„Und dann sagte der tatsächlich zu mir am Telefon, die Gründe, dass er sich von mir trennen will, seien schlechter Sex, und weil ich nicht gut tanzen kann!“ erzählte mir Michaela vor kurzem entrüstet bei einer Tasse Kaffee in einem Bistro in der Stadt, wo wir uns getroffen hatten.

Michaela ist Ende 40, dunkelhaarig, schlank, dynamisch und intelligent. Unmittelbar nach ihrem abgeschlossenen BWL-Studium verguckte sie sich in den fünf Jahre älteren Peter, heiratete ihn vom Fleck weg, gebar zwei Töchter und versorgte dann 20 Jahre lang die Familie, bis die Kinder ausgezogen waren.

Peter arbeitete während der gesamten Zeit als Informatiker im Home-Office und freute sich, dass Michaela ab sofort mehr Zeit für ihn hätte. Aber nach dem Auszug ihrer Kinder begann sie umgehend eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin.

„Ich muss hier raus“ sagte sie mehr als einmal, wenn ich sie fragte, warum sie unbedingt arbeiten gehen wollte, denn Peter verdiente genug. „Wenn ich zuhause bleibe, sitzen Peter und ich den ganzen Tag aufeinander. Das macht mich verrückt. Ich will unter Leute.“

Sie bestand ihre Ausbildung mit Auszeichnung und fand sofort eine gutdotierte Anstellung.

Peter empfing seine Frau allabendlich mit einem warmen Essen, manchmal auch mit einem kalten, denn Michaelas Schichtdienste wechselten häufig, und oft kam sie erst nachts zurück.

Er kümmerte sich um den großen Garten, fuhr den Müll zum Wertstoffhof, kaufte ein, ging mit dem Hund raus, räumte auf, fütterte die Katze, saugte Staub und kümmerte sich um alles.

„Sie bräuchte keinen Job“ erzählte er einmal, als wir zusammen essen waren und Michaela gerade auf der Toilette verschwunden war. „Das Haus ist bezahlt, uns geht es gut. Aber sie will unbedingt unter Menschen. Und wenn Michaela etwas unbedingt will, lasse ich sie machen. Sie ist dann wie eine Dampframme und nicht aufzuhalten.“

Alles lief scheinbar perfekt in den letzten Jahren. Peter engagierte sich mittlerweile in ein paar Vereinen, um nicht allein herumzusitzen, und gelegentlich sahen beide zusammen gemütlich fern bei einem Glas Wein, wo sie sich dann vertraulich anschwiegen.

Diese Ehe war zu einem gemütlichen Wohnzimmer mit bequemen Sesseln mutiert, in die man sich hineinfläzen und sich wohlfühlen konnte.

Dann, urplötzlich und unerwartet, vor knapp drei Jahren, starb Peter aufgrund eines Kunstfehlers während eines Routine-Eingriffs.

Ich war damals auf seiner Beerdigung und werde Michaelas Anblick nie vergessen, wie sie gebrochen und tränenüberströmt den Sargträgern folgte. Es tut mir heute noch in der Seele weh. Auch ich hatte Peter sehr gemocht und selten einen liebenswürdigeren, toleranteren und geduldigeren Menschen kennengelernt.

Mit einem Mal stand Michaela ganz allein da, denn die beiden Töchter lebten mittlerweile im Ausland und kamen selten zu Besuch. Mit dem abbezahlten Haus, ein paar anderen vermieteten Immobilien und Peters Witwenrente plus Michaelas Verdienst war sie finanziell gut aufgestellt.

Aber in dem leeren, stillen Haus tickten die Uhren schrecklich laut.

Nach Peters Tod war noch kein Jahr vergangen, als Michaela begann, auf Bekanntschafts-Anzeigen im örtlichen Käseblatt zu antworten und sich mit Männern zu treffen.

„Ich möchte nicht mehr allein sein“ erklärte sie mir mit Nachdruck.

