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Belle Burden – Fremde: Wenn der Ehemann plötzlich verschwindet

New York – Martha’s Vineyard, ein Leben zwischen gesellschaftlichen Verpflichtungen, familiären Traditionen und der Welt der Reichen und Schönen: Belle Burden gehört zu jenen Frauen, deren Lebensumstände auf den ersten Blick beneidenswert erscheinen. Die US-Amerikanerin stammt aus der berühmten Vanderbilt-Familie, ist in privilegierten Kreisen aufgewachsen und führt mit ihrem Mann James und den gemeinsamen Kindern ein Leben, das von außen betrachtet wenig Anlass für Sorgen bietet. Doch dann kommt der März 2020. Ein Tag, der für Belle Burden alles verändert. Und der ihr Leben derartig auf den Kopf stellt, dass sie darüber ein Buch veröffentlicht. Dieses Buch – „Fremde“ – ist zwischenzeitlich auf dem Markt und in ihm erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte, in die der Leser schnell hineinfindet und mit Belle Burden nahezu mitleidet. Darum geht es:

Belle Burden – Fremde: Ein Buch, bei dem man mitleidet

Nach zwanzig Jahren Ehe verlässt ihr Mann sie völlig überraschend. Das kurz zuvor noch vertraute Familienleben muss innerhalb kürzester Zeit der schmerzhaften Realität einer Frau weichen, die plötzlich feststellen muss, dass der Mensch an ihrer Seite ein anderer zu sein scheint, als sie ihn zu kennen glaubte. James hat eine andere Frau. Belle erfährt es vom Partner dieser Dame über eine Nachricht an sie. Mitten an einem ganz normalen Tag, im alltäglichen Familienleben, hört sie erstmalig davon, dass ihr Mann ein Doppelleben führt.

Buch Fremde von Belle BurdenUnd nicht nur das: Er zieht sich – damit konfrontiert – auch aus dem Leben seiner Familie zurück, verlässt Belle und die Kinder von jetzt auf gleich und taucht in die Funkstille ab.

Er meldet sich kaum noch und zeigt wenig Interesse an den gemeinsamen Kindern. Sein Verhalten ist das eines Fremden, der Schock lässt die Familie nahezu erstarren. Belle lebt wie in Trance, hat brüllenden Kummer, ist fassungslos, wähnt sich in einem Albtraum.

Aus dem vertrauten Ehemann und Vater wird ein Fremder

Genau diesen Moment des Verlassenwerdens nimmt Belle Burden in ihrem Buch „Fremde“ in den Mittelpunkt. Dabei erzählt sie nicht einfach die Geschichte einer gescheiterten Ehe. Es geht um eine Erfahrung, die viele Frauen kennen, unabhängig davon, ob sie in New York, auf Martha’s Vineyard oder in einer ganz gewöhnlichen deutschen Kleinstadt leben.

Denn plötzlich verlassen zu werden, ohne eine wirkliche Erklärung zu erhalten, ist eine Erfahrung, die tief erschüttert.

Wenn von einem Tag auf den anderen alles anders ist

Oft endet eine Beziehung nach langen Gesprächen, nach Auseinandersetzungen oder einem schleichenden Prozess, in dem beide längst spüren, dass etwas nicht mehr stimmt.

Oder es passiert – wenn auch seltener – genau das Gegenteil: Der Partner ist von einem Moment auf den anderen weg. Die gemeinsame Zukunft, die man selbstverständlich vor sich gesehen hat, existiert plötzlich nicht mehr. Was bleibt, sind Fragen, auf die man keine Antworten bekommt.

Warum? Seit wann? Was ist passiert? Und wie kann ein Mensch, mit dem man so viele Jahre seines Lebens geteilt hat, plötzlich so handeln?

Belle Burden erlebt genau diese Situation. Ihr Mann verlässt sie nicht nur, sondern entzieht sich zunehmend auch dem Kontakt. Während sie versucht, die Trennung zu verstehen und die Wahrheit hinter dem Verhalten ihres Mannes zu begreifen, muss sie gleichzeitig mit dem Schmerz umgehen, dass auch die vertraute Familienstruktur auseinanderbricht.

Wie ein Fremder nimmt sich der Ehemann und Vater komplett aus der Familie raus

Besonders erschütternd ist dabei der Rückzug des Vaters aus dem Leben der gemeinsamen Kinder.

Denn wenn ein Mann, der Vater ist und eine Familie mit seiner Partnerin gegründet hat, seine Frau verlässt, betrifft das nicht nur zwei Erwachsene, die ihre Beziehung beenden. Es betrifft auch diejenigen, die plötzlich mit einer neuen Wirklichkeit leben müssen, ohne diese selbst gewählt zu haben. Hier liegt eine der emotional stärksten Seiten von Burdens Geschichte, die einen derartig in den Bann zieht, dass man das Buch kaum weglegen kann. Auch als Leser fasst man es nicht, wie ein Mann emotional so grausam handeln kann.

