Autor Frauenboulevard - Januar 9, 2019
Kolumne

Zauberspiegel nur für Männer? – Kolumne von Barbara Edelmann

Kennen Sie Gerd? Nein? Dann haben Sie etwas verpasst.

Er ist ein behütetes Einzelkind und wohnt schon sein ganzes Leben lang bei seinen Eltern – einer niedlichen, aber besitzergreifenden Dame Mitte 70 und einem desinteressierten Vater, der seine Tage mit einer Halben Bier vor dem Fernseher verbringt, weil irgendwo auf der Welt immer Fußball läuft.

Jeden Urlaub verbringt Gerd ausnahmslos mit seinen Eltern und schwärmt uns dann von ereignisreichen Kreuzfahrten und lehrsamen Pyramidenbesichtigungen vor. Er kümmert sich um den Haushalt, begleitet Mutti zum Einkaufen und widmet sich in der Freizeit hingebungsvoll seinen Hobbies Fußball, Netflix und Modellbau.

Im Keller, den Mama für ihn freigeräumt hat, fieselt Gerd nächtelang an seiner elektrischen Eisenbahn, die mittlerweile die Ausmaße einer Kleinstadt angenommen hat und das gesamte Zimmer ausfüllt.

Gerd ist 180 Zentimeter groß und hat seine dunklen Haare extra auf einer Seite bis zur Schulter wachsen lassen, damit er sie über seine Glatze kämmen kann. Den anachronistischen 80er-Jahre-Schnäuzer stutzt er akribisch einmal pro Woche, und auf seinem Kinn prangt eine pechschwarze Warze in der Größe eines 20-Cent-Stücks. Seine Gesichtszüge wirken etwas verbissen, und um die Taille herum trägt er ein paar Unebenheiten mit sich herum, die seiner sitzenden Tätigkeit geschuldet sind. Gerd ist 53 Jahre alt.

Zu unser aller Überraschung ist Gerd Single, aber leider nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Gelegenheit. Das mag Sie jetzt verwundern, aber bisher hat sich tatsächlich noch keine Frau gefunden, die sich mit ihm auf eine Beziehung einzulassen bereit ist, weil Gerd jeder Kandidatin bereits beim ersten Date unverblümt mitteilt, was sie erwartet: mit Mama zusammen den Haushalt schmeißen, mit Mama einkaufen, ansehnlichen Nachwuchs gebären (darum darf die potenzielle Frau auch nicht über 35 sein…), den Biernachschub für Papa nie ausgehen lassen und ansonsten begeistert Gerds Hobbies zusammen mit ihm ausleben.

Selbstverständlich winkt nach jedem arbeitsreichen Jahr ein erholsamer Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Zusammen mit Mama und Papa.

Auch sonst sind Gerds Ansprüche an eine Heiratskandidatin (wilde Ehe geht gar nicht – das würde Mutti umbringen) ziemlich hoch. Eine Ausländerin kommt wegen der zu erwartenden Verständigungsschwierigkeiten nicht in Frage (es wäre doch zu schade, wenn die junge Dame süffisante Sticheleien von Mutti nicht sofort kapiert), eine Gleichaltrige ist ihm laut eigener Aussage „zu alt“, da irgendwer ja mal die elektrische Eisenbahn erben und deshalb ein Stammhalter gezeugt werden muss.

Die Wunsch-Frau sollte kochen können (mindestens so gut wie Mutti), darf keinerlei Ansprüche auf Intimität oder Privatsphäre geltend machen und sollte in Gerd das Tollste seit der Erfindung des WC-Papiers sehen.

Gerd selbst ist übrigens der Charme in Person.