„Und ich will wieder einen Partner. Ihr habt alle gut reden, denn ihr wisst nicht, wie das ist, ohne jemandem, der einem hilft. Alles muss ich selber machen, ich muss zum Wertstoffhof, ich muss diesen riesigen Rasen mähen, ich muss mich darum kümmern, dass Winterreifen aufs Auto kommen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie gut es euch geht mit euren Männern.“

Nun habe ich mir sagen lassen, dass es weltweit viele Frauen gibt, die sich selbst um Reifen, Rasen und Müll kümmern, schwieg aber, denn es ging wohl eher um die bohrende Einsamkeit, die Michaela nach Peters Tod erfasst hatte und nicht mehr losließ.

Immerhin waren die beiden ein Vierteljahrhundert zusammen gewesen. Michaela hatte noch nie einen anderen Mann gekannt, und ihr Leben kam ihr vor wie eines dieser Vexierbilder mit einem Schattenriss statt einer Person an ihrer Seite – einer kahlen Stelle, die täglich schmerzte.

Niemand wartete auf sie, wenn sie müde von der Arbeit nach Hause kam, um mit ihr ein Glas Wein zu trinken. Niemandem konnte sie erzählen, wer sie heute wieder geärgert hatte. Nur die Uhren tickten immer lauter.

Sie war einsam. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

Also warf sie sich mit Schwung in den Dating-Markt. Ich getraute mich nicht, sie zu fragen, ob sie sich dafür schon mental bereit fühlte, denn sie schien beängstigend entschlossen, schnellstmöglich die Stille im Haus wieder zu vertreiben.

Es lief offen gestanden nicht so gut. Sie lernte bei jedem Rendezvous neue, aufregende Dinge, denn, seitdem sie 20 gewesen war, hatte sich einiges geändert. Die für sie in Frage kommenden Männer waren nämlich auch älter geworden. Und anspruchsvoller.

Genau wie Michaela übrigens, nur wollte sie das nicht wahrhaben. Sie selbst hatte für ihre Vorstellung von einem neuen Partner ein gnadenloses Raster angelegt. Geld sollte er haben (aus Paritätsgründen). Einen guten Beruf sollte er haben. Charmant sollte er sein. Zärtlich, aufmerksam, unternehmungslustig. Sie hofieren und umschmeicheln.

„Ich möchte umworben werden“ erklärte sie mir. „Ich möchte händchenhaltend mit ihm spazieren gehen und wissen, dass immer jemand für mich da ist.“

Ach Michaela. Ich selbst möchte gern den großen Topf mit Gold am Ende des Regenbogens. Aber ich habe ihn nie gefunden.

Mit einem dieser Inserat-Bekanntschaften traf sie sich zwei Monate lang. Er ließ kein einziges gutes Haar an ihr. Apropos Haar: Es störte ihn, dass sie es selten offen trug. Auch ihr Brünett war ihm zu eintönig. Er bemängelte ihre Kleiderwahl, ihre Beine und ihren Musikgeschmack. Nichts war ihm an Michaela gut genug. Trotzdem gingen die beiden wandern oder fuhren gelegentlich an einen Badesee. Und Michaela trug ihr Haar in der ganzen Zeit offen und nur noch Kobaltblau, denn das hatte Monsieur für sie als gut befunden.

„Ich finde unverschämt, was er alles zu dir sagt. Was ist das denn für einer?“ wollte ich erbost wissen, denn ich konnte es nicht fassen, was eine intelligente Frau wie Michaela sich alles gefallen ließ.

„Er sieht toll aus und hatte schon 25 Jahre lang keine Beziehung mehr, nur Affären“ erklärte mir Michaela, scheinbar tief beeindruckt. Vielleicht glaubte sie, diejenige zu sein, die den flotten Junggesellen zur Einsicht bekehren könnte.

Ach Michaela, ich hätte dir gleich sagen können, dass das nix wird. Schon bei der Aussage „seit 25 Jahren keine Beziehung mehr“ hatten bei mir alle Alarmglocken geschrillt.

