Es gibt Verluste, die sich nicht mit den üblichen Worten beschreiben lassen. Wenn beide Eltern verstorben sind, endet für viele Menschen nicht nur ein wichtiger Lebensabschnitt. Oft verschwindet auch etwas, das vorher selbstverständlich schien: das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, einen Anker zu haben. Oder anders ausgedrückt: Die Angehörigen, die eine Art Heimat waren, die zum eigenen Leben fest dazugehörten, gibt es nicht mehr.
Viele Erwachsene berichten nach dem Tod ihrer Eltern von einer tiefen Entwurzelung und Heimatlosigkeit. Selbst Menschen mit Partner, Kindern, guten Freunden und einem erfüllten Berufsleben beschreiben, wenn beide Eltern verstorben sind, eine Leere, die sie zuvor nicht kannten. Es ist dann aber nicht allein die Trauer um zwei geliebte Menschen, es ist das Gefühl, den eigenen Ursprung verloren zu haben. Es stellt sich vor allem dann ein, wenn ein Elternteil schon verstorben ist und irgendwann der nächste Elternteil folgt.
Wenn beide Eltern verstorben sind, gehen die letzten Zeugen der eigenen Kindheit
Eltern sind häufig die einzigen Menschen, die das gesamte Leben eines Menschen begleitet haben. Sie kennen die Geschichten aus der Kindheit, erinnern sich an die ersten Schultage, an Familienurlaube, an Krisen und Erfolge. Sie wissen zudem Dinge, die sonst niemand weiß. Sterben beide Eltern, verlieren viele Erwachsene deshalb nicht nur vertraute Bezugspersonen. Sie verlieren zugleich die letzten Zeugen ihrer eigenen Geschichte.
Psychologen beschreiben Eltern häufig als biografische Anker. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart und vermitteln ein Gefühl von Kontinuität. Fällt dieser Anker weg, kann das zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit oder/und Entwurzelung führen.
„Ich fühle mich, als würde ich treiben“
Wer internationale Trauerforen liest, stößt immer wieder auf ähnliche Beschreibungen zum Thema „Eltern verstorben“. So schreibt eine Nutzerin in einem digitalen Forum folgendes:
„(…)Meine Eltern waren meine Wurzeln. Ohne sie fühle ich mich, als würde ich treiben.(…)“
Eine andere Betroffene formulierte:
„(…))Es gibt niemanden mehr von dort, wo ich herkomme.(…)“
Und eine dritte beschreibt das leere Gefühl der Entwurzelung so:
„(…)Ich fühle mich, als hätte ich keinen Anker mehr.(…)“
Die Formulierungen unterscheiden sich, doch die dahinterliegende Erfahrung ähnelt sich stark. Viele Menschen sprechen in den erwähnten Situationen von einem Verlust von Heimat, obwohl sie noch immer am selben Ort leben. Allerdings: Nicht die Adresse hat sich verändert, sondern das Gefühl, im vertrauten Kreis verwurzelt zu sein.
Wenn niemand mehr da ist
Besonders belastend ist ein solcher Lebenseinschnitt für Menschen, die keine Geschwister haben oder deren Familienkreis bereits zuvor sehr klein war. In englischsprachigen Ländern hat sich dafür sogar ein eigener Begriff etabliert: „Adult Orphans“ – erwachsene Waisen.
Gemeint sind Menschen, die ihre Eltern verloren haben und keine weiteren Angehörigen mehr besitzen. Einzelkinder zum Beispiel. Viele berichten, dass sie sich in bestimmten Lebenssituationen besonders allein fühlen. Bei Hochzeiten, Geburtstagen, Weihnachtsfeiern oder in persönlichen Krisen wird ihnen bewusst, dass niemand mehr da ist, den sie anrufen können. Sind beide Eltern verstorben, tut das Gefühl, niemandes Tochter oder Sohn mehr zu sein, sehr weh.
