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Erinnert sich noch jemand an das Prä-Handy-Zeitalter? Diese dunkle Ära ohne Tinder, Snapchat, Facebook oder Online-Singlebösen?

Jedes Wochenende hieß es: ab auf die Piste. Man wühlte sich durch den Kleiderschrank, zwängte sich in ein Kleid, in dem man gerade noch atmen konnte, quälte sich in schwindelerregend hohe Pumps, schminkte sich mit der Akribie einer Visagistin und stöckelte dann durch die Nacht zur nächsten Disko oder einem anderen Etablissement,  um dort die Beine für mehrere Stunden dekorativ um einen Barhocker zu knoten. Immer schön lächeln, Bauch rein, Brust raus.

Manchmal hatte man Glück, meistens aber nicht, und musste alles am nächsten Samstag wiederholen. Oder unter der Woche, wenn man eine harte Natur mit Durchhaltevermögen war. Oft wurde man nur von den üblichen Verdächtigen angelallt („Du schiesch aber gut ausch, kommsch du mit schu mir?“), und manchmal ging der Kontakt zu einem sympathisch wirkenden Fremden nicht über ein Lächeln hinaus.

Ich hatte es beim Flirten besonders schwer. Zwar trug ich Kleidergröße 36 und C-Körbchen, aber so gut wie nie meine dringend nötige Brille, weil ich dachte, die würde mich entstellen. Das sorgte öfter für Irritationen, denn ich hätte nicht mal Brad Pitt erkannt, wenn der mir zugezwinkert hätte und war darauf angewiesen, dass der „Interessent“ sich auf den Weg zu mir machte und mich ansprach, so dass ich ihn sehen konnte.

Es gab keine Garantie, jemanden kennenzulernen, außer man bevorzugte den analogen Vorläufer der Online-Singlebörsen: das gute alte Heiratsinstitut.

Etwas einfacher hatten es Ladies, die nur auf einen One-Night-Stand aus waren. Die brauchten nur lange genug am Tresen sitzenzubleiben und wurden garantiert kurz vor der Sperrstunde von jemandem abgeholt.

Aber alle Mädels, die ich kannte, suchten einen Mann, der etwas länger durchhielt als 20 Minuten.

Tipps, wo man Männer kennenlernen konnte, kriegte man genug. „Geh zur Tankstelle am Samstagvormittag“ raunte meine Freundin Susi. „Wenn du lange genug wartest, braucht mal einer Benzin, der gut aussieht.“ „Am Donnerstagabend im Supermarkt kommen die ganzen Singles“ verriet mir eine andere Freundin. „Ist fast wie ein Heiratsmarkt. Kauf’ aber nicht zu viel ein, sonst wirkst du verfressen. Das mag keiner.“

Eine dritte schickte mich zum Baumarkt, ihren Worten zufolge ein todsicherer Tipp, denn jeder echte Mann brauchte angeblich irgendwann was zum Hämmern.

Ich traf dort leider nur Bekloppte.

Lachte einem das Glück dann doch einmal, und man knüpfte einen Kontakt, dann wurde es anstrengend, denn die Bitte um ein Rendezvous folgte auf dem Fuße. Das erste Date war immens wichtig. Immerhin entschied es über den Fortgang der Bekanntschaft.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, als ich diesen geheimnisvoll wirkenden attraktiven Architekten in einer Pilsbar traf.

Detlef behauptete, er sei auf der Suche nach einer Frau, mit der er wandern, segeln, Tennis spielen oder bergsteigen könne und sah aus wie Sir Sean Connery, nur jünger und ohne Lizenz zum Töten. „Wandern, Bergsteigen, Segeln, Tennis? Ist ja toll, das mag ich alles auch!“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Eine Notlüge war nämlich keine Sünde, hatte meine Oma mir beigebracht.

Dabei war ich schon zu dieser Zeit vom Typ her ein Vorläufer des klassischen Netflix-Abonnenten, wenngleich mit einem Röhrenfernseher und VHS-Band statt Breitband. Genaugenommen habe ich sogar das sogenannte „Binge-Watching“ – also fernsehen, bis der Arzt kommt – erfunden.

Gesegelt war ich noch nie, kannte aber ein paar Seemannslieder und war schon mal mit dem Kajak gepaddelt. Die Vorliebe für diese Wassersportart endete, als ich mich an einer sehr niedrigen Brücke, unter der ich wegen eventueller Spinnen auf gar keinen Fall durch wollte, mit dem Paddel am Mauerwerk abstützte, umkippte und ins Wasser fiel.

Badminton hieß damals noch „Federball“. Das konnte ich, obwohl ich schnell aus der Puste kam. Ich traute mir ohne weiteres zu, im weißen Dress auf dem Tennisplatz ein paar Bälle ins Netz zu schlagen und dabei gut auszusehen.

Und ich wanderte zur Genüge – dreimal in der Woche mit 10 Zentimeter hohen Absätzen zu meiner Lieblings-Pilsbar. Das zählte auf jeden Fall.

Ein wenig gruselte mich vor dem Bergsteigen, denn da hatte ich keinerlei praktische Erfahrung, war aber sicher, am Fuße jeder größeren Erhebung in Deutschland einen Sessellift vorzufinden. Unser Treffen sollte in einem Café stattfinden. Mitten im Wald. Also borgte ich mir ein knallgelbes Rennrad, kaufte mir einen farblich passenden Trainingsanzug plus Stirnband und strampelte los. Ich würde mit wehendem blonden Haar zum Treffpunkt radeln, geschmeidig abspringen und einen dynamischen Eindruck machen.

An „sportlich“ sollte es nicht scheitern. Nicht, wenn es nach mir ging.

Frohgemut arbeitete ich mich auf einem schmalen Weg an Fichtenschonungen vorbei durch den Forst. Der neue Trainingsanzug saß perfekt, das Make-Up war beinahe unsichtbar. Ich sah aus wie Farrah Fawcett für Arme. Ein Engel für Detlef. Der war immerhin Architekt, ich kann’s nicht oft genug wiederholen, charmant, solvent und intelligent.

Dafür wäre ich seinerzeit ziemlich weit geradelt. Das Café lag 4 Kilometer entfernt. Da ich mich nicht nur im Prä-Handy-Zeitalter sondern auch im Prä-Navigations-Zeitalter befand, verirrte ich mich erwartungsgemäß.

Eine Gabelung passierte ich insgesamt dreimal, bis mir dämmerte, dass ich auf dem Holzweg, äh… Waldweg war. Dann überfuhr ich in meiner mittlerweile panischen Hektik eine Wurzel und fiel samt dem geliehenen Rennrad in den Matsch, denn am Vortag hatte es geregnet.

Eine Stunde zu spät erreichte ich endlich das Café. Mittlerweile sah ich aus wie Rambo in Teil 1 gegen Ende des Films. Das Stirnband war mir auf die Nase gerutscht,  sämtlicher Stoff bis zu den Knien mit Schlamm durchtränkt, und eine Schramme am Schienbein hatte ich mir außerdem zugezogen. Humpelnd schob ich mein Rad auf den Parkplatz, denn einige Speichen waren verbogen.

Sportlich wirkte ich nicht. Eher verzweifelt.

Detlef wartete entspannt auf der Terrasse an einem Tisch auf mich. Der war trotz vollmundiger Ankündigung mit dem Auto gekommen. Ich bin so ein Depp.

Übrigens gab es nie ein zweites Mal. Das lag nicht an mir, es lag an ihm, denn als mich zerrupft und gedemütigt, mit Flecken im Gesicht, atemlos auf einen Stuhl plumpsen ließ, hatte Detlef ebenfalls rote Wangen, allerdings von einer tödlichen Mischung aus Beerenwein mit besonders hoher Klopfzahl und Jägermeister. All die Mühe umsonst. War ja nicht mein erstes Mal.

Heutzutage läuft das anders. Computer oder Tablet an:

  • Klick – oh, Brille, nö danke.
  • Klick – oh weia, Warze auf der Nase. Mag ich nicht.
  • Klick – nicht schlecht, aber der hat ja gar keinen Sixpack. Ich wollte doch einen Kerl, der aussieht wie Jason Statham.
  • Klick – Vollbart? Äh…nein. Da hängt vielleicht noch Essen drin.
  • Klick – ach, der ist ja kleiner als ich.
  • Klick – oh, der wohnt eine Stadt weiter. Nö, keine Lust auf die Fahrerei.
  • Und so weiter.

Internet-Singlebörsen ähneln meiner Meinung nach einer Rasterfahndung des BKA. Ich gebe ein, was ich gerne hätte und warte dann darauf, was der Algorithmus ausspuckt.

So viel Glück hatten wir damals wie gesagt nicht. Wir mussten den Herren der Schöpfung die Würmer aus der Nase ziehen – lange und mühsam. Oder einen Privat-Detektiv beauftragen.

Und trotzdem waren wir auf der sicheren Seite, weil wir keine nachbearbeiteten Profilbilder kennenlernten sondern die nackte Wahrheit. Wir wühlten uns nicht durch eine Art virtuellen Versandhauskatalog mit geschönten Fotos, sondern waren live zugeschaltet. Zur Verfügung hatten wir nur „eingebaute Dashcams“ – unsere Augen  und unseren Instinkt.

Gemogelt werden konnte bei dieser Methode nicht viel. Sie hatte der heutigen einiges voraus.

Angelogen wurden wir natürlich genauso, was den Beziehungsstatus  oder finanzielle Verhältnisse anging. Aber Männer mussten einem ins Gesicht sagen: „Es ist kompliziert“ und dabei verlegen von einem Fuß auf den anderen tappen, anstatt es im Facebook-Status einzutragen. Und wir Frauen konnten beim ersten Augenschein schon mit scharfem Blick erkennen, dass ein Streifen am Ringfinger blasser war als der Rest der Haut. Also verheiratet, frisch geschieden oder Ehering in der Hosentasche. Die Welt ist schlecht.

Es war nicht ganz so leicht damals, sich als jemand anderer auszugeben, um uns  Frauen zu täuschen. Und zu enttäuschen.

Viel hat sich seither geändert. Gleich geblieben ist aber eins: das verflixte erste Date. Da müssen wir durch. Aber: Anstatt hektisch im Kleiderschrank zu wühlen, sollten wir uns vor Augen führen, dass ein essenzielles Accessoire für so ein Stelldichein nicht das Kleid oder die hohen Schuhe sind.

Nein – das wichtigste Zubehör kostet keinen Cent und ist für jeden erschwinglich – es heißt „Selbstbewusstsein“. Sie können es unauffällig in die Handtasche stecken oder um den Hals tragen, es sich ins Haar flechten oder im Brillenbügel verstecken – Hauptsache, Sie haben es dabei.

Der schönste Gucci-Dress wirkt nämlich nicht, wenn er an hängenden Schultern ins Lokal getragen wird. Die engste Armani-Jeans erfüllt nicht ihren Zweck, wenn sie an unsicheren Beinen klebt. Kopf hoch. Brust raus. Blick gerade aus. Kostet gar nichts.

Seien Sie in jeder Sekunde Sie selbst. Verstellen Sie sich nicht. Es liegt zur Hälfte an Ihnen, ob es ein zweites Date gibt. Oder ein drittes. Seien Sie authentisch!

Behaupten Sie zum Beispiel bitte nicht, Eishockey-Fan zu sein, nur weil Ihre neue Flamme von Wayne Gretzky schwärmt. Sonst sitzen Sie am Ende einmal wöchentlich in einer zugigen Halle und verkühlen sich die Eierstöcke. Wenn Sie Fußball bescheuert finden außer dem Teil, wo die Spieler das Trikot tauschen, geben Sie es zu. Wenn für Sie Kochen vom Beliebtheitsgrad her gleich nach Darmspiegelung kommt, nur immer raus mit der Wahrheit. Vielleicht erwischen Sie ja mit viel Glück einen, der gerne kocht.

Es ist vollkommen normal, dass man sich so gut wie möglich darstellen möchte. Aber das tun Sie mit einem aus dem Herzen kommenden ehrlichen Lachen besser als mit einem gekünstelten „Oh, von ‚Hostel’ finde ich alle Teile absolut super!“.