Ich kenne ihn seit 20 Jahren persönlich und habe mir ihn nicht ausgedacht. Solche Typen kann man sich nicht ausdenken. Neulich saßen wir mit ihm am Tisch, und eine Bekannte meinte scherzhaft: „Oh, Gerd, du hast ja ein Bäuchlein gekriegt.“

Er sah sie giftig an und meinte: „Halt doch die Klappe – die Schlankste bist du ja auch nicht.“

Ich kann mir sehr gut vorstellen, woran all seine Blind Dates scheitern. Aber das wissen Sie garantiert mittlerweile auch. Gelegentlich klagt uns Gerd sein Leid. Versteht er doch nicht, warum keine Dame seinem zarten Werben erliegt. Immerhin ist er ein guter Fang. Die Angebetete darf nämlich sein Jugendzimmer zusammen mit ihm im mittlerweile abbezahlten 70er-Jahre-Reihenhaus beziehen (gesetzt den Fall, sie findet zwischen Flugzeugmodellen und winzigen Plastik-Panzern noch Platz), nach Feierabend täglich den kompletten Haushalt schmeißen, Gerd sexuell befriedigen – bei ihm besteht 40jähriger Nachholbedarf, das kann also dauern – und wenn sie viel Glück hat, gibt’s zur Belohnung dann abends „Bauer sucht Frau“, falls nicht gerade in Abu Dhabi Fußball läuft, denn Papa lässt sich sonst nicht von der Glotze in die Kneipe vertreiben.

Wie gesagt, Gerd versteht die Welt nicht und die Frauen noch weniger, denn ein Ende seiner Durststrecke ist nicht in Sicht. Das wird auch so bleiben.

Da Sklavenmärkte in Deutschland nicht existieren, wird er sich wohl weiterhin hoffnungsvoll von einem Blind Date zum nächsten hangeln müssen.

Der nächste Aspirant in Frauenangelegenheiten ist Stefan. Er misst vom Scheitel bis zur Sohle stolze 155 Zentimeter, wobei sich Länge und Breite mittlerweile bei ihm die Waage halten. Er hat in letzter Zeit die Form eines Medizinballs angenommen. Seine 15 Kopfhaare trägt er stolz in 25 Reihen gekämmt, und er erklärt jedem, dass der feuerrote Teint und die wässrigen Schweinsäuglein dem Bluthochdruck geschuldet sind, „weil die dummen Weibsbilder so anspruchsvoll sind und ich mich darüber aufrege“.

Stefan ist seit kurzem stolze 71 Jahre alt und zweimal geschieden. Seine erste Hochzeit feierte er mit 50, unmittelbar nach dem Tode seiner Mutter, als er eine 25jährige aus einem osteuropäischen Land mit hohem Armutsfaktur ehelichte, die ihn nach zwei Jahren verließ. Sie war praktisch veranlagt, denn sie nahm sämtliches Inventar sowie den größten Teil der Einbauküche und den gerade abbezahlten Staubsauger mit, als sie verschwand, während Stefan bei der Arbeit war. Wäre das Haus etwas kleiner gewesen, hätte sie das wohl auch in ihre Reisetasche gepackt. So blieb ihm als Erinnerung wenigstens der Immobilien-Kredit, den er abbezahlen durfte.

Stefan aß anschließend aus Kummer noch mehr, trank wie ein Bierkutscher, und begab sich in seinen nüchternen Phasen erneut auf der Suche nach einer Frau. Mit 70 heiratete er dann abermals, eine Dame, die aus demselben Land wie seine erste Gattin stammte. Sie war erst 37, einen Kopf größer als er und wog circa 80 Kilo mehr als er.
„Ich nehme dieses Mal eine Dicke, die bleibt mir“ erklärte er pragmatisch, als ich ihn vorsichtig fragte, ob er denke, dass das Liebe sei.

Diese Ehe hielt genau eine Woche – dann verschwand die neue Frau gegen Mitternacht samt ihrem Koffer und tauchte im undurchdringlichen Nebel des deutschen Dienstleistungssektors unter, wo sie sich seither als selbständige Nageldesignerin durchschlägt. Es scheint ihr lieber zu sein, als weiterhin in Stefans zugigem Bungalow Schnitzel zu braten.

