Scheidung: Anwältin benennt die häufigsten Gründe

Fällt Ihnen das auch manchmal auf? Im Freundes-, Bekannten-, oder Kollegenkreis lässt sich ein Paar scheiden, das gerade erst den gemeinsamen Hausbau gestemmt hat. Oder sie hören von einem Pärchen in Ihrem Umfeld, das gar nur wenige Monate, nachdem gemeinsamer Nachwuchs da ist, die Scheidung einreicht.

Bestimmt sind Ihnen solche Fälle auch schon zu Ohren gekommen und bestimmt haben Sie innerlich mit dem Kopf geschüttelt und gefragt, wie das denn sein kann, dass nun ausgerechnet in der jeweiligen Situation an Scheidung gedacht wird?

Dazu ist mir jetzt ein Artikel untergekommen, der zwar schon vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, aber nichts an Aktualität verloren hat. Vor allem, wenn ich mir so mein eigenes persönliches Umfeld anschaue, in dem sich auch viele Paare scheiden lassen.

Anwältin für Scheidung hat Überblick über Gründe der Trennung

In dem erwähnten Artikel kommt – im Rahmen eines Interviews – eine Scheidungsanwältin zu Wort, die ganz klar und ohne Umschweife, die häufigsten Gründe für eine Trennung benennt.

So sagt Helene Klar – so der Name der Anwältin – beispielsweise klipp und klar, dass nach ihren Erfahrungen her das zweite Kind ein ganz häufiger Trennungsgrund ist.

Zitat:

„Der häufigste Scheidungsgrund ist das zweite Kind. Mit einem Kind lässt sich der Status noch aufrechterhalten. Mit dem zweiten Kind tritt der permanente Ausnahmezustand ein. Sicher, selbst Leute, die zehn Jahre verheiratet sind, kriegen das erste Kind, und schwupp, geht die Ehe den Bach runter. Aber selbst wenn man die erste Krise überstanden hat, kommt mit dem zweiten Kind die größere Krise.“

Dass der Nachwuchs relativ häufig ein Grund für die Trennung ist, ist mir – wie oben bereits geschrieben – ja auch in meinem Umfeld schon aufgefallen. Dass häufig mit dem zweiten Kind die große Krise kommt, war mir allerdings neu.

Bei vielen Paaren folgt auf Nachwuchs die Scheidung

Aber interessant sind hierzu auch die weiteren Ausführungen der Scheidungsanwältin – lesen Sie mal:

„Kein Sex am Nachmittag. Kein ungestörtes Essen mehr. Keine Gespräche mehr über Literatur und Theater. Ich habe ja selbst zwei Kinder. Das erste Kind war schwierig und anstrengend. Wenn Besuch kam, hat einer von uns das brüllende Kind herumgetragen, der andere hat die Gäste charmant unterhalten. Als wir zwei Kinder hatten, ist jeder in einem Zimmer verschwunden, und die Gäste haben nicht mehr gewusst, warum sie da sind.“

Nun – das werden wohl alle kennen, die Eltern sind: sind die Kinder (oder das Kind) erst einmal da, treten andere Dinge in den Hintergrund und viele eigene Interessen müssen hintenanstehen oder extrem eingekürzt werden.

Klar, dass man da auch als Paar nach dem Motto „Augen zu und durch“ verfahren und sich nicht an kleinen und großen Unwägbarkeiten aufreiben sollte. Doch freilich ist das meist leichter gesagt als getan, denn der Alltag, den die meisten Paare leben, fordert nun mal alles. Vor allem dann, wenn auch die Frau in Teilzeit oder Vollzeit arbeitet.

Überhaupt die Arbeit! Für Scheidungsanwältin Helene Klaar ist die einer der häufigsten Gründe für eine Scheidung.

Sie sagt:

„Ich bin überzeugt, dass die 40-Stunden-Woche viel dazu beiträgt, dass die Menschen unzufrieden sind. Man kann nicht 40 Stunden arbeiten und daneben einen Haushalt führen und die Kinder unterhalten.“

Und weiter führt sie aus:

„Man ist am Abend müde und geschafft, kocht das Nötigste und lässt die Unordnung Unordnung sein. Wer das nicht aushält, sondern aufräumt und bügelt, ist danach zu müde für Sex. Das ist, als würde man versuchen, einen Tisch mit einem zu kleinen Tischtuch zu bedecken. Irgendwo ist immer eine nackerte Stelle. Also kommt die Frau drauf, der Mann ist schuld, denn er ist zu wenig da und macht nix. Das stimmt ja meistens. Und der Mann findet, die Frau ist nicht mehr für ihn da, sondern kümmert sich nur um die Kinder.“

Mit diesen Worten spricht die Scheidungsanwältin etwas ganz Wichtiges an – nämlich das permanente Aufreiben im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn der Preis dafür, dass Männer und/oder Frauen, ein gutes Gehalt nach Hause bringen, ist hoch – geht doch diese Situation meist zulasten des Haushalts oder/und der gemeinsamen Zeit mit den Kindern.

