriege! Die bringe ich um!“ Wie oft habe ich das schon gehört, während ich eilig einer schluchzenden Freundin Taschentücher reichte. Ich kann es gar nicht mehr zählen.

Der Anlass ist immer derselbe: Irgendein Lebensgefährte oder Ehemann namens Horsti, Günti  oder Florian (suchen Sie sich einen aus) ist fremdgegangen.

Entweder wurde er in flagranti erwischt, er bekam eine verfängliche SMS, die entdeckt wurde, oder jemand hat hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass Horsti an dem Tag, an dem er angeblich seine verstorbene Oma zu Grabe getragen hat, quietschfidel im Hotel „Zur zornigen Hornisse“ mit einer mehr als spärlich bekleideten flotten Biene gesehen wurde, wo beide eimerweise Champagner aufs Zimmer bestellt haben. Der Schaden ist da. Größtmöglicher Unfall. Sozusagen der Beziehungs-Super-GAU.

Wir winden uns in Zorn und Wut, heulen, stampfen mit den Füßen auf, leeren erst mal ein paar Piccolos oder auch Weinflaschen, erzählen allen, die wir kennen, die Geschichte unserer abgesoffenen Beziehung, schnäuzen zwei Kilo Papiertaschentücher voll und streicheln wehmütig und verständnislos die jämmerlichen Reste unser ehemals kleinen heilen Welt und unseres in die Brüche gegangenen Selbstwertgefühls, weil das Ungeheuer aus dem moralischen Sumpf es zertrampelt hat.

Und mit „Ungeheuer“ meinen wir komischerweise NIE den Mann, sondern immer seine neue Flamme.

Ja, meistens sind wir sauer auf die Damen, mit denen unsere Typen sich eingelassen haben und nicht auf die Männer selbst. Ist ihr bestes Stück von allein zwischen zarte Schenkel gerutscht, oder haben die Männer nicht doch kräftig mitgeholfen? Wurden sie mit vorgehaltener Pistole gezwungen, die Hosen herunterzulassen? Hat jemand sie an einen Stuhl gefesselt, mit kompromittierenden Kontoauszügen erpresst, oder genügte einfach nur ein koketter Augenaufschlag mit zu viel Lidstrich, ein kleiner Minderwertigkeitskomplex und eine erstklassige Gelegenheit? („Das kommt nie raus, da breiten wir den Mantel, äääh… die Bettdecke des Schweigens darüber.“)

Und trotzdem waschen die Herren der Schöpfung ihre Hände in Unschuld. Während die betrogene Frau vor Wut kocht und ihre Rachegelüste nur mühsam im Zaum zu halten vermag. Ich finde das grotesk.

Wieso wollen wir nur immer den Mädels die Augen auskratzen, ihnen die Klamotten vom Leib reißen und sie auf dem nächsten hastig aufgetürmten Scheiterhaufen verbrennen, aber den Fremdgänger lassen wir ungeschoren?

Ich habe einen umfangreichen Bekanntenkreis mit einer Menge toller Frauen. Alle sind sie großartig, verdienen ihr eigenes Geld, sind hübsch anzusehen, fleißig, loyal und selbständig. Man sollte meinen, diese Teufelsweiber wirft so schnell nichts um. Bis es dann passiert.

Nehmen wir zum Beispiel Laura. Sie lebte lange Jahre in einer strapaziösen Beziehung, denn ihr Freund sah verdammt gut aus. Er war eine ansehnliche Mischung aus dem jungen Tom Selleck und einem gereiften George Clooney. Wo er hinkam, flogen ihm die Herzen zu, und nicht nur die. Sämtliche Damen, auch die im nicht mehr fortpflanzungsfähigen Alter, schürzten in seiner Gegenwart freiwillig die Röcke und kicherten albern um die Wette bei jedem seiner Flachwitze. Mehr als einmal saß Laura vor Wut mit den Zähnen knirschend am Tisch und verwünschte sich für die dumme Idee, irgendwelche weiblichen Wesen zum Kaffee oder zum Abendessen bei sich einzuladen.

Sobald Lukas, Lauras Herzensmann, den Raum betrat, verwandelten sich nämlich die weiblichen Gäste in gickernde Hühner, die ihm ihr Ei anboten. Und ja, das meine ich wörtlich.

Eines Tages, an einem Wochenende, während sie gemeinsam frühstückten, erzählte Lukas  der mittlerweile ziemlich verunsicherten Laura langatmig, er hätte ein paar Probleme in ihrem Zusammensein entdeckt, an denen sie beide arbeiten müssten. Mit „daran arbeiten“ meinte er selbstverständlich Laura, denn er selbst war ja in seinen Augen perfekt, wie ihm sein Fanclub immer wieder bestätigte.

„Wir sollten eine neue Qualität in unsere Beziehung bringen“ begann Lukas vorsichtig.

„Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir etwas Abstand voneinander bekommen und nicht immer aufeinander kleben. Wenn das hier funktionieren soll, dann musst du mir in Zukunft eine verdammt lange Leine lassen. Ich brauche ein wenig Freiheit. Außerdem wäre eine kleine Auszeit nicht schlecht. Du bist ja eine intelligente Frau und siehst das bestimmt auch so.“

Roter Alarm. Zumindest wäre das bei mir der Fall. Alle Mann in die Wanten. Ein Sturm naht, und der könnte diese kleine Nuss-Schale namens Beziehung zum Kentern bringen.

Laura ist ein taffes Weibsbild und hat schon alles gesehen. Als Tierärztin spendet sie häufig Trost, hat schon die schwierigsten Fälle durchgebracht und übrigens erst vor vier Jahren, nur weil sie Lust darauf hatte, den LKW-Führerschein gemacht. Wirklich wahr.

Sie ist attraktiv, selbstbewusst, sportlich, kultiviert und sehr belesen. Aber als Lukas ihr lang und breit aufzählte, wie eingeengt er sich in der Beziehung mittlerweile fühle, saß sie fassungslos am Tisch und schnappte nach Luft.

Keine Frau hört es gern, dass sie das menschliche Äquivalent einer Bärenfalle sein soll, nicht wahr? Also nickte sie nur entgeistert und sah zu, wie Lukas sich sein Handy schnappte, das ohnehin die ganze Zeit gepiepst hatte, und verschwand. Dann trank sie einen Kaffee und dachte nach. Ungefähr zwei Stunden lang.

Aber das Gefühl, als wäre sie gerade dazu gezwungen worden, auf Seife zu beißen blieb. Irgendetwas stimmte nicht. War das derselbe Mann, der ihre Mülltonne durchwühlt hatte, auf der Suche nach einem uralten Adressbuch, in dem die Telefon-Nummern ihrer Exfreunde notiert waren? War das derselbe Mann, der eifersüchtig darüber wachte, dass sie nicht mit fremden Männer zu lange sprach? Es kam ihr merkwürdig vor. Also setzte sie sich in ihr Auto und fuhr zu Lukas, der 10 Kilometer entfernt wohnte.

Sarkastiker würden sagen, eine lange Leine benötigen nur Leute mit mindestens einem Hund. Und Laura wurde mit jedem Kilometer misstrauischer. Denn Lukas war in den letzten Jahren nicht der Zuverlässigste gewesen und kam gerne mal einen halben Tag zu spät zu einer Verabredung. Trotzdem liebte sie ihn. Irgendwie.

„Kann ich dir nicht sagen“ antwortete sie patzig auf meine diesbezügliche Frage. „Er hat einfach was, das mich fasziniert.“

Wenn Männer so etwas sagen, wollen sie meistens (Ich betone: meistens!) eigentlich nur mehr Zeit zum Fremdgehen haben und fixe Termine bei festen Freundinnen sind da eher lästig. Das gehört zum Basiswissen jeder Frau und sollte in der Schule gelehrt werden. Selbstverständlich kann man nicht 24 Stunden am Tag aufeinander sitzen, aber wenn das Zusammensein zur lästigen Pflicht wird, so dass man sich daraus befreien möchte, dann sollte man ohnehin alles nochmal überdenken.

Während Laura ihren Wagen über die Landstraße steuerte, beschwor sie sich selbst, unbedingt  gelassen zu bleiben und Lukas nach konkreten Gründen für seine Unlust zu fragen. Sie nahm sich vor, in Zukunft nicht mehr so „lästig“ zu sein („Was denkst du gerade?“), nicht mehr zu verlangen, dass er seine Wochenenden ausschließlich mit ihr verbrachte („Was, du willst schon wieder mit deinen Kumpels nach Mallorca? Da warst du doch erst vor zwei Wochen!“), und nicht mehr wütend über Lukas herzufallen, wenn ihm „wildfremde“ Frauen um den Hals fielen und sie dabei anzüglich und triumphierend anlächelten. („Musst du die auch noch umarmen? Woher kennst du die überhaupt?“).

Lukas war ein Mistkerl, aber Laura sah in ihm nur das Gute: einen 185 Meter großen attraktiven Mann mit blauen Augen, einem repräsentativen Job und Schwiegersohn-Qualitäten. Sie hatte völlig vergessen, dass ja nicht ihre Eltern mit Lukas leben mussten, sondern sie selbst.

Als Laura mit ihrem Schlüssel die Wohnung von Lukas aufschloss und eintrat, bemerkte sie als erstes ein paar blaue Pumps in der Diele. In Größe 40. Laura trug 37. Dann hörte sie das Geräusch der Dusche und ging ins Bad. Dort fand sie Lukas zusammen mit einer ansehnlichen Dunkelhaarigen, wie sie sich gerade kichernd unter dem Wasserstrahl von jüngst begangenen Schandtaten säuberten.

DAS nenne ich mal ein straffes Zeitmanagement. Scheinbar hatte Lukas keine Zeit verloren und war sofort nach seiner Ansprache an Laura unter die nächste Frau geflutscht. Er schien definitiv ein Mann der Tat zu sein, das war ja eines der Dinge, die Laura so an ihm schätzte. Nur welche Dinge er anpackte, hatte sie vor diesem Tag nicht geahnt.

Hätte Laura die von Lukas erwähnte „lange Leine“ in diesem Moment zur Hand gehabt, dann wäre es wohl mit der Brünetten vorbei gewesen, so erzählte sie mir ein paar Tage später.

„Ich war außer mir vor Wut und hätte sie am liebsten stranguliert“ heulte sie.

„Da präsentiert sich dieses Luder völlig nackt vor mir, stemmt beide Arme in die Hüften und grinst mich triumphierend an, während ich mir gerade die Augen aus dem Kopf heule. Und Lukas, dieser Feigling, steht schlotternd daneben, weil er aufgeflogen ist.“

„Wo hast du die versteckt bisher?“ fragte Laura ihren frischgebackenen Exfreund schluchzend und zeigte auf die nackte Dritte im Bunde.

„Ich glaube, das hat er nicht nötig, dass er mich versteckt“ antwortete die Brünette süffisant und stieg graziös aus der Duschwanne, während sie sich ein Handtuch schnappte.

Laura flüchtete schniefend vors Haus und setzte sich auf eine Mauer. Lukas war ihr im Bademantel nachgekommen und nahm neben ihr Platz.

„Es ist nur was fürs Bett“ stammelte er hilflos, während er verlegen versuchte, Laura zu umarmen. Es schien ihm peinlich zu sein, dass er aufgeflogen war, denn er hatte ein Ego wie der Watzmann und doch immer alles so gründlich durchgeplant.

Außerdem nannte er alle seine Bekanntschaften „Schatz“ – dadurch konnte er sichergehen, nie einen Namen zu verwechseln.

Ja, Lukas war verlegen. Nicht schuldbewusst. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass er diese Dame namens Sieglinde schon sechs Monate lang traf. Sozusagen mitten zwischen die Knie.

Das darf man ruhig so nennen.

„Warum hast du ihm denn nicht wenigstens eine geschmiert für das, was er dir angetan hat?“ fragte ich Laura völlig entgeistert.

„Weil ich ihn doch liebe“ platzte Laura heraus.

„Ich war unglaublich sauer auf dieses Miststück. Ich hätte sie am liebsten gekillt, egal womit. Aber auf ihn konnte ich einfach nicht böse sein. Er meint es nicht so, er ist nur schwach.“

Da fehlen mir die Worte, und das will was heißen.

In der darauffolgenden Woche schmiedete Laura düstere Rachepläne, die allesamt darin gipfelten, dass diese fremde, dunkelhaarige Frau ein qualvolles und langwieriges Ende nehmen würde. Unter der Erde, denn Laura wollte sie anschließend lebendig begraben.

Aber sie hat diese Pläne nie ausgeführt, Gottseidank.

Lukas schien in Lauras Augen lediglich das Opfer widriger Umstände zu sein. Die böse schlanke Schlange mit dunklen langen Haaren hatte sich in ihr Paradies geschlichen und von Lauras Apfel genascht. Sie ist übrigens heute noch davon überzeugt, dass alles nie passiert wäre, hätte die Brünette damals die Finger von Lukas gelassen.

Ich kenne Lukas allerdings, und ich habe schon viel von ihm gehört. Nicht alles konnte ich Laura erzählen.

„Brünhilde“ war nämlich nicht die erste gewesen, die in Lukas’  wurmstichigen Apfel gebissen hatte. Genaugenommen war schon sehr lange von Lukas nur noch das abgenagte Kerngehäuse übrig – metaphorisch gesehen.

Mit Frauen, die mit gebundenen Männern fremdgehen, verhält es sich wie mit dem Kauf von Rüstungsaktien. Es ist zwar moralisch geächtet, aber wenn Sie die nicht kaufen, tut es jemand anderer. Weil sie ja scheinbar verfügbar sind. Weil sie mitmachen.

Weil sie nicht „Nein“ sagen.

DAS ist die Wahrheit. Die Welt ist nicht voller verführerisch glitzernder „böser Mädchen“, die nur darauf warten, sich einen Mann zu krallen, egal, ob verheiratet oder nicht. Meistens geht es nur um eine günstige Gelegenheit, ein paar Bier zu viel oder zu wenig sexuelle Befriedigung zuhause. Und es sind nicht immer nur die fremden Frauen schuld.

Hätte „Brünhilde“ sich damals nicht Lukas geschnappt, wäre es eben eine andere gewesen, denn er konnte seinen Feinripp-Slip einfach nicht bei sich behalten, sobald er weibliche Pheromone witterte.

Laura hätte mir vermutlich nicht geglaubt, dass Lukas ohnehin alles bestieg, was bei 3 nicht auf dem nächsten Baum verschwunden war. Und sie nennt es auch weiterhin „Liebe.“

Jedenfalls war Laura lange, lange Zeit so unglaublich sauer auf die ominöse Dunkelhaarige, dass ich es gar nicht zu beschreiben vermag. Für Laura war sie die Personifizierung des Antichristen, das Böse schlechthin. Dass der arme unschuldige Lukas aber tatkräftig an ihr herumgefummelt hatte, mit ihr in SEINER Dusche geduscht hatte und bereitwillig mit „Brünhilde“ in sein ungemachtes Bett gehüpft war (in dem ein paar Tage zuvor noch sie selbst gelegen hatte), verdrängte sie ganz einfach.

Beide sind jetzt übrigens nicht mehr zusammen. Und das Traurige ist: Es lag nicht an Laura, denn sie hätte Lukas mit Kusshand zurückgenommen, weil sie sich so an ihn gewöhnt hatte. Jetzt hat sie sich einen Mann gesucht, der nicht ganz so gut aussieht, aber eine treue Seele ist. Ich hoffe, die beiden werden glücklich, denn vielen Versuchungen wird der Neue vermutlich nicht ausgesetzt sein.

„Es ist mir egal, ob er aus Mangel an Gelegenheit bei mir bleibt“ erzählte mir Laura vor ein paar Monaten pragmatisch.

„Ich will einfach nur einen Mann, auf den ich mich verlassen kann. Aber wenn Lukas heute zu mir zurückkäme, könnte ich für nichts garantieren.“

Naivität hat viele Gesichter. In Lauras Fall sogar ein sehr hübsches.

So ähnlich wie Laura erging es Vanessa im Februar vor drei Jahren. Sie war nämlich mit einem Mann liiert, der zum damaligen Faschingsprinzen gekürt wurde.

Nun ist „Faschingsprinz“ ein stressiger Job, zumindest, so lange, wie der bierernste deutsche Karneval dauert. Man muss sich ständig in Gesellschaft und bei lauter Musik volllaufen lassen, mit hübschen Mädchen tanzen und darf morgens nie vor 5:00 Uhr ins Bett gehen. So war das zumindest damals. Ich nehme hiermit ausdrücklich alle lieben und treuen Karnevalisten aus.

Jeder „Regent“ umgibt sich mit der sogenannten „Garde“, die vorwiegend aus lauter süßen Käfern in möglichst kurzen Röckchen und einem bis dato kurzen Leben besteht. Es wird geprobt, es finden Auftritte statt, und Vanessa hatte schwer daran zu knabbern, dass ihr Jürgen so gar keine Zeit mehr für sie hatte und nur noch mit blutjungen süßen Mädels übers Parkett hüpfte.

Eines Abends wollte Vanessa „ihren“ Prinzen nur kurz vor einem Auftritt besuchen und ihm Mut zusprechen, da er unter schlimmem Lampenfieber litt.

Sie erwischte ihn, während er seine Zunge gerade in der Speiseröhre der pummeligen blonden Faschings-Prinzessin und beide Hände in deren Dekolleté versenkte. Es war kein schöner Anblick.

Vanessa stürmte wutentbrannt nach draußen, verkroch sich den gesamten restlichen Fasching unkostümiert und stinksauer in ihrer Wohnung und schwor der dicklichen Prinzessin (Tochter des örtlichen Großbäckers) schwerste Rache, sollte die ihr jemals allein zwischen die Finger geraten. Sie wollte ihr die Haare im Schlaf abschneiden, ihr Auto und das Gesicht zerkratzen, sie wollte ihr mindestens einen Zahn ausschlagen und sie vor allen Leuten unmöglich machen, indem sie behauptete, Prinzessin Blondie litte an einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Außerdem kauft Vanessa seit drei Jahren ihre Brötchen aus Protest jetzt bei ALDI. Wobei ich sehr bezweifle, dass die ehemalige Prinzessin das bemerkt hat.

Und Jürgen – war wieder mal an gar nichts schuld.

„Er kann so gut tanzen und sieht klasse aus, klar dass alle auf ihn stehen“ greinte Vanessa, als sie heulend bei mir am Tisch saß und ein Taschentuch nach dem anderen vollschnäuzte.

„Außerdem ist er schon öfter fremdgegangen. Ich hab’s nur noch nie live gesehen, das war eine ganz andere Qualität. Und die blöde blonde Kuh hat sich ihm an den Hals geschmissen. Der wollte das doch gar nicht. Der steht doch nicht mal auf mollige Frauen. Und auf Blondinen schon gar nicht.“

An dieser Stelle wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Übrigens wurde Vanessa ein halbes Jahr darauf von ihrem Prinzen wegen einer dürren Dunkelhaarigen verlassen. Zumindest, was Jürgens Vorlieben anging, hatte sie Recht behalten.

