Autor Frauenboulevard - Januar 22, 2019
Kolumne

Ilse und das Altern – Kolumne von Barbara Edelmann

Frau vor BlumenbeetKolumnistin Barbara Edelmann schreibt über das Altern. „Da steht Jonas gerade an meinem Bett im Krankenhaus mit einem riesigen Strauß Blumen, als sich die Tür öffnet, und Ralph hereinkommt. Die beiden Männer haben sich tatsächlich in meinem Zimmer in die Haare gekriegt, weil keiner vom anderen wusste und hätten beinahe eine Rauferei angefangen.“ „Den Werner kenne ich aus der Zeitung, der hat ein Inserat aufgegeben. Er ruft mich die ganze Zeit an und will zum Essen kommen, oder dass wir mal ins Kino gehen, aber der ist mir zu jung.“

Diese beiden Sätze aus 2018 stammen von meiner lieben Nachbarin namens Ilse, die ich seit mehr als 25 Jahren kenne. Ilse ist Ende 70.

Als ich sie kennenlernte, war sie gerade 50 geworden: eine robust gebaute Dame mit nussbraun gefärbter Beton-Dauerwelle, umfangreicher Kittelschürzen-Sammlung, hausfraulichen Qualitäten, wie man sie heute selten findet… und dem brennenden Wunsch nach einem Kerl, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen konnte, denn Ilse war schon im Alter von 48 Jahren Witwe geworden und wollte nicht allein bleiben.

Seit über einem Vierteljahrhundert lausche ich ungläubig-amüsiert ihren teilweise haarsträubenden Geschichten, denn sie scheute niemals irgendwelche Mühen, um einen Mann aufzutreiben. Die Liste der Fahrzeuge mit fremden Kennzeichen, die vor ihrem Grundstück parkten, ist lang. Unbefangen berichtete sie über ihre Erlebnisse mit den jeweiligen Herrschaften, von denen nur einige wenige vor ihren strengen Augen Bestand hatten. Die meisten verschwanden schnell wieder in der Versenkung.

Ilse war rührig. Sie schrieb auf Kontaktanzeigen in der Zeitung, ging mit gleichaltrigen Freundinnen zu speziellen Tanzveranstaltungen, sprach wildfremde Männer im Supermarkt oder an der Tankstelle an und verbuchte mit dieser Methode teilweise mehr Erfolge als eine attraktive emanzipierte Frau um die 30, obwohl sie in einem anderen Zeitalter großgeworden war, in dem der Mann alles galt und sie als Frau nichts zu sagen hatte.

Im zarten Alter von 76 fand Ilse nun endlich jemanden, der ihren Ansprüchen genügt. Sein Name ist Jonas. Er besitzt genau wie sie ein eigenes Haus, ist fleißig, sparsam und redet nicht viel. Aber er käme ohnehin nicht zu Wort. Jonas erweist sich als unglaublich praktisch, denn Ilse hat eine Menge Aufträge an einen willigen Helfer zu vergeben – und damit meine ich nichts, das in der Horizontalen stattfindet.

Hecken müssen geschnitten werden, der Bio-Abfall zum Wertstoffhof, es muss eingekauft werden, Obst gepflückt, das Ilse einkochen kann, und außerdem trägt Jonas seinen finanziellen Obolus zum Haushalt bei, wenn Ilse kocht. Einmal war sie mit einem Metzger befreundet – diesen Zeiten trauert sie noch gelegentlich hinterher, denn „der brachte jede Woche einen Beutel voller Fleisch.“ Sie ist praktisch veranlagt, müssen Sie wissen.

Ich mag Ilse sehr gerne, sie ist sozusagen mein großes Vorbild. Die never ending Story „Frau sucht Mann“ endet nämlich nicht schlagartig, wenn man einen runden Geburtstag feiert, mag das der 40te, der 50te oder der 60te sein. Im Gegenteil. Nur die Suche gestaltet sich etwas komplizierter.

