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Barbara Edelmann mit Hut

Neulich kramte ich in den wenigen uralten Fotos, die ich mittlerweile noch nicht digitalisiert habe, und gestehe heute nach Durchsicht aller Bilder ganz offen: Scheinbar kann ich mit Mode nichts anfangen, zumindest nicht mit der Art von „Mode“, die mir alljährlich in Hochglanz-Gazetten vorgeschlagen wird. Der Beweis hierfür lagert in Form etlicher Abzüge in einem Karton. Ob das wohl daran liegt, dass ich noch nie etwas mochte oder machte, von dem alle anderen behaupteten: „Das MUSST du unbedingt kaufen/lesen/anschauen/tun“?

In der Mode wich die Individualität massentauglicher Uniformität

Wer ist dieser „man“ überhaupt? Muss ich den kennen? Er scheint nicht allzu gerne selbst zu denken oder Entscheidungen zu treffen. Ich schon.

In den letzten 20 Jahren habe ich keine Begriffe so oft in irgendwelchen Prine- oder Onlinemedien gelesen wie „Individualismus“, dicht gefolgt von „Selbstverwirklichung“. Früher ließ sich, wer individuell sein wollte, ein Tattoo stechen, die Unterlippe piercen oder etwas Aussagekräftiges ins bunt gefärbte Haar rasieren. Heute interessiert es keinen Menschen mehr, wer was in welcher Form auf Haar, Unter- oder Oberlippe oder Ohr trägt, geschweige denn, welche bunten Bilder seinen Arm oder den Rücken verzieren. Tattoos sind vom schlimmsten Schicksal überhaupt ereilt worden: Sie sind salonfähig geworden.

Und die „Individualität“ ist inzwischen einer Form von massentauglicher Uniformität gewichen. Facebook, YouTube oder Instagram sind voller junger, schöner Menschen mit trainierten Körpern, die ihre alleinseligmachende Wahrheit verkünden. Einige der berühmten Blogger haben mittlerweile Millionen von Followern.

Man „folgt“ also jemandem, weil der einem sagen kann, was zu tun ist, um sich schön, gesund oder „in“ zu fühlen? Was ist aus der Kunst des Weglassens geworden? Was aus der Herausforderung, selbst zu denken, sich zu entdecken, einer klaren Linie zu folgen, einen eigenen Stil zu entwickeln? Wo ist sie denn hin, diese Individualität, die Selbstverwirklichung? Muss ich, um ich selbst zu sein, wie alle anderen aussehen? Fragen über Fragen.

Mode und ich – eine nicht ganz einfache Liason

Barbara Edelmann elegantHeute geht es mir jedenfalls um Mode. Ich habe seit meiner Jugend Maienblüte so gut wie alles getragen, das Ihnen heutzutage wieder mal als „Innovation“ angepriesen wird – auch das, was noch kommt.

Vor fünf Jahren bot man mir in einem exklusiven Möbelhaus eine Anrichte an, die aussah, als wäre sie zweihundert Jahre lang in einem versiegelten Gewölbekeller von Ratten angenagt worden – oder von einem sehr großen Biber. Ich habe höflich abgelehnt, weil ich der Meinung bin: Kaputtmachen kann ich meine Möbel immer noch selbst. Das gilt auch für Jeans oder Hemden. Nur weil „damaged“ draufsteht, bleibt es trotzdem einfach kaputt. Da bin ich eigen.

Sie sehen schon – das wird nicht ganz einfach mit mir…

Ich bin jedenfalls schon vor Jahrzehnten auf turmhohen Plateausohlen über unebenes Kopfsteinpflaster gestöckelt, habe mir an strategisch wichtigen Stellen Löcher ins neue Shirt gefetzt, eine pinke Strähne in den Pony gefärbt, meine Oberarme mit Körperglitzer beschmiert, die Augenbrauen wachsen lassen und dann wieder dünn gezupft, T-Shirts in Übergröße zu obszön bunten Leggings angezogen oder im Modehaus beinahe geheult, wenn ich die formlosen Lappen aus Kunstfaser auf den Kleiderständern hängen sah, weil, wie die Verkäuferin es so schön formulierte, „man das eben gerade so trägt“.

„Wenn Sie tatsächlich so was wie Etuikleider suchen, müssen Sie in den Second-Hand-Shop gehen“, riet mir die Dame pikiert. Ende Gelände.

Die Mode und ich – wir haben ein etwas schwieriges Verhältnis. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine unstillbare Sehnsucht in mir trage, nach Cashmere, Leinen, Seide und Gabardine oder gutem Jersey. Zur Not tut’s auch ein veredeltes Baumwoll-Viskose-Gemisch. Ich liebe einfache Formen, figurbetonte Schnitte, Naturtöne und schlichte Eleganz, sage aber auch zu einem schönen Lagenlook nicht nein, wenn ich wieder mal eine „Pizza-Woche“- eingelegt habe. Und ich mag nicht: Muster, Rüschen, Knöpfe an Stellen, wo es keine braucht, Reißverschlüsse nur zur Deko, Kellerfalten, riesige Karos, Gelb (darin sehe ich aus, als hätte ich mich gerade übergeben), und Kleidungsstücke aus 100 % Kunstfaser. Letztes Jahr wollte ich mir die 20 Minuten vor einem Arzttermin bei einem Textil-Discounter vertreiben und musste nach drei Minuten das Gebäude verlassen, weil meine Haare knisterten und zu Berge standen, sofort nachdem ich eingetreten war. Das ist nix für mich.

Guter Stil ist keine Frage des Geldes

Die Mode ändert sich ja ständig. Sagen Frauenzeitschriften. Darum kaufe ich mir seit Jahrzehnten alljährlich ein oder zwei ultramodische, gerade angesagte, Kleidungsstücke, um dem aktuellen Trend Genüge zu tun. Diese kombiniere ich dann mit meinen Basics und ignoriere den Rest der Vorschläge aus Kunstleder, Denim oder Polyester. Auch da bin ich recht exzentrisch.

Je älter ich werde, umso mehr kommt es mir vor, als würde Mode von Premium-Sadisten für Devote in dunklen Kellern bei Fackelschein und Met erfunden. Oder die Designer kramen einfach Zeichnungen von vor 50 Jahren aus zerfledderten Mappen und behaupten, das sei ihnen gerade erst eingefallen.

Wenn Sie eine Wohnung mit Kram vom Flohmarkt so vollstopfen, dass es nicht möglich ist, ohne einen Zickzack-Parcours vom Esstisch in die Küche zu laufen, wie soll denn der Mensch als solches noch zur Wirkung kommen? Ich möchte nicht in einem Wimmelbild leben, ich möchte nur wohnen. Das gilt auch für meine Kleidung– sie soll mich kleiden, nicht verstecken oder verdecken. Sie soll meinen Typ unterstreichen, zeigen, wer ich bin, meine Vorzüge präsentieren und Stellen wegschummeln, wegen derer ich manchmal den Bauch einziehe.

Man muss nicht viel Geld ausgeben, um sich gut zu kleiden, ist nach all den Jahren mein Fazit. Man muss nur genau darauf achten, wofür man es ausgibt.

Barbara Edelmann in jungen Jahren

Die 70iger hatten es modisch in sich!

„Um Himmels Willen, so kannst du dich doch immer noch anziehen, wenn du mal vierzig bist!“, schrie meine Mutter entsetzt, als ich vom Einkaufen kam und einen braunen Hosenanzug in Glencheck-Muster freudestrahlend aus der „C&A“-Tüte zog.

Ich war damals 18, mit Kleidergröße 36, langen blonden Haaren, und einer glühenden Sehnsucht nach „Haute Couture“. Da ich mir die aber nicht leisten konnte, fuhr ich regelmäßig mit der Bahn nach Augsburg zu „Charles & Anthony“, wie ich „C&A“ liebevoll nannte, und suchte Klamotten, die wenigstens ein kleines bisschen danach aussahen, als hätte Karl Lagerfeld sie entworfen. Und es gab ja auch noch den „Bader-Katalog. Die hatten, was ich gerne trug: Mode für „Damen“. Im Grunde bin ich seit meiner Pubertät 48 – das klassische Alter für eine gepflegte Erscheinung, wie meine Nachbarin behauptet.

Mode aus der VOGUE war unerreichbar

Oft saß ich während meiner Mittagspausen in billigen Kleidchen von der Stange mit brennenden Augen über der neuesten Ausgabe der „Vogue“, bewunderte die Fotos der Modeschauen in Paris oder Mailand und schwor mir, dass ich eines Tages ein eigenes Chanel-Kostüm besitzen würde. Chanel war für mich der Inbegriff all dessen, das ich liebte: Eleganz, zeitloser Chic, und der zarte, kaum wahrnehmbare Geruch von Geld. Viel Geld.

Ach, Leben, du bist echt gemein. Es hätte mir jemand sagen müssen, dass es allein mit Arbeit nicht geht. Es hätte mir jemand sagen müssen, dass man Miete, Strom, Telefon, Benzin, Versicherung, Essen und Fahrkarten bezahlen muss, ehe man sich zu „Gucci“ wagt oder bei „Prada“ mal vorsichtig nach dem Preis für ein Twinset fragt.

Meine Altersgenossinnen trugen Ende der 70er-Jahre, während ich abends beim Ausgehen ein biederes, braunes Bouclé-Kostüm und beige Stiefel mit schmalem Absatz ausführte, knallbunte Schlaghosen, schulterfreie Smok-Blusen, keinen BH und riesige Sonnenbrillen.

Barbara Edelmann mit Hut

Weiß behütet vor vielen Jahren

Übrigens war ich die einzige Frau mit Hut in unserer winzigen Kleinstadt – ein schneeweißer Borsalino, den ich mir vom Munde abgespart hatte, denn er kostete über 100 Mark, und ich verdiente nicht allzu viel.

Vorliebe für Haute-Couture – bis heute!

Bis heute habe ich keine Ahnung, woher diese Vorliebe für Haute Couture, puristische Schnitte und edle Stoffe herrührt, denn ich bin in ganz normalen, eher ärmlichen Verhältnissen großgeworden und habe die Kindheit in von meiner Mutter gestrickten oder genähten Klamotten verbracht. Denn der Wunsch nach elegantem Design, gedeckten Farben und die Jahre überdauernden klaren Linien war immer da. So ist es übrigens bis heute geblieben.

Aber ich hatte kein Problem damit, wenigstens mein Make-Up dem herrschenden Mainstream anzupassen, rasierte mir die Augenbrauen zum üblichen dünnen Strich, trug wie alle anderen grellblauen Lidschatten bis zum Anschlag auf, und verzierte mein Unterlid mit schwarzem Kajal, als wäre ich die Billig-Version von Cleopatra.

Während also alle meine Altersgenossinnen mit aus dem Gesicht geföhnten Locken auf Plateausohlen zu den Klängen von „Chicago“ oder „Baccara“ in die Nacht tanzten, trug ich unbeirrt Hosenanzüge in neutralen Farben und Kostüme oder Mantelkleider in Etuiform, als wären die 50er-Jahre nie vorbeigegangen. Außerdem hatte mir meine Mama eingeschärft: „Eine Dame benützt nie grellroten Nagellack oder Lippenstift.“ Daran habe ich mich bis heute gehalten, auch wenn ich das nie geglaubt habe. Und jetzt bin ich zu alt, um noch mit Rubinrot anzufangen, vermutlich würde das aussehen, als hätte ich mir auf die Lippe gebissen oder wäre den „Vampire Diaries“ entsprungen.

Erinnert sich noch jemand an die „Dreiwettertaft-Frau“? Sie war mein großes Vorbild. Blond, kühl, und immer elegant, entstieg sie mit in weite Fernen gerichteten Blick ihrem Privatjet, ein schickes Aktenköfferchen an der Hand, vermutlich von „Bree“ oder „Hermès“. Stets war sie in dezente Farben gekleidet, denn sie musste morgens zur Vorstandssitzung nach Tokyo, mittags nach Rom zum Meeting und abends nach Amsterdam zum Dinner. Mit perfekt sitzenden Haaren natürlich. Keine Ahnung, wie sie das rein logistisch geschafft hat, aber sie schwitzte nie und wirkte immer kühl und reserviert. Ruhe sanft, Dreiwettertaftfrau. Ich werde dich nie vergessen. Und da behaupte noch einer, Werbung wirke nicht.

In den 80igern dominierten Stulpen und Stiefel

Auch innerhalb der Familie waren die Fronten geteilt: Meine Schwester hatte sich nämlich gegen Ende der 70er-Jahre der „Gegenbewegung“ angeschlossen, also der „Jethro-Tull“-Fraktion, in Jesuslatschen und Protest-T-Shirts, die sich im Jugendzentrum traf, gegen alles war, und Diskotussen mit lackierten Fingernägeln wie mich zutiefst verachtete. Grundsätzlich lief sie nur in zerrissenen Jeans und einem befleckten Parka herum, der aussah, als hätte man sie darin quer durch den Libanon geschleift und danach angezündet. Uns trennten Welten.

Dann kamen die 80er. „Fräulein Menke“ sang mit großem Erfolg von hohen Bergen, „Supertramp“ verdienten Millionen mit „It’s rain again“, und alle kauften sich neonfarbene Overalls mit dazu passenden Stirnbändern. Man konnte nirgendwo hin gehen, ohne dass einem beinahe die Augen platzten, vor allem, weil irgendein findiger Disko-Besitzer damit begonnen hatte, Stroboskop-Lampen zu montieren, und man teilweise beim Tanzen nur gleißend-weiße, sich bewegende Gebisse erkennen konnte. Über „stonewashed“ Jeans wurden sogenannte „Stulpen“ getragen, also wollene Strümpfe ohne Fuß, die Stiefel reichten teilweise bis zum Oberschenkel und hießen „Stiefel“. „Overknee“ kam erst später.

Meine Freunde und ich besaßen übergroße Jeans-Latzhosen, die wir stolz zum Rollschuhlaufen trugen, denn Inline-Skater waren noch nicht erfunden. Überhaupt – diese Latzhosen… sie waren am Schenkel weit und am Knöchel enger geschnitten, trugen schrecklich auf und sahen außer an Farmern aus Minnesota bei niemandem gut aus. Die zog man sogar zum Ausgehen an.
Ich allerdings nicht.

Overalls hießen „Overall“ und nicht „Jumpsuit“ und waren ein must-have. Ich besaß genau einen mit winzigen blassgelben und violetten Karos und mochte den nicht. Egal, ob man zur Toilette oder zum Beischlaf wollte, es war umständlich, sich aus den Dingern herauszuschälen. Und zunehmen durfte man übrigens auch nicht, denn dann kriegte man den Reißverschluss über dem Busen nicht mehr zu. Zum Overall brauchte man einen irrsinnig breiten Gürtel mit Schnallen oder großen Metallfiguren wie zum Beispiel Schmetterlingen auf der Schließe, was eine Sanduhrfigur signalisieren sollte. Noch etwas, das man auf der Toilette öffnen und wieder anziehen musste…Oberhalb des Gürtels quoll dann allerdings der Busen über den Rand, und unterhalb der Bauch, wenn man Pech hatte.

Leggings – der modische Supergau!

Wer keine Overalls mochte, konnte es mit übergroßen T-Shirts in verrückten Mustern und neonfarbenen Leggings in Animal-Print oder riesigen bunten (in Neonfarben natürlich) Tupfen versuchen.

Zu den neonfarbenen Leggings passende Schuhe waren Pumps oder Sneakers, das kam auf den Mut an, denn eine enge Leggings und klobige Sneakers sind nur was für Frauen mit den Beinen einer Antilope. Ich habe keine getroffen. Nirgendwo.

Zum Ausgehen waren mittlerweile Polyester-Kostüme mit ausgestellten Schößchen an der Taille mit Schulterpolstern in Sofakissen-Größe angesagt, denn Alexis Carrington, die biestige Tussi aus „Denver Clan“, intrigierte sich darin durch die Serie, und viele wollten aussehen wie sie. Ach, dieser feine, von keinem Deo der Welt besiegbare Schweißfilm, er war damals überall wahrnehmbar, in der Dorfdisko wie in der Cocktailbar, denn Polyester hat keinerlei schweißabsorbierende Eigenschaften. Es knisterte und raschelte in jeder dunklen Ecke, und manchmal bekam man beim Berühren eines Türgriffs winzige Stromschläge ab. Sehen Sie? Das wäre mit Baumwolle nie passiert…

„Miami-Vice“ wurde modisch kopiert – mit fragwürdigen Resultaten

Viele Männer taten, als wären sie Don Johnson von „Miami Vice“, wenngleich pastellfarbene, offene Sakkos und bis zum Nabel aufgeknöpfte Hemden den wenigsten überhaupt standen, da bei einigen der käseweiße Bierbauch durch die zum Zerreißen gespannte Knopfleiste schimmerte.