Ich könnte Ihnen noch etliche Fälle aufzählen, in denen Frauen betrogen wurden, die jedes Mal, wirklich jedes einzelne Mal, der „anderen“ Frau die Schuld daran gaben.

Wissen Sie, in dieser Debatte vermisse ich eines ziemlich: weibliche Solidarität. Meine Oma sagte immer: „Wie man sie kriegt, so verliert man sie wieder“, und ich durfte das mehr als einmal beobachten.

Elvira zum Beispiel hat ihren Mann seiner Ehefrau ausgespannt, ihn unter Triumpfgeheul geheiratet und wurde dann nach 10 Jahren von eben diesem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Die triumphierte dann auch.

Katrin ergatterte sich einen verheirateten Zahnarzt, der sich wegen ihr scheiden ließ, mit ihr eine rauschende Hochzeit auf den Malediven feierte… und sie dann wegen seiner Exfrau wieder sitzenließ.

Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um Moral, es geht um Integrität. Wir Frauen sollten zusammenhalten, denn wir haben es schwer genug in dieser Welt. Jede fremde Frau, die ich treffe, sollte meine Freundin und Verbündete sein, nicht meine Konkurrentin oder meine Feindin, die ich im Auge behalten muss.

Weltweit haben immer noch die Männer die Macht. Und wenn wir uns untereinander schon das Leben so schwermachen – wie wollen wir es dann in die Führungsetagen schaffen?

Ein kleines bisschen Solidarität wäre wirklich schön. Und wenn Sie mich hundert Mal altmodisch schimpfen: Man klaut einer anderen Frau nicht den Mann. Das tut man einfach nicht. Es ist so einfach wie logisch. Und meistens auch ein Pyrrhussieg.

Denn einer, den sich von Ihnen „klauen“ lässt, auf den müssen Sie, wenn Sie ihn dann „haben“, ganz gewaltig aufpassen, er scheint ja eher der wankelmütige Typ zu sein, der sich gerne von einem flott gezogenen Eyeliner oder einem Schmollmund zum Wechsel in eine andere Mannschaft überzeugen lässt. Und das alles nur wegen ein paar Trikot-Wechseln?

Wo wird er wohl in der nächsten Saison spielen?

Ja. Ich wirke vermutlich antiquiert, wenn ich im Jahre 2018 schreibe: „Das tut man nicht.“ Weil wir doch in der freiesten Gesellschaft leben, die wir uns vorstellen können. Aber ich erwarte von einem Mann ganz einfach, wenn er sich für mich entscheidet, dass er sich auch daran hält. Sollte die Beziehung für beide Teile nicht zufriedenstellend sein, kann er sich gern dorthin begeben, wo ihm das Gras grüner scheint. Oder der Pfeffer wächst. Aber ich möchte keinen fliegenden Wechsel von einer Blüte zur nächsten erleben.

Die Herren der Schöpfung sind nämlich keine Bienen, sondern Drohnen. Und die Königinnen sind immer noch wir, vergessen Sie das bitte nicht.

Männer sind selbstverständlich nicht unser Eigentum. Und jeder Mensch hat einen freien Willen, auch wenn er behauptet, er hätte sich nicht wehren können gegen dieses Bollwerk an Verführungskunst, das ihm neulich in einer schummrigen Pilsbar schöne Augen gemacht hat.

Auch wenn er behauptet, er hätte nicht gewusst, was er tat. Auch wenn er behauptet, es sei nur eine einmalige Angelegenheit gewesen.

„Die hat sich mir an den Hals geworfen, Uschi!“ beteuern sie und vergessen ganz nebenbei, dass sie ihren Hals vermutlich bereitwillig in Richtung des verführerisch geöffneten Dekolletés gestreckt haben.

„Es ist nur was fürs Bett, Schatzi!“

Wie bitte? Ich habe ja auch keinen Mann nur für den Müll, oder einen, der ausschließlich fürs Rückenschrubben zuständig ist.

Mitgefangen, mitgehangen, liebe Herren der Schöpfung. Eine Beziehung ist nämlich all inklusive, und das Buffet wechselt nicht täglich, auch wenn Sie das manchmal gern hätten. Also denken Sie nach, ehe Sie eine holperige Kreuzfahrt auf dem Seitensprung-Dampfer buchen.

Ich wünsche mir für alle Frauen dieser Welt ein wenig Solidarität. Lassen Sie uns zusammenhalten. „Böse Mädchen“ bekämen gar keine Chance, wenn es nur „brave Männer“ gäbe.

Bleiben Sie gelassen. Denn für fast alle für uns gilt das „AMIGA“-Prinzip: „Aber meiner ist ganz anders“. So gut wie immer stimmt das auch.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Nehmen Sie mich nicht allzu ernst. Ich selbst tue das auch nicht.

Mit augenzwinkernden Grüßen,

Ihre Barbara Edelmann

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Als Kind saß ich oft mit meiner Großmutter im Licht der untergehenden Abendsonne am Fenster und beobachtete, wie sie Socken stopfte, Knöpfe an Hemden nähte, Löcher in getragener Kleidung ausbesserte und Schnürsenkel-Enden mit Wachs überzog, damit sie sich wieder einfädeln ließen.

Ja, ich stamme aus einer Zeit, in der Dinge „geflickt“ wurden. Wenn etwas kaputt war, warf man es nicht weg, denn meistens waren mit dem Erwerb viele Entbehrungen verbunden gewesen.

Dann kam der Konsum. Die Leute verdienten mehr, die Ansprüche wurden größer, und was früher eine Woche Zelturlaub am Gardasee gewesen war, sind heute vier Wochen Bali all inclusive mit dem Billig-Flieger.

Das Angebot an Waren ist riesig. Viele Gebrauchsgüter sind, proportional zum Einkommen gesehen, so billig geworden, dass es sich nicht mehr lohnt, sie zu reparieren. Und merkwürdigerweise gilt das auch für Beziehungen.

Verstehen Sie mich richtig: Ich propagiere nicht, in einer unbefriedigenden Ehe auszuharren. Ich appelliere nur an Ihren wachen Verstand, genau zu prüfen, welche Definition von „besser“ Sie haben. Weil „Ex und Hopp“ nicht immer die bessere Wahl ist. Ganz einfach.

Viel hat sich verändert seit damals. Kein Mensch stopft heute mehr Socken. Aber die Socken sind nur ein Gleichnis, denn dieses achtlose Wegwerfen, es gehört mittlerweile zu unserer „schönen neuen Welt“.

Früher zappten wir uns gelangweilt durch die Privatsender, heute zappen wir uns durch Beziehungen. Tinder, Facebook, Snapchat, Instagram und wie sie alle heißen, sind voll mit einsamen Herzen auf der Suche nach dem Partner fürs Leben.

Der/die Nächste muss perfekt sein. Kompromisse sind nämlich out.

„Ich will einen 1,85 Meter großen Blonden mit grünen Augen, der Sozialwissenschaften oder Arabistik studiert hat, einen Fiat fährt, Katzen liebt und für den ‚How I Met Your Mother’ das Beste seit der Erfindung des Klopapiers ist.“

So in etwa läuft das heute. Ich habe leicht übertrieben, aber leider nicht viel.

„Was, du magst weder Sushi noch Ayurveda und findest Angela Merkel doof? Dann aber fix wieder runter vom Hof!“ heißt es mittlerweile. OK. Ich habe wieder übertrieben, aber wieder nicht viel.

Perfekt soll er sein, der Partner. Schnell tauscht man den „Alten“ aus, es warten doch genügend Neue. Aber Herzen sind keine Kurbelwellen, wissen Sie. Neues muss nicht unbedingt besser sein. Oder wie es Schiller schon ausdrückte: „Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.“

Es heißt ja nicht umsonst: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Der Satz endet übrigens NICHT mit „… ob sich nicht doch was Besseres findet.“

Beziehungen werden mittlerweile weggeworfen wie Tennissocken mit Löchern. Meine Oma hätte sie noch gestopft.

Und genau darum erzähle ich Ihnen heute die wahre Geschichte von Susi. Sie war Zeit ihres Lebens ein großer Fan von Neuanschaffungen und hasste Reparaturen. Susi kauft lieber neu. Das gilt für alles. Einmal warf sie eine Bluse in die Altkleidersammlung, weil zwei Knöpfe fehlten. Und das ist die reine Wahrheit.

Susi und ich waren seit unserer Schulzeit beste Freundinnen.

Sie wuchs als Einzelkind bei wohlhabenden Eltern auf. Von klein auf glich Susis Leben dem Spaziergang von Alice im Wunderland. Fuhr Susi wieder mal einen Wagen zu Klump, kaufte Papi ihr einfach einen neuen.

Egal, welchen Wunsch sie äußerte, er wurde umgehend erfüllt. Jedes Mal, wenn ich Susi in ihrem Elternhaus besuchte, war das für mich wie Science-Fiction. Sie bewohnte schon als Teenager die komplette obere Etage des elterlichen Hauses und hatte dort freie Hand. Es war ein Paradies für uns. Mit Zimmerservice, denn Susi brauchte nur übers Haustelefon unten anzurufen, und schon bekamen wir die leckersten Dinge serviert.

Susi heiratete sehr jung, bekam zwei Kinder, und zog, nachdem diese Ehe gescheitert war, mit ihren beiden Kindern wieder im Obergeschoß ihres Elternhauses ein.

Die Großeltern kümmerten sich rührend um ihre beiden Enkel, während Susi morgens zur Arbeit fuhr und erst abends nach Hause kam.

Dann hauchte sie nach dem Essen, das die Oma gekocht hatte, ihren Kindern einen Kuss auf die Stirn, befahl ihnen, zu schlafen, schminkte sich und verschwand auf hohen Hacken in die Nacht.

Es folgte im Laufe der nächsten 10 Jahre eine stattliche Anzahl an willigen Herren, die zwar gerne Susi, aber nicht ihre beiden Kinder genommen hätten.

Da niemand sie mit ihren Kindern wollte, sondern nur als Einzelpack, blieb Susi weiterhin Single und alleinerziehend. So nannte sie sich gern in heiterer Runde. Dabei kannte ich niemanden, auf den diese Bezeichnung weniger zugetroffen hätte, aber keiner getraute sich, ihr das zu sagen, auch ich nicht.

Susi lebte in der 5-Sterne-Version des „Hotel Mama“, weiterhin mit Roomservice und Putzfrau.

Endlich lernte Susi Hugo kennen, einen farblosen, schlanken Mann mit zurückweichendem Haaransatz, stillem Wesen und großen, ein wenig traurig dreinblickenden Augen.

Er zierte sich etwas, und das war Susi nicht gewöhnt. Normalerweise fuhr sie auf große dunkelhaarige Männer mit hohen Wangenknochen und blauen Augen ab, und Hugo fiel überhaupt nicht unter ihr Beuteschema. Aber es reizte Susi, dass mal jemand nicht so wollte wie sie es gerne hatte.

Hugo redete wenig und lächelte selten. Aber er war belesen, einfühlsam und hatte eine Menge Tiefgang. Ich mochte ihn.

Susi ließ ein T-Shirt mit einem Foto von ihr in äußerst aufreizender Pose und extrem wenig Textilien am Leib bedrucken und schmuggelte es unter seine Klamotten, als Hugo für ein paar Wochen verreiste. Sie legte sich ein Arsenal an Reizwäsche zu, auf das vermutlich eine Sexarbeiterin auf der Reeperbahn neidisch gewesen wäre. Susi wollte Hugo, und sie sorgte dafür, dass sie ihn bekam. Etwas anderes hätte ihre Programmierung durcheinandergebracht.

Endlich machte Hugo Susi einen Antrag.

Er war übrigens Gastronom, bewohnte ein schönes geräumiges Haus auf dem Lande und schien mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. So jemand hatte ich mir für sie gewünscht.

Nach einer rauschenden Hochzeit zog Susi mit den Kindern in ihr neues Zuhause. Susis Eltern hatten endlich wieder ein Privatleben, wenn auch nicht für lange. Ich hätte es ihnen gegönnt, aber leider starben sie bald darauf.

Susi verwand diese Schicksalsschläge erstaunlich schnell, vielleicht, weil Hugo wie zuvor ihre Eltern, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas.

Arbeiten musste Susi übrigens nicht, denn Hugos Einkommen war ausreichend.

Außerdem kümmerte er sich aufopfernd um seine neue Familie. Er wusch die Wäsche, kochte das Essen, kaufte ein und machte sauber, denn Susi hatte öfter mal keine Lust und beschwerte sich oft darüber, dass die Kinder so anstrengend waren. Nach dem Tode ihrer Eltern war Erziehung Neuland für sie, denn unter Tags hatte sie ihre Sprösslinge vorher so gut wie nie zu Gesicht bekommen, und wenn, dann waren sie schon von Oma und Opa versorgt worden.

Im Grunde genommen war sie nun das erste Mal richtig Mutter geworden. Trotzdem ihr Leben gut lief, schien Susi aber irgendwie unzufrieden.

„Mir ist langweilig“ sagte sie mehr als einmal, wenn ich sie besuchte. Wir saßen dann zusammen am Tisch, die Kinder spielten, und Hugo stand am Herd und kochte fürs Abendessen vor, nachdem er vorher eingekauft hatte.

„Hier ist überhaupt nichts los auf dem Land“ murrte Susi. „Ich gehe noch ein. Ich will hier raus.“

Ich  musterte sie damals ungläubig, denn meiner Meinung nach hatte sie es gut getroffen. Das Haus war hell und geräumig, die paar Pfund, die sie zugenommen hatte, standen ihr ausnehmend gut, und sie wirkte wesentlich ausgeglichener als früher, wo es sie jeden Abend auf die Piste getrieben hatte.

„Die Kinder machen mich wahnsinnig“ stöhnte sie oft. „Nirgendwo kann man hin. Ich habe ja niemanden, der auf sie aufpasst. Es ist die Hölle.“

Diese Anspielung überhörte ich regelmäßig geflissentlich, denn die beiden Kinder von Susi, damals 16 und 14, waren Rabauken, die mich mental überfordert hätten.

Nachdem die liebevolle Strenge von Susis Eltern fehlte und Susi eine gewisse Nachlässigkeit bezüglich der Erziehung an den Tag legte, wuchsen sie auf wie wilde Blumen. Sie breiteten sich quasi in alle Richtungen, auch in verbotene, aus, denn Susi hatte auf Konsequenz keine Lust, das hätte sie angestrengt.

Dann verletzte sich Susi den Rücken. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es passierte, aber beim Putzen kann es nicht gewesen sein, das erledigte Hugo, wenn er nicht im Lokal oder auf dem Großmarkt war. Jedenfalls wurde sie von ihrem Arzt nach einem Bandscheibenvorfall zur Kur geschickt.

„Ich habe mich verknallt“ berichtete sie mir freudestrahlend, als wir uns das erste Mal nach ihrer Reha wieder trafen. „Das ist die Liebe meines Lebens. Er ist ein Geschäftsmann aus Hamburg, er sieht klasse aus. Groß, dunkelhaarig, blaue Augen. Wir haben es die ganze Zeit getrieben. Den heirate ich.“

„Aber du bist doch schon verheiratet?“ wandte ich ein.

„Na und? Ich lasse mich eben scheiden.“ Da war sie wieder, meine Prinzessin auf der Erbse. Susi hatte noch nie viel dafür übrig gehabt, Kaputtes zu reparieren. Sie kaufte lieber gleich neu. Und Hugo war diese Bluse, an der zwei Knöpfe fehlten. Rein metaphorisch gesehen.

Meine Prinzessin Susi – sie hatte mir gefehlt. Die Frau, die damit aufgewachsen war, immer zu bekommen, was sie wollte. Die nie eine Mahlzeit zweimal aß, sondern die Reste in den Abfall kippte. Hugo kaufte ja stets frisch ein und kochte einfach neu.

Wissen sie, irgendwann flutscht man wieder in seine natürliche Form zurück. Und Susi war soeben geflutscht. Erst unter den Hamburger Geschäftsmann, dann in ihre Rolle als verwöhnte Tochter. Ich hätte mir um sie wohl keine Sorgen machen brauchen. Sie blieb sich selbst treu.

„Susi“ versuchte ich zu intervenieren, weil ich Hugo mochte und den Eindruck hatte, dass er meiner Freundin guttat.

„Ich war auf deiner Hochzeit. Vor dem Altar hast du geschworen, ‚bis dass der Tod euch scheide’, und jetzt kommt die erste leichte Brise, und du willst dich vom Acker machen? Was ist mit den Kindern? Die lieben ihn doch auch.“

„Ach, Kinder halten viel aus“ wehrte Susi ab. „Verschon mich mit deinen Predigten. Du klingst wie ein Pfarrer.“

Die nächsten Monate wurden zur Zerreißprobe für unsere Freundschaft. Ich hatte Susi nochmals gebeten, die Angelegenheit gründlich zu überdenken, aber sie wollte in dieser Zeit nicht auf ihren „Fredi Schlotterbeck“, wie ich ihn aus purer Bosheit taufte, verzichten. Deshalb nutzte sie jede Gelegenheit, sich mit ihm zu treffen, während Hugo daheim die Kinder hütete. Einige Male musste er sogar sein Lokal deswegen geschlossen halten.

Ich konnte das Elend nicht mehr mit ansehen und rief Fredi Schlotterbeck an, um ihn auszuhorchen. Susi hatte mir seine Nummer gegeben.

„Was willst du von meiner Freundin?“ fragte ich ihn misstrauisch. „Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Hast du überhaupt gute Absichten? Susi ist zu schade für eine Affäre.“

„Diese Frau ist eine Wucht“ erklärte mir Fredi Schlotterbeck am Telefon überheblich. „Ich heirate die, auch wenn sie zehn Kinder hat.“

„Warst du schon mal verheiratet?“ fragte ich vorsichtig?“

„Nur kurz“ antwortete Fredi. „Aber ich liebe Susi. Und ich nehm sie auf jeden Fall.“

Susi lachte mich aus, als ich ihr von diesem Gespräch erzählte und führte stolz ihre neue Pelzjacke vor, die Fredi ihr bei einem Stadtbummel gekauft hatte.

„Ich und die Kinder fahren am Wochenende zu Fredi nach Hamburg und verbringen dort das Wochenende“ erklärte sie mir entschlossen. „Ich habe mit Hugo geredet und ihm alles gesagt. Wir lassen uns scheiden.“

Susi fuhr also mit Kind und Kegel nach Hamburg und verbrachte zusammen mit ihrem Nachwuchs das Wochenende bei ihrem Zukünftigen in dessen Villa. Dann reiste sie wieder zurück, um mit Hugo die Modalitäten wegen der Scheidung zu klären.