Arbeit, Haushalt, Kinder – oft zermürben die Verpflichtungen im Alltag

Es stimmt schon: wer stundenlang im Betrieb, im Geschäft oder im Büro gearbeitet oder sich in selbständiger Tätigkeit seinen Kunden gewidmet hat, ist nach Feierabend in der Tat oft kaputt. Aber genau dann fordern Nachwuchs und der mehr oder weniger lästige Haushalt ihren Tribut.

Gut – viele Paare, die sehr gut verdienen, federn zumindest das lästige Problem mit dem Saubermachen ab, indem sie häufig eine Putzfrau engagieren.

Aber trotzdem: diese Lösung zaubert noch lange nicht mehr Zeit für die Kinder und überhaupt die ganze Familie her, das steht natürlich auch fest!

Treten dann noch Partnerschaftsprobleme auf und zerreibt sich ein Paar zwischen Kinder, Haushalt, Job und weiteren lästigen Aufgaben und Verpflichtungen, die der Alltag nun mal so mit sich bringt, ist nicht selten einer der beiden empfänglich für eine andere Person, für einen Flirt, ein Anbändeln oder gar eine Affäre.

Ist das schon schlimm genug, wenn es innerhalb einer Partnerschaft mit Kind und Kegel passiert, wird es meistens noch schlimmer, wenn der Mann oder die Frau sich gefühlsmäßig komplett einer neuen Person zuwendet und beziehungstechnisch etwas Ernstes anfängt.

Scheidung wegen neuem Partner – und häufig diesselbe Alltagssituation

Schlimmer auch deshalb, weil viele dieser Leute, die sich – ganz gleich, ob langsam oder Hals über Kopf – beziehungsmäßig und erotisch jemand anderem zuwenden, häufig der Ansicht sind, dass sich ihr Leben mit diesem Menschen verbessert. Ein Trugschluss, wie sich so oft herausstellt!

Denn: egal, wie aufregend ein Flirt oder auch eine Affäre für den Moment ist, der Alltag macht auch um Turteltauben keinen Bogen. Soll heißen: trennen sich Paare oder reichen die Scheidung ein, weil es eine andere oder einen anderen in ihrem Leben gibt, ist die Vision vom neuen, aufregenden Leben meist nichts anderes als eine Illusion.

Denn wenn der Flirt- oder Affären-Partner irgendwann zu einem festen Bestandteil des eigenen Alltags wird, zeigt sich, dass die Illusion vom „Superpartner“ oder vom „Traumpartner“ lediglich eine Projektionsfläche war. Klar – es kann schon jemand DER Traumpartner oder DIE Traumpartnerin sein – keine Frage, aber eben keine ÜBER-Person in einem stressigen Alltag, zu dem dann vielleicht auch wieder Kinder gehören.

Leider ist es aber eine Tatsache, dass viele gebundene Menschen, die innerhalb ihres Alltags sowohl Partnerschaft als auch Kinder und lästige „Rundum-Verpflichtungen“ stemmen müssen und irgendwie in eine affären-artige Situation geschlittert sind, oft denken, dass das Leben mit dieser neuen Person auf jeden Fall angenehmer ist.

Wahrscheinlich ist diese Einstellung bei vielen Männern und Frauen, die die Scheidung einreichen, weil eine neue Person im Spiel ist, vorhanden.

Nicht umsonst gibt es ja auch das alte Sprichwort von den Kirschen in Nachbars Garten!

Und auch die Fachanwältin für Scheidung, Helene Klaar, benennt diese Tatsache in dem Interview ganz konkret – sie sagt:

„(…)Dann sind beide der Meinung, mit einem anderen Partner ginge es besser. In Wirklichkeit ist es die 40-Stunden-Woche.“

Wahre Worte!

Würden sich mehrere Menschen darauf besinnen und nicht immer gleich an Scheidung denken, wäre die Welt wohl eine bessere. Das soll keinesfalls heißen, dass nicht auch manchmal wirklich nur noch die Scheidung in Frage kommt – ganz und gar nicht!

Aber es ist leider ein Fakt, dass viele Paare (mit Kindern) sich eben auch wegen falscher Illusionen („Das Leben mit der/dem Neuen wird besser“)  trennen.

Anwältin benennt häufige Gründe für Scheidung bei älteren Paaren

Auch nicht ohne sind die Gründe, die oft vorliegen, wenn ältere Paare die Scheidung realisieren. Hier ist es interessant zu erfahren, was die Fachfrau dazu sagt, wenn sich Männer und Frauen trennen, die zuvor dreißig Jahre zusammen waren, nämlich:

„Manchmal verändern sich auch die Männer sehr, wenn sie zu Hause sitzen und sich nicht mehr an ihren Lehrlingen oder im Büro abreagieren können. Dann kriegen die Frauen das ab, was vorher die Kollegen abgekriegt haben. Oder die Männer sind mit ihren Frauen plötzlich unzufrieden, weil sie ganz andere Lebensgewohnheiten und Interessen entwickelt haben, während sie neben ihnen herlebten.“

Das kommt sicher mancher Frau bekannt vor…!