Selber schuld, wenn Sie künftig jeden neuen Horror-Film mit vor die Augen geschlagenen Händen im Kino genießen dürfen bis ans Ende Ihrer Tage, obwohl Sie eigentlich auf romantische Komödien stehen und kein Blut sehen können.

Seien Sie ehrlich. Beschönigen Sie nicht. Verbiegen Sie sich nicht. Kichern Sie nicht über Witze, die Sie dämlich finden, sonst bekommen Sie die bis an Ihr Lebensende zu hören. Womöglich immer denselben.

Es ist verständlich, dass man den Mann, den man soeben  kennengelernt hat, beeindrucken möchte. Aber das erreicht man nicht mit dem Vorspiegeln falscher Tatsachen. Sie sind doch eine gestandene Frau, attraktiv (Jede Frau ist auf ihre Art und Weise wunderschön!), intelligent, tüchtig und von sich selbst überzeugt.

Stellen Sie sich einfach vor, wir wären alle wirklich erbarmungslos ehrlich beim ersten Date. Man lernt jemanden kennen, landet in der Kiste, heiratet und bekommt Kinder. Irgendwann sitzt man  dann ungeschminkt in der Jogginghose auf der Couch und löffelt Instant-Nudeln aus der Tupperschüssel, während Heinz-Rüdiger mit seinen Kegelfreunden auf Malle eine Auszeit nimmt.

Es würde frischen Wind an die Front bringen, kämen wir gleich in den Klamotten zur Verabredung, die wir gedenken, nach Abflauen der Körperchemie in spätestens 36 Monaten, zu tragen. Wenn Sie wirklich ernsthaft glauben, dass Sie nach vier oder fünf Jahren noch jeden Morgen in Pumps und ein Etuikleid schlüpfen, um ihm Frühstück zu machen, dann haben Sie eine blühende Phantasie.

Ein ehrliches Rendezvous würde vielleicht so aussehen: Heinz-Rüdiger sitzt in seiner Schlabber-Jeans mit dem alten AC/DC-Shirt brummig vor einem Bier, und Sie kommen ungeschminkt und mit dem schlimmsten PMS seit 20 Jahren in Ihren Jazz-Pants, mit denen Sie sich während Ihrer Netflix-Abende am liebsten auf der Couch lümmeln. Da weiß jeder gleich, was ihn erwartet.

Gut – Illusionen, die gelegentlich das Schönste an einer neuen Liebe sind, gehen dabei flöten, aber die Wahrheit ist auch nicht übel. Denn die kommt irgendwann ohnehin.

Die Schmetterlinge im Bauch werden sich im Laufe der Zeit verpuppen und zu Raupen entwickeln, welche Ihnen an miesen Tagen über die Leber kriechen. Ja, sogar mit Heinz-Rüdiger, der jetzt noch so nett lächelt und Ihnen Komplimente macht. Sie werden sich aufregen, weil er zum Fußball mit seinen Freunden möchte, obwohl er Ihnen versprochen hat, die Oma zu besuchen. Er wird sich ärgern, dass Sie wieder Kopfweh haben oder schlapp und gereizt sind. Ich sage doch: Raupen. Nix Schmetterlinge.

Außer „Schatzi“ werden Ihnen im Lauf der Zeit noch eine Menge anderer Bezeichnungen für Heinz-Rüdiger einfallen. Ihm aber auch. Machen wir uns nichts vor.

Warum also beim ersten Treffen nicht ehrlich sein? Sie müssen ja nicht ungeschminkt im Trainingsanzug, ihren Jutebeutel hinter sich her schleifend, im Lokal aufschlagen. Nein – machen Sie sich hübsch wie immer. Aber bleiben Sie in jedem Moment Sie selbst. Das lohnt sich. Egal, wie Sie sind: resolut, besitzergreifend, ängstlich, schüchtern, neurotisch – verstellen Sie sich bitte nicht. Sie tun sich keinen Gefallen.

Wissen Sie, was die meisten Männer an Frauen faszinierend finden? Selbstbewusstsein. Ich habe nachgefragt.

Und dazu brauchen Sie weder Prada noch Escada, sondern nur sich selbst – die menschliche Wundertüte mit all den Special Effekts wie spontanen Wutausbrüchen, Marathon-Telefonaten mit der besten Freundin, Fress-Attacken, PMS, fliegenden Tellern, Schimpftiraden oder unseren Schuh-Tick, auf die Heinz-Rüdiger sich noch freuen darf. Denn Sie sind wirklich eine Wundertüte. Sie sind einmalig, einzigartig, etwas ganz Besonderes. Vergessen Sie das bitte nie.

Ist das nicht faszinierend, wie leicht es sein könnte? Wenn Ihr Lächeln von Herzen kommt, wenn Sie ihre eigenen Ansichten selbstsicher vertreten, wenn Sie wissen, was Sie wollen und was Sie auf gar keinen Fall wollen, dann ist das besser als jeder Online-Algorithmus. Da können Facebook oder Tinder nicht mithalten.

Es ist gar nicht schwer. Sie sind es sich auf jeden Fall wert, denn es gibt Sie genau ein einziges Mal auf dieser Welt.

Denken Sie daran, dass Sie ein Unikat sind, außergewöhnlich und besonders. Und dass sie jemanden verdient haben, der das Komplettpaket nimmt. Weil Sie es sich wert sind. Ich wünsche Ihnen eine herrliche Woche und verbleibe mit augenzwinkernden Grüßen

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

Eine Hommage an das Landleben, genauer gesagt an das Allgäu – das sind die Krimis die Barbara Edelmann (im Bild) schreibt. Sie alle spielen in der Region, in der die Autorin lange schon zuhause ist und den Menschen dort „aufs Maul schaut“, wie sie selbst sagt.  „Mordsdepp“, „Mordsgeschäft“ und „Mordsrausch“ sind Edelmanns Bestseller, mit denen sie sich eine begeisterte Leserschaft aufgebaut hat.

Um sich für ihre Bücher inspirieren zu lassen, muss die Schriftstellerin ihre Heimat nicht verlassen, denn die beschauliche Idylle mit Alpen-Panorama bietet genug Stoff, den Barbara Edelmann kreativ im Schreiben verarbeitet. Wir haben mit der Autorin, die auch Kolumnen für uns schreibt, gesprochen:

FB: Frau Edelmann, Sie haben sich mit Ihren Regionalkrimis, die in Bayern – im Allgäu – spielen, einen Namen als Autorin gemacht. Wie kam es dazu, dass Sie sich Ihrer Heimatregion literarisch zugewandt haben?

Man soll über das schreiben, was man kennt, lautet eine eiserne Regel. Und im Allgäu kenne ich mich aus – immerhin weigere ich mich seit Jahrzehnten, „mein Tal“ zu verlassen, trotz guter Stellenangebote. Einmal hätte ich sogar die Gelegenheit gehabt, in den USA zu arbeiten. Aber alles, was mir dazu einfiel, war: „Mein Baggersee, meine Freunde, mein Wald-Café, meine Oma, mein Elternhaus, meine Heimatstadt!“ Amerika hatte keine Chance.

Im August 2014 saß ich dann eines Tages auf meiner sonnenbeschienen Terrasse und gönnte mir einen Kaffee, als das melodische Tuckern eines Traktors ertönte und kurz darauf der aromatische Geschmack von Gülle mein Näschen so penetrant umwehte, dass ich fluchend ins Haus rannte.

Eine Stunde zuvor war ich versehentlich mit meinem frischgewaschenen Cabrio durch einen cremigen Kuhfladen gebrettert und hatte mir das Auto wieder eingesaut. Rechts von mir bimmelten Kuhglocken, links von mir zerkleinerte gerade der Nachbar Holz für den Winter mit einer Hochleistungs-Kreissäge. Seit 7:00 Uhr morgens, an einem Samstag. Es war einer dieser Momente, wo man nicht weiß, ob man das Landleben hasst oder liebt.

Da kam mir der Gedanke:  „Schreib doch mal einen Allgäu-Krimi, da kannst du das alles unterbringen“. Gesagt getan, innerhalb kürzester Zeit war „Mordsbraut“ fertig. Und unterm Schreiben bemerkte ich, wie sehr ich an meiner Heimat hänge, und wie sehr ich sie mag. Es war einfach meine ureigene, merkwürdige Art, „danke“ zu sagen, eine Liebeserklärung auf 400 Seiten.

FB: Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Krimis?  

Ich wohne seit mittlerweile 25 Jahren auf dem Land. Seit 25 Jahren schaue ich den Leuten aufs Maul und höre ihnen zu, wenn sie von Erlebnissen erzählen, denn es sind viele gute und interessante Storys darunter. Manchmal reicht auch ein Blick in den Lokalteil des örtlichen Käseblattes. Oder große Ohren im Biergarten, wenn der Hans am Nachbartisch im Flüsterton dem Sepp erzählt, wie der Luis neulich besoffen in den Bach gefahren ist. Dafür entschuldige ich mich, aber ich kann einfach nicht anders und muss lauschen.

Viele Geschichten, die mir erzählt werden, beinhalten Potenzial für einen guten Krimi. Leider darf ich nicht ins Detail gehen, aber es sei Ihnen versichert, auch bei uns in der Vorzeige-Idylle mit dem Alpen-Panorama und dem höchsten Rindviehbestand in Süddeutschland passiert genug, das Stoff für eine anständige „Tatort“-Folge böte.

Es gibt auch bei uns Leute, die dem Bier mehr zugetan sind als ihnen gut tut, Raufereien, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Diebstahl oder Betrug und vieles mehr.

Aber: Die Strukturen auf dem Land sind anders. Ihren Nachbarn entgeht nicht, wer Sie zum Kaffee besucht oder wann Sie Ihre Partys feiern. Die kriegen genau mit, wenn Sie vergessen, Ihr Laub zu rechen („fliegt in meinen Garten!“), ob Ihre Rollläden länger geschlossen sind als sonst und ob Sie dem Postboten im Morgenmantel die Tür öffnen. Ich war 22 Jahre lang mit einer äußerst aufmerksamen Nachbarin gesegnet, der nichts entging, und die mich mit herrlichen Anekdoten über andere Dorfbewohner versorgte. Sie war, was wir hier eine „Brieftaube“ nennen, eine resolute Dame mit unbestechlichem Blick für die Splitter in den Augen der anderen. Ich vermisse sie heute noch.

An meinem früheren Wohnort wurde sogar darüber getuschelt, weil ich eines Sonntags tatsächlich im Bikini (!) auf meiner Hollywoodschaukel gelegen bin. Am Tag des Herrn! Entweder ist man diejenige, die mit anderen über Dritte redet oder die, über die geredet wird. Anfangs kann man sich das heraussuchen.

Solange Sie Ihren Garten in Ordnung halten und keinem Plausch am Zaun ausweichen, sind Sie wohlgelitten. Was man auf dem Land nicht mag, ist Arroganz, Leute, die sich absondern, nur übers Landleben schimpfen und sich nie auf Feierlichkeiten sehen lassen. Leider habe ich Einladungen zu mindestens 10 Tupper-Partys nicht wahrgenommen, das bereue ich heute noch – vielleicht wäre dann mein Bikini an einem Sonntag nicht Gesprächsstoff gewesen.

Jedenfalls weiß hier jeder alles über jeden. Das hat natürlich auch sein Gutes, denn die Leute passen ja auch aufeinander auf. Ich habe es in 25 Jahren auf dem Lande nicht erlebt, dass jemand lange tot in seiner Wohnung liegt, ohne gefunden zu werden, denn irgendjemandem fällt schon auf, dass Oma Käthe gestern die Rollos nicht hochgezogen hat und sich – entgegen ihren Gewohnheiten – nicht im winzigen Supermarkt blicken ließ.

