Mittwoch, 25. November, 2020

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Zukunftsgeschenk für verwaisende Kinder: Journalistin produziert Familienhörbücher mit todkranken Eltern

Dass Judith Grümmer (im Bild) einen feinen Draht zu kranken Menschen hat, bemerkte die ehemalige Journalistin und Deutschlandfunk-Moderatorin schon mit 21 Jahren, als sie für den Sender Hörfunk-Beiträge produzierte, in denen es um Patienten ging. Schnell arbeitete sie – die familiär früh mit dem Tod konfrontiert wurde – verstärkt an Themen, die mit der Palliativmedizin zu tun hatten.

Judith Grümmer spürte bei jedem Gespräch mit einem Sterbenskranken mehr, dass sie diesen Leuten eine Stimme geben will. Es gab unzählige Momente, in denen sich ihr Patienten öffneten und froh waren, sich etwas von der Seele reden zu können, was sie in ihrer Familie nicht aussprechen konnten.

Den Grundstein für die Familienhörbücher legte Judith Grümmer schon vor Jahren

Angst, Scham, Wut – einer fremden Zuhörenden kann man manchmal Gedanken anvertrauen, vor denen man die Liebsten verschonen möchte.

Die Erzählenden merkten schnell, dass die Hörfunkjournalistin immer spürte, wann das Mikrofon auszumachen ist. Der Typ „rasende Reporterin“, die begierig auf die nächste Schlagzeile lauert, war Judith Grümmer sowieso nie. Die Menschen, die sie in ihrer letzten Lebensphase traf – darunter viele junge Mütter und Väter – spürten das und öffneten sich ihr dafür umso mehr.

Nicht nur einmal fragte sich die Journalistin, wie es wohl wäre, wenn man ihr selbst die Diagnose einer unheilbaren Krankheit stellen würde und sie nur noch wenige Monate zu leben hätte. Für sie als Mutter von drei Söhnen war das eine furchtbare Vorstellung, so dass die Idee, todkranken Müttern und Vätern in Form von Audio-Aufnahmen Raum für ihre Erinnerungen an das zurückliegende Leben zu geben, über die Jahre Gestalt annahm.

Begeisterte Reaktionen auf Audio-Biographie

Zunächst arbeitete Judith Grümmer aber mit Senioren, indem sie deren Zeitzeugen-Erlebnisse aus den Kriegsjahren gegen Bezahlung aufnahm und ein Hörbuch daraus machte. In diese Produktionen flossen historische Ereignisse, die Bestandteil des Lebens der alten Leute waren, als separate Tonspuren ein, was jedem Hörbuch einen unverwechselbaren Charakter gab. Die Erzählenden staunten jedes Mal, was für eine Kraft so eine Audio-Biografie haben kann und waren begeistert.

Während dieser Zeit ließ Judith Grümmer allerdings die Idee, die Lebens-Geschichten von Palliativ-Patienten, die noch kleine und heranwachsende Kinder haben, zu dokumentieren und ihren somit eine eigene Stimme zu geben, nicht mehr los und so ging sie ab 2014 dazu über, die todkranken Müttern und Vätern selbst erzählen zu lassen – und aus diesen Originalton-Dokumenten Zukunftsgeschenke für deren bald verwaisende Kinder als Familienhörbuch zu produzieren.

Den Zugang zu diesen Menschen fand sie über einen Arzt, der ihre Idee unterstützte. Einfach war das nicht, da an ihr Projekt medizinische Kriterien geknüpft waren und sich auch eine wissenschaftliche und psychologische Begleitung erforderlich machte.

Namhafter Palliativ-Professor unterstützt das Projekt

Judith Grümmer stieß allerdings bei dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, auf offene Ohren und fand in ihm einen begeisterten Förderer ihrer Idee. Er sagte ihr seine Unterstützung zu, sobald sie eine Stiftung oder andere Geldgeber finden würde. 2017 sagte die RheinEnergieStiftung Familie eine dreijährige Anschubfinanzierung des Pilotprojekts zu.

Ab dem Zeitpunkt war dann die Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikums Bonn an Bord. Hier wurden auch die wissenschaftlichen Begleitstudien durchgeführt, die klären sollten, welche Wirkung die audiobiografische Arbeit auf todkranke Mütter oder Väter mit noch kleinen Kindern hat. 

Hierzu ein Zitat von Prof. Dr. med. Lukas Radbruch:

Klinisch kann ich sagen, wir wissen, dass es hilft. Aber in den heutigen Zeiten muss man sowas auch belegen können, dass das tatsächliche eine gute Wirkung hat, weil wir natürlich erhoffen auf Dauer, dass irgendwann auch mal Krankenkassen die Kosten für sowas übernehmen.

