„Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Meine Freundin Maria wirkte irgendwie erleichtert, als sie mir von den neuesten Entwicklungen ihrer Beziehung mit Sascha, dem attraktiven Versicherungsmakler, erzählte. Ich hatte ihn kennengelernt, war aber von seinem vielbesungenen Charme eher unterwältigt gewesen, denn auf mich hatte er nur aufgekratzt, kindisch und vorlaut gewirkt.

Maria ist Ende 40, Diplom-Betriebswirtin, sehr pragmatisch und bodenständig und hatte ihn mir damals stolz vorgeführt wie einen adoptierten Husky. Beinahe hätte ich erwartet, dass sie ihn Kunststückchen vorführen lassen würde.

Nun aber saß sie an meinem Tisch und nahm noch einen Schluck Kaffee. Ohne Sascha.

„Wenn das so weiter gegangen wäre, hätte ich ihn die Treppe runterwerfen müssen. Am Schluss hat er mich nur noch genervt. Von wegen Verjüngungskur. Ich war total am Ende.“

Sie meinen, Maria übertreibt? Lesen Sie selbst:

Die paar Jahre machen doch keinen Unterschied.“ Sascha blinkerte Maria mit seinen braunen Augen treuherzig an. Sie hatten sich ein paar Tage zuvor zufällig an der Tankstelle kennengelernt und Sascha hatte Maria zu einem Ausflug in eine mittelalterliche Stadt eingeladen.

Beide saßen also im Hochsommer in einem malerischen Biergarten inmitten einer Touristenhochburg. Der Tisch bestand aus einem Felsbrocken, auf den der findige Restaurantbesitzer eine zerschrammte Glasplatte gelegt hatte. Das Gartenlokal befand sich innerhalb eines alten Schlossgartens voller blühender Bäume und Sträucher. Ständig fiel Maria irgendwas bröselig Gelbes in den Kaffee, darum bestellte sie sich Mineralwasser.

Außerdem war sie die meiste Zeit damit beschäftigt, 1. jünger auszusehen, als sie war, was bei Tageslicht keine einfache Sache ist, und 2. aus ihrem Glas kleine gelbe Würstchen zu fischen, mit denen sie der Baum, unter dem sie saß, reich beschenkte.

Es gibt hunderttausend Dinge, auf die man achtet, wenn man älter wird. Vielleicht geht das nicht allen Frauen so, aber vielen. Wir, die ehemals heißen Feger (jetzt nicht mehr ganz so heiß…) wissen um Halsfalten, Flecken auf den Händen oder verräterische Krähenfüße. 20 Jahre Altersunterschied sind 20 Jahre.

Und Sascha war genau 20 Jahre jünger als Maria.

Es ist ungerecht, dass laut weitverbreiteter Meinung ein Mann mit Mitte 40 erst so richtig attraktiv wird (angeblich), während es sich (angeblich) bei uns Frauen proportional umgekehrt verhält (ebenfalls angeblich).

Manche von uns werden aufgrund dieser Dauerberieselung in den Medien, Schlankheitstipps, Botox-Partys und scheinbar nie alternden Models so verunsichert, dass sie am liebsten nur noch gesenkten Hauptes durch die Straßen laufen oder ins Kloster gehen würden. Aber – hey – das liegt an uns selbst, wie wir damit umgehen!

Sascha war also 20 Jahre jünger als Maria. Seit Wochen tat er nichts anderes, als ihr zu versichern, dass der Altersunterschied überhaupt keine Rolle spiele, denn er könne „mit jungen Frauen nichts anfangen, weil die nicht genug im Kopf haben.“

Haben sie schon, Sascha. Haben sie schon, nur können sie damit noch nicht umgehen. Das kommt erst noch. Ich sage ja: ungerecht. Beim Älterwerden gescheiter zu werden ist, als hätte man endlich seine Traumfigur nach vielen Jahren wieder und dann kein Geld, um sich ein rattenscharfes Kleid zu kaufen.