Hugo war so still wie immer. Er wirkte bedrückt, aber gelassen. „Ich liebe Susi“ sagte er zu mir. „Weil sie so ehrlich zu mir ist. Es bricht mir das Herz, aber was soll ich tun?“

Nach diesem Wochenende wartete Susi ungeduldig darauf, dass Fredi sich melden würde, um ihr mitzuteilen, wann der Umzugswagen käme.

Er kam nie. Fredi rührte sich nämlich nach diesem einen Wochenende nicht mehr. Es war, als wäre er gestorben. Er ging nicht ans Telefon, änderte seine Handynummer und öffnete nicht die Tür, als Susi nach einer 8 Stunden langen Autofahrt vor seiner Villa stand.

Fredi hatte sehr wahrscheinlich seine pädagogischen Fähigkeiten, was zwei Teenager betrifft, gewaltig überschätzt, genau wie die Geduld seiner Putzfrau, denn ich erinnere Sie daran: Susis Kinder waren Rabauken mit hoher destruktiver Energie.

Es ging um eine chinesische Vase, ein italienisches Sofa und eine Kaffeemaschine aus der Schweiz. Mehr weiß ich nicht. Aber ich habe die Kinder schon live erlebt und hätte Fredi alles geglaubt.

Nach einer Woche war Susi verzweifelt. Sie saß nur noch zuhause und heulte. Hugo tröstete sie.

Irgendwann hatte sogar Susi eingesehen, dass Fredi sich nicht mehr melden würde. Sie war nicht daran gewöhnt, dass ihr Wünsche verwehrt blieben und dementsprechend erschüttert. Es war ihr erstes Mal. Nun war sie also keine Jungfrau mehr. Rein lebenstechnisch gesehen.

Nach einem Jahr schien es, als wäre die ganze Geschichte nie passiert.

Und dann verliebte sich Susi wieder. Diesmal in einer Kneipe, die sie zusammen mit ein paar Arbeitskollegen besuchte. Dort lernte sie Ralf kennen. Er stand kurz vor seinem Vorruhestand – wegen einer Erkrankung – und war 12 Jahre älter als Susi, schlank, grauhaarig, mit hohen Wangenknochen und blauen Augen.

„So was ist mir noch nie passiert“ strahlte Susi. „So verliebt war ich nicht nie.“

„Das hast du bei Fredi Schlotterbeck auch gesagt“ erinnerte ich sie und dachte mit Grauen an Hugo, der nichtsahnend gerade die Wäsche faltete.

„Dieses Mal ist es anders“ fauchte Susi. „Den Mann will ich. Er mich auch. Mit den Kindern kommt er klar. Ich lasse mir von dir gar nix dreinreden.“

Ein paar Tage später stellte sie mir Ralf vor. Er wirkte unterkühlt, etwas tranig, aber höflich und kultiviert. Ich mochte ihn trotzdem nicht, weil ich an Hugo denken musste. „Und wie hat Hugo es aufgenommen?“  fragte ich Susi, als Ralf gerade auf der Toilette war.

„Nicht so gut“ antwortete Susi lapidar. „Aber mit uns ist es die letzte Zeit eh nicht toll gelaufen. Der trinkt ab und zu mehr, als ihm guttut. Und  er ist auch so langweilig. Gar nix los. Als ich den kennenlernte, war der ständig auf Achse. Jetzt ist er nur müde, wenn er heimkommt. Auch sonst läuft nicht viel. Du weißt, was ich meine. Unsere Beziehung ist ziemlich abgekühlt.“

Wer hätte das gedacht?

Allmählich hatte ich ein Déjà-vu. Es klang einfach alles zu sehr nach Fredi Schlotterbeck.

Aber Ralf verschwand nicht einfach aus Susis Leben wie Fredi, er mietete sogar ein hübsches kleines Haus, das Susi zusammen mit ihm und den Kindern bezog. Sie suchte sich einen Job und kam wieder abends müde nach Hause. Ralf erledigte den Haushalt, so wie Susi das gewöhnt war, und die Kinder kamen und gingen ohnehin, wie es ihnen beliebte, denn Susi hielt nach wie vor nichts von Konsequenz oder Verboten.

Nach ungefähr einem Jahr traf ich Ralf in der Stadt allein beim Einkaufen. Normalerweise sahen wir uns nur, wenn Susi dabei war.

Er wartete erst gar nicht ab, bis ich ihn fragte, wie es ihm ginge, sondern legte sofort los.

„Die drei tun absolut nichts zuhause!“ schimpfte er. „Ich muss alles allein machen. Sie kochen und lassen dann das angebrannte Geschirr stehen. Im Bad schimmeln die Handtücher. Ich bezahle Miete, Strom, Telefon und den größten Teil des Essens und muss noch den Haushalt schmeißen!“

Ich hätte Ralf aufklären können, dass er damit einer langjährigen Tradition folgte, aber er hätte mich wohl nicht verstanden.

„Der ist so ein Erbsenzähler und Kleinkrämer“ klagte Susi auf meine Nachfrage hin. „Ständig soll man nur putzen. Immer hockt der vor der Glotze. Ich will raus, ich will was erleben. Mal irgendwo hingehen. Aber der Ralf, der ist ständig zu müde.“

„Wer hätte das ahnen können bei jemandem, der wegen Krankheit in den Vorruhestand geht?“ sagte ich. „Hast du doch vorher gewusst. Oder dachtest du, nach eurem Zusammenziehen findet eine Spontanheilung statt? Und warum helft ihr nicht mal im Haushalt mit, wenn er schon alles bezahlt? Er möchte doch nur wahrgenommen werden?“

„Mann, du solltest zu mir halten, du bist meine Freundin nicht seine!“ zischte Susi böse und rief mich erst mal einen Monat nicht mehr an.

Ich dachte mir nichts dabei, denn Susi hat eine kurze Zündschnur und ist nie lange beleidigt.

Susi und Ralf blieben in dem schmucken Reihenhaus aber tatsächlich noch ein weiteres Jahr zusammen. Sie hielt sich die meiste Zeit an irgendeinem Barhocker in der Stadt fest, und Ralf kaufte sich einen monströsen Fernseher, der nonstop mit voller Lautstärke lief, damit er mithören konnte, wenn er im anderen Zimmer die  Wäsche machte.

Einmal nötigte er mich bei einem meiner Besuche in die Küche. Seitdem kann ich Ihnen versichern, dass bestimmte gekochte Lebensmittel, wenn sie mehr als zwei Wochen der Luft ausgesetzt sind, ohne weiteres die Konsistenz von Trockenbeton anzunehmen imstande sind. Den Rest verdränge ich bis heute.

Aber irgendwann war Ralfs Geduld am Ende.

Als einigen Lebensmitteln im Kühlschrank wuchsen Haare, trotz Ralfs verzweifelter Versuche, Ordnung zu halten. Als merkwürdige kleine Tiere auftauchten, seine Scheckkarte aber hingegen verschwand, kündigte er kurzerhand den Mietvertrag und die Beziehung und suchte sich eine Wohnung.

Vermutlich wollte er in seinem Ruhestand auch etwas Ruhe haben, schätze ich, denn der Haushalt machte ihn fertig.

Ralfs indianischer Name hätte wahrscheinlich „Der-alles-zahlt“ gelautet. Sagen durfte er nichts, denn dann hatte er Susi und ihre Kinder als geschlossene Front gegen sich. Er hatte nie eine Chance gehabt und war erst durch Schaden klug geworden. Manche lernen nur durch Schmerz.

„Der macht tatsächlich Schluss mit mir!“ schrie Susi wütend ins Telefon. „Du musst mit ihm reden!“

„Ich glaube nicht, dass es helfen würde“ antwortete ich vorsichtig. „Weil ich schon merke, wenn man jemanden nicht umstimmen kann. Das schaffst du schon, auch ohne ihn.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“ heulte Susi. „Ich kann die Miete für das Haus nicht zahlen, das hat immer er gemacht.“

Susi wäre nicht Susi gewesen, hätte sie sich nach einer günstigen Alternative für das Haus umgesehen. Irgendwie schien es, als hätte sie noch nicht registriert, dass zum ersten Mal in ihrem Leben niemand da war, der ihr etwas abnahm.

Sie fand einen Loft mitten in der Stadt, der genau 50 Euro billiger war als das Haus, in dem sie zusammen mit Ralf und ihren Kindern gewohnt hatte.

„Ich brauche etwas, in dem ich mich wohlfühle“ raunzte sie mich an, als ich sie auf die hohe Miete ansprach. „Ich bin ein Stadtmensch. Was soll ich auf dem Land, da ist doch nix los?!“

Natürlich setzte sie ihren Kopf durch und wir halfen alle beim Umzug. Ich kaufte ihr als Einweihungsgeschenk einen Schreibtisch, der ihr nicht gefiel (alles andere hätte mich gewundert).

Susi fand einen Job in der Nähe. Gelegentlich besuchte ich sie. Sicherheitshalber brachte ich mir Kaffee von McDonalds mit, denn alle im Haushalt, also Susi und ihre Kids, lebten recht organisch. Mehr als einmal blieb ich am Küchenboden kleben, aber nach so langer Freundschaft sieht man über Kleinigkeiten hinweg.

Sie tat mir irgendwie leid, denn sie hatte es jetzt schwer.

Zum ersten Mal in ihrem Leben, mit 45 Jahren, war sie ganz allein für sich verantwortlich. Und für ihre beiden Kinder, die bei ihr lebten. Nach der Arbeit kam sie nach Hause, und niemand hatte eingekauft. Vor der Waschmaschine türmten sich Klamottengebirge, in der Spüle lag das schmutzige Geschirr.

Alles kostete Geld, musste Susi erstaunt feststellen. Strom, Miete, Essen und Trinken, das Auto, Benzin, Steuern, Versicherung, Kleidung.

Schon ein halbes Jahr, nachdem sie in ihre neue Wohnung gezogen war, bat sie mich zu sich. „Du hattest recht“ sagte sie kleinlaut,  als wir auf dem Sofa saßen. „Ich hätte nie von Hugo weggehen sollen. Fredi hat nix getaugt, der hat mich im Stich gelassen, dieser blöde Kerl. Und Ralf ist ein riesiger Egoist, der nur auf sich selbst schaut. Ich hätte auf dich hören sollen. Würdest du mal mit Hugo reden, ob er mich wieder zurücknimmt?“

„Es wäre schön, wenn du das selbst tun könntest“ antwortete ich.

„Ich gebe dir eine 50%ige Chance, denn Hugo hat dich wirklich sehr geliebt. Vielleicht nimmt er dich wieder. Aber ich möchte mich lieber nicht einmischen. Außerdem hilft es vielleicht, wenn du heulst, da bin ich nicht so gut drin.“

Susi ging also zu Hugo und beichtete ihm tränenreich, dass sie ihn vermisste. Dass sowohl Fredi als auch Ralf riesige Fehler gewesen waren. Dass sie einfach nur zurück haben wollte. Dass sie mittlerweile wisse, wie toll es mit ihm gewesen war. Mit jemandem, der alles für sie getan und sie so geliebt hatte.

„Ich kann es mir eigentlich nicht mehr vorstellen“ sagte Hugo und sah Susi ruhig an. „Wenn du Geld brauchst, kann ich dich als Teilzeit-Bedienung anstellen. Aber mehr kann ich dir leider nicht mehr anbieten. Du hast mir nämlich das Herz gebrochen.“

Kennen Sie diese Quizsendungen, in denen man die Wahl zwischen einer Waschmaschine oder einem toll verpackten Geschenk hat, von dem man nicht weiß, was es enthält? Es könnte ein Goldbarren drin sein oder eine Rolle Küchentücher?

Susi ist der Typ, der immer das super verpackte Geschenk wählen würde. Und wenn dann ein Päckchen Kaugummi drin liegt, ist sie enttäuscht und möchte doch die Waschmaschine haben.

Was Susi heute macht? Nun, sie ist etwas älter geworden. Aber die Kinder leben heute noch bei ihr. Sie wählen nämlich auch immer die toll eingepackten Geschenke, in denen aber meist nur eine Tafel Schokolade liegt, die zwar im ersten Moment gut schmeckt, aber kurz darauf verschwunden ist.

Der Haushalt funktioniert irgendwie. Meistens. Ab und an übernachtet ein „Geschenk“ in der Wohnung und verschwindet als zerknittertes Einwickelpapier.

Hugo hat wieder geheiratet und ist noch einmal Vater geworden. Er hat ein wenig zugenommen, und sein Restaurant läuft gut. Ralf lebt seit der Geschichte mit Susi allein und möchte sich nie mehr auf eine Frau einlassen.

Und Fredi, der Hamburger Geschäftsmann? Von dem haben wir nie wieder etwas gehört.

Das war Susis Geschichte. Und irgendwie hört sie an dieser Stelle auf, weil es manchmal kein gutes Ende gibt. Bunt bedrucktes Papier und glitzernde Schleifen sind eben nicht alles.

Susi würde heute garantiert die Waschmaschine nehmen. Wenn sie noch eine Chance bekäme. Darum denke ich: manchmal muss man eben zwei Mal hinsehen. Manchmal muss man nachdenken, denn jede Beziehung lebt davon, dass man auch einmal nachgibt.

Die Amerikaner haben da ein hübsches Lied: „You have to give a litte, take a little, let your heart break a little…“- „Du musst etwas nehmen, etwas geben, und vielleicht dein Herz ein wenig brechen lassen.“

Umsonst ist der Tod. Es kostet immer etwas. Und niemand bekommt alles, was er möchte. Auch Waschmaschinen gehen kaputt. Aber man kann sie reparieren.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und eine schöne Woche!

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, warum jede anständige Hollywood-Schnulze damit endet, dass die zwei Hauptdarsteller sich „kriegen“?

Normalerweise fällt der Mann vor der Frau in die Knie, offeriert ihr einen Klunker im Gegenwert eines Gebrauchtwagens und wartet dann atemlos auf die Antwort.

Wie fänden Sie es, würde der Mann in einem Hollywood-Streifen statt des Rings einen Haustürschlüssel in eine Schatulle packen und stotternd fragen: „Du, Darling, willst du mit mir zusammenziehen? Die Mutter meiner Kinder könntest du ja trotzdem werden, aber ich hab’s mit dem Heiraten einfach nicht so?“

Hollywood könnte einpacken ohne Hochzeitsvorbereitungs-Movies, hysterische Bräute, Verlobte, die man erst noch einfangen oder mit einem Lastwagen voller Rosen überzeugen muss und Trauungen in amerikanischen parkähnlichen Gärten, bei denen garantiert immer etwas schiefgeht. Besonders beliebt ist ja der Satz: „Wenn heute hier jemand anwesend ist, der gegen diese Hochzeit etwas einzuwenden hat, dann möge er jetzt vortreten oder für immer schweigen.“

Meistens schweigen alle, aber sicher kann man sich nie so ganz sein, oder? Und dann wäre das Happy-End gefährdet. Das darf nicht sein.

Jetzt können Sie natürlich argumentieren: Aber… was ist mit der Emanzipation? Was ist mit Selbstverwirklichung?

Nur zu! Können Sie alles weiterhin. Wie sollte ein Mann Sie an Ihrer Selbstverwirklichung hindern, wenn Sie eine in sich ruhende, von sich selbst überzeugte Persönlichkeit sind?

Den K2 können Sie nach wie vor besteigen, während er die Kinder hütet. Sie können mit ihren Freundinnen Partys feiern, bis eine heult, ein Portrait vom Dalai Lama mit Nagellack und Kaffeesatz malen, Astrophysik oder Linguistik studieren, Kakteen in Joghurtbechern züchten, an einer Schule in Afrika Kinder unterrichten oder Socken stricken, bis die Nadeln glühen. Sie können alles machen, was Sie vorher gemacht haben, denn wenn Sie heiraten, kommen Sie ja nicht ins Gefängnis, Sie entscheiden sich lediglich für ein Leben zu zweit.

Was das bedeutet, müssen Sie selbstverständlich vor Ihrer Unterschrift auf dem Standesamt aushandeln. Zur Not mit einem anständigen Ehevertrag.

Mittlerweile, im Jahre 2018, kann jeder leben, wie er möchte, was ich übrigens spitze finde, denn ich entstamme noch einer Zeit, in der man ohne Heiratsurkunde nicht mal ein Hotelzimmer mieten konnte. Glauben Sie das ruhig.

Der Angetraute konnte einem damals beispielsweise verbieten, zu arbeiten oder ein Konto zu eröffnen. Männer hatten die Macht. All das haben wir im Laufe der Jahre aufgedröselt, stückweise abgetragen  und diese strengen Reglementierungen zugunsten der Männer gelockert. Gott, was bin ich froh! Das wäre für mich nichts gewesen. Ich bin mit einem Höchstmaß an persönlicher Freiheit aufgewachsen und konnte immer selbst entscheiden, was ich wollte.

Manchmal war es übrigens gar nicht einfach, „unabhängig“ zu sein ohne einen Wahnsinns-Job mit Spitzeneinkommen. Als ganz normale Angestellte oder an irgendeinem Fließband musste man sich öfter mal zwischen einem Urlaub oder der Autoreparatur entscheiden.

Ich habe übrigens immer die Autoreparatur gewählt, um weiterhin „unabhängig“ zu bleiben. Auf dem Urlaub hätte ich nämlich schlecht zur Arbeit fahren können. In jungen Jahren tönte ich immer laut: „Pah, ich will nicht heiraten. Das fehlte mir noch. So kann ich immer machen, was ich möchte, zu jeder Uhrzeit!“ Gut gebrüllt, Barbara.

Aber meine nicht ganz so unabhängigen Freundinnen, die mit Anfang 20 geheiratet hatten, verbrachten, während ich bei Wind und Wetter zur Arbeit radelte (zu viel Monat am Ende des Geldes und ein defekter Kleinwagen) wunderschöne Urlaube auf Bali, fuhren schnieke Flitzer in flotten Farben und führten vierteljährlich stolz ihre neuen Klamotten und jährlich ihre wohlgeratenen Kinder vor.

Jetzt soll aber bitte niemand glauben, ich wäre aus Mangel an Gelegenheit allein geblieben. Ich habe im Laufe meines Lebens insgesamt sieben Heiratsanträge abgelehnt. Mehrere davon, weil das Gefühl, eingemauert zu sein, mit jedem Tag der Beziehung schlimmer wurde, und den Rest, weil mich die vorgebrachten Argumente während des Antrags nicht so recht überzeugten:

„Dann kannst du im Krankenhaus den Stecker rausziehen, wenn ich mal einen Motorradunfall habe“, „Das machen doch jetzt alle, meine Eltern finden, es wird allmählich Zeit“ und „Ich hab’ das alles von meinem Steuerberater durchrechnen lassen. Du musst nicht mehr arbeiten, kannst schön zuhause bleiben und immer für mich da sein“ konnten mich nicht dazu bewegen, auf dem Standesamt zu unterschreiben.