Einsamkeit trotz Familie und Freunden
Interessanterweise betrifft dieses Gefühl nicht nur Singles. Auch Menschen mit einem Partner (und Kindern) beschreiben häufig eine Form von Einsamkeit, die schwer zu erklären ist. Denn Eltern erfüllen eine besondere Rolle, ein ganzes Leben lang. Freunde indes können zuhören, Partner unterstützen, Kinder können Nähe schenken. Doch niemand kann die gemeinsame Geschichte ersetzen. Hier dürfte es auch keine großen Unterschiede zu Blutsverwandten und Eltern, die Adoptiv- oder Pflegeeltern waren, geben. Wer als Kind Mama und Papa oder nur Mama oder nur Papa hatte, wird diese Menschen, wenn sie verstorben sind, immer vermissen. Ganz gleich, ob es leibliche Eltern waren oder nicht. Natürlich immer vorausgesetzt, derjenige hatte eine schöne Kindheit.
Viele Betroffene empfinden Trauer, Einsamkeitsgefühle, Heimatlosigkeit und Entwurzelung in einem negativen „Mix“ und fühlen sich missverstanden, wenn ihr Umfeld nach einigen Monaten oder auch Jahren nach einem Verlust, davon ausgeht, dass alles überwunden ist.
Eltern verstorben: Warum das Gefühl der Entwurzelung viele Menschen haben
Für viele aber beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Verlust erst dann, wenn der Alltag zurückkehrt. Das kann nach vielen Wochen, aber vielleicht auch erst nach Jahren sein. Im Laufe der Zeit müssen oder sollten Betroffene lernen, mit ihm zu leben. Ansonsten versinkt man ganz schnell in depressiven Phasen oder gar in einer ernsthaften Depression.
Wer beide Eltern verloren hat, braucht allerdings auch mehr als gut gemeinte Ratschläge.
Hilfreich können konkrete Schritte sein:
Die eigene Geschichte bewahren
Fotos, Briefe, Erinnerungsstücke oder aufgeschriebene Familiengeschichten helfen vielen Menschen dabei, ihre Wurzeln sichtbar zu halten. Nicht um in der Vergangenheit zu leben, sondern um die eigene Herkunft bewusst zu bewahren. Schnappschüsse oder Porträtfotos der Eltern sollten deshalb nicht in Schubladen verschwinden, sondern adäquat – zum Beispiel schön gerahmt auf der Kommode oder im Regal – aufgestellt werden. So hat man trotz allem das Gefühl, dass die verstorbenen Eltern nicht ganz weg sind.
Beziehungen aktiv pflegen, Rituale entwickeln
Nach dem Verlust der Eltern gewinnen andere Beziehungen an Bedeutung. Freunde, Nachbarn, Kollegen oder langjährige Wegbegleiter können zu einem wichtigen sozialen Netz werden. Viele Betroffene berichten zudem, dass feste Rituale Halt geben.
Ein Spaziergang am Geburtstag der Eltern, ein gemeinsames Essen mit Freunden oder ein regelmäßiger Besuch an einem besonderen Ort können Orientierung schaffen.
Mit Menschen sprechen, die Ähnliches erlebt haben
Wenn das ohnmächtige Gefühl der Heimatlosigkeit oder die Trauer darüber, dass die Eltern verstorben sind, überhand nehmen, können Online-Foren, in denen andere, denen es genau so geht, über ihre Gefühle schreiben, eine wertvolle Unterstützung sein. Oft tut schon das Lesen in diesen Foren gut, wer mag, klinkt sich mit Beiträgen ein und kommt so rasch in den Austausch mit anderen.
(Seelische) Heimat kann neu entstehen – auch wenn die Eltern längst verstorben sind
Wer beide Eltern verliert, verliert einen Teil seiner bisherigen Lebenswelt. Doch viele Betroffene berichten auch von einer Erkenntnis, die erst mit den Jahren wächst: Heimat entsteht nicht nur durch Herkunft. Sie entsteht auch – als eine Art seelische Heimat – durch (neue) Menschen, Beziehungen, Erinnerungen und Orte, die im Laufe des Lebens an Bedeutung gewinnen.
Die Eltern bleiben freilich immer Teil der eigenen Geschichte. Doch das Gefühl von Zugehörigkeit kann sich neu entwickeln.
Anders als früher.
Aber nicht weniger wertvoll.
Weitere Artikel zum Thema finden Sie bei uns im Magazin unter anderem hier.
Quelle: Reddit-Forum „Grief Support“, Diskussionen zum Thema Verlust beider Eltern.