Donnerstag, 28. Oktober, 2021

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Die Kennenlernphase oder: Meint er es ernst? Gastartikel von Carolyn Litzbarski

Wenn Sie mich fragen würden, was ich am Singledasein vermisse, dann würde ich sagen: die Dates in der Kennenlernphase. Wenn Sie mich fragen würden, was ich gar nicht vermisse am Single-Sein, würde ich ebenfalls sagen: die Dates in der Kennenlernphase!

Und ich glaube, in dieser doch sehr widersprüchlichen Sichtweise steckt ganz viel von dem, was Dates in der Kennenlernphase so spannend, und dann auch wieder so nervenaufreibend macht! Die Abgründe der ersten Dates! Der Nervenkitzel, die Genervtheit! Die prickelnde Spannung einer neuen Begegnung! Der erste Funke! Die Höhen und Tiefen!

Kennen Sie sie auch, diese spannende Phase des Kennenlernens? Kennen Sie sie auch, die Zweifel: Meint er ernst mit mir? 

Die Abgründe des Datings

Ich selbst war auf vielen Dates. Und ich war in unterschiedlichen Kennenlernphasen – manche endeten sehr schnell, manche dauerten etwas länger. Mal war es spannend und prickelnd, mal einfach nur Zeitverschwendung. Und manchmal auch unangenehm. 

So individuell wir Menschen sind, so individuell ergeht es uns beim Dating. Die einen treffen regelmäßig Menschen, nahezu schon inflationär (gibt es eigentlich Flatrate-Dating?). Wieder andere kommen in den Genuss von ein, zwei Dates in sechs Monaten. Und das auch nur, wenn der soziale Druck der Umwelt zu stark wird (oder die eigenen Bedürfnisse).

Die drei Phasen nach dem ersten Kennenlernen

Wir alle kennen sie doch, die Gedanken vor, während und vor allem NACH dem ersten Date. Wenn es um Kennenlernen geht, dann lassen sich hier drei Phasen darstellen.

1. Die Analyse- Meint er es ernst mit mir?

Die Kontaktaufnahme wurde eingeleitet, das erste Date ist vorbei. Vorhang auf für Ihre persönliche ANALYSE-PHASE. Zeit für eine selbstkritische Rückschau des Dates. 

„Warum hat er mich auf diese Art umarmt?“

„Bei dieser Frage war der Blickkontakt so tief…was hat das zu bedeuten?“

„Warum hat er beim Verabschieden gesagt „…“ und nicht „…“?“

Folgen nach dem ersten Date noch ein paar Zeilen über WhatsApp oder ähnlich, wird die Analyse noch ergänzt um die „Was-steckt-zwischen-den-Zeilen – Analyse“. 

„Was möchte er mit dem Smiley ausdrücken?“

„Warum schreibt er hier „…“?“

„Warum schreibt er hier nicht „…“?“

Sie lesen die Nachrichten immer wieder. Dabei interpretieren Sie jedes Zeichen sorgfältiger als im Deutschunterricht in der Gedichtanalyse. Nun wird es Zeit für die nächste Phase. 

2. Phase: (Selbst)Zweifel

Im fließenden Übergang zur Analysephase landen Sie in der nächsten Phase. Die Phase der (Selbst)Zweifel. In dieser Phase entstehen zwei Gedankenstränge. Der eine richtet sich gegen Sie selbst („War das komisch, was ich gesagt/gemacht/nicht gesagt habe?“), der andere richtet sich gegen den anderen („Der meint es doch nicht ernst mit mir – oder doch?“). Wie beim PingPong landen Sie mal auf der einen Seite, oder auf der anderen Seite der Zweifel. Die Gedanken kennen Sie sicherlich:

„War es blöd von mir, von meinem letzten Date/Hochzeitsplänen/Ex-Freund zu sprechen?“

„Habe ich zu viel geredet? Habe ich zu wenig geredet?“

„Wenn er das so sagt/schreibt/nicht sagt, dann will er doch nur spielen!“

Zwar kommt diese Phase nicht wirklich zum Abschluss, dennoch landen Sie irgendwann in Phase 3.

3. Phase: Kopfkino und Konsequenzen ziehen 

Auf Basis der Analyse und angereichert mit einer großen Prise (Selbst)Zweifel landen Sie im Kopfkino. Sie haben nun alles analysiert, interpretiert und kommen nun zu einer Konsequenz:

Er meint es nicht ernst.

Oder aber:

Ich habe mich schrecklich verhalten und ihn vergrault.

etc.

