Donnerstag, 30. Juni, 2022

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„Die schlimmste Bezeichnung ist für mich „Industriell hergestelltes Lebensmittel““

Gesunde Ernährung ist in aller Munde. Leider nicht wortwörtlich gesehen. Denn über gesundes Essen wird zwar eine Menge geschrieben und gesendet, doch ein Großteil der Leute spaziert für den Zutaten-Einkauf für`s Abend- oder Wochenend-Essen dann doch wieder in den Supermarkt.

Und hier lauert tatsächlich das eine oder andere Lebensmittel, das kritisch unter die Lupe genommen werden sollte. Doch – mal ehrlich – wer macht das schon? Zumal viele Menschen heutzutage in einen Alltag eingebunden sind, der viel zu wenig Luft lässt und deshalb nach dem Einkauf oft schon das Hausaufgaben machen mit den Kindern, der Haushalt oder halt der nächste Termin warten. Dennoch kann man schon mit wenigen Zutaten und ohne großartigen Aufwand einfache, leckere Gerichte selbst zubereiten – täglich. Der Meinung ist zumindest Karsten Stockhecker (im Bild). Der Koch, der das Internet-Magazin „Der Sex des alten Mannes“ betreibt, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt und ist ein Verfechter der frischen, regionalen Küche. Er verabscheut die Bezeichnung „Industriell hergestelltes Lebensmittel“ und gibt im nachfolgenden Interview Tipps, wie der ungeschulte Verbraucher fragwürdige Lebensmittel erkennt und die frische und saisonale Küche in seinen Alltag integrieren kann.

FB: Karsten, wie bist Du auf den schrägen Namen Deines Internet-Portals gekommen? 

KS: Daran ist meine Oma schuld. Sie hat immer gesagt, kochen lernen ist wichtig, denn später ist  Essen & Trinken der Sex der alten Menschen. Als ich dann meinen Blog angefangen habe, war ich auf der Suche nach einem Titel für die Seite. Dabei kamen mir die Worte meiner Oma wieder in den Sinn. Etwas abgewandelt, da ich „alt“ bin, den Blog schreibe und ein Mann bin, wurde daraus „Der Sex des alten Mannes“. 

In Sachen Lebensmittel werden Verbraucher oft getäuscht

FB: Rezepte, Warenkunde, News zu Lebensmitteln im Netz – Dein Themenspektrum ist vielfältig. Aus welcher Richtung kommst Du selbst? 

KS: Nun, vor 15 Jahren wurde bei mir Diabetes diagnostiziert. Ich habe Kurse belegt, um zu lernen, was darf ich essen und was nicht? Das war so interessant, dass ich bei dem Thema geblieben bin, sehr viel gelesen, gekocht und ausprobiert habe. Um das Ganze zu vertiefen, habe ich, am Anfang nur für mich, den Blog angefangen. 

FB: Was war Deine Motivation, mit einer eigenen Seite im Netz vertreten zu sein? 

KS: Es gibt sehr viele Blogs zu dem Thema im Netz. Doch alle sind irgendwie auf ein oder zwei Themen spezialisiert. Mein Interesse liegt aber weiter über den Tellerrand hinaus. Warenkunde ist wichtig, Was ist zum Beispiel Salz, welche Arten gibt es, wozu und wie verwende ich es? Für mich ist es wichtig zu wissen, wieso, weshalb, warum ich dieses oder jenes bei einem Rezept hinein gebe. Wie kann ich das Rezept verbessern oder abändern, sodass etwas anderes, in der Grundidee doch gleiches, heraus kommt? Meine Motivation ist es auch, die Menschen dazu zu bringen, mal darauf zu achten, was man da eigentlich isst, nicht einfach glauben, was einem da erzählt oder versprochen wird, sondern zweifeln. Es sollte wieder mehr selber gemacht werden, denn Kochen macht viel Spaß.

FB: Du setzt Dich ernsthaft mit der Thematik „Lebensmittel-Transparenz“ auseinander. Wie ist es um diese in Deutschland bestellt? 

KS: Meiner Meinung nach schlecht. Es gibt zu viele Lücken in den Gesetzen und Verordnungen. Das Geld verdienen steht an erster Stelle. Ein Beispiel:
Wenn auf der Packung von Champignons „Geerntet in Deutschland“ steht, heißt es noch lange nicht, dass sie in Deutschland angebaut wurden. Sie werden in Polen gezüchtet, weil dort die Arbeitskraft billiger ist. Kurz vor der Ernte packt man die Champignons in einen LKW, fährt über die Grenze nach Deutschland. Dann werden sie geerntet und danach wieder in Polen weiter verarbeitet.

Oder Schwarzwälder Schinken. Für mich muss ein Schwarzwälder Schinken komplett aus dem Schwarzwald sein. Damit meine ich das Fleisch, die Räucherware und dass er im Schwarzwald geräuchert wurde. Früher war das bestimmt auch so. Heute kommt das Fleisch z.B. aus China, die Räucherware aus Finnland, nur geräuchert wird es im Schwarzwald, denn sonst darf er nicht so heißen, sagt eine schwammige Verordnung. In meinen Augen ist alles nur Geldmacherei und der Verbraucher wird – Entschuldigung – verarscht.   

