Vom heimlichen Tagezählen & dem Moment, in dem das Gestalten beginnt. Eine Kolumne von Beate Wiemann (im Bild). Kennen Sie diese Abende? Es ist Dienstag, Sie kommen nach Hause, und eigentlich hatten Sie sich etwas vorgenommen. Die Freundin anrufen, endlich mal wieder Sport, das Buch auf dem Nachttisch. Und dann sitzen Sie auf dem Sofa, schaffen nichts mehr davon und denken nur: noch drei Tage, dann ist Wochenende. Das, was da an Ihrer Energie zieht, hat einen Namen: Frust! Und das ist ein mächtiger Energiekiller.
Kopfrechnen gegen das eigene Leben
Tage zählen ist Kopfrechnen gegen das eigene Leben. Wer zählt, wünscht sich Zeit weg. Und zwar die eigene. Dabei beginnt es ganz unauffällig. Ein Grummeln am Sonntagabend. Die Woche, die sich anfühlt wie ein Berg. Das Rechnen wird zur Gewohnheit, so selbstverständlich, dass es kaum noch auffällt. Dann breitet sich der Frust aus wie Wasser, das sich seinen Weg sucht. Erst nimmt er die Lust, dann die Kraft, dann die Abende. Was früher Freude gemacht hat, fühlt sich plötzlich an wie eine weitere Aufgabe auf der Liste.
Und wer auch diese Signale überhört, bei dem klopft es irgendwann lauter an. Der Rücken. Der Schlaf. Das Immunsystem, das jede Erkältung mitnimmt. Manchmal kommt die Wahrheit eben über die Krankheit durch die Tür, weil sie durch die anderen Türen nicht gehört wurde.
Ein Satz, der Mut braucht
Irgendwann kommt bei fast allen Frauen, die ich begleite, derselbe Satz:
„So wie bisher möchte ich nicht weitermachen.“
Dieser Satz erschrickt viele. Dabei ist er kein Scheitern und keine Schwäche. Er ist das erste ehrliche Hinhören nach langer Zeit. Und er ist ein Anfang.
Manchmal kommt das Leben dem Leben entgegen
Ich kenne Wendepunkte aus meinem Leben. Und ich kenne auch das Hadern davor, das Kleinreden und die sehr gezielte, aktive Ignoranz den eigenen Signalen gegenüber. Mehr als zehn Jahre führte ich mein eigenes Trainingsinstitut. Von außen lief alles: Die Themen waren klar, die Aufträge kamen, ich habe gut verdient. Aber innerlich hatte sich längst etwas eingeschlichen. Zu viel Routine, zu wenig Begeisterung, eine Erschöpfung, die ich mir lange nicht eingestehen wollte. Es war eben bequem. Es passte ja gut.
Doch für einen Menschen wie mich, der sich von Empathie, Ideen und Vielfalt nährt, ist Bequemlichkeit auf Dauer Gift. Den Schritt aus eigener Kraft habe ich damals nicht gemacht. Der Wendepunkt kam mit Ansage der Weltlage: Als Corona kam, brach mein komplettes Auftragsgeschäft innerhalb weniger Tage weg. Plötzlich war der Kalender leer.
Rückblickend war genau das einer der wichtigsten Momente meines Lebens. In dieser erzwungenen Stille wurde mir klar, wofür mein Herz wirklich schlägt: für Menschen, ihre Entwicklung, ihre Potenziale. Manchmal braucht es einen Bruch, damit etwas Neues Platz bekommt. Aber ich wünsche niemandem, auf den Bruch zu warten. Und schon gar nicht darauf, dass der Körper ihn erzwingt.
Es muss nicht gleich die Kündigung sein
Die gute Nachricht: Es muss auch nicht gleich eine Revolution sein. Gute Veränderungen beginnen oft mit kleinen Schritten. Und am Anfang steht meist nur eine ehrliche Frage: Was genau raubt mir die Energie? Und was gibt sie mir zurück?
Manchmal führt die Antwort tatsächlich zu einem Stellenwechsel oder in die Selbstständigkeit. Oft aber auch nicht. Manchmal ist es ein Gespräch, das längst überfällig war. Ein Aufgabenbereich, der sich verändern darf. Eine Idee aus der Schublade, die endlich Raum bekommt, erstmal neben dem Job. Denn hinter dem Frust steckt selten nur die falsche Stelle. Meistens steckt dahinter etwas Übersehenes: ein Bedürfnis, eine Fähigkeit, eine Sehnsucht, die zu lange keine Stimme hatte.
Und genau hier beginnt der eigentliche Schritt: sich selbst wieder wert und wichtig zu nehmen. Denn wer sich selbst etwas wert ist, wartet nicht länger auf bessere Zeiten. Der kümmert sich. Um die eigenen Bedürfnisse, die eigene Energie, das eigene Leben.
Wofür brennen Sie?
Drehen Sie die Frage einmal um. Nicht: Wie halte ich durch bis Freitag? Sondern: Wann kann ich jetzt etwas tun, das mir Energie gibt, statt sie zu nehmen? Genau dort liegt die Spur. Folgen Sie ihr, in kleinen Schritten, in Ihrem Tempo. Sie sind es sich wert. Denn wo das Zählen aufhört, beginnt das Gestalten. Und eines habe ich in all den Jahren gelernt: Wenn Sie für etwas brennen, brennen Sie nicht aus. Also: Was tun Sie heute mit dem, was Sie gerade gelesen haben?
Die Autorin: Beate Wiemann kennt berufliche Neuanfänge aus eigener Erfahrung, ihr Weg führte von der Werbeagentur über die Hotellerie bis zum eigenen Trainingsinstitut und schließlich zu ihrer heutigen Herzensaufgabe: Frauen auf dem Weg von der Ideenträgerin zur Umsetzerin zu begleiten. Zu ihr kommen Frauen, wenn das alte Leben nicht mehr passt: bei Karrierewechseln, Neuanfängen und Herzensprojekten. Unter ihrer Marke Dranbleiben arbeitet sie dafür mit Umsetzungsberatung, Human Design und Methoden aus Coaching und Kreativarbeit. In ihrem Workbook „Dranbleiben – 5 Schlüssel für deine Umsetzungskraft“ hat sie ihre Methode zum Selbstanwenden aufgeschrieben. Ihre Lieblingshaltung, die sie durch alles trägt: Was dein Herz will, will dich auch.
Zum Weitergehen: Der Dienstag, an dem Sie nicht zählen
Wenn Sie beim Lesen gemerkt haben, dass Sie selbst gerade Tage zählen, dann ist vielleicht jetzt der Moment, anders zu rechnen. Im Online-Workshop „Dranbleiben: An dem, was für Sie wirklich zählt“ schauen wir gemeinsam auf Ihre Energieräuber und Energiequellen, auf das, was Sie sich wert sind, und auf Ihren ersten machbaren Schritt.
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