Ich wollte die pure, reine Liebe. Sonst nix.

Für mich wäre eine Hochzeit allein aus steuerlichen Gründen nicht in Frage gekommen. Sie ist ein Statement. Ich verkünde damit der ganzen Welt (oder zumindest allen Leuten, die ich kenne), dass ich mich entschlossen habe, mit diesem einen Menschen den Rest meines Lebens zu verbringen. Oder es wenigstens zu versuchen. Ist ja auch schon was.

Natürlich gab es damals wie heute auch entschiedene Gegner dieser Form des Zusammenlebens.

Oft bekam ich zu hören: „Heutzutage kann man doch nicht mehr heiraten. Um die 50 % aller Ehen werden ja wieder geschieden.“

Im Jahr 2005 betrug die Scheidungsrate in Deutschland tatsächlich sportliche 51,92 %, sprich, jede zweite Ehe wurde – statistisch gesehen – nach Ablauf von ca. 15 Jahren wieder geschieden. So lange betrug die „durchschnittliche Verweildauer“ innerhalb einer Beziehung.

Und jetzt die gute Nachricht: Im Jahr 2017 war die Scheidungsrate auf 37,67 % gesunken. Warum? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, weil die Frauen heute wesentlich mehr Freiheiten als früher haben und erst mal ausprobieren dürfen, auf wen sie sich einlassen? Das war ja nicht immer so.

Ja, es wird wieder mehr geheiratet. Laut der Seite „statista.de“ fanden in Deutschland im Jahr 2006 nach Angaben 373.681 Eheschließungen statt. Im Jahr 2017 hingegen wurde immerhin 407.493mal geheiratet. Das ist ein deutlicher Trend. Hat jemand da vielleicht gerufen: „An die Ringe, Mädels?“

Frauen lieben Bekenntnisse. Sie speichern SMS, in denen steht „Ich liebe dich“, um sie im Notfall dem Angebeteten vor die Nase zu halten, wenn er kommt und sagt: „Madeleine, ich hab mich jetzt für die Uschi entschieden, sorry.“ Als hätten sie damit ein schlagkräftiges Argument außer „Aber du hast am 14.07.2017 um 21.35 geschrieben, dass du mich liebst?“ Eine SMS ist kein Vertrag. Eine Heiratsurkunde schon. Dumm sind wir ja nicht.

Sehen Sie? Es geht doch nichts über eine Unterschrift auf dem Standesamt. Weil wir Frauen wollen, dass man sich zu uns bekennt. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich kenne einige tolle Mädels, die über viele Jahre mit ihren Freunden zusammen lebten und sich während der ganzen Zeit nichts sehnlicher wünschten als eine Hochzeit.

Sie wollten, genau wie ich immer, dass sich der Herzensmann zu ihnen bekennt, dass er sich vor der Welt hinstellt und sagt: „Die ist es. Diese eine, die nehm’ ich. Und bei der bleibe ich.“

Aber jedes Mal, wenn sie das Thema ansprachen, bekamen sie zu hören:

  • „Verdien doch erst mal richtiges Geld, ich heirate nicht für 50 Euro, das muss schon was Großes werden.“ (Bernd, Politologe, geizig wie die Nacht dunkel, nicht gewillt, außer süffisanten Bemerkungen etwas zur Hochzeit beizutragen.)
  • „Das ist so was von spießig und altbacken, mach ich nicht. Geht auch so.“ (Thomas, halbherzig arbeitssuchend seit vielen  Jahren, trinkt gern mal einen über den Durst, weil er seine Beziehung furchtbar findet und merkt nicht, dass seine Freundin nur noch aus Mitleid mit ihm zusammen ist und ihn eigentlich retten will.)
  • „Ihr Frauen wollt immer nur heiraten, heiraten, heiraten. Das ist so was von ätzend und engt mich total ein. Wenn das so weiter geht, müssen wir uns trennen.“ (Karl, gutaussehender Hundesohn, promiskuitiv und ständig auf der Suche nach neuen Bettbekanntschaften, während Marie-Luise die Wohnung putzte, um Karls anschließende Staubflusen-Kontrolle ohne Beanstandungen hinter sich zu bringen).

Diese Herren, die tatsächlich existieren, sind mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und auffallend leise geworden, da ihre Damen sich anderweitig umgesehen und tatsächlich was Besseres gefunden haben. Andere Mütter haben nämlich auch schöne Söhne.

Thomas ist immer noch erfolglos arbeitssuchend (das Jobcenter hat ohnehin die Hoffnung aufgegeben) und säuft jetzt eben ein wenig mehr, weil er sich seit der Trennung einsam fühlt. Laut meiner knallharten Formel: „Alter+Verdienst+Lebensleistung+innere Einstellung = Chance auf feste Beziehung“ tut er auch gut daran, seine Erwartungen in Teppichboden-Nähe anzusiedeln.

Bernd, der nicht für 50, sondern für 50.000 Euro heiraten wollte, wohnt mittlerweile bei Netflix und geht nur noch zum Einkaufen raus. Singleportionen selbstverständlich. Frauen sind seiner Meinung nach das Letzte, weil die immer noch alle heiraten wollen. Nur ihn nicht (mehr).

Karl, der jetzt nicht mehr so ganz gut aussehende Hundesohn, ist samt Bart, Bauch und Lesebrille nach Thailand ausgewandert, weil man da angeblich weniger Geld braucht, um Frauen ins Bett zu kriegen, die anschließend auch für ihn waschen und kochen. Zumindest behauptet er das.

Und dann wäre da noch Udo. Der übrigens nicht „Udo“ heißt.

Er lebte über viele Jahrzehnte mit seinem Vater, einem Beamten im Ruhestand, in einem hübschen Haus am Ortsrand. Udo tanzte auf allen Hochzeiten, war gern gesehener Gast auf vielen Partys, verreiste jährlich mehrmals für einige Wochen und erzählte mir, seitdem ich ihn kenne: „Also, äääh, ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, mit jemandem fest zusammen zu sein. Da müsste ich zu viele Kompromisse eingehen. Und ich will auch nicht mit einer Frau zusammenwohnen. Das würde mich nur einengen.“

So zogen die Jahre ins Land. Udo wurde ein wenig runder (ehrlich gesagt ganz schön rund). Die Stirn benötigte mehr Platz, weshalb sich der mittlerweile graue Haarkranz nach hinten verkrümelte, aber er hatte immer noch eine höllisch charmante Ausstrahlung, blitzendblaue Augen und ein freundliches Lächeln.

Udo hatte einen Sack voll Freunde, mit denen er sich zum Brunch, zum Kino, zum Wandern oder Skifahren traf, war immer auf Achse, immer beschäftigt, konnte immer zwischen etlichen Vorschlägen zur Freizeitgestaltung auswählen und schien ein ausgefülltes Leben zu führen.

Dann starb sein Vater, und schlagartig war es merkwürdigerweise vorbei mit Reisen und Partys und Hochzeiten.

Neulich traf ich Udo in der Stadt und erschrak:  In den ehemals strahlend blauen Augen war kein Funke von früherem Glanz und Übermut mehr zu erkennen. Sein Gesicht war über und über mit grauen Bartstoppeln überwuchert, und eigentlich sah er aus wie jemand, der einen an der Ecke um einen Euro anschnorrt.

„Wie geht’s dir, Udo?“ fragte ich beklommen den ehemaligen Schwerenöter.

„Geht schon. Muss ja“ murmelte er.

Wir unterhielten uns, und er klagte mir sein Leid. Udo geht nämlich mittlerweile stramm auf die 60 zu. All die Frauen, mit denen er früher gerne Party gemacht hat oder mal für ein paar Wochen verreiste, sind mittlerweile begeisterte Großmütter oder schlichtweg nicht mehr geneigt, Udos Abneigung vor Verbindlichkeiten, die eine Beziehung nun einmal mit sich bringt, zu akzeptieren.

Mit Beziehungen ist das so eine Sache. Man bekommt immer nur das, was man selbst gibt.

Immerhin ist Udo lange mit dem Satz: „Ich schlafe und verreise zwar gern mit dir, aber eine Beziehung, Zusammenleben oder, was Gott verhüten möge, eine Heirat kann ich mir nicht vorstellen“ durchgekommen.

Das hat sich nicht mal Hugh Hefner, der verstorbene Besitzer und Gründer des „Playboy“-Magazins, getraut. Sogar der heiratete immer mal wieder zwischendurch.

„Hab mir vor 4 Monaten den Fuß gebrochen“ erzählte Udo weiter. „War scheiße, so ganz allein. Ich musste auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Niemand hat mich zum Arzt gefahren, niemand hat mir was zu Trinken gebracht, und das Kochen war die Hölle, wenn man nur auf einem Bein stehen kann. Bin ein paar Mal umgefallen.“

„Wo waren denn deine Freunde alle?“ hätte ich gern gefragt. Aber ich tat es nicht.

Selbständigkeit und Unabhängigkeit sind eine tolle Sache. Mit 20, 30 oder 40. Das Leben kann so schön sein, wenn man durch die Welt reist, überall seine neugierige Nase reinsteckt, sich immer da aufhält, wo es Spaß macht. Aber Achtung, Spoileralarm: Das Leben, auch meines oder Ihres, hält für jeden von uns zur Auflockerung immer wieder mal einige unschöne Dinge bereit.

Ich sehe sie heute sitzen, die ehemaligen Unwilligen. Die Weltreisenden, die bekennenden Singles. Älter sind sie geworden, und es kracht im Gebälk. Morgens beim Aufstehen machen sie mehr Geräusche als der alte Jeep meines Nachbarn, wenn er angelassen wird. Nach dem Essen übrigens auch.

Irgendwann muss man dann mal zum Zahnarzt. Oder zur Darmspiegelung. Man wird krank, operiert, die Mama oder der Papa stirbt, das Haustier muss eingeschläfert werden. Keiner da.

Diese tolle Unabhängigkeit, das schöne Single-Leben, dieses kompromisslose Drücken vor Verantwortung, es geht nicht immer gut. Es sei denn, man ist stinkreich und bezahlt eine Kammerzofe, eine Haushälterin und einen Chauffeur.

„Eine Liebe ist der anderen wert“, sagt man. Sie bekommen immer das, was Sie selbst investieren. Wenn Sie mit Ihrem riesigen Freundeskreis zufrieden sind, der sich regelmäßig zum Fondue oder zum Wandern trifft, wenn Sie sicher sind, dass auch im Alter alles weiterhin gut geht, dann nur zu. Aber es läuft nicht immer wie bei „Friends“ oder „How I Met Your Mother“. Freundschaften können leichter gekündigt werden als eine Ehe. Ob ich das gut finde oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Selbstverständlich können Sie sich auch um Ihren Liebsten kümmern und er sich um Sie, wenn Sie zusammenleben oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft haben. Aber mal Hand aufs Herz: Wenn Sie ohnehin alles tun, was Verheiratete auch tun, warum dann nicht Nägel mit Köpfen machen und mal auf dem Standesamt so richtig auf den Putz hauen? Es sei denn, Sie finden die 65 Euro für eine Hochzeit sind rausgeschmissenes Geld, weil Sie grad neue Strähnchen brauchen. Auch recht.

Ich habe festgestellt, dass man eingefleischte Ehegegner ohnehin nicht mit stichhaltigen Argumenten überzeugen kann. Wenn die nicht wollen, wollen die nicht. Udo wollte auch nie. Nun ja – er wollte nicht mal eine feste Beziehung.

Jetzt hängt er allein in seinem riesigen Haus auf dem Sofa, guckt Netflix, verputzt tonnenweise Erdnusslocken, hat schwere Depressionen, wegen denen er zur Therapie geht und freut sich über jeden, der ihn mal ins Kino einlädt.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob es das wert war. Aber er hatte eine tolle Zeit. Immerhin. Und alles nur, damit er die Puppen tanzen lassen konnte, bis er Arthrose in den Handgelenken bekam.

Die Ehe ist nicht für alle geeignet. Und mancher besinnt sich erst in fortgeschrittenem Alter. Aber man sollte nicht warten, bis die Auswahl an verfügbaren Lebenspartner so übersichtlich wird wie die Liste eingehaltener Regierungsversprechen.

Irgendwann schlurft man dann mitten in der Nacht zum Laptop (weil man ohnehin nicht pennen kann), erstellt sich einen Account bei einer Singlebörse und versucht, auf die Schnelle den Partner für das restliche Leben zu finden.

Sich einen Menschen zu suchen, der bei einem bleibt, auch wenn es regnet, ist schwer. Leute für gutes Wetter findet man an jeder Ecke. Aber wenn man dann mal einen Schirm braucht, sind sie schneller verschwunden, als man „Könntest du mich zum Arzt fahren?“ sagen kann.

Ich persönlich habe irgendwann dann doch noch geheiratet. Aus Liebe. Es hat zwar ein wenig gedauert, und es war nicht immer einfach, das kann ich Ihnen versichern. Denn Liebe ist immer eine Entscheidung, und die Ehe eine endlose Abfolge von Kompromissen.

Aber ich habe es keinen einzigen Tag bereut, auch wenn ich gelegentlich denke: „Wo wächst dieser Pfeffer doch noch gleich?“ Und ich wünsche mir für Sie, dass Sie es auch nie müssen.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Vor langer Zeit, in der Ära ohne Internet, Google, Amazon oder Netflix, hatte ich einen wirklich guten Freund. Er hieß Eric, war hochintelligent, sehr belesen, hilfsbereit und großzügig, aber etwas träge, meistens arbeitslos und demzufolge ständig pleite, denn er glaubte, dass einem ein Job nur das Leben kaputtmacht.

Eines Tages rief er mich an und erzählte in verschwörerischem Ton, er hätte ein Buch über schwarze Magie geschenkt bekommen. Es enthielte angeblich einen  wirkungsvollen Geldzauber, den er unbedingt ausprobieren wollte.

Leider fehlten ihm aber die Mittel zur Vorbereitung und Durchführung des Rituals, denn er war wie immer pleite.

Ich hatte gerade Urlaub und war in bester Laune, also stimmte ich zu. Immerhin war ein Geldzauber-Ritual mal was anderes als das einfallslose Grillen von Würstchen oder ein Besuch im Freibad.

„Du musst aber mitmachen“ bat er. „Sonst wird das nix und du sitzt nur dabei und lachst dir einen ab.“

„Also gut“ antwortete ich seufzend. „Was brauchen wir dafür?“

„Styrax-Öl“ antwortete er zögernd. „Grüne Kerzen, rotes Seidenband, Geldscheine zum Verbrennen und Gänseblümchen.“

„Geld zum Verbrennen?“ rief ich entsetzt.

„Wir nehmen Dollar“ beruhigte Eric mich. „Oder Lire. Die kosten nicht viel. Kannst du da was besorgen?“ „Also gut“ gab ich nach. „Aber da du in der Stadt wohnst, besorgst du dieses merkwürdige Styrax-Öl. Den Rest kaufe ich.“

Ein paar Tage darauf  kam Eric zu mir geradelt, im Gepäck das geheimnisvolle Öl, und jammerte erst mal, wie schwierig es gewesen sei, das zu besorgen.

Ich erinnere Sie nochmal daran, dass es kein Internet gab. Er hatte von einer Apotheke in die nächste radeln müssen, aber was tut man nicht alles für einen anständigen Geldzauber.

Mit Bedacht deponierten wir unsere Zutaten auf dem Tisch: Styrax-Öl, grüne Kerzen, 2 Dollarnoten, rotes Seidenband und…Tatsächlich. Es fehlten die Gänseblümchen.

„Kein Problem“ sagte ich optimistisch. „Wir gehen einfach in den Garten.“

Es dauerte zwei Stunden, bis wir ein Gänseblümchen fanden. Ich hatte nämlich frisch gemäht. Alle meine Nachbarn auch. Nicht mal auf der Wiese mit den Kühen fanden wir ein Gänseblümchen, sondern nur ein paar Brennnesseln.

Irgendwann hatten wir alles zusammen und führten das Ritual durch, wobei ich mich zusammenreißen musste, um nicht zu kichern. Also zog ich ein todernstes Gesicht und sagte nichts.

Wir banden die Seidenbänder um die Kerzen und entzündeten sie mit den zusammengerollten brennenden Dollarnoten. Was wir mit dem Styrax-Öl eingerieben haben, weiß ich nicht mehr. Dann ließen wir die grünen Kerzen abbrennen und grillten Würstchen. Es wurde noch ein netter Nachmittag.

Irgendwann radelte Eric nach Hause. Ich räumte den heruntergebrannten Kerzenstumpen weg und ging schlafen.

Eine Woche darauf rief ich Eric an und fragte, ob es schon erste Erfolge gäbe.

„Nicht wirklich“ nuschelte er enttäuscht.

„Ja hast du denn wenigstens Lotto gespielt?“ wollte ich wissen, dann man muss dem Glück ja eine Chance geben, und wenn sie auch nur bei 1:13 Millionen liegt. „Kein Geld für so was“ murmelte er.

Und so endet die Geschichte von Eric und seinem Geldzauber. Reich wurde er übrigens nie, er starb als Erwerbsminderungs-Rentner im Haus seiner Mutter mit 53 Jahren.

Ich hatte diese merkwürdige Geschichte beinahe schon wieder vergessen, als ich beim Stöbern auf der Amazon-Website auf ein paar vielversprechende Buchtitel stieß.

„Fühlen Sie sich einsam? Sind Sie auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, nach einem guten Auskommen, ein wenig Luxus? Nach Gesundheit, Schönheit, weniger Falten, weniger Fett und vollerem Haar? Möchten Sie, dass sich Ihr gesamtes Leben zum Guten ändert? Möchten Sie morgens aufstehen, sich in Ihrer Traumwohnung umsehen, Ihre Kontoauszüge prüfen und erfreut sehen, dass sich der Kontostand über Nacht verdoppelt hat? Dann denken Sie positiv!“ stand da.

Das klang toll. Mehr Haare, weniger Fett, mehr Geld und deutlich weniger Ärger, wer wollte das nicht?

Ich fühlte mich angesprochen, vor allem, weil man, um wohlhabend, kerngesund und jugendlich zu werden keine Gymnastik machen, auf Berge steigen, spezielle Diäten durchhalten oder sich sonst irgendwie anstrengen musste.

Jeder von uns muss sich ja im Leben mal durch „haarige“ (die Chinesen nennen sie „interessante“) Zeiten quälten.

In so einer Situation befand ich mich auch.

Ich war so was von un-reich, un-geliebt, un-schön und un-jung, das kann ich gar nicht beschreiben. Jeden Tag passierte eine Katastrophe, wenn auch eine kleine, Rechnungen flatterten ins Haus wie Fruchtfliegen, alle Leute in meiner Umgebung schienen mich auf einmal nicht  mehr zu mögen, und ich fühlte mich täglich verdrossener, müder und ärmer.