Nachdem er zwei Monate lang an Michaela herumgenörgelt hatte, meldete sich der Ladykiller nicht mehr. Vermutlich hatte er jemand anderen zum Kritisieren gefunden. Wenigstens befolgte sie meinen Rat und rief ihn nicht an, um zu fragen, was sie falsch gemacht hatte.

Der nächste Typ schlief drei Mal mit ihr und verschwand dann wieder vor dem Frühstück. Sicherheitshalber änderte er seine Telefonnummer. Und wo er wohnte, wusste Michaela ohnehin nicht. Sie war nicht so neugierig oder an seiner Persönlichkeit interessiert – sie war nur auf der Suche, um nicht mehr allein zu sein. Wenngleich auch auf eigenwillige Art und Weise.

Mittlerweile gab sie auch selbst Anzeigen in der Zeitung auf und sortierte nach einem strengen Schema die eingehenden Briefe:

„Der wohnt zur Miete, der will sich bei mir nur ins gemachte Nest setzen.“, „Der hat einen Hund, ich will keine Haare auf dem Teppich.“, „Der ist mir zu alt (5 Jahre älter), ich brauche einen, der so aktiv ist wie ich.“, „Der wohnt zu weit weg, 80 Kilometer. Da geht eine Menge für die Fahrzeit und Benzin drauf.“, „Der mag nur Oldies, ich aber Schlager, da können wir ja nie auf ein Konzert.“, „Der hatte schon mal einen Herzinfarkt, ich will doch keinen Pflegefall.“, „Der ist mir zu stämmig und hat einen Bart. Man kann sich doch pflegen, muss ich ja auch.“, „Der war mal wegen Depressionen in Behandlung. Ich bin kein Kummerkasten.“, „Der ist Vegetarier, das macht nur Probleme.“, Und so weiter.

Es blieben trotzdem immer noch genügend einsame Herzen übrig. Michaela absolvierte ein Blind Date nach dem anderen. Sie traf sich mit wildfremden Männern, ging mit ihnen zum Essen oder zum Tanzen, nahm sie mit zu sich nach Hause … und hörte dann nichts mehr von ihnen.

„Die sind alle so verbittert“ klagte sie. „Die haben miese Erfahrungen mit Frauen gemacht und denken jetzt, ich bin ganz genauso. Dabei kann man mit mir so viel Spaß haben!“

Tja, Michaela. Mit gelebtem Leben ist das wie mit einer großen Plastiktüte voller Ballast. Alle Erlebnisse schleppt man mit sich herum. Manche dieser Tüten sind so prall gefüllt, dass sie sogar auf dem Boden schleifen und man sie gar nicht mehr tragen kann. Und du, Michaela, schleppst auch eine dieser Tüten voller Erinnerungen, die dich daran hindern, dich auf Neues einzulassen. Du hast es nur noch nicht bemerkt.

Jeder dieser Herren, mit denen Michaela sich traf, hatte schon Beziehungen gehabt oder war verheiratet gewesen. Alle hatten irgendeinen Anhang, etwas, das sie verpflichtete, etwas, um das sie sich kümmern mussten. Alle pflegten ihre Ansprüche und ganz eigene Vorstellungen von einem Lebenspartner. Genau wie Michaela.

Vor ungefähr 3 Monaten rief sie mich wieder an. Sie hatte sich erneut jemanden geangelt, den sollte ich unbedingt kennenlernen („Der gefällt mir wirklich gut!“) und deshalb mit ihr und dem „Neuen“ zum Essen gehen.

„Freut mich, mach ich gern“ sagte ich. „Wie alt ist er denn?“ „Ich habe keine Ahnung, ehrlich“ antwortete Michaela nach kurzem Nachdenken.

„Ja, und was macht er beruflich?“ wollte ich wissen. „Irgendwas im Büro, glaube ich“ meinte sie. „Aber ich habe nicht gefragt.“ „Was weißt du denn überhaupt von ihm?“ Ich konnte mir diese Frage nicht verkneifen.