Wir reden immer davon, dass Menschen letzte Dinge erledigen wollen. Und da gehört eben auch dazu, seine Lebensgeschichte festzuhalten.“

„Es gibt in der Palliativversorgung schon immer wieder auch Ideen, dass man die Lebensgeschichte auch nutzen kann als eine Ressource für Schwerstkranke, also dass man mit ihnen drüber sprechen kann, was in ihrem Leben wichtig war, dass die Rückbesinnung darauf extrem wichtig ist.

Ich bin ein großer Fan von Viktor Frankl, der irgendwann man gesagt hat, die meisten Menschen sehen ja nur die Stoppelfelder der Vergänglichkeit und nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit.

Und die Lebensgeschichte, das sind die vollen Scheunen. Und wenn man darüber nachdenkt, was schon alles bisher passiert ist, also es gibt keinen Menschen, der nicht schon eine Geschichte hat, die es wert ist, erzählt zu werden und die es auch wert ist, dass man da zuhört.“

Im Herbst 2019 wurden dann unter der Leitung von Prof. Lukas Radbruch und Judith Grümmer weitere Hörfunkjournalisten für die Interviews mit Palliativpatienten und die Produktion der Familienhörbücher ausgebildet.

Um die Zukunft des Projektes auch nach Ende der ersten Anschubfinanzierung zu sichern und das therapiebegleitende Projekt aufgrund der steigenden Nachfrage bundesweit ausweiten zu können, machten sich nun auch Familien und Hinterbliebene ehemaliger Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer auf den Weg, um Finanzierungsmöglichkeiten für die aufwändige Arbeit zu finden.

Crowdfunding-Gelder konnten in Team und Technik investiert werden

Für eine Biografie-Arbeit, die nur von erfahrenen Profis und mit adäquater Technik gestemmt werden kann und die eine fundierten Ausbildung und psychologischen Begleitung erfordert. Im Frühjahr startete eine erste Crowdfunding-Kampagne zugunsten des unterdessen als gemeinnützig anerkannten Angebots. Diese stieß auf großes Interesse und brachte einen Erlös, der sofort in das Team und die Technik investiert wurde.

Judith Grümmer konnte nun mit ihrem Audiobiografie-Team damit beginnen, kontinuierlich Familienhörbücher mit schwerkranken Menschen zu produzieren. Hierfür laden sie ihre Interviewpartner zu sich ein, fahren zu ihnen oder das Ganze findet – vor allem jetzt in Corona-Zeiten – online statt. Die Interviews dauern oftmals mehrere Tage, abhängig auch vom gesundheitlichen Zustand der Patienten.

Wie schon damals bei der Produktion von Hörbüchern für Senioren, fließen in das Audio-Dokument zeitgeschichtliche Ereignisse im Leben der Patienten ein.

Feine Dramaturgie macht jedes Familienhörbuch zum individuellen Zukunftsgeschenk an die bald verwaisenden Kinder

Um eine feine Dramaturgie zu gestalten, werden Lieblingsmusiken der Patienten ebenso eingebunden wie auch zum Beispiel auf alte Nachrichtensendungen zurückgegriffen. Am Ende haben die Familien ein einzigartigen Tondokument, ein Hörbuch, das fast schon ein Klangkunstwerke ist, dramaturgisch gut durchgestaltet, sechs, zehn oder auch 15 Stunden lang – so wie dem jeweiligen Erzähler „der Schnabel gewachsen“ ist.

Ein Stück Zeitgeschichte und das ganz persönliche gelebte Leben. Das Kennenlernen des späteren Ehepartners ist ebenso ein Thema, wie die eigene Einschulung oder die Geburt der Kinder. Familienerlebnisse und Familientraditionen stehen rückblickend im Fokus und Glücksmomente, Krisenbewältigungen, Lebensansichten, aber nie Botschaften, die für die zurückbleibenden Angehörigen zu einer belastenden Aufgabe oder Verpflichtung werden könnten.

Judith Grümmer spürt hier die Umsetzung ihres frühen Wunsches, diesen Menschen eine Stimme zu geben, jedesmal hautnah. Denn wo vielen Sterbenskranken im häuslichen Umfeld die Worte fehlen, das Unbegreifliche verbal an Kinder und Angehörige zu kommunizieren, fließt es während der Arbeit am Familienhörbuch nur so aus den Patienten heraus. In diesen Stunden wird ein  Dokument für die Ewigkeit geschaffen.

So zum Beispiel das der jungen Mutter Sandra, die inzwischen verstorben ist und mit der engagierten Journalistin vor ihrem Tod ein Familienhörbuch für ihre Tochter und ihren Mann einspielte.

In diesem Familienhörbuch schwingt Leichtigkeit in ihrer Stimme mit, wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Aufmunternd und klar richtet sie ihre Worte an die kleine Tochter, spricht von der Zukunft des Kindes und gemeinsamen Erlebnissen in der Familie. Die krebskranke Patientin beleuchtet in der Audioaufnahme auch ihren Aufenthalt auf der Palliativ-Station und spricht davon, wieviel Kraft ihr Kind und Ehemann in dieser Zeit gaben.