Außerdem brach ich mir innerhalb von 4 Wochen je einen Zeh an jedem Fuß, prellte mir den Daumen und rannte an einen 300 Grad heißen Grill, was mir eine 10 Zentimeter lange Verbrennung einbrachte, von der ich den ganzen Abend über was hatte.

Es gibt solche Phasen.

Also holte ich mir sämtliche Bestseller und las sie. Alle.

„Unglaublich, bei mir hat sich alles zum Guten gewendet!“ schrieb ein Rezensent. „Ich habe meine große Liebe gefunden und bin befördert worden.“ „Ich bin wieder komplett gesund und verdiene jetzt mehr als je zuvor!“ schrieb der andere.

Ich kaufte mir wie besessen ein Buch nach dem anderen und probierte alles aus.

Die Autoren behaupteten nämlich, es sei nichts einfacher, als reicher, schöner und beliebter zu werden, wenn man es nur richtig anstellte.

Sollte es trotz der vollmundigen Versprechungen nicht klappen, dann machte man etwas grundlegend verkehrt. Auch das stand in allen Büchern.

Man hatte sich dann nicht genügend konzentriert, sich die Aura nicht abstauben lassen, zu viele negative Gedanken im Kopf oder was auch immer. Positives Denken musste her. Das hatte Millionen von Leuten geholfen und würde auch mich retten, davon war ich nach dem Lesen aller Klappentexte überzeugt.

Man soll ja immer klein anfangen, also beschloss ich, erst mal an meiner Ausstrahlung zu arbeiten. „Lächeln Sie, dann bekommen Sie ein Lächeln zurück!“ las ich erstaunt.

Ich durchstöberte mein Gedächtnis nach meinem freundlichsten Lächeln und begab mich, wie jeden Samstag, zu meinem Lieblingsdiscounter.

Und dann lächelte ich, als ich den ersten Einkaufswagen in die Hacken bekam, als mir die Dame am Wühlkorb ihren Ellbogen in die Seite rammte, beim Tritt auf meine Zehen, als sich jemand in der Kassenschlange vor mich stellte, und als ich den Laden vollgepackt verließ. Dann allerdings aus Erleichterung darüber, dass ich mit heiler Haut rausgekommen war.

Die konnten mich alle mal mit ihrem „Lächeln“. Die waren wohl noch nie am Samstagvormittag in dem Laden mit den 4 Buchstaben gewesen.

Der nächste Autor verlangte, dass ich ein Drehbuch schriebe, wie mein neues perfektes Leben auszusehen habe. Ich blieb bescheiden, setzte mich fiktiv in ein kleines schnuckeliges Häuschen, irgendwo am Ortsrand, mit einer einträglichen Kolumne, die mir ermöglichen würde, Geld zu verdienen, und ein paar Falten um den Mund herum weniger.

Das brachte nix.

Wiederum eine andere Dame schlug mir vor, kleine Beträge zu verschenken oder zu verteilen, damit große zurückkämen. Also schlich ich mich im Supermarkt zum Regal für Billig-Hundefutter und deponierte dort ein paar 5-Euro-Scheine zwischen den Dosen.

Dabei wurde ich vom Filialleiter erwischt, der den Vorgang falsch interpretierte und dachte, ich wolle klauen. Es kostete mich mein letztes übriggebliebenes Lächeln, um die Situation zu bereinigen. Aber der Typ schaut mich seitdem so merkwürdig an.

Zurück kam übrigens nichts, kein Geld, kein Gewinn. Nur eine Rechnung meines Steuerberaters über einen größeren Betrag fand ich am nächsten Tag im Briefkasten.

Da hatte mich das Universum wohl komplett falsch verstanden.

Wieder ein anderer Autor behauptete, das eigene Leben würde jeden Morgen wieder quasi „auf Null“ gesetzt und man könne dann immer wieder ganz von vorn anfangen. Leider musste ich feststellen, dass es nicht genügte, mein eigenes Leben auf Null zu setzen,  denn die Angestellten der Stadtwerke, die von der Sparkasse oder die von der Kreditkartenfirma taten das nämlich nicht.

Für die war ich jeden Morgen die Alte. Die schickten weiter Rechnungen.

Der nächste schwor auf Listen. Man schrieb Listen mit Dingen, die man gerne hätte, und man schrieb Listen, wofür man dankbar war. Die erste Liste war richtig lang, bei der zweiten tat ich mich irgendwie schwer. Genau ein einziges Mal konnte ich von der „Ich hätte gern“-Liste etwas streichen. Das war wohl eher Zufall.

An alle Ratschläge hielt ich mich aber eisern und machte verbissen weiter.

Ich visualisierte mein schönes neues Leben bis zum Erbrechen, versuchte, immer gut drauf zu sein, egal, wie mies es lief, und probierte, schlechte Gedanken erst gar nicht in meinen Kopf zu lassen, aber die waren wie hartnäckige Hausierer, die schon einen Fuß in der Tür hatten und ließen sich schlecht abwimmeln.

Und nachts versteckten sie sich in der Sockenschublade, da bin ich sicher. Ich habe sie kichern gehört.

Nach ungefähr 60 Büchern und unzähligen Versuchen konstatierte ich entmutigt: „Das war wohl nix.“

Es musste  definitiv an mir liegen. Zumindest da waren sich alle einig.

Mein vergiftetes Gedankengut, das mir den Tag vermieste, war schuld. Nicht die Heizölrechnungen über 3000 Euro, nicht die Autoreparaturen, die Querelen im Treppenhaus oder gebrochene Zehen, es war mein Kopf, dieses blöde alte Ding, das nicht kapieren wollte, wie einfach alles wäre, wenn ich es nur schaffen könnte, endlich mal richtig zu denken. Positiv.

Keine meiner Bestellungen beim Universum ist jemals ausgeführt worden. Mieser Service. Und überlastete Hotline vermutlich.

Als ich alles meiner Mutter erzählte, meine sie nur: „Schlimmer geht immer. Solltest du doch wissen.“ Dem konnte ich anhand meiner Erfahrungen nur beipflichten.

Immerhin habe ich wenigstens aus der ganzen Geschichte gelernt.

Mein Leben verläuft reibungsloser und angenehmer, wenn ich Dinge nehme, wie sie kommen und mir aus den paar glücklichen Momenten die herauspicke, an die ich mich später gerne erinnere.

Jeder von uns wird nämlich vom Universum gelegentlich gerupft, jeder kommt mal dran. Es liegt an uns selbst, wie wir damit umgehen. Mag sein, dass diese Bücher manchen Menschen geholfen haben, zumindest entnehme ich das den begeisterten Rezensionen.

Aber ich habe scheinbar auch dafür kein Talent, genauso wenig wie für Tomatenzucht, Handarbeiten oder Basteln.

Sagen wir es, wie es ist: Für positives Denken bin ich zu blöd. Da bringt mir auch kein Selbsthilfebuch was, nicht mal eins für Dummies.

Ich habe aufgehört, Geld hinter Tierfutterdosen im Supermarkt zu verstecken, weil ich mit dem zufrieden bin, was ich selbst im Geldbeutel habe. Ich habe aufgehört, gehetzte Menschen beim Discounter anzulächeln, weil die sonst denken, ich hätte einen Sprung in der Schüssel.

Ich habe aufgehört, Listen zu schreiben von Dingen, die ich gern hätte und erfreue mich stattdessen an Dingen, die ich HABE. Und das sind auch nicht wenige.

Und wenn ich im Leben nie wohlhabend werde, na und? Ich glaube, so richtig reich zu sein ist ganz schön langweilig und anstrengend, weil man nie denkt, dass man genug Geld hat. Außerdem wären meine ganzen kleinen Wünsche wie eine echte „Kitchenaid Artisan“ dann Makulatur, und ich könnte nicht mehr von ihnen träumen.

Faltenlos zu sein könnte ich hinkriegen, mit ein wenig Botox oder einem chirurgischen Eingriff, aber warum? Mein Mann mag mich, wie ich bin, ich muss nur lernen, mich selbst auch so zu mögen.

DEN Kampf werde ich ohnehin letztendlich verlieren, denn ich habe den fiesesten Gegner, den es gibt: die Zeit, dieses gemeine Luder.

Und zu guter Letzt: Geliebt werden oder den Menschen fürs Leben finden wollen wir doch alle. Vielleicht haben wir ihn ja schon und es einfach nicht gemerkt? Vielleicht wohnt er nebenan, mit Bart, Bauch und Brille, aber wir haben nicht gründlich genug hingesehen?

Dieses Leben ist ein Wunder, jeden Moment wieder aufs Neue. So habe ich es erleben dürfen.

Ich denke, der Schlüssel zu einem guten Leben ist Zufriedenheit. Auch wenn Rechnungen eintrudeln, wenn es mal mies läuft, man vom Liebeskummer gebeutelt ist oder der Boss sich wieder benimmt wie Stromberg persönlich.

Ich kann Ihnen aufgrund meiner Lebenserfahrung heute sagen: Das Pendel schwingt immer, wirklich immer, auch zur anderen Seite. So wie es bergab geht, geht es wieder bergauf. Da brauchen Sie kein Buch dazu, nur Durchhaltevermögen. Das schaffen Sie.

Oder kaufen Sie sich eines der Bücher und probieren Sie das aus mit dem positiven Denken. Erzählen Sie mir dann, wie es gelaufen ist. Aber warten Sie damit, bis ich mal gerade nicht verletzt oder verbunden bin, dann tue ich mir mit dem Zuhören leichter.

Ich wünsche Ihnen ein herrliches Wochenende. Bleiben Sie dankbar!

Ihre Barbara Edelmann

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Ist Ihnen das schon mal passiert? Sie sind mit jemandem befreundet, über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Alle Geburtstage werden gemeinsam gefeiert, Sie waren Trauzeuge auf der Hochzeit Ihrer Freunde und Taufpate eines ihrer Kinder, im Advent sitzen Sie seit Ewigkeiten regelmäßig beim Glühwein und tauschen Plätzchen. Jedes Jahr an Silvester begrüßen Sie zusammen das neue Jahr.

Diese Menschen, die Sie schon so lange kennen, gehören zu Ihrem Leben. Und dann, von heute auf morgen, hören Sie einfach nichts mehr. Keinen einzigen Ton.

Zuerst rufen Sie an. Niemand geht ran. Dann schreiben Sie Emails und SMS, versuchen es mit Whats-App-Nachrichten, aber die Reaktion ist immer die gleiche: Null.

Jetzt bleibt Ihnen noch die Möglichkeit, ins Auto zu steigen, die betreffende Person aufzusuchen und zu fragen: „Warum redest du nicht mehr mit mir? Ist irgendetwas vorgefallen?“

Aber Hand aufs Herz:  Wer Sie über Monate ignoriert, der wird Ihnen vermutlich auch nicht die Haustür öffnen, nicht mal, wenn Sie Ihr Banjo mitbringen und unter dem Fenster ein trauriges Liedchen schmettern.

So erging es mir mit Johannes und Ramona. Über 35 Jahre waren wir die besten Freunde und kannten uns seit unserer Teenagerzeit. Wir feierten alle unsere Geburtstage zusammen, grillten ausgelassen auf Sommerpartys, veranstalteten gesellige Lagerfeuer, verkleideten uns für rauschende Halloween-Partys, beschenkten uns zu jedem Geburtstag und tauschten jeden Dezember beim Adventskaffee Plätzchen aus.

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass diese Freundschaft durch irgendetwas getrübt werden könnte.

Doch dann antwortete Ramona einfach nicht mehr. Ich rief 30mal an, mindestens, ich schrieb SMS, ich versuchte es über Whats App. Keine Reaktion. Nach mehreren Monaten, in denen ich beharrlich versucht hatte, den Kontakt herzustellen (ja, ich war tatsächlich sogar zu den beiden gefahren und hatte an der Tür geklingelt), gab ich auf.

Was diesen plötzlichen Abbruch ausgelöst hatte, weiß ich bis heute nicht.

Ich bin mir keiner Schuld bewusst, habe über beide nie ein schlechtes Wort verloren, keinen Geburtstag vergessen geschweige denn einen der beiden beleidigt. Sie waren meine Freunde. Und Freundschaft ist mir sehr wichtig.

In diesem speziellen Fall war es für mich besonders schlimm, denn wie erwähnt, kannten wir uns seit Teenagerzeiten, waren mitsamt unseren Marotten älter geworden, hatten Falten gekriegt, über die wir uns lustig machten, lauschten wehmütig, während wir am Lagerfeuer saßen, der Musik aus unserer Jugend und witzelten („weißt du noch, wie du mit dem Ohr an der Box eingeschlafen bist, weil zu viel Beerenwein?“).

Wir verabschiedeten uns gemeinsam an so traurigen Anlässen wie Beerdigungen von liebgewonnen alten Bekannten und halfen uns gegenseitig aus, wenn einer von uns Hilfe brauchte, ob es ums Kinderhüten ging oder ums Einkaufen.

Nie, wirklich nie, hätte ich gedacht, uns könne so etwas passieren.

Vor einem Jahr klingelte es an meiner Tür. Als ich öffnete, stand Johannes draußen und umarmte mich wortlos. Ich bat ihn herein, wir tranken zusammen Kaffee, und ich freute mich riesig, ihn zu sehen.

„Was hat denn Ramona?“ fragte ich in der Hoffnung, endlich eine Antwort auf dieses für mich unverständliche Verhalten zu bekommen.

„Ach, die spinnt doch“ antwortete Johannes. Und dann klagte er mir drei Stunden lang sein Leid. Wie unglücklich er sei, wie schlecht es ihm ginge. Dass Ramona ihn mittlerweile von allen alten Bekannten isoliert hätte und ihm immer damit drohe, sie würde ihn verlassen.

Mehr erfuhr ich nie. Und er hat mich auch nie mehr besucht. Ab und zu bekomme ich merkwürdige Videos über Whats App, tanzende Hasen, besoffene Vögel, irgendwas, das er aus dem Internet lädt und vielleicht lustig findet. Immer ohne Kommentar.

Jedes Mal antworte ich. Schicke ein Foto von mir und meinem Mann. Jedes Mal frage ich: „Können wir uns mal wieder treffen?“

Nichts.

Ich werde mich wohl mit den Gegebenheiten abfinden müssen. „Es ist wie es ist“, sagt meine Mutter immer.

Aber warum kann einen jemand von heute auf morgen nicht mehr leiden? Ich weiß nicht, was ich damals erwartet hätte. Vielleicht eine Nachricht mit dem Inhalt: „Es nervt mich, du nervst mich, die ganze Welt nervt mich, und ich werde nicht mehr mit dir reden. Ich will dich auch nicht mehr sehen. Du bist eine doofe Nuss.“

Alles ist besser als dieses Schweigen. Alles.

Ich habe aufgehört, zu grübeln, ob ich vielleicht einmal ungewollt eine dumme Bemerkung vom Stapel gelassen habe, Ramona schief angesehen, ein Kompliment zu wenig gemacht, einen Jahrestag vergessen. Ich habe aufgehört, zu hinterfragen, woran es liegen kann, denn sogar wenn ich sie irgendwo träfe – sie würde mir niemals aufrichtig antworten. Vielleicht gibt es nicht einmal einen Grund, wer weiß das schon.

Es ist das – für mich persönlich – traurigste Beispiel dafür, wie aus alter Freundschaft eisiges Schweigen werden kann.

Wenn man jemanden nicht so lange kennt, geht es wesentlich schneller. Wie zum Beispiel bei Gisela, einer sehr sympathischen Dame in meinem Alter, die ich auf einer Messe kennenlernte.

Wir plauderten in jeder Warteschlange, an der wir uns trafen, tranken zusammen Kaffee, tauschten vor der Heimfahrt unsere Visitenkarten aus und schrieben uns lange Mails. Nach vier Wochen brach der Kontakt abrupt ab. Ich hörte von Gisela nie wieder auch nur ein einziges Wort und weiß nicht, ob sie von Außerirdischen entführt wurde, sauer auf mich ist oder von einem LKW überrollt wurde. Es könnte alles sein.

Also: damit abfinden. Es ist, wie es ist.

Mit dieser Art des Kontaktabbruchs, mit diesem eisigen Schweigen, soll einem schließlich signalisiert werden, dass jemand nichts mehr mit einem zu tun haben möchte. Und: dass man auf jeden Fall schuld daran ist.

Das ist in Ordnung- schließlich ist das hier ein freies Land, und jeder sollte so leben, wie er möchte. Allerdings halte ich es für verdammt unfair, dem Ignorierten nicht wenigstens vorher mitzuteilen, woran es liegt.

Und feige ist es außerdem. Man traut sich nicht, etwas anzusprechen, das einem Probleme bereitet, man hat Schiss davor, zu erklären, was einen stört.

Da war die Sache mit Marianne. Sie ist eine Frau in mittleren Jahren und erinnert sich grundsätzlich nur an meine Nummer, wenn sie Liebeskummer oder Geldsorgen hat. Dann ruft sie mit Grabesstimme bei mir an und lässt sich trösten. Jeden Tag. So lange, bis es ihr besser geht.

Marianne hat leider kein glückliches Händchen mit ihren Herrenbekanntschaften und pickt sich ausschließlich Problemfälle heraus, die sie den letzten Nerv kosten.  Und oft auch das letzte Geld.

Mich kostet das übrigens auch den letzten Nerv, aber das habe ich Marianne noch nie gesagt. Immerhin kriege ich sie nur ans Telefon, wenn sie heult, und da ist man nicht gemein.

Ich mochte Marianne immer gern: ruhig, bodenständig, sehr geschickt mit Handarbeiten, tierlieb, sparsam und introvertiert. Sie ist ein sympathischer Mensch.

Marianne wurde im Dezember 2017, kurz vor Heiligabend, entlassen. Sie weinte bitterlich. Wieder einmal, aber dieses Mal war sie – im Gegensatz zu ihren Herrengeschichten – nicht selbst schuld an der Misere. Ich tröstete sie, so gut ich konnte und schickte ihr, da sie Alleinverdienerin ist und einen kranken Hund hat, einen großzügigen Gutschein für eine Online-Zoohandlung.

Und hörte nie wieder etwas von ihr.

Sie antwortete nicht mehr auf Whats App-Nachrichten, meldete sich nicht am Telefon. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt, denn ich habe sie nie mehr gesehen.

Vielleicht habe ich sie mit meinem gutgemeinten Versuch, zu helfen und dem Gutschein, persönlich beleidigt. Da sie mit mir nicht darüber spricht, weiß ich es nicht. Mittlerweile habe ich aufgegeben, in Abgründe menschlicher Seelen hineinsehen zu wollen.

Sie wird ihre Gründe haben. Und eine Telefonnummer weniger, die sie anrufen kann, wenn es ihr wieder mal schlecht geht. Selber schuld, Marianne.