Aber Stefan lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren. Die Welt ist voller Mädels, die auf ihn warten. Immerhin hat er eine gute Rente und ein schönes Haus zu bieten. Also vertraute er sich kurz nach dem unrühmlichen Abgang seiner zweiten Gattin einem Heiratsinstitut an und klagte mir dann vor ein paar Wochen wütend sein Leid.

„Du glaubst nicht, was die mir anbieten!“ schimpfte er. „Die schicken mir tatsächlich 60jährige!“

„Ja, aber du bist über 70 und mit einer gleichaltrigen oder ein wenig jüngeren Frau hast du vielleicht ein paar Gemeinsamkeiten. In dem Alter ähneln sich die Interessen doch viel mehr“ antwortete ich. „Pah, was will ich mit einer 60jährigen“ widersprach er. „Alt bin ich ja selber.“

Stefan ist übrigens nach wie vor auf der Suche, meine Damen. Und er ist sich ganz sicher, dass die maßgeschneiderte Frau nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, immerhin ist er – genau wie Gerd – seiner Meinung nach ein prima Fang.

Nun verbindet Gerd und Stefan, diese beiden Geschenke Gottes an die Frauenwelt, außer besitzergreifenden Müttern noch etwas anderes, um das ich sie seit Jahrzehnten glühend beneide: ein Zauberspiegel.
Ja, Sie haben schon richtig gelesen. Die haben einen und ich nicht.

Ich selbst besitze natürlich auch mehrere dieser Dinger. Während der im Badezimmer, wenn er einen guten Tag hat, morgens vermeldet: „Tja, geht so heute, Barbara. Solltest allerdings gut ausgeleuchtete Plätze meiden“, lacht mich der andere in der Ankleide hämisch aus und kichert: „So deckende Farben gibt’s auf der ganzen Welt nicht, dass du die Röllchen um die Taille alle vertuschen kannst. Mach endlich eine Diät oder verschone mich mit deinem Anblick. Übrigens sollst du dich dringend bei meinem Cousin, dem Rasierspiegel melden. Der meint, er hätte dich schon länger nicht mehr gesehen. Du hast wohl Probleme mit der Wahrheit? Hähä.“ Wie gesagt – der ist fies und ich gucke nicht oft rein.

Mit solchen Gemeinheiten müssen Gerd oder Stefan sich nicht herumplagen. Egal, ob sie sich nackt oder angezogen vor ihre eigenen Spiegel stellen, die behaupten immer: „Mann, siehst du geil aus, Junge. Die Weibsbilder dürfen froh sein, wenn sie dich kriegen. Bauch? Wo ist hier ein Bauch? Ist nur das Licht. Du bist der Schönste!“

Verlogene Schleimbeutel sind das, diese Spiegel. Wenn der von Gerd ehrlich wäre, würde er ihm den Besuch eines Hautarztes empfehlen, damit der mal die krasse Warze auf dem Kinn checken kann, außerdem einen guten Friseur, der ihm erklärt, dass niemand auf die über seine Glatze gekämmten Haare reinfällt.

Und Stefans Spiegel könnte ehrlich warnen: „Junge, du bist mehr breit als hoch und solltest es mal mit Trennkost versuchen. Sprich: Deine Pizza ist am besten in der Küche aufgehoben und du auf dem Laufband. Außerdem bist du nicht der Jüngste. Was willst du mit einer ganz jungen Frau? Schon mal richtig in mich armen Spiegel reingesehen? Ich hab‘ die Lügerei allmählich satt.“

Trotzdem ich Gerd und Stefan schon oft angebettelt habe, wollen sie mir ihre Spiegel nicht leihen, nicht mal für einen einzigen Tag. Ich muss also jeden Morgen weiterhin meinen Anblick ertragen, weil ich trotz Intervallfasten nach wie vor daherkomme wie eine Presswurst. Den Rasierspiegel habe ich allerdings verschenkt. Der quält mich nie mehr.