Nachbarschaftshilfe ist auf dem Land kein Fremdwort, Anonymität hingegen schon, Vereine ersetzen ein gerüttelt Maß der sozialen Arbeit. Die Festivitäten sind andere als in der Stadt. Veranstaltungen, auf denen ein Schausteller mit einer Schiffschaukel anreist, werden als „Jahrmärkte“ bezeichnet, aber wissen Sie was? Die sind sehr beliebt und werden von allen gern besucht. Auf dem Wochenmarkt begegnet man sich und tauscht sich aus, an der Supermarktkasse wartet man geduldig, bis die alte Landwirtin vom Einsiedler-Hof ihr Kleingeld herausgekramt und von ihrer letzten Hüft-OP erzählt hat, man nimmt Rücksicht und hilft einander.

Es ist anders, es ist langsamer, aber ich finde dieses reduzierte Tempo, dieses „leben und leben lassen“ der Gesundheit zuträglich und schön.

Sie schreiben ja Krimis. Gibt es dennoch etwas, das Sie den Lesern vielleicht in Ihren Büchern mitteilen möchten?

Mein Ermittlerpaar besteht aus einem unglaublich attraktiven Berliner, der sich aufgrund einer Liebesgeschichte nach Memmingen versetzen ließ und an diesem Landstrich – bis auf das Essen, das ihm schmeckt – kein gutes Haar lässt, sowie seiner Partnerin, einer hübschen, glücklich verheirateten Allgäuerin mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen, die gern kocht und bäckt.

Die Intention in meinen Büchern ist, dem Leser einen „Urlaub im Kopf“ zu gönnen, denn die Welt in meinen Romanen ist größtenteils heil, von schrulligen Charakteren bevölkert, die neben ihrem Kartoffel-Vorrat alle ihre größeren und kleineren Leichen im Keller haben. Eine meiner Lieblingsfiguren ist Erna Dobler, eine rüstige ehemalige Landwirtin mit einer Vorliebe für Melissengeist und amerikanische Krimi-Serien, die sich gern dreist und vorlaut in die Ermittlungen der Polizei mischt. Ich hoffe, sie lebt noch ewig. Nein, ich weiß es, denn ich bin dafür zuständig, dass Erna steinalt wird.

In meinen Büchern gibt es keinen Zynismus, sie leben von den augenzwinkernden Hinweisen auf die Verschrobenheit einiger Zeitgenossen und regions-spezifischen Begebenheiten.

Ich entwerfe mit Liebe zum Detail wunderliche Charaktere, mische das ganze mit ein wenig Lokalkolorit und hoffe, dass die Verbundenheit mit meiner Heimat dem Leser aus jeder Zeile entgegenlächelt.

Und ich möchte gern zeigen, dass auch bei uns im Allgäu – entgegen gängiger Klischees – nicht alle im Dirndl und der Lederhose herumlaufen, Knödel rollen und den ganzen Tag jodeln. Bei uns gibt es blitzgescheite Leute und eine ansehnliche Infrastruktur in den Ballungszentren. Die Menschen sind bodenständig und fleißig, sie gehen sonntags zur Kirche, weil man das einfach tut, Landwirtschaft wird mit sehr viel Köpfchen und Knowhow betrieben, und im Großen und Ganzen ist das Allgäu ein Landstrich wie alle anderen auch, nur eben mit einem speziellen Menschenschlag bevölkert, der nicht drum herum redet. Sie sagen nicht viel, aber wenn sie den Mund aufmachen, sind sie ehrlich und gerade heraus.

Es gibt sehr liebenswerte Menschen, die Biergärten sind unglaublich schön, und wer Sahne, Butter und Käse mag, welche die Hauptbestandteile unserer Spezialitäten bilden, wird sich hier wie im Paradies fühlen. Wir essen  Maultaschen genauso wie Novelle Cousine, wir tanzen aber auch Tango und Samba  und schuhplatteln nur gelegentlich. Meine Krimis spielen meistens im ländlichen Raum, weil ich die Landschaft wunderschön finde und möchte, dass man das aus meinen Büchern herausliest. Hier ist die Welt, oberflächlich gesehen, in Ordnung.

FB: Wenn Sie eine Buch-Idee haben – wie geht es dann weiter, wie bauen Sie sich das schreibtechnische Gerüst für Ihre Bücher auf? 

Am Anfang ist die Idee. Sie zwickt mich in den Nacken und lässt mir keine Ruhe mehr. Wenn sie sich so benimmt, dann ist sie gut und wert, dass ich sie zu einem Roman verarbeite. Und erst dann setze ich mich hin und fange ganz einfach an. Manche Bücher beginne ich sogar mehrmals. Es ist unglaublich befriedigend, ein ganzes Universum zu schaffen. Ich mache das Wetter, entscheide über Leben und Tod oder darüber, wer heiratet. Für mich sind alle meine Figuren sehr lebendig, und ich mag jede einzelne.

Eine Geschichte wächst wie ein Baum. Bei meinem ersten Krimi „Mordsbraut“ setzte ich mich nachmittags an den Tisch, um meinen Hauptverdächtigen endlich hinter Gitter zu bringen, und am Abend war der Typ tatsächlich tot, was mich selbst überraschte.

Das Buch hatte mir scheinbar den weiteren Ablauf diktiert, so merkwürdig das klingt. Geschichten wollen geschrieben werden, wenn sie es wert sind und treiben einen schon in die passende Richtung. Allerdings brachte mich damals der tragische Tod meines Hauptverdächtigen in Nöte, denn ich musste einen neuen Mörder finden.

Logische Fehler werden im Laufe des Prozesses nach und nach ausgemerzt. Sollte ich wirklich etwas übersehen, macht mich die Lektorin darauf aufmerksam. Mein Arbeitsplatz sieht in dieser Zeit fürchterlich aus, denn ich mache mir Notizen auf dem Handy, auf losen Blättern, in Notizbüchern, die ich überall mit mir herumschleppe und sogar auf Servietten im Restaurant.

Ist das Manuskript dann fertig, wird es überarbeitet, Wort für Wort, Satz für Satz. Doppelungen müssen gestrichen und ersetzt werden, zu häufig benützte Wörter dezimiert, Redewendungen geändert, Dialoge umgeschrieben.

Der Leser weiß nicht, wie viel Disziplin hinter einem fertigen Buch steckt. Es ist manchmal mühsam, aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.

FB: Wann haben Sie Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckt? 

Ich schreibe schon mein ganzes Leben lang. Seit meiner frühesten Jugend kritzelte ich DIN-A-4-große Bücher von Hand voll. Irgendwann kaufte ich mir eine Typenrad-Schreibmaschine ohne Korrekturband. Dann kam gottseidank WORD.

In jungen Jahren schrieb ich für den kulturellen Teil einer regionalen Wochenzeitung und auch für eine größere Regionalzeitung als freie Mitarbeiterin. Ich stellte allerdings fest, dass es nicht war, was ich wollte, denn freie Mitarbeiter wurden gern zu Veranstaltungen geschickt, die den „alten Hasen“ zu langweilig waren. Verstanden habe ich es ab dem Abend, als ich während eines Sopran-Konzerts, bei dem ich den einzigen Stuhl mit der Aufschrift „Presse“ besetzte, eingeschlafen bin und erst beim „Da capo!“ wieder aufwachte.

Ein Buch zu schreiben hatte ich mir schon mein Leben lang vorgenommen, fand aber immer prima Ausreden, es nicht zu tun: zu viel Arbeit im Büro, im Haus, im Garten, zu viel Ärger mit den Kindern, der Verein, müde, nicht das richtige Laptop, oder andere abstruse Ausreden. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.

FB: Wo holen Sie sich für Ihre Bücher, in denen es um Kriminelle geht, Ihr Know-How her? Recherchieren Sie bei Polizei, Staatsanwaltschaft & Co? Und wenn ja, wie schaut das in der Praxisaus? 

Ich habe im Laufe der Jahre ein paar bemerkenswert hilfreicher Kontakte knüpfen können. Dazu gehören Rechtsmediziner, Kripobeamte, Polizeibeamte, Ärzte und Psychologen. Gerade was Kriminalität als solches angeht, bekam ich schon mehr als einmal gutes Feedback von erfahrenen Polizisten.

Die Berufserfahrung eines gestandenen Beamten, eines Arztes oder eines Psychologen sind nicht mit Gold aufzuwiegen und können von einer Internet-Suchmaschine nicht ersetzt werden. „Das sind oft ganz normale Leute“ sagte mir ein hochrangiger Beamter, als wir uns über Mörder unterhielten. „Die sind oft sogar sympathisch. Sie würden nie glauben, dass solche Menschen ein Verbrechen begehen könnten.“

Und genau das versuche ich in meinen Büchern auch herüberzubringen. Oft reicht ein einziger Moment, in dem man durchdreht, und Existenzen sind zerstört. Aber trotz allem darf bei mir das Schmunzeln nicht zu kurz kommen.

Mit einer Prise gesundem Sarkasmus rettet man sich durch manche schwierige Situation, das ist zumindest meine Erfahrung.

Lassen wir uns unseren Humor nicht austreiben, er ist wie eine orthopädische Schuheinlage, wenn uns das Leben mal wieder aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Ich würde mich freuen, wenn ich ein paar Leser auf unser schönes Allgäu habe aufmerksam machen können.

Und wenn Sie bei mir vorbeikommen, serviere ich Ihnen sogar einen Kaffee. Versprochen.

Die Bücher von Barbara Edelmann sind unter anderem hier erhältlich und die Kolumnen von ihr für unser Magazin können Sie hier lesen.

Bildnachweis: Karl-Heinz Schweigert

Schöne neue Welt

Telefone mit Wählscheibe und Landkarten statt Navigationssysteme – viele Menschen können sich gar nicht mehr vorstellen, wie es einst zuging und junge Leute kennen all das sowieso nicht mehr. Schöne neue Welt eben – so auch der Titel der aktuellen Kolumne von Barbara Edelmann, die die modernen Errungenschaften mit einem Augenzwinkern aufs Korn nimmt:

„Wer lange fragt, geht lange irr“, pflegte meine Mutter zu sagen. Das sollte bedeuten, dass, wenn man zu viele verschiedene Menschen fragt, man vermutlich mehrere falsche Antworten bekommt und sich verzettelt.

Heute, im Informationszeitalter, war es noch nie so einfach, viele verschiedene Menschen zu fragen und viele unterschiedliche Antworten zu bekommen. Googeln Sie versuchshalber einfach ein durchschnittliches Krankheitssymptom wie zum Beispiel „erhöhte Temperatur“ und lernen Sie anschließend das Fürchten, denn vom irreparablen Motorschaden bis zur unentdeckten Tropenkrankheit, bei der einem am Schluss die Ohren abfallen, kann das wirklich alles sein. Und es steht da wie in Stein gemeißelt.

„Die Leute kommen mit einer fertigen Diagnose aus dem Internet zu mir“ seufzte mein Hausarzt frustriert. „Und sie lassen sich nicht umstimmen, dass es doch nicht die Beulenpest ist. Es ist viel schwieriger geworden, denn die Patienten sind nicht informiert, sondern irritiert.“

Vieles hat sich seit damals verändert, und wir sitzen mittlerweile auf einem Tiger, von dem man nicht mehr abspringen kann, ohne die Orientierung zu verlieren. Dabeisein ist schließlich alles.

Wieviele Eltern grübeln in dieser Sekunde, was ihr Kind am Computer grade tut? Sieht es sich bei Youtube Bugs-Bunny-Videos an, oder surft es auf einer Pornoseite, wo ihm Inhalte vermittelt werden könnten, die seine sexuelle Entwicklung nachhaltig schädigen?

In diesem riesigen virtuellen Sumpf blühen zum Teil schlimme Dinge unter der Oberfläche, grausige Blüten, gefüllt mit Hass, perfide Auswüchse des menschlichen Geistes, die der seelischen Gesundheit von Heranwachsenden und auch Erwachsenen nachgerade abträglich sind.

Das World Wide Web – dieser riesengroße digitale Bauchladen für die Menschheit, es wächst und wächst exponentiell. In ihm bekommen Sie heutzutage jede Information, die Sie möchten, ob es sich um eine weltweit nur von 7 Menschen ausgeübte Sexpraktik oder die Anleitung zum Bau einer Bombe handelt, ist egal.