Gesunde Ernährung im Alltag will organisiert sein

FB:  Wie kann man es heutzutage überhaupt hinbekommen, sich gesund zu ernähren und Lebensmittel zu sich zu nehmen, die wirklich frei von Schadstoffen oder undefinierbaren Inhaltsstoffen sind? Zumal vor dem Hintergrund, dass die meisten Leute sowieso schon häufig im Alltag mit Job, Kinderbetreuung und Haushalt jonglieren müssen und kaum die Zeit haben, einen regionalen Erzeuger nach dem anderen anzusteuern….  

KS: Gute Frage. Es ist schwer. Beim Einkaufen sollte man auf die Zutaten achten. Sind mehr als fünf aufgelistet, nicht kaufen! Ist eine Zutat dabei, die man nicht aussprechen kann, Finger weg. Klar ist es heute schwer, alles selbst zu machen. Doch gerade beim Selbermachen hat man es in der Hand, was man isst. Wenn man regional und saisonal einkauft, ist man schon einen Schritt näher an der gesunden Ernährung. Erdbeeren im Dezember zum Beispiel können nicht gesund sein und nicht schmecken. Wurst aus den Supermarktregalen ist nicht gesund. Die Chemiewurst hat vielleicht mal ein Schwein gesehen, aber enthalten ist da keins und wenn, dann nur 10%. Der Metzger um die Ecke, der noch selber schlachtet, da ist in der Wurst auch wirklich Fleisch drin. Es kostet zwar ein paar Euros mehr, aber es ist Wurst und kein Chemiecocktail oder Abfall, wie Separatorenfleisch.

Jeder achtet auf Qualität beim Auto, den Klamotten oder beim Handy. Aber bei dem, was man sich jeden Tag einverleibt, machen die meisten sich keinen Kopf. Die schlimmste Bezeichnung ist für mich „Industriell hergestelltes Lebensmittel“. 

FB: Aktuell erwarten wir den Frühling – was tut sich da auf Deinem Portal? Wird es spezielle Rezepte oder/und Projekte kulinarischer Natur geben? 

KS: Meine Rezepte werden das ganze Jahr regional und saisonal sein. Das ist mein Plan. Gerade im Frühling, wenn alles wieder sprießt und blüht, wird es auch wieder bunt auf den Tellern. Es wird Gemüsiger (gibt es das Wort überhaupt?).

Einiges ist in Planung. Am Besten, einfach mal überraschen lassen…! 

Lebensmittel aus der Region für japanischen Käsekuchen

FB: Du beschäftigst Dich auch mit exotischen Lebensmitteln. So zum Beispiel findet man auf Deiner Seite auch ein Rezept für einen japanischen Käsekuchen. Wo nimmst Du diese Rezepte her, wo und wie lässt Du Dich inspirieren? 

KS: Ich lese viel Rezeptbücher und -hefte. Und wie gesagt, ich schaue über den Tellerrand hinaus. Man kann beispielsweise einen japanischen Käsekuchen mit Lebensmitteln aus der Region machen, ebenso die georgische Küche. Ich finde es interessant, was und wie Menschen in anderen Ländern kochen und essen. Schon allein in Deutschland gibt es die unterschiedlichsten Küchen. Beim Lesen der Rezepte werde ich inspiriert. Etwas aus diesem und etwas aus jenem Rezept zu kombinieren und daraus entsteht etwas anderes, leckeres.   

FB: Was sind Deine persönlichen kulinarischen Highlights, die im Hause Stockhecker auf den Tisch kommen?

KS: Da gibt es zum Beispiel meine Hackfleisch-Gemüse-Pfanne. Rinderhack anbraten, Gemüse der Saison dazu und entweder mit Nudeln, Kartoffeln oder Reis servieren.  Oder einen Lachs anbraten, Mangold mit Zwiebeln und bisschen Knoblauch anschwitzen und dann auf den Lachs geben, dazu Bratkartoffeln. Einfach, schnell und lecker. 

Gemeinsames Essen im Büro fördert die Gemeinschaft

FB: Welche Leistungen bietest Du Kunden und Interessierten offline an? 

KS: Ich biete Catering an, gebe Kochkurse für Kinder und auch für Erwachsene. Ich komme zu meinen Kunden nach Hause und koche dort beispielsweise für eine Geburtstagsfeier oder auch für ein romantisches Diner zu zweit. In manchen Firmen oder Büros gibt es oft eine Küche. Da jedoch keiner die Zeit hat, für alle zu kochen, weil man ja im Büro arbeiten muss, komme ich und koche für alle. Es fördert die Gemeinschaft in einem Büro, wenn alle gemeinsam essen und der Chef tut was Gutes für seine Belegschaft. Wer Interesse hat, einfach mal bei mir melden. 

Magazin „Der Sex des alten Mannes“: www.essen.stockhecker.de

Lesen Sie mit „Die Wetterküche“ einen weiteren Artikel zum Thema Lebensmittel, gesunde Ernährung und regionale Küche.

Copyright: Karsten Stockhecker

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