In unserer aufgeklärten Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass niemand wegen seines Aussehens gehänselt wird oder dadurch Nachteile erleidet. Das finde ich natürlich richtig und wichtig. Nur möchte ich ganz gerne wissen, woher dieses durch nichts gerechtfertigte Selbstbewusstsein herrührt, welches Gerd und Stefan an den Tag legen. Beide haben sich noch nie Gedanken darüber gemacht, ob es vielleicht an ihrem Auftreten liegen könnte, wenn sie Absagen von der Damenwelt erhalten. Stefan und Gerd sind sich beide sicher, dass die Damenwelt nur zu blöde ist, einen guten Fang wie sie zu erkennen und festzuhalten.

„Was sind diese Frauen bloß anspruchsvoll“ stöhnte Gerd neulich, während ich mir wieder mal wünschte, er würde endlich zum Hautarzt gehen, damit ich nicht immer auf dieses Ding an seinem Kinn starren muss.
„Immer dieses Gezeter von wegen Emanzipation. Und Respekt vor dem Alter haben die auch nicht, wenn ich erzähle, dass ich bei meinen Eltern lebe, melden die sich nie wieder.“

So was aber auch.

Stefan, der Rentner, ist da etwas pragmatischer. „Ich hab schon ein paar Qualitäten, aber die binde ich dir nicht auf die Nase. Das Aussehen ist doch gar nicht so wichtig“ meinte er, als ich ihm vorschlug, seine hohen Ansprüche („jung, knackig, bewandert im Kochen und Erdulden“) nochmals zu überdenken.

Wenn das Aussehen nicht so wichtig ist, lieber in Ehren gealterter Stefan, warum willst du dann unbedingt eine Junge?

Nun ja – Stefan ist jetzt das Problem der Dame vom Heiratsinstitut, die ihm vollmundig versichert hat, für ihn als Topf den passenden Deckel in Übergröße aufzutreiben. Ich bin überzeugt, dass sie das mittlerweile bereut.

Im Laufe meines Lebens durfte ich immer wieder die Erfahrung machen, dass die Selbstwahrnehmung vieler Männer sich nicht mit der Realität deckt. Während unsereins sich im Fitness-Studio quält, eine Diät nach der anderen ausprobiert, kiloweise Foundation, Rouge und Mascara aufträgt und sich morgens mit einem Bein auf die Waage stellt, um sie auszutricksen, streift diese Sorte Mann sich ein Feinripp-Hemd über, schlüpft in Tennis-Socken mit Sandalen und macht sich frohgemut auf die Balz.

Geht nicht, gibt’s nicht, denken die.

Allerdings ist – das möchte ich betonen – der Besitz eines solchen wunderbaren Zauberspiegels nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Ich habe eine alte („alt“ im Sinne von kenne ich schon ewig) Bekannte, die auch so ein tolles Stück ihr eigen nennt. Meine Freundin Susi hat nämlich ebenfalls so einen, der ihr täglich suggeriert, sie sei die Schönste. Dabei hat Susi spärliches, astroschwarz gefärbtes Haar mit durchschimmernder Kopfhaut, ein fliehendes Kinn, winzige, immer verkniffene schmale Lippen, die Figur einer Avocado und – das Selbstbewusstsein von Kim Kardashian. Ist so.

Egal wo Susi hinkommt, immer findet sich ein Anbeter, der vor ihr auf die Knie geht und ihr spätestens nach dem vierten Bier ewige Liebe schwört. Weil Susi ganz einfach von sich selbst überzeugt ist.