Durch die rasende Geschwindigkeit dieser Entwicklung sind einige unserer Mitmenschen massiv überfordert. Immerwährende Erreichbarkeit und allezeit verfügbare Informationen haben einen hohen Preis. Wer dem Ganzen skeptisch oder unwissend gegenübersteht, wird mitgeschleift oder bleibt zurück.

Erinnert sich noch jemand an Autos ohne Navigationsgerät? Eins weiß ich sicher: Mit dem guten alten Shell-Atlas wäre es nicht passiert, versehentlich in ein Flussbett zu fahren. Der sagte nicht: „Halten Sie sich rechts.“ Den klappte man auf, suchte seine Route und fuhr dann los. Obwohl ich offengestanden nicht wirklich nachvollziehen kann, wie man mit den Augen auf der Straße und beiden Händen am Lenkrad in einen Fluss fahren kann.

Mittlerweile lese ich aber leider öfter die Schlagzeile: „Im Fluss/Bach/auf Eisenbahnschienen gelandet – Autofahrer folgte seinem Navi“. Selber schuld.

„Wieso gibst du deine Adresse als Zielpunkt ein?“ fragte ich neulich einen Freund. „Du wohnst da bereits 10 Jahre und kennst den Weg dorthin immer noch nicht?“

Das konnte er mir nicht beantworten. Er braucht vermutlich das Gefühl, dass ihm jemand sagt, was er zu tun hat. Ich fahre übrigens immer noch ohne, weil ich es hasse, wenn mir beim Fahren jemand dreinredet. Und wo ich wohne, weiß ich.

„Aktivieren Sie die Ortungsdienste, um unseren Service besser zu nützen“ fordern mich diverse Apps bei ihrer Installation auf. Sogar mein digitales Kochbuch möchte gerne wissen, wo ich mich herumtreibe. Kommt nicht in Frage.

Erinnert sich einer von Ihnen an Telefone mit Wählscheiben ohne Stimmwahl? An elektrische Tischrechner?  An Röhrenfernseher oder Musik-Kassetten? Nicht zurückgespulte Videobänder, für die man zur Strafe in der Videothek 2 Mark bezahlen musste? Unsere technische Entwicklung hat nicht FortSCHRITTE gemacht, sondern riesige Hüpfer. Und alle hüpfen mit.

Die Kehrseiten der Medaille ist ziemlich düster, denn alles, das mir nützlich sein sollte, oder der Unterhaltung dient, kann mich auch überwachen: mein Smart-TV, mein Handy, meine Fitness-Uhr.

Ich erinnere mich an die Proteste gegen die Volkszählung 1987. Sogar eine Verfassungsklage wurde damals eingereicht. Leute gingen entrüstet gegen die Erhebung ihrer Daten auf die Straße. Lang ist es her.

Heute sagen wir: „Hey, Alexa, bestell mir mal eine Flasche Waschmittel, aber such ein Sonderangebot heraus. Weißt ja, was ich gerne mag.“

Ich selbst würde mir eher die Hände abhacken lassen, als so ein Ding ins Wohnzimmer zu stellen. Meine Nachbarin kriegt schon genügend mit. Mehr unfreiwillige Lauscher brauche ich nicht.

Mein Internetprovider seit dem Jahr 2000 (Ich bin eine treue Seele…), teilte mir kürzlich mit, dass er künftig im Zusammenhang mit der Firma Blabla meine Email-Korrespondenz analysieren werde. Nichts, wirklich nichts ist mehr privat. Gewöhnen Sie sich dran.

Die schöne neue Welt frisst gerade ihre Kinder. Sie tut das rasend schnell. Und die meisten Kinder klatschen entzückt.

Irgendwie ist alles inflationär geworden: Fotos, Musik, sogar das geschriebene Wort. Es gibt Self-Publishing und Instagram. Wenn ich wollte, könnte ich meine Einkaufslisten der letzten vier Jahre bei Amazon veröffentlichen, vielleicht mit dem wohlklingenden Titel „Hagelschaden“. Na und? Endlich ein Buch von mir. Wer schreibt, der bleibt. Und „bleiben“ möchten wir doch alle, oder?

Millionen von Selbstdarstellern. Millionen von Menschen, die so gern besonders sein möchten, sich von der Masse abheben. Und doch darin untergehen. Ich finde das sehr traurig.

Wir haben das Internetzeitalter, meine Damen und Herren. Jeder Depp kann auf einer selbstgebastelten Plattform seinen Senf veröffentlichen. Es wird gebloggt und getwittert, Schauspielerinnen fotografieren sich beim Zahnarzt oder in pikanten Situationen und zeigen Millionen ihre Zahnlücke oder Körperstellen, die ich nie kennenlernen wollte. Scham ist hinderlich in der schönen neuen Welt. Mit Scham wird man nicht berühmt. Um sich heutzutage aus der Masse hervorzuheben, muss man immer noch einen drauflegen.

Man baut sich innerhalb kürzester Zeit eine Website – auch hierfür gibt es idiotensichere Programme, und lässt die Welt an seinem glückseligen Leben teilhaben. Kein Gedanke so dürftig, dass er es nicht wert wäre, veröffentlicht zu werden. Keine volltrunkene Fratze so dämlich, dass man sie nicht ins Netz stellen könnte. Wieso soll Herr Müller aus Leverkusen nicht sehen, dass Kunigunde aus Pforzheim vorgestern stockbesoffen auf einer Batterie von leeren Flaschen mit verrutschtem T-Shirt eingeschlafen ist?

Indivualität und Selbstverwirklichung heißen die Zauberworte einer ganzen Generation. Talkshowmaster sind die Scharfrichter im Nachmittagsprogramm, und die Inquisition findet täglich und unmittelbar statt und nennt sich „shitstorm“.

Willkommen in der schönen neuen Welt von Huxley – willkommen in einem einzigen gigantischen „Big-Brother“-Container:  dem Internet, das nie vergisst. Und Glückwünsche den paar vereinzelten echten Individuen, die es bis heute geschafft haben, ohne Paypal-Konto, Kreditkarten, Email-Account oder Handy mit GPS auszukommen. Die wahre Freiheit, die diese Menschen leben dürfen, erschließt sich heute keinem Jugendlichen mehr, für den es völlig normal scheint, dass unser aller Leben von heute auf morgen öffentlich gemacht wurde.

Glauben wir wirklich immer noch, dass „Big Brother“ nur aus einem Blech-Container besteht, oder haben wir mitbekommen, dass wir alle in einem gläsernen Käfig sitzen und staunend nach draußen blicken, wo uns unserer Meinung nach das „Nichts“ erwartet? Und dabei sind wir heute einsamer als früher.

Es gibt kein Leben ohne Eintrag bei „Facebook“, „Studi-VZ“ oder „Stayfriends“. Internet-Communities, bei denen wir nach Eingabe höchst sensibler und vertrauter Daten und Geheimnisse unseres Lebens wie ein Bilderbuch führen dürfen. Wir suchen unseren Partner, verwalten unser Tagesgeschehen, schließen virtuelle Freundschaften oder lehnen sie ab und lassen die Welt leichtsinnig an unserem Leben teilhaben. Jeder glaubt von sich, einzigartig zu sein und möchte das nach draußen bringen.

Ich bin ein ganz normaler Mensch, der im Laufe der letzten Jahrzehnte schon einge Menge erlebt hat und von dem atemberaubenden Fortschritt geblendet fasziniert beobachtet, wie Heerscharen von Menschen ihre Identität einer anonymen Masse preisgeben, die das im Grunde einen Dreck interessiert.

Versuchen Sie mal , einem Jugendlichen für einen Tag das Mobiltelefon abzunehmen. Er wird vermutlich nach einer halben Stunde ohne Kontakt zu seinen Freunden den Verstand verlieren. Natürlich könnte er ohne weiteres aufstehen, ein Haus weiterlaufen und dort an die Tür klopfen, aber das wäre total uncool.

Lehrer haben die größten Probleme, ihrer Klasse überhaupt noch etwas beizubringen, weil unter dem Tisch gechattet wird, dass sich die Balken biegen. Überhaupt ist der Lehrer als Respekts- oder Autoritätsperson schon lange überholt. Die neuen Vorbilder sind Youtouber und Influencer. Dieser Begriff wird nicht ohne Grund vom Namen einer ansteckenden Infektionskrankheit abgeleitet.

Von klein auf bekommen Kinder zu hören, dass sie als natürliche Ressourcen und zukünftige Renterversicherungszahler wichtige Einnahmequellen für den Staat und das Gemeinwohl darstellen. Das Fernsehen als unumgängliches Medium tut sein übriges. Die Uniformität von Sneakers , Hoodies, konformem Haarschnitt und Gruppengedöhns entgeht dem jungen künftigen Leistungsträger völlig, da er sich scheinbar freiwillig und ohne Nachdenken Zwängen unterordnet, die in ihrer ureigenen Form so restriktiv und gewalttätig sind, dass ihm bei genauem Nachdenken Angst und bange werden müsste.

Ich liebe Technik und bin allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Meinen Reciever habe ich allein angeschlossen und konfiguriert. Ich designe Internetseiten, mache Videoschnitt und digitale Bildbearbeitung und trage mein Mobiltelefon mit mir herum wie einen Herzschrittmacher, denn das ist mein Tor zu dieser gruseligen, ins Unendliche expandierende Welt aus Bits und Bytes. Der Eingang für einsame Herzen ins potenzielle Glück, das Portal für Sehnsüchte und Wünsche, die letzte Lagerstätte für zerborstene Träume der Hoffnungslosen, das Sammelbecken von Misanthropen, Realisten, Zynikern und Optimisten. Alles das und noch viel mehr.

Wissen Sie, was für mich die unheimlichste Stelle in dem Buch „1984“ von George Orwell war, in dem eine fiktive repressive, von einigen wenigen gesteuerte Zukunfsgesellschaft beschrieben wird, die allumfassender Bewachung ausgesetzt wird? Der allerletzte Satz. Der lautet nämlich:

„Er liebte den großen Bruder.“

Ihre

Barbara Edelmann

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Freundschaften und Geld – ein nie endendes werdendes Thema! Zu viele Leute tangiert das Verborgen von Geld, die meisten können wohl hiervon das berühmte Lied singen. So auch unsere Kolumnisten Barbara Edelmann, die mit dem schöden Mammon, im Zusammenhang mit Freundschaften, so ihre eigenen Erfahrungen gemacht und sich dieser Thematik ausgiebig gewidmet hat:

Wissen sie, wie ich meine Freunde verloren habe?

Sie stürzten nicht in Gletscherspalten oder wurden von Dreißigtonnern überfahren, sie starben nicht an einer Krankheit oder wurden von einem Asteroiden erschlagen, sie wurden nicht von Außerirdischen entführt, von Tsunamis untergepflügt oder verschwanden einfach so beim Zigarettenholen.

Ich habe ihnen Geld geliehen.

Würden Sie mich nach meinem Sternzeichen fragen, müsste ich antworten „Depp im vierten Haus, Aszendent Trottel“, denn ich war selbst schuld. Diese Freunde pumpten mich nie direkt an. Naja. Machen wir uns nichts vor. Sie kannten mich und wussten, dass eine traurige Geschichte genügt.

Meine Oma besaß ein kleines schwarzes Büchlein, das sie hütete wie einen Schatz.

Einmal durfte ich einen Blick hineinwerfen. Akribisch war jeder Betrag notiert, den sie mir je zukommen hatte lassen, auch wenn es sich nur um einen Euro gehandelt hatte.

Immerhin brachte sie es unter anderem dadurch auf stattliche drei Immobilien, um die sich ihre Kinder streiten konnten.

Ich hätte mir wohl auch so ein Büchlein zulegen sollen. All die „ausgelegten“ Kino-Karten, Bestell-Pizzas, Eisbecher in Biergärten, Tankfüllungen, Bahn-Tickets, Schuh-Sonderangebote und Ski-Pässe würden sich wahrscheinlich auf einen Gebrauchtwagen summieren.

Aber ich führe kein Buch, sonst wäre die Liste der Personen, die mit mir nicht mehr reden, weil sie mir Geld schulden, noch länger.

