Autor Frauenboulevard - Oktober 6, 2018
Gastbeitrag

Mobbing – (m)ein Erfahrungsbericht

Ein Gastbeitrag von Dorothea zum Thema Mobbing.

Eine der wohl schlimmsten Erfahrungen, die Frauen in ihrem Berufsleben machen, ist Mobbing.

Die häufige Hilflosigkeit darüber und auch der Frust spiegeln sich beispielsweise in diversen Internet-Foren und -Artikeln wider, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Auf welche Art und Weise Frauen Mobbing erleben, ist total unterschiedlich und auch, wie sie damit umgehen.

Ich möchte hier meine eigene Mobbing-Geschichte erzählen – so wie sie mir widerfahren ist.

Es ist schon einige Jahre her. Ich arbeitete damals bei einem renommierten Unternehmen, das jedoch nach einigen Jahren seine Filiale in der Stadt, in der ich damals lebte und arbeitete, schloss. Ich war gezwungen, mir einen neuen Job zu suchen.

Als ausgebildete Marketingfachfrau war das nicht einmal schwer, ja – ich hatte sogar ein wirklich gutes Angebot.

Allerdings traf ich durch einen Zufall auf einen kreativen Mann, der ein riesiges Kulturprojekt plante und marketingmäßig jemanden brauchte. Er wollte unbedingt, dass ich bei ihm anfange. Das Ganze klang verlockend und so ganz anders als der eher trockene Bürojob, der mich definitiv bei dem anderen Angebot erwartete und so sagte ich zu.

Keine drei Tage später war ich bei dem Kreativen vor Ort – und fand erst einmal das totale Chaos vor. Er plante eine absolut außergewöhnliche Kunstinstallation, die sich schon weit über die Grenzen unserer Stadt herumgesprochen hatte und somit streiften auch immer wieder Medienvertreter auf dem Gelände herum.

Ich sollte vielleicht noch dazu sagen, dass die Eröffnung seiner Installation nur fünf Tage nach meinem Antritt geplant war, deshalb auch das Chaos. Wie es eben bei Künstlern so ist…!

Dennoch blieben alle irgendwie cool und jeder verrichtete sein Werk. Ich wurde für Medienarbeit und Marketing abgestellt und begann vom Fleck weg mit meiner Arbeit, die mir von der ersten Minute an riesigen Spaß machte.

Wenige Tage später wurde die Installation mit einem Riesen-Brimborium und unzähligen Lokal-Prominenten in unserer Stadt eröffnet. Das Medienecho war riesig und überaus positiv. Kurz darauf war das kreative Gesamtkunstwerk für die Öffentlichkeit zugänglich. Es schlug absolut ein – die Leute waren begeistert. Da allerdings noch immer keine richtige Struktur in den Bereichen, die nun zu betreuen waren (Event, Ausstellung, Führungen, Reisegruppen), zu verzeichnen war, bat mich mein Chef, der besagte Künstler, dies in die Hand zu nehmen und auch Leute einzustellen.

Er gab mir freie Hand und ich begann damit, jeweils ein Team für die verschiedenen Bereiche, die es abzudecken galt, ein- und zusammenzustellen.

Parallel begleitete ich meinen Chef zu diversen Medienterminen, darunter große Sender, bei denen er in bekannten Talk-Shows auftrat.

Es brachte es mit sich, dass ich bei solchen Auftritten als seine berufliche Begleitung stets einen Platz in der ersten Reihe zur Verfügung gestellt bekam. Das wäre an und für sich keine Information wert, ich erwähne es aber, weil es eine Rolle bei dem Mobbing, das mir noch widerfahren sollte, spielt.

Tja – und das Mobbing: es kam schneller, als ich gucken konnte und zwar in Form einer neuen Mitarbeiterin. Aber nicht irgendeiner! Die Geliebte des Chefs persönlich wurde eines Tages in der Firma angestellt. Dass sie tatsächlich die Geliebte von ihm war, war nicht nur bekannt, sondern man bekam es im täglichen Arbeits-Miteinander auch mit.