Immer wieder stellte mir Ilse im Laufe dieser fast drei Jahrzehnte irgendwelche Herren vor, deren Gesichter oder Namen ich mir nicht zu merken brauchte. Sie verschwanden schneller wieder als der köstliche Zwiebelrostbraten bei einer ihrer Essenseinladungen, wenn mich der Hunger plagte. Irgendwas fand sie immer auszusetzen, und darum hielt sich keiner lange. Aber ich nehme an, Jonas werde ich mir merken müssen.

Ilse wurde als Kind armer Leute geboren. Sie heiratete als sehr junge Frau und gebar zwei Kinder, die sie nach dem Tode ihres Mannes weiterhin finanziell unterstützte, bis sie selbständig waren. Als Witwe verdiente sie ihr Geld mit Putzen. Sie bezahlte das Eigenheim nach dem Tode ihres Mannes ab, kümmerte sich um den riesigen Garten, denn ihre Kinder waren weggezogen, und sie schaffte das alles ganz allein.

Vor einigen Jahren begleitete sie mich zum Baumarkt, wo wir gemeinsam fünf Säcke Quarz-Sand in meinen Wagen luden, den ich dringend brauchte. „Wir Frauen müssen zusammenhalten“ sagte sie, während wir ächzend die schweren Teile in meinen Kofferraum wuchteten. „Ich habe gelernt, alles selbst zu regeln. Solltest du auch. Dann bist du auf niemanden angewiesen.“

Ilse ist wie erwähnt mein leuchtendes Vorbild – ein Beispiel dafür, dass es nicht mit allem vorbei sein muss, wenn man ein gewisses Alter erreicht. Nur zu gut erinnere ich mich heute noch an meinen 30ten Geburtstag, als ich verloren an einem Tresen in irgend einer Disko stand und hoffte, niemand würde bemerken, wie alt ich von einem Tag auf den anderen geworden war. Himmel, ich war 30. Es kam mir vor wie das Ende von allem, das mir lieb und teuer war. Als hätte ich über Nacht 17 neue Falten gekriegt und graue Haare.

„Gott, bist du dumm“, sagte eine Freundin meiner Mutter damals zu mir. „Da kommt doch erst der Verstand, und es wird richtig gut.“ Sie hatte recht. Aber es dauert eine Weile, bis man das begreift.

Von meinem 40ten Geburtstag existiert nur ein einziges Foto. Ich war damals gerade dunkelhaarig und blicke mürrisch in die Kamera. Meinem Gesichtsausdruck nach hatte ich schlimme Magenbeschwerden oder eine Analfistel, zumindest sieht es so aus. Diese missmutige Miene betrachte ich gelegentlich auf dem Handy und denke mir: „Mädel, warst du blöd.“

40 ist nicht das Ende der Welt. Man denkt es zwar, aber es ist nicht so. Das gilt übrigens für alle anderen Geburtstage auch, meine Damen. Nur zu schade, dass man das erst begreift, wenn man schon länger drüber ist.

Um wenige Dinge wird hierzulande so ein Hype gemacht wie ums Älterwerden. Es ist sogar eine richtige „Verhinderungs-Industrie“ drumherum entstanden. Mit wenig anderen Dingen lässt sich so viel Geld verdienen wie mit Anti-Aging-Produkten. Es sollte nur nicht unbedingt auf der Packung stehen, denn scheinbar liest die geneigte Kundin nicht gerne das Wort „Age“ – also „Alter“ auf einer Cremetube. Das mag wohl einer der Gründe gewesen sein, warum Unilever die von mir favorisierte „Dove pro age“-Linie eingestellt hat. Es verkauft sich einfach nichts gut bei den Damen, das aufs Älterwerden hinweist.

Vor vielen Jahren betreute ich an meinem früheren Arbeitsplatz eine Kundin, nennen wir sie „Frau B.“.
Sie war Ende 60, als ich sie kennenlernte – eine gepflegte, attraktive Erscheinung mit langem, braungefärbten Haar, bis zum Platzen gestraffter Haut, vollen aufgespritzten Lippen… und einem mindestens 20 Jahre jüngeren Liebhaber, der immer in seinem Club-Sakko hereinschneite, die Hände in den Hosentasche, wie eine jüngere Ausgabe von Heinz Rühmann.

