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Ich weiß noch wie heute, wann ich das erste Mal gesiezt wurde: 16 Jahre war ich alt und stand in einer Apotheke. „Was wünschen Sie?“, fragte die Dame hinterm Tresen. Ich war geschmeichelt und fühlte mich wahnsinnig erwachsen.

Als wäre ein Damm gebrochen, wurde ich von da an überall gesiezt: in der Pizzeria, beim Discounter, sogar in der Schule. Das ging viele Jahre lang gut. Mit Ende 30 kreidete ich dann eines Abends in der Billardhalle meinen Queue ein. Damals spielte ich Turnier und übte viel. Ein junger Bursche kam an den Tisch und fragte höflich: „Entschuldigung, wie lange spielen Sie noch?“

„Sie“. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war dabei, älter zu werden. „Älter“, nicht alt wohlgemerkt. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich von Jugendlichen immer geduzt worden, aber nun nahmen sie mich als Erwachsenen wahr. Das brachte mich zum Nachdenken. Aber nicht allzu lange, denn ich hatte einfach zu viel zu tun mit einem Job, einem Nebenjob, Haus, Garten, Verein und Hobbies. Also wurde ich einfach älter. Und noch älter.

Lässt einen der Kurzhaarschnitt nicht mehr alt aussehen?

Jahre später besuchte mich eine gute Freundin. „Du solltest dir dringend die Haare schneiden lassen. Hab‘ ich auch gemacht.“ Prüfend musterte Gisela meine lange Mähne. „Der Friseur sagte, je zehn Zentimeter kürzer wirkt man zehn Jahre jünger.“ „Warum?“, antwortete ich verblüfft. „Die muss ich dann alle paar Wochen nachschneiden lassen. Ich bin nicht gern beim Friseur, da ist mir immer so langweilig, weil ich tatenlos herumsitzen soll.“

„Na dann brauchst du auch nicht jammern“, meinte sie und schüttelte ihren nagelneuen Bob. Ganz ehrlich: Mit langen dunklen Haaren hatte sie mir besser gefallen.

Ich jammere ja gar nicht, Gisela. Älterwerden gehört zum Leben. Und da die Friedhöfe voll mit Menschen sind, die keine 40 werden durften, sehe ich das mit dem Altern nicht so eng. Es erdet ungemein, gelegentlich über die stillen, bekiesten Wege zu schreiten und Inschriften auf Grabsteinen zu lesen. Was hab ich doch für ein Glück, dass ich Falten kriegen darf. Ich meine das ernst.

Neulich war ich wieder mal in meiner Lieblings-Parfümeriefiliale, um mir eine Augencreme zu kaufen. Als ich zögernd vor dem Regal mit der hochpreisigen Kosmetik stand, tippte mir eine Verkäuferin auf die Schulter. Gewandt griff sie nach unten und hielt mir eine kleine Pappschachtel vor die Nase. Ich konnte nur entziffern „Laser Antifalten Turbo“, dann ließ sie die Schachtel sinken und sah mich streng an. Ihr Gesicht hatte was von einem Hühnerhabicht. Vielleicht hielt sie mich für ein Kaninchen. „Nehmen Sie lieber den Super-Turbo-Antifalten-Kleister“, befahl sie mir mit belehrendem Unterton. „Der hilft wenigstens wirklich.“

Diesen Krieg verliere ich so oder so

Es war helllichter Tag, das Sonnenlicht zauberte Kringel auf den grauen Linoleumboden und meine Krähenfüße, was aber beim Bodenbelag definitiv besser aussah. Die Verkäuferin schien mein Baujahr zu sein, und bis auf die Tatsache, dass ich weniger geschminkt war, unterschied uns nicht viel. Der Zahn der Zeit nagte auch an ihr mit Vehemenz, aber immerhin tat sie ihr Bestes, um es zu vertuschen, wohingegen ich bereits aufgegeben hatte.

„Ich habe mich schon entschieden“, antwortete ich deshalb entschlossen. „Sehen Sie mich an – diesen Krieg verliere ich so oder so. Ich möchte nur nicht, dass sich meine Haut um die Augen morgens nach dem Waschen trocken anfühlt. Aber danke.“ Dann schnappte ich mir die Augencreme, machte mich auf den Weg zur Kasse und ließ sie einfach stehen.

Parfümerien betrete ich meist mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit, denn alle Verkäuferinnen sehen stets aus wie aus dem Ei gepellt, mit perfekt aufgetragenem Lidstrich, makelloser Foundation und akribisch nachgezogenen Lippen.

Und immer, wirklich immer, wenn mir eine von ihnen einen Flakon, eine Tube oder einen Cremetiegel vors Gesicht hält, klingt es ein wenig vorwurfsvoll nach dem Motto: „Wenn ICH so aussehen kann, können Sie das auch. Wohl zu faul, oder?“

Schönheitsindustrie bietet alles, um dem Altern entgegen zu wirken

Was ich nicht alles an mir reparieren lassen sollte, wenn es nach der Schönheitsindustrie ginge: Facelifting, Fadenlifting, Schälkur, Cremes, deren Tubeninhalt scheinbar mit Gold aufgewogen wird, Falten-Unterspritzungen, Pilates, Yoga, Gymnastik, kübelweise Mineralwasser, um die Haut aufzuplustern, Meditation, Spezial-Dragees und so weiter. Ich komme gar nicht hinterher und habe festgestellt, dass es wesentlich einfacher ist, sich ohne Brille im Spiegel zu betrachten – da sehe ich nämlich immer noch klasse aus, denn ich bin stark kurzsichtig. Kann ich nur empfehlen. Es bringt ja nichts, sich über jedes Fältchen aufzuregen, davon gehen die nicht weg. Ich habe eher das Gefühl, sie werden bei Beachtung schlimmer.

Neulich war ich beim Hautarzt zum jährlichen Checkup. „Meine Freundin nimmt jetzt immer diese Kapseln mit Hyaluron“, erzählte ich ihm, während er mit dem Vergrößerungsglas um mich herumschlich. „Die sollen gut sein.“ „Kann sie gerne tun“, antwortete er lächelnd. „Sie darf nur nichts erwarten. Das einzige, das wirklich funktioniert, ist ein Lifting. Aber auch dessen Wirkung ist zeitlich begrenzt, und dann müssen Sie es wieder machen lassen.“

Ich muss dazu sagen, dass er keine einzige dieser Leistungen, weder Falten-Unterspritzungen noch Fadenliftings anbietet. Er meint, er hätte schon mit Hautkrankheiten genug Arbeit.

In Würde älter zu werden ist relativ hart, denn ich lebe in einem Zeitalter, in dem sich schon 30jährige alt vorkommen (warum eigentlich?), kenne Frauen, die einmal jährlich zum Fettabsaugen an den Bodensee fahren, sich mittags Botox spritzen lassen und spätestens mit 50 der blanken Verzweiflung anheimfallen.

Einfach mal prominente Frauen googlen!

Letzte Woche las ich einen Artikel über Katie Price, Englands berühmtestes Ex-Boxenluder, die von einem gewieften Paparazzi kurz nach ihrem letzten Lifting fotografiert wurde – mit noch blutigen Nähten neben den Ohren, schlampig in den Haaransatz geklemmten blonden Extensions, mit zugeschwollenen Augen und überproportional aufgespritzten Lippen.

Katie Price ist 41. Und während ich fassungslos das Bild der armen Frau betrachtete, drängte sich mir die Frage auf: „Was macht die, wenn sie 50 wird? Oder 60? Kopf ab und ein neuer drauf?“

Wenn es Sie interessiert, wozu die plastische Chirurgie mittlerweile imstande ist, googeln Sie „Mutter von Sylvester Stallone“. Die Dame wird geschmeidige 93, zumindest Teile von ihr. Das gilt übrigens auch für Cher, Meg Ryan oder Demi Moore. Gerne delektiere ich mich außerdem wohlig-schaudernd an Fotos von deutschen „Promis“, die des Guten etwas zu viel getan haben. Oder tun haben lassen. Ich mache das nicht aus Bosheit, sondern aus einer Art morbider Neugierde heraus, weil ich mir vorstelle, wie sie getrieben werden, immer auszusehen, als hätten sie ein Bild im Keller hängen, das an ihrer Stelle für sie altert.

Es ist ein sinnloser Kampf. Man kann eine Schlacht gewinnen, aber keinen Krieg. Und es ist mit dem Gesicht ja nicht getan, als da wären noch die Oberarm- und Hals-Straffung, die Straffung der Bauchdecke, ein Hals-Lifting, eine Korrektur der Schlupflider und für die ganz Gründlichen Hand-Implantate, denn an den Händen erkennt man das wahre Alter ohnehin sofort. Ein gutes Beispiel für gründliche Restaurierung ist auch Madonna, die jetzt mit 61 immer noch super aussieht, weil sie sich das leisten kann. Bei anderen ist es leider nicht so gut gegangen. Oft wirken die Gesichter aufgequollen oder unnatürlich verzerrt, oft wurde die Haut dermaßen gestrafft, dass sich die Augen zu Schlitzen verzogen haben. Auch dafür gibt es im Netz gute Beispiele.

Ich habe einmal aus Versehen beim Zappen eine Schönheits-OP im Fernsehen „erwischt“ und bin erschrocken hängengeblieben. Die schälen einem tatsächlich die Haut vom Gesicht wie einer Orange, schneiden etwas davon ab und nähen den Rest dann wieder an.

Jede einzelne Falte redlich verdient

Nur über meine Leiche. So eine Welt brauch‘ ich nicht, in der ich ständig jung und schön sein muss, um wahrgenommen zu werden. Ich habe keinen Grund, zu leiden, damit andere was Nettes anschauen können.

Jede einzelne Falte habe ich mir redlich verdient – in durchweinten Nächten, weil ich verlassen wurde, an Gräbern geliebter Menschen, beim Tierarzt in den letzten Minuten meiner Samtpfoten, in Krankenhäusern, wenn ich mich mich mühsam in die Welt der Gesunden zurückkämpfte. Ich würde keine einzige Falte wieder hergeben. Sie sind Zeugnisse eines Lebens voller Anstrengung, Hindernisse und Erfahrungen. Das bin ich. Wem’s nicht passt, der soll sich den „Pirelli“-Kalender oder den „Playboy“ kaufen. Gern geschehen.

Wo ist das Selbstbewusstsein von uns Frauen geblieben? Warum macht man sein Wohlbefinden an Äußerlichkeiten fest? Warum bitte denken 30- oder 40jährige, dass sie sich Botox spritzen lassen müssen? Die haben keine Ahnung vom Alter. Glauben Sie mir: Falten sind das kleinste Übel, wenn man beginnt, auseinanderzufließen wie zu weich geratener Kuchenteig. Da kommen ganz andere Nettigkeiten, auf die man sich freuen darf. Lieber Gott, ich nehm statt der Arthrose, dem Rheuma, Gicht oder Osteoporose lieber die Augenfalten. Dankeschön.

Da ich kein Hollywood-Star bin, tut’s für mich die fettige Creme von Doktor Grandel oder Clinique. Alle meine Freunde und Bekannten werden auch älter und damit naturgegeben weitsichtig, die sehen nicht mehr sonderlich gut, bei denen gehe ich als „gepflegte Erscheinung“ jederzeit durch. Und meine Oberarme kaschiere ich mit längeren Ärmeln. Für so was würde ich mich niemals unters Messer legen.

Geheime Beauty-Tipps von Promis oft amüsant

Am meisten amüsiere ich mich immer über die „geheimen“ Schönheitstipps weiblicher Prominenter. Da sitzt dann eine 50jährige, die wie 40 wirkt und behauptet, 30 zu sein, auf der Yogamatte mit anmutig verknoteten, schlanken Beinen und blickt versonnen in die Kamera.

„Was ist das Geheimnis Ihres jugendlichen Aussehens?“, fragt der Reporter.
„Äh, Wasser“, antworten sie dann immer lächelnd und zeigen zwei Reihen makelloser Implantate. „Rohkost natürlich auch. Und jeden Montagabend röste ich mir einen Grottenolm mit Rucola.“

Dann plaudern sie weiter über ihre Schönheitstipps und schwören, ihre feste Kinnlinie, die straffen Oberarme und die seitlich gezogenen Lider seien ausschließlich das Ergebnis von Mineralwasser, veganer Ernährung und Yoga.

Klar doch.

Wann ist das eigentlich passiert, dass man nicht mehr in Ruhe vor sich hin altern, in die Breite gehen und Kittelschürzen tragen darf? Oder wenigstens einen Trainingsanzug? Warum darf nicht einfach jeder rumlaufen, wie er möchte? Warum sehe ich bei Facebook 60jährige im Mini mit einem Oberteil, das bis zum Schambein dekolletiert ist?

Wie ich meine Mutter und meine Großmutter beneide. Die saßen abends mit den anderen Damen vom Haus zusammen im Garten, klimperten mit ihren Stricknadeln und waren mit sich und der Welt im Reinen. Bundfaltenrock, Beton-Dauerwelle, rote Holz-Pantoletten mit Lederriemen und fertig war die Laube. Es gab nicht das Konkurrenzdenken, es gab nicht das durch die Werbung in den Köpfen verankerte Massenbewusstsein: „Nur Schönheit zählt.“

Keine Lust auf Hanteln

Sicher, Cher sieht immer noch klasse aus, und in der Sitcom „Hot in Cleveland“, in der vier Singles zwischen 50 und 60 in einem kleinen Ort stranden und dort nur ärmellose Klamotten tragen, haben alle eine Bombenfigur und straffe Oberarme wie aus Plastik modelliert. Aber das setzt mich unter Druck, denn ich habe einen Vollzeitjob, mehrere Hobbies und nicht die geringste Lust, abends mit Hanteln durch die Wohnung zu turnen, nachdem ich gerade geputzt habe. Das können die Mädels aus der Traumfabrik gerne machen – die haben ja auch nichts anderes zu tun.

Da lobe ich mir Betty White, die „Rose Nylund“ aus „Golden Girls“. Die hat sich getraut, einfach älter zu werden, mit Hängebäckchen und einem Busen in Nähe ihres Bauchnabels, und macht es mit Humor wett. Betty sieht nicht aus, als hätte an ihr jemand geschraubt, gezerrt oder gespritzt, sie ist einfach nur alt und strahlt eine unbändig ansteckende Lebensfreude aus.

„Jung sein ist toll. Man muss nicht mal hübsch sein, um hübsch zu sein“, sagt Dorothy, eine von den „Golden Girls“, in der allerersten Folge zu ihrer Freundin. „Weißt du, was heute für mich jung ist? 40!“

Man sollte immer daran denken, dass, wie ich eingangs erwähnte, viele nicht einmal ihr 40tes Lebensjahr erreichen. Und man sollte sich beizeiten spirituelle, intellektuelle oder mentale „Vorräte“ schaffen, von denen man zehren kann, wenn sich die Proportionen verschieben wie bei einem schlecht aufgeblasenen Globus aus Gummifolie. Das wird passieren – geben Sie sich keinerlei Illusionen hin. Die Hüften werden breiter, die Taille verschwindet nach Paraguay, Nase und Ohren wachsen einfach weiter, und die Oberarme bedürfen ständigen Trainings, weil der Trizeps sich sonst im wahrsten Sinne des Wortes hängen lässt. Und hängen bleibt.

Buch, Hobbies & Co. gehen auch in späteren Jahren noch

Dann kann man, wenn man vorgesorgt hat, immerhin von seinen Vorräten zehren: Interessen, Hobbies, Talente, irgendwas, das nicht von Äußerlichkeiten abhängig ist. Wer ein gutes Buch zu schätzen weiß und einsieht, dass es mit 60 ein bisschen länger dauert, den Mount Everest hinaufzukraxeln, wird sich leichter tun, wenn er morgens in den Spiegel schaut. Den Berg erklimmen kann er trotzdem, nur eben ein wenig langsamer.

Wer aber seiner verlorenen Jugend hinterherrennt (und die ist wirklich weg und kommt auch nicht wieder…), dem wird irgendwann die Puste ausgehen bis er atemlos am Wegesrand sitzen bleibt. Es ist wie beim Hasen und beim Igel.