Barbara Edelmann

Auch dieser Look war mal „in“!

Der „Vokuhila“, also „vorne kurz, hinten lang“, erlebte eine meiner Meinung nach zu lange Blütezeit. Man benötigte für diese Frisuren Unmengen an Gel und musste alle paar Wochen zum Nachschneiden. Und es dauerte ewig, bis die Haare wieder nachgewachsen waren, wenn man es satt hatte, wie ein bekannter Fußballer auszusehen. Als Frau.

Kaum war der Vokuhila endlich verendet, kam die saure Dauerwelle. Alle wollten mit einem Mal die Wallemähne von Farah Facwett Majors aus „Drei Engel für Charlie“. Zu Farahs wilden Locken trug man verspiegelte Sonnenbrillen von Ray Ban und einen abweisenden Gesichtsausdruck. Der kostete wenigstens nichts.

Ich hatte nacheinander zwei saure Dauerwellen – und die zweite war die schlechteste Idee meines Lebens, denn meine Haare waren taillenlang und naturblond, als sie auf winzige Wickel gedreht wurden. Dabei hatte mir die Friseurin große Locken versprochen – genau wie bei Farah, die ja immerhin beinahe daherkam wie meine verehrte Dreiwettertaftfrau. Mehrere Jahre lang sah ich aus wie ein explodierter Besen, vor allem, als die Dauerwelle herauszuwachsen begann. In dieser Zeit wurde ich Spezialistin für Hochsteckfrisuren. Fotos? Die wusste ich alle zu verhindern. Gottseidank.

Saure Dauerwellen mussten übrigens so aufwändig gepflegt werden wie exotische Rassehunde, mit speziell dafür abgestimmten Spülungen und Haarkuren, die so abartig rochen, dass man sich nach jeder Haarwäsche vorkam wie die Testperson in einem Chemielabor. Aber angeblich drohten einem bei Nichtverwendung von speziellen Keratin-Spülungen mindestens Haarausfall und Spliss – die existenzielle Bedrohung für mehr als kinnlange Frisuren. Friseursalons boten Spliss-Behandlungen an, bei denen Haarsträhnen zusammengezwirbelt wurden, dann kappte die Friseurin aus den Strähnen hervorstehende gespaltene Enden. Das dauerte ewig.

Ich hatte nie eine Splissbehandlung, sondern musste mir nur ein einziges Mal beim Friseur einen riesigen Kaugummiklumpen aus dem Haar entfernen lassen, mit dem ich morgens nach einer wüsten Party aufgewacht war. Aber auch davon gibt es keine Fotos.

Seine Augenbrauen trug man wie Brooke Shields, denn die war mit dem Film „Die blaue Lagune“ mit einem Schlag weltberühmt geworden, und jeder wollte so skeptisch die Stirn runzeln können wie sie. Also ließ ich meine wieder wachsen, was übrigens gar nicht so leicht war, denn all die Jahre zuvor hatte ich sie akribisch mit der Pinzette ausgezupft.

Aber nicht nur Brauen durften wuchern, sondern auch Achselhaare und alles weiter südlich. Niemand dachte sich etwas dabei. Zumindest nicht in Europa.

Kostüm statt Karottenhose

Karottenhosen waren Pflicht. Es gab ohnehin nichts anderes zu kaufen. Dazu Hosenträger in Überbreite, zwischen deren Träger man seinen Busen quetschte, der deshalb gewollt oder ungewollt zum Eyecatcher wurde. Das sah nur bei Frauen mit weniger Oberweite wirklich gut aus. Karottenhosen waren die Pest. Oben weit, unten am Knöchel eng, oft sogar noch mit einer Bundfalte. Auch Männer hatten es mit diesem Kleidungsstück schwer, denn die allerwenigsten besaßen die richtige Figur für eine Bundfalten-Hose aus Gabardine oder Halbleinen. Wurde dazu noch das Hemd in den Bund gestopft, sah das im besten Falle unschön aus, und man wirkte gedrungen.

Während alle Welt in Karottenjeans herumlief, trug ich trotzig weiterhin Etuikleider und Kostüme. Wie eine störrische blonde Insel, die sich einfach nicht von einem Meer aus Neonfarben und Bundfalten überspülen lassen wollte. Denn ich hatte immer mein Chanel-Kostüm vor Augen, das ich mir eines Tages leisten wollte.

Die Größe unserer Brillengestelle wechselte mit jedem Jahrzehnt: groß, klein, rund, eckig und dann noch später randlos. Man kam mit dem Kaufen gar nicht hinterher, vor allem, wenn man Brillen nicht zur Dekoration, sondern zum Sehen benötigte, wie ich. Auch ich lief eine Zeitlang herum wie Oma Sophia Petrillo aus den „Golden Girls“.

Barbara Edelmann mit Sonnenbrille

Große Brillen waren damals ein MUSS.

Brillen waren eigentlich das einzige Zugeständnis, das ich dem textilen Mainstream jemals machen konnte. Alles andere hätte mich zu viel von meiner Überzeugung gekostet, dass wahre Mode zeitlos ist. Immer.

Irgendwann waren Schulterpolster endlich wieder unmodern geworden, also trennte man die Dinger heraus und hängte die Polyesterkostüme wieder in den Schrank, wo sie vor sich hin knisterten, oder man gab sie in die Kleiderspende. Vermutlich liegen diese Kunstfaser-Monstrositäten heute noch irgendwo in Afrika und Asien auf einem großen Haufen, denn sogar kleingeschnitten waren sie wegen mangelnder Saugkraft nicht mal als Putzlappen zu gebrauchen.

„Heroin-Chic“ in den Neunzigern

Die Schuhspitzen an den Pumps wurden so schmal, dass man damit hätte Papier schneiden können, die Absätze dünn genug, um sie jemandem in den Kopf zu nageln. Das Laufen auf Kopfsteinpflaster oder Kies waren eine Herausforderung, und die meisten Stilettos nur als sogenannte „Taxi-Latschen“ geeignet, also: raus aus dem Uber und rein in die Kneipe. Für längere Fußmärsche empfahl sich das Mitnehmen von Laufschuhen, die man dann auf dem Kneipenklo schnell in einer Tüte verstaute und bei der Garderobenfrau deponierte.

Die 80er verabschiedeten sich still und heimlich und machten Platz für die 90er-Jahre und Top-Model Kate Moss, die den sogenannten „Heroin-Chic“ in die Pret-a-porter-Schauen“ in Paris brachte. Models sahen plötzlich aus, als hätte man sie in einem verlotterten Hinterhof in Harlem aufgelesen, mit eingefallen Wangen, tief in den Höhlen liegenden Augen, trotzigem Gesichtsausdruck und Silhouetten, mit denen sie Zickzack laufen mussten, um bei einem Wolkenguss einen Regentropfen abzukriegen. Normale Frauenfiguren in Größe 40 verschwanden schleichend von den Bildschirmen der Fernsehgeräte und machten ausgemergelten Gestalten mit strähnigen Haaren Platz, die „38“ vermutlich für die Raumtemperatur hielten, denn eines Tages sah man im Fernsehen bis auf wenige Ausnahmen keine Rundungen mehr, sondern nur noch Schlüsselbeine, in denen man hätte Salzfässchen lagern können und Brustbeine, die als Käsereiben geeignet waren.

Dass die Mädels in der Modebranche diese gazellenhaften Figuren oftmals nur halten konnten, weil sie in Orangensaft getränkte Wattebäuschchen anstatt eines Wurstbrots aßen, wollte niemand so genau wissen.

„Size-Zero“ wurde zum Trend erhoben

Irgendeine Prominente verkündete, Size Zero (Ich nenne es bis heute „Embryonengröße“) sei das neue Schwarz, und alles darüber adipös. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber es könnte Victoria Beckham gewesen sein, die auf meiner Beliebtheitsskala dicht hinter Tatjana Gsell steht, gefolgt von Kim Kardashian, die allerdings wenigstens eindrucksvoll beweist, dass man auch mit üppigen Rundungen Millionen verdienen kann. Von wegen „Size Zero“…Das macht sie mir schon ein wenig sympathisch.

Für mich wird Beckham bis in alle Ewigkeit nur die Person bleiben, die stolz verkündete, sie hätte noch nie ein Buch gelesen. Wenn die sich morgen eine Kette aus Hörnchen-Nudeln mit Strass-Applikationen als angesagtes Accessoire umlegt, würde ich genau das Gegenteil von dem kaufen, das sie vorschlägt. Fakt. Also Rigatoni.

An was ich mich außerdem erinnere? Bunte Strumpfhosen, die für mich eine ästhetische Herausforderung waren, denn außer den Farben „Puder“ und „Graphit“ hatte ich nix davon im Schrank. Man trug zum Beispiel eine rosa Strumpfhose zum blauen Kleid, dazu grüne Schuhe und orange Haarsträhnen. Es war eine Zeit der ästhetischen Kriegserklärungen.

Und es war die Ära von Satin. Satinblusen, Satinkleider, Satin-Hosen, Unterwäsche aus Satin, Bikinis aus Satin. Morgenmäntel aus Satin, in denen man vom Bett flutschte, Satin-Kissen, Satin-Nachthemden (die flutschten auch…) und alles, was man aus diesem Zeug nähen kann. Auf Kleider und Oberteile wurden zusätzlich kilometerweise Volants genäht. Die sind übrigens so gut wie niemals vorteilhaft, denn sie tragen schrecklich auf. Aber zu dieser Zeit liefen wir oftmals herum wie die neue Zierkissen-Kollektion von Laura Ashley.

Die 90iger waren das Jahrzehnt der Jeans

Auch ich leiste mir gelegentlich eine Modesünde, weil ich ja immer gezwungen war, mindestens ein „modernes“ Teil zu kaufen, um meine Garderobe zu ergänzen. Mein Fauxpas war eine giftgrüne (Satin)-Bluse mit monströsen Puffärmeln, spitzengesäumten Bündchen und riesigen Volants diagonal über dem Busen verteilt. In zwei Reihen.
Bitte, machen Sie das nie zuhause nach.

Die 90er. Niemand hatte sie gerufen, denn die 80er waren eine geile Zeit, aber plötzlich waren sie da.

Barbara Edelmann im Trainingsanzug

Trainingsanzüge aus Fallschirmseide – auch sie waren sehr modern

An sie habe ich nur verwaschene Erinnerungen, und wenige Kleidungsstücke aus dieser Zeit blieben mir im Gedächtnis haften. Man konnte irgendwie alles tragen, gesetzt den Fall, es war aus Jeans-Stoff: Jeans-Latzhosen, Jeans-Röcke, Jeans-Hemden, Jeans-Kleider und natürlich Jeanshosen und Jeans-Mieder. Sehr beliebt waren außerdem Trainingsanzüge aus Fallschirm-Seide in Pastellfarben, dazu Sneakers mit monströsen Sohlen, denen vermutlich mehr Leute, als man glaubt, einen Bänderriss verdankten.

Auch Trainingshosen einer beliebten deutschen Marke sah man an jeder Ampel, und in der Disko wusste man nicht, ob die scharfe Blondine gerade aus dem Fitness-Studio kam oder gleich dorthin wollte, denn sie trug ein Bustier von der Firma mit den Streifen, eine Trainingshose vom selben Label und Turnschuhe mit überdimensionierten Sohlen, dazu pfundweise Körperglitzer und ein Stirnband. Jede wollte Madonna sein, verdeckte ihre Augen mit weißumrandeten Sonnenbrillen und kaufte sogenannte „Tüten-BHs“, die man öfter anstatt eines Oberteils unter dem Bolero-Jäckchen trug, dekoriert mit pfundweise Modeschmuck. Frisuren hatten asymmetrisch zu sein, Pferdeschwänze nach Möglichkeit auch, entweder links oder rechts am Kopf. Man konnte aber auch ein paar Haarsträhnen toupieren und sie mit bunten Haargummis fixieren. Nichts war irre genug, um nicht freudig aufgegriffen und kopiert zu werden.

An was ich mich noch erinnere? Schnuller an bunten Lederbändern, Rucksäcke von „Eastpack“ statt einer Handtasche, Skater-Schuhe und Maxiröcke, die aber mindestens aussehen mussten, als hätte sie Stevie Wonder genäht – mit schiefem Saum und viel zu lang. Must-Have waren Fitness-Oberteile ohne BH mit darüber drapierten Zotteljacken, die aussahen, als hätte man gerade einen Yeti erlegt und ihm das Fell abgezogen. Wer mutig war, kombinierte bunte Leggings mit gemustertem Minirock und hohen Pumps. Übrigens waren die Schuhspitzen immer noch geeignet zum Papierschneiden.

Nur ich trug nach wie vor Kostüme, Hosenanzüge und dezenten Nagellack.

Die 90er verschwanden nach kurzer Panik wegen des Jahreswechsels ins Jahr 2000 in der Versenkung. Einige kauften Diesel-Aggregate, um eventuellen Computer-Ausfällen zuvorzukommen und ihr Überleben zu sichern. Meine Freundinnen hingegen kauften Capri- und Radlerhosen.

Schlamper-Look machte Furore

Dazu sage ich jetzt mal nix. Es soll ja Damen geben, die solche Dinger geliebt haben. An Kate Moss hätten die mit Sicherheit auch ganz prima ausgesehen. Ich besaß übrigens auch eine. Genau 30 Minuten lang.

In Ermangelung neuer Einfälle verkündeten Mode-Designer der Regenbogenpresse, dass künftig Kleider über Jeans getragen werden sollten. Einige Mutige folgten der Botschaft und bereuten das bald darauf, denn das „Zwiebelschalenprinzip“ kam nicht wirklich gut an, obwohl das Obdachlose ja auch tun, allerdings nur, weil sie keinen Koffer besitzen. Immer, wenn man dachte: „Schlampiger kann’s nicht mehr werden“, wurde es tatsächlich noch schlampiger.

Passend zum langen geblümten Kleid über der Jeans folgten Sonnenbrillen mit knallbunten Gläsern – nach UV-Schutz fragte damals ohnehin keiner, Hauptsache, bunt.
Irgendwie zog plötzlich jeder an, was er wollte oder von ganz unten aus dem Schrank kramte. Sie wissen schon, diese Stücke, bei deren Anblick man murmelt: „Ach, das habe ich damals doch nicht weggeworfen?“

„Vergammelt“ oder „unmodern“ hieß mit einem Mal „Vintage“ oder „Retro“, man mixte fröhlich Stile, und Materialien bis zum Exzess.
Die Modewelt schien einerseits total entfesselt, andererseits lustlos und demotiviert wie nie zuvor.

Schuhspitzen wurden wieder breiter, und irgendwann war mit einem Schlag alles „Romika“, so richtig breit und zum Wohlfühlen. Schöne Zeiten für Senkspreizfüße, denn auch der Blockabsatz kam zurück. Also weg mit den Stiletto-Pumps und her mit den breiten Tretern. Vage ahnte ich, dass die gute alte Plateausohle schon wieder einen Fuß in der Tür hatte und schauderte.
Denn ich trug immer noch Kostüme.

Punk meets Haute Couture

Die 2000er-Jahre waren eine glänzende Zeit. Wer ausging, betupfte oder beschmierte sich mit Körperglitzer, bevorzugt an den Oberarmen oder auf dem Dekolleté. Zwar fand man das Zeug anschließend in Bett, Badewanne oder Frühstücksmüsli wieder, aber Hoffart muss bekanntlich leiden, wie meine Mutter immer sagt.

Man sah viele bunte Haarsträhnen, die nie so richtig zu den getragenen Klamotten passten. Henna und pinkfarbene Ponyfrisuren leuchteten einem in jeder Hochglanz-Gazette entgegen. Der Bob erlebte sein hundertstes Revival und stand immer noch niemandem.