Frau B. sprach nie viel, wenn sie uns aufsuchte, vielleicht war es das viele Botox. Sie behandelte uns jüngere Frauen wie etwas, das sie sich am liebsten vom Schuh kratzen würde und verschwand mit rauschendem Nerzmantel wieder in ihrer Luxus-Limousine, sobald sie erledigt hatte, weswegen sie gekommen war. Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass Frau B. ausgesprochen wohlhabend war. Genaugenommen war sie stinkreich. Nichts von dem, das sie am Körper trug, hatte weniger als drei meiner Monatslöhne gekostet, sie war mit teurem Schmuck behangen und wurde von allen hofiert.

Irgendwann kam dann der für Frau B. wohl grauenhafteste Tag: Sie wurde 70. Ihre Hausbank, bei der sie ihre Millionen angelegt hatte, schickte ihr ein Blumen-Bukett, einen Fresskorb und eine edle geprägte Karte mit der Aufschrift: „Alles Gute zum 70ten Geburtstag.“

Unmittelbar darauf kündigte Frau B sämtliche Konten und Depots bei dieser Bank und wechselte zu einer anderen. Sie hielt es nämlich für absolut unanständig, eine Dame – zumal eine so reiche – auf ihr Alter hinzuweisen.

Diese Geschichte habe ich nicht erfunden, sie ist wahr. Und sie zeigt recht deutlich auf, wie hierzulande noch mit dem Älterwerden umgegangen wird.

Frau B. konnte sich jede kosmetische Korrektur leisten: Lifting, Micro-Needling, Lasern, Peeling, Falten-Unterspritzung. Es half alles nichts – am Ende stehen immer der Personalausweis und die Geburtsurkunde. Die lügen nicht.

Anti-Aging-Produkte verkaufen sich nach wie vor wie geschnitten Brot. Sekretärinnen lassen sich in der Mittagspause beim Dermatologen um die Ecke Botox spritzen, im Jahresurlaub Fett absaugen und rennen zum Yoga, um die Auslage straff zu halten. Es wird gerannt, trainiert und geschmiert. Jeden einzelnen Tag. Und jede Sekunde, die verrinnt, trägt uns ein wenig weiter in die Richtung von Frau B., die nicht vor der grausamen Tatsache auf ihren Louboitin-Pumpps davonrennen konnte, dass man nun mal älter wird, und dass dies – frei nach Woody Allen – die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Denken Sie da mal drüber nach.

„In anderen Kulturen wird kein solches Gewese ums Älterwerden gemacht, im Gegenteil. Da werden solche Menschen verehrt, weil sie Lebenserfahrung haben“ erzählte mir der Gynäkologe meines Vertrauens vor einigen Jahren. „Das ist hier in Europa wirklich ein zivilisatorisches Problem.“ An diesen Satz muss ich oft denken.

Vor noch nicht allzu langer Zeit durfte man in aller Ruhe und Gelassenheit ergrauen. Schlagzeilen wie „50 ist das neue 40“ mit dazu passender Werbung für Skinny-Jeans und Harley-Davidson-Bikes mit beheizbarem Sitz waren noch nicht erfunden, und die Haare färbte der Friseur nur auf ausdrücklichen Wunsch. Wer beispielsweise über 50 war, ließ sich eine nette Dauerwelle in Eisengrau legen, kaufte sich eine neue Kittelschürze und dazu passende Pantoletten, guckte den „Kommissar“ mit Erik Ode und war fürs erste zufrieden, diesen scheußlichen Weltkrieg überlebt zu haben. In sämtlichen damals gezeigten Filmen gab es ein gerüttelt Aufkommen von Herrschaften über 50. Über Falten zerbrach man sich nicht den Kopf wie heute, denn das waren damals Designer-Sorgen.