Irgendwann mutiert jeder von „attraktiv“ zu „gepflegte Erscheinung“. Irgendwann stellt jeder fest, dass die Restauration vor dem Ausgehen allmählich an Bauernmalerei erinnert und immer aufwändiger wird. Irgendwann landen beim Verreisen im Koffer nicht mehr nur Tanga und Zahnbürste, sondern Säurebinder, Interdentalbürsten und Schlaftabletten. Irgendwann wird man in der Pizzeria „Signora“ genannt werden und nicht – wie noch vor 5 Jahren – „Signorina“. Am besten stellt man sich darauf ein, dann erschrickt man nicht, denn es kommt wie ein Hammerschlag, wenn man bemerkt, dass andere einen als „älter“ wahrnehmen.

Das Wichtigste im Leben altert nie: unsere Lebensfreude, unser Charme, unser Charisma, unsere Begabungen und Vorlieben, und unsere Neugierde auf alles, das unser Leben weiterhin bereichern könnte. Und ein liebevolles Herz, eine begeisterungsfähige Seele, brauchen kein Botox – die bleiben immer 25. Ist das nicht schön?

Ich finde, das sind gar keine so schlechten Aussichten. Machen wir was draus!

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Sekretärin

„Wenn man 30 ist, ist 50 sein utopisch“ sang einst Howard Carpendale in seinem Song „50 Jahre.“ „Irgendwann passiert es jedem, dass man einfach so dazugehört“ hauchte der dauersmarte Sunnyboy noch hinterher. Ja, das stimmt – Howie hat recht! Vor allem ist die 50 utopisch, wenn man U-20 ist und einem schon Leute ab 30 wie eingestaubte Dinos vorkommen. Allerdings kann man das auch umgekehrt sehen: Wenn man sich so langsam an das fünfte Lebensjahrzehnt ranpirscht, erscheint es einem auch utopisch, dass man mal 16 oder 17 Jahre alt war.

Eine Zeitreise in diese unbeschwerten Jahre erlebte ich dieser Tage, als ich nach fast 30 (!) Jahren einstige Mitschülerinnen meiner Ausbildung wieder traf. Einige von ihnen hatten ein Klassentreffen organisiert und ich hatte mir den besagten Tag schon ein halbes Jahr vorher im Kalender eingetragen.

Klassentreffen nach fast 30 Jahren

Das Besondere an der Klasse, die sich nun nach so vielen Jahrzehnten wieder treffen wollte, war zum einen die Tatsache, dass wir unsere Ausbildung – damals zur Facharbeiterin für Schreibtechnik – noch zu DDR-Zeiten begannen und dann volle Kanne in der Wendezeit landeten. Und zum anderen der Umstand, dass diese Klasse damals nur aus Mädchen bestand. Heute wahrscheinlich unvorstellbar, wie man an den vielen Quotenmännern und -frauen landauf, landab sieht. So ein Mädels-Haufen würde heutzutage wahrscheinlich die Gleichstellungbeauftragte auf den Plan rufen, die ob dieser Zusammensetzung Diskriminierung wittern und den in einen Norwegerpulli gehüllten Quotenmann „Martin“ in eine solche Klasse stecken würde.

Damals war das kein Thema, denn den Beruf, den wir erlernen wollten, ergriff zu DDR-Zeiten schlichtweg kein Mann. Jedenfalls ist mir keiner bekannt, der als Sekretär in einem VEB-Vorzimmer in die Tasten einer Schreibmaschine hackte. Wobei natürlich die Bezeichnung „Sekretärin“ für den Beruf Facharbeiterin für Schreibtechnik damals offiziell nicht verwendet wurde. Das „Facharbeiter für….“ wurde korrekt davor gesetzt, da gab es nix im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat.

Ich für meine Person habe in den Jahren danach allerdings auf die Frage, was ich gelernt habe, schlicht und ergreifend immer nur „Sekretärin“ geantwortet. Im Grunde genommen war es das ja auch.

Großes Wiedersehen nach Jahrzehnten

Aber zurück zu unserer Mädels-Klasse. Nach fast drei Jahrzehnten wurde nun ein Treffen organisiert, wo wir alle uns wiedersehen sollten. Die Vorfreude war groß und stieg schon beim Kommunizieren in der WhatsApp-Gruppe, die eigens für diesen Anlass gegründet wurde. Ein großes gegenseitiges Hallo und Staunen machte sich mit dem Eintrudeln der ersten Fotos auf WhatsApp breit. Manche der Mädels hatten sich so gar nicht verändert und bei anderen wiederum musste erst einmal nachgefragt oder nachgedacht werden, um wen es sich handelt. Dazwischen kreisten Schwarz-Weiss-Bilder aus Zeiten der Ausbildung – so um 1989. Die Aufnahmen unterscheiden sich nicht großartig von jenen, die heute in jeder MDR-Doku eingeblendet werden, wenn es darum geht, den Osten zu porträtieren oder die so widerspenstige Ossi-Seele zu ergründen. Hochgefönte Locken, Schneejeans , Blousons und die eine oder andere auch mit einem feschen Popper-Schnitt: So lachten wir in die Kamera, vom Leben noch unbeleckt.

Da sich der Kontakt untereinander nach der Ausbildung – eine Zeit, in der die Wendejahre tobten – schnell verlor, war natürlich nun jede neugierig, wie die anderen Mädels heute aussehen und wie es ihnen ergangen ist. Deshalb war das Hallo groß, als eine nach der anderen auf dem Parkplatz eintrudelte. Ich hatte vorher noch Daniela mit dem Auto mitgenommen – eine ehemalige Mitschülerin aus eben jener Ausbildungsklasse. Sie hatte sich kaum verändert, auch das Mundwerk lief noch nach Jahrzehnten wie geschmiert. So wie meines auch – wir haben uns da nie was genommen. Zwar stellten wir fest, dass unser beider Hüftgold etwas an Umfang zugenommen hatte, aber das tat der Freude des Wiedersehens natürlich keinen Abbruch.

Als die Mädels-Runde komplett war, gab es kein Halten mehr. Umarmungen, Hallo-Hallo, Komplimente, anerkennende und ungläubige Blicke hielten sich die Waage.

Der Spirit der einstigen Ausbildungsklasse war zu spüren

Ich stellte fest, dass sich manche der Mädchen von einst überhaupt nicht verändert haben und hatte bei der einen oder anderen doch Schwierigkeiten, sie zuzuordnen. Das löste sich allerdings schnell auf, so dass der alte Spirit aus der einstigen Sekretärinnenklasse wieder zu spüren war.

Während wir uns von einem Schiff auf dem Wasser treiben ließen – zur Feier des Tages war eine Rundfahrt über die Gewässer unserer Heimat angesagt – machten die ersten Lebensläufe die Runde. Partner, Kinder, Ex-Männer, Ex-Ehemänner und die jetzige Familienkonstellation: Alles kam zur Sprache. Währenddessen kreiste ein guter Tropfen, was die Stimmung zusätzlich anhob. Verblüffend war, dass die allermeisten Schreibtechnikerinnen aus der einstigen Ausbildungsklasse auch heute noch in ihrem erlernten Beruf tätig sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit, bei den vielen Brüchen in nicht wenigen ostdeutschen Biographien, die den Wendejahren geschuldet sind. Schön auch: Alle waren in Lohn und Brot, abgehängt schien keiner.

Unterschiedliche Erinnerungen – vieles verblasst

Allerdings waren die Erinnerungen sehr unterschiedlich. So konnte ich mich beispielsweise an den Sportunterricht in meiner Ausbildung überhaupt nicht mehr erinnern, während die eine oder andere eine Story darüber zum Besten gab. Dafür gab es so manche „Ach-ja-stimmt“-Momente, als Episoden, Storys und Ereignisse von dazumal zur Sprache kamen. Manche Erinnerung kam auf einmal so blitzschnell hervor, dass man davon ausgehen kann, dass sie jahrelang verschüttet war. Eine in unserer Runde meinte, dass das einfach daran liegt, dass die Erlebnisse damals in den normalen Alltag integriert und eben nichts Besonderes waren. Heute sind sie das umso mehr, denn es ist schon etwas Besonderes, die Ausbildung in einem völlig anderen System gemacht zu haben und sich heute – als gestandene Frauen – in einer Lebenswelt wiederzusehen, die damals unvorstellbar und auch unerreichbar war.

Alles in allem war es ein superschöner Abend. Und zudem ein mehrstündiges Abtauchen in eine längst vergangene Zeit. Auch nach der herzlichen Verabschiedung von den Frauen am Ende des Abends begleitete mich ein Gefühl der Melancholie und Nostalgie durch die Nacht. Ja, unsere Mädels-Klasse damals – die war schon was ganz Besonderes!

Nunmehr dürfte es nicht wieder fast drei Jahrzehnte dauern, bis sich der lustig-sympathische Weiberhaufen wieder trifft. Sicher wird es schon bald mal wieder – um es erneut mit Howie zu sagen – „Hello Again!“ heißen.  Auf bald also, Mädels!

Bildnachweis (Symbolfoto): picture alliance/dpa-Zentralbild

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Alleine sein

Jeder Fünfte in Deutschland lebt allein“, las ich gestern in einer großen deutschen Zeitung. Sofort zuckten mir die Finger, ich wollte mich im Kommentarbereich an der Diskussion beteiligen.
„Aber nicht alle freiwillig“, wäre meine Antwort gewesen.

Jedoch bin ich nach einigen Erfahrungen mit Online-Foren aus Schaden klug geworden und las nur mit, denn das Kommentieren bei Facebook gleicht gelegentlich dem Versuch, mit verbundenen Augen ein Minenfeld zu durchqueren: Irgendeiner geht garantiert immer hoch.

„Jeder Fünfte“. Also zwanzig von hundert Menschen oder, auf die gesamte Einwohnerzahl der BRD bezogen, circa 16 Millionen Personen. 16 Millionen Wünsche, Träume, Lebenspläne, Hoffnungen, und entweder freie Entscheidung oder widrige Umstände, die jemanden dazu zwingen.

Mit Sicherheit ist der verwitwete Rentner dabei, der in seiner jetzt leeren Wohnung alten Zeiten nachtrauert und sich wünscht, er wäre wieder zu zweit. Die kürzlich geschiedene Arzthelferin, die sich ihr Leben noch vor 10 Jahren am Tag ihrer Hochzeit ganz anders vorgestellt hat. Der Azubi, der soeben eine neue Stelle angetreten hat in einer fremden Stadt und zum ersten Mal schockiert feststellt, dass sich die Tüte H-Milch nicht automatisch in den Kühlschrank transportiert. Oder der frischgebackene Student, dessen Lebensplan auf dem Macbook ordentlich abgespeichert eine kleine Familie mit Reihenhäuschen, zwei Kinder und einen SUV beinhaltet. 16 Millionen Leben, 16 Millionen Schicksale.

Aber gestern, im Kommentarbereich der Online-Zeitung las sich das ganz anders. Beste Sache überhaupt. Stressfreier Daseinszustand ohne nervige Lebenspartner oder Mitbewohner. Gelegentlich schüttelte ich den Kopf, musste aber dann schmunzeln, wenn ich mir die Profilbilder der jungen Leute anschaute, die von ihrem herrlichen Single-Dasein schwärmten, ungerupft vom Leben, patiniert mit übermütiger Unbefangenheit, was mich ein bisschen neidisch machte, das gebe ich zu. Denn die Unbefangenheit schwindet, wenn einen das Schicksal mal so richtig durchgerüttelt hat und das Leben in den nächsten Gang schaltet. Sobald man das erste Mal jemanden zur letzten Ruhe geleitet, sobald man ernsthaft erkrankt oder einer, den wir lieben, zerfließen unsere Vorstellungen und Glaubenssätze wie zu dünn geratener Kuchenteig. Die Youngster im Kommentarbereich allerdings schienen bisher mehr oder weniger Glück gehabt zu haben. Wie gesagt – ich war ein bisschen neidisch.

Die Verteilung der Meinungen pro/kontra Allein-Leben verhielt sich in etwa 90:10, sprich: Neun von zehn Kommentatoren schworen, dass nichts besser wäre, als allein zu wohnen.

Eine ungefähr 25jährige Frau schrieb: „Alles, was im Kühlschrank ist, gehört mir. Mir ganz allein.“ Das klingt erst mal witzig. Vielleicht kann sie aber einfach nur nicht teilen, weil sie es nie gelernt hat, und ist nicht kompromissfähig. Ich wäre gerne Mäuschen, wenn sie sich irgendwann zu einer Familiengründung entschließt. Mit Kindern bekommen Begriffe wie „mein“ und „dein“ nämlich ganz neue Bedeutungen.

Der nächste junge Mann behauptete, alles andere als allein zu leben sei ihm viel zu anstrengend. Er hätte einen stressigen Job, und „absolut keine Lust, sich nach Feierabend noch um eine Partnerin zu kümmern“. Offengestanden klang das, als vergleiche er die potenzielle Freundin mit einer Rassekatze oder einem Schäferhund, denen man abends eine Schale Trockenfutter hinstellen, das Kistchen säubern und mit ihnen regelmäßig nach draußen gehen muss. Vielleicht kommt ja auch Mutti regelmäßig bei ihm vorbei, befüllt den Kühlschrank und putzt das Klo. Lachen Sie nicht – ich kenne zwei dieser jungen Herren, bei denen das genauso abläuft. Diesen Zustand möchte man natürlich so lange wie möglich aufrechterhalten.

Der dritte schrieb: „Ich lebe nicht allein, ich habe Freunde und Bekannte.“ Beeindruckendes Statement, bis man sich beim Fallschirm-Springen, Freeclimben oder Surfen das Bein bricht und merkt, dass es gar nicht so leicht ist, mit einem Gipsbein und zwei Krücken mehrere Kästen Mineralwasser in den dritten Stock zu schleppen, weil die Freunde und Bekannten alle bei der Arbeit sind und keiner da ist, der einem hilft.

Einer meinte, allein zu sein sei das einzig Wahre, denn er könne nur dann „zocken, wann immer er wolle“. Stellen Sie sich bitte keinen bei dem Wort „Zocken“ keinen Mittvierziger beim Skat vor, sondern einen bleichen Jüngling an der Switch oder der Playstation, der salzsäulengleich mit dem Controller in der Hand zu eigenständiger Kommunikation nur mehr rudimentär fähig ist. Meist reicht es gerade mal für den Pizza-Service. Aber dafür gibt’s jetzt schon eine App.

„Ich bin nicht allein, denn ich habe Freunde und Bekannte.“ Klingt klasse, ganz ehrlich. Allerdings stelle ich fest, dass der Begriff „Freundschaft“ heutzutage inflationär verwendet wird. Weil ich ziemlich sicher bin, dass mir von meinen Facebook-Bekanntschaften im Falle einer schweren Grippe keiner Tomatensuppe oder Klopapier besorgen wird, während ich mich röchelnd in meinem Bett wälze.

Echte, lebendige Freunde, in 3D und Farbe sind selten. Nur weil mich Joschi neulich zu seiner Housewarming-Party eingeladen und beim Verabschieden gemeint hat: „Wir müssen mal einen zusammen saufen, Alter“, ist er nicht mein Freund – den könnte ich nämlich nachts um 1:00 Uhr anrufen, wenn ich mit dem Auto mitten in der Pampa stehe und der ADAC nicht erreichbar ist. Der schaut bei mir vorbei, wenn ich ihn anschreibe: „Bitte komm, mir geht es mies“, der nimmt mich ernst, kennt mich und mag mich auch ungeschminkt und pleite.

Wie viele von denen haben Sie?

Aber zurück zu dieser Debatte im Kommentarbereich über die Tatsache, dass jeder Fünfte in Deutschland allein lebt. Ein Gros der Leserschaft war definitiv noch keine 40 und verteidigte seinen Lifestyle vehement gegen alle vorsichtigen Fragen, „ob das denn wirklich immer so toll sei“. Einzig ein älterer Herr gestand verschämt, dass er seit sieben Jahren verwitwet sei und sich nun daran gewöhnt hätte. Es klang allerdings nicht begeistert.