Auch der Punk-Look probierte hartnäckig, sich in der Haute Couture festzukrallen, hatte in Vivienne Westwood einen gut verdienenden und gehypten Fürsprecher gefunden, schaffte es aber vorwiegend nur in die Provinz, wo die Dorfdiskos jeden Samstagabend überquollen vor Mädels mit blauen Haarsträhnen und absichtlich zerrissenen Shirts, die einen Jägermeister nach dem anderen tranken und sich anschließend auf ihre mit Strass besetzten Jeans-Röcke übergaben.

Damals verstand ich zum ersten Mal den Spruch: „Etwas ist nicht mehr tragbar.“ Das konnte man mittlerweile wörtlich nehmen.

2010 hatte ich endlich kapiert, dass sich ohnehin nie etwas änderte, sondern nur alte Kamellen mit dem Prädikat „neu“ etikettiert und als „Mode“ bezeichnet wurden. Alles war schon mal dagewesen, durch die Yellow Press gegeistert, von Hollywood-Sternchen willfährig auf roten Teppichen präsentiert worden und von Karin Mustermann bereitwillig gekauft. Sehnsüchtig sah ich mir zuhause meine alten 50er-Jahre Schinken an, denn mit dem Kleid, das Anita Ekberg seinerzeit in „La Dolce Vita“ bei ihrem Tauchgang im Trevi-Brunnen am Körper klebte, könnte ich heute noch überall aufschlagen. Mit Körperglitzer und Neonfarben eher nicht.

Es wurde nicht wirklich interessanter für mich, Modezeitungen zu lesen, denn urplötzlich quetschten sich die Damen wieder in Schlag- oder Hüfthosen und stiegen in Plateauschuhe, die mich an meine eigenen Ende der 70er-Jahre erinnerten, in denen ich mehr als einmal umgeknickt war, vor allem immer dann, wenn hinter mir jemand lief, den ich eigentlich beeindrucken wollte. Im Grunde genommen gehören bei diesen Dingern Warnhinweise an die Absätze geklebt. Oder Rücklichter.

Pofalten waren zum normalen Anblick in jedem Biergarten oder auf Uni-Treppen mutiert, geziert von der oberen Hälfte kokett herausblitzender String-Tangas. Wer Lust hatte, ließ sich ein sogenanntes „Arschgeweih“ tätowieren, und von Basecap bis überbreitem Strohhut mit einem Kilo Plastikkirschen auf der Krempe ging irgendwie alles. Zu allem. Es war, als hätten sämtliche Designer hingeschmissen und keine Lust mehr.

Skinny-Jeans darf bleiben

Zwar versuchten sich Modelinien wie Armani und Jil Sander, Donna Karan oder Prada nach wie vor an zeitlosem Chic, aber die waren einfach zu teuer für normale Leute. Und bei Primark oder H&M hing nur auf sperrigen Kleiderständern Buntes, nicht oft Waschbares, auf Verschleiß Getrimmtes mit einer modischen Halbwertzeit von 4 Monaten.

Das einzige Basic, das mich in den letzten 20 Jahren wirklich überzeugen konnte, ist die Skinny- oder Slimfit-Jeans, denn sie sieht mit einem Overlong-Pulli und hohen Stiefeln so richtig gut aus. Die dürfen bleiben. Bei einem Kunstfaseranteil von mehr als 8 Prozent in Oberteilen stehen mir heute noch die Haare zu Berge. Das meine ich wörtlich. Auch Jeans mit einem Stretchanteil von 98 % kommen im wahrsten Sinne des Wortes nicht im die Tüte, denn schon am zweiten Tag des Tragens rutscht einem der Bund bis auf die Knie, so dass ich dazu Gürtel tragen muss.

Jetzt werden Sie denken: „Die Frau ist so ein Snob.“ Bin ich nicht. Natürlich besitze ich Jeans von verschiedenen Herstellern und dazu passende T-Shirts. Natürlich trage ich Sneakers, flache Sandalen oder mal einen Pferdeschwanz, das mit der Dreiwettertaftfrau hat ja nie geklappt. Aber diese Liebe zu klaren Schnitten, weicher Wolle in Naturfarben und knitterfreiem Leinen, die war schon immer da und ist geblieben. Vielleicht stand bei meiner Geburt eine elegante Fee in einem Mantelkleid aus Angora-Cashmere-Mischung an der Wiege und hat mich verwünscht: „Du sollst dein Lebtag lang mit Kunstfasern, Mustern und Rüschen nichts anfangen können, kleine Barbara.“ Dazu wedelte sie beschwörend mit ihrem Hermès-Tuch und besprenkelte mich mit „Coco“ von Chanel. Mittlerweile halte ich alles für möglich.

Übrigens besaß ich – 30 Jahre nach meiner ersten „Vogue“, ein echtes Chanel-Kostüm. Es war schwarz, es war dezent, und… es stand mir überhaupt nicht. Diese gerade mal hüftlangen Jäckchen muss man tragen können. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit ausgestellten Schößchen und sofakissengroßen Schulterpolstern besser ausgesehen. Und schlanker auch. Wo ist Alexis Carrington, wenn man sie mal braucht?

Dem eigenen Stil in Jahrzehnten treu geblieben

Barbara Edelmann„Mode ist, was Ihnen mehrmals jährlich angeboten wird, Stil ist, was davon Sie sich aussuchen“, las ich vor ungefähr einem Jahr. Der Spruch könnte von der göttlichen Coco Chanel stammen, aber genau kann ich das nicht sagen.

„Mode“, wie Sie uns seit vielen Jahren präsentiert wird, ist dogmatisch, flüchtig und selbstherrlich. Ich habe mal versucht, in der „Hüfthosen-Ära“ eine Jeans mit normalem Bund zu kaufen und musste hierfür mehr und länger im Internet recherchieren als für meinen umfangreichsten Kriminalroman.

In meinem Leben ist oftmals manches schiefgelaufen. Gute Vorsätze wurden gebrochen, Prinzipien über den Haufen geworfen, Lebenseinstellungen haben sich geändert. Ich bin nicht mehr dieselbe, die damals in ihrem braunen Boucle-Kostüm auf der Bank saß und sich sicher war, dass irgendwann einmal alles gut sein würde und das Leben manche gute Überraschung für mich parat hätte.

Aber in einem bin ich mir immer treu geblieben und habe es niemals bereut. Und jetzt nenne ich das einfach mal „Stil“.

Mit schmunzelnden Grüßen,

Ihr Barbara Edelmann

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Hollywoodschauspieler

Hollywoods A-Liga gab sich letzten Donnerstag in der Hauptstadt die Ehre: Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, und Margot Robbie stellten in Berlin gemeinsam mit Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Quentin Tarantino dessen neunten Film ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD vor.

Anlässlich der Deutschlandpremiere des Films, zeigten sich die Superstars im SONY CENTER am Potsdamer Platz über den Dächern Berlins, bevor es anschließend direkt weiter zur Pressekonferenz ging. Vorher gaben sie sich bei den über 2000 Fans die Ehre, die am Roten Teppich mit gezückten Handys und Autogrammstiften auf ein Zeichen ihrer Idole warteten. Vor allem der ewige Sunnyboy Brad Pitt war es, auf den die vielen weiblichen Fans gespannt waren. Strahlend betrat er denn auch die Szenerie, ließ Selfies mit sich machen, gab Autogramme, lächelte geduldig.

Hollywoods Elite gab sich auf Rotem Teppich die Ehre

Die Fans waren begeistert – nicht zuletzt, weil es äußerst selten ist, dass sich gleich drei Hollywood-Stars auf einen Schlag in der Hauptstadt blicken lassen. Okay – Margot Robbie dürften vielleicht noch nicht so viele Leute kennen, doch das wird sich mit dem Streifen, der in Deutschland ab Mitte August 2019 in die Kinos kommt, sicherlich ändern.

Doch worum geht es in dem Film, für den Altmeister Tarantino einmal mehr verantwortlich zeichnet, überhaupt? Once Upon a Time in Hollywood – übersetzt „Es war einmal in Hollywood“ ist eine Verfilmung über die Morde der Manson Family.

Über den berüchtigten Manson schreibt Wikipedia folgendes:

„Charles Manson hatte im Frühjahr 1967 eine siebenjährige Haftstrafe verbüßt und wurde (…) entlassen. Er hatte im Gefängnis Gitarrespielen gelernt und reiste nach seiner Entlassung (…)  durch die USA.“

Danach scharte er eine Gruppe von – zumeist labilen – Leuten um sich und das Drama nahm seinen Lauf.

Wikipedia schreibt dazu:

„Manson führte die Gruppe (…), er entwickelte außerdem eine ganz eigene Weltsicht, die er mit Elementen aus Liedtexten (…) begründete.  Die Manson Family zeichnete Ende der 1960er verantwortlich für mehrere Morde“.

Unter den Opfern waren die Schauspielerin Sharon Tate und auch ein Ehepaar, das eine Supermarktkette besaß. Das ganze Drama ist bei Wikipedia nachzulesen.

Im Film um das Drama spielen Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie die Hauptrollen.

Manson-Drama von Altmeister Tarantino umgesetzt

Das Manson-Drama, das bis heute Menschen weltweit bewegt, in einem Film wiederzugeben, ist gewiss kein leichtes Unterfangen. Nicht zuletzt deshalb sind Cineasten und Filmkritiker gespannt, wie Regisseur Tarantino dieses Drama auf der Leinwand umgesetzt hat.

All jene können sich ab dem 15. August 2019 vom neuesten Streifen der Hollywood-Größe überzeugen und die Manson-Geschichte im Kinosaal erleben. Der Stoff dieser Story und die Besetzung der Hauptdarsteller durch Hollywoods Superstars garantieren hier Filmgenuss vom Feinsten! Einen Vorgeschmack auf den Film gibt es hier.

Bildnachweis:

Bild-ID: shutterstock_10241964dm

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/Photo Anthony Harvey/REX/Shutterstock

v.l.n.r.: Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie

Photo by Anthony Harvey/REX/Shutterstock

Alleine sein

Jeder Fünfte in Deutschland lebt allein“, las ich gestern in einer großen deutschen Zeitung. Sofort zuckten mir die Finger, ich wollte mich im Kommentarbereich an der Diskussion beteiligen.
„Aber nicht alle freiwillig“, wäre meine Antwort gewesen.

Jedoch bin ich nach einigen Erfahrungen mit Online-Foren aus Schaden klug geworden und las nur mit, denn das Kommentieren bei Facebook gleicht gelegentlich dem Versuch, mit verbundenen Augen ein Minenfeld zu durchqueren: Irgendeiner geht garantiert immer hoch.

„Jeder Fünfte“. Also zwanzig von hundert Menschen oder, auf die gesamte Einwohnerzahl der BRD bezogen, circa 16 Millionen Personen. 16 Millionen Wünsche, Träume, Lebenspläne, Hoffnungen, und entweder freie Entscheidung oder widrige Umstände, die jemanden dazu zwingen.

Mit Sicherheit ist der verwitwete Rentner dabei, der in seiner jetzt leeren Wohnung alten Zeiten nachtrauert und sich wünscht, er wäre wieder zu zweit. Die kürzlich geschiedene Arzthelferin, die sich ihr Leben noch vor 10 Jahren am Tag ihrer Hochzeit ganz anders vorgestellt hat. Der Azubi, der soeben eine neue Stelle angetreten hat in einer fremden Stadt und zum ersten Mal schockiert feststellt, dass sich die Tüte H-Milch nicht automatisch in den Kühlschrank transportiert. Oder der frischgebackene Student, dessen Lebensplan auf dem Macbook ordentlich abgespeichert eine kleine Familie mit Reihenhäuschen, zwei Kinder und einen SUV beinhaltet. 16 Millionen Leben, 16 Millionen Schicksale.

Aber gestern, im Kommentarbereich der Online-Zeitung las sich das ganz anders. Beste Sache überhaupt. Stressfreier Daseinszustand ohne nervige Lebenspartner oder Mitbewohner. Gelegentlich schüttelte ich den Kopf, musste aber dann schmunzeln, wenn ich mir die Profilbilder der jungen Leute anschaute, die von ihrem herrlichen Single-Dasein schwärmten, ungerupft vom Leben, patiniert mit übermütiger Unbefangenheit, was mich ein bisschen neidisch machte, das gebe ich zu. Denn die Unbefangenheit schwindet, wenn einen das Schicksal mal so richtig durchgerüttelt hat und das Leben in den nächsten Gang schaltet. Sobald man das erste Mal jemanden zur letzten Ruhe geleitet, sobald man ernsthaft erkrankt oder einer, den wir lieben, zerfließen unsere Vorstellungen und Glaubenssätze wie zu dünn geratener Kuchenteig. Die Youngster im Kommentarbereich allerdings schienen bisher mehr oder weniger Glück gehabt zu haben. Wie gesagt – ich war ein bisschen neidisch.

Die Verteilung der Meinungen pro/kontra Allein-Leben verhielt sich in etwa 90:10, sprich: Neun von zehn Kommentatoren schworen, dass nichts besser wäre, als allein zu wohnen.

Eine ungefähr 25jährige Frau schrieb: „Alles, was im Kühlschrank ist, gehört mir. Mir ganz allein.“ Das klingt erst mal witzig. Vielleicht kann sie aber einfach nur nicht teilen, weil sie es nie gelernt hat, und ist nicht kompromissfähig. Ich wäre gerne Mäuschen, wenn sie sich irgendwann zu einer Familiengründung entschließt. Mit Kindern bekommen Begriffe wie „mein“ und „dein“ nämlich ganz neue Bedeutungen.

Der nächste junge Mann behauptete, alles andere als allein zu leben sei ihm viel zu anstrengend. Er hätte einen stressigen Job, und „absolut keine Lust, sich nach Feierabend noch um eine Partnerin zu kümmern“. Offengestanden klang das, als vergleiche er die potenzielle Freundin mit einer Rassekatze oder einem Schäferhund, denen man abends eine Schale Trockenfutter hinstellen, das Kistchen säubern und mit ihnen regelmäßig nach draußen gehen muss. Vielleicht kommt ja auch Mutti regelmäßig bei ihm vorbei, befüllt den Kühlschrank und putzt das Klo. Lachen Sie nicht – ich kenne zwei dieser jungen Herren, bei denen das genauso abläuft. Diesen Zustand möchte man natürlich so lange wie möglich aufrechterhalten.

Der dritte schrieb: „Ich lebe nicht allein, ich habe Freunde und Bekannte.“ Beeindruckendes Statement, bis man sich beim Fallschirm-Springen, Freeclimben oder Surfen das Bein bricht und merkt, dass es gar nicht so leicht ist, mit einem Gipsbein und zwei Krücken mehrere Kästen Mineralwasser in den dritten Stock zu schleppen, weil die Freunde und Bekannten alle bei der Arbeit sind und keiner da ist, der einem hilft.

Einer meinte, allein zu sein sei das einzig Wahre, denn er könne nur dann „zocken, wann immer er wolle“. Stellen Sie sich bitte keinen bei dem Wort „Zocken“ keinen Mittvierziger beim Skat vor, sondern einen bleichen Jüngling an der Switch oder der Playstation, der salzsäulengleich mit dem Controller in der Hand zu eigenständiger Kommunikation nur mehr rudimentär fähig ist. Meist reicht es gerade mal für den Pizza-Service. Aber dafür gibt’s jetzt schon eine App.

„Ich bin nicht allein, denn ich habe Freunde und Bekannte.“ Klingt klasse, ganz ehrlich. Allerdings stelle ich fest, dass der Begriff „Freundschaft“ heutzutage inflationär verwendet wird. Weil ich ziemlich sicher bin, dass mir von meinen Facebook-Bekanntschaften im Falle einer schweren Grippe keiner Tomatensuppe oder Klopapier besorgen wird, während ich mich röchelnd in meinem Bett wälze.

Echte, lebendige Freunde, in 3D und Farbe sind selten. Nur weil mich Joschi neulich zu seiner Housewarming-Party eingeladen und beim Verabschieden gemeint hat: „Wir müssen mal einen zusammen saufen, Alter“, ist er nicht mein Freund – den könnte ich nämlich nachts um 1:00 Uhr anrufen, wenn ich mit dem Auto mitten in der Pampa stehe und der ADAC nicht erreichbar ist. Der schaut bei mir vorbei, wenn ich ihn anschreibe: „Bitte komm, mir geht es mies“, der nimmt mich ernst, kennt mich und mag mich auch ungeschminkt und pleite.