Für diese dürfte das Dokument von unschätzbarem Wert sein – ist doch die Verstorbene beim Abspielen des Hörbuchs ganz nah bei ihren Angehörigen und das zu jeder gewünschten Zeit und an jedem Ort.

Mittlerweile kommen die Anfragen für ein Familienhörbuch von unheilbar kranken  Patienten oder ihren Angehörigen sowohl aus dem gesamten Bundesgebiet, als auch aus dem Ausland.

Mit Judith Grümmer, die zwischenzeitlich eine gGmbH gegründet, schon um die vierzig Hörbücher produziert und ihren Job zugunsten der Vollzeit-Arbeit für ihr Herzensprojekt aufgegeben hat, engagieren sich fünf Tontechniker und sechs Autobiografen für die Familienhörbücher und garantieren deren professionelle Produktion. Immerhin erfordert die Fertigstellung eines einziges Familienhörbuch bis zu 100 Arbeitsstunden.

Mit an Bord sind zudem ein ehrenamtlicher Anwalt, ein ehrenamtlicher Datenschutzbeauftragter und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die sich um die Spenden kümmert – und immer mehr Menschen, die sich einfach berührt fühlen und sich dafür einsetzen, dass die wachsende Anzahl von Hörbuchproduktionen auch in Zukunft finanzierbar ist.

Apropos Spenden: Diese kommen von den unterschiedlichsten Leuten und sind mit den verschiedensten Tätigkeiten verbunden. So geht eine junge Frau den Hermannsweg und wirbt auf dieser Wanderung Spenden für Judith Grümmers Familienhörbücher ein.

Eine Kindergruppe aus dem Umfeld des Kindes einer betroffenen Familie verkauft Lavendelsäckchen, um den Erlös an das Projekt zu spenden. Und Familien, die schon ein Hörbuch haben, sammeln über die Sozialen Medien Spenden für weitere Hörbücher und für die Zukunft des Projektes.

Große namhafte Spender sind indes noch die Ausnahme, doch Judith Grümmer ist überzeugt davon, dass die Dinge ihren Lauf nehmen und die Produktion der Familienhörbücher wachsen und stetig mehr Bekanntheit erlangen wird. Zudem steht es für die Gründerin dieser Idee außer Frage, dass die Hörbücher der Patienten – wie bisher – immer kostenfrei sein müssen.

Zukünftig sähe sie ihr Projekt deshalb gern im Kostenkatalog der Krankenkassen angesiedelt. Wichtig ist ihr außerdem eine adäquate Organisationsstruktur. Das heißt, die Produktion eines Familienhörbuches sollte zukünftig ein Teil des therapiebegleitendes Angebots in der Palliativmedizin sein.

Sie freut sich darüber, dass schon jetzt viele Ärzte Interesse bekunden und Mediziner zukünftig herausfinden wollen, wie sich dieses außergewöhnliche Projekt auf die Kinder von Verstorbenen auswirkt.

Auch medial werden Judith Grümmer und ihr Team mehr und mehr wahrgenommen, verschiedene Medien berichteten bereits über sie.

Und nicht nur das: Das Museum für Sepulkalkultur (Friedhofskultur) in Kassel hat Audio-Dokumente aus Familienhörbüchern in seine Ausstellung integriert und kommuniziert  – im Zusammenhang mit verschiedenen Arten des Gedenkens  – diese einzigartige Idee an seine Besucher.

Somit wird das Projekt immer bekannter, was auch dazu führt, dass sich immer häufiger todkranke Menschen bei Judith Grümmer melden und gemeinsam mit ihr und ihrem Team ein Familienhörbuch aufnehmen wollen.

Um allen Anfragen gerecht zu werden, ist das Hörbuch-Team auch zukünftig auf Spenden angewiesen – sie sind das Rückgrat des gesamten Projektes.

Dass dieses weitergeführt und erhalten werden kann, wünscht man Judith Grümmer und ihrem Team von Herzen. Man wünscht es ihnen vor allem für jene, die viel zu früh gehen müssen und mit ihrem Ableben daran erinnern, wie endlich das Leben ist. Und wie schnell es von heute auf morgen vorbei sein kann!

Mehr Informationen zum Projekt Familienhörbuch finden Sie hier. Wer spenden möchte, kann das hierüber tun oder die Spende direkt auf folgendes Konto

Volksbank Köln Bonn eG
Stichwort Familienhörbuch gGmbH
DE52 3806 0186 4906 5620 10
BIC: GENODED1BRS

überweisen. Auch über die Facebook-Seite „Familienhörbuch“ ist spenden möglich.

Copyright Foto: Fotografie Joachim Rieger, Köln

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