Ghosting, Kontaktabbruch und Funkstille: Wenn der Partner plötzlich schweigt

Doch eine Seltenheit ist das dennoch nicht, obgleich Ghosting, Kontaktabbruch und Funkstille (für das verhasste Phänomen gibt es viele Namen) heutzutage eher im Kosmos von Online-Dating & Co. zu finden sind. Das Internet ist voll davon, unzählige Frauen berichten dort,  dass Männer plötzlich abtauchen. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Telefonate werden vermieden. Erklärungen oder klärende Ansagen gibt es nicht. Doch allermeist geht es um plötzliches Abtauchen in der Kennenlernphase oder nach ein paar Dates.

Dass jemand von jetzt auf gleich in einer langjährigen Partnerschaft oder Ehe geht und direkt abtaucht, ist viel seltener, nimmt aber naturgemäß eine viel tiefere Dimension an. Gemeinsame Jahre, Kinder, ein Zuhause und um ein Leben, das man miteinander aufgebaut hat. Wird dies jäh hinter sich gelassen, kommt das dem Schmerz eines Todesfalls gleich.  

Belle Burden beschreibt, wie ausgerechnet der Mensch, dem sie vertraut hat, ihr plötzlich fremd wird. Sie muss erkennen, dass Nähe und Vertrautheit nicht automatisch bedeuten, einen anderen Menschen wirklich zu kennen. Das ist eine schmerzhafte Erkenntnis. Und sie dürfte vielen Leserinnen bekannt vorkommen.

Wenn der Mensch verschwindet, den man zu kennen glaubte: In „Fremde“ verarbeitet Belle Burden diese Erfahrung

Vielleicht nicht in derselben Größenordnung. Vielleicht ohne Millionenvermögen oder ein Ferienhaus auf Martha’s Vineyard. Aber das Gefühl, von einem Menschen zurückgelassen zu werden, der sich nicht mehr meldet, keine Antworten gibt und scheinbar ohne Rücksicht auf die gemeinsamen Jahre weiterlebt, ist keineswegs auf eine bestimmte gesellschaftliche Schicht beschränkt. Und auch nicht auf eine bestimmte Verbindung. Ghosting, wie man das gemeinhin nennt, betrifft ebenso Freundschaften, zarte Kennenlernphasen oder den Kontakt nach ein paar schönen Dates.

Letzteres ist wahrscheinlich noch am ehesten zu verwinden. Doch Verlassenwerden in Beziehungen tut sehr weh. Besonders dann, wenn nicht nur die Beziehung endet, sondern auch der Mensch verschwindet, den man eigentlich an seiner Seite zu kennen glaubte.

Eine Frau aus der Vanderbilt-Familie muss sich neu finden

Da ändert auch ein gehobener Lebensstandard wie der von Belle Burden nichts. Ihre Herkunft aus der Vanderbilt-Dynastie, die gesellschaftlichen Kreise, in denen sie sich bewegt, und die finanziellen Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, unterscheiden ihre Geschichte zwar von der vieler anderer Frauen. Doch auch in diesen Kreisen gibt es logischerweise keine Garantie für eine glückliche Ehe. Auch dort kann eine Frau erleben, dass ihr Mann sich einer anderen zuwendet, dass vertraute Strukturen zerbrechen und dass sie sich nach einer Trennung plötzlich mit einer völlig neuen Lebenssituation auseinandersetzen muss.

Belle Burden erzählt, wie sie nach dem Schock beginnt, ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Sie sucht nach Antworten, beschäftigt sich mit den Umständen ihrer Ehe und muss erkennen, dass sie ihrem Mann möglicherweise mehr vertraut hat, als es gut für sie war. Sie beschreibt  den gnadenlosen Schmerz über das Gebaren ihres Ehemannes, nach dem Weggang auch keinen direkten Kontakt zu seinen Kindern mehr zu suchen – ein Trauma, das einschneidend wirkt.

Doch Burden muss handeln, ob sie will oder nicht. Aller widrigen Umstände – wie beispielsweise der dezenten Ausgrenzung im noblen Tennisclub und tratschenden Nachbarn und Bekannten – zum Trotz. Schon allein deshalb, weil ihr Noch-Ehemann die Scheidung einreicht und es in diesem Zusammenhang auf die Spitze treibt. Er, der schwerreiche Vater ihrer Kinder maßt sich an, die Familienimmobilie  einzufordern, die das Zuhause der Kinder ist. Und die – Ironie der Geschichte – Belle von ihrem Vermögen bezahlt hat.