Mittlerweile wird Älterwerden als bedrohlicher Zustand stigmatisiert. Es gibt nicht mehr nur Hyaluronsäure-Injektionen, sondern Sie können das Zeug auch als Kapseln kaufen. Die Taxifahrerin neulich empfahl mir Lachsöl-Dragees, andere schwören auf Shea-Butter. Ich selbst warte immer auf die beflissenste Verkäuferin in der Parfümerie, die mir dann was aufschwätzt, weil ich so gerne glaube, was die erzählen. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Preis in keinem Zusammenhang mit der Wirkung steht, und dass es ziemlich egal ist, was ich auf meinen etwas patinierten Teint auftrage. Wirklich helfen konnte mir nichts. Ich werd‘s wohl mit Fassung und Sonnenbrille tragen müssen.

„Nehmen Sie doch das hier.“ Die Verkäuferin hielt zwischen zwei unglaublich langen, sehr spitzen Fingernägeln eine Dose mit Augencreme. Es war was „gegen sichtbare Spuren des Älterwerdens“. „Das hilft wirklich“ beteuerte sie und sah mich ungnädig im erbarmungslosen Tageslicht an.

„Ach wissen Sie“ antwortete ich., „diesen Krieg verliere ich. Der Gegner ist einfach besser munitioniert. Aber geben Sie die Platzpatrone her… Ich zahle jeden Preis, wenn Sie mir schwören, dass es hilft.“ Leider bin ich ein leichtes Opfer für die Schönheitsindustrie. Das gilt aber auch für Putzmittel. Schreiben Sie drauf: „noch weißer, noch sauberer“, ist schon gekauft.

Gleichgültig, ob 30, 40, oder 50 – diese Jahreszahlen verschaffen den meisten Frauen ein flaues Gefühl im Magen. Sie befürchten, quasi unsichtbar zu werden. Aus der werberelevanten Zielgruppe der bis 49jähren ist man auf jeden Fall raus. Dafür kommen dann mit der Post Termine von Mammografie-Zentren und Kataloge von Online-Sanitätshäusern. Von einem Tag auf den anderen wird man mit Werbung für Treppenlifte bombardiert, und die Mitarbeiter dort wollen partout nicht glauben, dass man keine Ahnung hat, was ein Pagenschlüpfer ist, wenn man entrüstet anruft und sich beschwert. Es ist, als würde es „Klick“ machen, und jemand legt einen Schalter um. Als hätten sich Hersteller von Gleitsichtbrillen und Inkontinenzeinlagen verabredet dass sie einen von diesem Tag an mit Angeboten zuschütten. Alle Beteuerungen Ihrerseits, dass Sie durchaus noch imstande sind, Ihren BH selbst auf dem Rücken zu schließen, verpuffen wirkungslos.

Wissen Sie was? Ich kenne schon einige Personen, die behaupten: „Zum Lesen brauche ich keine Brille, das geht noch prima ohne“, und dabei dann die Zeitung mit den Zehen halten müssen, um sie studieren zu können.
Aber das sind alles Männer. Die leiden nämlich auch. Jawohl. Über die schreibe ich ein andermal.

„Ich mache mir nichts daraus, wenn mir an Baustellen die Arbeiter hinterherpfeifen“ sagte meine Freundin Lena mal. „Ich fürchte mich eher vor dem Tag, an dem sie es nicht mehr tun.“

Sehen Sie – solche Sorgen hat meine liebe Bekannte Ilse mit ihren Ende 70 nicht. Die weiß, dass in jedem Alter, für jeden Topf, ein Deckelchen existiert. Nur sind diese eben gleichfalls ein wenig älter geworden sind und genauso verbogen wie sie selbst.

Letztes Jahr flog Ilse übrigens mit ihrem Lebensgefährten nach Neuseeland, um ihre Tochter zu besuchen, die dort zusammen mit ihrem Mann eine Farm betreibt. Ilse räumte erst mal das ganze Wohnzimmer aus und wischte unter dem Sofa, fütterte das Vieh, half im Stall, jätete Unkraut im Gemüsegarten, nörgelte, wie es ihre liebe Gewohnheit ist, an allem herum, kochte 4 Wochen lang für die versammelte Mannschaft und flog dann wieder nach Hause, um mir zu berichten.