Was nützt einem die ganze Lebenserfahrung, wenn man für die Männer quasi unsichtbar wird? Nix.

Egal. Die beiden saßen also in diesem herrlichen Schlossgarten, und Maria konnte nur denken:  „Kopf hoch, sonst gibt es Falten am Hals. Verdammt, ich hab da dieses Muttermal auf dem Handrücken, hoffentlich denkt der nicht, das ist ein Altersfleck.“

Ihr selbst wäre ein düsteres Burgverlies, Fackelschein und eine Augenbinde für den süßen Sascha am liebsten gewesen, aber man kann es sich nicht immer aussuchen.

Dabei war der Typ viel zu beschäftigt damit, ihr in den Ausschnitt zu starren. Brüste waren an diesem Tag im Sonderangebot, denn es war heiß, und die Stadt strotzte nur so vor Dekolletés.

Sascha beteuerte weiterhin beharrlich, dass das Alter gar keine Rolle spiele, sie klasse aussähe und er sie ohnehin für 20 Jahre jünger gehalten hatte. Was nicht stimmte, aber Maria wollte das glauben, und darum ließ sie sich mit ihm ein.

„Das war so anstrengend“ erzählte Maria ein Vierteljahr später, als wir zusammen Kaffee tranken.

„Es war so anstrengend, dass ich ihn nach einigen Monaten rauswarf, denn für Sascha hätte ich ein Kindergärtnerinnendiplom gebraucht und/oder eine psychotherapeutische Ausbildung, zwei Zentner Tranquilizer und ein Laufgeschirr.“ Ich schmunzelte. Sascha suchte Halt, denn er war haltlos. Er suchte ein Zuhause, denn er war unstet. Er suchte Anerkennung, denn er hatte kein Selbstbewusstsein. Außerdem ließ Maria das ungute Gefühl nicht los, dass er sich ausrechnete, ältere Frauen seien „dankbarer“, wenn man sich mit ihnen einlässt, so dass  er sich ein paar Gemeinheiten oder Gedankenlosigkeiten erlauben könne, die ihm sonst keine Frau durchgehen ließ.

„Er übernachtete oft bei mir“ berichtete Maria.

„Das war einerseits schön. Aber andererseits auch sehr anstrengend, denn Sascha konnte nicht einschlafen, wenn er nicht müde war. Und Sex machte ihn nicht schläfrig. Wir lagen dann noch stundenlang im Dunkeln, während er mir Witze erzählte. Ich lachte oft, dachte aber gleichzeitig an meinen anstrengenden Job am nächsten Tag,  und dass jede Stunde versäumter Schlaf den Grad meiner Krähenfüße um den Faktor 10 erhöhen würde.

Morgens schlich ich mich eine Stunde vor ihm aus dem Bett. Ich trank in Ruhe Kaffee, badete und schminkte mich dann mit aller Sorgfalt, derer ich um diese grauenhafte Uhrzeit fähig war, denn er sollte nie das Gefühl haben, seine eigene Mutter weckte ihn auf. Dass es ihm aber genau darum ging, merkte ich erst später.“

Mit einem jüngeren Mann zusammen zu sein, kann sehr anstrengend werden.

Männer besitzen von Natur aus mehr Muskelmasse, stärkeres Bindegewebe und einen niedrigeren Fettanteil als wir. Während einige bedauernswerte Freundinnen von mir anfangen, zu zerfließen wie weicher Kuchenteig, bleiben Männer länger stramm und straff. Die Bindegewebsfasern bei Männern sind verschränkt, die bei Frauen liegen nebeneinander, was uns anfälliger für zum Beispiel Zellulite macht.

