Autor Frauenboulevard - April 12, 2019
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Zu menschlich für den Pflege-Job? Altenpflegerin macht sich im Netz Luft

Pflege zwei paar HändeDie Arbeit liebevoll ausführen, empathisch und vielleicht ja auch mit nicht allzuviel Druck. So hatte sich eine Altenpflegerin, die diesen Beruf noch ganz neu und mit Herzblut ausübt, die Arbeit vorgestellt.

Wer sich ein wenig zu dem Thema beliest oder – was wahrscheinlicher ist – familiär selbst schon mit den Gepflogenheiten in einem Altenpflegeheim konfrontiert wurde, weiß, dass sich diese Attribute im Geschäft der Altenpflege zumeist nur auf den Werbeutensilien vieler Pflegeeinrichtungen finden.

Der Alltag indes ist durchgetaktet – vom Waschen über das Zähneputzen bis hin zum Kämmen gilt ein unerbittliches Zeitdiktat, hinter dem ein knallhartes Abrechnungssystem der Krankenkassen bzw. der Pflegekassen steht.

Altenpflege-Job kann mürbe machen – Posting einer Altenpflegerin spricht für sich

Wie sich aber eine Altenpflegerin fühlt, die (noch) nicht ganz diesem System angepasst ist, zeigt ein aktuelles Posting aus dem Forum der Online-Ausgabe der BRIGITTE. Die bekannte Frauenzeitschrift unterhält im Netz eine der größten Communities für Frauen. Vom Liebeskummer über Rezepte und Bewerbungstipps bis hin zum Frust im Job kann man (FRAU) hier posten und sich guter Ratschläge gewiss sein.

Dieser Tage klagte dort die eingangs erwähnte Frau, die als Altenpflegerin arbeitet, ihr Leid. Nicht zuletzt, weil sie schon mit dem Schlimmsten – der Kündigung –  rechnet. Warum? Lesen Sie selbst (relevante Stellen, die Rückschlüsse zulassen, haben wir unkenntlich gemacht oder weg gelassen):

„Hallo liebe Community,

ich habe am XXXX meinem ersten Job als Altenpflegehelferin angefangen. Für mich ist es ein Job, den ich unbedingt machen wollte und wo ich echt geglaubt habe dort meine Erfüllung zu finden. In meiner Ausbildung zur Pflegehelferin bekam ich die Rückmeldung das ich mich für diesen Beruf eigne, nur ein bisschen schneller werden müsste. Doch ich sagte mir das ein höheres Arbeitstempo schon mit der Routine kommen würde.

Leider hatte ich von Anfang an den Eindruck das eine Kollegin ein Problem mit meiner sensiblen und ruhigen Art hatte. Sie ist das genaue Gegenteil von mir und so kritisierte sie mich oft auf sehr abwertende Weise. Es hieß dann ich wäre zu verzagt und müsse die Bewohner bei der Pflege mal ein bisschen „antreiben“.
Ich vergaß in den ersten Wochen auch schon mal etwas z.B. in Bezug auf die Dokumentation oder welches Formular wofür verwendet wird.

Vor einer Woche hatte ich ein unerfreuliches Gespräch mit der Pflegedienstleiterin. Sie wollte von mir wissen, was ich an meiner Arbeitsweise positiv sehe und was ich aus meiner Sicht verbessern könnte. Nachdem ich diese Angaben gemacht hatte, erfolgte ihre „Mängelliste“. Sie sagte, ich wäre zu ruhig und könnte mich deshalb nicht genügend gegenüber den Bewohnern durchsetzen. Auch würde ich mit diesem Persönlichkeitsmerkmal im Team dauerhaft untergehen. Desweiteren warf sie mir vor, zu viel zu vergessen.
Ich rechtfertigte mich das ich mir viele Notizen gemacht habe, aber erst noch mehr Routine bekommen müsste. Zu dem Zeitpunkt war ich schließlich erst 6 Wochen in dem neuen Job.

Die Pflegedienstleiterin gab mir aber eindeutig zu verstehen das man das nicht mehr lange dulden würde. Bisher habe ich ihren Worten nach noch Welpenschutz gehabt. Doch wenn sich meine Leistungen bis zum 27. März nicht wesentlich verbessern, müssten wir leider ein sehr ernsthaftes Gespräch führen!
Was eindeutig heißt das es dann auf eine Kündigung hinausläuft.

Ich war echt verzweifelt, zwang mich aber, nicht in eine Schockstarre zu verfallen. Ich fasste den Vorsatz noch mal mein Bestes zu geben und sie davon zu überzeugen das ich eine fähige Mitarbeiterin bin.
Ich setzte mich sehr unter Druck, weil die Leiterin sehr häufig dort auftauchte wo ich gerade war. Das verunsicherte mich und ich machte ein paar Fehler bei der Dokumentation die ich aber zum Glück noch rechtzeitig bemerkte und ausbessern konnte.