Irgendwann am Wendepunkt

Doch aus der zunächst schüchternen Belle wird unter diesen Umständen eine Frau, die beginnt, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Sie reagiert auf die Scheidungsforderungen ihres Ex mittels einer Anwältin, stellt sich den Unverfrorenheiten ihres einstigen Partners und versucht täglich, ihre seelische Gesundheit wieder herzustellen. Dies gelingt Schritt für Schritt, indem sich Belle nahezu täglich zu langen Spaziergängen in der Natur zwingt. Irgendwann ist sie soweit gestärkt, dass sie sich dem neuen Alltag, dem lästigem Getratsche über sie und vor allem der Scheidung stellen kann.

Das ist der eigentliche Wendepunkt ihrer Geschichte.

Fremde von Belle Burden: Ein schmerzhafter Weg zurück ins eigene Leben

Belle Burden schreibt über einen Schicksalsschlag, der sich nicht einfach mit einer neuen Alltagsroutine und ein paar Sitzungen beim Psychologen überwinden lässt. Wer plötzlich verlassen wird, muss nicht nur den Verlust des Partners und einen massivsten Vertrauensbruch verkraften. Es geht auch darum, die eigene Stärke und Selbstvertrauen wiederzufinden. Sich zu fragen, ob man die vergangenen Jahre richtig eingeschätzt, mit wem man (FRAU) eigentlich gelebt hat. Und irgendwann wieder eine Zukunft zu sehen, die nicht mehr von dem Menschen abhängt, der gegangen ist. Und auch nicht davon, ob es je Antworten von dieser Person geben wird. Kleiner Spoiler: Belle Burden bekommt sie nicht, was auch ein Grund dafür ist, dass sie dieses Buch geschrieben hat.

Dass sie dabei aus einer privilegierten Lebenswelt heraus erzählt, sollte man nicht ausblenden. Ihre finanziellen Möglichkeiten unterscheiden sich erheblich von denen vieler Frauen, die nach einer Trennung vor ganz anderen Herausforderungen stehen. Doch emotional ist die Erfahrung des Verlassenwerdens mitnichten an Einkommen, Herkunft oder gesellschaftlichen Status gebunden.

Das macht „Fremde“ zu einer Geschichte, die über das persönliche Schicksal der Autorin hinausgeht. Es ist ein Buch für Frauen, die wissen, wie schmerzhaft es sein kann, wenn ein vertrauter Mensch plötzlich auf Distanz geht. Für Frauen, die nach einer Trennung Antworten gesucht haben und keine bekommen haben. Und für jene, die sich irgendwann fragen mussten, wie sie ausgerechnet mit einem Menschen, den sie so gut zu kennen glaubten, an diesem Punkt landen konnten.

Belle Burden beschreibt den Verlust einer vertrauten Familienwelt

„Fremde“ ist vor allem eine Geschichte über das plötzliche Verlassenwerden und die schwierige Erkenntnis, dass man einen Menschen trotz vieler gemeinsamer Jahre oder Jahrzehnte nicht unbedingt so gut kennt, wie man dachte. Belle Burden erzählt von Ehebruch, emotionalem Rückzug und dem Verlust einer vertrauten Familienwelt. Ihre Herkunft macht das Buch zu einem Blick in eine besondere gesellschaftliche Umgebung. Der Schmerz, den sie beschreibt, ist jedoch universell und betrifft bei Trennungen Frauen jedweder Couleur. Zudem zeigt das Buch ja gerade sehr deutlich, dass auch das finanzielle Polster, über das Burden verfügt, keine Rolle in Sachen Trennung spielte. Klar, der Ex-Ehemann von ihr war selbst sehr vermögend, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass man sich Gefühle oder eine ernsthafte Beziehung mit Geld nicht kaufen oder jemanden damit vom Gehen abhalten kann.

Und schon gar nicht kann ein dickes Bankkonto seelische Grausamkeiten, wie ein plötzliches Abtauchen verhindern. Apropos Abtauchen: Oft ist es nicht mal unbedingt das Ende einer Beziehung, das am meisten schmerzt. Sondern die furchtbare Funkstille danach.

Wenn der Mensch, der einem einst am nächsten stand, plötzlich kaum oder gar nicht mehr erreichbar ist. Wenn gemeinsame Erinnerungen bleiben, aber keine Antworten kommen. Und wenn man irgendwann begreifen muss, dass man seinen eigenen Weg weitergehen wird – auch ohne den Menschen, mit dem man ihn ursprünglich geplant hatte.

„Fremde“ von Belle Burden ist eine bewegende Geschichte über eine Frau, die nach zwanzig Jahren Ehe plötzlich vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens steht. Ein Buch, das zeigt, wie schmerzhaft es sein kann, verlassen zu werden – und wie wichtig es ist, irgendwann wieder bei sich selbst anzukommen. Erschienen bei Luchterhand.

Copyrights:

Penguin Random House Verlage

Titelbild (Symbolbild): picture alliance / imageBROKER | Tommy Seiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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