„Naja, er geht gern aus, genau wie ich. Und ich finde, er ist attraktiv.“

Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

Der Abend mit dem ominösen Martin erwies sich als schwierig. Die Zeit tröpfelte dahin wie Sirup. Martin war der wortkargste Mensch, den ich je getroffen hatte. Obwohl ich nur plauderte und ihn nicht ausfragte, musste man ihm jede Antwort aus der Nase ziehen.

Michaela schien das nicht zu bemerken. Sie redete für zwei, lachte zu viel und beschloss, ohne Martin zu fragen, dass wir zusammen einen Ausflug in eine mittelalterliche Stadt machen würden. Da schaute er schon etwas verkniffen. Ich registrierte es. Michaela nicht.

Martin habe ich nie wiedergesehen. Kurz nach diesem Abend rief er Michaela an und erklärte ihr, wie eingangs erwähnt, dass der Sex genau wie ihre Tanzschritte schlecht gewesen seien und er deshalb nicht mehr käme.

„Ich weiß nicht, was dieser Mensch hatte“ klagte sie. „Weil ich ihm sogar angeboten habe, einen Tanzkurs zu machen. Du siehst, ich bin bereit, mich zu verändern.“

Ganz ehrlich – ich bezweifle, dass ein Tanzkurs etwas verbessert hätte. Wenn ein Mann so weit geht, einer Frau schlechten Sex vorzuwerfen, dann ist Hopfen und Malz verloren, denn „schlechter Sex“ bedeutet bei Männern in den meisten Fällen „gar kein Sex“, mehr nicht. Anstandshalber hätte er aber auch behaupten können: „Deine Fenster waren nicht sauber geputzt.“ Das wäre nicht so gemein gewesen.

Ich habe Michaela übrigens tanzen gesehen. Sie bewegt sich hölzern und steif, als hätte man sie auf ein Brett genagelt.  Und – für guten Sex gibt es, glaube ich, nicht viele Kurse. Trotzdem fand ich den Vorwurf von Martin ungerechtfertigt, denn Peter war Michaelas erster und einziger Mann gewesen und daher auch ihre einzige sexuelle Erfahrung.

Ihr neues Leben verlangte scheinbar auch eine komplette Um-Orientierung beim Geschlechtsverkehr. Etwas, das sie so gar nicht interessierte, wie sie mir mal eingestanden hatte.

Ich vermute, für Michaela ist Sex wie Autofahren: etwas, das man tun muss, um von A nach B zu kommen – in ihrem Fall vom Abend des Kennenlernens bis zum nächsten Morgen. Damit man die Zeit irgendwie rumkriegt. Und wenn wir schon bei Metaphern sind, Michaela fuhr eben einen praktischen, benzinsparenden Kleinwagen, während die Herren sich vielleicht einen Maserati gewünscht hätten. Immerhin sieht sie wie einer aus. Michaela ist nämlich sehr hübsch.

Nach der Sache mit Martin schien sie irritiert, bezog aber weiterhin ihre männlichen Bekanntschaften aus der Spalte „Hallo Partner“ des Käseblattes (gratis…) und traf sich mit jedem, der mit einer Verabredung einverstanden war.

Ich wollte ihr dringend raten, sich nicht so unter Wert zu verkaufen. Nicht gleich mit jedem zu schlafen, der sie darum bittet. Darum suchte ich das Gespräch mit ihr.

Es war sinnlos.

„Sei du nur still“ meinte sie bockig. „Du hast einen Mann. Ich will auch endlich wieder einen. Und dafür mach ich eben alles.“

Sehen Sie – und genau das stimmt nicht.

Michaela machte eben nichtalles. Sie ist nichtauf der Suche nach einem Mann fürs Leben, nach jemanden, auf den sie sich mit Haut, Haaren und Herz einlassen kann  – sie ist auf der Suche nach einem Ersatz für ihren verstorbenen Peter. Weil sie glaubt, sie könnte, wenn sie ein wenig Glück hat und eifrig genug inseriert, da weitermachen, wo sie gezwungenermaßen aufhören musste.