„Ich mache Yoga, jeden Tag“ erzählte Maria mürrisch.  „Außerdem laufe ich unter der Woche etliche Kilometer, ernähre mich gesund und schwimme viel. Trotzdem merke ich, wie ich mich anstrengen muss, um in Form zu bleiben. Sascha war da nur noch eins drauf. Eine Anstrengung mehr in meinem Leben.“

Männer, die jünger sind, haben jüngere Freunde. Sie unternehmen meist „jüngere Sachen“. Wenn Ihre eigene Vorstellung von einem schönen Abend ein Glas Rotwein vor dem Fernseher ist, möchte er am Watzmann freeclimben oder mit Inlinern am Mittelmeer entlangrollen.

Ständig fallen Sie über sein Mountainbike, das er achtlos im Flur liegengelassen hat, und spätestens, wenn Sie das erste Mal auf dem Rücksitz seiner 1000er Kawasaki um Haaresbreite einem Unfall entgehen, weil Sascha einfach nicht glauben will, dass der Kleinwagen tatsächlich hinter dem Traktor ausscheren wird, während er mit Ihnen auf dem Rücksitz mit satten 250 Stundenkilometern angebrettert kommt, werden Sie anfangen, über alles nachzudenken. Während Sie sich der aus Angst vollgepinkelten geliehenen Motorrad-Kombi entledigen.

Während Sascha sagt „Was ziehst  du denn für ein Gesicht, ist doch nix passiert!“ werden Sie merken, dass es feine Unterschiede gibt zwischen Ihnen beiden, was Lebenserfahrung betrifft. Denn für ihn ist der Tod etwas Abstraktes. Sie selbst haben vielleicht schon Freunde oder Verwandte an böse Krankheiten oder andere tragische Unfälle verloren. Die Saschas dieser Welt glauben immer noch, ewig zu leben und dass der Tod etwas ist, das nur anderen passiert. Jeder lernt nur durch Schmerz.

Ein jüngerer Mann erfordert ein gerüttelt Maß an Engagement, Make-Up und – Geduld.

Außerdem brauchen Sie eine gehörige Portion Optimismus, eine Menge Toleranz und alle Souveränität, derer Sie fähig sind, denn viele „Kinderkrankheiten“ hat bei Ihnen das Leben schon ausgebügelt. Mitte/Ende 40 ist man vom Universum mindestens einmal kräftig in die Mangel genommen und gerupft worden, hat Federn gelassen und die kahlen Stellen mit Galgenhumor überdeckt. Die Saschas dieser Welt müssen das alles erst noch erfahren und lernen.

Während die Bücher des Lebens bei so jungen Leuten noch vorwiegend aus unbeschriebenen Blättern bestehen, haben wir unsere schon sogar an den Rändern vollgekritzelt.

„Ich war überaus beschäftigt in der Zeit mit Sascha.“ Maria nahm noch einen Schluck Kaffee. Sie wirkte übrigens nicht traurig, sondern ausgesprochen befreit.

„Ständig musste ich so tun, als wäre ich nicht müde und aufgeregte Euphorie vortäuschen bei allem, was er vorschlug. Es war wirklich, als hätte man ein Kind mit ADHS. Betrat Sascha mein Wohnzimmer, zog er als erstes sein I-Pad aus der Tasche, suchte „Youtube“ und zeigte mir dann sinnentleerte Filmchen mit gekneteten Figuren oder Zeichentricksketche, die ich klasse finden sollte. Eine Unterhaltung kam so gut wie nie zustande, und ich musste ihm am Tisch tatsächlich sein Mobiltelefon verbieten, weil er sogar beim Sonntagsbraten Zombies abknallte und die Hälfte der Nudeln auf das Tischtuch fallen ließ.

Beim Autofahren in seinem Cabrio wurde mir schlecht, denn ab 250 km/h hält meine Frisur nicht mehr richtig, und ich hätte nach jedem Ausflug eigentlich neue Haare gebraucht. Die alten ließen sich nicht mehr kämmen und sahen aus wie etwas, in dem Krähen sich ihre Nester bauen.