Fassen wir zusammen: Alleinsein ist klasse. Ihr Klo gehört ihnen. Alles, was im Kühlschrank ist auch. Und gestört werden sie ebenfalls nicht, weder beim Zocken noch beim Binge-Watching (mittlerweile gängige Bezeichnung für Serien-Marathons) oder bei… ach, was weiß ich denn, eventuell bei Ihrer essenziellen Arbeit an einem neuen Wundermittel gegen Krebs oder Laufmaschen.

Also, alles gehört ihnen. Sie müssen „alles, das Ihnen allein gehört“, aber auch allein saubermachen, befüllen und mit einer Grippe und zittrigen Knien das Wasser für ihre Wärmflaschen erhitzen. Sie müssen allein zum Wertstoffhof, allein den Urlaub buchen, allein Ihren Vater im Krankenhaus besuchen, wenn er dann gestorben ist, allein weinen, sich allein darüber Gedanken machen, was in fünf Jahren sein mag oder in zehn, und im Supermarkt genau überlegen, ob Sie wirklich die Großpackung Nudeln brauchen. Gibt’s eben wieder ein Wurstbrot.

Freunde haben nämlich oft keine Zeit und was anderes vor, wenn man sie dringend bräuchte und unter Umständen dieselbe Lebenseinstellung wie man selbst…

Jemanden mit Hühnerbrühe und frischen Papiertaschentüchern zu bemuttern, der gerade mit Grippe im Bett vor sich hin dämmert, ist unbequem, macht Arbeit und ist gefährlich, denn man könnte sich eventuell anstecken.

Außerdem läuft die neue Serie bei Amazon, und man hat sich eben eine Pizza bei „Lieferando“ bestellt. „Tut mir leid, Hendrik-Thorben, äh, es geht grad nicht, muss gleich weg. Du kommst schon klar. Melde dich, wenn du wieder gesund bist, dann machen wir was zusammen, ok?“

Hendrik, ruf einfach deine Mutter an. Die ist ohnehin dein bester Freund. Aber das wirst du noch lernen.

Man hat manchmal das Gefühl, Freunde seien heutzutage nur noch eine Art Lifestyle-Accessoire, wie eine winzige strassbesetzte Handtasche oder ein glitzerndes Paar Sandaletten. Sehen klasse aus, sind aber nicht wirklich praktisch. Freundschaften können sich abnutzen, schneller als Kunstleder, das bei Gebrauch abzublättern beginnt, hässlicher als Baumwollstrick mit ausgebleichten Rändern am Bündchen nach der Wäsche. Man sollte sie nicht überstrapazieren. Denn Freunde haben alle ein eigenes Leben, und genau das vergessen wir gelegentlich.

Zwar vertrete ich nicht die Ansicht, dass man sich allein aus pragmatischen Gründen einen Mitbewohner oder Lebenspartner zulegen sollte, nur damit Hausarbeit und Einkommen geteilt werden können. Aber ich habe so eine leise Ahnung, dass einige der Kommentatoren in ihrem jugendlichen Überschwang überhaupt nicht damit rechnen, dass ihnen das sogenannte „Real Life“ vielleicht irgendwann einen Strich durch die Rechnung machen könnte. In Farbe, 3D und Stereo.

Im echten Leben geht es nämlich nicht zu wie in einer Sitcom (alle 20 Sekunden der vorgeschriebene Lacher), da kriegt man Zahnschmerzen oder Bauchweh, muss dringend in die Ambulanz wegen unklarer Oberbauch-Schmerzen, hat sich den Fuß verknackst und kommt nicht mal bis zum Bad, um sich ein Aspirin zu angeln, geschweige denn ins Bistro, wo heute die witzige Runde mit den schlagfertigen Dialogen ohne einen stattfindet. Im echten Leben passieren schlimme Dinge und wenn eine Freundschaft ein Schirm wäre, der uns vor dem Regen beschützt, dann lassen sich manche nicht mal aufklappen, sobald die ersten Tropfen fallen.

Ganz ehrlich, manchmal beneide ich die Jugend um ihre herrliche Unbefangenheit, mit der sie durchs Leben trudelt und sich sicher ist, ihnen würde nie etwas Übles zustoßen. Den Glauben, dass alles immer so weitergeht. Die absolute Sicherheit, dass schreckliche Dinge nur immer anderen passieren, die man sich dann bei YouTube reinzieht, um sich wohlig zu gruseln.

Es genügt aber ein einziger kleiner Unfall mit dem E-Roller, und man lernt schnell, dass die „Rückwärts“-Taste nur auf der Fernbedienung funktioniert um einen wieder in den unberührten gesunden Wunsch-Zustand zu versetzen. Es gibt keine App für die Schicksals-Verwaltung, höchstens einen fiesen Zufallsgenerator, der willkürlich Grausamkeiten auswirft, die unser bisheriges Leben innerhalb von Sekundenbruchteilen verändern. Immer wieder sehe ich Fotos von Autos, die von jungen Leuten gefahren und an einem Baum zerquetscht wurden. Rollstuhl, Krankenhaus, Reha, Job weg, das war’s.

Und DANN wird sich zeigen, wie viele Freunde man hat. Ein richtiger Augenöffner.

„Ich lebe allein und finde das super.“ Dann verstehe ich nicht, warum Online-Partnerbörsen einen seit Jahren andauernden Boom erleben und die „Hallo Partner“-Seite im örtlichen Käseblatt von beinahe verzweifelt klingenden Bekanntschaftsanzeigen überquillt.

Wie viele der eifrigen Hüter ihrer Single-Appartements tindern regelmäßig auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Right? Wie erklärt es sich, dass Liebes-Schnulzen nie aus der Mode kommen, egal, wie bescheuert sie sind, dass am Ende jedes Films immer noch das Happy-End in Form einer weißen Hochzeit stehen muss? Mir scheint, als seien die meisten weiterhin klammheimlich verbissen und gelegentlich verbittert auf der Suche. Und solange sie suchen, behaupten sie, dass sie es gar nicht tun. So wird natürlich auch ein Schuh draus.

Wenn dann Mr. oder Mrs. Right auftauchen, wie geht’s weiter? Besucht ihr euch immer gegenseitig in euren Lofts mit vollgepackten Reisetaschen, in die irgendwann noch der hoffnungsvolle Nachwuchs passen sollte? Oder fängt man dann doch an, sein Lebensmodell zu überdenken? Wohin mit den ganzen selbstverwirklichenden, hedonistischen Einzelgängern?

Und ich rede jetzt nicht von den Leuten, die gezwungenermaßen allein leben, weil sie momentan metaphorisch gesehen „aus der Kurve geflogen“ sind, sondern von allen, die immer krähen, wie super sie es finden, dass sie nicht teilen, nicht kümmern, nicht nachgeben, keine Kompromisse anstreben wollen. Ich rede von denen, die behaupten, ihr Leben wäre super. Immer auf Hochglanz, immer irgendwo ein brennendes Teelicht auf dem frisch abgeschliffenen Vintage-Tisch vom Flohmarkt. Und zack – rein zu Instagram damit, weil alle sehen sollen, wie gut es mir geht.

Wenn ein großer Bekanntenkreis oder Freunde genügen („Ich lebe nicht allein, ich habe Freunde und Bekannte“), warum dann diese permanente Eigenwerbung in Form von Selfies mit Duckface und verführerischem Blick hinter halbgeschlossenen Lidern? Wenn dieser Lebensstil das Non plus Ultra ist, wenn alle wirklich so zufrieden sind, zocken können, wann immer sie wollen, fernsehen bis der Arzt kommt, warum suchen dann so viele? Ach, ich würde so gerne mal fragen. Aber ich bekäme vermutlich nur eine ausweichende Antwort.

Ich gestehe ganz ehrlich: Auch ich genieße Zeiten des Alleinseins. Da kann ich mich in der Trainingshose auf meiner Couch fläzen, mir acht Folgen meiner Lieblingsserie am Stück angucken, das schmutzige Geschirr auf der Spüle stehen lassen und hemmungslos mit meiner Freundin chatten, bis der Finger blutet. Ab und zu ist das so richtig schön.

Freiwillig allein zu sein ist etwas anderes, als es dauernd sein zu müssen. Wenn man erst mal ein gewisses Alter erreicht hat, dann fühlt es sich nicht mehr ganz so toll an. Als stünde man verloren auf einem riesengroßen menschenleeren Platz, schutzlos allem ausgeliefert, was das Schicksal uns zukommen lässt. Je älter man wird, um so geringer wird auch die Aussicht, dass es sich dabei um den edlen Ritter auf dem weißen Ross handelt, und man sollte besser täglich, statt mit einem Schimmel plus Ritter, mit einem führerlosen Müll-Laster rechnen, der einen plattwalzt. Irgendwann ist der Spaß vorbei. Auch das gehört dazu. Man nennt es „Erfahrung“.

Wenn jeder so zufrieden mit sich ist, warum gehören zum modernen, hippen „Allein-Leben“ Hipsterbärte, Ganzkörperrasuren, Ohrringe, Herren-Manikür-Sets, Fitness-Studios, Body-Öle mit Erdbeer-Aroma, Eiweiß-Nahrung für schnelleren Muskelaufbau, Brazilian-Waxing, Gelnägel, künstliche Wimpern und ständig neue Klamotten? Wofür all die Instagram-Accounts mit gephotoshoppten Selfies, auf denen man aussieht, als hätte jemand die Kameralinse des Handys mit Butter eingeschmiert?

Da sitzen sie dann in ihren Single-Wohnungen, polieren ihr Angebot, epilieren es, gelen es, cremen es ein, pudern und schminken und frisieren es. Und merken es nicht. Denn auch Beziehungen sind kein Accessoire – die erfordern harte Arbeit, täglich neue Kompromisse und ein gerüttelt Maß an Toleranz. Jemand, der aber an einem eingerissenen Gelnagel verzweifelt, wird sich da schwertun…

Ich mag Authentizität. Und die finde ich heutzutage selten. Mein junger, durchaus attraktiver Neffe, sitzt nächtens in seiner gestylten Single-Wohnung und sucht online ein nettes Mädel. „Ich fühle mich wohl, pah, wer braucht schon eine Freundin“, tönt er. Und trotzdem benimmt er sich wie ein Süchtiger auf „cold turkey“ – kaltem Entzug.

Sehen Sie, DAS meine ich. Alleinsein ist nur schön, wenn man es freiwillig tun kann. Wird es einem vom Leben aufgezwungen, benennt man es um in „Einsamkeit“. Und die hat scharfe Krallen.

Alleinsein ist das Design-Accessoire unter den Zuständen, ein delikater Luxus, der uns Freiraum verschafft für Dinge, die wir gern tun oder für die wir keine Zeugen gebrauchen können. Aber die Übergänge zur großen, bösen Schwester, der Einsamkeit, sind fließend. Ehe man sich versieht, hat man die unsichtbare Grenze überschritten. Und da wartet sie, um uns Löcher ins Herz zu schlagen, uns den Mut zu nehmen, uns auf uns selbst zurückzuwerfen, der flüsternden Stille auszusetzen, die lauter sein kann als jedes Konzert von Rammstein.

Erinnern Sie sich noch an die Serie „Golden Girls“ aus dem Jahre 1985? Rose, Blanche, Dorothy und Sophia, alle zwischen 55 und 80, leben in der Villa von Blanche zusammen, wo jede ein eigenes Zimmer bewohnt. Sie amüsieren sich mit verschiedenen Männern, trösten sich gegenseitig mit Käsekuchen und guten Ratschlägen bei Liebeskummer und vermitteln dem Zuschauer vor allem eines: dass Leid tatsächlich halbiert und Freude verdoppelt werden können, wenn man sie mit anderen teilen kann.

„Freundschaften“ sind die neue Ehe, die ermöglichen einem ein unabhängiges Leben voller Spaß mit null Verzicht oder Kompromissen, das Äquivalent von Zucker-Ersatz beim Backen, das Kunstleder unter den Halbschuhen, das Low-Carb bei der neuen Diät. Genuss ohne Reue.

Meiner Meinung nach war die Serie „Golden Girls“ nicht ausschließlich wegen der charismatischen Hauptdarstellerinnen Betty White (Rose), Bea Arthur (Dorothy), Estelle Getty (Oma Sophia) und Rue McClanahan (Blanche) so erfolgreich, sondern weil sie dem Zuschauer etwas Wichtiges vermittelte: eine allen Krisen und Anfechtungen standhaltende Freundschaft – allerdings in Ermangelung von passenden Lebensgefährten.

Dieses Prinzip wurde später von der Serie „Friends“ sehr erfolgreich fortgeführt und fand anschließend in Produktionen wie zum Beispiel „New Girl“ mit der bildhübschen Zooey Deschanel oder „How I met your mother“ seinen vorläufigen Abschluss.

In unseren schnelllebigen Zeiten der Ent-Solidarisierung („Will mich nicht um jemanden kümmern, das ist nur Stress“) scheint der Wunsch nach echten zwischenmenschlichen Beziehungen, nach Halt und sozialen Auffangnetzen, eine tiefsitzende menschliche Sehnsucht zu sein, auch wenn es nicht zugegeben wird. Fast alle von uns fühlen sich irgendwann einmal einsam, so ganz tief im Inneren, an diesem beängstigend dunklen Fleck in unserem Herzen, in den wir nie jemanden hereinlassen, und der nur mit Spezialausrüstung zugänglich ist. Da schauen wir nie hin, wir vermeiden es, uns dieser unheimlichen Stelle zu nähern. Das könnte wehtun.

Tut es.

Und so tönen sie ganz laut, wie glücklich sie sind, dass sie es gar nicht anders wollen. Wenn ich ehrlich bin, macht mich das ein wenig traurig. Ich höre Kinder im dunklen Keller pfeifen, sehe Lebensmodelle, die über kurz oder lang der Wirklichkeit zum Opfer fallen werden, registriere diese herrliche Unbefangenheit, und ich nehme Unschuld wahr. Aber ich erkenne auch Hedonismus, Egoismus und eine soziale Kälte, Vereinsamung, auf eine ganz perfide Art und Weise

Denn zufrieden sind sie nicht. Alle wollen wir doch sie haben, diese Freundschaft, die immer hält, ein paar Menschen – es müssen ja nicht viele sein – auf die wir uns verlassen können, die uns in schwarzen, sepiagefärbten Tagen zur Seite stehen, uns trösten, uns zur Beerdigung des Opas begleiten. Nicht jeder von uns hat das Glück, einen Partner fürs Leben zu finden, mit dem man alles teilen kann, darum sind echte Freunde wichtiger als je zuvor. Und es ist schwieriger als je zuvor geworden, welche zu finden. Zwischen Binge-Watching, Zocken und coolen Freizeitaktivitäten bleibt man auf der Strecke, wenn man nicht mithalten kann in diesem Wettbewerb um das coolste Dasein, die größtmögliche Abgeklärtheit und die exzentrischste Selbstdarstellung. Da sind „Freunde“ dann nur noch unbezahlte Claqueure. Sie klatschen und loben uns, wir sie auch. Und wenn es nichts mehr zu beklatschen gibt?

Der Kern meiner Aussagen ist folgender: Wer Alleinsein als andauernden Glückszustand enpfindet, braucht Freunde, die auch im Schleudergang des Lebens zu einem halten, nicht nur während der Weichspülung. Aber dafür ist uns dank unzähliger Hollywood-Produktionen und immer mehr „Ich, ich, ich“ das Gespür verlorengegangen.

Wer fängt diese jungen Menschen auf beim ersten rauen Wind, wer holt sie aus den versifften Schlammgruben des Schicksals, in denen jeder von uns mal landet? Was haben wir vergessen, der Instagram- Snapchat- und Facebookgeneration beizubringen? Ist es wirklich nur der Übermut der Jugend, oder haben wir etwas Essentielles übersehen? Sind Begriffe wie „Anstand, Pflichtgefühl“ tatsächlich komplett überholt? Oder möchte ich nur ein paar unbefangenen jungen Menschen Dinge aufbürden, die nicht mehr in Mode sind?