Selbstverständlich hatte sie mittels einer monströsen Digitalkamera eine Million Fotos geschossen. Die Abzüge durfte ich samt und sonders angucken, obwohl ich einen Arzttermin vorzuschieben versuchte. Wie bei Ilse üblich, fehlte auf jeder Aufnahme da ein Kopf und dort die Beine, und manchmal war nur ein Erdhaufen auf dem Bild zu erkennen, aber ich wühlte mich pflichtschuldigst durch das ganze Programm.
Da ist sie knallhart.

Was ich aber wirklich bewundere, ist ihre ganz besondere Lebensfreude, ihr Pragmatismus, dieses „Nicht an morgen denken“, das es ihr ermöglicht, auch im Alter ein erfülltes, zufriedenes Leben zu führen.

Ilse hat sich noch nie mit Gedanken über Falten geplagt. Sie wütet durch ihren Garten mit einem schweren Benzinmäher, setzt sich anschließend fluchend auf meine Couch, wo sie einen Cappuccino genießt, und schimpft dann über den unfähigen Arzt, der ihr immer noch kein neues Knie verschreiben möchte, weil es in letzter Zeit etwas zwickt, weil er (mit Mitte 50) zu jung ist, um echte Schnerzen nachempfinden zu können. Hätte sie einen Internetanschluss, dann hätte sie sich vermutlich schon selbst eine Ersatz-Kniescheibe besorgt und sich diese in ihrer Garage eingebaut.

Sie jammert nie. Das liegt nicht in ihrer Natur, und ich vermute, mit Wehklagen wäre sie nie so alt geworden, sondern hätte längst aufgegeben. Den einzigen Hinweis auf eventuelle Beschwerden erhielt ich, als sie eines Tages bei mir klingelte und mir an ihrem Grinsen etwas merkwürdig vorkam.

„Hascht du einen Schekundenkleber?“ fragte sie hektisch. Da sah ich es: An ihrer Prothese fehlte ein Schneidezahn. Sie hatte beim Morgenmüsli eine Nuss-Schale erwischt. „Dasch schieht blöd ausch“ nuschelte sie. „Ich musch dasch reinkleben, schnell.“

Auf mein Anraten versuchte sie es dann doch beim Dentisten, denn ich wollte nicht, dass sie sich eventuell vergiftet. Irgendwie bin ich sicher – sie hätte das weggesteckt, so wie sie es mit allen Widrigkeiten in ihrem Leben getan hat.

Aber mit einer immer wiederkehrenden Retrospektive über die Schicksalsschläge in ihrer Vergangenheit hätte Ilse garantiert niemals ein Haus abbezahlt, einen jüngeren Lebensgefährten gefunden oder sich beim Tanzen in der Disko für Herrschaften fortgeschrittenen Alters den Fuß verstaucht.

Ich mag sie, weil ich mir oft ins Gedächtnis rufe, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie, wie ich, wieder mal prüfend vor dem Spiegel stünde und das missmutige Gesicht mustern würde, das ihr entgegenblickt.

„Siehst gut aus, du altes Luder“ würde Ilse vermutlich zu sich selbst sagen und sich anlächeln, eine heile Prothese vorausgesetzt.

Ilse hatte einfach niemals Zeit für Falten, keine Muße für Kummer und keinen Nerv für allzu viele Sorgen, die ihr das Leben schwermachen könnten, denn sie musste dieses Leben nonstop leben und als Alleinverdienerin ÜBERleben, ob sie wollte oder nicht. Vielleicht dachte sie gelegentlich: „Ich beschäftige mich später damit.“ Wobei „später“ bei Ilse Definitionssache ist.

Und darum denke ich heute, wenn ich wieder mal lese: „Nach nur vier Wochen faltenfrei“:„Ilse ist so was egal. Sie ist glücklich und zufrieden, freut sich, dass sie morgens aus dem Bett kommt und beschwert sich mit 75 Jahren immer noch darüber, dass Männer alle das Gleiche wollen. Herz, was willst du mehr?“ Ilse würde daraufhin antworten: „Keinen Infarkt.“ Sie ist sehr bodenständig.