Dabei verfüge ich nicht über Reichtümer, doch ich wollte einfach nie jemand sein, dem man seine ersparten Scheine aus den erstarrten Fingern reißen muss. Geiz mag ich nicht. Ich lebe nicht über meine Verhältnisse und bin finanziell vorsichtig. Warum das Schicksal mir immer menschliche „Grillen“ schickt, die den ganzen Sommer auf die Pauke hauen, anstatt sich Vorräte für kommende Winter anzulegen, weiß der Himmel. Zum Dank für meine Hilfe ignorieren sie mich und kicken mich aus ihrem Leben.

Jedes Mal, wenn ich bisher Geld verlieh, kriegte ich im gleichen Moment einen drei Meter hohen, fünf Tonnen schweren knallrosa Elefanten geliefert, der bei jeder Begegnung mit einem meiner Schuldner mitten im Raum steht und spöttisch seinen Rüssel hebt. Er ist nicht zu übersehen, aber alle tun, als wäre er nicht da.

Nie sagt jemand: „Hey – da steht ein riesiger knallrosa Elefant neben deinem Vorhang. Vielleicht sollten wir mal drüber reden, dass du von mir noch Geld kriegst, ich hab’ hier 50 Euro, den Rest stottere ich ab wie vereinbart.“ Nie.

Nehmen wir zum Beispiel Susi. Seit unserer Teenagerzeit waren wir ein Herz und eine Seele und beste Freundinnen über drei Jahrzehnte. Ich bin Taufpatin eines ihrer Kinder, sie war meine Trauzeugin, zusammen mit Wolfgang, zu dem ich anschließend komme.

Susi ist geschieden, immer mal wieder solo, so alt wie ich, bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt und ständig knapp bei Kasse. Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie schlecht verdient, sondern ist ihrer Vorliebe für hochpreisige Unterwäsche, farbenprächtige Cocktails in schummrigen Bars und ihrer Schwäche für den Lebensstil von Melania Trump geschuldet. Susis Einkommen kann nämlich mit ihren Ansprüchen nie Schritt halten. Das war noch nie anders.

Bei Susi ist ab jedem 10. zu viel Monat am Ende des Geldes. Trotzdem mochte ich sie sehr, denn wenn man jemanden sein Leben lang kennt, sieht man ihm einiges nach.

„Hör auf mit deinen Predigten“ winkte sie jedes Mal lachend ab, wenn ich ihr zaghaft vorschlug, sich ein wenig einzuschränken. Dafür lebt sie einfach viel zu gern.

Dann wurde Susis Haustier krank: eine Norwegische Waldkatze, an der sie sehr hing. Susi konnte sich die Tierklinik nicht leisten, denn es war der 5. März, ging also schon wieder in Richtung Monatsende. Sie heulte ins Telefon, und mir brach beinahe das Herz. Darum bot ich ihr an, sie sollte das kranke Tier in die Klinik bringen und mir die Rechnung schicken. Die könnte sie dann bei mir abstottern.

Ein tolldreistes Angebot, denn ich wusste bis dahin nicht, wozu Veterinäre beziehungsweise ihre Buchhalter fähig sind.

Die Katze musste trotz aufwändiger Behandlung eingeschläfert werden, und ich bekam von Susi die Rechnung übersandt. Als ich den Umschlag öffnete, fing diese kleine Ader an meiner rechten Schläfe zu pochen, als würde sie gleich platzen, aber das tut sie immer, wenn es um Beträge geht, die mein monatliches Einkommen übersteigen. Da würde ich wohl an mein Sparbuch müssen. Ich hatte an einen Betrag von 200 oder 300 Euro gedacht. So kann man sich täuschen.

Versprochen war versprochen, oder? Also zahlte ich.

Und dann wartete ich. Und wartete. Und wartete. Susi meldete sich mittlerweile selten bei mir. Normalerweise rief sie mindestens zweimal die Woche an, jetzt hörte ich über zwei Monate fast nichts.

Gelegentlich bekam ich eine SMS mit dem Inhalt: „Ich weiß nicht mehr weiter. Am liebsten würde ich mich erhängen. Glaube nicht, dass ich mir noch was zu essen leisten kann.“

Ich bestellte bei einer größeren Firma einen Karton italienischer Pasta plus dazugehöriger Sauce und ließ es an ihre Adresse – eine schicke Dachgeschoßwohnung in der Innenstadt – liefern.

Die SMS hörten nicht auf. Immer häufiger kam darin das Wort „Erhängen“ darin vor, wahlweise „Strick“. Also schrieb ich ihr zum Geburtstag eine Karte: „Liebe Susi, ich erlasse dir hiermit deine Tierarztrechnung. Das ist mein Geschenk für dich. Alles Gute.“

Ich wusste genau, dass ich es ohnehin nie wieder bekommen würde.

Eine Woche darauf besuchte Susi mich auf eine Tasse Kaffee. Stolz drehte sie sich in einer nagelneuen schwarzen Lederjacke um die eigene Achse. „Wie findest du die?“ fragte sie und funkelte mich an. „War gar nicht teuer, nur knapp 100 Euro.“

„Aber ich dachte, du weißt nicht mehr, wie du finanziell klarkommst?“ fragte ich verdattert. Der riesige rosa Elefant neben dem Vorhang trompetete dankbar. Er hatte es satt, ignoriert zu werden. „Hätte ich mir denken können! Von wegen großzügig! Auf deine Geschenke kann ich in Zukunft verzichten!“ fauchte Susi, schnappte sich ihre „Michael Kors“-Handtasche und kündigte mir, als sie wieder zuhause war, mittels Whats App fristlos unsere über 30jährige Freundschaft.

Auf Emails oder andere Nachrichten reagierte sie einfach nicht mehr.

Bis heute weiß ich nicht einmal, ob sie noch lebt, denn um ihr nachzulaufen, war ich zu stolz. Sie würde mir ohnehin nur die Tür vor der Nase zuschlagen. Ab und an fahre ich bei ihr vorbei und lese das Klingelschild, weil ich immer noch nicht fassen kann, was genau denn nun schiefgelaufen ist.

Ich lerne scheinbar äußerst langsam. Nur so kann ich mir erklären, dass mir etwas Ähnliches kurz darauf mit Wolfgang passierte. Wir kannten uns bis dato 12 Jahre. Wolfgang lebt 600 Kilometer von mir entfernt in einer Großstadt. Seine Töchter hatten bei mir auf dem Land alle ihre Ferien verbracht, er war zusammen mit Susi Trauzeuge auf meiner Hochzeit gewesen, und wenn einer von uns Kummer hatte, telefonierten wir stundenlang. Ja, ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Wolfgang mein Freund war.

Er leitete eine kleine Heizungsbaufirma mit zwei Angestellten und zog seine beiden Töchter nach einer hässlichen Scheidung allein groß. Beide bekamen täglich frischgekochte Mahlzeiten, er wusch, bügelte, kontrollierte ihre Hausaufgaben, kümmerte sich um seine Eltern, als sie Pflegefälle wurden – und stürzte dann plötzlich ab, nachdem die Kinder erwachsen und die Eltern tot waren. Der Alkohol kriegte ihn in seine hässlichen Fänge.

Wolfgang  stürzte so brutal ab, dass er seine Firma verlor und sogar seine Wohnung. Daraufhin kroch er bei einer Exfreundin im Souterrain ihres Hauses unter, die ihn aus Mitleid aufgenommen hatte. Glücklich war sie über dieses Arrangement nicht, denn mittlerweile schuldete ihr Wolfgang drei Monatsmieten, wie er mir zerknirscht am Telefon eingestand.

Ich bin Sternzeichen Depp. Denken Sie bitte daran.

Darum lieh ich ihm das Geld für die ausstehenden Mieten und noch ein bisschen mehr, denn er brauchte doch auch was zu essen.

Kurz darauf verlor ich Wolfgang, wie bereits Susi zuvor. Er schickte mir genau eine einzige Rate in einem Brief. Danach war er nicht mehr zu erreichen. Weder am Telefon, noch per Email, SMS oder Whats-App. Bei Facebook hatte er mich entfreundet und blockiert. Genau wie bei Susi wusste ich nicht einmal, ob er noch lebte. Das wurde allmählich zu einer lieben Gewohnheit.

Gibt es eigentlich Friedhöfe für gestorbene Freundschaften? Warum hatte ich ihn nichts unterschreiben oder wenigstens den Empfang quittieren lassen? Fragen über Fragen.

Zu Weihnachten schickte ich ihm eine Karte, auf der stand: „Du musst ganz schön viele Freunde haben, wenn du dir erlauben kannst, sie so zu behandeln.“ Natürlich reagierte er nicht. Und mein Geld war weg. Wieder mal.

Das ärgerte mich nicht – es tat mir weh. An diese Freundschaft hatte ich – genau wie zuvor bei Susi – geglaubt. Aber scheinbar hatte auch sie eine Halbwertzeit von 2000 Euro.

Düster nahm ich mir vor, in Zukunft gnadenlos zu werden. Ich würde mich ändern, nie mehr etwas verleihen. Die sollten mich alle kennenlernen. Knallhart würde ich sein. Nie mehr auf traurige Geschichten hereinfallen. Es ging genauso lange gut, bis Beate kam. Eine alleinstehende Frau Ende 40, schwierige Kindheit, immer auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Right, Beate ist nämlich bisexuell und sehr einsam. Auch Beate kannte ich damals schon über 20 Jahre.

Mit Tränen in den Augen saß sie mir gegenüber und erzählte von dem Kirchenchor-Ausflug, an dem sie so gerne teilnehmen wollte. Nach Rom sollte es gehen, doch 500 Euro fehlten ihr noch. Und jetzt musste sie wohl zuhause bleiben, während sich ihre Sängerfreude auf dem Petersplatz gegenseitig fotografierten und abends unter dem römischen Himmel von unfreundlichen Kellnern bedient wurden.

„Ich arbeite so hart, und jetzt reicht es nicht mal für so was.“ Mit tränenfeuchten Augen sah Beate mich an.

Mein Deppen-Gen zwickte mich in den Nacken, also holte ich seufzend das Geld, überreichte es ihr und öffnete resigniert gleichzeitig die Tür für den großen rosaroten Elefanten, der ungeduldig draußen wartete. Er nahm, wie gewohnt, mitten im Raum Platz und sah mich höhnisch an.

Beate fiel mir um den Hals, verabschiedete sich freudestrahlend und verschwand in ihrem blitzblanken schwarzen Cabrio nach Hause. Kaum war sie weg, kriegte ich von meinem Verstand eine Standpauke.

„Bist du komplett bescheuert?“ fragte er wütend. „Beate arbeitet als Hausdame für dieses reiche Ehepaar am See und verdient 2600 Euro netto im Monat. Außerdem hat sie zwei Wohnungen in ihrem Haus, das längst abbezahlt ist, vermietet. Ich glaube, ich muss dich entmündigen, du dumme Gans. Ab jetzt übernehme ich.“

Wie es weiterging? Genau ein einziges Mal hatte ich noch Gelegenheit, mit Beate zu sprechen. Sie rief mich an, um sich bei mir über ihre Mieter zu beschweren, weil die ihr eine Python als Haustier verschwiegen hatten. Darüber war sie außerordentlich entrüstet.

Ganz vorsichtig versuchte ich im Laufe des Gesprächs, unauffällig das Wort „Geld“ unterzubringen, als sie mich abrupt unterbrach, mir erklärte, sie könnte mit so negativen Menschen wie mir nicht befreundet sein und einfach auflegte.

Einfach. Auflegte. Ist wirklich wahr.

„Ich hoffe, du hast es jetzt endlich kapiert, du Dumpfbacke“ sagte mein Verstand grimmig. Vorsichtig sah ich mich um. Der rosa Elefant war verschwunden. ich hoffe, der geht jetzt jemand anderem auf die Nerven, er nimmt nämlich ziemlich viel Platz weg.

Beim dritten Mal tat es gar nicht mehr so weh. Weil ich mir ja vorgenommen habe, aus Fehlern zu lernen.