Auch sie selbst machte keinen Hehl daraus. Der Künstler selbst lebte getrennt von seiner Partnerin, aber so oder so war es ja sein Leben.

Nun gut.

Die Frau bekam also einen Job in dem mittlerweile sehr gut laufendem Kulturbetrieb (die Kunstinstallation hat zwischenzeitlich viele tausende Besucher am Tag!).

Man druckte ihr eine Visitenkarte und schrieb „Account Managerin“ darauf, warum auch immer. Ich selbst hatte erst einmal nicht wirklich viel mit ihr zu tun, zumal ihr Büro am anderen Ende des Ganges lag.

Das änderte sich allerdings rasch. Eines Tages, an dessen Abend für den Künstler wieder einmal ein Auftritt in einer bekannten Sendung auf dem Plan stand, zu der ich ihn begleiten sollte (ich hatte Wochen zuvor immer wieder Kontakt mit dem Redaktionsteam des Fernsehsenders gehabt und ihn schlussendlich tatsächlich in die Sendung bekommen), rief mich diese besagte Frau – nennen wir sie hier Verena – von ihrem Büro aus in meinem Büro an.

„Du, Dorothea, Du kannst Dir heute Abend frei nehmen, in die Sendung gehe ich mit ihm“ tönte es aus dem Hörer.

„Ach so, ja – wie das?“ fragte ich. „Weil ich halt mit ihm gehe“ war die kurze Antwort – dann legte sie auf.

Ich war natürlich verunsichert. Als ich später am Tag meinen Chef an meinem Büro vorbeigehen sah, folgte ich ihm kurz und fragte ihn, ob es tatsächlich so sei, dass sie ihn begleitet. Er nickte zerstreut.

Nun, okay – ich wusste Bescheid. Irgendwie schwante mir da schon was, obgleich ich das freilich nicht einordnen konnte.

Aber gut, ich bereitete mich meinerseits auf einen netten Feierabend mit meinem Partner vor, denn den gab es in meinem Job selten. Meist kamen wir – als das Team des Künstlers – nicht vor zehn abends heim, konnten aber am nächsten Morgen kommen, wann wir wollten. Ein wenige Laissez-faire…wie bei vielen Künstlern halt üblich.

Allerdings: am nächsten Morgen erwartete mich eine weitere Überraschung. Keine gute.

Meine Sekretärin, die ich zu diesem Zeitpunkt schon geraume Zeit hatte, setzte mich in Kenntnis, dass sie ab sofort für Verena arbeiten sollte. Und dass Verena sich auch ab sofort um das Buchungsgeschäft mit den Reiseveranstaltern – ein Zweig, den ich mühsam aufgebaut hatte – kümmern würde.

Anweisung von selbiger…Ich konnte es nicht fassen und stürmte zu Verena ins Büro.

„Wieso arbeitet Frau Müller ab jetzt für Dich?“ fragte ich sie. „Und wieso willst Du jetzt die Reisebusse übernehmen?“ schob ich nach.

Verena saß im Sessel ihrer Büro-Sitzgruppe, rauchte und lächelte maliziös. „Ach, weißt Du, Doro, Du solltest langsam ein wenig entlastet werden!“ sagte sie scheinheilig.

Ich eilte zurück in meine Büro und versuchte mich zu fassen, zu sammeln. An Mobbing dachte ich in diesem Moment nicht. Noch nicht. Statt dessen überstand ich den Tag irgendwie und ging abends fix und fertig nach Hause. Ich bemerkte einmal mehr, dass ich Magen- und Darmprobleme hatte – wie auch in den letzten Wochen schon.

Ich rief meine Freundin Katrin an und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. Katrin hörte mir lange zu, während sie dabei einen Apfel aß.

Als ich geendet hatte, sagte sie nur vier Worte: „Du – das ist Mobbing“.

Mobbing? Ich war verstört, weil ich bis dato mit diesem Phänomen überhaupt keine Erfahrung hatte (wer will die auch schon?).

Ich ließ Katrins Fazit an diesem Abend sacken und machte mich am nächsten Vormittag wie gewohnt zur Arbeit, mit einem leichten Magendrücken.

