Sonntag, 14. Juli, 2024

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Landleben: Zwei Generationen & ein Gassi-Tandem – Kolumne aus der Chefredaktion

Seit vielen Jahren gehört zur Szenerie vor meinem Bürofenster ein älteres Ehepaar, das Morgen für Morgen seine Runde mit dem Hund durchs Dorf läuft. Auf dem Weg, der von den Rentnern zu jeder Jahreszeit kurz vor sieben begonnen wird, trifft es manch anderen Hundebesitzer beim Gassi gehen oder auch Schulkinder, die die örtliche Haltestelle für den Schulbus ansteuern. Stets haben die beiden Senioren ein nettes Wort für jene, die ihren Weg kreuzen, auf den Lippen. Landleben eben…

Der Plausch zwischen den Generationen gehört zum Landleben dazu

Bringe ich selbst mein Kind hin und wieder zum Bus, wechsle auch ich ein paar Worte mit ihnen. Zumeist sind es belanglose Themen, es wird über das Wetter geredet oder wie es dem Nachwuchs gerade in der Schule ergeht.

Ist etwas Gravierendes passiert – im Land oder im Dorf – ist auch das schnell mal ein Thema, was zwischen Bushaltestelle und Hundeleine aufs Tapet kommt. Allerdings werden kaum mehr als fünf Sätze gewechselt. Diese Begegnungen leben von der Flüchtigkeit, die uns einerseits in unserer Funktion als Teil der Dorfgemeinschaft bestätigen und andererseits signalisieren, dass der kurze Plausch gern unverbindlich bleiben darf. “Guten Tag und guten Weg” reicht aus, ein näheres zueinander rücken muss für den Moment gar nicht sein.

Aber zurück zum Thema, denn es soll sich um das Gassi gehen drehen. Wie erwähnt: Die beiden Senioren laufen allmorgendlich, solange ich hier auf dem Land leben, mit ihrem Hund durch das Dorf. Weg von der Häuseransammlung, hin zu Wäldern, Feldern und Wiesen.

Eines Tages ist irgendetwas anders

Doch eines Tages ist irgendetwas anders. Ich sehe es sofort, als ich die beiden draußen vor dem Bürofenster vorbeigehen sehe. Sie laufen allein – ihr Hund fehlt. Schnell ist klar: Das Tier ist verstorben, es war schon alt. In der darauffolgenden Zeit sehe ich das Paar immer wieder – beide allein. Es wirkt seltsam, da ihr Hund irgendwie fast wie ein Markenzeichen war. Das Ehepaar selbst wirkt auch etwas verloren, aber vielleicht ist das nur mein Eindruck.

Viele Monate später schaffen sich mein Nachbar und seine Frau einen Hund an. Irgendwann ist auch die Nachbarsfrau Teil meiner Szenerie vor dem Bürofenster und ich sehe sie mindestens zweimal am Tag mit dem Hund vorbei spazieren. Doch die Nachbarin ist zu diesem Zeitpunkt frisch gebackene Mutter und in Elternzeit. Irgendwann muss auch sie wieder dem Ruf des schnöden Broterwerbs folgen und ist – ebenso wie ihr Mann – ganztägig aus dem Haus. Für ihren Hund, der bis dato seine mehrmaligen Runden am Vormittag und in der Mittagszeit gewohnt war, scheint die Situation nicht so gut zu sein.

Ein trauriger Hund

Ich höre ihn tagsüber – wenn seine Familie auf Arbeit respektive in der Kita ist – laut heulen, fast wolfsähnlich. Er wirkt traurig, obwohl er mit Vorgarten und großem Garten hinter dem Haus genug Auslauf und schon am Morgen mit seinem Herrchen eine Runde absolviert hat.

Da ich zu den Nachbarn ein gutes Verhältnis habe, kommt irgendwann das Gespräch auf den Hund und sein Alleinsein tagsüber. Durch die Berufstätigkeit von Herrchen und Frauchen ist aber nicht wirklich eine Lösung in Sicht. Ich selbst habe leider tagsüber auch keine zeitlichen Kapazitäten für ein Gassigehen und so bleibt zunächst alles, wie es ist.

Bis ich dieser Tage wieder das alte Pärchen vor meinem Fenster sehe – mit Hund! Und es ist kein geringerer als der Hund meiner Nachbarn! Ich schmunzle, denn offenbar hat sich hier gefügt, was gut zusammenpasst.

Hilfsbereitschaft auf dem Dorf – so muss es sein!

Und tatsächlich: Als ich die beiden Senioren heute morgen traf und sich der übliche Small-Talk entspann, berichteten sie mir, dass sie den Hund der Nachbarn tagsüber ausführen, da sie ja Zeit und ein Herz für Hunde haben. Selbst wollen sie sich nach eigener Aussage in ihrem Alter kein Tier mehr anschaffen – eine weise Entscheidung, bei der das Tierwohl definitiv adäquat bedacht wurde!

Und so sind alle zufrieden mit diesem tierischen Gassi-Tandem. Tja: Landleben, wie es sein soll – über Generationengrenzen hinweg!

Bild (Symbolfoto): stock.adobe.com / Sabine Schönfeld
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