Viele Freunde sind nicht mehr übriggeblieben, nur gute Bekannte. Denen werde ich nix leihen. Unter gar keinen Umständen. Sonst muss ich bald allein ins Kino. Sicherheitshalber habe ich trotzdem mir einen Quittungsblock gekauft und ein Kreditvertrags-Formular aus dem Internet heruntergeladen.

Hm. Grade fällt mir ein: Der Nachbar zwei Häuser weiter geht mir eigentlich ziemlich auf die Nerven. Ständig feiert er wüste Partys bis zum Morgengrauen, ist unhöflich und parkt meine Ausfahrt zu.

Gleich mache ich mich auf den Weg zu ihm und frage ihn, ob er Geld braucht, darum entschuldigen Sie mich jetzt bitte.

Ich wünsche Ihnen eine herrliche Restwoche.

Mit sparsamen Grüßen.

Ihre

Barbara Edelmann

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Romance Scamming – die fiese Abzocke, die über das Internet läuft und bei der jedes Jahr hierzulande -zig Frauen Opfer werden und oft viel Geld verlieren, ist noch lange nicht gebannt. Auch die seelischen Verletzungen, die diese Betrugsmasche mit sich bringt, haben es in sich. Denn den betroffenen Frauen wird ja von den jeweiligen Männern, die in Wirklichkeit dreiste Kriminelle sind, vorgegaukelt, dass sie DIE Traumfrau sind.

In unserer heutigen Kolumne widmet sich Barbara Edelmann diesem Thema:

Schon wieder eine Freundschaftsanfrage bei Facebook. Schmunzelnd betrachtete ich den gutaussehenden Herrn Mitte 40. „Christopher N.“, graumelierte Schläfen, gewinnendes Lächeln, grünblaue Augen, hatte mir eine geschickt. Selbstverständlich war er Arzt. Geboren in Oslo, studiert in Berlin, derzeit wohnhaft in Toronto.

Zack. Gelöscht. Veräppeln kann ich mich nämlich selbst.

Sie sind immer Ärzte, Manager, „Director“ bei einem großen Konzern oder Offizier bei der U.S. Army. Darunter geht’s heutzutage nicht mehr. Ein Automechaniker aus Iowa oder ein Lagerarbeiter aus der Walmart-Filiale in Ohio hat bei mir noch nie angefragt. Garniert sind diese Profile mit geklauten Fotos und verlogenen Angaben über beruflichen oder persönlichen Status. „Witwer“, „geschieden“, „Single“.

Ja, ihr mich auch.

Ich finde diese Versuche dreist, aber wie meine Mutter schon immer zu sagen pflegte: „Jeden Tag steht ein Dummer auf.“ Mein erster Fake-Account nannte sich „Sergeant Bubble“ (Name frei erfunden). Der schrieb mir, er fände mich nett und hübsch. Ben, das finde ich auch. Ich bin nett. Und hübsch bei guter Ausleuchtung und einer Sehschwäche ab -3 Dioptrien.

Damals jedenfalls betrachtete ich fasziniert Bens Profilbild: ein markiger Amerikaner mit teigigen Gesichtszügen, der in der Uniform der U.S.-Army in unendliche Weiten starrte wie seinerzeit Captain Kirk auf der „Enterprise“, wenn wieder mal ein fremder Planet auf dem Display auftauchte.

Hm – der Typ schien nett zu sein, also antwortete ich und wurde umgehend um meine Email-Adresse gebeten.

Sergeant Ben war Arzt bei der U.S.-Army und saß laut eigenen Angaben aufgrund einer Verquickung unglücklicher Umstände und einer unterschriebenen Dienstverpflichtung im „Ledernacken-Camp“ in Afghanistan fest, wo ihm täglich Kugeln um die Ohren flogen, die Burger fade schmeckten und die Langeweile einen aufzufressen drohte, wenn das nicht die Sandflöhe vorher erledigten.

Ben war ein ehrbarer Witwer, seine Frau vor einigen Jahren bei einem Unfall verstorben. Sein siebenjähriger Sohn (Bild von blassem, bebrilltem Kind bei den Uploads) lebte derzeit bei der Großmutter in Australien. Sergeant Bubble träumte seit Jahren von einer Frau, mit der er sein Leben in seinem hübschen kleinen Haus in Arizona teilen konnte. Darum betete er jeden Tag.  Und jetzt –  hatte Gott mich geschickt. Mich. Eine Frau, die ihr Geld selbst verdiente, blond war und seiner Meinung nach so verzweifelt, dass sie den Krampf glauben würde, den er sich aus den Fingern sog.

Armer Irrer.

Bens Lebensgeschichte las sich wie eine brasilianische Seifenoper. Fehlte nur noch die zum Mann umoperierte, nach einer Entführung wieder aufgetauchte Cousine 5. Grades, die ihm das Erbe streitig machte und heimlich ein Kind mit dem Vater eines Freundes des Vetters seiner verschwundenen Mutter hatte. Schon nach der ersten Mail war Ben davon überzeugt, dass Gott seine Gebete um eine Frau erhört hatte.

Immerhin war ich …ähm… etwas älter, offiziell alleinstehend, denn ich hatte unter „Beziehungsstatus“ keine genauen Angaben gemacht und seiner Meinung nach auf der Suche nach jemandem, der mich mal so richtig verarscht. Tja, so kann man sich täuschen, Ben.

Täglich trudelten drei ellenlange Mails ein, und ich fragte mich manchmal, was er eigentlich den ganzen Tag sonst noch zu tun hatte. Gab es nirgendwo einen Abszess zu öffnen oder eine Warze zu entfernen, musste der nicht mal raus in die Wüste, um einen Skorpionbiss zu verarzten?

Fragen über Fragen.

Zugegeben: Meine Kenntnisse über die amerikanische Armee leite ich aus der Serie „M.A.S.H.“ und dem Kinofilm „Apokalypse Now“ ab. Ben hatte allerdings genauso wenig Ahnung vom Soldatenleben wie ich. Darum schmückte er seine Mails mit ausführlichen Beschreibungen von glühend heißem Wüstensand in allen Variationen. Das glaubte ich ihm sofort – die Sache mit dem Sand. Denn wo der gute Ben in Wirklichkeit herkam, gab es vermutlich eine ganze Menge davon.

Für das, was „Sergeant Ben“ bei mir versuchte, gibt es im Englischen den Begriff „Romance-Scam“ – so wird die Vorgehensweise genannt, sich in Social Networks an alleinstehende Menschen heranzumachen und ihnen dann langsamer oder schneller eine erhebliche Menge Geldes aus dem Kreuz zu leiern. Man möchte es nicht glauben, aber es ist ein lukratives Einnahmen-Modell. Leider.

Sergeant Ben schien zu bemerken, dass ihm die Felle wegschwammen, denn meine Antworten wurden immer kürzer und unhöflicher. Dennoch gab er nicht auf, denn seiner Meinung nach hing ich ja am Haken und musste nur noch ausgenommen werden.

Kurze Zeit darauf bat er mich eindringlich, mit ihm zu telefonieren, sonst könnte er nicht mehr weiterleben. Im Ledernacken-Camp war es einsam, das Essen furchtbar, täglich flogen ihm Kugeln um seine wohlgeformten Ohren und die etwas teigigen Gesichtszüge. Neulich hatte ihn ein Projektil beinahe an der Schulter gestreift. Auf meine Frage, ob er sich das dann nicht selbst hätte mit der Pinzette herausholen können, weil er doch Militärarzt sei, wurde er sauer. Auch meine Anmerkung, Bruce Willis würde sich so ein Ding mit dem Taschenmesser rausschneiden und dazu noch ein Liedchen pfeifen, kam nicht sonderlich gut an.

Ben beteuerte weiterhin beharrlich, er müsse meine Stimme hören. Immerhin hatte er sich für uns beide eine herrliche Zukunft ausgemalt: in diesem fiktiven Haus in Arizona, zusammen mit dem fiktiven bebrillten dürren Sohn und der fiktiven gesichtslosen Großmutter. Das Ganze klang allmählich, als sei er bei den „Waltons“ aufgewachsen und der ältere Bruder von John-Boy.

„Das ist eine tolle Idee!“ schrieb ich.

„Gib mir deine Nummer, ich rufe dich an, weil ich eine Flatrate habe, die gilt auf der ganzen Welt. Neuer Telekom-Tarif!“ Aber: Ben wollte gar nicht von mir angerufen werden, antwortete er entrüstet. Immerhin befände er sich in einem ultrageheimen Camp mitten in der Wüste mit Kugeln, die ihn umschwirrten wie ein Schwarm Wespen im Sommer meinen gedeckten Apfelkuchen auf dem Balkon. Ich müsste eine sichere Leitung beantragen, die sollte 350 € kosten. Sonderpreis, weil ich’s war und Ben Beziehungen hatte.

Diesen Betrag sollte ich per Western Union überweisen, dann würde die ultrageheime Leitung umgehend freigeschaltet. Ich könnte doch nicht einfach im Ledernacken-Camp anrufen. Da könnten ja die Talisman mithören. Unvermittelt war ich von der brasilianischen Seifenoper in einen Agentenkrimi gewechselt. Barbara. Agentin Nullnullnix.

Kurz darauf erhielt ich eine Email von einer Adresse, die sich „Secretary of Military irgendwas“ nannte. Der Verfasser bemühte sich, dem Schreiben einen offiziellen Anstrich zu geben, aber für mich war an dieser Stelle Schluss und daher blockierte ich den guten Ben, der sich bis heute vermutlich fragt, was damals schief gelaufen ist. Wo die Tussi doch anfangs immer so nett geantwortet hat.

Mönsch, Ben. Ich fand nicht, dass du dir viel Mühe gegeben hast. Und ich finde es bedauerlich, dass jährlich viele tausende von Frauen und Männern auf diese plumpe Masche hereinfallen. Ein paar nette Worte, ein paar kümmerliche Versprechen, und schon öffnet man seinen Geldbeutel, auch man selbst nicht viel hat?

Mein sogenannter Ben war Mitglied der „Nigeria-Connection“, einer kriminellen Vereinigung, die sich auf das Ausnutzen alleinstehender, einsamer Menschen, den sogenannten „Romance-Scam“, als Geschäftsmodell umgestellt hat.

Diese Vereinigung richtet jährlich großen finanziellen und seelischen Schaden an, denn es gibt viele unglückliche, verlassene Menschen, die gerne glauben möchten, dass irgendwo doch noch das große Glück oder die wahre Liebe auf sie wartet, gern auch im Ausland.

Manche überweisen tausende von Euro oder Dollars und verschulden sich sogar, weil der Typ oder die heiße Frau, in den/die sie sich verliebt haben, dringend eine Operation am offenen Handgelenk, ein neues Handy für Geheim-Missionen in Burkina-Faso, ein Ticket zum Frankfurter Flughafen („dann können wir uns endlich in die Arme schließen“) oder neue Munition für sein rostiges Gewehr braucht („Die Armee zahlt uns keine Kugeln mehr – wie sollen wir uns denn verteidigen?“). Da sind die sehr kreativ.

Das Geld ist weg, wenn Sie bezahlen – Sie werden nie jemanden zu Gesicht bekommen, einen Anruf erhalten (nur in seltenen Fällen, wenn sie Nachschlag wollen), geschweige denn an einem Flughafen, Güterbahnhof oder einer Bushaltestelle in Hintertupfing Ihren Seelenverwandten in die Arme schließen können. Schminken Sie sich das ab. Hören Sie auf, ehe Sie pleite sind, oder fangen Sie lieber erst gar nicht damit an.

Hunderttausende gefälschter Profile von angeblichen Managern, Ärzten, Offizieren oder Bankiers im Ruhestand sind allein bei Facebook unterwegs. Aber auch vor großen kostenpflichtigen Single-Börsen machen die Verbrecher nicht Halt. Gelegentlich schlüpfen welche trotz Filter durch die Maschen. Die angezeigten Fotos sind gestohlen, die Lebensläufe frei erfunden, und das meistens nicht einmal sonderlich gut. Ich weiß das, denn ich bin Autorin.