Täglich badete er mindestens einmal und hinterließ vom Ankleidezimmer bis zum Bad eine Spur trockener und feuchter Klamotten, Fußabdrücke und Seifenflecken.

„Da hätte ich leichter eine Waise adoptiert“, dachte ich mehr als einmal seufzend.

Er hörte auf mich, wie er auch auf seine Mutter gehört hätte. Er war still, wenn ich ihm befahl, zu schweigen und tat, was ihm angeordnet wurde, aber dafür hatte ich ihn ja nicht „genommen“. Ich wollte einen Erwachsenen, der sich erwachsen benahm. Und mit „erwachsen“ meine ich nicht alt, spießig und konventionell sondern einfach nur weniger anstrengend. Das wäre schön gewesen.

Sascha hielt sich grundsätzlich nicht an Verabredungen. Immer geriet ihm was Spannenderes dazwischen. Zum zweiten Date kam er einen Tag zu spät, zum dritten drei Tage, und als wir uns ungefähr drei Monate kannten, betrug seine Verspätung zwischen dem Versprechen, mich zu besuchen und seiner tatsächlichen Ankunft eine Woche.“

„Eine Woche?“ wiederholte ich ungläubig.

Maria nickte lächelnd. „Aber ich gebe zu: Seine Ausreden waren mal was anderes, sehr kreativ.“

Jüngere Männer wie Sascha sind oft nicht imstande, Termine einzuhalten, sie sind immer viel zu beschäftigt, und darum suchen sie sich eine ältere Frau, die etwas Ruhe in ihr Leben bringt. Eine moderne Variante von „Hotel Mama“, aber mit Sex. Da Ruhe aber normalerweise genau das ist, das sie absolut nicht ertragen können (da könnten sie die kleine Stimme in ihrem Kopf hören), tun sie alles Mögliche, um Verabredungen auszuweichen.

„Nach einigen Monaten war ich müde.“ Jetzt schmunzelt Maria nicht mehr.

„Müde all der Ausreden, müde der Aktivitäten, bei denen ich wahlweise stürzte, mich verletzte oder mir vor Angst beinahe in die Hosen machte. Nach drei Monaten hatte ich keine Lust mehr, auf ihn zu warten und so zu tun, als würde ich seine Lügen glauben. Also warf ich ihn raus.“

Er glaubte es nicht und schrieb mir lange Zeit noch SMS oder Emails, in denen er tat, als wäre nie was gewesen. Seiner Meinung nach war es das vermutlich auch nicht.

Ach Sascha. Er hat übrigens wieder eine Frau aufgetan. Neulich hat sie bei mir angerufen und gefragt, ob er vielleicht bei mir wäre, weil sie ihn schon mehrere Tage nicht mehr gesehen hat und ihn über das Telefon nicht erreichen kann. Sie ist übrigens ein Jahr älter als ich.“

„Ich sehe da schon ein Muster“ murmelte ich, musste mir aber das Grinsen verkneifen.

„Weißt du was?“ Maria zwinkerte mich an.  „Es war lustig. Es war anstrengend, aber ich glaube, ich sehe mich jetzt nach jemandem in meinem Alter um.“

Als Maria sich von mir verabschiedete, lachte sie schon wieder. Sie ist eine gestandene Frau, nicht zu groß, schlank, mit herrlicher blonder Mähne und einem wachen Verstand.  Sie wird das hinbekommen. Ich drücke ihr die Daumen.

Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, Beziehungen, die prima funktionieren, auch wenn ein Altersunterschied vorliegt. Alle über einen Kamm scheren kann man sicher nicht. Nichts ist schwieriger, als eine ausgewogene, zufriedenstellende Partnerschaft zu führen. 50 % aller Ehen werden mittlerweile wieder geschieden. Da sollte man vielleicht schon beim Kennenlernen eine Risiko-Analyse durchführen und darüber nachdenken, wohin das führen könnte.

Die nächste Notaufnahme sollte es aber definitiv nicht sein. Denken Sie daran.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

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