Wie viele von denen haben Sie?

Aber zurück zu dieser Debatte im Kommentarbereich über die Tatsache, dass jeder Fünfte in Deutschland allein lebt. Ein Gros der Leserschaft war definitiv noch keine 40 und verteidigte seinen Lifestyle vehement gegen alle vorsichtigen Fragen, „ob das denn wirklich immer so toll sei“. Einzig ein älterer Herr gestand verschämt, dass er seit sieben Jahren verwitwet sei und sich nun daran gewöhnt hätte. Es klang allerdings nicht begeistert.

Fassen wir zusammen: Alleinsein ist klasse. Ihr Klo gehört ihnen. Alles, was im Kühlschrank ist auch. Und gestört werden sie ebenfalls nicht, weder beim Zocken noch beim Binge-Watching (mittlerweile gängige Bezeichnung für Serien-Marathons) oder bei… ach, was weiß ich denn, eventuell bei Ihrer essenziellen Arbeit an einem neuen Wundermittel gegen Krebs oder Laufmaschen.

Also, alles gehört ihnen. Sie müssen „alles, das Ihnen allein gehört“, aber auch allein saubermachen, befüllen und mit einer Grippe und zittrigen Knien das Wasser für ihre Wärmflaschen erhitzen. Sie müssen allein zum Wertstoffhof, allein den Urlaub buchen, allein Ihren Vater im Krankenhaus besuchen, wenn er dann gestorben ist, allein weinen, sich allein darüber Gedanken machen, was in fünf Jahren sein mag oder in zehn, und im Supermarkt genau überlegen, ob Sie wirklich die Großpackung Nudeln brauchen. Gibt’s eben wieder ein Wurstbrot.

Freunde haben nämlich oft keine Zeit und was anderes vor, wenn man sie dringend bräuchte und unter Umständen dieselbe Lebenseinstellung wie man selbst…

Jemanden mit Hühnerbrühe und frischen Papiertaschentüchern zu bemuttern, der gerade mit Grippe im Bett vor sich hin dämmert, ist unbequem, macht Arbeit und ist gefährlich, denn man könnte sich eventuell anstecken.

Außerdem läuft die neue Serie bei Amazon, und man hat sich eben eine Pizza bei „Lieferando“ bestellt. „Tut mir leid, Hendrik-Thorben, äh, es geht grad nicht, muss gleich weg. Du kommst schon klar. Melde dich, wenn du wieder gesund bist, dann machen wir was zusammen, ok?“

Hendrik, ruf einfach deine Mutter an. Die ist ohnehin dein bester Freund. Aber das wirst du noch lernen.

Man hat manchmal das Gefühl, Freunde seien heutzutage nur noch eine Art Lifestyle-Accessoire, wie eine winzige strassbesetzte Handtasche oder ein glitzerndes Paar Sandaletten. Sehen klasse aus, sind aber nicht wirklich praktisch. Freundschaften können sich abnutzen, schneller als Kunstleder, das bei Gebrauch abzublättern beginnt, hässlicher als Baumwollstrick mit ausgebleichten Rändern am Bündchen nach der Wäsche. Man sollte sie nicht überstrapazieren. Denn Freunde haben alle ein eigenes Leben, und genau das vergessen wir gelegentlich.

Zwar vertrete ich nicht die Ansicht, dass man sich allein aus pragmatischen Gründen einen Mitbewohner oder Lebenspartner zulegen sollte, nur damit Hausarbeit und Einkommen geteilt werden können. Aber ich habe so eine leise Ahnung, dass einige der Kommentatoren in ihrem jugendlichen Überschwang überhaupt nicht damit rechnen, dass ihnen das sogenannte „Real Life“ vielleicht irgendwann einen Strich durch die Rechnung machen könnte. In Farbe, 3D und Stereo.

Im echten Leben geht es nämlich nicht zu wie in einer Sitcom (alle 20 Sekunden der vorgeschriebene Lacher), da kriegt man Zahnschmerzen oder Bauchweh, muss dringend in die Ambulanz wegen unklarer Oberbauch-Schmerzen, hat sich den Fuß verknackst und kommt nicht mal bis zum Bad, um sich ein Aspirin zu angeln, geschweige denn ins Bistro, wo heute die witzige Runde mit den schlagfertigen Dialogen ohne einen stattfindet. Im echten Leben passieren schlimme Dinge und wenn eine Freundschaft ein Schirm wäre, der uns vor dem Regen beschützt, dann lassen sich manche nicht mal aufklappen, sobald die ersten Tropfen fallen.

Ganz ehrlich, manchmal beneide ich die Jugend um ihre herrliche Unbefangenheit, mit der sie durchs Leben trudelt und sich sicher ist, ihnen würde nie etwas Übles zustoßen. Den Glauben, dass alles immer so weitergeht. Die absolute Sicherheit, dass schreckliche Dinge nur immer anderen passieren, die man sich dann bei YouTube reinzieht, um sich wohlig zu gruseln.

Es genügt aber ein einziger kleiner Unfall mit dem E-Roller, und man lernt schnell, dass die „Rückwärts“-Taste nur auf der Fernbedienung funktioniert um einen wieder in den unberührten gesunden Wunsch-Zustand zu versetzen. Es gibt keine App für die Schicksals-Verwaltung, höchstens einen fiesen Zufallsgenerator, der willkürlich Grausamkeiten auswirft, die unser bisheriges Leben innerhalb von Sekundenbruchteilen verändern. Immer wieder sehe ich Fotos von Autos, die von jungen Leuten gefahren und an einem Baum zerquetscht wurden. Rollstuhl, Krankenhaus, Reha, Job weg, das war’s.

Und DANN wird sich zeigen, wie viele Freunde man hat. Ein richtiger Augenöffner.

„Ich lebe allein und finde das super.“ Dann verstehe ich nicht, warum Online-Partnerbörsen einen seit Jahren andauernden Boom erleben und die „Hallo Partner“-Seite im örtlichen Käseblatt von beinahe verzweifelt klingenden Bekanntschaftsanzeigen überquillt.

Wie viele der eifrigen Hüter ihrer Single-Appartements tindern regelmäßig auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Right? Wie erklärt es sich, dass Liebes-Schnulzen nie aus der Mode kommen, egal, wie bescheuert sie sind, dass am Ende jedes Films immer noch das Happy-End in Form einer weißen Hochzeit stehen muss? Mir scheint, als seien die meisten weiterhin klammheimlich verbissen und gelegentlich verbittert auf der Suche. Und solange sie suchen, behaupten sie, dass sie es gar nicht tun. So wird natürlich auch ein Schuh draus.

Wenn dann Mr. oder Mrs. Right auftauchen, wie geht’s weiter? Besucht ihr euch immer gegenseitig in euren Lofts mit vollgepackten Reisetaschen, in die irgendwann noch der hoffnungsvolle Nachwuchs passen sollte? Oder fängt man dann doch an, sein Lebensmodell zu überdenken? Wohin mit den ganzen selbstverwirklichenden, hedonistischen Einzelgängern?

Und ich rede jetzt nicht von den Leuten, die gezwungenermaßen allein leben, weil sie momentan metaphorisch gesehen „aus der Kurve geflogen“ sind, sondern von allen, die immer krähen, wie super sie es finden, dass sie nicht teilen, nicht kümmern, nicht nachgeben, keine Kompromisse anstreben wollen. Ich rede von denen, die behaupten, ihr Leben wäre super. Immer auf Hochglanz, immer irgendwo ein brennendes Teelicht auf dem frisch abgeschliffenen Vintage-Tisch vom Flohmarkt. Und zack – rein zu Instagram damit, weil alle sehen sollen, wie gut es mir geht.

Wenn ein großer Bekanntenkreis oder Freunde genügen („Ich lebe nicht allein, ich habe Freunde und Bekannte“), warum dann diese permanente Eigenwerbung in Form von Selfies mit Duckface und verführerischem Blick hinter halbgeschlossenen Lidern? Wenn dieser Lebensstil das Non plus Ultra ist, wenn alle wirklich so zufrieden sind, zocken können, wann immer sie wollen, fernsehen bis der Arzt kommt, warum suchen dann so viele? Ach, ich würde so gerne mal fragen. Aber ich bekäme vermutlich nur eine ausweichende Antwort.

Ich gestehe ganz ehrlich: Auch ich genieße Zeiten des Alleinseins. Da kann ich mich in der Trainingshose auf meiner Couch fläzen, mir acht Folgen meiner Lieblingsserie am Stück angucken, das schmutzige Geschirr auf der Spüle stehen lassen und hemmungslos mit meiner Freundin chatten, bis der Finger blutet. Ab und zu ist das so richtig schön.

Freiwillig allein zu sein ist etwas anderes, als es dauernd sein zu müssen. Wenn man erst mal ein gewisses Alter erreicht hat, dann fühlt es sich nicht mehr ganz so toll an. Als stünde man verloren auf einem riesengroßen menschenleeren Platz, schutzlos allem ausgeliefert, was das Schicksal uns zukommen lässt. Je älter man wird, um so geringer wird auch die Aussicht, dass es sich dabei um den edlen Ritter auf dem weißen Ross handelt, und man sollte besser täglich, statt mit einem Schimmel plus Ritter, mit einem führerlosen Müll-Laster rechnen, der einen plattwalzt. Irgendwann ist der Spaß vorbei. Auch das gehört dazu. Man nennt es „Erfahrung“.

Wenn jeder so zufrieden mit sich ist, warum gehören zum modernen, hippen „Allein-Leben“ Hipsterbärte, Ganzkörperrasuren, Ohrringe, Herren-Manikür-Sets, Fitness-Studios, Body-Öle mit Erdbeer-Aroma, Eiweiß-Nahrung für schnelleren Muskelaufbau, Brazilian-Waxing, Gelnägel, künstliche Wimpern und ständig neue Klamotten? Wofür all die Instagram-Accounts mit gephotoshoppten Selfies, auf denen man aussieht, als hätte jemand die Kameralinse des Handys mit Butter eingeschmiert?

Da sitzen sie dann in ihren Single-Wohnungen, polieren ihr Angebot, epilieren es, gelen es, cremen es ein, pudern und schminken und frisieren es. Und merken es nicht. Denn auch Beziehungen sind kein Accessoire – die erfordern harte Arbeit, täglich neue Kompromisse und ein gerüttelt Maß an Toleranz. Jemand, der aber an einem eingerissenen Gelnagel verzweifelt, wird sich da schwertun…

Ich mag Authentizität. Und die finde ich heutzutage selten. Mein junger, durchaus attraktiver Neffe, sitzt nächtens in seiner gestylten Single-Wohnung und sucht online ein nettes Mädel. „Ich fühle mich wohl, pah, wer braucht schon eine Freundin“, tönt er. Und trotzdem benimmt er sich wie ein Süchtiger auf „cold turkey“ – kaltem Entzug.

Sehen Sie, DAS meine ich. Alleinsein ist nur schön, wenn man es freiwillig tun kann. Wird es einem vom Leben aufgezwungen, benennt man es um in „Einsamkeit“. Und die hat scharfe Krallen.

Alleinsein ist das Design-Accessoire unter den Zuständen, ein delikater Luxus, der uns Freiraum verschafft für Dinge, die wir gern tun oder für die wir keine Zeugen gebrauchen können. Aber die Übergänge zur großen, bösen Schwester, der Einsamkeit, sind fließend. Ehe man sich versieht, hat man die unsichtbare Grenze überschritten. Und da wartet sie, um uns Löcher ins Herz zu schlagen, uns den Mut zu nehmen, uns auf uns selbst zurückzuwerfen, der flüsternden Stille auszusetzen, die lauter sein kann als jedes Konzert von Rammstein.

Erinnern Sie sich noch an die Serie „Golden Girls“ aus dem Jahre 1985? Rose, Blanche, Dorothy und Sophia, alle zwischen 55 und 80, leben in der Villa von Blanche zusammen, wo jede ein eigenes Zimmer bewohnt. Sie amüsieren sich mit verschiedenen Männern, trösten sich gegenseitig mit Käsekuchen und guten Ratschlägen bei Liebeskummer und vermitteln dem Zuschauer vor allem eines: dass Leid tatsächlich halbiert und Freude verdoppelt werden können, wenn man sie mit anderen teilen kann.

„Freundschaften“ sind die neue Ehe, die ermöglichen einem ein unabhängiges Leben voller Spaß mit null Verzicht oder Kompromissen, das Äquivalent von Zucker-Ersatz beim Backen, das Kunstleder unter den Halbschuhen, das Low-Carb bei der neuen Diät. Genuss ohne Reue.

Meiner Meinung nach war die Serie „Golden Girls“ nicht ausschließlich wegen der charismatischen Hauptdarstellerinnen Betty White (Rose), Bea Arthur (Dorothy), Estelle Getty (Oma Sophia) und Rue McClanahan (Blanche) so erfolgreich, sondern weil sie dem Zuschauer etwas Wichtiges vermittelte: eine allen Krisen und Anfechtungen standhaltende Freundschaft – allerdings in Ermangelung von passenden Lebensgefährten.

Dieses Prinzip wurde später von der Serie „Friends“ sehr erfolgreich fortgeführt und fand anschließend in Produktionen wie zum Beispiel „New Girl“ mit der bildhübschen Zooey Deschanel oder „How I met your mother“ seinen vorläufigen Abschluss.

In unseren schnelllebigen Zeiten der Ent-Solidarisierung („Will mich nicht um jemanden kümmern, das ist nur Stress“) scheint der Wunsch nach echten zwischenmenschlichen Beziehungen, nach Halt und sozialen Auffangnetzen, eine tiefsitzende menschliche Sehnsucht zu sein, auch wenn es nicht zugegeben wird. Fast alle von uns fühlen sich irgendwann einmal einsam, so ganz tief im Inneren, an diesem beängstigend dunklen Fleck in unserem Herzen, in den wir nie jemanden hereinlassen, und der nur mit Spezialausrüstung zugänglich ist. Da schauen wir nie hin, wir vermeiden es, uns dieser unheimlichen Stelle zu nähern. Das könnte wehtun.

Tut es.

Und so tönen sie ganz laut, wie glücklich sie sind, dass sie es gar nicht anders wollen. Wenn ich ehrlich bin, macht mich das ein wenig traurig. Ich höre Kinder im dunklen Keller pfeifen, sehe Lebensmodelle, die über kurz oder lang der Wirklichkeit zum Opfer fallen werden, registriere diese herrliche Unbefangenheit, und ich nehme Unschuld wahr. Aber ich erkenne auch Hedonismus, Egoismus und eine soziale Kälte, Vereinsamung, auf eine ganz perfide Art und Weise

Denn zufrieden sind sie nicht. Alle wollen wir doch sie haben, diese Freundschaft, die immer hält, ein paar Menschen – es müssen ja nicht viele sein – auf die wir uns verlassen können, die uns in schwarzen, sepiagefärbten Tagen zur Seite stehen, uns trösten, uns zur Beerdigung des Opas begleiten. Nicht jeder von uns hat das Glück, einen Partner fürs Leben zu finden, mit dem man alles teilen kann, darum sind echte Freunde wichtiger als je zuvor. Und es ist schwieriger als je zuvor geworden, welche zu finden. Zwischen Binge-Watching, Zocken und coolen Freizeitaktivitäten bleibt man auf der Strecke, wenn man nicht mithalten kann in diesem Wettbewerb um das coolste Dasein, die größtmögliche Abgeklärtheit und die exzentrischste Selbstdarstellung. Da sind „Freunde“ dann nur noch unbezahlte Claqueure. Sie klatschen und loben uns, wir sie auch. Und wenn es nichts mehr zu beklatschen gibt?

Der Kern meiner Aussagen ist folgender: Wer Alleinsein als andauernden Glückszustand enpfindet, braucht Freunde, die auch im Schleudergang des Lebens zu einem halten, nicht nur während der Weichspülung. Aber dafür ist uns dank unzähliger Hollywood-Produktionen und immer mehr „Ich, ich, ich“ das Gespür verlorengegangen.

Wer fängt diese jungen Menschen auf beim ersten rauen Wind, wer holt sie aus den versifften Schlammgruben des Schicksals, in denen jeder von uns mal landet? Was haben wir vergessen, der Instagram- Snapchat- und Facebookgeneration beizubringen? Ist es wirklich nur der Übermut der Jugend, oder haben wir etwas Essentielles übersehen? Sind Begriffe wie „Anstand, Pflichtgefühl“ tatsächlich komplett überholt? Oder möchte ich nur ein paar unbefangenen jungen Menschen Dinge aufbürden, die nicht mehr in Mode sind?