Die Nigeria-Connection arbeitet rund um die Uhr. Wer sich wundert, dass pro Tag 7 Emails hereinschneien, von denen sich jede anders liest als die vorhergegangene, sollte wissen, dass sich die Mitglieder dieses illustren Clubs bei ihrer „Arbeit“ abwechseln. Gut möglich, dass Sie innerhalb von 24 Stunden mit mindestens 3 verschiedenen Personen korrespondieren. Ein bisschen Vorsicht schadet bei Freundschaftsanfragen also nie.

Wenn sie eine bekommen von einem gutaussehenden Amerikaner (wahlweise Engländer oder etwas seltener Italiener), prüfen Sie zuerst alle seine hochgeladenen Fotos. In letzter Zeit werden die Jungs nachlässig.

So kommt es, dass ich Screenshots auf meinem Handy gespeichert habe, wo ein mittelalter Herr in Bademantel und Schlappen stolz vor seiner Yacht in die Kamera lächelt und im Foto daneben ein geistesabwesend wirkender Afrikaner etwas verkrampft in die Webcam grinst.

Reingefallen.

Aussagekräftig ist auch das Erstellungsdatum der Profile. Die meisten wurden  innerhalb einer halben Stunde zusammengefieselt. Achten Sie auf das Datum. Viele Profile enthalten keinerlei Freunde und nur zwei oder drei Fotos, die von echten Männern aus dem richtigen Leben geklaut worden sind. Werden Sie misstrauisch bei „frischen“ Profilen, wenig Fotos (zum Teil unscharf) und wenig Freunden. Sehen Sie sich die Freundesliste, falls vorhanden, genau an. Meistens sind es nur Kumpels der Person, die es sich ausgedacht hat.

Länger bestehende Profile können aber auch gefälscht sein. Neulich entdeckte ich einen „Ingenieur“ bei Exxon (ja, klar…), ein sympathisch wirkender Herr mit gewinnendem Lächeln, dessen Profil schon ein ganzes Jahr (im Internet eine Ewigkeit!) alt war.

Ich las ein paar von ihm geteilte Inhalte. Beachten Sie bitte: Die verfassen so gut wie nie selbst Beiträge, sondern teilen meist nur Inhalte. Befassen Sie sich mit möglicherweise vorhandenen Kommentaren unter diesen geteilten Inhalten und sehen Sie sich ganz genau an, wer kommentiert mit zum Beispiel „yeah, good pic, bro“ und so weiter. Sind alles „Arbeitskollegen.“ Und Kolleginnen. Das können Sie anhand der Profilfotos der Kommentatoren erkennen.

Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass dieser „Romance-Scam“ in gewissen Kreisen ein völlig normales Geschäftsmodell darstellt. Die Jungs leben in einem Land mit wenig Industrie, wenig Chancen und Null Perspektive. Für die ist das eine Arbeit wie jede andere. Wir gehen ins Büro oder putzen, arbeiten auf dem Bau oder in der Pflege, die suchen einen Dummen oder eine Dumme, die alles bezahlt. Jeder, wie er kann.

Gemein bleibt diese Form von Geldverdienen allerdings auf jeden Fall. Mein aufrichtiges Mitleid gilt allen, die auf solche Fälschungen hereinfallen und verletzt oder ausgenommen werden. Ich hoffe, sie lernen aus diesen Erfahrungen und haben sich wenigstens nicht verschuldet, ehe ihnen die Augen geöffnet wurden. Weil oft das Gefühl, so richtig verraten und enttäuscht worden zu sein, noch mehr schmerzt als der finanzielle Verlust.

Wenn ich mal so viel Zeit und Muße habe, dann werde ich mir erlauben, einige dieser Anfragen anzunehmen und zurück-veräppeln. Ich kann das gut. Habe ich schon erwähnt, dass ich Autorin bin?

„Hey, Bro,“ schrieb ich kürzlich an einen gewissen „Larry“ Irgendwas. Laut eigenen Angaben war er Manager einer Großbank. „Ich bin Autorin, arbeite gerade an einem Kriminalroman über Internet-Kriminalität und recherchiere über die Nigeria-Connection. Darum habe ich nicht viel Zeit zum Chatten im Moment. Tut mir sooooo leid.“ Schwupp, war er weg und hatte mich flugs blockiert.

Mann, sind die unfreundlich. So wird das aber nichts mit meinem Anruf im Ledernacken-Camp für 350 Euro.

Ich wünsche Ihnen noch eine schöne sonnige Woche. Bleiben Sie wachsam.

Ihre Barbara Edelmann

Infos zu dieser Betrugsmasche finden sich auch hier.

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Diäten, Abnehmen und Kalorienreduzierung bei jeder Mahlzeit – das ist immer wieder ein großes mediales Thema. Vor allem in Frauenzeitschriften und Online-Formaten für die weibliche Leserschaft wimmelt es von Abnehm-Tipps. Dass man (FRAU) nicht nur attraktiv ist, wenn man wie ein Klappergestell daherkommt und eine Konfektionsgröße 42 vor wenigen Jahrzehnten einfach nur herrlich weiblich und keineswegs „moppelig“ war – damit beschäftigt sich unsere Kolumnistin Barbara Edelmann in ihrer aktuellen Kolumne.

Letzten Samstag räkelte ich mich gerade müde auf dem Sofa, als mein Blick auf mein DVD-Regal fiel. Ich stöberte ein wenig darin herum und legte dann in einem Anflug von Nostalgie eine alte Folge von „Magnum“, einer Detektiv-Serie aus den 80er-Jahren, in den DVD-Player.

Erinnern Sie sich an den attraktiven, schnauzbärtigen, nur knackige Shorts und Hawaii-Hemden tragenden Mittdreißiger namens „Thomas Magnum“, im wirklichen Leben Tom Selleck?

Er schnorrte sich auf einem herrlichen Anwesen am Strand von Honolulu durch, das dem geheimisvollen „Robin Masters“ gehörte,  ärgerte den Verwalter Higgins und die beiden Dobermänner „Zeus“ und „Apollo“ und ermittelte stets in einem knalloten geliehenen Ferrari. Tom Selleck war damals in den 80ern DER Frauenschwarm schlechthin. Und auch wenn Schnauzbärte und Hawaii-Hemden außerhalb dieser herrlichen Insel mittlerweile aus der Mode gekommen sind, tat es gut, eine kleine Zeitreise zu machen.

Mitten in der Episode purzelte ich beinahe von der Couch, denn zufällig erwischte ich eine Folge, wo Magnum in einem Fitness-Studio ermittelte. Gerade schlenderten 6 Mädels durch den Ausgang und sahen ihn schmachtend an. Sie trugen Bodys, Leggings, neonfarbene Stirnbänder, grenzwertige Dauerwellen und … Größe 38 – 42.

Alle waren verdammt hübsch und wirkten gesund und frisch.

„Ich werd’ nicht mehr“ hauchte ich entgeistert, denn ich hatte dank täglicher Indoktrinierung all der gängigen Frauenzeitschriften tatsächlich vergessen, dass „dünn“ nicht immer schon das neue Schwarz gewesen war.

Es begann in den 90er-Jahren, dass Models nicht mehr für ihre Schönheit bekannt wurden sondern dafür, dass sie aussahen, als kämen sie gerade von einem dreimonatigen Heroin-Entzug, wo ihnen als Zugabe täglich mehrere Ohrfeigen verabreicht wurden. Augenringe, hervortretendes Brustbein, Arme wie Streichhölzchen und Oberschenkel, zwischen denen ein Dobermann problemlos durchlaufen konnte, gehörten plötzlich dazu, um schön zu sein.

Neugierig geworden, recherchierte ich ein wenig und sah mir alte Filmausschnitte aus den 50er und 60er-Jahren an. Die Frauen waren alle normalgewichtig. Naja, die meisten. Und drückte mal unter einem ausgestellten Faltenrock ein kleines Bäuchlein hervor, war das damals mit Sicherheit kein Fall für die Fettabsaugung in der Mittagspause oder Workout im Fitness-Studio. Pah. Da ließ man einfach das nächste Stück Schwarzwälder Kirschtorte beim Nachmittagskaffee liegen oder verdeckte mit einer Stola die Problemzone.

Ach, waren das noch Zeiten.

Alle meine Freundinnen bewegen sich mittlerweile wie gehetzte Lemminge von einer Diät zur nächsten auf der Suche nach der ultimativen Kleidergröße. Will ich die Mädels mal zum Kaffee einladen, gestaltet sich das mehr als schwierig, denn anbieten kann ich nur noch Blaubeeren oder Melonen. Nix mit Schwarzwälder Torte, die würden mich steinigen.

Katrin verzichtet zum Beispiel komplett auf Zucker. Laura isst nichts mit Kohlehydraten. Steffi macht Trennkost und muss ab dem Mittagessen 5 Stunden fasten.

Maria verzehrt von allem ein Viertel, sprich: Sie pickt eine Ecke vom Kuchen und sagt, sie sei satt, und Diandra isst vermutlich nur ein Papiertaschentuch täglich, denn sie ist erschreckend dünn geworden. Beate ist Bulimikerin, was für mich als Köchin/Bäckerin ein merkwürdiges Gefühl bedeutet, wenn ich ihr ein Stück Kuchen serviere, denn ich weiß ja, was sie anschließend damit macht. Wenigstens isst sie als einzige auf.

Ich selbst habe so ziemlich alle Diätmethoden durch und bin im Moment beim Intervallfasten gelandet.  Ohne Erfolg übrigens, denn mein Körper rückt nicht gern was raus. Das hat er von mir.

Wieso glaube ich nur immer, was in den Zeitungen steht? Die behaupten, ich hätte Übergewicht. Mein Hausarzt sagt das Gegenteil.

Und meine Mama kennt das Wort „Size Zero“ noch nicht mal. Die waren damals froh, dass sie was zu essen hatten nach dem Krieg und haben sogar die Teller abgeleckt, wenn man sie ließ.

Aber sobald ich mich bei Facebook einlogge, sind sie auch schon da: dünne Gazellen mit einem Körperfettanteil von höchstens 15 % und einem Selbstwertgefühl von unter null, die aussehen, als würden sie für eine Tafel „Milka“ töten.

„DAS müssen Sie tun, damit Sie wirklich abnehmen!“ prangt es mir schon morgens entgegen, wenn ich ins Internet gehe.

„Mit diesen Lebensmitteln nehmen Sie garantiert ab.“ „Trinken Sie Klarspüler, das reinigt den Darm!“

Von wegen.

Ja, ich war auch schon bei den Weight-Watchers. Ganze 6 Monate lang wog ich Butterstreifen und Tassen voller H-Milch ab, rechnete Kohlehydrate in Punkte um und verlor genau 2 Kilo. Das hat mich etwas demoralisiert. Vor allem, weil da sehr dünne Frauen saßen, die glaubten, sie wären viel zu dick. Die wogen höchstens 55 Kilo und fühlten sich schrecklich. Als ich sie ansah, fühlte ich mich auch schrecklich, weil sie mir leidtaten.

An diesem Samstag saß ich also  vor dem Fernseher, beobachtete diese hübschen, so normal wirkenden Frauen in der „Magnum“-Folge und überlegte, warum denn alle unbedingt so schlank sein wollen. Und warum wir uns von all den Zeitschriften und Modemachern so hin- und herscheuchen lassen.

Wissen Sie was? Ich bin nicht draufgekommen. Es liegt wohl an uns selbst.

Am darauffolgenden Sonntag rief ich während einer Marathon-Sitzung 10 (!) Männer an, die ich kannte. Singles, Ehemänner, Lebenspartner. Alle waren mehr oder weniger glücklich liiert.

„Woran macht ihr die Attrakivität einer Frau fest?“ fragte ich sie. Die Antwort überraschte mich nicht wirklich.

„Selbstbewusstsein“ sagten 9 davon, „große Oberweite“ der 10te. Mit dem bin ich verheiratet.

Mir geht diese „Magnum“-Episode nicht mehr aus dem Kopf, und ich kann sie allen Frauen nur empfehlen. Das ganze Ausmaß der seit ein paar Jahrzehnten erfolgreichen Gehirnwäsche wird nämlich durch dieses kleine Stück Fernsehgeschichte sichtbar. Es war nicht immer en vogue, Embryonengröße zu tragen, wie meine Freundin Julia immer lächelnd sagt, wenn wir beim Shoppen sind. Eine gewisse Zeitlang war man auch mit Größe 42 hübsch.