Mich um andere zu kümmern, denen es schlecht geht, hat mich auch mit 25 schon „gestresst“. Das gebe ich zu. Ich hab‘s aber trotzdem getan, denn irgendwann war ich dann die, um die sich jemand gekümmert hat. Und ich war sehr dankbar und bin es heute noch. Mit dem „Kümmern“ hab ich übrigens nie aufgehört…

Man kriegt immer nur das raus, was man selbst auch gegeben hat. Im Falle von „Alles im Kühlschrank gehört mir, mir allein“, frage ich mich, wie es dann mit der Liebe aussieht – dem Wichtigsten, das wir zu verschenken haben? Oder mit emotionalen Bedürfnissen anderer? Sind solche Menschen überhaupt zu selbstlosem Tun imstande? Jemanden zu lieben, bis dass der Tod einen scheidet, eines Kindes wegen auf vieles zu verzichten?

Freunde sind wichtig. Keine Frage. Allein zu leben kann nett sein und komfortabel. Aber Dinge ändern sich. Manchmal schneller, als einem lieb ist.

Eins ist aber sicher: Keine der „Golden Girls“ wäre sechs Wochen tot in ihrem Zimmer gelegen, ehe es jemandem auffällt. Bei Hendrik-Thorben bin ich mir nicht so sicher. Wenn der sich zwei Monate nicht meldet, könnte er ja grade auch mit dem Mountainbike im Himalaya auf Selbstfindungstrip sein. Und da er allein lebt, muss er auch niemandem Bescheid geben. Er wirft einfach Power-Bank, Solar-Ladegerät und Prepaidkarte in einen nachhaltig erzeugten Rucksack, checkt ein und fliegt los. Wir sehen ihn dann garantiert bei Instagram oder Facebook, wo er seine lachenden Selfies vor dem Abgrund mit allen Freunden teilt.

Oder auch nicht…

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

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Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal privat länger telefoniert?

Ich selbst vor einer Woche, indem ich meine Gesprächspartnerin quasi dazu nötigte. Kurzentschlossen wählte ich ihre Nummer, und versehentlich nahm sie ab.
Diese Verlegenheit, dieser Moment, wenn man merkt, der andere ist unangenehm berührt, sie waren beinahe körperlich spürbar. Als hätte ich die Arme auf der Toilette erwischt.

Scheinbar verletzt man mittlerweile ein Tabu, wenn man es wagt, jemanden während seiner sauer verdienten Freizeit zu stören, weil diese anscheinend das Äquivalent einer geschützten Tierart geworden ist und mittels „Work-Life-Balance“ verwaltet wird. Mit App natürlich. Freie Zeit teilt man nicht mit jedem – da ist man sehr selektiv geworden. Immerhin geht alles auch schriftlich, was der landläufigen Meinung zufolge weniger aufwändig und wesentlich unproblematischer ist.

Ja – es ist tatsächlich zum „Aufwand“ mutiert – dieses Einlassen auf ein paar Worte am Telefon, sei es nun Festnetz oder mobil. Weil man vielleicht mit den meisten Leuten gar nicht mehr reden möchte? Weil man im direkten Gespräch dessen Verlauf nicht beeinflussen kann? Es ist schwieriger, zu sagen: „Sorry, ich muss jetzt weg, habe Stress“, als das ins Display des Smartphones zu hacken. Stimmen sind so verdammt verräterisch.

Ich bin übrigens schmerzfrei bezüglich dieser „peinlichen“ Momente, denn ich weigere mich standhaft, mich der neuen Zeit gänzlich anzupassen und sämtliche Unterhaltungen nur noch über irgendeinen Messenger zu führen. Was gerade modern ist, hat mich noch nie interessiert, das galt nicht nur seinerzeit für neonfarbene Leggings mit Zebrastreifen oder überdimensionale Schulterpolster, sondern ist bis heute Teil meiner Lebenseinstellung und betrifft auch Zwänge in jeder Form.

Wenn eine verstümmelte Kommunikationform von Millionen Menschen innerhalb weniger Jahre als neue Gewohnheit angenommen und praktiziert wird und ich gar keine andere Wahl habe, als mitzumachen, betrachte ich das als Zwang. Was „man“ tut, tangiert mich nicht. Die beste Methode, mir einen Film oder ein Buch schon im Vorneherein nachhaltig zu vermiesen ist der im Befehlston formulierte Satz:

„Den/das MUSST du einfach sehen/lesen.“ Das gilt auch für Musikstücke und Sushi-Varianten, bei denen der Fisch noch zappelt. Ich mag ganz einfach nicht „müssen“. Basta.

„Normalerweise vereinbart man einen Termin über Whats App, und dann erst telefoniert man“, erklärte mir neulich ein Münchener Geschäftsmann. Ich hatte ihn kurzentschlossen angerufen, denn er antwortet selten auf Nachrichten schneller als nach drei Tagen. Schon wieder dieses „man“. Nö. Danke. Man muss sich das einfach mal vorstellen, dieses Umständliche, Komplizierte, dem wir uns freiwillig hingeben. Anstatt zum Smartphone zu greifen und eine Nummer zu wählen, tippen wir erst mal umständlich eine Message mit dem Inhalt „Wann wäre es denn in Ordnung?“ Dass ich das bei einem gestressten Aufsichtsratsvorsitzenden tun muss, sehe ich ein. Aber ganz ehrlich: Wer von uns ist bitte so beschäftigt, dass er nicht mal mehr ein paar persönliche Worte wechseln kann? Es muss ja keine Stunde sein, oft genügen fünf Minuten.

Natürlich habe ich Whats-App installiert. An manche Personen komme ich ja schon gar nicht mehr anders heran. Warum aber bitte muss ich ein genau definiertes Zeitfenster vereinbaren, um mit einer Person zu reden? Was ist passiert?

Das erste Smartphone (von Apple) wurde 2007 auf den Markt gebracht, das sind gerade mal 12 Jahre. Innerhalb dieses Zeitraumes sind nach und nach kommunikative Praktiken erodiert und an den Rändern ausgefranst. Auf einmal ist es modern, so wenig wie möglich zu reden. Ich fasse zusammen: Telefonate nur noch nach Voranmeldung. Es sei denn, sie finden im Kino, wenn gerade der Film beginnt (letzte Woche erlebt), im Speiselokal am Nachbartisch, im ICE in voller Lautstärke (ständig) oder an anderen Orten mit möglichst viel Publikum statt. Das muss ich verstehen – der Typ hatte mit Sicherheit einen Termin über Whats-App vereinbart…und er ist wichtig.

Holt mich hier raus. Bitte.

„Ich habe im Moment keine Zeit“, höre ich häufig, wenn es darum geht, mal zu telefonieren. „Puh, so viel Stress, da müssen wir eine Uhrzeit finden, wo es nicht ganz so eng ist“, erklärte mir neulich eine Bekannte im Facebook-Messenger. Sie ist Hausfrau, mit drei erwachsenen Kindern, die alle im Ausland leben, und vertreibt sich die Zeit hauptsächlich in Dessous-Läden oder auf den Websites von Online-Shops. Selbstverständlich kann das dermaßen in Stress ausarten, dass man keine Zeit mehr für andere Menschen hat. Verstehe ich, Sabine. Und ich rufe dich auch nicht mehr an. Versprochen.

Es ist wie eine um sich greifende Epidemie, dieses langsame Sterben einer essentiellen Kommunikationsform. Nachdem sich jetzt sogar meine verehrte Frau Mutter mit ihren 83 Jahren ein Smartphone angeschafft hat, um ihre überlästigen Enkel auf einfachem Wege abwimmeln zu können (Meine Mutter ist immer unterwegs, da nerven die Gören nur, wenn sie fragen: „Oma, kann ich zum Essen kommen?“), werde ich wohl meine eigene Verweigerungshaltung nochmals überdenken müssen.

Sollte ich meine Mama tatsächlich mal ans Telefon bekommen, dann benimmt sie sich übrigens, als müsste sie innerhalb der nächsten dreißig Minuten in Saudi-Arabien eine brennende Ölquelle löschen und sofort in ihren Supergirl-Dress hüpfen, um loszufliegen.

Meine Freundin Ella verweigert sich ebenfalls. 48 Jahre alt, Mutter von drei entzückenden, mittlerweile erwachsenen Töchtern, liebevolle Ehefrau, hangelt sie sich atemlos durch ihr Leben, das aus zwei Jobs, einem zwei Quadratkilometer großen Garten und einem Haus, das von der Geräumigkeit her einer Reithalle ähnelt, besteht. Ella hat nie Zeit, und wenn sie welche hat, dann erträgt sie kein anderes Geräusch als das Rascheln einer Chips-Tüte oder das Öffnen der Kühlschranktür, um die Schokolade mit Praline-Füllung rauszuholen. Sie hat sich gegen den ganzen Stress, von dem sie umgeben ist, und durch den sie sich quält, einen Panzer aus mindestens 60 überflüssigen Kilos angefuttert, von dem sie glaubt, dass er sie beschützt, den sie aber hasst. Weswegen sie sich übrigens noch mehr von der Außenwelt separiert. Und noch mehr isst. Immer, wenn sie sich besonders beschissen fühlt, macht sie alle Schotten dicht. Analog und digital.

Sie sehen – es gibt viele Gründe für sozialen Rückzug.

Man geht nur noch ran, wenn man muss. Im Messenger kann ich nämlich sein, wie ich gesehen werden möchte. Aber bei einem Anruf hört meine Freundin vielleicht, dass ich gerade ins Sofakissen geschnäuzt habe, weil ich mich so elendiglich fühle.

Seit zwei Jahren versuche ich, einen Termin zu vereinbaren, an dem Ella und ich uns zum Grillen treffen, mal gemütlich zusammensitzen können und ein bisschen plaudern können.
„Toll, machen wir!“, ruft sie immer enthusiastisch, wenn ich sie wirklich mal an den Apparat bekomme, was höchstens einmal innerhalb von drei Monaten vorkommt. „Wir schreiben und klären das über Whats App.“ Das geht so seit mittlerweile zwei Jahren.

Gelegentlich kommt dann eine Nachricht von ihr: „Ich kann bald nicht mehr und bin total fertig mit den Jobs und dem Haus und dem Kochen und so.“
Ich: „Du Arme. Bussi-Emoji.“ Manchmal verschicke ich auch zwei Emojis.

Sie müssen wissen: Ich tippe nicht allzu gern auf dem Handy-Display herum, vor allem, wenn die Sonne draufscheint. Mehr Anteilnahme würde sie bekommen, wenn sie bei mir anriefe, aber das ist ihr wiederum zu intim. Als würde ich mit jedem Wort, das ich sage, einen geheimen Raum betreten, der nur ihr gehört. Ist das wirklich alles, was die Menschen heutzutage noch wollen? Bussis, Herzchen, Röschen und winzige bunte Blumensträuße? Bei Geburtstagen zusätzlich vielleicht noch eine stilisierte Torte oder ein aus dem Internet heruntergeladenes Bildchen mit einer Kerze.

Ihr könnt mich bald alle, ehrlich. Aber es sind so viele mittlerweile, so schrecklich viele.

„Ich habe keine Zeit für Gespräche“ wird heute tatsächlich als glaubhafte Ausrede gesellschaftlich akzeptiert. Das behaupten Schüler, Rentner, Hausfrauen und genervte Angestellte gleichermaßen. Sie benehmen sich, als wäre Telefonieren etwas sehr Privates, beinahe wie Sex oder Stuhlgang. Schließlich geht jedes Wort von ihrer nicht vorhandenen Zeit ab. Es klingt immer so, als hätte ich allein 24 Stunden täglich zur Verfügung, und sie nur 14. Vielleicht bin ich ein Vampir. Oder ein Relikt.

„Wir haben 20 Minuten“, erklärte mir Beatrix, eine Journalistin im Ruhestand, letztes Jahr am Telefon. „Dann müssen wir aufhören. Ich möchte nicht zu lange reden. Das strengt mich zu sehr an.“ Wenigstens ist sie konsequent.

Ich kenne wirklich viele Leute. Die meisten behaupten, sie könnten sehr schlecht „Nein“ sagen. Dabei sind sie wahre Meister im Abgrenzen von der unerwünschten Außenwelt. Und die „Außenwelt“, das bin leider ich. Um mich macht sich aber keiner Gedanken, die ich mich zurückgewiesen und gekränkt fühle. Es ist ja die neue Zeit. Und da muss ich durch.

Kürzlich hatte mein Neffe schlimmen Liebeskummer, denn er war von seiner Freundin nach fünf Jahren abserviert worden. Sagenhafte drei Stunden schrieben wir auf Whats App hin und her, bis ich vorschlug: „Können wir telefonieren, das Getippe geht mir allmählich auf den Keks?“

Schwupp, war er offline und meldete sich nicht mehr. Für einen kurzen Moment schämte ich mich, denn ich kam mir vor, als hätte ich von ihm etwas Unzumutbares verlangt, oder noch schlimmer: etwas Altmodisches, etwas das nur alte Leute tun. Es wirkt schon, das Digitale. Die schöne neue Welt. Bei jedem. Bei allen. Tippen auf einem winzigen Display ist zum Ersatz für wirklichen echten Trost geworden. Man kritzelt ja auch keine Notizen mehr auf die Rückseite von gebrauchten Briefumschlägen, sondern macht Screen-Shots mit dem Handy oder diktiert sie einer App, die heutzutage ein zerknittertes Stück Altpapier und einen Kühlschrankmagneten an der Pinnwand ersetzt.

Kann man aus meinen Worten herauslesen, dass es mich allmählich anödet? Dieses sinnlose Verschicken von bunten Bildchen mit geklauten Sinnsprüchen zum Geburtstag, Weihnachten oder Silvester zum Beispiel. Mein Smartphone-Speicher quillt regelmäßig an den Feiertagen über von redundanten Zeichentrickfilmchen mit Schweinchen, Häschen, Kätzchen und anderen Lebewesen.

Ich kann einfach nicht fassen, wie viele Leute glauben, dass ein schlecht gemachter Cartoon mit Untertiteln den Ansprüchen von jemandem genügt, der mit handgeschriebenen Briefen auf echtem Papier aufgewachsen ist. Ja. Ich bin alt. Zumindest so alt, dass ich es geschmacklos finde, wenn ich zum Geburtstag von Leuten, denen ich persönlich einen liebevoll zusammengestellten Fresskorb vorbeigebracht habe, nur eine SMS bekomme, die bestenfalls das Bild eines Kuchens enthält. Ich werde mir künftig diese Arbeit auch nicht mehr machen. Gut für mein Budget.

Jedes Jahr vor Heiligabend wird es besonders schlimm.

„Wish You a merry Christmas.“ Dazu ein paar stilisierte Notenblätter oder kitschige Engelchen, gerne animiert, und schon hat man sich wieder Porto gespart. Auch das mühselige Schreiben mit einem Kuli entfällt. Ja, du mich auch. Wo ist eigentlich „Weihnachten“ geblieben? Oder Deutsch? War es zu mühsam, wenigstens ein einziges knallbuntes Christbaum-Foto mit Untertiteln in unserer Sprache herauszusuchen? Ich antworte nie auf solche Video-Clips, ich sehe sie mir nicht mal an und schreibe auch nicht „Danke“. Dafür ist MIR zum Beispiel meine Lebenszeit zu schade. Was ich daran erkennen kann, ist, dass sich keiner mehr Mühe macht.

„Effizienz“ heißt das Zauberwort. Einsparung von überflüssigen Bewegungen, Gedanken und Handgriffen. Wir rationalisieren uns zu Tode.

Bis letztes Jahr habe ich alle meine Weihnachtskarten persönlich geschrieben. Über den Inhalt jeder einzelnen habe ich nachgedacht und die Zeilen individuell formuliert. Ich habe die Dinger eingetütet, zugeklebt, adressiert (noch mehr Arbeit) und frankiert (ja, gekostet hat es auch etwas). Resonanz? Keine. Die übliche Schwemme an Engelsbildchen und animierten Christbäumen am 24.12. Keine Sekunde früher. Unsere Konversation, ja die gesamte Kommunikation, wird rudimentär. Alles geschieht nur noch bruchstückhaft. Damit werden auch die Möglichkeiten, uns auszudrücken, geschmälert.