Mein ehemaliger bester Freund Wolfgang behauptete nach drei (!) Monaten rotzfrech, ich hätte doch nie bei ihm angerufen (3mal pro Woche…) und ihm nie eine Email geschrieben, das hätte er doch sehen müssen, und da sei nichts.

Da war schon was, Wolfgang: eine stattliche Summe, die du mir geschuldet hast. Und du dachtest, es wäre einfacher, zu tun, als gäbe es mich nicht, als mir das Geld zurückzuzahlen.

Und dabei hatte ich nicht mal wegen des Geldes angerufen, du Depp. Ich wollte nur wissen, ob es dir gutgeht.

Wissen Sie, dieses „Ignorieren“ beschränkt sich ja nicht nur auf private Bereiche, nein, es ist auch im Geschäftsleben leider weit verbreitet.

„Ihre Mail ist bestimmt im Spam-Ordner gelandet“ lautet eine der häufigen Ausreden. „Nein, wir haben keinen Anruf von Ihnen erhalten. Mit wem haben Sie denn gesprochen?“

Was Firmen betrifft, so habe ich eine idiotensichere Methode gefunden: Ich schreibe mittlerweile Briefe oder Faxe. Anrufe sind mir zu unsicher. Bestenfalls notiert sich irgendjemand mein Anliegen auf einem Schmierzettel, der dann unter der Tastatur landet – wenn ich viel Glück habe.

Aber ein ausgedrucktes Fax oder einen Brief kann man nicht so leicht im wahrsten Sinne des Wortes unter den Tisch fallen lassen. Manchmal muss man aber stärkere Geschütze auffahren. In diesem Falle mich selbst:

Meinem DSL-Provider bezahle ich jeden Monat einen fürstlichen Preis für eine 30.000er-Leitung. Trotzdem froren mir beim Streaming ständig die Videos ein. Also schrieb ich eine höfliche Email mit der Bitte um Bearbeitung. Sie enthielt alle nötigen Floskeln („mit freundlichen Grüßen, sehr geehrte Damen und Herren“ und Wörter wie „bitte“ oder „über eine kurze Antwort würde ich mich freuen“ usw.).

Keine Antwort.

Also schickte ich die nächste Mail. Und noch eine. Mittlerweile waren zwei Wochen vergangen, und ich konnte immer noch nicht streamen. Und wartete auf Antwort.

Darum teilte ich den Herrschaften, die nur zwei Ortschaften weiter residieren, mit, dass ich plante, demnächst persönlich meinen Router bei ihnen vorbeizubringen.

„Ich bin schon gespannt darauf, Ihr Team endlich kennenzulernen“ schrieb ich.

Es ist irgendwie beschämend, dass ich eine solch abschreckende Wirkung habe, aber seit diesem Tage kann ich mir jeden Monumentalfilm online ansehen, ohne dass es auch nur noch einmal ruckelt.

Ich hatte nicht vor, den Router jemandem um die Ohren zu hauen, aber scheinbar genügte allein die Vorstellung, ich könne auftauchen und man müsste mir in die Augen sehen, um ratz fatz endlich die Leitung zu schalten, für die ich bezahle.

Gern würde ich schreiben, dieses „Ignorieren“ sei dem Zeitgeist geschuldet, eine neumodische Begleiterscheinung der Digitalisierung, aber das trifft nicht den Punkt, denn (vorwiegend Frauen)  praktizieren das schon sehr, sehr lange.

Da ist die Schülerin, die von allen anderen geschnitten wird, da ist die Nachbarin, mit der man seit 10 Jahren kein Wort gewechselt hat, weil die dumme Nuss nämlich nie die Kehrwoche einhält und immer nur putzt, wenn sie lustig ist, also nie. Da ist die Kollegin, die sich mit dem Chef zu gut versteht und dafür von allen anderen mit Verachtung gestraft wird.

Nur ist mit den neuen Medien alles noch einen Zacken schärfer geworden.

Es gibt sogar mittlerweile einen neu kreierten Begriff für das, was ich „Ignorieren“ nenne: „Ghosting“ heißt das Zauberwort. Es wird von dem Wort „Ghost“, also „Geist“ abgeleitet. Von heute auf morgen meldet man sich einfach nicht mehr. Man wird zum Geist. Aber liebe „Ghoster“ – so einfach ist das nicht. Man trifft nämlich jeden zweimal. Und ich kann euch sehen.

Wissen Sie, wofür ich „Ghosting“ halte? Für Feigheit. Einfach nur Feigheit.

Man drückt sich davor, eventuelle Meinungsverschiedenheiten oder Probleme anzusprechen und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Man kriecht in sein eigenes kleines Schneckenhäuschen, in dem es düster ist und dunkel, mit dem Gefühl von dumpfer Befriedigung: „Ha, der hab ich es jetzt aber gezeigt, die wird schon merken, dass ich mit der nix mehr zu tun haben will.“

Ausdrücklich nehme ich Beziehungsangelegenheiten aus diesem Text heraus. Denn was heutzutage Ghosting heißt, nannten wir früher „Ins Bett kriegen und dann abhauen“ oder „eine Frau ausnützen“. Wurde schon immer praktiziert, hieß nur anders.

Aber zurück zum Abbruch aller Kontakte: Himmel noch eins, was ist denn so schwer daran, auszusprechen, wo das Problem liegt?

Wo ist das Problem, Klartext zu reden: „Uschi, du hast neulich behauptet, ich hätte so zugenommen. Das ist gemein und hat mich verletzt. Entschuldige dich, oder ich will nix mehr mit dir zu tun haben.“

Ja. Das könnte was werden. Denn man könnte sich bei Uschi entschuldigen. Und einsehen,  dass man vielleicht übers Ziel hinausgeschossen ist mit einer Bemerkung, wo man doch weiß, dass Uschi da empfindlich ist. Ob sie nun einen Zentner mehr wiegt als vorher, ist definitiv ihre eigene Angelegenheit.

Gelegentlich male ich mir aus, wie es wohl wäre, würden sämtliche Regierungen weltweit nur aus Frauen bestehen. Ich bin ziemlich sicher, es gäbe Länder, die überhaupt nicht mehr miteinander kommunizieren. Jawohl.

„Frau Kanzlerin Häberle, Präsidentin Fröhn aus Wolkenkuckucksland ist am Telefon.“

„Die blöde Nuss? Legen Sie sofort auf!  Und blockieren Sie die Schnalle. Setzen Sie ein Memo auf, dass wir zukünftig aus Wolkenkuckucksland kein Getreide mehr kaufen.“

„Aber Frau Kanzlerin Häberle, dann haben ja unsere Bürger nix zu essen.“

„Ist mir egal, dieser Fröhn zeige ich es jetzt mal. Die hat beim letzten Bankett behauptet, ich sei fett geworden.  Wollen wir doch mal sehen, wer jetzt fett ist.“

„Frau Kanzlerin, wir hier in Einhornland nicht, weil wir ja dann kein Brot mehr backen können und nix zu essen haben. Außerdem haben wir mit Wolkenkuckucksland  doch immer so tolle Handelsbeziehungen, woher kriegen wir künftig Stahl und Benzin?“

„Wir laufen in Zukunft und ersetzen Stahl durch Holz. Wald haben wir ja genug. Soll die dürre Fröhn mal sehen, wie die klarkommt. Ich kann mir doch nicht alles gefallen lassen.“

Ja. Vermutlich würde es so laufen. Eisiges Schweigen auf dem ganzen Planeten.

Früher war es relativ einfach, jemandem aus dem Weg zu gehen: Man legte den Telefonhörer neben das Gerät, beachtete das nervige „Tut tut tut“ nicht oder zog gleich den Stecker raus. Man ging nicht an die Tür, wenn es läutete und mied ab sofort Adalberts Pilsbar, weil der Ignorierte da täglich über dem Tresen hing. Gefahr gebannt.

Heutzutage muss man wesentlich mehr Aufwand betreiben in dieser schönen neuen Welt, weil ja jeder mit jedem vernetzt ist über Whats App, Facebook, Instagram oder  Snapchat.

Da läuft der Finger heiß beim Blockieren.

Manchmal trifft man einen „Ignorierer“ dann im realen Leben durch einen dummen Zufall. Im Supermarkt vielleicht, oder vor der Schule, mitten in der Stadt oder im Sprechzimmer des Hausarztes (unbedingt beim Blockieren beachten: neuen Dentisten suchen).

„Hallo, Heinrich-Waldemar, ich versuche seit Monaten, dich zu erreichen mit Email, Telefon und Whats App. Was ist los?“

Dann geht die Lügerei los, denn Ignorierer sind feige, wie ich schon schrieb. Und mit dem Rücken zur Wand nicht sonderlich kreativ: Spam-Ordner, Handy kaputt, Computer kaputt, Internet kaputt, vorübergehende Amnesie („Kennen wir uns?“) – denen ist keine Ausrede zu dumm.

Ignorieren ist keine Konfliktvermeidung – im Gegenteil: Sie laden sich noch weitere Konflikte auf, denn Sie müssen ja immerhin dem Ignorierten zukünftig aus dem Weg gehen, und das kann recht aufreibend sein. Schwierig, wenn man in der gleichen Firma arbeitet, aber das müssen Sie selber wissen.

Ich ignoriere jetzt übrigens zurück, weil ich mit der Zeit gehen muss.  Wer mir nach 5 Tagen auf meine Whats-App-Nachricht nicht antwortet: zack. Das war’s dann. Ich bin ja nicht der Depp vom Dienst. Ein paar Mal habe ich mich dabei ertappt, wie ich dachte: „Von dem und dem hast aber schon länger nix mehr gehört.“

Kein Wunder. Blockiert. Vielleicht gibt es bald eine App, die Buch führt. Aber ich blockiere nur die, die mich ignorieren. Das ist Notwehr.

Frauen tun das wirklich gern: Ärger und Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, indem sie den Umgang mit Menschen meiden, die ihnen unangenehm (geworden?) sind.  Dieser Weg mag einfach scheinen, ist es aber nicht, denn um jemandem für den Rest des Lebens aus dem Weg zu gehen, kann sich als recht umständlich erweisen, es sei denn, man zieht nach Burkina Faso.

Und dann diese peinliche Situation, wenn man sich tatsächlich begegnet. Kopf hoch und vorbei, oder? Vielleicht doch stehenbleiben und sagen: „Gut, dass ich dich treffe. Wir müssen uns dringend mal unterhalten.“

Aber das erfordert ein gewisses Maß an Rückgrat und Mumm. Vielleicht kommt dann im persönlichen Gespräch heraus,  dass alles ein großes Missverständnis war?

In meinem speziellen Fall, was Johannes und Ramona anbetrifft, denke ich mittlerweile seltener an unsere schönen Grillfeste, an die Lagerfeuer und Halloween-Partys. Ich habe neue Freunde kennengelernt und fange noch Mal von vorn an. Weil ich muss.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss den Müll rausbringen. Und die unter mir, denen möchte ich nicht begegnen. Die Frau Klabuster hat mich neulich so komisch angeschaut und nicht gegrüßt. Ich glaube, die ignoriert mich. Darum gehe ich ihr ab heute aus dem Weg. Zur Sicherheit. Ehe sie nicht mehr mit mir spricht.

Eine schöne Woche wünsche ich Ihnen. Und viel Kommunikation!

Ihre Barbara Edelmann

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Liebe Leserin, sind Sie eine dieser Frauen, die unglaublich kreativ ist, alles selbst näht, beim Backen wahre Kunstwerke zustande bringt und die Wohnung mit Selbstgemachtem verschönert?

Dann ist Ihnen mein Neid sicher.

Ich möchte das so gerne auch. Gäbe es für meine Anstrengungen in den letzten 20 Jahren ein Zeugnis, würde darin stehen: „Sie hat sich bemüht.“

So eine wollte ich mein ganzes Leben lang sein. Jemand, der Lampen aus einem Stück Blumendraht und einem Knäuel Wolle bastelt,  jemand, der sich Kleider und Blusen näht, jemand, dessen Weihnachtsplätzchen aussehen wie kleine Meisterwerke, jemand, der Girlanden aus Seidenpapier faltet, jemand, der originelle Glückwunschkarten zaubert oder schicke Pullover strickt.

Stattdessen muss ich immer noch bei der Frage nach einem Hobby verlegen stottern: „äääh… Netflix“.

Ich bin musikalisch und spiele seit meinem 5. Lebensjahr ein Instrument, schreibe Bücher, und auch beim Produzieren eines Tischgestecks aus Krempel, den ich im Wald gefunden habe (einschließlich Ameisen und Käfer…), stelle ich mich geschickt an. Auf meiner Festplatte lagern tausende ästhetischer Landschafts- und Portrait-Aufnahmen, den ich habe ein Auge für Schönheit. Aber das war’s dann auch schon.

Sie haben keine Ahnung, wie gerne ich mich als freiwillige Tortenbäckerin für den nächsten Kuchenbasar in unserem Ort melden würde. Aber was ich nach einem Tag Schweiß, Backpulver und Tränen produziere, können Sie höchstens in den Kühlschrank stellen und dann zerbröselt in Ihr Frühstücksmüsli rühren.

Kunstvoll verzierte Sahnerollen, winzige Finger-Food-Häppchen, appetitlich angerichtete Salate – all das bleibt mir für immer verwehrt.

Neulich kochte ich Nudeln nach einem Rezept aus dem bayerischen Kochbuch. Sie heißen „Bauchstupferle“ und sollten daumenlang und kleinfingerdick (oder war es „kleinfingerlang“ und „daumendick“?) gerollt werden. Eine Freundin kam vorbei und fragte: „Warum hast du Tampons da im Sieb?“ Die Dinger waren grau und ähnelten nichts, das Sie bei EDEKA im Teigwarenregal bekommen. Das ist vermutlich auch gut so.

Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten möchte ich Weihnachtsmänner aus gefüllten Socken und Filz herstellen, Ketten aus Silberdraht mit Türkisen drehen oder einen anständigen Quilt nähen.

Nun – nach ungezählten Versuchen und einer Summe, die dem Bruttoinlands-Produkt eines kleinen lateinamerikanischen Landes entspricht. ist es Zeit, die Wahrheit auszusprechen:  Ich kann’s einfach nicht.

Alles, was ich koche oder backe, können Sie essen und auch genießen, denn ich arbeite nur mit hochwertigen Zutaten. Aber nie bekomme ich es hin, das Zeug so auf dem Teller anzurichten, dass ich es wenigstens einmal fotografieren und bei Facebook einstellen könnte.

Es schmeckt prima, aber es sieht furchtbar aus. Das gilt für alles. Wenn Sie es nicht glauben, schicke ich Ihnen gern ein Bild von meiner Lebkuchen-Testreihe im Dezember 2017.

Alles, was ich zustande brachte,  ähnelte geschrumpften Kuhfladen mit angebranntem Rand. Es half nicht, die Teile mit Schokolade zu überziehen, aber ich tat es trotzdem. Mein Mann hat gute Zähne, der isst alles, Hauptsache, es ist süß.

Es ist ein Jammer mit dem „Wollen“. Bei Facebook bin ich Abonnent von ungefähr 30 Koch- und Backseiten. Eher mehr. Die bringen immer so schöne Anleitungen und Fotos. Das koche und backe ich dann nach.

Beflissen kaufe ich ein, wiege die Zutaten ab, und was ich aus dem heißen Backofen ziehe, sieht aus, als hätte sich ein Schäferhund übergeben, und danach ist ein Elefant draufgetreten.

Meine Kuchen sind flach, wenn ich sie reinschiebe und flach, wenn ich sie herausziehe. Gilt vor allem für Käsekuchen. Der wird bei mir grundsätzlich nie was. Oder sämtliche Teige mit Hefe. Die gehen nicht auf. Die gehen nirgendwohin, egal, wie warm ich sie einpacke.

Das Schlimme an der Angelegenheit ist, dass ich es umso verbissener versuche, je mehr ich scheitere. Weil ich mir immer denke: „Geht nicht gibt’s nicht.“

Nehmen wir zum Beispiel meinen Garten. Immerhin bin ich nach 25 Jahren imstande, 10 Sorten Unkraut zu erkennen (wenn es sich nicht als Heilpflanze tarnt, das macht Unkraut nämlich gern…). Es sei denn, ich habe Radieschen gepflanzt, dann lasse ich einfach alles wachsen und warte, was dabei herauskommt. Was rot und rund wird, kann man essen, der Rest ist Unkraut. Gilt auch für Karotten.

Jedes Jahr kaufe ich Tomatenpflanzen beim Gärtner und liefere mir einen Wettbewerb mit meiner Nachbarin, einer rüstigen Witwe. Ich wässere die Tomaten, gieße sie, geize sie aus und rede mit ihnen (Wir sind per Sie).

Und dann kommt meine Nachbarin mit einer großen Schüssel voller frischer Tomaten und sagt hämisch grinsend: „Willst du welche? Ich weiß gar nicht mehr, wohin damit, so viele habe ich. Hat ja wieder nicht geklappt bei dir.“

Ich habe einen „braunen Daumen“. Was ich anfasse, geht ein. Darum hasse ich es, wenn mir jemand Topfpflanzen schenkt, die kleiner sind als 25 Zentimeter. Großblättrige Gewächse haben eine bessere Halbwertzeit, die bringe ich vielleicht durch.

Alles, was darunter ist, verschenke ich umgehend wieder.

Aber ich habe wieder 3 Tomatenstöcke in Töpfen auf dem Balkon stehen, wie jedes Jahr. Einer hat einen Pilz, eine Braunfäule, und der dritten wird schon noch was einfallen, da bin ich mir sicher.

Es ist ja nicht nur das Backen, Kochen oder die Aufzucht von eigenem Gemüse. Wann sehe ich es nur endlich ein?

Vor zwei Jahren entdeckte ich zum Beispiel auf der Hobby-Plattform „Pinterest“ einen Teppich, der aus hunderten von bunten Pompons bestand. Sie wissen schon – diese Kugeln aus Wolle, mit denen man Mützen verziert.

Von Juni bis August saß ich jeden Abend mit einem sogenannten „Pompon-Maker“ auf dem Sofa und wickelte kilometerlang Wolle auf die Plastikförmchen.

Dann war es dann soweit: Ich konnte mir ein Netz kaufen, zuschneiden und die Kugeln draufnähen.

Endlich war der Teppich fertig. Nicht ganz so rund wie bei „Pinterest“, eher in Amöbenform,  aber fertig. In 5 Metern Abstand sah er richtig gut aus. Dann trat ich barfuß darauf und knickte mit dem Fuß um, weil die Pompons unterschiedlich groß waren. Einen Tag später lagen auf dem Boden hunderte von bunten Fäden. Einige der Kugeln wirkten zerrupft, und unter den Krallen meiner schuldbewusst dreinschauenden Katzen fand ich Wollreste.

