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„Ich bin nicht mehr die Alte“ – Wie Krebs das Selbstbild nach der Therapie verändert

Wenn die Behandlung endet, beginnt oft ein anderes, stilleres Kapitel, das Leben mit der Veränderung – ein Gastbeitrag im Zusammenhang mit Krebs nach der Therapie von Dr. Antje Petershagen.

„Eigentlich müssten Sie doch jetzt glücklich sein.“ Ein Satz, den viele Menschen nach einer Krebserkrankung hören. Die Therapie ist beendet, die Kontrolluntersuchungen sind unauffällig. Von außen wirkt vieles wieder normal. Und trotzdem fühlen sich viele Betroffene innerlich fremd. Denn das Ende einer Therapie bedeutet nicht automatisch die Rückkehr in das alte Leben.

In der Psychoonkologie sprechen wir derzeit immer häufiger über „Survivorship“ – also über das Leben mit und nach einer Krebserkrankung. Der Begriff beschreibt häufig bereits den Zeitraum ab der Diagnose. Es geht also nicht nur um das Überleben nach abgeschlossener Therapie, sondern um die gesamte Lebensphase mit der Erfahrung Krebs – körperlich, emotional, sozial und existenziell. Derzeit leben in Deutschland schätzungsweise mehrere Millionen Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung. Und doch wird viel zu selten darüber gesprochen, was nach der Behandlung bleibt.

Krebs nach der Therapie – ist man noch die Alte?

Survivorship ist so viel mehr als Überleben. In der medizinischen Versorgung ist Nachsorge häufig zeitlich begrenzt und endet – je nach Krebsart – nach einigen Jahren, oft nach fünf bis zehn Jahren. Survivorship als Konzept geht darüber hinaus.

Viele verstehen darunter ein lebenslanges Leben nach einer Krebserkrankung – vorausgesetzt, es tritt kein Rückfall oder ein neuer Tumor auf. Es beschreibt damit nicht nur medizinische Kontrolle, sondern ein Leben mit der Erfahrung Krebs im Hintergrund. Für viele Menschen bedeutet das: Auch wenn die Behandlung längst abgeschlossen ist, bleibt etwas.

Kontrolltermine über Jahre hinweg. Untersuchungen, die Sicherheit geben sollen und gleichzeitig Unsicherheit auslösen können. Denn mit jeder Nachsorgeuntersuchung taucht oft dieselbe Frage wieder auf:

Ist der Krebs wirklich weg? Oder wird man etwas finden? Viele Betroffene beschreiben genau dieses Leben zwischen Dankbarkeit und Angst als eine der größten Herausforderungen nach der Therapie.

Von außen gelten sie häufig als gesund. Innerlich aber endet die Erkrankung für viele nicht mit der letzten Infusion.

Warum sich viele nach Krebs fremd fühlen

Viele Menschen stellen nach einer Erkrankung fest:

„Ich funktioniere wieder, aber ich bin nicht mehr die Alte.“ Krebs verändert nicht nur den Körper. Er verändert oft das gesamte Erleben eines Menschen. Beziehungen verschieben sich, Prioritäten verändern sich, und das Vertrauen in den eigenen Körper ist nicht mehr selbstverständlich.

Manche fühlen sich verletzlicher, erschöpfter oder emotional empfindsamer als früher. Andere erleben eine Distanz zu ihrem bisherigen Leben – als würde ein Teil davon nicht mehr zu ihnen gehören. Besonders herausfordernd ist oft die Reaktion der Umgebung. Das Umfeld erwartet „die Alte“ zurück. Mit dem Ende der Therapie soll alles wieder sein wie früher – Normalität eben.

Doch was ist eigentlich normal nach einer existenziellen Erfahrung? Viele versuchen, möglichst schnell wieder „die Alte“ zu werden. Wieder leistungsfähig, wieder belastbar, wieder die frühere Version von sich selbst. Doch vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe nicht darin, zurückzugehen. Sondern darin, anzuerkennen, dass man sich verändert hat.

In meiner Arbeit erlebe ich häufig, wie groß die Sehnsucht nach dem früheren Ich ist. Gleichzeitig spüren viele Betroffene mit Krebs nach der Therapie, dass sich ihre Wahrnehmung verändert hat. Dass Grenzen klarer geworden sind. Dass Zeit anders gewichtet wird. Dass manches an Bedeutung verliert und anderes plötzlich sehr viel wichtiger wird. Vielleicht berührt mich das Thema Survivorship auch deshalb so sehr, weil ich die Erfahrung einer Krebserkrankung nicht nur aus meiner Arbeit kenne, sondern auch aus meinem eigenen Leben.

Die Anspannung bei Nachsorgeterminen

Ich kenne die Nachsorgetermine. Das Warten auf Ergebnisse. Diese kurzen Momente vor einer Kontrolle, in denen plötzlich wieder alles da ist – die Angst, die Erinnerung, die Frage:

„Was, wenn doch?“

Survivorship endet nicht mit der letzten Therapie. Für viele Menschen beginnt dort erst eine neue Form des Lebens mit der Erfahrung Krebs. Vielleicht liegt Heilung nicht immer darin, wieder die Alte zu werden. Vielleicht liegt sie manchmal darin, sich selbst neu zu begegnen. Und vielleicht sollten wir beginnen, genau darüber offener zu sprechen.

Denn Menschen brauchen nach Krebs nicht nur medizinische Nachsorge. Sie brauchen auch einen Raum, in dem ihre Veränderung verstanden werden darf.

Zur Autorin: Dr. Antje Petershagen, die eine umfangreiche Expertise zum Thema Krebs nach der Therapie vorweisen kann, ist Ärztin, Psychoonkologin, Coachin und Autorin von „Berührungsräume“. Weitere Infos zur Person hier.

Foto: © Helmut Weishäupl

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