Doch die Leiterin, die vorher noch halbwegs freundlich war, zeigte plötzlich ein ganz anderes Verhalten. Sie grüßte nur noch kurzangebunden und teilte mir nicht mehr wie vorher bei Dienstbeginn mit wer verstorben war.(…)Ich habe wirklich alles gemacht, um doch in dem Heim bleiben zu können und nicht gekündigt zu werden. Viele der Bewohner habe ich ins Herz geschlossen und sie akzeptieren mich auch. Ich habe sogar bei einer sehr lieben alten Dame Sterbebegleitung gemacht, obwohl ich mir das vorher niemals hätte vorstellen können. Ich bin auch länger geblieben, um mehr Zeit für sie zu haben. Als sie so röchelnd atmete, habe ich sie immer wieder beruhigt und ihren Arm und ihre Hand gestreichelt. Nie werde ich vergessen wie sie mich ein letztes Mal anlächelte. Sie ist gestern Abend verstorben und ich las es auf der Tafel im Büro. Niemand hatte mir etwas gesagt. Vor dem Mittagessen war eine Gedenkminute und ich weinte, als ich ihren leeren Platz mit einer Kerze und einem Foto von ihr sah. Kurze Zeit später musste ich eine Mitarbeiterin, rechte Hand von der Pflegedienstleiterin, nach einer Liste fragen. Obwohl sie bei der Gedenkminute auch anwesend war, schnauzte sie mich gleich an wofür ich die Liste brauche. Ob ich etwa wieder etwas vergessen habe. Die Leiterin hatte heute plötzlich ein Problem damit das ich meine Straßenschuhe in eine Ecke an der Garderobe abstelle, wie ich es schon seit Beginn an mache. Ich muss sie ab morgen in einem Raum im Keller hinstellen.

Ja, zu guter Letzt muss ich wohl noch schreiben das ich gestern wirklich etwas wichtiges vergessen habe. Ich weiß es ist keine Entschuldigung, aber ich fühlte mich schon den ganzen Morgen komisch. Nachmittags habe ich noch Sterbebegleitung gemacht und war anschließend bei einer anderen Bewohnerin die alles mögliche benötigte. Darüber habe ich diese Sache, die ich erledigen sollte total vergessen! Als ich es feststellte, war ich geschockt. Nur war es zu spät und es kam eine Kollegin und meinte verärgert das sie das jetzt erledigt hätte.

Ich habe ein sehr ungutes Gefühl wenn ich an das Gespräch mit der Pflegedienstleiterin denke.
Das sie sich mir gegenüber plötzlich so kurzangebunden verhält kann nur bedeuten das man mir kündigen wird, oder?
Meint ihr wenn ihr diesen Beitrag lest das ich für den Job nicht geeignet bin?

Liebe Grüße(..)“

Der erste Gedanke, der einem bei diesem Posting kommt, ist „Die Frau ist doch viel zu menschlich für diesen Job, er wird sie zermürben!“ Denn: so viele (ehemalige) Pflegekräfte, die einst mit Engagement, Herzblut und dem Ziel, in der Altenpflege manche Dinge zum Positiven  zu verändern, in diesen Beruf gegangen sind, sind längst auf dem Boden der Realität angekommen. Und lange schon zermürbt. Manch andere werfen hin oder flüchten sich in Hartherzigkeit.

Zu menschlich für das aktuelle Altenpflege-System?

Und so sind die Kommentare und Ratschläge anderer Userinnen denn auch recht eindeutig, wie die nachfolgenden Zitate belegen (Rechtschreibung im Original übernommen). Eine Leserin schreibt:

„Ich denke, daß du geeignet bist, aber nicht für das System. Du bist einfach zu menschlich.“

Eine andere gibt folgendes Feedback:

„(..)ich habe den Eindruck, dass du deinen Job gut machst (..)
Leider sind die meisten Pflegeeinrichtungen nicht mehr auf Menschlichkeit ausgelegt(..)“

Wieder andere Frauen sprechen der Betroffenen ihre Wertschätzung aus. So zum Beispiel diese Userin:

„(…)ich bin ehrlich froh, dass es menschen wie dich gibt. ich könnte das nie leisten.
such dir einen anderen arbeitgeber, der beruf ist gefragt und dringend gesucht.
du musst dich nicht so behandeln lassen, durch den druck entstehen sicherlich auch fehler.
aus meiner sicht würdest du auch sehr gut in die palliativmedizin passen.
lass dich nicht beirren, du passt gut in die pflege, such dir was anderes.“

Der Ratschlag zum Schluss mag stimmen, doch was wäre, wenn irgendwann alle Altenpflegerinnen und Altenpflerginnen „in den Sack hauen“? Sollte nicht zuallererst das Altenpflegesystem geändert werden? Und zwar hin zu einer menschlicheren und zuwendungsintensiven Pflege? Ohne oder mit nur wenig Zeitdruck?

Einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Altenpflegesystems ist Claus Fussek. Er spricht öffentlich davon, dass in Pflegeheimen oft auch Mobbing herrscht und die Arbeitsatmosphäre vergiftet ist. Genau, wie es die Frau im BRIGITTE.de-Forum schildert.

„Pflegepabst“ Fussekt weist seit Jahren auf Zustände in Altenpflege hin

Der Pflegepabst, wie Fussek auch genannt wird, weist seit Jahrzehnten unermüdlich auf die Missstände hin, prangert an, hat Verbesserungsvorschläge.

Parallel dazu aber hat man den Eindruck, dass sich die Situation für die Pflegebedürftigen eher verschlimmert, als verbessert. Die fast täglichen Medienmeldungen über Pflegemissstände bestätigen das.

Und solange diese Missstände, die tatsächlich zunächst im System zu suchen sind, nicht beseitigt werden, solange wird es auch Situationen geben, wie sie die zitierte Altenpflegerin geschildert hat.

Traurig. Und den alten Menschen mehr als unwürdig!

Das vor allem.

Bildnachweis (Symbolbild): pixabay.com

 

 

 

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Autor: Frauenboulevard

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