Ein Satz im Messenger kann sehr schnell missverstanden werden, denn Ironie muss mittlerweile als solche gekennzeichnet werden. Wissen Sie, warum? Weil man es an der Stimme hört, wenn jemand sarkastisch ist. Entfällt die Tonlage, oder ein Lachen vielleicht, schleichen sich Irrtümer ein, und irgendwer bekommt es garantiert in den falschen Hals. Ist mein Whats-App-Gesprächspartner (welch eine Worthülse), dann erst mal so richtig verstimmt, erfordert es Geschick und Geduld, diese Unstimmigkeiten wieder zu bereinigen. Da dürfen Sie dann eine Menge tippen.

Stimmbänder haben schon ein paar Vorteile. Ehrliches Bedauern, das man aus einer Entschuldigung heraushören kann zum Beispiel.

Die Kommunikation verschwindet im Alltag. Sie schrumpft stückweise in sich zusammen wie ein Ballon, der allmählich die Luft verliert, immer kleiner und unansehnlicher wird. Und wer aufs Telefonieren angewiesen ist, wer zum Beispiel kein Smartphone besitzt, geschweige denn einen Messenger, hat in Zeiten, in denen sogar jeder kleine Kirchenchor über Whats-App vernetzt ist, schlechte Karten. Der ist unmodern. Ein Ewiggestriger. Hinter seiner Zeit zurück. „Waaaas? Du hast kein Whats App? Mann, bist du altmodisch.“

Ganz ehrlich: Das allein ist schon ein Grund für mich, mein eigenes Verhalten diesbezüglich zu überdenken, denn es gefällt mir nicht, in welche Richtung sich das entwickelt.

Sozialer Rückzug ist eines der Anzeichen für eine Depression, lese ich immer wieder in einschlägigen Büchern. Wir alle haben diese ominöse, nicht messbare Tabuzone um uns herum, die je nach wissenschaftlicher Studie zwischen 30 Zentimeter bis zu eineinhalb Metern in unserem Radius umfasst und zum Teil sogar mit Instrumenten messbar ist. Kommt uns jemand zu nahe und überschreitet diese unsichtbare Tabuzone, dann fühlen wir uns unwohl.

Mit unserer Art der Verweigerung persönlicher Kommunikation, mit dem Ablehnen von Telefongesprächen oder echtem Kontakt zum Beispiel, dehnen wir diese Tabuzone mittlerweile ins Unendliche aus. Sie können auch Ihren Kumpel in Thailand blockieren, damit der Sie nicht mehr über Whats-App kostenfrei anrufen kann. Ach was, Sie können die ganze Welt blockieren. Wie praktisch.

Ist das nicht merkwürdig? Wir haben wesentlich mehr Möglichkeiten zur Kommunikation als je zuvor und nutzen immer weniger davon. Irgendetwas bleibt auf der Strecke, und ich befürchte, es ist die Menschlichkeit. Ein Bekannter von mir hat vor zwei Jahren tatsächlich meiner Freundin zum Tod ihres Mannes eine SMS mit dem Inhalt: „Herzliches Beileid“ geschickt. Mehr nicht.
Finden Sie das gut? Ich nicht. Und das gebe ich offen zu.

Wir sind einsamer als früher, vielleicht, weil wir uns bedrängt fühlen von dieser Erreichbarkeit rund um die Uhr. Jeder kann uns zu jeder Zeit anmailen, anschreiben, anrufen. Sich mittlerweile unsichtbar zu machen, ein paar Stunden auszuklinken aus dem alltäglichen Wahnsinn, erfordert ziemlichen Aufwand, denn einfach das Telefon auszustecken wie früher funktioniert nicht mehr.
Das war einmal. Und man muss sich peinlichen Fragen stellen.

„Hast du mich etwa blockiert?“ „Ich habe genau gesehen, dass du vorhin noch online warst. Wieso antwortest du nicht?“ „Du hast doch bei Facebook was gepostet um 21:20 Uhr. Aber auf meine SMS von 21:15 schreibst du nicht zurück.“ Überwachbar sind wir geworden. Erreichbar und kontrollierbar. Von allen und jedem. Und darum versuchen wir, etwas von dem freien Raum, von dem ehemals so beruhigenden weißen Rauschen, zurückzubekommen, indem wir uns verweigern und Termine vergeben. Wir machen dicht und schaffen es doch nicht, alle Löcher zu stopfen, durch die irgendwelche Nachrichten, gute oder schlechte, kriechen. Dabei wollen wir doch gar nicht mehr alles wissen. Es würde uns schon reichen, denn auch in unserem Arbeitsleben hat sich alles verdichtet.

Es ist das Atemlose, dieses Schnelle, das Immer-auf-dem-Sprung-sein-Müssen der Neuzeit, von dem wir spüren, dass es sich wie Mehltau über unser ganzes Leben legt. Dem wir irgendwie entkommen möchten, denn alles, was ein Mensch tut, sollte auf freiwilliger Basis geschehen. Und wir merken allmählich, dass „freiwillig“ eine Option ist, die uns nicht zur Verfügung steht. Nicht mehr.

„Offline ist das neue Detox“, las ich neulich. Detox wird aus Bambus gewonnen und dient laut gängiger Doktrin der Entgiftung. Man kann es als Tee trinken, Kapseln einnehmen oder es sich in Pflasterform auf die Fußsohlen kleben. Offline zu sein – also quasi „entgiftet“ – ist mittlerweile ein Luxus, den sich immer mehr Leute zu leisten versuchen, weil sie spüren, dass sie keine Zeit mehr haben, sich auszuruhen von all dem, das um sie herum geschieht. Es wird einem sehr schwer gemacht, sich zu entgiften, denn alle anderen sind ja noch online.

Offline läuft man Gefahr, den Anschluss zu verlieren, nicht zu wissen, wann die nächste Chorprobe stattfindet oder den Geburtstagsgruß mit dem animierten Kätzchen auf einer gezeichneten Torte zu verpassen. Wir wollen doch immer dabei sein. Auch wenn es nur virtuell ist. Sonst bleiben wir allein.

Allmählich finde ich diese Aussicht verführerisch, wenn ich ganz ehrlich bin.

Meine Nachbarin gestand mir letzte Woche: „Ich habe überhaupt kein Handy und möchte auch keins, denn was ich sehe, wenn ich mich auf der Straße umschaue, macht mir eine Heidenangst. Auf irgendeine Sucht habe ich keine Lust.“

Betreten schaute ich zu Boden, denn ich bin eine Betroffene. Ich schneide Videos auf meinem Smartphone, verwalte meine Emails, mindestens 11.000 Musiktitel und 5000 Fotos, lese Nachrichten, pflege meine Accounts bei Facebook, Instagram und Twitter und tue mit dem Handy alles außer Kartoffelschälen. Nur telefonieren kann ich nicht damit, denn keiner will mehr angerufen werden. Es ist wirklich zum Schreien. Weil ich mir habe sagen lassen, dass Smartphones eigentlich genau dafür erfunden worden sind.

Als ich eine junge Frau war, besaß ich ein Telefon mit Wählscheibe und einem 10 Meter langen Kabel, das locker bis in die Badewanne reichte, in der ich stundenlang an einem Drink schlürfte und mit meinen Freunden plauderte. Dabei erfuhr ich dann, wer sich von wem getrennt hatte, wer mit wem fremdgegangen war, und wann die nächste Fete stattfinden sollte. Plante man selbst eine, dann rief man alle der Reihe nach an und lud sie ein.

Heutzutage ist es eine Zumutung, jemanden anzurufen, eine Verletzung der Privatsphäre. Wir schotten uns ab, bauen uns einen Kokon, eine Todeszone um uns herum, und verlassen uns darauf, dass diese von uns ignorierten Menschen trotzdem verfügbar sind, wenn wir sie denn mal brauchen sollten.

Das erinnert mich an eine Folge in der britischen Sitcom „The IT-Crowd“, wo einer der Hauptprotagonisten versehentlich seinen Papierkorb in Brand setzt und dann panisch der Feuerwehr eine Email schreibt. Auf die Idee, sein Telefon in die Hand zu nehmen, kommt er nicht.

Messenger sind wie sogenannte „tote Briefkästen“ in Spionagefilmen. Man legt was rein und hofft, dass es der andere Spion abholt und weiterleitet. „Ich hab deine Nachricht gar nicht gesehen“, heißt es dann, wenn die Antwort ausgeblieben ist. Beide wissen: Das ist gelogen, aber dann pfeffern wir einfach noch ein grinsendes Emoji mit dazu, und alles wirkt schon viel freundlicher.

Diese uralten Telefone mit Wählscheibe vermisse ich manchmal. Man musste (vor Einführung der Rufnummernübermittlung) rangehen, wenn man wissen wollte, wer einen anrief. Da der Mensch von Natur aus ein neugieriges Wesen ist, hob ich natürlich immer ab. Manchmal war es ein hartnäckiger Exfreund, manchmal meine Oma, die nur fragte, ob ich genügend gegessen hätte. Manchmal waren es Freunde, die mich zu einer Fete einluden. Und manchmal war es die Nachricht, dass jemand gestorben war.
Man konnte es sich nicht aussuchen.

Da sind wir heute aber spitzenmäßig besser dran, oder?

Mittlerweile wurde unsere Kommunikation outgesourct zu Facebook, Whats-App, Telegram, Viber, Signal, oder wie die Messenger und sozialen Netzwerke alle heißen. Man schreibt, was man eigentlich sagen sollte. Uns entgeht dadurch aber die Möglichkeit, anhand der Stimmlage die Befindlichkeit unseres Gesprächspartners wahrzunehmen, seine Gegenwart zu spüren, echtes Lachen zu hören, Trauer zu ahnen oder Schmerz. Schreiben kann ich nämlich viel, wenn der Tag lang ist.

Nichts ist einfacher, als einen ausgelassenen Eindruck zu erwecken in einer Messenger-Nachricht. Wo bei einem persönlichen Gespräch vielleicht die Alarmglocken läuten, wenn man deutlich hört, dass derjenige eventuell gerade geweint hat („Geht es dir wirklich gut, du klingst so merkwürdig?“), können wir im Messenger vor der Welt und uns selbst ein Bild der Stärke und Unangreifbarkeit aufrechterhalten, das real nicht existiert. Es ist sehr viel einfacher, in Kurznachrichten zu lügen als in einem echten Gespräch. Messenger schalten Instinkte aus. Als wären wir Gazellen in der Serengeti mit verätzten Nasenschleimhäuten, die den Löwen nicht mehr zu riechen imstande sind. Es ist nun einmal wesentlich einfacher, in schriftlicher Form zu lügen.

Sie glauben, ich klinge plakativ? Heute las ich in einer Onlinezeitung, dass eine Influencerin kürzlich ihr Badewasser in kleine Fläschchen abfüllte und ihren Followern für ein paar Dollar/Stück anbot. Innerhalb von drei Tagen war alles abverkauft. Mich wundert allmählich überhaupt nichts mehr. Aber von dieser Welt möchte ich mich nicht vereinnahmen lassen.

Früher klingelte es oft an meiner Tür. Jeder, der vorbeischaute, bekam etwas zu trinken angeboten. Dann setzte man sich auf die Couch und unterhielt sich. Stellen Sie sich vor: Man unterhielt sich. Auge in Auge. Es wurde gelacht, wir vereinbarten vielleicht ein Treffen oder schauten zusammen einen Film. Und das ohne Voranmeldung.

Heutzutage ist es nicht mehr möglich, mit mehr als drei Leuten am Tisch zu sitzen, weil immer irgendwer sein Smartphone zückt und sagt: „Hast du schon gesehen? Meine Katze hat neulich Handstand gemacht.“ Und dann fuchteln sie einem mit dem Telefon vor dem Gesicht herum. Alle tun das, in jeder Altersklasse. Bei den Älteren habe ich manchmal Glück, denn ohne ihre Lesebrille können sie nicht in ihrer Videosammlung herumwühlen. Wenigstens etwas.

Wir sind dabei, alles zu verlernen, das uns ausmacht, zu vergessen, was Kommunikation eigentlich bedeutet.

Warum hat eigentlich der einsame ältere Herr, der sechs Wochen tot in seiner Wohnung lag, ehe jemand bemerkt hat, dass er nicht mehr lebt, keine Whats-App-Nachricht an ein paar Leute geschickt mit dem Inhalt: „Ich bin einsam und brauche Hilfe“? Weil das keiner tut, dem es so richtig schlecht geht. Wir lassen uns gegenseitig allein, koppeln uns ab von allem, das eine solidarische Gesellschaft auszeichnet. Wir sind dabei, asozial in des Wortes reinster Bedeutung zu werden.

Und dabei versuchen wir doch eigentlich nur, uns zu schützen, auch wenn uns das selbst vielleicht gar nicht richtig bewusst ist.

Dieses Leben – es huscht immer schneller an uns vorbei, denn anstatt es uns leichter zu machen mit all diesen digitalen Vernetzungen und Verpflichtungen, treibt es uns vor sich her mit Bits und Bytes, mit blauen Häkchen und Anruflisten,, mit roten Signalzeichen, dass uns eine Nachricht erwartet, die wir endlich mal abrufen sollten. Und wehe, der Akku ist leer.

„Oh, der schon wieder da gehe ich jetzt nicht ran“, hörte ich schon mehr als einmal, wenn ich es geschafft hatte, meine Freundin zu einem Stadtbummel zu überreden. Dazu zieht sie ein entnervtes Gesicht.

Wann bitte sind Anrufe zu einer Art von Körperverletzung oder Zumutung geworden?

In jedem Psychologie-Buch können Sie nachlesen, dass sozialer Rückzug ein Schritt zur kompletten Vereinsamung und auch ein Zeichen für Depressionen sein kann. Die Verweigerung von persönlichen Gesprächen ist eine Art von Flucht in eine nicht mehr existierende Komfortzone, gleich, wie man es dreht und wendet.

Dabei kann Telefonieren viel praktischer sein als Chatten am Handy. Sie dürfen nämlich nebenher bügeln, das Katzenklo säubern, oder die Wanne putzen, denn mindestens eine Hand haben Sie ja frei.
Woher rührt diese wachsende Unlust, etwas durchaus Menschliches zu tun? Da haben wir in vielen Jahrhunderten endlich gelernt, uns anders als durch Grunzlaute zu verständigen, und dann hören wir wieder damit auf. Freiwillig.

„Ich bin total fertig und brauche meine Ruhe“, höre ich häufig. „Total fertig“ muss ich gelten lassen. Dieses Leben frisst uns allmählich auf. Immer schneller, immer weiter, immer höher. Bis zum Absturz. Sie werden sich wundern wie still es dann plötzlich um Sie herum wird. Dass Sie nicht einmal mehr Lust haben, jemanden anzusimsen. Dass jede eingehende Whats-App-Nachricht mit dem Inhalt „Hallo, wie geht es dir“, oberflächlich scheint. Weil nichts, wirklich gar nichts, eine Umarmung ersetzen kann, oder ein persönliches Gespräch. Wollen wir hoffen, dass Sie nie in diese Situation geraten.

Es gibt einfach zu viele Probleme, die nicht mittels traurig blickender Emojis gelöst werden können.

„Wir telefonieren mal wieder“, ist heute eine geläufige Floskel, die genauso viel Bedeutung hat wie der lapidar hingeworfene Satz: „Wir sollten mal wieder auf den Mount Everest klettern. In Stöckelschuhen.“
Im Klartext bedeutet es nämlich: „Wenn die Hölle zufriert“.

Was passiert mit uns? Wieso sind wir so stumm geworden?

Ich beobachte diese sozialen Rückzüge auf breiter Front seit etwa 2013. Vorher sind sie mir nicht in diesem signifikanten Ausmaß aufgefallen. Verhalten wir uns so, weil unsere Stimmen zu verräterisch sind? Weil sie durchklingen lassen, wie müde und fertig wir sind, wie satt wir das alles haben: das Rattenrennen um ein auskömmliches Gehalt, die bohrende stille Furcht, schon im nächsten Jahr vielleicht keinen Job mehr zu haben? In einer Kurznachricht können wir ja prima weiterhin behaupten, „Alles in Ordnung, und selbst?“ Setzen Sie einfach noch ein lachendes Emoji drauf, dann passt das schon.