„Such dir doch ein anderes Hobby“ meinte mein Mann grinsend. „Oder mach Yoga. das kostet nicht so viel Geld.“ „Aber dann bin ich nicht produktiv“ widersprach ich. „Ich möchte was mit meinen Händen mache, etwas, das man anfassen kann.“

„Du könntest was kochen“ meinte er, schwieg aber dann, weil ihm scheinbar wieder eingefallen war, wie meine letzte Lasagne ausgesehen hatte.

Kurz darauf begann ich mit dem Basteln von Geburtstagskarten. Und wie bei allem, das ich tue, ging ich gründlich vor, kaufte zentnerweise Bastelkarton, Aufkleber, Strass-Steinchen, Bänder, Sticker und Kleber – massenhaft Kleber – und eine Heißklebepistole.

Aus diesem Hobby konnte ich folgende Lehren ziehen:

 

  • Heißkleber heißt so, weil er saumäßig heiß wird.
  • Heißkleber lässt sich nach dem Erkalten so gut wie nie mehr von einem Holztisch entfernen. Unbedingt schönes Tischgesteck basteln zum Vertuschen.
  • Es ist billiger, Karten zu kaufen. Und besser für den Blutdruck. Und für die Möbel.

 

Weitere Dinge, die ich beim Basteln gelernt habe:

  • Plusterfarben halten bombenfest auf Echtholz-Furnier und teurer Wolle (am besten Kaschmirpulli anziehen!). Geht ein Leben lang nie mehr raus.
  • Von zu viel Uhu kann einem schlecht werden.
  • Katzen sind imstande, 20 Zentimeter gelbes Seidenband zu fressen und nach einer halben Stunde wieder auszuspucken. Besser nichts auf dem Tisch liegenlassen, dass verschleppt oder verschluckt werden kann.
  • Seife mit Natronlauge zu kochen ist etwas für Personen mit einer einwandfreien Feinmotorik und der gebührenden Vorsicht sprich: Ich bin zu schusselig dafür.
  • Seife aus Glyzerin zu gießen sieht nie wie auf den Fotos aus. Aber braune Klumpen machen auch sauber.
  • Benutzte Formen zum Seife-Gießen NIEMALS in die Spülmaschine stellen, es sei denn, man muss ohnehin renovieren oder will eine Schaumparty geben.
  • Es genügt nicht, wenn selbstgemachte Kerzen aus Resten nett aussehen, nachdem man leere Klorollen mit geschmolzenem Wachs gefüllt hat. Sie sollten auch brennen. Docht also nicht vergessen.
  • Wachs geht von Holz prima wieder weg, aus Wildleder nicht.
  • Erhitztes Wachs tut genauso weh wie Heißkleber. Sicherheitsschuhe kaufen.

Man sollte meinen, dass ich nach all den Fehlschlägen aufgegeben hätte. Weit gefehlt, denn es nahte 2014 das „Jahr der Pralinen“.

Im Advent 2014 beschloss ich, dass es an der Zeit wäre, meinen Lieben etwas anderes vorzusetzen als immer die gleichen Plätzchen wie Vanillekipferl, Zimtsterne und so weiter.

Ich wollte Großes beziehungsweise Kleines schaffen, denn ich traute mir das zu. Es konnte ja nicht immer alles schiefgehen. In irgendwas ist jeder gut. Vielleicht war das bei mir Konfekt.

Bei Facebook war ich auf eine Seite gestoßen, die mich mit ansprechenden Hochglanzbildchen lockte, so dass ich davon überzeugt war, ich könne das auch. Das denke ich jedes Mal.

Also kaufte ich wieder ein. Rost zum Abtropfen, Schmelzpfännchen, Pralinen-Rohlinge zum Befüllen, Kakaobutter, Schokopellets, Sahne, Nüsse, Dekormaterial aus Schokolade und zu guter Letzt Geschenkverpackungen mit meinem Namen aufgedruckt, um all meine zukünftigen Naschereien an Freunde und Bekannte zu verschenken.

Daran können Sie erkennen, dass ich ein positiver Mensch bin.

Ich arbeitete zwei Wochen lang in jeder freien Minute mit Hochdruck an meinen Pralinen, damit ich die neuen Geschenkverpackungen mit der Aufschrift: „Bärbeles Süßwarenstube“ befüllen konnte.

Anschließend mussten wir die Küche neu weißen, denn die Schokolade klebte sogar an der Decke. Und nein – ich weiß bis heute nicht, wie die da hingekommen ist.

Irgendwann probierte ich es mit Stricken. Filzwolle war gerade im Trend, also deckte ich mich mit einem Wäschekorb voll davon ein.

Stricken kann ich: geradeaus und viereckig, also Schals und Topflappen. Ich schwitze nie dabei, und alles sieht so regelmäßig aus wie maschinell hergestellt.

Mein erstes Projekt waren ein paar Socken, die ich anschließend mit Edelweiß besticken wollte. Also legte ich los, bis ich bemerkte, dass man da Maschen zählen sollte. Und abnehmen. Das schaffe ich schon im normalen Leben nicht.

Aber ich machte die Socken fertig, so gut ich konnte. Sie waren verschieden groß, einer hatte keine erkennbare Ferse, aber mit gestickten Edelweiß drauf sahen sie beinahe gut aus. Nur anziehen konnte man sie nicht, es sei denn, man hätte zwei verschiedene Füße, von denen einer stark geschwollen sein müsste.

Weil ich noch so viel Wolle übrig hatte, verlegte ich mich auf die Produktion von Cocktailkissen. Die mussten nur viereckig sein und so regelmäßig wie möglich. Also strickte ich drauflos.

Als ich 20 riesige Quadrate beieinander hatte, filzte ich sie in der Waschmaschine, denn ich wollte anschließend Knöpfe draufsticken, Vorder- und Rückseite zusammennähen und danach einen Reißverschluss einziehen. Diese Cocktailkissen würden hübsch aussehen.

Der Stapel liegt jetzt seit 2 Jahren in meiner Ankleide. Irgendwann… finde ich jemanden, der mir die Reißverschlüsse einnäht. Sobald ich die Teile bestickt habe.

Das einzige, das ich einwandfrei hinbekomme, sind Badebomben aus Kakaobutter, Zitronensäure, Maisstärke und Soda. Ich forme perfekte, mit Rosenblättern, Bienenwaben oder Lavendel verzierte Kugeln, lasse sie trocknen, und dann verpacke und verschenke ich sie, nicht ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass diese Dinger wegen der Kakaobutter jede Badewanne in ein rutschiges emailliertes Todesloch verwandeln.

Einmal saß ich drei Stunden in der glitschigen Wanne und kam nicht mehr raus, bis mein Mann mich lachend rettete. Riechen tun sie aber gut.

Das letzte Experiment begann ich letztes Jahr. Ich würde mir ein schwarzes Kostüm, bestehend aus Blazer und Rock, nähen. Den Stoff hatte ich schon gekauft. Und die Nähmaschine noch nicht verkauft.

Was ich nicht hatte, waren: Reißverschluss, Futter oder Ahnung, wie viel Arbeit das macht, denn ich hatte mir vorgenommen, innerhalb eines Tages fertig zu sein.

Nachdem ich einen Tag später mein selbstgenähtes Kostüm stolz meiner Mutter vorgeführt hatte, begab sich diese zum örtlichen Nähgeschäft und sagte: „Wenn Sie meiner Tochter noch einmal ein Stück Stoff verkaufen, komme ich niemals wieder.“

Es hatte nichts geholfen, die fehlende Knopfleiste, die nicht vorhandenen Knöpfe und auch den gar nicht existierenden Reißverschluss im Rock (große Sicherheitsnadel…) mit einem Schal verdecken zu wollen, denn meine Mama sieht alles. Immer.

Ich glaube, die werden mir wirklich nichts mehr verkaufen. Macht nix – gibt ja Ebay.

Vielleicht fange ich eines Tages doch noch mit einem Quilt an, denn ich habe gelesen, früher wurden diese Decken von Hand zusammengenäht. Kann also so schwer nicht sein. Und ich habe noch massenhaft von diesen gefilzten Vierecken, aus denen Cocktailkissen hätten werden sollten.

Kommt jemand vorbei und hilft mir? Ich backe Ihnen auch Kuchen, den Sie ins Müsli rühren können. Oder einen Hefezopf.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit und verbleibe mit den besten Grüßen

Ihre

Barbara Edelmann

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„Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Meine Freundin Maria wirkte irgendwie erleichtert, als sie mir von den neuesten Entwicklungen ihrer Beziehung mit Sascha, dem attraktiven Versicherungsmakler, erzählte. Ich hatte ihn kennengelernt, war aber von seinem vielbesungenen Charme eher unterwältigt gewesen, denn auf mich hatte er nur aufgekratzt, kindisch und vorlaut gewirkt.

Maria ist Ende 40, Diplom-Betriebswirtin, sehr pragmatisch und bodenständig und hatte ihn mir damals stolz vorgeführt wie einen adoptierten Husky. Beinahe hätte ich erwartet, dass sie ihn Kunststückchen vorführen lassen würde.

Nun aber saß sie an meinem Tisch und nahm noch einen Schluck Kaffee. Ohne Sascha.

„Wenn das so weiter gegangen wäre, hätte ich ihn die Treppe runterwerfen müssen. Am Schluss hat er mich nur noch genervt. Von wegen Verjüngungskur. Ich war total am Ende.“

Sie meinen, Maria übertreibt? Lesen Sie selbst:

Die paar Jahre machen doch keinen Unterschied.“ Sascha blinkerte Maria mit seinen braunen Augen treuherzig an. Sie hatten sich ein paar Tage zuvor zufällig an der Tankstelle kennengelernt und Sascha hatte Maria zu einem Ausflug in eine mittelalterliche Stadt eingeladen.

Beide saßen also im Hochsommer in einem malerischen Biergarten inmitten einer Touristenhochburg. Der Tisch bestand aus einem Felsbrocken, auf den der findige Restaurantbesitzer eine zerschrammte Glasplatte gelegt hatte. Das Gartenlokal befand sich innerhalb eines alten Schlossgartens voller blühender Bäume und Sträucher. Ständig fiel Maria irgendwas bröselig Gelbes in den Kaffee, darum bestellte sie sich Mineralwasser.

Außerdem war sie die meiste Zeit damit beschäftigt, 1. jünger auszusehen, als sie war, was bei Tageslicht keine einfache Sache ist, und 2. aus ihrem Glas kleine gelbe Würstchen zu fischen, mit denen sie der Baum, unter dem sie saß, reich beschenkte.

Es gibt hunderttausend Dinge, auf die man achtet, wenn man älter wird. Vielleicht geht das nicht allen Frauen so, aber vielen. Wir, die ehemals heißen Feger (jetzt nicht mehr ganz so heiß…) wissen um Halsfalten, Flecken auf den Händen oder verräterische Krähenfüße. 20 Jahre Altersunterschied sind 20 Jahre.

Und Sascha war genau 20 Jahre jünger als Maria.

Es ist ungerecht, dass laut weitverbreiteter Meinung ein Mann mit Mitte 40 erst so richtig attraktiv wird (angeblich), während es sich (angeblich) bei uns Frauen proportional umgekehrt verhält (ebenfalls angeblich).

Manche von uns werden aufgrund dieser Dauerberieselung in den Medien, Schlankheitstipps, Botox-Partys und scheinbar nie alternden Models so verunsichert, dass sie am liebsten nur noch gesenkten Hauptes durch die Straßen laufen oder ins Kloster gehen würden. Aber – hey – das liegt an uns selbst, wie wir damit umgehen!

Sascha war also 20 Jahre jünger als Maria. Seit Wochen tat er nichts anderes, als ihr zu versichern, dass der Altersunterschied überhaupt keine Rolle spiele, denn er könne „mit jungen Frauen nichts anfangen, weil die nicht genug im Kopf haben.“

Haben sie schon, Sascha. Haben sie schon, nur können sie damit noch nicht umgehen. Das kommt erst noch. Ich sage ja: ungerecht. Beim Älterwerden gescheiter zu werden ist, als hätte man endlich seine Traumfigur nach vielen Jahren wieder und dann kein Geld, um sich ein rattenscharfes Kleid zu kaufen.

Was nützt einem die ganze Lebenserfahrung, wenn man für die Männer quasi unsichtbar wird? Nix.

Egal. Die beiden saßen also in diesem herrlichen Schlossgarten, und Maria konnte nur denken:  „Kopf hoch, sonst gibt es Falten am Hals. Verdammt, ich hab da dieses Muttermal auf dem Handrücken, hoffentlich denkt der nicht, das ist ein Altersfleck.“

Ihr selbst wäre ein düsteres Burgverlies, Fackelschein und eine Augenbinde für den süßen Sascha am liebsten gewesen, aber man kann es sich nicht immer aussuchen.

Dabei war der Typ viel zu beschäftigt damit, ihr in den Ausschnitt zu starren. Brüste waren an diesem Tag im Sonderangebot, denn es war heiß, und die Stadt strotzte nur so vor Dekolletés.

Sascha beteuerte weiterhin beharrlich, dass das Alter gar keine Rolle spiele, sie klasse aussähe und er sie ohnehin für 20 Jahre jünger gehalten hatte. Was nicht stimmte, aber Maria wollte das glauben, und darum ließ sie sich mit ihm ein.

„Das war so anstrengend“ erzählte Maria ein Vierteljahr später, als wir zusammen Kaffee tranken.

„Es war so anstrengend, dass ich ihn nach einigen Monaten rauswarf, denn für Sascha hätte ich ein Kindergärtnerinnendiplom gebraucht und/oder eine psychotherapeutische Ausbildung, zwei Zentner Tranquilizer und ein Laufgeschirr.“ Ich schmunzelte. Sascha suchte Halt, denn er war haltlos. Er suchte ein Zuhause, denn er war unstet. Er suchte Anerkennung, denn er hatte kein Selbstbewusstsein. Außerdem ließ Maria das ungute Gefühl nicht los, dass er sich ausrechnete, ältere Frauen seien „dankbarer“, wenn man sich mit ihnen einlässt, so dass  er sich ein paar Gemeinheiten oder Gedankenlosigkeiten erlauben könne, die ihm sonst keine Frau durchgehen ließ.

„Er übernachtete oft bei mir“ berichtete Maria.

„Das war einerseits schön. Aber andererseits auch sehr anstrengend, denn Sascha konnte nicht einschlafen, wenn er nicht müde war. Und Sex machte ihn nicht schläfrig. Wir lagen dann noch stundenlang im Dunkeln, während er mir Witze erzählte. Ich lachte oft, dachte aber gleichzeitig an meinen anstrengenden Job am nächsten Tag,  und dass jede Stunde versäumter Schlaf den Grad meiner Krähenfüße um den Faktor 10 erhöhen würde.

Morgens schlich ich mich eine Stunde vor ihm aus dem Bett. Ich trank in Ruhe Kaffee, badete und schminkte mich dann mit aller Sorgfalt, derer ich um diese grauenhafte Uhrzeit fähig war, denn er sollte nie das Gefühl haben, seine eigene Mutter weckte ihn auf. Dass es ihm aber genau darum ging, merkte ich erst später.“

Mit einem jüngeren Mann zusammen zu sein, kann sehr anstrengend werden.

Männer besitzen von Natur aus mehr Muskelmasse, stärkeres Bindegewebe und einen niedrigeren Fettanteil als wir. Während einige bedauernswerte Freundinnen von mir anfangen, zu zerfließen wie weicher Kuchenteig, bleiben Männer länger stramm und straff. Die Bindegewebsfasern bei Männern sind verschränkt, die bei Frauen liegen nebeneinander, was uns anfälliger für zum Beispiel Zellulite macht.

„Ich mache Yoga, jeden Tag“ erzählte Maria mürrisch.  „Außerdem laufe ich unter der Woche etliche Kilometer, ernähre mich gesund und schwimme viel. Trotzdem merke ich, wie ich mich anstrengen muss, um in Form zu bleiben. Sascha war da nur noch eins drauf. Eine Anstrengung mehr in meinem Leben.“

Männer, die jünger sind, haben jüngere Freunde. Sie unternehmen meist „jüngere Sachen“. Wenn Ihre eigene Vorstellung von einem schönen Abend ein Glas Rotwein vor dem Fernseher ist, möchte er am Watzmann freeclimben oder mit Inlinern am Mittelmeer entlangrollen.

Ständig fallen Sie über sein Mountainbike, das er achtlos im Flur liegengelassen hat, und spätestens, wenn Sie das erste Mal auf dem Rücksitz seiner 1000er Kawasaki um Haaresbreite einem Unfall entgehen, weil Sascha einfach nicht glauben will, dass der Kleinwagen tatsächlich hinter dem Traktor ausscheren wird, während er mit Ihnen auf dem Rücksitz mit satten 250 Stundenkilometern angebrettert kommt, werden Sie anfangen, über alles nachzudenken. Während Sie sich der aus Angst vollgepinkelten geliehenen Motorrad-Kombi entledigen.

Während Sascha sagt „Was ziehst  du denn für ein Gesicht, ist doch nix passiert!“ werden Sie merken, dass es feine Unterschiede gibt zwischen Ihnen beiden, was Lebenserfahrung betrifft. Denn für ihn ist der Tod etwas Abstraktes. Sie selbst haben vielleicht schon Freunde oder Verwandte an böse Krankheiten oder andere tragische Unfälle verloren. Die Saschas dieser Welt glauben immer noch, ewig zu leben und dass der Tod etwas ist, das nur anderen passiert. Jeder lernt nur durch Schmerz.

Ein jüngerer Mann erfordert ein gerüttelt Maß an Engagement, Make-Up und – Geduld.

Außerdem brauchen Sie eine gehörige Portion Optimismus, eine Menge Toleranz und alle Souveränität, derer Sie fähig sind, denn viele „Kinderkrankheiten“ hat bei Ihnen das Leben schon ausgebügelt. Mitte/Ende 40 ist man vom Universum mindestens einmal kräftig in die Mangel genommen und gerupft worden, hat Federn gelassen und die kahlen Stellen mit Galgenhumor überdeckt. Die Saschas dieser Welt müssen das alles erst noch erfahren und lernen.

Während die Bücher des Lebens bei so jungen Leuten noch vorwiegend aus unbeschriebenen Blättern bestehen, haben wir unsere schon sogar an den Rändern vollgekritzelt.

„Ich war überaus beschäftigt in der Zeit mit Sascha.“ Maria nahm noch einen Schluck Kaffee. Sie wirkte übrigens nicht traurig, sondern ausgesprochen befreit.

„Ständig musste ich so tun, als wäre ich nicht müde und aufgeregte Euphorie vortäuschen bei allem, was er vorschlug. Es war wirklich, als hätte man ein Kind mit ADHS. Betrat Sascha mein Wohnzimmer, zog er als erstes sein I-Pad aus der Tasche, suchte „Youtube“ und zeigte mir dann sinnentleerte Filmchen mit gekneteten Figuren oder Zeichentricksketche, die ich klasse finden sollte. Eine Unterhaltung kam so gut wie nie zustande, und ich musste ihm am Tisch tatsächlich sein Mobiltelefon verbieten, weil er sogar beim Sonntagsbraten Zombies abknallte und die Hälfte der Nudeln auf das Tischtuch fallen ließ.