Mich um andere zu kümmern, denen es schlecht geht, hat mich auch mit 25 schon „gestresst“. Das gebe ich zu. Ich hab‘s aber trotzdem getan, denn irgendwann war ich dann die, um die sich jemand gekümmert hat. Und ich war sehr dankbar und bin es heute noch. Mit dem „Kümmern“ hab ich übrigens nie aufgehört…

Man kriegt immer nur das raus, was man selbst auch gegeben hat. Im Falle von „Alles im Kühlschrank gehört mir, mir allein“, frage ich mich, wie es dann mit der Liebe aussieht – dem Wichtigsten, das wir zu verschenken haben? Oder mit emotionalen Bedürfnissen anderer? Sind solche Menschen überhaupt zu selbstlosem Tun imstande? Jemanden zu lieben, bis dass der Tod einen scheidet, eines Kindes wegen auf vieles zu verzichten?

Freunde sind wichtig. Keine Frage. Allein zu leben kann nett sein und komfortabel. Aber Dinge ändern sich. Manchmal schneller, als einem lieb ist.

Eins ist aber sicher: Keine der „Golden Girls“ wäre sechs Wochen tot in ihrem Zimmer gelegen, ehe es jemandem auffällt. Bei Hendrik-Thorben bin ich mir nicht so sicher. Wenn der sich zwei Monate nicht meldet, könnte er ja grade auch mit dem Mountainbike im Himalaya auf Selbstfindungstrip sein. Und da er allein lebt, muss er auch niemandem Bescheid geben. Er wirft einfach Power-Bank, Solar-Ladegerät und Prepaidkarte in einen nachhaltig erzeugten Rucksack, checkt ein und fliegt los. Wir sehen ihn dann garantiert bei Instagram oder Facebook, wo er seine lachenden Selfies vor dem Abgrund mit allen Freunden teilt.

Oder auch nicht…

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

 

Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal privat länger telefoniert?

Ich selbst vor einer Woche, indem ich meine Gesprächspartnerin quasi dazu nötigte. Kurzentschlossen wählte ich ihre Nummer, und versehentlich nahm sie ab.
Diese Verlegenheit, dieser Moment, wenn man merkt, der andere ist unangenehm berührt, sie waren beinahe körperlich spürbar. Als hätte ich die Arme auf der Toilette erwischt.

Scheinbar verletzt man mittlerweile ein Tabu, wenn man es wagt, jemanden während seiner sauer verdienten Freizeit zu stören, weil diese anscheinend das Äquivalent einer geschützten Tierart geworden ist und mittels „Work-Life-Balance“ verwaltet wird. Mit App natürlich. Freie Zeit teilt man nicht mit jedem – da ist man sehr selektiv geworden. Immerhin geht alles auch schriftlich, was der landläufigen Meinung zufolge weniger aufwändig und wesentlich unproblematischer ist.

Ja – es ist tatsächlich zum „Aufwand“ mutiert – dieses Einlassen auf ein paar Worte am Telefon, sei es nun Festnetz oder mobil. Weil man vielleicht mit den meisten Leuten gar nicht mehr reden möchte? Weil man im direkten Gespräch dessen Verlauf nicht beeinflussen kann? Es ist schwieriger, zu sagen: „Sorry, ich muss jetzt weg, habe Stress“, als das ins Display des Smartphones zu hacken. Stimmen sind so verdammt verräterisch.

Ich bin übrigens schmerzfrei bezüglich dieser „peinlichen“ Momente, denn ich weigere mich standhaft, mich der neuen Zeit gänzlich anzupassen und sämtliche Unterhaltungen nur noch über irgendeinen Messenger zu führen. Was gerade modern ist, hat mich noch nie interessiert, das galt nicht nur seinerzeit für neonfarbene Leggings mit Zebrastreifen oder überdimensionale Schulterpolster, sondern ist bis heute Teil meiner Lebenseinstellung und betrifft auch Zwänge in jeder Form.

Wenn eine verstümmelte Kommunikationform von Millionen Menschen innerhalb weniger Jahre als neue Gewohnheit angenommen und praktiziert wird und ich gar keine andere Wahl habe, als mitzumachen, betrachte ich das als Zwang. Was „man“ tut, tangiert mich nicht. Die beste Methode, mir einen Film oder ein Buch schon im Vorneherein nachhaltig zu vermiesen ist der im Befehlston formulierte Satz:

„Den/das MUSST du einfach sehen/lesen.“ Das gilt auch für Musikstücke und Sushi-Varianten, bei denen der Fisch noch zappelt. Ich mag ganz einfach nicht „müssen“. Basta.

„Normalerweise vereinbart man einen Termin über Whats App, und dann erst telefoniert man“, erklärte mir neulich ein Münchener Geschäftsmann. Ich hatte ihn kurzentschlossen angerufen, denn er antwortet selten auf Nachrichten schneller als nach drei Tagen. Schon wieder dieses „man“. Nö. Danke. Man muss sich das einfach mal vorstellen, dieses Umständliche, Komplizierte, dem wir uns freiwillig hingeben. Anstatt zum Smartphone zu greifen und eine Nummer zu wählen, tippen wir erst mal umständlich eine Message mit dem Inhalt „Wann wäre es denn in Ordnung?“ Dass ich das bei einem gestressten Aufsichtsratsvorsitzenden tun muss, sehe ich ein. Aber ganz ehrlich: Wer von uns ist bitte so beschäftigt, dass er nicht mal mehr ein paar persönliche Worte wechseln kann? Es muss ja keine Stunde sein, oft genügen fünf Minuten.

Natürlich habe ich Whats-App installiert. An manche Personen komme ich ja schon gar nicht mehr anders heran. Warum aber bitte muss ich ein genau definiertes Zeitfenster vereinbaren, um mit einer Person zu reden? Was ist passiert?

Das erste Smartphone (von Apple) wurde 2007 auf den Markt gebracht, das sind gerade mal 12 Jahre. Innerhalb dieses Zeitraumes sind nach und nach kommunikative Praktiken erodiert und an den Rändern ausgefranst. Auf einmal ist es modern, so wenig wie möglich zu reden. Ich fasse zusammen: Telefonate nur noch nach Voranmeldung. Es sei denn, sie finden im Kino, wenn gerade der Film beginnt (letzte Woche erlebt), im Speiselokal am Nachbartisch, im ICE in voller Lautstärke (ständig) oder an anderen Orten mit möglichst viel Publikum statt. Das muss ich verstehen – der Typ hatte mit Sicherheit einen Termin über Whats-App vereinbart…und er ist wichtig.

Holt mich hier raus. Bitte.

„Ich habe im Moment keine Zeit“, höre ich häufig, wenn es darum geht, mal zu telefonieren. „Puh, so viel Stress, da müssen wir eine Uhrzeit finden, wo es nicht ganz so eng ist“, erklärte mir neulich eine Bekannte im Facebook-Messenger. Sie ist Hausfrau, mit drei erwachsenen Kindern, die alle im Ausland leben, und vertreibt sich die Zeit hauptsächlich in Dessous-Läden oder auf den Websites von Online-Shops. Selbstverständlich kann das dermaßen in Stress ausarten, dass man keine Zeit mehr für andere Menschen hat. Verstehe ich, Sabine. Und ich rufe dich auch nicht mehr an. Versprochen.

Es ist wie eine um sich greifende Epidemie, dieses langsame Sterben einer essentiellen Kommunikationsform. Nachdem sich jetzt sogar meine verehrte Frau Mutter mit ihren 83 Jahren ein Smartphone angeschafft hat, um ihre überlästigen Enkel auf einfachem Wege abwimmeln zu können (Meine Mutter ist immer unterwegs, da nerven die Gören nur, wenn sie fragen: „Oma, kann ich zum Essen kommen?“), werde ich wohl meine eigene Verweigerungshaltung nochmals überdenken müssen.

Sollte ich meine Mama tatsächlich mal ans Telefon bekommen, dann benimmt sie sich übrigens, als müsste sie innerhalb der nächsten dreißig Minuten in Saudi-Arabien eine brennende Ölquelle löschen und sofort in ihren Supergirl-Dress hüpfen, um loszufliegen.

Meine Freundin Ella verweigert sich ebenfalls. 48 Jahre alt, Mutter von drei entzückenden, mittlerweile erwachsenen Töchtern, liebevolle Ehefrau, hangelt sie sich atemlos durch ihr Leben, das aus zwei Jobs, einem zwei Quadratkilometer großen Garten und einem Haus, das von der Geräumigkeit her einer Reithalle ähnelt, besteht. Ella hat nie Zeit, und wenn sie welche hat, dann erträgt sie kein anderes Geräusch als das Rascheln einer Chips-Tüte oder das Öffnen der Kühlschranktür, um die Schokolade mit Praline-Füllung rauszuholen. Sie hat sich gegen den ganzen Stress, von dem sie umgeben ist, und durch den sie sich quält, einen Panzer aus mindestens 60 überflüssigen Kilos angefuttert, von dem sie glaubt, dass er sie beschützt, den sie aber hasst. Weswegen sie sich übrigens noch mehr von der Außenwelt separiert. Und noch mehr isst. Immer, wenn sie sich besonders beschissen fühlt, macht sie alle Schotten dicht. Analog und digital.

Sie sehen – es gibt viele Gründe für sozialen Rückzug.

Man geht nur noch ran, wenn man muss. Im Messenger kann ich nämlich sein, wie ich gesehen werden möchte. Aber bei einem Anruf hört meine Freundin vielleicht, dass ich gerade ins Sofakissen geschnäuzt habe, weil ich mich so elendiglich fühle.

Seit zwei Jahren versuche ich, einen Termin zu vereinbaren, an dem Ella und ich uns zum Grillen treffen, mal gemütlich zusammensitzen können und ein bisschen plaudern können.
„Toll, machen wir!“, ruft sie immer enthusiastisch, wenn ich sie wirklich mal an den Apparat bekomme, was höchstens einmal innerhalb von drei Monaten vorkommt. „Wir schreiben und klären das über Whats App.“ Das geht so seit mittlerweile zwei Jahren.

Gelegentlich kommt dann eine Nachricht von ihr: „Ich kann bald nicht mehr und bin total fertig mit den Jobs und dem Haus und dem Kochen und so.“
Ich: „Du Arme. Bussi-Emoji.“ Manchmal verschicke ich auch zwei Emojis.

Sie müssen wissen: Ich tippe nicht allzu gern auf dem Handy-Display herum, vor allem, wenn die Sonne draufscheint. Mehr Anteilnahme würde sie bekommen, wenn sie bei mir anriefe, aber das ist ihr wiederum zu intim. Als würde ich mit jedem Wort, das ich sage, einen geheimen Raum betreten, der nur ihr gehört. Ist das wirklich alles, was die Menschen heutzutage noch wollen? Bussis, Herzchen, Röschen und winzige bunte Blumensträuße? Bei Geburtstagen zusätzlich vielleicht noch eine stilisierte Torte oder ein aus dem Internet heruntergeladenes Bildchen mit einer Kerze.

Ihr könnt mich bald alle, ehrlich. Aber es sind so viele mittlerweile, so schrecklich viele.

„Ich habe keine Zeit für Gespräche“ wird heute tatsächlich als glaubhafte Ausrede gesellschaftlich akzeptiert. Das behaupten Schüler, Rentner, Hausfrauen und genervte Angestellte gleichermaßen. Sie benehmen sich, als wäre Telefonieren etwas sehr Privates, beinahe wie Sex oder Stuhlgang. Schließlich geht jedes Wort von ihrer nicht vorhandenen Zeit ab. Es klingt immer so, als hätte ich allein 24 Stunden täglich zur Verfügung, und sie nur 14. Vielleicht bin ich ein Vampir. Oder ein Relikt.

„Wir haben 20 Minuten“, erklärte mir Beatrix, eine Journalistin im Ruhestand, letztes Jahr am Telefon. „Dann müssen wir aufhören. Ich möchte nicht zu lange reden. Das strengt mich zu sehr an.“ Wenigstens ist sie konsequent.

Ich kenne wirklich viele Leute. Die meisten behaupten, sie könnten sehr schlecht „Nein“ sagen. Dabei sind sie wahre Meister im Abgrenzen von der unerwünschten Außenwelt. Und die „Außenwelt“, das bin leider ich. Um mich macht sich aber keiner Gedanken, die ich mich zurückgewiesen und gekränkt fühle. Es ist ja die neue Zeit. Und da muss ich durch.

Kürzlich hatte mein Neffe schlimmen Liebeskummer, denn er war von seiner Freundin nach fünf Jahren abserviert worden. Sagenhafte drei Stunden schrieben wir auf Whats App hin und her, bis ich vorschlug: „Können wir telefonieren, das Getippe geht mir allmählich auf den Keks?“

Schwupp, war er offline und meldete sich nicht mehr. Für einen kurzen Moment schämte ich mich, denn ich kam mir vor, als hätte ich von ihm etwas Unzumutbares verlangt, oder noch schlimmer: etwas Altmodisches, etwas das nur alte Leute tun. Es wirkt schon, das Digitale. Die schöne neue Welt. Bei jedem. Bei allen. Tippen auf einem winzigen Display ist zum Ersatz für wirklichen echten Trost geworden. Man kritzelt ja auch keine Notizen mehr auf die Rückseite von gebrauchten Briefumschlägen, sondern macht Screen-Shots mit dem Handy oder diktiert sie einer App, die heutzutage ein zerknittertes Stück Altpapier und einen Kühlschrankmagneten an der Pinnwand ersetzt.

Kann man aus meinen Worten herauslesen, dass es mich allmählich anödet? Dieses sinnlose Verschicken von bunten Bildchen mit geklauten Sinnsprüchen zum Geburtstag, Weihnachten oder Silvester zum Beispiel. Mein Smartphone-Speicher quillt regelmäßig an den Feiertagen über von redundanten Zeichentrickfilmchen mit Schweinchen, Häschen, Kätzchen und anderen Lebewesen.

Ich kann einfach nicht fassen, wie viele Leute glauben, dass ein schlecht gemachter Cartoon mit Untertiteln den Ansprüchen von jemandem genügt, der mit handgeschriebenen Briefen auf echtem Papier aufgewachsen ist. Ja. Ich bin alt. Zumindest so alt, dass ich es geschmacklos finde, wenn ich zum Geburtstag von Leuten, denen ich persönlich einen liebevoll zusammengestellten Fresskorb vorbeigebracht habe, nur eine SMS bekomme, die bestenfalls das Bild eines Kuchens enthält. Ich werde mir künftig diese Arbeit auch nicht mehr machen. Gut für mein Budget.

Jedes Jahr vor Heiligabend wird es besonders schlimm.

„Wish You a merry Christmas.“ Dazu ein paar stilisierte Notenblätter oder kitschige Engelchen, gerne animiert, und schon hat man sich wieder Porto gespart. Auch das mühselige Schreiben mit einem Kuli entfällt. Ja, du mich auch. Wo ist eigentlich „Weihnachten“ geblieben? Oder Deutsch? War es zu mühsam, wenigstens ein einziges knallbuntes Christbaum-Foto mit Untertiteln in unserer Sprache herauszusuchen? Ich antworte nie auf solche Video-Clips, ich sehe sie mir nicht mal an und schreibe auch nicht „Danke“. Dafür ist MIR zum Beispiel meine Lebenszeit zu schade. Was ich daran erkennen kann, ist, dass sich keiner mehr Mühe macht.

„Effizienz“ heißt das Zauberwort. Einsparung von überflüssigen Bewegungen, Gedanken und Handgriffen. Wir rationalisieren uns zu Tode.

Bis letztes Jahr habe ich alle meine Weihnachtskarten persönlich geschrieben. Über den Inhalt jeder einzelnen habe ich nachgedacht und die Zeilen individuell formuliert. Ich habe die Dinger eingetütet, zugeklebt, adressiert (noch mehr Arbeit) und frankiert (ja, gekostet hat es auch etwas). Resonanz? Keine. Die übliche Schwemme an Engelsbildchen und animierten Christbäumen am 24.12. Keine Sekunde früher. Unsere Konversation, ja die gesamte Kommunikation, wird rudimentär. Alles geschieht nur noch bruchstückhaft. Damit werden auch die Möglichkeiten, uns auszudrücken, geschmälert.