Verena kam in mein Büro, kaum das ich den Computer hochgefahren hatte. „Hier – schau mal: heute Morgen stand ein Reisebus schon um 9.00 Uhr vor der Ausstellung, die meinten, die hätten die Info von Dir!“

Ich schaute auf den Wisch, den sie mir auf den Schreibtisch klatschte und verstand überhaupt nichts.

Klar, die gesamten Buchungen liefen bei mir und meinem Team zusammen, aber warum sollte ich einer Reisegruppe die Auskunft geben, dass sie schon um 9.00 Uhr reinkann? Die Ausstellung öffnete um 10.00 Uhr.

Ich verstand es nicht.

Da Verena den Zettel auch blitzschnell wieder wegnahm, konnte ich mir die Aufzeichnungen, die er enthielt, nicht anschauen.

Ich registrierte noch, dass meine Sekretärin, Frau Müller, die im Vorzimmer saß, zu dem die Türe meines Büros geöffnet war, betreten ins Nichts starrte – offenbar war ihr die Szene peinlich.

Der Spuk war aber genau so schnell vorbei, wie er gekommen war, denn Verena funkelte noch einmal wütend mit ihren Augen, machte dann auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro. Ich war wie benommen und fuhr wie in Trance meinen Rechner hoch, um nachvollziehen zu können, worauf die Panne beruhte.

Hier lauerte allerdings die nächste Überraschung: in meinem Computer war nichts mehr, wie es war. Es fehlten Dateien und auf dem Desktop herrschte das reinste Chaos.

Ich war mir sofort sicher, dass hier Verena ihre Hände im Spiel hatte.

Immerhin hatte ich kein Passwort zu dem Rechner, das hat damals, in der Eile und Hektik zu Beginn des Kunstprojektes, eigentlich keiner gemacht – wir sind immer untereinander auch an die Rechner der Kollegen gekommen.

Nun ja, ich war bedient.

Ich schützte noch einen Auswärts-Termin vor und fuhr nach Hause, unter größten Magen- und Darmbeschwerden. Ich muss dazu sagen, dass sich Ärger bei mir immer auf diese Organe legt.

Als ich im Abend erneut meiner Freundin Katrin von den Geschehnissen im Büro berichtete, bekräftige diese ihren Verdacht und deklarierte das Treiben als Mobbing. Das sah auch mein Partner so, der das natürlich mitbekam und mit dem ich ebenso darüber sprach.

„Klar – das ist Mobbing – such Dir was anderes, Du kommst gegen niemanden an, der mit dem Chef ins Bett geht“ sagte er zu mir.

Apropos Chef. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag mit dem Künstler höchstpersönlich zu sprechen.

Am nächsten Morgen wählte ich seine Nummer, noch bevor ich ins Büro fuhr und erreichte ihn sofort. Ich schilderte ihm die Geschehnisse und sagte ihm klipp und klar, dass ich mich als Opfer von Mobbing sah.

Er hörte mir zu, aber was er letzten Endes zu dem Ganzen sagte, ließ mich mut- und hoffnungslos werden. Denn er meinte nur kurz und knapp: „Macht das unter euch aus“. Dann entschuldigte er sich, dass er gleich einen wichtigen Termin hätte und legte auf.

Ich war fassungslos.

Dennoch zwang ich mich, meinen Arbeitstag zu beginnen und fuhr ins Büro. Heute sollte ein Treffen mit bekannten Veranstaltungs-Managern unserer Stadt stattfinden, die in unserer Ausstellung einen Event durchführen wollten. Auch die Vertreter des Sponsoring-Unternehmens, die mit involviert waren, hatten sich angekündigt.

Ich muss dazu sagen, dass es bei diesem Projekt mittlerweile normal war, dass Unternehmen das Umfeld der Kunstinstallation als Event-Location buchten. Auch darum kümmerte ich mich und bis Verena mitmischte, verlief auch alles reibungslos. Zudem: bei jedem Event verdiente der Künstler mit einer Miete, die er verlangte, Geld. Und da ich in der Szene gut vernetzt war, kamen viele meiner Kontakte, um die Location gegen Gebühr zu mieten.