Endlich sind wir da, worauf ich hinauswollte. Diese Spiegel, meine Damen, bekommen wir nicht bei Ali Baba oder Amazon – die stellen wir selbst her oder schleppen sie als Teil unserer Aussteuer mit uns herum. Unser ganzes Leben lang. Angeschafft werden sie schon in frühester Kindheit, und unsere Eigenwahrnehmung hängt signifikant davon ab, wie viel Selbstbewusstsein oder gesundes Selbstwertgefühl uns in frühen Jahren vermittelt wurde.

Diese bösen Spiegel, vor denen wir morgens stehen und uns ein wenig zu dick finden, oder zu dünn, diese Spiegel, die uns zeigen, dass unser Haar zu spröde ist oder unsere Lippen zu schmal, sind Artefakte unserer Kindheit.
Jetzt müssen wir uns täglich mit ihnen herumschlagen.

So schmeichelnd den Gerds und Stefans auf dieser Welt ihr Ebenbild gezeigt wird, so gemein wird unser eigenes gezeichnet, wenn wir prüfend auf die polierte Fläche blicken.

Es ist meist nicht die Wahrheit, die wir sehen, denn diese liegt vermutlich irgendwo zwischen „Du bist die Schönste“ und „Oh Gott, wie schaue ich heute wieder aus, so kann ich nicht unter die Leute!“.

Ich selbst bin vermutlich gar nicht so… äh, gut proportioniert (denken Sie sich einen grinsenden Emoji), wie es mir mein Spiegel zeigt, denn ich bewege mich schon mein Leben lang zwischen Verzicht und Genuss wie beim Hürdenlauf und horte deshalb Klamotten von Größe 38 – 42, damit ich immer was zum Anziehen habe. Aber ich bin ganz sicher, dass das, was mir morgens entgegenlächelt, nicht die wahrhaftige Realität ist, denn ich neige zu Selbstkritik, und mein Spiegel zeigt mir genau das, was ich zu erblicken befürchte.

Wir nehmen uns zu großen Teilen nur partiell wahr, sprich: Wer ein Problem mit seinem Gesicht hat, wird gar nicht beachten, dass der Rest seiner Erscheinung völlig ok ist. Wer ein Problem mit seiner Figur hat, übersieht sein ansprechendes Lächeln und die schönen Augen. Weil Frauen mit der Lupe ihre Mängel und Unzulänglichkeiten prüfen, während Männer sagen: „Nö danke, ich brauche keine Brille. Ich sehe alles, was ich will.“

Herren wie Gerd und Stefan, denen niedliche, aber besitzergreifende Mütter schon in früher Kindheit ein Pfund Schmierseife zwecks Weichzeichnung der tatsächlichen Gegebenheiten auf die Spiegel gerieben haben, erkennen gleichfalls nicht die Wirklichkeit, sondern nehmen nur ein irrationales, verzerrtes Bild ihrer selbst wahr, mit dem sie aber prima zu leben imstande sind. Das sollten wir auch mal versuchen.

Viele von uns Frauen hingegen rücken täglich mit einer Armada von Putzmitteln an, um unsere eigenen Spiegel blankzureiben, damit wir ja jeden kleinen Pickel, jede Unebenheit, jedes Fältchen, wahrzunehmen imstande sind. So hat man es in unserer Jugend nämlich beigebracht. Zu Hilfe kommen uns dabei Zeitungsartikel wie zum Beispiel: „Blitz-Diät, Heidrun nahm 87 Kilo in 14 Tagen ab, endlich ist sie wieder begehrenswert!“ oder „Was ich tun kann, damit Männer mich attraktiv finden“.

Wissen Sie, was Sie tun können, damit Männer Sie für attraktiv halten? Ist ganz einfach: SIE müssen sich attraktiv finden, so wie meine Freundin Susi. Egal, wann die in ihren Spiegel guckt, ihr lächelt jedes Mal eine Mischung aus Penelope Cruz und Salma Hayeck entgegen, obwohl sie in Wirklichkeit ein misslungener Hybrid aus Roseanne Barr und Morticia Addams ist.