Ich habe als junges Mädchen in der Schule noch Stenographie gelernt. Es handelt sich hierbei um die sogenannte „Kurzschrift“, eine aus einfachen Zeichen gebildete Schrift, die schneller als die herkömmliche „Langschrift“ geschrieben werden kann und es ermöglicht, in normalem Tempo gesprochene Sprache mitzuschreiben oder eigene Ideen schneller zu notieren.

Lange Jahre hockte auch ich mit meinem Block in der Hand vor irgendeinem zerstreuten Boss und nahm seine Diktate auf. Anschließend saß ich verzweifelt an meiner Schreibmaschine, später am PC, außerstande, mein eigenes Geschmier zu entziffern, denn ich hatte im Laufe der Jahre etliche eigene Kürzel erfunden, die nicht im Lehrbuch vorkamen.

Sowohl Steno als auch Sekretärinnen mit Blöcken und gespitztem Bleistift in der Hand sind seit dem Aufkommen von Diktiergeräten aus der Mode gekommen. Aber diese verflixte „Kurzschrift“ schleicht sich durchs Hintertürchen als digitale Variante wieder ein. Wenn alles immer weiter verkürzt und vereinfacht wird, verschwindet es irgendwann ganz.

So weit möchte ich es – nur bei mir persönlich – nicht kommen lassen. Also rufen Sie mich bitte an. Ich verspreche, ich gehe auch ran. Weil ich gerne mal wieder eine Stimme hören möchte. Und es sollte nicht die von Siri sein.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann!

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

Sanduhr mit rotem Sand

Gestern besuchte ich einen ganz besonderen Ort – eine kleine Lichtung mitten im Wald, wo seit über 30 Jahren ein Einsiedler lebt. Er hat sich dort mit tausenden von der Sonne ausgebleichten Seidenblumen, die in angeschlagenen Plastiktöpfen schmale, mit verwitterten Steinplatten ausgelegte Wege säumen, und unbeholfen gezimmerten, dämmerigen Holzhütten voller vergilbter Heiligenbildchen, ein skurriles Refugium geschaffen. Fernab vom hektischen Treiben, allumfassender Konsumgier und der rasenden, uns immer mehr in ihren Strudel aus Verpflichtungen und Begehrlichkeiten hineinreißenden Geschwindigkeit unserer Welt.

Betritt man einen der verwinkelten Pfade, die durch ein unübersichtliches Labyrinth im dichten Nadelwald im Kreis führen, befindet man sich schlagartig in einer Welt der Stille, einem kleinen buntgemusterten Universum aus gelebter, zu Herzen gehender Frömmigkeit und innerer Einkehr. Alle Hektik fällt von einem ab, und man durchwandert selbstvergessen diese Enklave, den manifestierten Traum eines introvertierten Einzelgängers, der für sich selbst beschlossen hat, dass ihn das Treiben „dort draußen“ nicht mehr interessiert, weil er nicht dazugehören möchte.

Dieser Einsiedler verzichtet auf jede Art von Konsum seit mehr als drei Jahrzehnten, läuft fast immer barfuß und bezeichnet seine Eremitage selbst als einen heiligen Ort. Ab und zu besuche ich ihn und lausche in der flüsternden Kühle dieser aus der Welt gefallenen Insel der Seligen dem gequälten Wispern meiner gehetzten Seele, fernab von Trubel, Alltagssorgen, übervollen Terminkalendern und dem lästigen Vibrieren meines Mobiltelefons. Dieses Stück Wald ist ein wunderbarer Ort zur Einkehr, eine Herausforderung für uns „digitale“ Arbeitssklaven, eine kleine Flucht ins Unwirkliche.

Außerdem beeindrucken mich Konsequenz, Beharrlichkeit und der tiefe Glauben an eine übergeordnete Macht, mit denen dieser Mensch sein eigenes kleines Reich gestaltet hat, in dem er schon so lange ohne Strom oder fließendes Wasser (außer dem kleinen Bach, der an dem Grundstück vorbeifließt) lebt und jetzt bei allerbester Gesundheit bald seinen 80ten Geburtstag feiern darf.
Wobei ich mir nicht sicher bin, was „feiern“ bei ihm bedeutet.

Gestern nun, als ich mit einer Freundin die wispernde Ruhe des Waldes durchschritt, wie jedes Mal beeindruckt von der Frömmigkeit und Bescheidenheit, die dieser von Menschenhand geschaffene Ort ausstrahlt, sah ich den Eremiten stehen, der sich mit jemandem unterhielt. Bei ihm verweilte ein Ehepaar Mitte 50. Der Mann klammerte sich in grotesk verzerrter, gebückter Haltung an einen Rollstuhl und starrte mich mit einer Eindringlichkeit an, die bekommen machte. Er wirkte, als würde er sich an mich erinnern, oder sich zu erinnern versuchen, obwohl ich ihn nicht kannte. Man sah ihm an, dass er sich verzweifelt bemühte, nicht zusammenzusacken, als sei er gerade hingefallen und beim Aufstehen auf halber Höhe daran gehindert worden.

Meine Freundin und ich taten, was uns angemessen schien – wir grüßten höflich und gingen weiter. Aber das Bild des Mannes, der sich an diesen Stuhl klammert und aussieht, als würde er gleich in sich zusammenfallen, lässt mich seitdem nicht mehr los.

Ich bin ganz sicher, für diese beiden Menschen, ein dem Anschein nach altgedientes Ehepaar, hat sich die ganze Welt innerhalb von Sekundenbruchteilen für immer verändert. Vielleicht machten sie früher regelmäßig Radtouren, feierten ausgelassen mit Freunden auf der Terrasse ihres Hauses, zogen Kinder groß, gingen samstags zum Einkaufen und hatten alles durchgeplant bis zur Rente. Vielleicht stritten sie gelegentlich über die Freizeitgestaltung, probierten regelmäßig neue Diäten aus und überlegten, ob sie die Oma ins Pflegeheim bringen sollten. Manchmal hatten sie unter Umständen das Gefühl, das Geld reiche nicht und bekamen sich in die Wolle, weil er unbedingt ein neues Auto kaufen wollte, sie aber meinte, man müsse fürs Alter etwas sparen. Eventuell hatten sie Sorgen, weil eines ihrer Kinder über die Stränge schlug. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Und dann… kam dieser Schicksalsschlag, der alles zunichte machte. Vielleicht ein Schlaganfall, vielleicht ein Verkehrsunfall oder eine gemeine Krankheit. Eine Millisekunde, die ihr künftiges Leben unter einer von Kummer eingetrübten Käseglocke für alle Zeiten konservierte, unter welcher sie seitdem zu existieren gezwungen sind. Dieser eine Moment, in dem unsere Wünsche, Hoffnungen und Träume, all unser Ärger um Kleinigkeiten, in sich zusammenfallen wie ein angestochener Helium-Ballon, er hängt über jeden einzelnen Schicksal wie ein Damokles-Schwert. Übrig bleibt dann nur noch die leere Hülle unserer vorherigen Existenz: unter Umständen ein nicht abbezahltes Haus, zu wenig Krankengeld und … Schmerz. Jede Menge Schmerz und die Frage: „Warum ausgerechnet ich?“

Wissen Sie, was ich am häufigsten von meinen Freunden höre, wenn ich vorschlage, mal wieder was zu unternehmen? „Ich habe keine Zeit.“

Durch die Bank sind sie gestresst, reiben sich zwischen Arbeit, Gartenpflege, Kindererziehung oder Hobbies auf, streamen gelegentlich zur Entspannung einen Film oder gönnen sich einen Kino-Besuch und denken, sie hätten alles im Griff, denn nichts ist wichtiger heutzutage, als gut durchorganisiert zu sein. Ihre Urlaube planen sie mindestens ein Jahr im Voraus wegen dem Frühbucher-Rabatt, sie zahlen pünktlich jeden Monat in ihre Altersvorsorge ein und sparen fleißig („Damit ich mir in der Rente was gönnen und auch mal eine Kreuzfahrt machen kann“). Sie verschwenden, außer auf Beerdigungen von alten Freunden, keinen Gedanken dran, dass ihr Lebensplan nicht in Stein gemeißelt sein könnte, wie sie das zu glauben scheinen. Glauben müssen, denn die Wahrheit ist einfach zu grausam.

Aber das Leben nimmt keine Kreditkarten und unterschreibt keine Verträge. Auch nicht, wenn man 17 verschiedene Versicherungen abgeschlossen hat, unter anderem gegen Asteroideneinschlag oder Poltergeister. „Willst du Gott amüsieren, dann mach’ einen Plan“, las ich neulich.

Wer oder was auch immer unsere Geschicke lenken sollte – es/er ist unberechenbar, manchmal boshaft … und sehr, sehr mächtig. „Unter jedem Dach ein Ach“, sagte meine Mutter immer, und heute – mit all meiner Lebenserfahrung – muss ich ihr leider zustimmen.

Bestimmt kennen auch Sie Geschichten von Leuten, die 40 Jahre gearbeitet haben und dann kurz vor Antritt der Rente todkrank wurden und verstarben. „Das mache ich später, jetzt geht es nicht“, versichern mir Freunde, wenn ich einen Ausflug vorschlage. Auf dem Balkon zu sitzen und versonnen den Mond zu betrachten oder die nackten Füße in einem Bach baumeln zu lassen ist unmodern geworden – seit es Netflix und Handys gibt.

Manchmal hat man den Eindruck, die meisten fürchten sich vor der Besinnlichkeit, die sie zwingen könnte, darüber nachzudenken, was morgen sein wird, und wir versuchen deshalb, „was ist“, bis ins Unendliche zu verlängern, denn „was sein wird“, könnte sich für uns als unerträglich herausstellen. Wir Menschen sind nicht allzu gut in Schicksalsschlägen, habe ich das Gefühl. Feiern können wir definitiv besser.

Es gibt ja auch die sogenannten Stoiker, die sich jeden Morgen ungefähr 10 Minuten lang alles Schlimme vorstellen, das ihnen im Laufe des Tages zustoßen könnte – die werden dann wenigstens immer nur angenehm überrascht. („Gottseidank ist mir heute kein Klavier auf den Kopf gefallen.“)

Alle anderen rennen wie kreischende, von Besessenheit getriebene Hamster im sich immer schneller drehenden Rad einem imaginären Ziel hinterher, bis sie aufgrund der Fliehkraft oder vor Erschöpfung herausfallen und liegenbleiben. Manche stehen nie wieder auf. Andere nehmen Anlauf, hechten erneut ins Hamsterrad und fangen von vorn an.
Meine Bewunderung sei ihnen gewiss.

Ein Freund von mir erlitt mit 26 Jahren beim Rasenmähen einen Schlaganfall. Er konnte sich davon restlos erholen und lebt heute beschwerdefrei seit vielen Jahrzehnten, allerdings sehr viel dankbarer als vorher. Der andere verstarb mit 47 an Krebs. Und erst kürzlich musste ich einen alten Bekannten beerdigen, der mit 53 Jahren einfach umgefallen ist, trotzdem er nie rauchte oder trank. Im Gegenteil: Ich kannte niemanden, der gesünder lebte als er. Dann steht man beklommen am offenen Grab und denkt: „Er hatte doch eigentlich gar nichts vom Leben – immer nur gearbeitet und sich um seine alten Eltern gekümmert.“

Unser eigener Kilometerzähler läuft kontinuierlich mit jedem Tag schneller, und dann drehen wir einfach unser Leben „lauter“, um das bedrohliche weiße Hintergrundrauschen der Unendlichkeit auszublenden.

Wäre das alles hier ein Computerspiel, dann säße an den Steuerungselementen ein frustrierter, unberechenbarer Spieler, der willkürlich die „Delete“-Taste drückt und uns scheinbar nach Belieben löscht. Es gibt da die wahre Geschichte einer früheren Nachbarin, die aus dem Supermarkt kam, ihre Einkäufe im Auto verstaute, und in dem Moment, als sie den Motor startete, mit dem Kopf aufs Lenkrad knallte und starb. Einfach so.

Mittlerweile denke ich: „Hätte schlimmer kommen können, wenigstens war sie gut drauf, weil sie vielleicht noch ein Sonderangebot erwischt hat und musste nicht jahrelang leiden.“

Auf einem Friedhof sah ich mal ein steinernes Herz auf dem Grab einer Frau, die mit gerade mal 40 Jahren gestorben war mit der Inschrift: „Wir haben sie von Herzen geliebt.“ Es tut weh, so etwas zu lesen.

Geliebt zu werden schützt einen nicht vor Unabwägbarkeiten. Versicherungen oder Vitaminpillen übrigens auch nicht. Jeden Moment des Lebens darauf gefasst zu sein, dass das Schicksal mit dem Hammer draufhaut, scheint mir sinnvoller. Wären 10minütige Achterbahnfahrten denn schöner, wenn sie Stunden oder Tage dauerten? Ich denke nicht.

Alles ist endlich. Das Glück und auch das Leid. Nur kommt‘s einem bei zweiterem länger vor.

„Ich habe keine Zeit.“ Von wegen. Sie „haben“ gar nichts, das ist das Problem. Die Zeit gehört nicht Ihnen, sie ist nur eine Art Cluster, ein virtuelles Schwimmbecken, innerhalb dessen Sie sich bewegen dürfen, trotzdem Sie sich bemühen, Ihre Existenz in kontrollierbare Strukturen zu packen, unterstützt von tickenden Uhren, vollgepackten Kalendern und eng gesetzten Terminen.

Wir haben nichts. Es bleibt immer nur der Augenblick.

Und genau das sollte uns eindringlich bewusst werden. Eine Sandburg aus Träumen „haben“ wir, eine im Mahlstrom der Ereignisse trudelnde Seifenblase, inmitten derer wir schweben und uns bemühen müssen, nicht deren Rand zu berühren, weil diese sonst platzt und wir unsanft auf dem Boden unserer eigenen Sterblichkeit landen. Unser Sein ist voller unabwägbarer Ereignisse, die einen urplötzlich und ohne jede Vorwarnung treffen und einem den Boden unter den Füßen wegziehen können.
Schrecklicher Gedanke, nicht wahr?

Was oder wer auch immer unsere Geschicke lenkt, er ist unbestechlich und macht uns vielleicht einen Strich durch Hoffnungen oder Vorstellungen, ehe wir „ab in den Urlaub“ sagen, geschweige denn die Koffer packen können. Und genau um das zu verdrängen, lenken wir uns ab auf Teufel komm raus, denn wir wollen nicht mit der hässlichen Tatsache konfrontiert werden, dass wir nichts sind und keinen Einfluss darauf haben, was das Schicksal demnächst mit uns plant.

Neulich machte ich einen Stadtbummel und wollte mir zum Abschluss noch eine Tasse Cappuccino in einem Straßencafé gönnen. Da alle Tische an den Rändern besetzt waren, musste ich in der Mitte des bunten Pulks Platz nehmen und wurde von allen Seiten unfreiwilliger Zeuge sämtlicher Gespräche.

„Nächstes Jahr fliegen wir wieder auf die Malediven. Das hat uns vor vier Jahren so gut gefallen.“

„Letzte Woche hat der … zu mir gesagt, er hält das nicht mehr lange aus. Das macht er jetzt seit Jahren.“

„Ich freue mich so auf nächste Woche, da kriegen wir endlich die neue Küche. Und Ende August lade ich euch alle zum Essen sein.“

Und so weiter und so fort. Keiner von all diesen Menschen war wirklich da. Anwesend. Präsent. „Gestern, heute, morgen, nächstes Jahr, letzten Monat …“. Wir sind wirklich nie zuhause. In unserem Leben, meine ich.

Ich wiederhole: Wir haben nichts. Alles, das uns ausmacht, kann von der einen zur nächsten Sekunde Vergangenheit sein. Und die schöne neue digitalisierte Welt hilft uns vortrefflich dabei, diesen Gedanken zu verdrängen.