Ihr „Neuer“ sollte genau das tun, was Peter immer getan hat: Haus und Garten in Ordnung halten, gelegentlich für sie kochen und für Michaela Zeit haben, wenn sie Muße dafür hat.

Er soll für sie da sein, wenn sie ihn braucht. Sich nicht drum scheren, wenn sie ihn nicht braucht. Sie unterstützen, aber nur, wenn sie das möchte. Mit ihr zum Tanzen gehen, ihre Hand halten und sie umwerben.

Er sollte nicht krank werden, nicht zu viel von sich zu erzählen („Ich habe einen harten Job und will mich amüsieren, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, keine Probleme wälzen“), immer unternehmungslustig sein („Ich bin offen für alles).“

Michaela sucht einen Animateur oder einen Alleinunterhalter. Einen Lebenspartner braucht sie nicht. Denn dann würde sie darüber nachdenken, warum es sie nicht interessiert, was all diese Männer arbeiten, denken oder fühlen.

Nie fragt sie einen: „Hast du Kinder? Verwandte? Sehnsüchte? Träume? Hobbies? Woher stammt die kleine Narbe am Kinn?“

Es ist ihr egal.

Sie will jemanden, der sich genau in diese leere Stelle einfügt, die Peter hinterlassen hat. Als hätte sie einen Lego-Stein verloren. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird sie trauriger und verzweifelter, weil keiner so richtig „passt“. Und wenn sie einen findet, der wenigstens einen kleinen Teil ihrer Vorstellungen abdeckt, dann verschwindet er wieder, sobald er merkt, dass Michaela selbst zu keinerlei Kompromissen bereit ist.

Klar hätte sie einen Tanzkurs mit Martin absolviert, weil er ihr vorwarf, sie sei zu hölzern und unmusikalisch. Mit dem nächsten geht sie vielleicht sogar zur Rotwildjagd. Oder zum Fallschirm-Springen. Schlafen wird sie mit allen. Aber sie wird das absolvieren wie Autofahren. Weil sie denkt, es sei nötig, um mit diesem oder jenem Mann die Zeit von Montag bis Freitag zu überstehen. Sie macht Zugeständnisse, weil sie selbst eine Menge davon fordert. Mit dem Herzen ist sie nie dabei.

Michaela erledigt die Partnersuche streng pragmatisch.  Vielleicht ist ihr gar nicht bewusst, dass ihr Herz immer noch an Peter hängt und über den Verlust mehr trauert, als sie sich eingestehen will. Vielleicht weiß sie gar nicht, wie sehr sie ihren immer anwesenden, immer lächelnden, immer toleranten Mann geliebt hat. Denn „Liebe“ existiert in Michaelas Universum nur im Fernsehen und ist eine Luftnummer für Träumer und Utopisten. Es ist der Alltag, der sie beschäftigt. Das Reifenwechseln, das Einkaufen, der Müll, der Rasen, das stille Haus.

Abgesehen davon, dass man sich nie so unter Wert verkaufen sollte, wie Michaela das momentan tut, indem sie wahllos mit Zufallsbekanntschaften schläft, nimmt auch ihre Seele immensen Schaden. Man hört ihr die Abgeschlagenheit an, wenn sie spricht. Ihre Augenringe sind riesig, die Falten neben den Mundwinkeln tief eingegraben, und sie ist erschreckend dünn geworden.

Mit Ende 40 wäre es an der Zeit, einzusehen, dass ohne Kompromissbereitschaft, ohne ein paar kleine Abstriche an die eigenen Ansprüche, keine funktionierende Partnerschaft möglich ist. Denn so ein Arrangement wie mit Peter wird sie sich nicht mehr zimmern können. Peter war einmalig, ein wunderbarer Mensch mit einem gerüttelten Maß an Geduld und Toleranz. Er akzeptierte Michaelas Freiheitsdrang, ließ sie gehen, wenn sie gehen wollte und empfing sie herzlich, wenn sie kam.

Peter war eine Selbstverständlichkeit für Michaela. Und wie das oft ist mit Selbstverständlichkeiten, wissen wir sie erst zu schätzen, wenn wir sie nicht mehr haben.