Beim Autofahren in seinem Cabrio wurde mir schlecht, denn ab 250 km/h hält meine Frisur nicht mehr richtig, und ich hätte nach jedem Ausflug eigentlich neue Haare gebraucht. Die alten ließen sich nicht mehr kämmen und sahen aus wie etwas, in dem Krähen sich ihre Nester bauen.

Täglich badete er mindestens einmal und hinterließ vom Ankleidezimmer bis zum Bad eine Spur trockener und feuchter Klamotten, Fußabdrücke und Seifenflecken.

„Da hätte ich leichter eine Waise adoptiert“, dachte ich mehr als einmal seufzend.

Er hörte auf mich, wie er auch auf seine Mutter gehört hätte. Er war still, wenn ich ihm befahl, zu schweigen und tat, was ihm angeordnet wurde, aber dafür hatte ich ihn ja nicht „genommen“. Ich wollte einen Erwachsenen, der sich erwachsen benahm. Und mit „erwachsen“ meine ich nicht alt, spießig und konventionell sondern einfach nur weniger anstrengend. Das wäre schön gewesen.

Sascha hielt sich grundsätzlich nicht an Verabredungen. Immer geriet ihm was Spannenderes dazwischen. Zum zweiten Date kam er einen Tag zu spät, zum dritten drei Tage, und als wir uns ungefähr drei Monate kannten, betrug seine Verspätung zwischen dem Versprechen, mich zu besuchen und seiner tatsächlichen Ankunft eine Woche.“

„Eine Woche?“ wiederholte ich ungläubig.

Maria nickte lächelnd. „Aber ich gebe zu: Seine Ausreden waren mal was anderes, sehr kreativ.“

Jüngere Männer wie Sascha sind oft nicht imstande, Termine einzuhalten, sie sind immer viel zu beschäftigt, und darum suchen sie sich eine ältere Frau, die etwas Ruhe in ihr Leben bringt. Eine moderne Variante von „Hotel Mama“, aber mit Sex. Da Ruhe aber normalerweise genau das ist, das sie absolut nicht ertragen können (da könnten sie die kleine Stimme in ihrem Kopf hören), tun sie alles Mögliche, um Verabredungen auszuweichen.

„Nach einigen Monaten war ich müde.“ Jetzt schmunzelt Maria nicht mehr.

„Müde all der Ausreden, müde der Aktivitäten, bei denen ich wahlweise stürzte, mich verletzte oder mir vor Angst beinahe in die Hosen machte. Nach drei Monaten hatte ich keine Lust mehr, auf ihn zu warten und so zu tun, als würde ich seine Lügen glauben. Also warf ich ihn raus.“

Er glaubte es nicht und schrieb mir lange Zeit noch SMS oder Emails, in denen er tat, als wäre nie was gewesen. Seiner Meinung nach war es das vermutlich auch nicht.

Ach Sascha. Er hat übrigens wieder eine Frau aufgetan. Neulich hat sie bei mir angerufen und gefragt, ob er vielleicht bei mir wäre, weil sie ihn schon mehrere Tage nicht mehr gesehen hat und ihn über das Telefon nicht erreichen kann. Sie ist übrigens ein Jahr älter als ich.“

„Ich sehe da schon ein Muster“ murmelte ich, musste mir aber das Grinsen verkneifen.

„Weißt du was?“ Maria zwinkerte mich an.  „Es war lustig. Es war anstrengend, aber ich glaube, ich sehe mich jetzt nach jemandem in meinem Alter um.“

Als Maria sich von mir verabschiedete, lachte sie schon wieder. Sie ist eine gestandene Frau, nicht zu groß, schlank, mit herrlicher blonder Mähne und einem wachen Verstand.  Sie wird das hinbekommen. Ich drücke ihr die Daumen.

Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, Beziehungen, die prima funktionieren, auch wenn ein Altersunterschied vorliegt. Alle über einen Kamm scheren kann man sicher nicht. Nichts ist schwieriger, als eine ausgewogene, zufriedenstellende Partnerschaft zu führen. 50 % aller Ehen werden mittlerweile wieder geschieden. Da sollte man vielleicht schon beim Kennenlernen eine Risiko-Analyse durchführen und darüber nachdenken, wohin das führen könnte.

Die nächste Notaufnahme sollte es aber definitiv nicht sein. Denken Sie daran.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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„Barbara, du hast doch bestimmt eine große Sonnenbrille und eine Perücke?“ fragte mich vor knapp einem Jahr eine liebe Bekannte.

Immer wenn Marianne anruft, bin ich vorsichtig, denn die meiste Zeit des Jahres erinnert sie sich nämlich nicht an meine Telefon-Nummer. Sie meldet sich nur, wenn es ihr schlechtgeht.

„Ja, ich habe eine Sonnenbrille“ antwortete ich misstrauisch. „Dann könntest du doch für mich den Karl mal ein wenig überwachen“ meinte sie.

„Er sagt nämlich, er geht ins Fitness-Studio, aber ich glaube ihm nicht. Weil er ja vor zwei Jahren mal diese Frau geküsst hat. Die ist zwar verheiratet, aber ich traue ihm nicht. Bestimmt lügt er mich wieder an. Immerhin hat er es erst zugegeben, als ich sein Handy durchsucht habe. Ich bezahle dich auch.“

Gestatten, dass ich mich vorstelle? Barbara Edelmann, private Ermittlungen aller Art.

Ich musste schmunzeln, als ich mir vorstellte, dem armen Karl vor seinem Fitness-Studio verkleidet aufzulauern. Immerhin ist der Gute jenseits der 50, mit wenig Haaren und umso mehr Bauch und einem Ego, das nur man nur auf Erbsengröße bringt, wenn man es aufbläst, und nicht unbedingt ein Geschenk Gottes an die Damenwelt. Marianne lässt sich aber nicht gern etwas wegnehmen, auch wenn sie es vielleicht selbst nicht mehr so richtig möchte.

Ich lehnte dankend ab, denn es wäre mir zu anstrengend gewesen, fremde Männer zu beschatten. Außerdem besitze ich weder Fernglas noch Nachtsichtgerät, und Marianne hätte vollen Einsatz von mir erwartet.

Ob sie einen Ersatz für mich gefunden hat, weiß ich nicht, denn seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Scheinbar vertragen sich die beiden gerade wieder mal. Trotzdem muss ich oft an diese Geschichte denken, denn sie ist ein Paradebeispiel für Eifersucht und ihre einschneidenden Folgen.

Außerdem muss ich zu Karls Ehrenrettung anmerken, dass er bis zu diesem Zeitpunkt – also dem Kuss mit einer anderen Frau – bereits eine ziemlich anstrengende und für ihn unbefriedigende Beziehung mit Marianne hinter sich hatte. Unter der Woche durfte er nie bei ihr übernachten – auch nach über 10 Jahren nicht, weil Marianne es vorzog, Dinge mit ihren Freundinnen zu unternehmen. Sie teilte seine Zeit ein, und er bekam in ihrem Wochenplan einen festen Platz zu festen Zeiten. Wenn Marianne keine Lust hatte, musste Karl sich mit sich selbst beschäftigen.

Naja, ganz offensichtlich tat er das dann ja auch. Und ich glaube sogar wirklich, dass es sich nur um einen Kuss handelt, denn ich kenne Karl, wie bereits erwähnt.

Damals, nachdem ihr Karl in einem schwachen Moment gestanden hatte, mit seinen Lippen die Lippen einer anderen Frau berührt zu haben, nahm die Tragödie ihren Lauf.

Seitdem musste er sich in viertelstündlichem Turnus per SMS bei Marianne melden und mit Fotos seinen derzeitigen Aufenthaltsort dokumentieren (Supermarkt-Parkplatz, Fitness-Studio, Arbeit…). Er tat das alles in der Hoffnung, Marianne nicht zu verlieren, denn sie war ziemlich sauer. Irgendwie hatte dieser eine Kuss etwas in ihr freigesetzt, das wohl zeitlebens besser unter Verschluss geblieben wäre – das grüne Monster Eifersucht. Und zwar die rasende Variante.

Marianne benahm sich damals, als legte sie größten Wert darauf, schnellstmöglich zu ihrem eigenen Schutz in die nächstgelegene psychiatrische Anstalt eingeliefert zu werden.

Sie knackte den Code von Karls Handy, druckte sämtliche Whats-App-Chats zwischen dieser Dame und ihm aus und nagelte diese anschließend an die Eingangstüre der Konkurrentin. Da es sich um eine Glastür handelte, erfolgte anschließend eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und Beleidigung, denn Marianne hinterließ nicht nur die Chat-Protokolle, sondern auch noch ein paar üble Beleidigungen, die mit Sicherheit in etlichen Ländern dieser Welt mit Stockschlägen auf die nackten Fußsohlen bestraft werden.

Sie legte sich ein zweites Handy mit einer anderen Telefonnummer zu und baggerte Karl unter falschem Namen bei Facebook an, um ihn endlich der Untreue überführen zu können, stalkte ihn bei Instagram, fuhr ihm mitten in der Nacht hinterher, als er ihre Wohnung verließ (hätte ja sein können, dass er sich zum Knutschen mit dieser Dame im Wald traf, so gegen morgens um 3:00 Uhr), rief seine Kollegen an und wollte diese ausfragen, durchsuchte in regelmäßigen Abständen, gründlicher als die Steuerfahndung,  seine Wohnung auf Spuren und so weiter.

Dann schleppte sie Karl zu einem Therapeuten. Der sollte ihm die Leviten lesen und ihm erklären, dass er so was Tolles wie Marianne gar nicht verdient hatte.

Nachdem der Therapeut sich eine gefühlte Ewigkeit Mariannes Tiraden angehört hatte, die ihm auswendig (!) sämtliche Chats zwischen Karl und der fremden Frau rezitierte,  erklärte er diese Beziehung für toxisch und riet beiden, eine Pause einzulegen.

Natürlich taten sie das nicht.

„Ich werde verrückt. Und ich weiß, dass es vollkommen bescheuert ist, was ich mache“ sagte Marianne damals heulend zu mir am Telefon. „Aber was soll ich tun? Ich will keinen anderen. Da müsste ich mich wieder umgewöhnen. Und ich habe keine Lust drauf, mit einem neuen Mann jetzt wieder von vorn anzufangen. Bis auf diese eine Geschichte stimmt ja alles. Nur kann ich ihm nie mehr glauben. Und ich bin sicher, dass er lügt und es auch weiterhin tut.“

Im Grunde ist das sehr traurig. Finden Sie nicht?

Gehören Sie vielleicht zu der Sorte Frauen, die täglich das Jackett Ihres Mannes untersuchen, und wenn Sie kein Haar darauf finden, vermuten, dass er es momentan mit einer Kahlköpfigen treibt? Tja, dann sind Sie wohl ebenfalls eifersüchtig. Willkommen im Club.

Eifersucht ist der Partisan unter den Gefühlen. Sie lauert irgendwo im Gebüsch und wartet manchmal nur auf ein einziges Wort, eine Bemerkung über eine Schauspielerin vielleicht, die wir gerade zusammen mit unserem Liebsten sehen, während wir einen Spielfilm genießen.

Sie kommt hervor wenn wir durch die Stadt schlendern und mitbekommen, dass unser Herzblatt anderen Frauen kurz hinterhersieht. sie saugt sich an uns fest, wenn er mit der Ex telefoniert, wenn irgendeine Frau ihm schöne Augen macht (auch wenn die vielleicht nur unter Astigmatismus leidet) , wenn er auf einer Party länger als angemessen mit einem  hübschen Mädel spricht.

Dann ist sie da. Und sie geht so schnell nicht wieder weg.

Um sie halbwegs in den Griff zu bekommen, ist es dringend nötig, sich erst einmal darüber klar zu werden, wie sie entsteht.

Eifersucht entspringt dem Gefühl von Unzulänglichkeit, der eigenen Unsicherheit. Sie nährt sich aus der Befürchtung, nicht gut genug für jemanden zu sein, nicht schön genug, nicht reich genug, nicht gescheit genug. Eifersucht tut furchtbar weh, und wenn sie einen einmal in den Krallen hat, ist es sehr schwer, sich wieder von ihr zu befreien.

Eine eifersüchtige Frau wird man nicht von heute auf morgen. Die Gründe für diese schlimmen Gefühle liegen meist in der frühen Kindheit verborgen und haben oft mit einer problematischen Eltern-Kind-Beziehung zu tun. Vielleicht litt man unter einem unnahbaren Vater, vielleicht musste man in der prägenden Phase der Pubertät kränkende Zurückweisungen einstecken. Irgendwas ist geschehen, das uns das Gefühl gegeben hat, nicht gut genug zu sein für irgendjemanden.

Sicher gibt es skrupellose Hallodris unter den Herren der Schöpfung, bei denen ein gesundes Misstrauen gerechtfertigt ist, aber allzu oft entspringt unsere Eifersucht nur der Phantasie und mangelndem Selbstwertgefühl. Die große Mehrzahl der Männer ist anständig, auch wenn man es ihnen nicht so recht glauben mag. Die sind froh, in einen sicheren, adretten Hafen eingelaufen zu sein und möchten auch gerne, dass alles so bleibt wie es ist. Die große Mehrzahl – wohlgemerkt.

Eifersucht hat ja in allererster Linie damit zu tun, dass man sich seiner selbst nicht sicher ist. Eine selbstsichere Person weiß nämlich ganz genau, was sie wert ist. Und dass man sie nicht von heute auf morgen einfach so verlässt. Eine selbstsichere Frau kann sehr wohl zwischen Realität und im Unterbewusstsein verankerten Ängsten unterscheiden. Denn Eifersucht wird zu einem Großteil von Angst gesteuert. Die Eifersucht ist das Fahrzeug, und die Angst sitzt am Steuer – die Angst davor, verlassen zu werden, die Angst davor, nicht gut genug zu sein.

Auch die Frage, wo fängt der Betrug an, ist ein heißes Eisen. Ist ein Kuss schon ein Betrug oder ein Gedanke? Tja, da hätten wir wohl ein Problem, so wie ich die Männer kennen und schätzen gelernt habe. Es soll wohl ernsthaft noch Frauen geben, die von ihrem Mann verlangen, dass er nur an sie denkt. Die ganze Zeit. Ohne Unterlass. Und die es als Betrug auffassen, wenn er sich vorstellt, mit Lady Gaga einen One-Night-Stand zu haben.

Das klappt nicht, meine Damen. Darauf sind die Herren der Schöpfung nicht programmiert. Polygamie gehört bei ihnen zur Serienausstattung – zumindest unbewusst.

In dem Film “ Sodbrennen“ von 1986 sagt der Vater seiner Tochter,  die sich über ihren untreuen Gatten beschwert: „Du willst MonogamieHeirate einen Schwan!

Ganz so krass möchte ich das jetzt nicht stehenlassen. Es gibt tatsächlich eine ganze Menge treuer Männer. Ich lehne mich sogar so weit aus dem Fenster, zu sagen: die meisten sind anständig.

Wissen Sie was? Wenn ein Mann Sie wegen einer anderen verlässt oder betrügt, dann hat er nur eins: Sie gar nicht verdient. Mit nichts. Das sollten Sie sich wirklich immer vor Augen führen.

Es gibt aber tatsächlich Herren, die schaffen es bis ins hohe Alter nicht, sich mit nur einer einzigen Frau zufriedenzugeben.

Ob die Gründe nun Größenwahn, ein winzig kleines Selbstbewusstsein, das ständig bestätigt werden muss oder Sexsucht sind, ob er fremdgeht, weil er zu viele Kohlenhydrate und zu wenig Sex bekommt – das wissen die Götter.

In sehr vielen Fällen allerdings – und damit komme ich wieder auf obigen Inhalt zurück – ist unsere Eifersucht schlichtweg einfach nur ein hässliches graues Gespenst, das sich in unserem Nacken festgeklammert hat, weil es in früher Jugend Eltern, Betreuer, erste Freunde oder gemeine Geschwister dort losgelassen haben und absolut unbegründet.

Ich kann Ihnen nur raten: Erkennen Sie, was Sie sich wert sind. Erkennen Sie, dass Sie eine ganz besondere Frau sind, eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Von Ihnen gibt es auf der ganzen Welt nur genau ein einziges Exemplar. Jeder, der Sie betrügt, hat ohnehin einen Dachschaden und weiß nicht, was gut für ihn ist. Finden Sie nicht auch?

Erkennen Sie, dass Sie, ob Über- oder Untergewicht, ob Brille oder Überbiss, ob wenig Haare oder zu viele an den falschen Stellen – als Gesamtpaket durchaus etwas wert sind, dass Sie stolz auf sich sein dürfen. Sie haben es nicht nötig, sich mit anderen Frauen zu messen, denken Sie immer daran. Das hier ist kein Wettbewerb. Es geht um Ihre Seele. Da macht man keine Witze. Oder veranstaltet Wettbewerbe.

Solch extremen Fällen wie meiner Freundin Marianne (es ist übrigens eine wahre Geschichte) empfehle ich einen guten Therapeuten. Aber oft reicht schon die allerbeste Freundin, die einem die Seele wieder zurechtrückt. Manchmal sogar ein Spiegel. Schauen Sie genau hin: Das sind Sie. Ist doch top, oder?

Wir Frauen neigen nämlich dazu, uns anders zu sehen, als wir sind – bis auf meine Freundin Susi mit ihrem Zauberspiegel, der ihr täglich sagt, dass Sie das Tollste seit der Erfindung des Toilettenpapiers ist. Sie leiht ihn mir aber leider nicht. Ich habe selbst leider einen gemeinen Spiegel, der die Pölsterchen hervortreten lässt und aus meinem Hintern eine Landebahn für eine Boeing macht,  obwohl andere zu mir sagen: „Du bist so schlank.“

Mein Spiegel behauptet dann immer: „Die lügen doch alle, du dumme Nuss.“ Ich sag ja, er ist fies.

Sehen Sie sich selbst, wie Sie sind: toll ganz einfach. Und wer was anderes behauptet, der lügt. Oder rufen Sie meine Freundin Susi an. Der ist noch nie ein Mann blöd gekommen, und so was wie Eifersucht kennt die gar nicht. Weil sie das Selbstbewusstsein von Gwyneth Paltrow hat. Und das Aussehen von… vielleicht Roseanne.  Es kommt immer auf den Blickwinkel an, wissen Sie.

Es hängt von Ihnen ab, ob Sie sich plagen. Denken Sie beim nächsten Mal dran, ehe Sie versuchen, ein Haar auf der Jacke zu finden.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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