Wir sollten aufhören, unsere Spiegel blitzeblank zu reiben, denn was uns dann gezeigt wird, ist nicht die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, sondern nur ein Konglomerat aus Suggestionen, die uns von klein an eingeimpft worden sind. Wenn Sie liebevolle Eltern hatten, die Ihnen Selbstwertgefühl und Wertschätzung vermittelt haben, dann werden Sie im Spiegel keine unangenehmen Überraschungen erleben sondern sagen: „Hm, ist ja wirklich ok. Nicht mehr ganz taufrisch, aber echt nicht übel. Ich sehe nett aus.“

Vielleicht ist ein Teil der eingeschränkten Selbstwahrnehmung vieler Männer wirklich der Tatsache zu verdanken, dass Männer nun mal Mütter haben, die ihre Jungs liebhaben und sie für das Größte und Beste halten, das die Welt hervorgebracht hat. So sollte es auch sein. Nur würde ab und an etwas mentaler „Glasreiniger“ bei Herrschaften wie Gerd und Stefan Wunder wirken, denn dann wären sie dazu imstande, einen übergewichtigen Rentner und einen griesgrämigen Nerd wahrzunehmen, anstatt sich für George Clooney zu halten.

Diese Selbsterkenntnis könnte der erste Schritt zu einem erfüllten Zusammensein mit einer Frau, die ihren Vorlieben und Neigungen entspricht, werden.

Man darf ja noch träumen.

Und so bitte ich Sie heute: Hören Sie mal auf, Ihre Spiegel zu „putzen“. Machen Sie nicht täglich sauber, sondern lassen Sie das Ding mal einstauben. Denken Sie an Gerd und Stefan, die haben das auch nicht nötig und ärgern sich nicht über sich, sondern über andere.

Sie sind hübsch. Auch wenn Sie nicht aussehen wie ein Filmstar. Spiegel lügen manchmal, weil unser Auge nur wahrzunehmen imstande ist, was unser Verstand durchdringen lässt. Spiegel sind manchmal böse Lügner und Relikte aus unserer Jugend, Spiegel bestehen gelegentlich aus gemeinen Sätzen, die irgendjemand zu uns sagte, als wir klein waren.

Spiegel sind nicht das wahre Leben. Tun Sie sich selbst den Gefallen und werden Sie wohlwollend sich selbst gegenüber.

Viele Frauen sind sich selbst ihr größter Feind. Hochglanz-Gazetten mit Model-Fotos und Casting-Shows, in denen bildhübsche Size-Zero-Kandidatinnen über Laufstege stolpern, tun ihr Übriges.

Egal, was Ihnen morgens im Badezimmer entgegengrinst – zeigen sie ihm die Zähne und lächeln Sie es an.
Haben Sie sich lieb. Sie sind Sie – was anderes haben Sie nicht geliefert bekommen. Und Umtausch ist ausgeschlossen.

Das einzige, das Sie reklamieren können, ist Ihre eigene Selbstwahrnehmung oder ein Mann, der Sie nicht genügend wertschätzt und an Ihnen herumnörgelt.

Oder bitten Sie einfach meine Freundin Susi, wie das geht. Die kann es Ihnen besser erklären. Noch nie hat sie an sich gezweifelt.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche und verbleibe herzlichst!

Ihre Barbara Edelmann

Barbara Edelmann (im Bild) ist Heimatschriftstellerin und lebt glücklich und zufrieden im schönen Allgäu, wo auch ihre heiteren Kriminalromane spielen. Einmal wöchentlich lässt sie uns mit einer amüsanten Kolumne an ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht teilhaben. Es lebe der kleine Unterschied, denn ohne ihn hätten wir nichts zu schmunzeln.

Bildnachweise (Symbolbilder): pixabay.com (Symbolfoto) / Barbara Edelmann

Autor: Frauenboulevard

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