Sie wird verdammt lange suchen müssen, um jemanden zu finden, der ihm ähnelt. Sie wird in viele Betten schlüpfen müssen, enttäuscht aus vielen herauskriechen und dann das nächste Inserat aufgeben.

Michaela ist eine Art emotionaler Legastheniker. Sie versteht die Sprache des Herzens nicht und nicht die der Begierde. Sie versteht nicht das Spiel zwischen Lust und Überdruss, das Flirten und Zurückweisen,  das langsame Annähern, das zurückhaltende Öffnen für den anderen und die Enttäuschung, wenn man bemerkt, dass da nichts ist.

Michaela verlangt etwas und bietet etwas – nach bester betriebswirtschaftlicher Manier. Aber weil sie recht viel verlangt, müsste sie auch ziemlich viel bieten. Angebot und Nachfrage, so läuft das in der freien Marktwirtschaft.

Das versteht sie aber nicht, denn für Peter hat es immer gereicht.

Die Seele fehlt bei allem, was sie tut. Ihre Dates laufen ab wie eine Vorstandssitzung. Sie hat es mir erzählt. Und spätestens beim Nachtisch, wenn Michaela die „Verhandlungspunkte“ auf den Tisch knallt und damit beginnt: „Ich will das und das und das…“ nehmen sensiblere Gemüter Reißaus. Es ist nicht schlau, das Fell zu zerteilen, ehe man den Bären geschossen hat, Mädel.

Sicher wird sie immer wieder jemanden finden, der mit ihr schläft. Die meisten Herren der Schöpfung schlagen nicht gern ein Gratis-Angebot aus. Dafür bekommt sie kurzfristig Gesellschaft, eine Unterhaltung beim Abendessen und vielleicht sogar einen Ausflug an einen schönen See. Meistens aber zahlt sie im Restaurant selbst und im Bett drauf.

Alles kostet immer etwas, aber leider in einer Währung, die Michaela derzeit nicht vorrätig hat: Gefühl.

Irgendwann taucht vielleicht wirklich einmal einer auf, der in ihr Raster passt. Jemand mit einer Immobilie, um die er sich nicht viel kümmert, so dass er Zeit für Michaelas Garten hat. Einer mit viel Freizeit, die er bereit ist, Michaelas straffen Schichtplänen anzupassen.

Einer ohne Haustiere oder Anhang, einer, der sein Leben lang nur auf sie gewartet hat.

Einer, der Rosen bringt und seine schmutzige Wäsche mitnimmt („Ich habe lange genug den Haushalt gemacht, tue ich nicht mehr“), einer, der den Müll wegfährt und den Kühlschrank füllt, weil Michaela das nämlich immer vergisst.

Vielleicht kommt einer, der ihren Tanzstil super findet, für den Sex eine unwichtige Nebensache ist, der auf alle Forderungen eingeht und nichts verlangt.

Ich hoffe für sie, dass irgendwo so einer auf sie wartet, der nur bis jetzt die „Hallo Partner“-Spalte noch nicht gelesen hat.

Eine gemeinsame Nacht ist oft nicht der Startschuss in ein Leben zu zweit. Ein Abendessen ist kein Versprechen. Sex ist kein Klebstoff für geschundene Seelen. Und Pragmatismus ein schlechter Ratgeber, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Das Leben stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Es ist gemein, es ist hart, es ist manchmal sehr grausam. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Und Vorstellungen aus Beton zerbersten irgendwann an der rauen Wirklichkeit.

Wer Liebe will, muss Liebe geben. Wer Gefühle verlangt, muss sie empfinden können. Wer Sex will, sollte wissen, wie Lust sich anfühlt.

Und wer alles will, wird am Ende nichts bekommen.

Wissen Sie was? Ich glaube, ich rufe Michaela jetzt gleich mal wieder an. Dass ich sie mag, kann sie nämlich spüren. Das ist ein Anfang.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bilndnachweis: pexels.com

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