Falls sich jetzt vielleicht jemand daran stößt, dass die Anwältin eher die Frauen als die Leidtragenden darstellt, nun – auch hier hat Frau Klaar ihre Erfahrungen. Sie sagt in diesem Zusammenhang:

„(…)Ich kann Ihnen tausend Beispiele nennen. Die Frau, die gekocht und geputzt und die Kinder betreut und gearbeitet und gespart und sich gefreut hat auf die Zeit, in der sie zusammen die Rente genießen, die dann erfährt, dass er sich in eine andere, jüngere verliebt hat. Eine meiner Klientinnen, die einen guten Job hatte und einen Mann im Rentenalter, schied zum frühestmöglichen Zeitpunkt aus ihrer Firma aus. Ihr Mann hatte sich gewünscht, dass sie auch in Rente geht, wenn er geht. Nachher stellte sich heraus, dass er schon eine andere hatte, als sie kündigte. Er wusste, dass er bei nächster Gelegenheit weg sein würde. Wenn er ihr das gesagt hätte, hätte sie noch fünf Jahre arbeiten können und ihr Aktivgehalt gehabt. Plus: eine höhere Rente. Für Frauen ist die Scheidung meistens ein existenzielles Problem, für einen Mann ein finanzielles.“

Und wo schon der schnöde Mammon zur Sprache kommt, darf natürlich der Hinweis auf den Ehevertrag nicht fehlen, ist er doch bei so mancher Scheidung DER Knackpunkt überhaupt.

Warnung vor Ehevertrag

Leider ist es eine Tatsache, dass in diesem Zusammenhang die Frauen bei einer Scheidung oft den Kürzeren ziehen, zumindest hat Anwältin Klaar das mehr als genug erlebt.

Auf die Frage, ob sie zu Eheverträgen rät, sagt sie folgendes:

„Nein. Denn die schließt man, bevor man heiratet. Der schlechteste Zeitpunkt. Gerade ausgebildete junge Frauen, die ein gutes Einkommen haben, können sich nicht vorstellen, dass sie jemals in ein Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Mann geraten, wie ihre Mütter oder ihre Großmütter. Die unterschreiben stolz, dass sie auf Unterhalt verzichten, denn wenn der Mann sie nicht mehr will, möchten sie nicht von seinem Geld leben und finden es unappetitlich, die Hälfte seines Sparvermögens zu beanspruchen. Nur: Wenn die Frau Kinder kriegt und nicht arbeiten geht, hat sie nichts Erspartes. Und wenn er kontrolliert, was sie kauft, wenn er ihr die Strumpfhosen und den Lippenstift verbietet, merkt sie, was sie da unterzeichnet hat. Die meisten Eheverträge werden auf Wunsch des gut verdienenden Mannes geschlossen und sind Verzichtserklärungen von Frauen.“

Klingt logisch – oder?

Und auch in Sachen Romantik hat die Spezialistin der Scheidung ihre ganz eigene Sichtweise. Eine, bei der ihr das Gesetz Recht gibt, nämlich die:

„Ich sage immer, das Gesetz regelt die Ehe, und da steht von der Liebe kein Wort. Es ist keine Voraussetzung, dass Menschen sich in Liebe verbinden müssen.“

Das ist wohl wahr! Zusammenleben kann man auch ohne Trauschein und das nicht schlecht. Dennoch aber erlebt die Institution Ehe gerade in diesen Zeiten offenbar ein Revival, denn geheiratet wird schon sehr viel. Siehe auch hier – unser Special zu diesem Thema.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“ – Sprichwort trifft zu

Und wer mit wem am besten kann – Stichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“, nun – auch da hat Anwältin Helene Klaas ihre Erfahrungswerte, Zitat:

„Nach dem Gesetz der Trägheit kann man sich nicht das ganze Leben verstellen und mitmachen, was der andere macht, wenn man das eigentlich gar nicht gut findet. Partylöwe–Mauerblümchen, das wirkt zeitweise sehr attraktiv, aber man muss hart dran arbeiten, dass es gut geht. Die Menschen sind hormongesteuert und blicken in Richtung Fortpflanzung. Da gefallen ihnen Dinge am anderen Geschlecht, die ihnen nicht mehr gefallen, wenn die Fortpflanzung abgeschlossen ist.“   

Alles in allem ein überaus interessantes Interview, das Sie hier im Original finden. Es ist am 15. Februar 2016 in der Online-Ausgabe von Süddeutsche Zeitung Magazin erschienen. Klicken Sie mal rein, vor allem dann, wenn Sie sich vielleicht aktuell mit dem Gedanken einer Scheidung tragen – vielleicht bekommen Sie hier ja noch einige Inputs….!

Bildnachweis: pixabay.com

Autor: Anja

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