Ein Satz im Messenger kann sehr schnell missverstanden werden, denn Ironie muss mittlerweile als solche gekennzeichnet werden. Wissen Sie, warum? Weil man es an der Stimme hört, wenn jemand sarkastisch ist. Entfällt die Tonlage, oder ein Lachen vielleicht, schleichen sich Irrtümer ein, und irgendwer bekommt es garantiert in den falschen Hals. Ist mein Whats-App-Gesprächspartner (welch eine Worthülse), dann erst mal so richtig verstimmt, erfordert es Geschick und Geduld, diese Unstimmigkeiten wieder zu bereinigen. Da dürfen Sie dann eine Menge tippen.

Stimmbänder haben schon ein paar Vorteile. Ehrliches Bedauern, das man aus einer Entschuldigung heraushören kann zum Beispiel.

Die Kommunikation verschwindet im Alltag. Sie schrumpft stückweise in sich zusammen wie ein Ballon, der allmählich die Luft verliert, immer kleiner und unansehnlicher wird. Und wer aufs Telefonieren angewiesen ist, wer zum Beispiel kein Smartphone besitzt, geschweige denn einen Messenger, hat in Zeiten, in denen sogar jeder kleine Kirchenchor über Whats-App vernetzt ist, schlechte Karten. Der ist unmodern. Ein Ewiggestriger. Hinter seiner Zeit zurück. „Waaaas? Du hast kein Whats App? Mann, bist du altmodisch.“

Ganz ehrlich: Das allein ist schon ein Grund für mich, mein eigenes Verhalten diesbezüglich zu überdenken, denn es gefällt mir nicht, in welche Richtung sich das entwickelt.

Sozialer Rückzug ist eines der Anzeichen für eine Depression, lese ich immer wieder in einschlägigen Büchern. Wir alle haben diese ominöse, nicht messbare Tabuzone um uns herum, die je nach wissenschaftlicher Studie zwischen 30 Zentimeter bis zu eineinhalb Metern in unserem Radius umfasst und zum Teil sogar mit Instrumenten messbar ist. Kommt uns jemand zu nahe und überschreitet diese unsichtbare Tabuzone, dann fühlen wir uns unwohl.

Mit unserer Art der Verweigerung persönlicher Kommunikation, mit dem Ablehnen von Telefongesprächen oder echtem Kontakt zum Beispiel, dehnen wir diese Tabuzone mittlerweile ins Unendliche aus. Sie können auch Ihren Kumpel in Thailand blockieren, damit der Sie nicht mehr über Whats-App kostenfrei anrufen kann. Ach was, Sie können die ganze Welt blockieren. Wie praktisch.

Ist das nicht merkwürdig? Wir haben wesentlich mehr Möglichkeiten zur Kommunikation als je zuvor und nutzen immer weniger davon. Irgendetwas bleibt auf der Strecke, und ich befürchte, es ist die Menschlichkeit. Ein Bekannter von mir hat vor zwei Jahren tatsächlich meiner Freundin zum Tod ihres Mannes eine SMS mit dem Inhalt: „Herzliches Beileid“ geschickt. Mehr nicht.
Finden Sie das gut? Ich nicht. Und das gebe ich offen zu.

Wir sind einsamer als früher, vielleicht, weil wir uns bedrängt fühlen von dieser Erreichbarkeit rund um die Uhr. Jeder kann uns zu jeder Zeit anmailen, anschreiben, anrufen. Sich mittlerweile unsichtbar zu machen, ein paar Stunden auszuklinken aus dem alltäglichen Wahnsinn, erfordert ziemlichen Aufwand, denn einfach das Telefon auszustecken wie früher funktioniert nicht mehr.
Das war einmal. Und man muss sich peinlichen Fragen stellen.

„Hast du mich etwa blockiert?“ „Ich habe genau gesehen, dass du vorhin noch online warst. Wieso antwortest du nicht?“ „Du hast doch bei Facebook was gepostet um 21:20 Uhr. Aber auf meine SMS von 21:15 schreibst du nicht zurück.“ Überwachbar sind wir geworden. Erreichbar und kontrollierbar. Von allen und jedem. Und darum versuchen wir, etwas von dem freien Raum, von dem ehemals so beruhigenden weißen Rauschen, zurückzubekommen, indem wir uns verweigern und Termine vergeben. Wir machen dicht und schaffen es doch nicht, alle Löcher zu stopfen, durch die irgendwelche Nachrichten, gute oder schlechte, kriechen. Dabei wollen wir doch gar nicht mehr alles wissen. Es würde uns schon reichen, denn auch in unserem Arbeitsleben hat sich alles verdichtet.

Es ist das Atemlose, dieses Schnelle, das Immer-auf-dem-Sprung-sein-Müssen der Neuzeit, von dem wir spüren, dass es sich wie Mehltau über unser ganzes Leben legt. Dem wir irgendwie entkommen möchten, denn alles, was ein Mensch tut, sollte auf freiwilliger Basis geschehen. Und wir merken allmählich, dass „freiwillig“ eine Option ist, die uns nicht zur Verfügung steht. Nicht mehr.

„Offline ist das neue Detox“, las ich neulich. Detox wird aus Bambus gewonnen und dient laut gängiger Doktrin der Entgiftung. Man kann es als Tee trinken, Kapseln einnehmen oder es sich in Pflasterform auf die Fußsohlen kleben. Offline zu sein – also quasi „entgiftet“ – ist mittlerweile ein Luxus, den sich immer mehr Leute zu leisten versuchen, weil sie spüren, dass sie keine Zeit mehr haben, sich auszuruhen von all dem, das um sie herum geschieht. Es wird einem sehr schwer gemacht, sich zu entgiften, denn alle anderen sind ja noch online.

Offline läuft man Gefahr, den Anschluss zu verlieren, nicht zu wissen, wann die nächste Chorprobe stattfindet oder den Geburtstagsgruß mit dem animierten Kätzchen auf einer gezeichneten Torte zu verpassen. Wir wollen doch immer dabei sein. Auch wenn es nur virtuell ist. Sonst bleiben wir allein.

Allmählich finde ich diese Aussicht verführerisch, wenn ich ganz ehrlich bin.

Meine Nachbarin gestand mir letzte Woche: „Ich habe überhaupt kein Handy und möchte auch keins, denn was ich sehe, wenn ich mich auf der Straße umschaue, macht mir eine Heidenangst. Auf irgendeine Sucht habe ich keine Lust.“

Betreten schaute ich zu Boden, denn ich bin eine Betroffene. Ich schneide Videos auf meinem Smartphone, verwalte meine Emails, mindestens 11.000 Musiktitel und 5000 Fotos, lese Nachrichten, pflege meine Accounts bei Facebook, Instagram und Twitter und tue mit dem Handy alles außer Kartoffelschälen. Nur telefonieren kann ich nicht damit, denn keiner will mehr angerufen werden. Es ist wirklich zum Schreien. Weil ich mir habe sagen lassen, dass Smartphones eigentlich genau dafür erfunden worden sind.

Als ich eine junge Frau war, besaß ich ein Telefon mit Wählscheibe und einem 10 Meter langen Kabel, das locker bis in die Badewanne reichte, in der ich stundenlang an einem Drink schlürfte und mit meinen Freunden plauderte. Dabei erfuhr ich dann, wer sich von wem getrennt hatte, wer mit wem fremdgegangen war, und wann die nächste Fete stattfinden sollte. Plante man selbst eine, dann rief man alle der Reihe nach an und lud sie ein.

Heutzutage ist es eine Zumutung, jemanden anzurufen, eine Verletzung der Privatsphäre. Wir schotten uns ab, bauen uns einen Kokon, eine Todeszone um uns herum, und verlassen uns darauf, dass diese von uns ignorierten Menschen trotzdem verfügbar sind, wenn wir sie denn mal brauchen sollten.

Das erinnert mich an eine Folge in der britischen Sitcom „The IT-Crowd“, wo einer der Hauptprotagonisten versehentlich seinen Papierkorb in Brand setzt und dann panisch der Feuerwehr eine Email schreibt. Auf die Idee, sein Telefon in die Hand zu nehmen, kommt er nicht.

Messenger sind wie sogenannte „tote Briefkästen“ in Spionagefilmen. Man legt was rein und hofft, dass es der andere Spion abholt und weiterleitet. „Ich hab deine Nachricht gar nicht gesehen“, heißt es dann, wenn die Antwort ausgeblieben ist. Beide wissen: Das ist gelogen, aber dann pfeffern wir einfach noch ein grinsendes Emoji mit dazu, und alles wirkt schon viel freundlicher.

Diese uralten Telefone mit Wählscheibe vermisse ich manchmal. Man musste (vor Einführung der Rufnummernübermittlung) rangehen, wenn man wissen wollte, wer einen anrief. Da der Mensch von Natur aus ein neugieriges Wesen ist, hob ich natürlich immer ab. Manchmal war es ein hartnäckiger Exfreund, manchmal meine Oma, die nur fragte, ob ich genügend gegessen hätte. Manchmal waren es Freunde, die mich zu einer Fete einluden. Und manchmal war es die Nachricht, dass jemand gestorben war.
Man konnte es sich nicht aussuchen.

Da sind wir heute aber spitzenmäßig besser dran, oder?

Mittlerweile wurde unsere Kommunikation outgesourct zu Facebook, Whats-App, Telegram, Viber, Signal, oder wie die Messenger und sozialen Netzwerke alle heißen. Man schreibt, was man eigentlich sagen sollte. Uns entgeht dadurch aber die Möglichkeit, anhand der Stimmlage die Befindlichkeit unseres Gesprächspartners wahrzunehmen, seine Gegenwart zu spüren, echtes Lachen zu hören, Trauer zu ahnen oder Schmerz. Schreiben kann ich nämlich viel, wenn der Tag lang ist.

Nichts ist einfacher, als einen ausgelassenen Eindruck zu erwecken in einer Messenger-Nachricht. Wo bei einem persönlichen Gespräch vielleicht die Alarmglocken läuten, wenn man deutlich hört, dass derjenige eventuell gerade geweint hat („Geht es dir wirklich gut, du klingst so merkwürdig?“), können wir im Messenger vor der Welt und uns selbst ein Bild der Stärke und Unangreifbarkeit aufrechterhalten, das real nicht existiert. Es ist sehr viel einfacher, in Kurznachrichten zu lügen als in einem echten Gespräch. Messenger schalten Instinkte aus. Als wären wir Gazellen in der Serengeti mit verätzten Nasenschleimhäuten, die den Löwen nicht mehr zu riechen imstande sind. Es ist nun einmal wesentlich einfacher, in schriftlicher Form zu lügen.

Sie glauben, ich klinge plakativ? Heute las ich in einer Onlinezeitung, dass eine Influencerin kürzlich ihr Badewasser in kleine Fläschchen abfüllte und ihren Followern für ein paar Dollar/Stück anbot. Innerhalb von drei Tagen war alles abverkauft. Mich wundert allmählich überhaupt nichts mehr. Aber von dieser Welt möchte ich mich nicht vereinnahmen lassen.

Früher klingelte es oft an meiner Tür. Jeder, der vorbeischaute, bekam etwas zu trinken angeboten. Dann setzte man sich auf die Couch und unterhielt sich. Stellen Sie sich vor: Man unterhielt sich. Auge in Auge. Es wurde gelacht, wir vereinbarten vielleicht ein Treffen oder schauten zusammen einen Film. Und das ohne Voranmeldung.

Heutzutage ist es nicht mehr möglich, mit mehr als drei Leuten am Tisch zu sitzen, weil immer irgendwer sein Smartphone zückt und sagt: „Hast du schon gesehen? Meine Katze hat neulich Handstand gemacht.“ Und dann fuchteln sie einem mit dem Telefon vor dem Gesicht herum. Alle tun das, in jeder Altersklasse. Bei den Älteren habe ich manchmal Glück, denn ohne ihre Lesebrille können sie nicht in ihrer Videosammlung herumwühlen. Wenigstens etwas.

Wir sind dabei, alles zu verlernen, das uns ausmacht, zu vergessen, was Kommunikation eigentlich bedeutet.

Warum hat eigentlich der einsame ältere Herr, der sechs Wochen tot in seiner Wohnung lag, ehe jemand bemerkt hat, dass er nicht mehr lebt, keine Whats-App-Nachricht an ein paar Leute geschickt mit dem Inhalt: „Ich bin einsam und brauche Hilfe“? Weil das keiner tut, dem es so richtig schlecht geht. Wir lassen uns gegenseitig allein, koppeln uns ab von allem, das eine solidarische Gesellschaft auszeichnet. Wir sind dabei, asozial in des Wortes reinster Bedeutung zu werden.

Und dabei versuchen wir doch eigentlich nur, uns zu schützen, auch wenn uns das selbst vielleicht gar nicht richtig bewusst ist.

Dieses Leben – es huscht immer schneller an uns vorbei, denn anstatt es uns leichter zu machen mit all diesen digitalen Vernetzungen und Verpflichtungen, treibt es uns vor sich her mit Bits und Bytes, mit blauen Häkchen und Anruflisten,, mit roten Signalzeichen, dass uns eine Nachricht erwartet, die wir endlich mal abrufen sollten. Und wehe, der Akku ist leer.

„Oh, der schon wieder da gehe ich jetzt nicht ran“, hörte ich schon mehr als einmal, wenn ich es geschafft hatte, meine Freundin zu einem Stadtbummel zu überreden. Dazu zieht sie ein entnervtes Gesicht.

Wann bitte sind Anrufe zu einer Art von Körperverletzung oder Zumutung geworden?

In jedem Psychologie-Buch können Sie nachlesen, dass sozialer Rückzug ein Schritt zur kompletten Vereinsamung und auch ein Zeichen für Depressionen sein kann. Die Verweigerung von persönlichen Gesprächen ist eine Art von Flucht in eine nicht mehr existierende Komfortzone, gleich, wie man es dreht und wendet.

Dabei kann Telefonieren viel praktischer sein als Chatten am Handy. Sie dürfen nämlich nebenher bügeln, das Katzenklo säubern, oder die Wanne putzen, denn mindestens eine Hand haben Sie ja frei.
Woher rührt diese wachsende Unlust, etwas durchaus Menschliches zu tun? Da haben wir in vielen Jahrhunderten endlich gelernt, uns anders als durch Grunzlaute zu verständigen, und dann hören wir wieder damit auf. Freiwillig.

„Ich bin total fertig und brauche meine Ruhe“, höre ich häufig. „Total fertig“ muss ich gelten lassen. Dieses Leben frisst uns allmählich auf. Immer schneller, immer weiter, immer höher. Bis zum Absturz. Sie werden sich wundern wie still es dann plötzlich um Sie herum wird. Dass Sie nicht einmal mehr Lust haben, jemanden anzusimsen. Dass jede eingehende Whats-App-Nachricht mit dem Inhalt „Hallo, wie geht es dir“, oberflächlich scheint. Weil nichts, wirklich gar nichts, eine Umarmung ersetzen kann, oder ein persönliches Gespräch. Wollen wir hoffen, dass Sie nie in diese Situation geraten.

Es gibt einfach zu viele Probleme, die nicht mittels traurig blickender Emojis gelöst werden können.

„Wir telefonieren mal wieder“, ist heute eine geläufige Floskel, die genauso viel Bedeutung hat wie der lapidar hingeworfene Satz: „Wir sollten mal wieder auf den Mount Everest klettern. In Stöckelschuhen.“
Im Klartext bedeutet es nämlich: „Wenn die Hölle zufriert“.

Was passiert mit uns? Wieso sind wir so stumm geworden?

Ich beobachte diese sozialen Rückzüge auf breiter Front seit etwa 2013. Vorher sind sie mir nicht in diesem signifikanten Ausmaß aufgefallen. Verhalten wir uns so, weil unsere Stimmen zu verräterisch sind? Weil sie durchklingen lassen, wie müde und fertig wir sind, wie satt wir das alles haben: das Rattenrennen um ein auskömmliches Gehalt, die bohrende stille Furcht, schon im nächsten Jahr vielleicht keinen Job mehr zu haben? In einer Kurznachricht können wir ja prima weiterhin behaupten, „Alles in Ordnung, und selbst?“ Setzen Sie einfach noch ein lachendes Emoji drauf, dann passt das schon.