Übrigens: die drei Phasen gehen fließend ineinander über und wechseln sich ab. Während des Kopfkinos kommen neue Zweifel. Wenn Sie dann zweifeln, analysieren und interpretieren Sie noch einmal. Und so weiter und so weiter. Einen Abschluss finden Sie nicht wirklich!

Warum durchlaufen wir diese Phasen?

  1. Kennenlernen macht uns verwundbar

Um eine andere Person kennenzulernen, geben wir notgedrungen auch viel von uns Preis. Angst vor Ablehnung oder Angst vor Enttäuschung begleiten uns oftmals.  

  1. Selbstzweifel kurbeln das Kopfkino an

Je größer die Selbstzweifel (Bin ich gut genug?) oder die Zweifel am anderen Geschlecht (Werde ich schon wieder verletzt?), desto mächtiger wird das Kopfkino. Das ist ein persönlicher Schutzmechanismus. 

  1. Der Schutzmechanismus holt Sie in die Vergangenheit und in die Zukunft

Je verwundbarer wir uns fühlen, je größer die Selbstzweifel, desto stärker unser Schutzmechanismus. In diesem bleiben wir nicht in der Gegenwart und im Hier und Jetzt. Vielmehr springen wir sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Die aktuellen Erfahrungen werden vermischt mit Erfahrungen aus der Vergangenheit. Gleichzeitig ziehen wir Konsequenzen mit Blick auf die Zukunft.

Was können Sie nun tun?

Alles was Sie an Kopfkino kennen rund um eine Kennenlernphase ist verständlich. Sehen Sie es als eine Strategie des Gehirns, ein festes Muster in der aufregenden Phase des Kennenlernens zu suchen.

Seien Sie sich bewusst, dass diese Strategie zwar natürlich ist, sie aber Auswirkungen hat. 

Im schlimmsten Fall torpedieren Sie Ihre Selbstzweifel und Ihren Selbstwert. Oder aber Sie reagieren impulsiv und vergraulen den Mann schon nach dem ersten Date. 

In jeden Fall rauben Sie sich viel von dem Zauber eines Dates und die Magie der Kennenlernphase. 

Wenn Sie beides (so) nicht möchten, dann sagen Sie sich nach dem Date: Stop!

Niemand kann eine Antwort darauf geben, was er oder sie denkt, fühlt, sagen wollte etc. Niemand. Auch nicht die Freundinnen, die Ihnen so gerne ihre Interpretation der Dinge anbieten. 

Jeder Mensch ist individuell und einzigartig in seinem Erleben. Sie können versuchen, sich in eine andere Person hineinzufühlen – Sie werden aber nie mit Sicherheit seine oder ihre Gedanken, Gefühle und Beweggründe voll erfassen können! Das ist unmöglich.  

Aber das muss doch was bedeuten?!

Genau jetzt kommt der Gedanke auf: wenn er YX macht, dann heißt das doch was! Das muss doch etwas bedeuten!

Ja, kann es. Aber nein, muss es nicht. 

Es kann alles bedeuten, es kann nichts bedeuten. 

Aber Sie können es nicht ändern, also zerdenken Sie es nicht. 

Ich – bin – genug!

Egal, was in dieser bewegenden Dating-Welt passiert, sagen Sie sich selbst: Ich bin genug. Unabhängig davon, ob und wie er oder sie jetzt antwortet oder nicht. Machen Sie sich bewusst, dass Sie anhand eines Dates oder ein paar Nachrichten nie einen vollumfänglichen Einblick in die Gedanken, Gefühle oder Beweggründe einer Person haben können!

Beenden Sie die Analyse, beenden Sie die Interpretationen und das Kopfkino. Den Stop-Knopf finden Sie am ehesten in der Selbstfürsorge. Alles, was Ihnen jetzt guttut, wird Sie ablenken und das Gedankenkarussel zum Stoppen bringen. Das kann ein Telefonat mit einer Freundin sein (dann aber das Thema Date ausklammern!), das entspannende Bad, die Sporteinheit…

Holen Sie sich Energie aus der Selbstfürsorge. Sie werden sie für diese oder die nächste Kennenlernphase brauchen! 

Über die Gastautorin:

Carolyn Litzbarski betreibt Paarcoaching für gesunde Beziehungen.

Auf ihrer Homepage schreibt sie dazu:

„Aus meinen eigenen Erfahrungen entstand PaarProjekt als Angebot für Singles und Menschen in Paarbeziehungen. Von den Kommunikations–Tipps für Paare entwickelten sich mehr Angebote, welche auch die Themen Bindung, Umgang mit den Eigenschaften des anderen und Bewältigung von Herausforderungen“

Bildnachweis: stock.adobe.com / detailblick-foto

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