Donnerstag, 18. Juli, 2024

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“Wo wir Kinder waren” – Ein Buch als Tribut an die Spielzeugstadt Sonneberg

Das Buch “Wo wir Kinder waren” von Kati Naumann ist eine beeindruckende Erzählung über die Familie Langbein, die über mehrere Generationen hinweg im thüringischen Sonneberg mit der Produktion von Spielzeug erfolgreich war. Mit ihrer poetischen Sprache und einem scharfen Blick für Details nimmt die Autorin, die wir hier bereits mit einem weiteren Roman vorgestellt haben, ihre Leserschaft mit auf die literarische Reise in eine vergangene Welt voller Nostalgie und Melancholie.

Besonders interessant ist Naumanns Beschreibung des Geschäftsalltags der Puppenfabrik Langbein zu DDR-Zeiten. Da viele Leser diese Epoche noch hautnah erlebt haben dürften, soll zuerst auf diese Zeit im Buch “Wo wir Kinder waren” eingegangen werden.

Spielzeug aus Sonneberg hatte von jeher einen guten Ruf

Da ist zunächst der umfassende Einblick in die Produktion der beliebten Puppen und Stofftiere, als sie zu Zeiten des kalten Krieges am Standort Sonneberg hergestellt wurden und die Fantasie der Kinder beflügelten.

Allerdings – was die Kinder in der DDR betraf – nur eingeschränkt.

Denn: Spielzeug aus Sonneberg konnte man damals nur mit sehr viel Glück ergattern, sie waren im Mauerstaat Bückware. Ein Großteil der beliebten Plüschtiere, Holzautos, Puppen oder Bauklötze ging in den Export.

Damals hatte die Spielzeugindustrie in Sonneberg denn auch ihren Höhepunkt erreicht. Dabei stand nicht nur die Menge der produzierten Spielzeuge im Vordergrund, sondern vor allem deren hohe Qualität und die Vielfalt an Materialien und Formen.

Es wurden Kunststoffe, Holz und Metall mit großer Liebe zum Detail und sorgfältiger Handarbeit derartig geschickt miteinander kombiniert, dass die Spielzeuge robust und langlebig waren.

In ihrem Buch lässt Kati Naumann ihre Leserschaft teilhaben am Alltag eines zunächst selbständigen und dann verstaatlichten Spielzeug-Fabrikanten, der seinen Betrieb oftmals nur mit Improvisation und List aufrecht erhalten konnte.

Buch handelt von der Puppenfabrik Langbein

Dabei spielten die Frauen der Familie Langbein, die in jeder Generation in den Geschäftsalltag eingebunden waren, eine große Rolle. Neben der Fokussierung auf den Fabrikalltag taucht der Leser tief in die Familiengeschichte zu Zeiten der DDR ein und bekommt auch einen Einblick, wie sich eine Produktion unter ideologischer Betonköpfigkeit gestaltete.

Trotz der Schwierigkeiten in Form von staatlichen Kontrollen und sozialistischen Vorgaben sorgte seinerzeit die Kombination aus erstklassiger Qualität und einem günstigen Preis  dafür, dass sich insbesondere die Spielzeug-Einkäufer der damaligen BRD in Sonneberg die Türklinke in die Hand gaben. Nach der Wende brach diese Produktion ein, einige der Spielzeughersteller aus Sonneberg wurden auch von ausländischen Unternehmen übernommen.

Das Buch erzählt aus der Gegenwart und wird getragen durch die letzten drei verbliebenen Nachkommen der Familie Langbein: Eva, Iris und Jan. Sie alle haben ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit, als die Langbeins mit ihren Produkten Kinderaugen zum Strahlen brachten. Als sie dazu gezwungen sind, das einstige Familienanwesen leer zu räumen, stoßen sie immer wieder auf Gegenstände oder Erinnerungen, die von der wechselhaften Geschichte der Fabrikantenfamilie erzählen.

Zeitreise in die Anfänge der Spielzeugindustrie Sonneberg

So wird auch auf die Anfänge der Spielzeugindustrie in Sonneberg im 19. Jahrhundert eingegangen. Damals begannen Handwerker in der Region damit, Spielzeuge aus Holz und Papiermaché herzustellen, unter ihnen die Familie Langbein. Das Buch widmet sich dieser Zeit mit der Fokussierung auf die Entbehrungen und den sehr harten Alltag in dieser Epoche. Obwohl historische Ereignisse wie der erste und später der zweite Weltkrieg der Fabrikantenfamilie etliche Tragödien bescheren, wartet die Erzählung auch mit vielen anderen Familienereignissen wie Liebe, Heirat und Geburten im Hause Langbein auf.

Schnell wähnt man sich selbst in der imposant-großbürgerlichen Umgebung der Fabrikantenvilla und ist gefesselt vom jahrzehntelangen Auf und Ab rund um die Unternehmerfamilie in den verschiedenen zeitlichen Abschnitten.

Einmal mehr sorgt der Schreibstil von Kati Naumann für Lesevergnügen pur

“Wo wir Kinder waren” ist somit ein wunderbares Buch, das den Lesern eine nostalgisch-historische Reise in eine vergangene Welt bietet. Kati Naumanns einzigartiger Schreibstil und ihre Liebe zum Detail machen das Buch zu einem unvergesslichen Leseerlebnis. Wer sich für die Geschichte Mitteldeutschlands und die Spielzeugindustrie im Laufe der vergangenen Jahrzehnte interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Es ist erschienen bei Harper Collins und unter anderem hier erhältlich.

Bilder:

Bildschirmfoto Eigenexemplar / Verlag HarperCollins

picture-alliance/ dpa | Stefan Thomas

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