Ich habe als junges Mädchen in der Schule noch Stenographie gelernt. Es handelt sich hierbei um die sogenannte „Kurzschrift“, eine aus einfachen Zeichen gebildete Schrift, die schneller als die herkömmliche „Langschrift“ geschrieben werden kann und es ermöglicht, in normalem Tempo gesprochene Sprache mitzuschreiben oder eigene Ideen schneller zu notieren.

Lange Jahre hockte auch ich mit meinem Block in der Hand vor irgendeinem zerstreuten Boss und nahm seine Diktate auf. Anschließend saß ich verzweifelt an meiner Schreibmaschine, später am PC, außerstande, mein eigenes Geschmier zu entziffern, denn ich hatte im Laufe der Jahre etliche eigene Kürzel erfunden, die nicht im Lehrbuch vorkamen.

Sowohl Steno als auch Sekretärinnen mit Blöcken und gespitztem Bleistift in der Hand sind seit dem Aufkommen von Diktiergeräten aus der Mode gekommen. Aber diese verflixte „Kurzschrift“ schleicht sich durchs Hintertürchen als digitale Variante wieder ein. Wenn alles immer weiter verkürzt und vereinfacht wird, verschwindet es irgendwann ganz.

So weit möchte ich es – nur bei mir persönlich – nicht kommen lassen. Also rufen Sie mich bitte an. Ich verspreche, ich gehe auch ran. Weil ich gerne mal wieder eine Stimme hören möchte. Und es sollte nicht die von Siri sein.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann!

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Schnittmuster übertragen

Leute, die gern nähen, kennen das sicher: das Hobby macht riesigen Spaß aber die Vorbereitung der Übertragung der jeweiligen Schnittmuster nervt. Denn diese müssen zumeist aufwändig abgepaust oder via ausgedrucktem PDF-Dokument zusammengeklebt und daraus die einzelnen Schnitteile ausgeschnitten werden. Dieser Prozess ist nicht unbedingt der angenehmste Teil beim Nähen. Bislang aber kam man als Hobbynäher nicht umhin, diesen Aufwand zu betreiben. Immerhin gehört das dazu, um am Ende ein individuelles Einzelstück in den Händen zu halten.

Doch die moderne Technik macht auch vor der Nähmaschine nicht halt und so gibt es für Menschen, die sich gern schöne Kleidung nähen, aber das Gefummel mit dem Schnittmuster nicht mögen, bald Abhilfe. Das Start-up Patterina hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe Schnittmuster direkt vom Handy auf den Stoff übertragen werden können. Viele Hobbynäher, die von dem Produkt schon erfahren haben, sind begeistert. Der Gründerin, Dr. Nora Baum, hätte man ihre App am liebsten schon auf Messen, auf denen sie interessierten Nähern ihre Erfindung präsentierte, abgekauft.

Mit Patterina gehört umständliche Schnittmuster-Übertragung der Vergangenheit an

Doch gut Ding braucht Weile und so ging noch einige Zeit ins Land, in der das Start-up Patterina an der App, die das Nähen um so vieles einfacher machen wird, feilte. In ein paar Wochen, im August 2019, soll es nun soweit sein und die umständliche Übertragung der Schnittmuster der Vergangenheit angehören.

Wir haben mit Gründerin Nora Baum (im Bild) über Ihre Erfindung gesprochen.

FB: Nora, was nervt begeisterte Näherinnen (und Näher) beim Nähen am meisten?

NB: Also erstmal muss man ja sagen, dass die Leute ihr Hobby, das Nähen, eigentlich lieben. Vor allem den Umgang mit Stoff, das Arbeiten an der Nähmaschine und die Kreativität. Aber 80% aller Hobbynäher mögen es nicht, Schnittmuster vorzubereiten. Die muss man ja meistens abpausen aus Zeitschriften und Büchern, oder man muss ein PDF-Dokument ausdrucken, zusammenkleben und dann daraus die einzelnen Schnittteile ausschneiden.

FB: Nun haben Sie diesbezüglich ein regelrechte Sensation auf den Markt gebracht. Denn Ihr Start-up Pattarina hat ein Produkt auf den Markt gebracht, das jetzt schon bei Menschen, die gern nähen, heiß begehrt ist. Erzählen Sie doch mal!

Mit unserer App Pattarina können Näher ein Schnittmuster direkt vom Handy auf den Stoff übertragen. Die Technologie, die dafür verwendet wird, ist Augmented Reality – das kennt man vielleicht von Pokemon Go. Bei uns werden eben keine Pokemon angezeigt, sondern Schnittteile. Und die kann man dann direkt auf den Stoff zeichnen.

Wir sind grad in den letzten Schritten der Entwicklung, und hoffen die App noch im Sommer herausbringen zu können.

FB: Sie sind Unternehmensberaterin und haben Politikwissenschaften und Soziologie studiert – heute betreiben Sie dieses Start-up. Wie kam es dazu?

Ich habe schon als Kind nähen gelernt, und dann nach der Geburt meiner eigenen Kinder wieder damit angefangen – wie so viele junge Frauen. Und schon immer war ich von der Vorbereitung der Schnittmuster genervt. Eines Nachts, nach der Silvesterparty, ist mir eingefallen, dass man Schnittmuster doch mit Licht auf dem Stoff anzeigen könnte – so eine Art Schnittmusterbeamer.

Geschäftsidee kam nach Silvesterparty – Mitgründer ging an Bord

Ein halbes Jahr bin ich mit dieser Idee durch die Welt gelaufen. Dann habe ich meinen späteren Mitgründer Markus Uhlig und unseren Mentor Prof. Lewerentz von der BTU Cottbus kennengelernt. Zusammen haben wir uns entschieden, es mal mit Augmented Reality auszuprobieren. Und es hat geklappt!

FB: Wie muss man sich das Übertragen der Schnittmuster mithilfe Ihrer App vorstellen?

Das ganze kann man sich so vorstellen: Auf den Stoff wird ein kleines Referenzbild gelegt, das man sich selbst ausdrucken kann. Dort hält man das Handy drüber. Sobald das Handy das Referenzbild erkennt, zeigt es das erste Schnittteil an. Durch Schieben des Referenzbildes kann man das Schnittteil dahin schieben, wo man es gern haben möchte. Ist man mit der Lage zufrieden, nimmt man einen Trickmarker und zeichnet die markanten Punkte des Schnittteils direkt auf den Stoff. Dabei blickt man durch den Bildschirm. Man malt quasi die virtuelle Linie unter dem Handy auf den Stoff ab.

Die Schnittmuster erhält man bei den Designern mit denen wir zusammenarbeiten. Sie verkaufen spezielle QR-Codes zum Schnittmuster dazu, mit denen das Schnittmuster in der Pattarina-App aktiviert werden kann.

Runterladen und loslegen!

Die Pattarina-App gibt es übrigens für iOS und Android. Man kann sie einfach im App Store oder Play Store herunterladen.

FB: Welche Hürden waren zu meistern, um Ihr Unternehmen auf den Weg zu bringen?

So einige. Mit der App waren wir ja in einem großen Livetest, Anfang diesen Jahres. Wir haben sehr viel Feedback von den Testern erhalten, und haben daraufhin festgestellt, dass wir im „Hintergrund“ der App vieles umbauen müssen, weil ein Framework, das wir gern verwendet hätten, leider nicht so funktioniert hat wie erwartet. Dieses auszutauschen und durch eine Eigenentwicklung zu ersetzen hat lange gedauert und war sehr nervenaufreibend.

Auch die richtige Finanzierung zu sichern war nicht immer einfach. Zuerst haben wir ein Gründungsstipendium erhalten. Für die Zeit danach ist es uns gelungen, Geld über Kickstarter einzusammeln, und wir haben einen Business Angel an Bord geholt. Bis das aber alles in Sack und Tüten war – das war ganz schön aufregend.

Crowdfunding und erster Mitarbeiter – Pattarina setzt auf Zukunft

FB: Eine Crowdfundingkampagne für Ihre Geschäftsidee war sehr erfolgreich – dürfen wir fragen, wieviel zusammen gekommen ist?

Knapp 20.000 Euro von fast 800 Unterstützern. Wir haben uns sehr über diese tolle Unterstützung gefreut!

FB: Wieviele Leute arbeiten in Ihrem Team?

Neben meinem Mitgründer Markus und mir haben wir gerade unseren ersten richtigen Mitarbeiter eingestellt. Außerdem haben wir gerade einen tollen Praktikanten und einen Werkstudenten.

FB: Für wann ist der offizielle Start von Pattarina geplant?

August 2019.

FB: Welche Pläne gibt es über den Start hinaus?

Wir wollen die App so gut wie möglich nutzbar für unsere Kunden machen und möglichst schnell viele Schnittmuster integrieren. Und dann wäre es natürlich toll, bald eine englische Version zu haben. Und wir haben tolle Ideen für neue Funktionen, zum Beispiel das Ändern von Schnittmustern. Es bleibt also spannend!

Wer sich ansehen möchte, wie das denn in der Praxis funktioniert, mit der Übertragung der Schnittmuster durch die App, kann sich auf der Homepage von Patterina ein Video dazu ansehen.

Copyright / Bildnachweis:

Dr. Nora Baum, Patterina

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Brautmode von Harald Glööckler

Opulent, barock – pompöös. Diese Attribute treffen allesamt auf die Kreationen des charismatischen Designers Harald Glööckler zu. Der Modemacher, der auch schon etliche Bücher herausgegeben hat, verleiht seinen Kollektionen eine unverwechselbare Note. Seine Kreationen liebt man oder lehnt sie ab – dazwischen dürfte es nichts geben. Von einigen wenigen Kleidungsstücken abgesehen, ist bei Glööckler`s Mode alles ziemlich pompöös. Nicht umsonst gehört dieses Attribut zu seiner Marke. Was nicht zuletzt mit seinem Logo, einer Krone, unterstrichen wird. Dazu gehört nun auch Brautmode.

Glööckler designte opulente Brautmode

Der Designer hat ja bekanntlich von Hosen bin hin zu edlen Kostümen schon so ziemlich alles an Kleidung herausgebracht. Zwischendurch designte er sogar Tapeten, Bettwaren und Zubehör für Pferde.

Brautmoden von Glööckler

Neueste Kreation von Glööckler – diesmal Brautmode

Dass der gelernte Einzelhandelskaufmann nun auch Brautmode designt, verwundert deshalb nicht. Im Gegenteil: Man hätte es von ihm, der nach dem Motto: „Jede Frau ist eine Prinzessin“ verfährt, eigentlich schon eher erwartet. Denn wo kann man sich als Designer denn schon so kreativ „austoben“, wie bei  (pompöser) Brautmode? Eben! Das wird sich Harald Glööckler wohl gedacht haben, als er die Zusammenarbeit mit der Designerin Semiha Bähr (im Bild ganz in weiss) anging und gemeinsam mit der Expertin luxuriöse Brautmode und Abendkleider kreierte. Kürzlich wurden diese – die unter dem Label POMPÖÖS® by Semiha Bähr laufen – in Berlin, im Rahmen einer exclusiven Couture Show, vorgestellt.

Ich habe mir das vor Ort angesehen und erwartungsgemäß ließ Glööckler so einiges an Fantasie-Roben auffahren. Kreationen wie aus dem Märchen wurden ebenso vorgeführt wie tragbare, luxuriöse Brautmode. Auch an Stars und Sternchen mangelte es nicht – so posierte der Designer unter anderem mit „Fast-immer-Nackt“-Model Micaela Schäfer.

Brautkleider entstehen im Atelier einer Modedesignerin

Die Herstellung der Brautmode indes geht unglamouröser zu und wird von einer bodenständigen Frau geleitet: Semiha Bär. Die kreative Designerin arbeitet in ihrem eigenen Atelier in Bruchköbel und lässt Brautherzen höher schlagen. Unter ihren Händen entstehen wahrhafte Traumroben und seit neuestem ist die Brautkollektion von Maestro Glööckler exclusiv bei ihr zu haben.

Da ist es nur logisch, dass Glööckler sein Motto mit den Frauen und dem „Prinzessinnen sein“ kurzerhand auch auf seine Brautkleider überträgt:

„Jede Braut ist eine Prinzessin“

Nun – die opulenten Roben, die aus den Entwürfen von Star-Designer Harald Glööckler und Semiha Bär hervorgegangen sind, sprechen für sich und unterstreichen das Glööckler-Motto einmal mehr. Wann, wenn nicht in so einer Robe und an so einem Tag ist eine Frau schon Prinzessin? Eben!

Glööckler Brautmode

Glööckler Brautmode – Opulenz ist Trumpf

Dass weisse Brautmode allerdings auch eine Rolle auf einer Scheidungsparty spielen kann, beweist diese Dame hier.

Herzlichst,

Ihre Jean Bork!

Bildnachweis: Böttger Management

 

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Frau mit modischer Tasche

Hier ein tolles Posing, dort der coole Drink und da mal noch der Schnappschuss vom Luxushotel. Auf Instagram werden zum größten Teil sehr profane Dinge präsentiert. Essen, Getränke, Menschen und Mode. Der Hype um dieses soziale Netzwerk ist manchmal schwer zu verstehen, zumal die wenigen Text-Botschaften dort meist in einem Meer aus Hashtags untergehen. Aber dennoch: die Plattform hat sich vor allem bei ganz jungen Menschen etabliert. Vielleicht können „wir älteren“ (also ab 35 aufwärts….) das nicht so nachvollziehen, weil wir nicht wirklich etwas Wertiges darin sehen, wenn Nichtigkeiten in Szene gesetzt werden? Sei`s drum. Das Bilderparadies hat sich inzwischen einen Namen als Werbeplattform gemacht und es ist wohl vor allem Instagram zu verdanken, dass es für weibliche Instagram-User, die sehr erfolgreich mit ihrem Account sind, den Begriff Influencerin gibt. Solche – meist jungen – Userinnen warten oftmals mit einer riesigen Followerschar, gutem Aussehen und einem großen Hang zur Selbstdarstellung auf.

Manche Influencerin hat sprudelnde Werbeeinnahmen

Firmen nutzen das und so manche Influencerin kann sich über sprudelnde Werbeeinnahmen freuen. Prominenz hilft dabei ganz gut. Obwohl man keine alteingesessene Prominente sein muss. Nein – auf Instagram kann man bei Erfolg sogar in rasend kurzer Zeit selbst prominent werden. Viele Insta-VIP`s dürften im Offline-Leben den wenigsten Leuten bekannt sein, aber im digitalen Raum spielen sie eine berühmte Rolle.

Das dürfte auch auf die Influencerin Arii zutreffen. Die 18jährige ist eine Berühmtheit, die wohl nur kennt, wer regelmäßig zwischen den Instagram-Bildern und – hashtags umhersurft. Das Mädchen spielt allerdings digital in der Oberliga, denn sie hat über 2 Millionen Follower vorzuweisen. „Eine Menge Reichweite“ scheint sich da so mancher jetzt zu denken. Allerdings: ganz so einfach ist es nicht.

Denn die Influencerin hat jüngst einen ziemlichen Flop hingelegt. Trotz ihrer Millionen Fans. Was war passiert? Nun – wie so viele andere Insta-Sternchen wollte auch Arii ihre eigene Modekollektion herausbringen. Einem Bericht von WELT.de zufolge soll der Instagram-VIP für diese Idee auch einen Partner gefunden haben. Der aber wollte die Shirts, die die junge Frau produzieren lassen wollte, erst in die finale Produktion geben, wenn es der Influencerin gelingt, 36 T-Shirts über ihren Insta-Account zu verkaufen. 36 T-Shirts bei über 2 Millionen Followern sollten ja keine Hürde sein. Denkt man zuerst einmal.

Trotz hoher Reichweite gelang vorgegebener Produktverkauf nicht

Aber Pustekuchen! Falsch gedacht.

Denn: Arii bekam die geforderten 36 verkauften T-Shirts nicht zusammen. Dies berichtet WELT.de in dem erwähnten Beitrag auf der zu WELT.de gehörenden Publikation ICONIST.

