Ein Gastbeitrag von Magnus Rösler über Alltagskonflikte. Wer kennt sie nicht? Die klassischen, wiederkehrenden Mikrodramen des Alltags: Streitgespräche über die richtige Taktik beim Einräumen der Spülmaschine, die Wahl des Filmes zum Fernsehabend, die liegengelassenen Klamotten oder eine vergessene Aufgabe. Solche banalen Alltagsdiskussionen enden nicht selten in einem Beziehungsstreit, bei dem es längst nicht mehr um die eigentliche Sache geht. In meinem Buch skurrile Ehegespräche. Humor und Tragik einer ganz normalen Ehe werfe ich einen schonungslosen, aber sehr humorvollen Blick auf die Kommunikationsdynamiken langjähriger Paare.
Alltagskonflikte – aber mit Humor!
In erster Linie soll das Buch zum Lachen einladen, denn die Dialoge sind zugespitzt und spielen mit Klischees. Sollten Sie sich beim Lesen allerdings dabei ertappt fühlen, in der eigenen Beziehung ähnliche Diskussionen und Alltagskonflikte erlebt zu haben, mag es vielleicht auch tröstlich sein, nicht alleine mit dem Gedanken dazustehen, bisweilen den Partner auf den Mond schießen zu wollen. Anhand der rund vierzig pointierten Alltagsdialogen zwischen zwei namenlosen Protagonisten – einfach „Er“ und „Sie“ genannt – will das Buch auch die klassischen psychologischen Mechanismen offenlegen, an denen viele Partnerschaften im Alltag verlässlich auf die Probe gestellt werden.
Sachebene gegen Beziehungsebene
Das wohl markanteste Muster ist das klassische Duell zwischen rationaler Argumentation und emotionalem Bedürfnis. Häufig zieht sich ein Partner – meistens „Er“ – auf eine vermeintlich objektive Sach- und Logikebene zurück und betrachtet die Situation rein isoliert. Wenn „Sie“ sich zum Beispiel darüber beschwert, dass er beim Essen des Apfels laut schmatzt, kontert er feinsinnig, dass es sich bei geschlossenem Mund rein definitionsgemäß lediglich um „Kaugeräusche“ handeln könne. Diese zur Schau getragene Objektivität signalisiert dem Gegenüber, sich noch nicht klar genug ausgedrückt zu haben. Die Reaktion folgt prompt: Der andere Partner – in diesem Fall „Sie“ – verlässt die Sachebene komplett und verstärkt die Beziehungs- und Appellebene. Die Lautstärke steigt, die Argumente werden emotionaler, bis hin zum Vorwurf „Mich stört einfach ALLES an dir!“
Sie hingegen stellt offen die Beziehungsfrage, als er eines Tages ihren Limettensaft beim Einkaufen vergessen hat: „Früher hast du ihn nie vergessen! Weil du wusstest, dass er mir wichtig war!“ Er betont indessen die Tatsache, dass er den Saft ja nicht deshalb vergessen hat, weil er ihr wichtig war, sondern obwohl.
Aus psychologischer Sicht ist diese Flucht in belehrende Spitzfindigkeiten keine Rettung, sondern eher ein Brandbeschleuniger. Da hilft ihm auch kein erneuter Gang zum Supermarkt, weil sie nun einmal „keinen Saft mag, an den man erst erinnert werden muss.“
Mental Load oder wer leistet eigentlich mehr? Auch hier lauern Alltagskonflikte
Ein weiteres Thema des modernen Beziehungsalltags ist der Streit darüber, wer bei den täglichen Aufgaben die Hauptlast trägt. Im Kapitel „Mental Load“ fordert sie ihn auf, den Rasen zu mähen, weil das ja seine Aufgabe sei. Auf seine Frage, was denn eigentlich ihre exklusive Aufgabe im Haushalt sei, entgegnet sie, sie habe bereits die ganze Woche vorausgeplant. Es kommt zum Schlagabtausch darüber, ob das bloße Nachdenken auf dem Sofa darüber, was der andere alles noch erledigen könnte, bereits als gleichwertige Arbeit gilt.
Hier zeigt sich das Dilemma einer wechselseitigen Blindheit für die Leistung des Partners. Während sie darunter leidet, dass ihr unsichtbarer Organisationsaufwand von ihm nicht als „echte“ Arbeit wahrgenommen wird, übersieht sie im Gegenzug, dass er auch er bereits sehr viel leistet. Auch Dinge, die nicht auf ihrer Liste stehen. Das führt dazu, dass Wünsche nach Entlastung oder Anerkennung direkt in Vorwürfe umschlagen.
Unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung
Ein weiteres Muster liefert der tägliche Streit um die häusliche Ordnung. Während Er nichts Verwerfliches darin sieht, das Nutellaglas und den Margarine auf den Tischläufer des Esstischs abzustellen, weil es ihn nicht stört, ist bereits der reine Anblick für Sie eine Kriegserklärung, Dahinter verbirgt sich nicht nur die Angst vor einem möglichen Fleck, sondern vielmehr die enttäuschende Erkenntnis „Ich habe es uns extra schön gemacht, aber du nimmst es nicht einmal wahr.“
Auch der regelmäßig hochgeklappte Klodeckel oder die unaufgeräumte Socken oder das fortgesetzte Nichtbeachten der Regeln beim Einräumen der Spülmaschine sind verlässliche Steine des Anstoßes, die einen Partner regelmäßig zu der Erkenntnis gelangen, dass der andere Partner fortgesetzt die eigene Nachlässigkeit über die Bedürfnisse des anderen stellt.
Streiten kann auch als Bindeglied wirken
Trotz aller verbalen Gefechte, in denen die Protagonisten eigene Fehler kleinreden, die des Partners dramatisieren und regelmäßig die gesamte Beziehung infrage stellen, hinterlässt das Buch keine bittere Note. Mein absoluter Spoiler lautet: Am Ende raufen sie sich immer wieder zusammen.
Für die Paarpsychologie liefert das Buch skurrile Ehegespräche hoffentlich eine tröstliche Erkenntnis: Diese Alltagskonflikte müssen kein Zeichen einer zerrütteten oder lieblos gewordenen Partnerschaft sein, sondern sind oft vielmehr Ausdruck einer eingespielten, lebendigen und letztlich funktionierenden Kommunikationskultur.
Alltagskonflikte können reinigend wirken
Sie reinigen die Luft, legen eigene Wünsche und Gefühle offen und zeigen, dass man sich – trotz Schmatzen, vergessenem Saft und dem ewigen Kampf um das Rechthaben – immer noch wichtig genug ist, um miteinander im Gespräch zu bleiben.
Ganz nach der Erkenntnis aus Goethes Wahlverwandschaften: „Im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander.“
Buchtipp
skurrile Ehegespräche – Humor und Tragik einer ganz normalen Ehe von Magnus Rösler.
ISBN 9783696781507, Verlag BoD, 158 Seiten, 14,00 Euro
Dreiundvierzig pointierte Alltagsdialoge über Liebe, Missverständnisse und die kleinen Machtkämpfe einer langen Beziehung.
Mehr zum Thema „Alltagskonflikte als Paar“ im Magazin auch hier.