Samstag, 25. Mai, 2024

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Selbsthilfe-Trend: Das innere Kind heilen – Wie professionell sind die Angebote?

Spätestens seit den Bestsellern der Psychologin und Psychotherapeutin Stefanie Stahl ist die Idee des inneren Kindes im Mainstream angekommen. Die Arbeit mit dem inneren Kind soll es ermöglichen, glücklicher zu werden und negative Gefühle, Ängste und anderen seelischen Ballast zu überwinden. Das klingt verlockend, aber was genau hat es mit dem inneren Kind auf sich und wie kann man es heilen? In diesem Artikel haben wir die wichtigsten Informationen zusammengestellt.

Was ist das innere Kind?

Die Vorstellung vom inneren Kind entspricht keinem konkreten Therapiekonzept. Es ist viel mehr eine Metapher für unsere Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der Kindheit, die uns auch im Erwachsenenleben noch beeinflussen können. Unser Erleben und Handeln kann durch als Kind Erlebtes geprägt werden. Mitunter ist dies problematisch, insbesondere, wenn Traumata, Gefühle von Vernachlässigung oder Abweisung eine Rolle spielen. Sie können zum Beispiel dazu führen, dass wir Schwierigkeiten haben, gesunde Beziehungen zu führen oder mit großen Unsicherheiten zu kämpfen haben.

Dass die Kindheit eine entscheidende Rolle für unser Erwachsenenleben haben kann, ist in diversen Therapieformen anerkannt, etwa in der tiefenpsychologischen Psychotherapie.

Vor allem die Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur versucht, psychologische Konzepte zu vereinfachen und Handlungsempfehlungen auszusprechen. Das Symbol des inneren Kindes soll es leichter machen, sich mit dem Erlebten der Kindheit auseinanderzusetzen und zu erkennen, welche Bedürfnisse oder Emotionen aus dieser Zeit heute noch Einfluss auf uns haben. Es erlaubt einigen Menschen, die sich vorher nicht damit auseinandersetzen konnten oder wollten, einen Zugang zu finden und Probleme anzugehen.

Auch wenn in den letzten Jahren ein richtiger Hype um die Arbeit mit dem inneren Kind entstanden ist, gibt es bisher keine empirische Evidenz für deren Wirksamkeit. Besonders bei schwerwiegenderen Problemen wie zum Beispiel Depressionen sollte man sich deshalb unbedingt Unterstützung durch eine professionelle Psychotherapie suchen. Dennoch hat die Arbeit mit dem inneren Kind das Potenzial, die psychische Verfassung zu verbessern oder zumindest Problematiken aufzudecken.

Wie die Arbeit mit dem inneren Kind aussehen kann

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich mit dem inneren Kind zu befassen und es zu heilen. Hier stellen wir die beiden wichtigsten vor, die auch häufig miteinander verknüpft werden:

Visualisierung und Dialog mit dem inneren Kind

Vielen Menschen hilft es, sich das innere Kind ganz bildlich vorzustellen und mit ihm in einen Austausch zu treten. Dazu sollte man sich zunächst an einen ruhigen Ort begeben, sich bequem hinsetzen, die Augen schließen und tief ein- und ausatmen. Wenn man entspannt ist, fokussiert man sich auf seine Gedanken und Gefühle und stellt sich als nächstes sein inneres Kind vor.

Wie dieses aussieht, bleibt der eigenen Fantasie überlassen. In den meisten Fällen wird sich das innere Kind als das Ich im Alter zwischen 4 und 10 vorgestellt. Nun geht es darum, mit dem inneren Kind in Kontakt zu treten. Man nähert sich ihm in Gedanken an, schaut es sich genau an und spricht zu oder mit ihm. Dabei kann man beispielsweise auf die Körperhaltung oder die Mimik des inneren Kindes achten. Wie reagiert es auf die Annäherung? Welche Bedürfnisse zeigt es? Während der Visualisierung kann man mit dem inneren Kind in den Dialog treten und Fragen stellen: „Was brauchst du?“, „Was wünschst du dir?“, „Was möchtest du mir mitteilen?“. Auf diese Weise kann man tief in sich hineinhören und Unterdrücktes möglicherweise besser zulassen.

Außerdem kann man dem inneren Kind sagen, was man selbst in der Kindheit oder auch heute hätte hören sollen: „Ich liebe dich“, „Du bist gut“, „Ich passe auf dich auf“. Es geht darum, dem inneren Kind Fürsorge und Verständnis entgegenzubringen, es zu trösten und aufzubauen, um erlittene Verletzungen heilen zu können. Zum Abschluss der Visualisierung stellen sich viele Menschen vor, ihr inneres Kind zu umarmen oder mit ihm etwas Schönes zu machen. Ziel ist es, das innere Kind anzunehmen und in das Erwachsenenleben zu integrieren. Diese Visualisierungstechnik kann helfen, emotionale Blockaden zu lösen, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und die Beziehung zu sich selbst zu stärken.

Es kann auch dazu beitragen, das Selbstbewusstsein, die Selbstakzeptanz und das emotionale Wohlbefinden zu verbessern. Es ist wichtig zu betonen, dass dies eine sehr persönliche und individuelle Erfahrung ist, und es kann Zeit und Übung erfordern, um die volle Wirkung zu erzielen.

Glaubenssätze erkennen und erneuern

Glaubenssätze sind tief verwurzelte Überzeugungen, die wir in uns tragen. Häufig stammen sie aus der Kindheit. Es ist hilfreich, diese zu identifizieren und zu hinterfragen. Um sie ausfindig zu machen, sollten Gedanken und Gefühle, besonders in Situationen, die starke emotionale Reaktionen hervorrufen, bewusst wahrgenommen werden. Welche Gedankenmuster oder Überzeugungen zeigen sich? Woher könnten sie stammen? Typische Glaubenssätze sind beispielsweise „Ich bin nicht gut genug”, „Ich werde nie erfolgreich sein”, „Alle anderen sind besser als ich” oder „Ich bin nichts wert“.