Wortwörtlich heißt es da über den Flop der Influencerin:

„Wie es nun eben auch zum guten Ton bei siebenstelligen Fanzahlen gehört, startete Arii eine eigene Modelinie, „Era“. Damit die Kollektion regulär in Produktion geht, musste sie – so soll ihr Deal gewesen sein – 36 Shirts verkaufen. Und das hat nicht geklappt. Unter diesen vielen, vielen Menschen fanden sich keine 36, die wirklich Geld investieren wollten.“

Das beweist mal wieder, dass der alte Grundsatz, dass PR noch keine Produkte verkauft, auch in Zeiten von Facebook, Instagram & Co. gilt.

Fans und Follower sind noch keine Käufer

Natürlich werden viele Follower die Influencerin Arii gut finden, aber deshalb öffnen sie noch lange nicht ihre Geldbörse und geben Geld für Produkte ihres Insta-Stars aus.

Auf WELT.de heißt es in diesem Zusammenhang weiter:

„Zielgruppe und Produkt müssen genau zusammenpassen – und da muss die Community des Influencers auch gar nicht riesig sein. Ein Special-Interest-Account mit vielleicht vierstelligen Abonnentenzahlen kann mit der richtigen Ansprache in absoluten Zahlen mehr Käufe generieren als ein riesiger Account, der etwas völlig wahllos und unpassend unter die Menge bringen will. Luxusfirmen, die 18-jährige Social-Media-Phänomene mit teurem Schmuck ausstatten, merken schnell, dass Zigtausende minderjähriger Follower praktisch nichts wert sind.“

Genau so ist es! Unter den vielen Followern vieler sogenannter Insta-Stars sind oftmals sehr viele junge Leute, die nicht selten noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen. Dass die nun nicht gerade zur Zielgruppe für hochpreisige Produkte gehören und auch für preiswerte Artikel meist kein Geld haben, dürfte klar sein.

PR bringt selten sofort neue Kunden

Ebenso ist klar, dass – zum Beispiel – auch die Präsenz in einer großen Tageszeitung mit einem Riesenartikel über eine Person, die kommerzielle Produkte verkauft, keinen großartigen Verkaufsschub bringen muss.

All das ist und bleibt PR. Die bringt zwar Öffentlichkeit und Interesse, aber oft keine neuen (oder nur wenige neue) Kunden.

Das gilt für die Online- als auch für die Offline-Welt.

Der Originalartikel über die Influencerin Arii ist hier nachzulesen.

Mehr zum Thema.

Bildnachweis (Symbolfoto): pexels.com

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Camp Ferienlager

Mitten in der Natur gelegen und ereignisreiche Tage ebenso bietend, wie gemeinschaftliche Abende und aufregende Nachtwanderungen: wer an die Ferienlager der Kinder- und Jugendzeit denkt, dem wird genau das in den Sinn kommen. Ebenso wie wahrscheinlich auch der Geruch des Linoleums, der irgendwie in allen Unterkünften gleich roch. Egal, ob sich das Ferienlager-Domizil in einem Haus oder in einem Bungalow befand. Überhaupt spielen Düfte beim Erinnern an schönes Ferienlager-Feeling in vergangenen Zeiten wohl bei den meisten eine große Rolle.

Da ich ein DDR-Kind bin, kann ich freilich nur für das Ambiente der jeweiligen Kinder- und Jugendferienlager im Mauerstaat sprechen. Und da prägen verschiedene Gerüche, wie der von frisch gemähtem Gras, von Tee, der in wuchtigen Militärbehältern auf dem Gang stand und eben der von Linoleum meine Erinnerung sehr stark. Kurz gesagt roch so der gemeinschaftliche verbrachte Sommer. Denn die Ferienlager beherbergten oftmals mehrere hundert Kinder. Zumeist war das der Nachwuchs von Leuten, die in staatlichen Betrieben und Fabriken arbeiteten. Die Kinder von Selbständigen – eine eher verpönte Erwerbsarbeit zu DDR-Zeiten – fuhren ebenso häufig mit. Die Plätze, gelegen in den landschaftlich schönsten Regionen, wurden an die Kinder von Unternehmern meist durch die viel gerühmten Beziehungen vergeben.

Ferienlager-Feeling – das wurde vor allem im Osten zelebriert

Wie ich nach der Wende immer wieder hörte, war diese Art des Ferienlagers, wie die DDR sie vorhielt, einmalig. Während zu DDR-Zeiten fast jedes Schulkind in den Sommerferien für mindestens 14 Tage ins Ferienlager fuhr, kannten Freunde aus Westdeutschland dieses Konzept, so wie es damals angeboten wurde, eher nicht. In der BRD wurden solche Gruppenfahrten in den Ferien meist von freien Trägern oder Veranstaltern organisiert. Sie nannten sich oftmals Zeltlager oder Workshops.  Es kam übrigens nicht selten vor, dass westdeutsche Kinder in Ferien- oder Pionierlager der DDR fuhren.

Aber ganz gleich, wo man gemeinschaftlich seine Ferien verbrachte: das Konzept Ferienlager lässt heutzutage viele Erwachsene ins Schwärmen geraten. Vielen sind die Erlebnisse der gemeinschaftlichen Gruppenfahrten noch lebhaft in Erinnerung.

Vielleicht kommt deshalb auch die Geschäftsidee eines Ferien-Camps für Erwachsene, wie es in der Lüneburger Heide zu finden ist, so gut an! „Sommerjung“ heißt das Camp, das die Freunde Bati Lauterbach und Jacob Träger (beide 28 Jahre jung) aus Rostock erholungsbedürftigen und naturverbundenen Erwachsenen mitten in perfekter Naturkulisse und an den Ufern verschiedener Seen bieten. Zwar sind beide vom Alter her so jung, dass sie die Kinderferienlager in Zeiten des kalten Krieges nicht erlebt haben.

„Sommerjung“ kommt früheren Ferienlager-Tagen nahe

Aber das, was sie in ihrem Programmen anbieten, kommt der früheren Ferienfreizeit schon ziemlich nahe.

Im Camp „Sommerjung“ checkt man stets für ein Wochenende ein und kann sich dort verschiedenen Programmpunkten hingeben. Sportlich, kreativ, meditativ – die Angebotspalette ist groß. Wer mag, lernt schreiben oder probiert eine Trendsportart aus. Ebenso sind Bastel- oder Tanzkurse im Angebot. Wer all das nicht mag, kann faulenzen – Hängematten gibt`s natürlich auch!

Erholungsfaktor ohne Uhr und Handy

Damit die Auszeit zum Erholungsfaktor wird, werden im Camp Handys und Uhren zu Beginn eingesammelt. Den Gästen gefällt es. Sie finden sich für ein Wochenende in einem entspannten, runtergefahrenen Rhythmus wieder. Der Blick auf die Homepage der Anbieter verrät, dass diese Art des Relaxens rundum ankommt – viele zufriedene „Sommerjung“-Teilnehmer werden dort zitiert.

Der Check-In ins „Sommerjung“ ist übrigens nur Erwachsenen vorbehalten, was bei dem Konzept auch Sinn macht. So mancher,  der im Camp – in dem selbstverständlich ganz stilecht in Zelten übernachtet wird – zu Gast ist, will die fehlende Erfahrung aus Kindertagen nachholen. So wie zwei junge Schwestern aus Oldenburg, die gegenüber der BILD der Frau, die mit der Ausgabe vom 21. Juni 2019 über „Sommerjung“ berichtet, angaben, als Kinder noch nie in einem Zeltlager gewesen zu sein und dies jetzt nachzuholen gedenken.

Wer sich selbst über das Konzept informieren möchte – auf Sommerjung.de informieren die Veranstalter ausführlich über ihr Angebot. Die Kommunikation der Organisatoren kommt hier übrigens ähnlich locker daher, wie man es von Unternehmen wie IKEA und McDonalds kennt. Es mutet etwas sehr hipstermäßig und außerordentlich berufsjugendlich an, obgleich angegeben wird, dass die Gäste auch schon mal um die 70 waren. Am besten also im Vorab informieren, wie der Altersdurchschnitt so ausschaut. Es muss ja passen – wenn auch nur für ein Wochenende!

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

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Zellweger

Was hat man sich amüsiert vor Jahren – über Renée Zellweger und ihre „Schokolade zum Frühstück“-Komödie! Auch die Anschluss-Movies waren allesamt Publikumsschlager, was natürlich in erster Linie an Hauptdarstellerin Zellweger lag.

Mit der von ihr verkörperten Singlefrau, die mit Übergewicht und für den Mann des Lebens kämpft, konnte man sich seinerzeit nur allzu gut identifizieren. Ging es einem doch selbst so oder ähnlich. Zellweger spielte sich vor allem wegen ihrer Unperfektheit in die Herzen der Zuschauer. Mit nettem Durchnittsgesicht und Bauch-weg-Slip wirkte sie wie die beste Freundin und war schon allein dadurch weit entfernt von der Optik der üblichen Verdächtigen aus Hollywood.

Renée Zellweger war eine von uns!

Sympathisch wirkte auch, dass die Aktrice offenbar kein Problem damit hatte, sich für ihre Rollen etwas Bauchspeck anzufuttern.

Jahrelang kannte man Renée Zellweger mit einem natürlich attraktiven Gesicht und mal mehr und mal weniger schlank. Alles bestens und sympathisch also.

Heute ist davon kaum mehr etwas übrig und wer sich ihre aktuelle Rolle in der Netflix-Serie „What/If“ anschaut, der wird vielleicht sogar erschrecken. Zunächst: im eng anliegenden weißen Kleid und superschlank sieht Zellweger eher aus wie Kim Basinger in Basic-Instinkt. Aber das ist es nicht, was einen erschrecken lässt, wenn man das Bild anschaut. Es ist das Gesicht von Renée Zellweger, das einer eingefrorenen Maske gleicht.

Klar, wir alle werden älter und kein Mensch erwartet, dass die einstige „Schokolade-zum-Frühstück“-Frau heute noch so ausschaut wie seinerzeit im Film an der Seite von Hugh Grant. Aber: jede Wette, dass Zellweger heute OHNE Botox oder chirurgische Eingriffe, die ganz bestimmt zum Einsatz gekommen sind, immer noch supergut ausschauen würde! Sympathisch und mit lebender Mimik.

Ihr Gesicht wirkt wie eine Maske

Davon scheint nichts mehr da. Im Gegenteil: ihr Gesicht wirkt wie eine eingefrorene Maske, die aufpolierte Optik verleiht der Schauspielerin etwas Kaltes und Abstoßendes. Und man fragt sich einmal mehr, warum Darstellerinnen dieses Formats nicht einfach mit dem was sie – ja sowieso schon im Überfluss – haben, zufrieden sind? Ein attraktives Äußeres, Geld, Erfolg – warum es nicht dabei belassen?

Ja klar, das Argument, dass Frauen „beim Film“ „sowas“ eben machen, kommt in solchen Fällen so gut wie immer. Aber warum wird das als normal angesehen? Und warum können die wenigsten erfolgreichen Schauspielerinnen ihr Leben mit ihrer naturgegebenen Optik genießen? Zumal vor dem Hintergrund, dass bereits mehrere Millionen eingespielt sind und FRAU doch auch ein Leben ganz ohne diesen Beauty-Wahn führen könnte? Warum tun die sich das an und lassen für vermeintlich attraktive Rollen ihr Äußeres so immens verunstalten?

Oder nehmen die das gar nicht als verunstaltet wahr? Weil um sie herum sowieso jeder gesichts- und körpertechnisch getunt ist?

Fragen über Fragen….!

Manche Otto-Normalo-Frau wäre froh über diese Optik!

Die wahrscheinlich nur für uns „Otto-Normalo“-Frauen nachvollziehbar sind. Ein Hollywood-Star stellt sich diese offenbar nicht. Geld und Erfolg sind für diese Leute wahrscheinlich so viel wichtiger, als der eigene Köper, das individuelle ICH. Man hat das kürzlich auch bei Sylvie Meis sehen können, die ja noch um einiges jünger ist als Zellweger, aber mit demselben Maskengesicht in der Öffentlichkeit auftauchte.

Schade, dass diese VIP-Frauen offenbar so wenig Selbstvertrauen haben, dass sie ihre naturgegebene Optik – die ja sowohl bei Zellweger als auch bei Meis top gewesen sind! – nicht zu schätzen wissen. So manche „Frau von nebenan“ wäre wohl begeistert, hätte sie das Original-Aussehen von einer der beiden.

Aber nun ja: „Frauen von nebenan“ und VIP-Ladys trennen nun mal Welten. Und Falten.

Bildnachweis: picture alliance/Everett Collection

 

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Dagmar Wöhrl

Das ist nun wirklich mal ungewöhnlich! Während in der VOX-Show „Die Höhle der Löwen“ manchen Start-ups von Dagmar Wöhrl & Co. eiskalt abgesagt wird („Ich bin raus“) – wie aktuell zum Beispiel der charmanten Schweizerin mit nachhaltigen Handtaschen aus Fischhaut – kämpfen gleich drei „Löwen“ um eine profane Wärmflasche. Nichts gegen das Teil an sich, das gestern in der Gründershow auf VOX vorgestellt wurde! Die jungen Männer, die mit TROY eine wirklich besondere Wärmflasche ertüftelten, haben sich durchaus Gedanken gemacht und in der Tat eine Neuerung geschaffen. Nur – ganz ehrlich -: wie oft verbrennt man sich denn beim Benutzen einer Wärmflasche? Das dürfte doch eigentlich so gut wie nie der Fall sein. Und wenn der Plastikwärmer tatsächlich mal zu heiß ist, wickeln wahrscheinlich die meisten Leute ein Geschirrtuch drum…!

Dagmar Wöhrl begeistert sich für so manche Idee

Die Gründer von TROY – Benjamin Ohmer und Volker Junior – stellten in der VOX-Show ihre Neuerung, die Temperatur in der Wärmflasche mit einer speziellen, integrierten Steuerung nicht auf Verbrennungs-Niveau ansteigen zu lassen, vor.

Zudem hält die Wärme in einer TROY-Wärmflasche doppelt so lange vor, wie bei einer herkömmlichen.

Nur: da man sich eine Wärmflasche ja `eh meist zum Einschlafen mit ins Bett legt, reicht die herkömmliche Wärme-Vorhaltezeit von um die sieben Stunden doch eigentlich aus…!

Hat eine doppelte Wärme-Vorhaltezeit wirklich einen so großen Nutzen? Und: geben die Leute dann auch tatsächlich die circa 39,00 Euro für so eine Wärmflasche aus? Zumal vor dem Hintergrund, dass herkömmliche Plastikflaschen schon ab 5,00 Euro im Handel zu haben sind?

Fragen über Fragen, die sich aber scheinbar die drei Löwen nicht stellten.

Attraktive Angebote für die Gründer

Denn sowohl Dagmar Wöhrl (im Bild), als auch Ralf Dümmel und Georg Kofler, wollten den Deal mit der Wärmflasche eingehen und machten den TROY-Gründern attraktive Angebote – siehe hier.

Nun ja – alle drei Unternehmer haben ausreichend Möglichkeiten, die Wärmflasche über ihre Kanäle und Connections zu vertreiben und zu promoten.

Ob die Verbraucher auf ein solches Teil gewartet haben oder ihre Hüften nach wie vor mit einer 5,00-Euro-Wärmflasche wärmen, bleibt deshalb wohl erst einmal abzuwarten…!

Eher eine Innovation ist eigentlich ein kleines Detail, das zusätzlich zur TROY-Wärmflasche gekauft werden kann. Nämlich ein abnehmbarer Verschluss, der sowohl bei Babys und Kleinkindern, als auch bei verwirrten oder demenzkranken Senioren verhindert, dass sich – wenn sie am Verschluss nesteln –  womöglich heißes Wasser über ihren Körper ergießt.

Zum Erfolg mit Dagmar Wöhrl?

DAS ist eigentlich der echte Start-up-Clou, den es zudem unabhängig von der TROY-Wärmflasche zu kaufen gibt und der sogar auf fast alle handelsüblichen Wärmflaschen passen soll.

Nun ja – so oder so bleibt den jungen Erfindern viel Glück zu wünschen, denn das hat wohl jedes Start-up verdient! Und mit Dagmar Wöhrl – der „Löwin“, für die die beiden jungen Männer sich letztlich als Deal-Partnerin entschieden – könnte sich dieser auch einstellen. Wenn denn die Leute mit innovativen Wärmflaschen warm werden…Mal schauen!

Bildnachweis: picture alliance/Eventpress