Es ist gleichgültig, ob Sie gerade 40 werden, 50 oder 60, und damit kreuzunglücklich sind, denn es liegt an Ihnen, was Sie mit der verbleibenden Zeit anstellen.

Nutzen Sie diese sinnvoll, oder wollen Sie Nebenkriegs-Schauplätze eröffnen wie zum Beispiel den verzweifelten (und auch sinnlosen) Kampf gegen Falten?

Achtung, Spoileralarm: Keine Chance. Möglich, dass Sie aus einigen Schlachten als Siegerin hervorgehen werden, wenn der Dermatologe es schafft, 10 Jahre aus Ihren Mundwinkeln mittels der doppelten Dosis Hyaluron zu entfernen, aber gewöhnen Sie sich nicht daran. Das wird nicht ewig funktionieren. Und nur für den Fall, dass Sie mir nicht glauben: Googeln Sie einfach mal: „Mutter von Sylvester Stallone.“

Ganz ehrlich? Nein. Danke. Ich verzichte.

Sicher besitzen auch sie eine Fotosammlung Ihres bisherigen Lebens, oder? Halten Sie es wirklich für zielführend, diese Bilder gelegentlich versonnen zu betrachten und tief zu seufzen?

„Wo ist nur die Zeit hingekommen?“ fragen sie dann. Ich kann es Ihnen nicht sagen – das ist eines der großen Mysterien. Aber das Alter spielt nur in dem Ausmaß eine Rolle, in dem Sie ihm selbst Gewicht zuweisen. Einer Frau, die sich wegen ihres 40ten Geburtstags grämt, kann ich versichern: Freuen Sie sich. Erstens gibt es – leider – viele Menschen, die dieses Datum gar nicht erreichen. Zweitens liegt noch einiges vor Ihnen. Und sie entscheiden, ob es schön wird oder nicht. Von unten, vom Boden der Niedergeschlagenheit aus, ist die Perspektive auf jeden Fall erdrückend. Darum richten Sie sich auf, erheben Ihr Haupt (ist auch gut für die Kinnlinie) und sehen der Realität ins blutunterlaufene Auge.

Es gibt viele Dinge im Leben, die wir selbst ändern können. Altern gehört nicht dazu, dem sind wir ausgeliefert. Es gibt aber auch verdammt viele Gründe, sich darüber zu freuen, wie viele Erfahrungen man schon machen durfte, und auch (denken Sie an Ilse, die tatsächlich existiert), wie viele dieser schönen Erfahrungen noch vor Ihnen liegen.

Kaufen Sie sich einfach kurzärmelige Shirts statt ärmelloser, wenn Sie partout nicht mit sich zufrieden sind. Und statt dem Bikini in Size Zero tut’s auch ein hübscher Einteiler mit französischem Beinschnitt. Schuhe müssen nicht 10 Zentimeter hohe Absätze haben, auch 5 Zentimeter können sexy wirken.

Am anziehendsten ist ohnehin in jedem Alter ein gesundes Selbstwertgefühl und eine Menge Charisma. Wenn ich Ilse ansehe, geht’s sogar ganz ohne Charisma.

Bildnachweis (Symbolbild): pixabay.com

„Hurra, ich bin noch da“ wäre vielleicht ein Motto für Ihren nächsten runden Geburtstag. Erinnern Sie sich an die Lieben, die Sie nicht mehr in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten können. Freuen Sie sich einfach, dass Sie am Leben sind. Das geht auch mit 30, 40, 50 oder älter. Das geht eigentlich immer.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Alles Gute zum nächsten Geburtstag. Sie haben ihn sich verdient.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Barbara Edelmann (im Bild) ist Heimatschriftstellerin und lebt glücklich und zufrieden im schönen Allgäu, wo auch ihre heiteren Kriminalromane spielen. Einmal wöchentlich lässt sie uns mit einer amüsanten Kolumne an ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht teilhaben. Es lebe der kleine Unterschied, denn ohne ihn hätten wir nichts zu schmunzeln.

Bildnachweise (Symbolbild): pixabay.com / Barbara Edelmann

Autor: Frauenboulevard

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