Es gibt nichts Zerbrechlicheres als die menschliche Existenz, und nur, um dessen nicht gewahr zu werden, packen wir unser Leben voll mit Pflichten, Verbindlichkeiten und scheinbarer Zeitnot. Außerdem haben wir doch Netflix, Online-Medien, Bungee-Jumping und Yoga-Kurse. Wir werden das wohl hinkriegen, jede Minute des Tages mit „sinnvollen“ Aktivitäten zu füllen, so dass unser Hirn nicht zur Ruhe kommt. Denn wenn es zur Ruhe käme… Um Himmels Willen!

Erst kürzlich sagte mir eine liebe Nachbarin, die vor kurzem ihren 60ten Geburtstag gefeiert hat: „ich werde nichts mehr hinausschieben, aufs nächste Jahr oder nächsten Monat, wie zum Beispiel einen Urlaub oder ein Treffen mit netten Leuten, denn ich lebe jetzt. Und es ist mir neulich erst bewusst geworden, dass es vielleicht irgendwann keine Gelegenheit mehr zum Verschieben geben werden wird.“

Wissen Sie: DAS könnte der Grund sein, warum Rentner so viel und oft verreisen. Worauf sollen sie denn noch warten? Bis zu ihrem 90ten Geburtstag? DANN gönnen sie sich aber wirklich was?

Aber zurück zu gestern. Diese Frau und ihr bedauernswerter Ehemann, auch sie hatten mit Sicherheit ein ganz normales Leben und vielleicht fürs Alter gespart. Sie hatten Pläne für ihre Rentenzeit geschmiedet, sich eventuell auf ein Enkelkind gefreut oder vor kurzem ihr Badezimmer renoviert.

Jetzt schiebt die Frau den Rollstuhl des Mannes, der verzweifelt versucht, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, weil in seinem Gehirn vielleicht ein Rest von Autonomiebestreben erhalten blieb, vielleicht auch Scham darüber, dass er jede Minute des Tages auf jemanden angewiesen ist (Wir Menschen sind merkwürdige Wesen…). Vielleicht erinnert er sich daran, wie schön es war, zu laufen, zu schwimmen, Auto zu fahren oder den Rasen zu mähen.

Es hätte auch andersherum laufen können und seine Frau treffen. Es hätte auch gar nichts passieren können, und beide wären zusammen in gepflegter Langeweile alt geworden.

Ich hätte es ihnen so gegönnt.

„Wenn du schon etwas tun musst, dann tu es gern“, ermahnte mich während meiner Schulzeit ein Lehrer. Das habe ich bis heute beherzigt, denn unser ganzes Leben besteht unter anderem aus vielen ungeliebten Tätigkeiten wie bei mir zum Beispiel Putzen oder schwere Gartenarbeit, einem Job, den man nur ausübt, weil man die Kohle braucht oder pflegebedürftigen Eltern hat.

„Tu es gern“, verwandelt verhasste Aufgaben vielleicht in die Erkenntnis, dass auch das Hacken von Unkraut von unserer Lebenszeit abgezogen wird. Und diese Lebenszeit sollten wir nicht mit Groll im Herzen verbringen. Stellen Sie sich doch einfach vor, Sie hätten keine Möglichkeit mehr, all das zu tun, was Sie nicht mögen.

„So eine miese Bude, in der ich wohne, ausgerechnet im dritten Stock, und all diese Treppen.“ Und wenn man nicht mehr dazu imstande ist, ein paar Stufen zu nehmen, dann erinnert man sich wehmütig daran, wie schön es noch war, einen Fuß vor den anderen setzen zu können.

Das gilt übrigens für so gut wie alles, das einem sauer aufstößt. Uns fehlt nur das Bewusstsein und die Dankbarkeit dafür, dass wir überhaupt KÖNNEN. Die Chance steht täglich bei 50:50, dass das morgen schon ganz anders aussehen könnte, denn wie Friedrich Schiller mal so treffend sagte:

„Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.“

Wenn ich zum Beispiel putze (ich hasse es…), trage ich riesige geräuschunterdrückende Kopfhörer und singe lauthals alle bekannten Lieder mit. Gelegentlich spiele ich mit sogar dem Schrubber Luftgitarre und tue, als wäre ich Ozzy Osbourne. Weil ich Putzen nicht mag, es aber erledigt werden muss. Und weil auch Putzen von meiner kostbaren Lebenszeit abgeht. Wenn ich versuche, es gern zu tun, habe ich mehr davon. Versuchen Sie es einfach mal.

Denn unser aller Leben ist kurz und beschränkt. Vielleicht kommt eine Gelegenheit, bei der Sie sich mit Bedauern daran erinnern, wie Sie flott den Feudel geschwungen haben zu den Klängen von Jethro Tull. Ich wünsche das niemanden, aber es kann uns alle treffen.

Deshalb: Genießen Sie jede Minute Ihres Lebens, und sei sie noch so beschissen. Schlimmer geht schließlich immer.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und eine gute Zeit!

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

Einstiges Kinderzimmer zum Gästezimmer ausbauen

Vom „Hotel Mama“ zum individuellen Bed & Breakfast für Reisende – so könnte man wohl die Umnutzung einstiger Kinderzimmer bezeichnen! Die nun – nachdem der Nachwuchs aus dem Haus ist – von den Müttern einem neuen Zweck zugeführt werden.

Es gibt nämlich eine Menge Frauen, die hieraus kurzerhand schöne Gästezimmer gestalten und Fremden fern der Heimat ein ansprechendes Zuhause auf Zeit bieten.

Einige davon hat kürzlich die BILD der FRAU in ihrer Ausgabe vom 24. Mai 2019 porträtiert.

Kinder aus dem Haus – Reisende ins umgestaltete Kinderzimmer rein!

Einmal mehr zeigt sich in dieser Reportage, dass es Frauen spielend gelingt, in einer neuen Situation das Praktische mit dem Nützlichen zu verbinden. Sprich: den frei gewordenen Wohnraum für eine zusätzliche Geldquelle zu nutzen. So hat es zum Beispiel die 59jährige Petra aus Schleswig-Holstein gemacht. Als die vier Kinder aus dem Haus waren, funktionierte sie die einstigen Kinder- und Jugenddomizile kurzerhand zu Gästezimmern um und betreibt nun die Pension „Mom`s Bed & Breakfast“.

Als Mama von vier Kindern sind Leidenschaft und Herz natürlich auch dabei, wenn es darum geht, Gäste zu empfangen und zu bewirten. Bei Petra geht so mancher Fremde als Freund und darf sich während seines Aufenthaltes über regionale Leckereien aus „Mom`s“ Garten freuen. Die Gäste honorieren diese nordische Gastfreundschaft und sorgen dafür, dass in dem alten Bauernhaus auch nach dem Auszug der Kinder Leben in der Bude ist.

Das gilt auch für das Domizil der 71jährigen Margarethe aus Hamburg, die ihre stilvolle Altbauwohnung so umgeändert hat, dass drei Gästezimmer entstehen konnten. Mitten im quirligen Hamburg finden hier Fremde jedweder Couleur ein Zuhause auf Zeit und bereichern mit ihrer Art das Leben der rüstigen Powerfrau. Die lernt durch ihr Bed & Breakfast Fremdsprachen fast nebenbei und beherbergte schon Gäste aus über 30 Ländern! Vor allem Musiker lieben das bürgerliche Ambiente unter Stuck, das sie bei Margarethe erwartet. Viele Gäste, die in dieser Jugendstil-Atmosphäre auf Zeit logieren, wurden mit der Zeit zu einer Art Ersatzfamilie für Margarethe, die von ihren Gästen sogar auf Hochzeiten oder Geburtstage eingeladen wird.

Auszug des Nachwuchses kann Alltag neue Richtung geben

Diese schönen Beispiele – in der BILD der Frau wurden noch viele mehr vorgestellt – zeigen, dass der Lebensabschnitt von Frauen, der mit dem Auszug der Kinder einhergeht, dem Alltag eine ganz neue Richtung geben kann. Man weiß, dass nicht wenig Mütter damit hadern, wenn sich die Tochter oder der Sohn gen Studienort verabschiedet. Und die eben noch so quirlige Atmosphäre sich umwandelt in ein Ambiente aus Ruhe und Stille.

Wohl dem, der dann nicht auf die frei gewordenen Räumlichkeiten angewiesen ist und daraus ein Zuhause auf Zeit für Reisende schaffen kann. Zumal in Zeiten von booking.com, airbnb & Co., in denen der Großteil der Leute online bucht und das Generieren von Buchungen für Vermieter nahezu zum Kinderspiel geworden ist. Private Domizile dieser Art, wie die erwähnten Frauen sie  geschaffen haben, erfreuen sich außerdem großer Beliebtheit. Denn auch wenn heutzutage Flüge, Unterkünfte und Mietwagen häufig digital und anonym im Internet gebucht werden, so stehen doch individuelle Unterkünfte mit persönlicher Note ganz oben auf der Wunschliste von (Geschäfts)Reisenden.

Private Tipps, die eine oder andere persönliche Umsorgung mehr und ein Gästebett in einem harmonisch-familiären Umfeld, fernab anonymer Hotelketten: Das ist es, was ganz viele Reisende wollen und was wohl auch zukünftig stets gefragt sein wird. Mögen Algorithmen & Co. das Leben immer mehr bestimmen – es geht nichts über eine warmherzig-persönliche Note im Zuhause auf Zeit in der Fremde! Urlauber, Geschäftsreisende und Städte-Hopper wissen und lieben das.

Und deshalb wird es auch in nächster Zeit für viele Mütter, die ein großzügiges Heim ihr Eigen nennen, heißen: „Nachwuchs raus, Reisende rein!“

Bildnachweis: pexels.com

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90 Jahre alt und noch immer in der Mode- und Modelszene aktiv: Daphne Selfe denkt noch lange nicht ans aufhören! Im Gegenteil: Die stilvolle Britin ist nach wie vor ein gefragtes Supermodel und hat auch ihr eigenes Business am Laufen. Auf ihrer Homepage bietet sie Onlinekurse für potentielle Models an und veröffentlicht zudem regelmäßig News aus der Welt der Laufstege.

Dass sie lange schon in dieser Szene arbeitet, merkt man auch in Sachen der Ratschläge, die sie Frauen von heute gibt. Zum einen fordert sie – so schreibt es der SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 18. Mai 2019 – dass sich ein jeder um Stil und Schönheit kümmern möge. Und zum anderen bemängelt sie, dass weibliche Zeitgenossinnen von heute nicht mehr in den Spiegel schauen. Ihr Rat laut SPIEGEL: „Man müsse eben wissen, was einem steht.“

Nachlässige Kleidung im Theater für betagtes Supermodel „respektlos“

Nun – ganz so nachlässig, dass der Blick in den heimischen Spiegel unterbleibt, dürfte wohl das Gros der Frauen von heute nicht handeln, aber Daphne Selfe wird aufgrund ihrer Erfahrungen wissen, wovon sie spricht. Und nicht selten gibt ihr ja ein Blick in die Fußgängerzonen unserer Städte recht. Oder auch nur der Gang ins Theater! Den allzu viele Leute heutzutage tatsächlich nicht mehr in stilvoller Kleidung absolvieren.

Das betagte Model sagte hierzu folgendes, Zitat SPIEGEL:

„Wenn ich ins Theater gehe, mache ich mich schick“.

All jene, die auf dieses schick machen verzichten, findet Selfe den Schauspielern gegenüber respektlos. Ja, da ist was dran! Das gilt auch für die Sache mit dem Altern. Hier scheint das 90jährige Model mit sich im reinen zu sein und das Ganze mit Humor zu nehmen.

Betagtes Supermodel trägt Älter werden mit Fassung

Sie sagt:

„Die Sache ist, du schrumpfst, die Taille befindet sich heute am falschen Platz“.

Nun – wohl dem, der das Älterwerden mit Fassung trägt! Was bei Daphne Selfe definitiv der Fall ist!

Recherchenachweis / Zitate: SPIEGEL, Ausgabe 18.5.19,

Bildnachweis: picture alliance / empics

Charismatisch, unaufgeregt und skandalfrei – so kennt man Mario Adorf. Der Schauspieler, der in diesem Jahr 89 Jahre alt wird, gehört zur „alten Garde“ derer, die im Filmbusiness noch mit echter Ausstrahlung aufwarten und ihr Können zu 100 Prozent beherrschen.

Insofern ist Mario Adorf mit seinem künstlerischen Schaffen irgendwie immer präsent. Im Fernsehen und auch am Theater. Privat indes äußert er sich eher selten, weshalb ein Interview, das er dem SPIEGEL – Ausgabe 18 / 2019 – gab, aufhorchen lässt. Denn im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin äußerte sich der beliebte Darsteller sehr offen zum Thema Liebe.

Mario Adorf hat seine eigene Meinung zur Verliebtheit

Und plauderte zudem auch ganz pragmatisch in Sachen seines hohen Alters. Frank und frei gibt er zu, für seine Einkäufe einen Wagen mit einer Tasche zu benutzen. In dem Gespräch wird Adorf, der seit 33 Jahren in zweiter Ehe mit der Französin Monique verheiratet ist, auch auf das Zwischenmenschliche angesprochen. Und gibt erstaunliche Antworten. Danach gefragt, ob man in seinem Alter noch verliebt sein kann, erwidert Adorf, dass er glaubt, dass Verliebtsein eine sehr jugendliche Angelegenheit ist, die sich verliert.

Sein Gegenüber fragt nach, wann das denn ungefähr eintritt, dieses „verlieren“ und fragt, ob das vielleicht so um die 50 herum geschieht?

Darauf erwidert Mario Adorf:

„Viel früher. Verliebtheit gibt es nur in der Jugend. Ein paar Rückfälle, ja, sicher“

Und dann äußert er sich über die Dinge, die die Liebe im Alter ausmachen, verweist auf das Zusammengehörigkeitsgefühl. Vertrauen, Verlässlichkeit und Zuneigung sind die Attribute, die der Schauspieler aufzählt. Zudem überrascht er mit einem Statement zur Zärtlichkeit. Er sagt:

„Und Zärtlichkeit. Die muss nicht abnehmen, vielleicht sogar zunehmen.“

Bezogen auf seine eigene Beziehung macht Adorf keinen Hehl aus seiner Einstellung und gibt seltene, intime Details im Zusammenhang mit seiner Partnerin preis. Er gesteht, dass die Verliebtheit zu seiner Frau Monique nach ein paar Jahren nicht mehr da war, verweist aber auf das Gefühl und den Glauben, dass man zusammengehört und den richtigen Partner für sich gefunden hat.

Trotz gewisser Verführungen – die Verantwortung zählt!

Starke Worte, die zudem sämtliche Hysterie um den noch immer weit verbreiteten Irrglauben, dass eine Verliebtheit bitte schön ganz lange – wenn nicht gar für immer – anhalten soll Lügen strafen! Ebenso lässt in einem Zeitalter, in dem medial und gesellschaftlich allethalben Affären und Seitensprünge als eine Art Lifestyle in den Himmel gehoben werden, Adorfs Aussage zu Affären aufhorchen.

Dass so ein Mann in seinem Leben gewissen Verführungen ausgesetzt war und ist, glaubt man sofort. In dem besagten Interview redet er darüber, als er darauf angesprochen wird, ob eine Affäre eher glücklich oder traurig macht.

Hierzu sagt er:

„(…)Nein, da hat man schon eine gewisse Verantwortung. Auch vor sich selber.“

Jungen Paaren von heute bescheinigt der Charakterkopf, dass sie sich oft sehr schnell scheiden lassen. Adorfs Einstellung hierzu:

„Nach dem ersten Seitensprung fängt eine Beziehung erst an(…)“

Starke Worte, starke Einstellung! Das trifft ebenso auf Adorfs Beziehung zu seinem Alter zu. Er spricht an, dass mit fortschreitender Lebenszeit das Glück weniger wird. Oder zumindest das, was man als Glück bezeichnet.