Sie weisen meist auf ein verletztes inneres Kind hin, das sich vielleicht zurückgewiesen fühlt, weil ein Geschwister in der eigenen Wahrnehmung bevorzugt wurde oder die Eltern wegen schlechter Noten oder anderen Leistungen geschimpft haben. Schlüsselmomente in der Kindheit oder Jugend, in denen man diese oder ähnliche Überzeugungen entwickelt haben könnte, sollten nach Möglichkeit identifiziert werden, um das Verständnis für das eigene Empfinden zu vertiefen.

Sobald zentrale Glaubenssätze erkannt wurden, sollte man versuchen, diese im nächsten Schritt zu entkräften und schließlich zu erneuern. Für den Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug“ könnte das zum Beispiel folgendermaßen aussehen: „Ich bin gut genug, dass meine Familie/meine Freunde mich gernhaben“, „Ich bin gut genug, dass ich meine Aufgaben bei der Arbeit zuverlässig erledige“, „Ich bin gut genug, weil ich niemandem mit Absicht schade“, „Ich bin gut genug, weil ich mir Mühe gebe, ein gutes Leben zu führen“. Die Entkräftungen des negativen Glaubenssatzes sind ganz individuell und können deshalb auch ganz unterschiedlich aussehen.

Wichtig ist nur, dass man es schafft, die Perspektive entsprechend zu ändern und schließlich einen neuen Glaubenssatz zu formulieren, der den Platz des ursprünglichen negativen Glaubenssatzes einnimmt. Dieser könnte zum Beispiel lauten „Ich bin gut so wie ich bin“. Um diesen Glaubenssatz zu verankern, kann man ihn sich zum Beispiel jeden Morgen vor dem Spiegel sagen. Manchen Menschen fällt es leichter, das innere Kind direkt anzusprechen und stellen es sich vor: „Du bist gut so wie du bist!“ Das Erneuern von Glaubenssätzen kann befreiend und heilend wirken.

Zugang zum inneren Kind bekommen

Manchen Menschen fällt es sehr schwer, Zugang zu ihrem inneren Kind zu bekommen. Wichtig ist, dass man sich auf das innere Kind und die Arbeit mit ihm wirklich einlässt. Es kann durchaus mehrere Anläufe brauchen, bis man den richtigen Ort, die richtige Stimmung und den richtigen Zeitpunkt dafür findet. Ein freier Tag, an dem man ganz für sich allein sein kann, bietet sich besonders gut für die Arbeit mit dem inneren Kind an. Außerdem kann man Techniken wie die Visualisierung trainieren, mit der Zeit fällt es immer leichter, sie auszuführen.

Es kann hilfreich sein, sich Fotos von sich aus der Kindheit anzusehen und sich an konkrete Erfahrungen aus der Kindheit zu erinnern. Einige Menschen greifen auch auf spirituelle Erfahrungen zurück und wollen ihr inneres Kind mit Ayahuasca heilen. Ayahuasca ist eine psychedelische Pflanzenmischung, die traditionell von indigenen Völkern im Amazonasgebiet verwendet wird und in der modernen Zeit auch für therapeutische und Zwecke erforscht wird. Ayahuasca kann eine sehr tiefgreifende psychedelische Erfahrung bieten, die tiefe Bewusstseinsebenen und unbewusste Prozesse zugänglich machen kann.

Häufig wird in diesem Zusammenhang von intensiven spirituellen Erlebnissen und der Möglichkeit, verborgene oder unterdrückte Emotionen und Erinnerungen zu erkunden, berichtet. Viele Befürworter von Ayahuasca betonen die Bedeutung einer integrativen Nachsorge und Begleitung nach der Erfahrung. Es ist wichtig, die aufgetauchten Themen und Erkenntnisse in einer sicheren Umgebung zu verarbeiten und zu integrieren. Allein durch den Konsum kann das innere Kind also in der Regel nicht geheilt werden.

Die Einnahme von Ayahuasca hat aber das Potenzial den Zugang zu ihm zu vereinfachen. Traditionelles Ayahuasca ist in Deutschland illegal, da es den psychoaktiven Wirkstoff DMT enthält. Es gibt hierzulande jedoch Anbieter für abgewandeltes Ayahuasca, das die gleiche Wirkung erzielen können soll, aber nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und somit legal vertrieben werden kann.

Zum Abschluss

Das innere Kind und die Arbeit mit ihm garantiert keinesfalls die Lösung aller Probleme. Wer mit dieser Einstellung an die Sache herangeht, kann eigentlich nur enttäuscht werden. Generell sollte den großen Versprechen der Ratgeber- und Esoterikszene mit einer gesunden Portion Misstrauen begegnet werden. Dennoch kann es sich lohnen, sich auf sein inneres Kind einzulassen und ihm Fürsorge, Trost und Liebe zu schenken, um das Wohlbefinden zu steigern und emotionale Reaktionen besser zu verstehen und steuern zu können.

Damit die Arbeit mit dem inneren Kind tatsächlich das Erwachsenenleben verbessern kann, reicht es jedoch nicht, in der Vergangenheit zu verharren. Die Erkenntnisse die sich aus der Rückbesinnung ergeben, sollten unbedingt genutzt werden, um das eigene Handeln aktiv zu verändern.

Bild (Symbolfoto): stock.adobe.com / annanahabed

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