So war es auch diesmal. Die Leute, die sich angekündigt hatten, waren einige Tage zuvor schon mit mir über das Ausstellungsgelände gegangen und wir hatten alle Details in Sachen der geplanten Veranstaltung besprochen.

Heute sollten die Verträge dazu unterzeichnet werden, ich hatte alles vorbereitet.

Als alle Beteiligten gegen 12.00 Uhr eingetroffen waren, traf ich mich mit ihnen – wie bis dato immer – in unserem Konferenzraum.

Es dauerte keine zehn Minuten und Verena – die mit diesem Metier gar nichts zu tun hatte – betrat den Raum. „Also mit dieser Veranstaltung, das wird nichts“ schleuderte sie den Managern, die verblüfft auf Verena schauten, entgegen.

„Sie hat sich da vermacht, wir haben an diesem Tag schon die Firma XY als Buchung drinstehen“ ließ sie sich vernehmen und deutete gleichzeitig auf mich.

Ich wusste nicht, wie mir geschah, als alle Gesichter fragend in meine Richtung starrten.

Wie lange ich da so saß, ohne auch nur ein Wort heraus zu bringen, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass – nach einer gefühlten Ewigkeit – ein herrisches „So, meine Herren, ich bedanke mich trotzdem, dass sie da waren“ von Verena ertönte und die Männer sich erhoben.

Irgendwann (so ganz bekomme ich das bis heute nicht zusammen…) stand ich wieder in meinem Büro, doch das bizarre Schauspiel hatte noch kein Ende, denn auch hier tauchte Verena auf. „Du bist gefeuert“ ließ sie mich wissen.

Wie ein Roboter packte ich meine Bürosachen zusammen, mir war endgültig klar, dass hier ein fieses Mobbing gegen mich lief.

Ich fuhr nach Hause und erhielt schon am nächsten Tag meine Kündigung per Post. Verena hatte ganze Arbeit geleistet. Als Grund wurde angegeben, dass ich meine Arbeit nicht zufriedenstellend ausgeführt habe, doch das war ja vorhersehbar.

Ehe ich es mich versah, war ich also zum Mobbing-Opfer geworden – so richtig fassen konnte ich das alles noch nicht.

Nun – der Rest meiner Geschichte ist schnell erzählt: ich ging zu einem Anwalt, berichtete ihm, dass ich Mobbing erlebt hatte und klagte gegen die Kündigung, so wie sie war. Natürlich wollte ich dorthin nicht zurück, aber es ging noch um -zig andere Sachen. Arbeitszeugnis, Urlaubsgeld & Co.

Ich startete in diesem Zusammenhang auch noch mal einen Versuch, mit meinem Chef zu sprechen und die Lage zu (er)klären. Es war mir nicht möglich. Er hielt zu Verena, Mobbing hin, Mobbing her.

Aber: am Ende stand ich das Ganze durch und es wurde seitens des Gerichtes auch in meinem Sinne geurteilt.

Allerdings dauerte es eine Weile, bis ich wieder soweit war, mich beruflich neu aufzustellen. Heute bin ich schon über 15 Jahre selbstständig und habe seitdem nie wieder Mobbing erlebt. Das Kunstprojekt indes, bei dem sich dies alles zutrug und ich tatsächlich zum Mobbing-Opfer wurde, gibt es noch heute, es ist eines der bekanntesten in Deutschland.

Verena arbeitet schon lange nicht mehr dort. Ich habe sie ein einziges Mal gegoogelt und fand sie in einem ganz anderen beruflichen Umfeld wieder.

Allerdings blieb es bei dieser einmaligen Nachforschung. Ich möchte mit diesen Leuten nie wieder etwas zu tun haben und bin froh, dass Mobbing in meinem Leben nie wieder ein Thema war! Bis heute nicht. Und ich gehe davon aus, dass das so bleibt!

Hilfe bei Mobbing gibt es – unter anderem – hier.

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Autor: Frauenboulevard

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