Starke Worte von Charakterkopf Adorf

Mario Adorf sagt:

„Man ist dann mit „Glückchen“, also mit kleinen Glücksmomenten zufrieden.“

Natürlich wird er darauf angesprochen, welche Momente das sind – die kleinen „Glückchen“.

Darauf antwortet die Leinwandgröße ganz schlagfertig:

„Irgendjemand hat gesagt: guter Schlaf und gute Verdauung“

Bildnachweis: picture alliance / NurPhoto

Recherche: SPIEGEL, Heft 18 / 2019

 

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Seniorin im Park

Meist sind es Frauen, die im Alter alleine sind. Stirbt der einstige Partner, schlägt die Einsamkeit bei älteren Damen oftmals sehr brutal zu. Wer kennt sie nicht – die Bilder aus Städten, in denen Seniorinnen am Fenster sitzen, die Arme auf ein weiches Kissen gelegt? Klar, dieses Bild ist ein Stück weit auch ein Klischee, das sich aufdrängt, wenn man etwas über die Einsamkeit von verwitweten oder jetzt allein lebenden Frauen hört.

Bedingt durch die höhere Lebenserwartung weiblicher Zeitgenossinnen und die hohe Anzahl älterer Menschen, ist Einsamkeit im Alter jedoch tatsächlich ein hochaktuelles Thema. Gesellschaftlich, medial und für viele, deren ältere Angehörige weit weg wohnen, auch persönlich.

Obgleich namhafte Verbände wie die Volkssolidarität, das Rote Kreuz und ähnliche Initiativen eine Menge Angebote für Seniorinnen und Senioren bereithalten, gibt es immer noch genügend alte Menschen, die von diesen Offerten nichts wissen oder solche Angebote nicht in der Nähe haben. Stirbt dann noch die gleichaltrige Freundin, die gut bekannte Nachbarin oder wohnen die Kinder weit weg, schnappt die Einsamkeitsfalle schnell zu.

Senioren-Einsamkeit kann Krankheiten fördern

Dabei geht es hier nicht nur um ausbleibende Karten oder Anrufe zu Feier- und Geburtstagen, nein: wer im Alter einsam und isoliert lebt, ist einem höheren Risiko für Erkrankungen ausgesetzt. Selbst Demenz soll hierdurch begünstigt werden. Das hat voriges Jahr die Politik auf den Plan gerufen und sehr lange schon engagiert sich auch die Schauspielerin Mariella Ahrens gegen Senioreneinsamkeit. 

Solche privaten Initiativen, wie die von Mariella Ahrens, sind wahrscheinlich die, die am ehesten etwas bewirken, da man von den politischen Ansätzen bislang wenig gehört hat.

Umso mehr verdient ein aktuelles Projekt, das sich gegen die Einsamkeit im Alter richtet, Aufmerksamkeit.

Initiiert vom Seniorenbüro Laatzen wird es erstmals am Donnerstag, den 23. Mai 2019, ein kostenloses „Kontakt-Speed-Dating“ für Menschen ab 65 Jahren geben. Bei der Veranstaltung im Stadthaus können andere Senioren kennengelernt werden (Infos am Ende des Artikels). Die Initiatorinnen zielen ganz konkret auf ältere Herrschaften ab, deren Partner oder Freunde schon verstorben sind. Zur Zielgruppe der Teilnehmer gehören aber auch Damen und Herren im gehobenen Alter, die vielleicht aufgrund eines Umzugs neu in der Region sind.

Dass für ein ungezwungenes Kennenlernen die Speed-Dating-Variante zum Einsatz kommt, ist sehr genial, denn: in den meisten Alltagssituationen haben Senioren, deren Partner oder Freunde schon verstorben und die einsam sind, nicht mal im Ansatz solche Möglichkeiten, Gleichgesinnte kennenzulernen. Viele Leute stellen ja schon ab Ende Dreißig fest, wie schwierig es ist – zum Beispiel nach dem Umzug in eine andere Stadt – neue Leute kennenzulernen.

Speed-Dating für Freundschaften auch für zurückhaltende Naturen geeignet

Den Senioren, die an dem Speed-Dating teilnehmen, dürfte es zudem gefallen, dass dieses Konzept so aufgebaut ist, dass man mit seinem Gegenüber nur ein paar Worte wechselt und dann danach schon wieder einem anderen Gesprächspartner gegenübersitzt. Ein Vorteil auch für eher zurückhaltende, ältere Herrschaften!

Wer also eine Oma oder einen Opa oder andere Verwandte, sowie vielleicht auch Nachbarn hat, die oder der seine Zeit zumeist alleine verbringen muss, der sollte die Senioren auf diese Möglichkeit aufmerksam machen. Und da die erwähnte Offerte aktuell nur für Laatzen gilt, macht es sich zudem ganz gut, einfach mal zu recherchieren, in welchen Regionen es welche Angebote für ältere und einsame Verwandte oder Nachbarn gibt.

Das lohnt sich, denn: knüpfen die einsamen Alten neue Kontakte, leben Sie zumeist auf ganzer Linie auf. Seelisch, körperlich und gesundheitlich. Für den Spaziergang im Park oder die Tasse Kaffee auf dem Freisitz wieder nette Gesellschaft zu haben, verschafft bis dato einsamen Seniorinnen und Senioren eine Lebensqualität, die mit Geld nicht zu bezahlen ist!

Infos Speed-Dating Laatzen

Premiere am Donnerstag, 23. Mai 2019, 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr, Stadthaus.

Wer mitmachen möchte, sollte sich bis spätestens 10. Mai im Seniorenbüro anmelden.

Ansprechpartnerin: Ludmilla Stadler

Telefon: (0511) 82055402

Email: seniorenbuero@laatzen.de.

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

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Pflege zwei paar Hände

Die Arbeit liebevoll ausführen, empathisch und vielleicht ja auch mit nicht allzuviel Druck. So hatte sich eine Altenpflegerin, die diesen Beruf noch ganz neu und mit Herzblut ausübt, die Arbeit vorgestellt.

Wer sich ein wenig zu dem Thema beliest oder – was wahrscheinlicher ist – familiär selbst schon mit den Gepflogenheiten in einem Altenpflegeheim konfrontiert wurde, weiß, dass sich diese Attribute im Geschäft der Altenpflege zumeist nur auf den Werbeutensilien vieler Pflegeeinrichtungen finden.

Der Alltag indes ist durchgetaktet – vom Waschen über das Zähneputzen bis hin zum Kämmen gilt ein unerbittliches Zeitdiktat, hinter dem ein knallhartes Abrechnungssystem der Krankenkassen bzw. der Pflegekassen steht.

Altenpflege-Job kann mürbe machen – Posting einer Altenpflegerin spricht für sich

Wie sich aber eine Altenpflegerin fühlt, die (noch) nicht ganz diesem System angepasst ist, zeigt ein aktuelles Posting aus dem Forum der Online-Ausgabe der BRIGITTE. Die bekannte Frauenzeitschrift unterhält im Netz eine der größten Communities für Frauen. Vom Liebeskummer über Rezepte und Bewerbungstipps bis hin zum Frust im Job kann man (FRAU) hier posten und sich guter Ratschläge gewiss sein.

Dieser Tage klagte dort die eingangs erwähnte Frau, die als Altenpflegerin arbeitet, ihr Leid. Nicht zuletzt, weil sie schon mit dem Schlimmsten – der Kündigung –  rechnet. Warum? Lesen Sie selbst (relevante Stellen, die Rückschlüsse zulassen, haben wir unkenntlich gemacht oder weg gelassen):

„Hallo liebe Community,

ich habe am XXXX meinem ersten Job als Altenpflegehelferin angefangen. Für mich ist es ein Job, den ich unbedingt machen wollte und wo ich echt geglaubt habe dort meine Erfüllung zu finden. In meiner Ausbildung zur Pflegehelferin bekam ich die Rückmeldung das ich mich für diesen Beruf eigne, nur ein bisschen schneller werden müsste. Doch ich sagte mir das ein höheres Arbeitstempo schon mit der Routine kommen würde.

Leider hatte ich von Anfang an den Eindruck das eine Kollegin ein Problem mit meiner sensiblen und ruhigen Art hatte. Sie ist das genaue Gegenteil von mir und so kritisierte sie mich oft auf sehr abwertende Weise. Es hieß dann ich wäre zu verzagt und müsse die Bewohner bei der Pflege mal ein bisschen „antreiben“.
Ich vergaß in den ersten Wochen auch schon mal etwas z.B. in Bezug auf die Dokumentation oder welches Formular wofür verwendet wird.

Vor einer Woche hatte ich ein unerfreuliches Gespräch mit der Pflegedienstleiterin. Sie wollte von mir wissen, was ich an meiner Arbeitsweise positiv sehe und was ich aus meiner Sicht verbessern könnte. Nachdem ich diese Angaben gemacht hatte, erfolgte ihre „Mängelliste“. Sie sagte, ich wäre zu ruhig und könnte mich deshalb nicht genügend gegenüber den Bewohnern durchsetzen. Auch würde ich mit diesem Persönlichkeitsmerkmal im Team dauerhaft untergehen. Desweiteren warf sie mir vor, zu viel zu vergessen.
Ich rechtfertigte mich das ich mir viele Notizen gemacht habe, aber erst noch mehr Routine bekommen müsste. Zu dem Zeitpunkt war ich schließlich erst 6 Wochen in dem neuen Job.

Die Pflegedienstleiterin gab mir aber eindeutig zu verstehen das man das nicht mehr lange dulden würde. Bisher habe ich ihren Worten nach noch Welpenschutz gehabt. Doch wenn sich meine Leistungen bis zum 27. März nicht wesentlich verbessern, müssten wir leider ein sehr ernsthaftes Gespräch führen!
Was eindeutig heißt das es dann auf eine Kündigung hinausläuft.

Ich war echt verzweifelt, zwang mich aber, nicht in eine Schockstarre zu verfallen. Ich fasste den Vorsatz noch mal mein Bestes zu geben und sie davon zu überzeugen das ich eine fähige Mitarbeiterin bin.
Ich setzte mich sehr unter Druck, weil die Leiterin sehr häufig dort auftauchte wo ich gerade war. Das verunsicherte mich und ich machte ein paar Fehler bei der Dokumentation die ich aber zum Glück noch rechtzeitig bemerkte und ausbessern konnte.

Doch die Leiterin, die vorher noch halbwegs freundlich war, zeigte plötzlich ein ganz anderes Verhalten. Sie grüßte nur noch kurzangebunden und teilte mir nicht mehr wie vorher bei Dienstbeginn mit wer verstorben war.(…)Ich habe wirklich alles gemacht, um doch in dem Heim bleiben zu können und nicht gekündigt zu werden. Viele der Bewohner habe ich ins Herz geschlossen und sie akzeptieren mich auch. Ich habe sogar bei einer sehr lieben alten Dame Sterbebegleitung gemacht, obwohl ich mir das vorher niemals hätte vorstellen können. Ich bin auch länger geblieben, um mehr Zeit für sie zu haben. Als sie so röchelnd atmete, habe ich sie immer wieder beruhigt und ihren Arm und ihre Hand gestreichelt. Nie werde ich vergessen wie sie mich ein letztes Mal anlächelte. Sie ist gestern Abend verstorben und ich las es auf der Tafel im Büro. Niemand hatte mir etwas gesagt. Vor dem Mittagessen war eine Gedenkminute und ich weinte, als ich ihren leeren Platz mit einer Kerze und einem Foto von ihr sah. Kurze Zeit später musste ich eine Mitarbeiterin, rechte Hand von der Pflegedienstleiterin, nach einer Liste fragen. Obwohl sie bei der Gedenkminute auch anwesend war, schnauzte sie mich gleich an wofür ich die Liste brauche. Ob ich etwa wieder etwas vergessen habe. Die Leiterin hatte heute plötzlich ein Problem damit das ich meine Straßenschuhe in eine Ecke an der Garderobe abstelle, wie ich es schon seit Beginn an mache. Ich muss sie ab morgen in einem Raum im Keller hinstellen.

Ja, zu guter Letzt muss ich wohl noch schreiben das ich gestern wirklich etwas wichtiges vergessen habe. Ich weiß es ist keine Entschuldigung, aber ich fühlte mich schon den ganzen Morgen komisch. Nachmittags habe ich noch Sterbebegleitung gemacht und war anschließend bei einer anderen Bewohnerin die alles mögliche benötigte. Darüber habe ich diese Sache, die ich erledigen sollte total vergessen! Als ich es feststellte, war ich geschockt. Nur war es zu spät und es kam eine Kollegin und meinte verärgert das sie das jetzt erledigt hätte.

Ich habe ein sehr ungutes Gefühl wenn ich an das Gespräch mit der Pflegedienstleiterin denke.
Das sie sich mir gegenüber plötzlich so kurzangebunden verhält kann nur bedeuten das man mir kündigen wird, oder?
Meint ihr wenn ihr diesen Beitrag lest das ich für den Job nicht geeignet bin?

Liebe Grüße(..)“

Der erste Gedanke, der einem bei diesem Posting kommt, ist „Die Frau ist doch viel zu menschlich für diesen Job, er wird sie zermürben!“ Denn: so viele (ehemalige) Pflegekräfte, die einst mit Engagement, Herzblut und dem Ziel, in der Altenpflege manche Dinge zum Positiven  zu verändern, in diesen Beruf gegangen sind, sind längst auf dem Boden der Realität angekommen. Und lange schon zermürbt. Manch andere werfen hin oder flüchten sich in Hartherzigkeit.

Zu menschlich für das aktuelle Altenpflege-System?

Und so sind die Kommentare und Ratschläge anderer Userinnen denn auch recht eindeutig, wie die nachfolgenden Zitate belegen (Rechtschreibung im Original übernommen). Eine Leserin schreibt:

„Ich denke, daß du geeignet bist, aber nicht für das System. Du bist einfach zu menschlich.“

Eine andere gibt folgendes Feedback:

„(..)ich habe den Eindruck, dass du deinen Job gut machst (..)
Leider sind die meisten Pflegeeinrichtungen nicht mehr auf Menschlichkeit ausgelegt(..)“

Wieder andere Frauen sprechen der Betroffenen ihre Wertschätzung aus. So zum Beispiel diese Userin:

„(…)ich bin ehrlich froh, dass es menschen wie dich gibt. ich könnte das nie leisten.
such dir einen anderen arbeitgeber, der beruf ist gefragt und dringend gesucht.
du musst dich nicht so behandeln lassen, durch den druck entstehen sicherlich auch fehler.
aus meiner sicht würdest du auch sehr gut in die palliativmedizin passen.
lass dich nicht beirren, du passt gut in die pflege, such dir was anderes.“

Der Ratschlag zum Schluss mag stimmen, doch was wäre, wenn irgendwann alle Altenpflegerinnen und Altenpflerginnen „in den Sack hauen“? Sollte nicht zuallererst das Altenpflegesystem geändert werden? Und zwar hin zu einer menschlicheren und zuwendungsintensiven Pflege? Ohne oder mit nur wenig Zeitdruck?

Einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Altenpflegesystems ist Claus Fussek. Er spricht öffentlich davon, dass in Pflegeheimen oft auch Mobbing herrscht und die Arbeitsatmosphäre vergiftet ist. Genau, wie es die Frau im BRIGITTE.de-Forum schildert.

„Pflegepabst“ Fussekt weist seit Jahren auf Zustände in Altenpflege hin

Der Pflegepabst, wie Fussek auch genannt wird, weist seit Jahrzehnten unermüdlich auf die Missstände hin, prangert an, hat Verbesserungsvorschläge.

Parallel dazu aber hat man den Eindruck, dass sich die Situation für die Pflegebedürftigen eher verschlimmert, als verbessert. Die fast täglichen Medienmeldungen über Pflegemissstände bestätigen das.

Und solange diese Missstände, die tatsächlich zunächst im System zu suchen sind, nicht beseitigt werden, solange wird es auch Situationen geben, wie sie die zitierte Altenpflegerin geschildert hat.

Traurig. Und den alten Menschen mehr als unwürdig!

Das vor allem.

Bildnachweis (Symbolbild): pixabay.com

 

 

 

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