Und ist man im Übrigen immer noch.

Mal ehrlich: Ich werde es im Leben nicht mehr schaffen, eine Figur zu bekommen wie meinetwegen Heidi Klum. Aber: Ich muss ja gar nicht für „Victoria’s Secrets“ auf den Laufsteg. Ich gehe nur zum EDEKA oder zu ALDI, arbeite im Büro oder im Garten und stehe in der Küche. Dafür genügt mein Aussehen völlig.

Alles, was ich esse, landet ohnehin unmittelbar darauf auf meiner Oberweite, und in üppigen Jahren sehe ich an manchen Tagen aus, als würde ich gleich nach vorn kippen. Man kann es sich nicht aussuchen, wohin es sich verteilt. Bei meiner Freundin Katrin landet es auf den Hüften, die hätte gern mehr Busen. Dafür hat sie aber tolle Haare.

Beim Einzug in die neue Wohnung hauchte meine Vermieterin andächtig, während sie sich in meiner Ankleide umsah:  „Um Himmels Willen, Sie haben ja tatsächlich so viele Klamotten.“

In meiner Ankleide sieht es nämlich aus wie im Requisitenfundus des örtlichen Theatervereins. Wissen Sie warum?

Ich horte alles zwischen Größe 38 und 42, weil ich am eigenen Leib erfahren habe, dass man wirklich niemals „nie“ sagen sollte.

Ein einziger Schicksalsschlag brachte mich innerhalb von 14 Tagen auf von Kleidergröße 42 auf 38. Ich kann bei Kummer nichts essen. Doch jeder Schmerz heilt irgendwann, und dann sitze ich vielleicht in einem Anfall von Wahn mit dem Nutellaglas auf dem Sofa und höre erst auf zu löffeln, wenn mir so richtig schlecht ist. Oder ich esse Pizza und tatsächlich anschließend noch einen Nachtisch. Vielleicht mache ich das sogar mehrere Monate hintereinander, weil ich sehr gern mit Freunden zum Essen gehe und es auch genießen will.

Das lasse ich mir nicht vermiesen. Weil – wie Oscar Wilde so wunderschön sagt – „das Schönste an der Versuchung ist, wenn man ihr nachgibt.“

Und nächsten Sonntag, wenn wir wieder „Mädelsnachmittag“ haben, backe ich aus Trotz eine riesige Torte. Irgendjemand wird die schon essen. Zur Not ich selbst. Ich sage Ihnen dann, wie das mit meinem Intervallfasten ausgegangen ist.

Sie treffen mich bei Ulla Popken.

Ihre Barbara Edelmann

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Frau und Mann im Auto – ein stets aktuelles Thema, zu dem das jeweilige Geschlecht naturgemäß seine eigene Meinung hat. So auch unsere Kolumnistin Barbara Edelmann. Deshalb dreht sich ihre heutige Kolumne um eine Angelegenheit, die von Frauen zumeist anders angegangen wird, als von Männern – das Autofahren.

Vor nicht allzu langer Zeit, saß ich zusammen mit meinem Mann gutgelaunt im Flugzeug auf dem Weg in den Urlaub nach Spanien.

Das Anschnallzeichen war soeben erloschen, als er sich mit dreckigem Grinsen an mich wandte: „Schatz, wir sind in der Luft. Wäre an der Zeit, dass du nach vorn gehst, ans Cockpit klopfst und dem Piloten sagst, wie tief und wie schnell er fliegen soll. Man bricht doch so schwer mit alten Gewohnheiten.“

Selbstverständlich tat ich, was jede langgediente Ehefrau an meiner Stelle gemacht hätte: Ich ignorierte ihn, bis die Stewardess mit dem Kaffee kam.

Außerdem wäre es gar nicht nötig gewesen, dem Piloten auf die Finger zu sehen, denn soweit ich es beurteilen konnte, machte er seine Sache ganz anständig, schließlich befand ich mich noch nicht ohne Fallschirm im freien Fall auf den Atlantik, das ist bei Flugreisen ein gutes Zeichen.

Selbstverständlich wusste ich ganz genau, worauf mein Mann angespielt hatte: In seinen Augen bin ich die schlechteste Beifahrerin der Welt.

Ich selbst fahre schon seit Jahrzehnten Auto, und zwar zügig, aber defensiv und rechne stets auch mit Fehlern anderer. Klar hasse ich Säulenparkplätze, Stadtverkehr und Einparken, vor allem in Tiefgaragen neben Säulen, aber im großen und ganzen ist meine Bilanz nach mehreren Jahrzehnten hervorragend.

Kleinere Ausrutscher wie letztes Jahr, als ich eine Bekannte in der Schweiz besuchte und anschließend stundenlang den Weg zurück nach Deutschland nicht mehr fand (kein Witz!), verzeihe ich mir großzügig, also bitte erzählen Sie es nicht weiter.

In der Schweiz befindet sich nämlich nicht an jedem Ortausgang ein Schild mit der Aufschrift „Sie verlassen jetzt Hintertupfing, nächste Ortschaft Vordertupfing in 2 Kilometern“. Ich hatte kein Navi dabei, getraute mich nicht, mein Handy einzuschalten wegen der teuren Roaming-Gebühren und im Shell-Atlas prangte genau auf der Schweiz ein riesiger uralter Kaffeefleck, der aussah wie das Gesicht von Wolfgang Schäuble. Schwamm drüber.

Mein Mann hingegen fährt pro Jahr von Berufs wegen ungefähr 100.000 Kilometer  mit PKW und LKW, und zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er – im Gegensatz zu mir – mit Säulenparkplätzen, engen Parkhausauffahrten oder dem Verkehr in San Franzisco  keinerlei Probleme hat. Deshalb kann ich ihm nicht das Gefühl des Ausgeliefertseins verständlich machen, das mich befällt, sobald ich mich auf dem Beifahrersitz anschnalle.

Dauert die Fahrt länger als 15 Kilometer, dann purzeln mir mit 100%iger Sicherheit folgende Sätze wie fiese kleine Kröten aus meinem Mund:

„Musst du so dicht auffahren, weil du dem Vordermann in den Auspuff kriechen willst?“, „Pass doch auf bei der Kolonne hinter dem LKW, das Wohnmobil könnte ausscheren!“, „Geht’s nicht ein wenig schneller? ich hab’ noch nicht genug Angst!“, „Nächstes Mal nehme ich vorher eine Valium, nein, besser zwei!“, „Das war Dunkelgelb! Ich fahre dich nicht in der Gegend spazieren, wenn du deinen Führerschein los bist!“, „Musst du so heftig bremsen? Gut, dass wir keine Eier transportieren!“, „Du fährst nicht schnell – du fliegst tief. Das ist kein Raumschiff, sondern ein Auto.“, „Fährst du mit dem Audi da vorn jetzt etwa ein Rennen? Lass mich sofort aussteigen.“, „Ich habe Hunger/Durst/muss aufs Klo!“, „Da klappert doch was links hinten/rechts vorne? Ist bestimmt das Gebiss von meinem Schutzengel.“

Selbstverständlich bleibt mein Gatte von all dem völlig unbeeindruckt, er kennt mich ja seit mittlerweile über 20 Jahren und ist abgehärtet, was mich betrifft. Genauso gut könnte ich mit der Windschutzscheibe reden,  denn er ist ein Mann und seiner Meinung nach im Gegensatz zu mir prädestiniert für mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge. Das einzige, das ich seiner Meinung nach bewegen sollte, ist ein Bollerwagen.

Allerdings habe ich einen universell einsetzbaren Satz, auf den er hört:

„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, breche ich dir alle Finger.“ Dazu unbedingt drohend blicken. Natürlich würde ich das nie tun, aber scheinbar klingt der Satz verzweifelt genug.

Ich verwende ihn, wenn mein Mann anfängt, SMS zu lesen, auf dem Rücksitz nach dem Kassenbon vom letzten Aldi-Einkauf kramt oder Adressen im Navi während der Fahrt eingibt, weil ich das heilige Gerät nicht anfassen darf, warum auch immer.

Wahlweise gilt für seine Handy-Aktivitäten auch folgende Floskel: „Ich werfe das Ding jetzt gleich aus dem Fenster, wenn du es nicht weglegst.“

Einmal war ich tatsächlich kurz davor, aber er hatte sich daran festgeklammert, und ich kriegte es nicht zu fassen.

Eine Antwort bekomme ich in den seltensten Fällen, da mein Mann aufgrund seiner Vielfahrerei glaubt, er wisse und könne mittlerweile alles und mich ignoriert.

Ich selbst lasse andere Verkehrsteilnehmer einfädeln und dränge mich nicht wagemutig auf die Überholspur, wenn dort dichter Verkehr herrscht, sondern warte, bis sich eine Lücke auftut. Viele Männer aber haben scheinbar komplett andere Vorstellungen:

Sie fahren auf bis zum Auspuff des Vordermanns, rasen auf der Überholspur mit voller Geschwindigkeit auf Kolonnen von 10 Fahrzeugen zu, die hinter einem LKW her tuckern oder beschleunigen kurz vor der Ampel sicherheitshalber noch einmal, um einen verirrten Fußgänger ganz sicher noch zu erwischen.

Ganz toll finde ich auch die Angewohnheit, verbissen gegen die vom Navi vorgegebene Zeit anzufahren. „Schau mal, ich hab’ schon wieder 10 Minuten reingeholt!“ tönt er dann stolz. Das erinnert mich an das alte Lied von Qualtinger, in dem die Zeile vorkommt: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahr’, aber dafür bin ich schneller da.“

Bei genauerer Betrachtung bin ich wohl mit einem Hybriden aus Niki Lauda und dem Hulk verheiratet und muss damit leben.

„Jetzt hör aber endlich auf“ sagt mein Herzblatt übrigens regelmäßig, wenn ich mich wieder beschwere. „Ich hab’ alles im Griff.“

„Drum bist du vor drei Jahren am 14. April um 19:25 Uhr  an der letzten Ausfahrt nach Hinterpfuiteufel vorbeigefahren“ antworte ich dann süffisant, denn wie jede Ehefrau merke ich mir solche Gegebenheiten, um sie im Ernstfall gegen ihn zu verwenden.

Immerhin ist er derjenige, der beim Auftauen eines Stücks Rhabarberkuchen meine Mikrowelle in Brand gesetzt hat, weil er nicht auf mich hören wollte, als ich sagte, 11 Minuten bei 800 Watt sei zu viel für fettige Streusel. Wir mussten die Mikrowelle wegwerfen. Den Kuchen übrigens auch.

Er ist also nicht unfehlbar. Das glaubt er nur.

Vor sechs Wochen waren wir unterwegs zu einer Hochzeit, als das Telefon meines Mannes klingelte. Er nahm das Gespräch auf der Freisprecheinrichtung an und unterhielt sich mit dem Kunden, während er wieder mal eine Ausfahrt verfehlte, was ich ihm lauthals zu verstehen gab.

„Ist das Ihr Navi?“ fragte der fremde Kunde irritiert. „Nö, das Navi ist höflicher“ antwortete mein Mann und grinste mich schäbig an.

Wo er Recht hat, hat er Recht.

Sagen Sie mal: Waren Sie vielleicht letzte Woche am Donnerstag auf der A9 in Höhe Naumburg unterwegs, so zwischen 16:00 und 17:00 Uhr? Dann wäre es gut möglich, dass Sie von einem großen schwarzen Wagen überholt worden sind, auf dessen Beifahrersitz ein schlotterndes Bündel mit schneeweißem Gesicht Sie mit verzweifelten Handzeichen um Rettung anflehte? Das war ich. Achten Sie zukünftig drauf für den Fall, dass er seine Drohung irgendwann wahrmacht und mich doch mal auf einem Rastplatz aussetzt. Dann brauche ich nämlich eine Heimfahrgelegenheit. Das könnten Sie sein, wenn Sie Glück haben.

Ihre Barbara Edelmann

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