Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich mich niemals als unsichere Frau bezeichnet. Ich traf Entscheidungen, übernahm Verantwortung und wusste meist ziemlich genau, was ich wollte. Und trotzdem lag ich irgendwann nach Diskussionen nächtelang wach und fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt, überreagiert oder eine Situation völlig falsch eingeschätzt hatte. Ich ging Gespräche immer wieder im Kopf durch, erinnerte mich an einzelne Sätze und suchte nach dem Moment, an dem ich vielleicht etwas hätte anders machen müssen. Auch Entscheidungen überprüfte ich immer häufiger. Manchmal fragte ich andere nach ihrer Meinung, obwohl ich tief in mir eigentlich längst wusste, was ich wollte. Irgendwann stellte ich mir eine Frage, die vieles verändert hat: Wann habe ich eigentlich aufgehört, mir selbst zu vertrauen?
Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind nicht dasselbe
Gerade bei Frauen, die nach außen stark wirken, bleibt dieser innere Prozess häufig lange unbemerkt. Sie gehen arbeiten, organisieren ihren Alltag, treffen berufliche Entscheidungen, kümmern sich um andere und sind vielleicht sogar für Freunde und Familie diejenige, die immer einen guten Rat hat. Und genau diese Frau liegt abends im Bett und analysiert ein Gespräch vom Nachmittag zum zehnten Mal.
Denn Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind nicht zwangsläufig dasselbe. Ich kann wissen, dass ich gut in meinem Beruf bin. Ich kann meine Stärken kennen, Verantwortung übernehmen und souverän auftreten – und trotzdem beginnen, meiner eigenen Wahrnehmung immer weniger zu vertrauen. Dieser Prozess entsteht selten durch ein einziges großes Ereignis. Häufig sind es viele kleine Situationen. Es ist eine Bemerkung, die verletzt hat. Und dann bekommt man zu hören: „So war das doch nicht gemeint.“ Geht es um ein vergangenes Gespräch, heißt es plötzlich: „Das habe ich nie gesagt.“ Oder man äußert seine Meinung und bekommt zu hören: „Du siehst das wieder viel zu negativ.“ Natürlich nehmen zwei Menschen dieselbe Situation unterschiedlich wahr. Nicht jede Kritik ist ein Angriff und nicht jede Meinungsverschiedenheit bedeutet, dass eine Beziehung problematisch ist.
Schwierig wird es dann, wenn sich über längere Zeit ein Muster entwickelt: Die Wahrnehmung des anderen bekommt immer mehr Gewicht, die eigene immer weniger. Bis man sich irgendwann nicht mehr zuerst fragt: „Was halte ich eigentlich davon?“, sondern: „Was denkt der andere darüber? Was hält er davon?“
Wenn aus Selbstreflexion Selbstzweifel werden
Sich selbst zu reflektieren ist wichtig. Nach einem Konflikt zu fragen „Was war mein Anteil?“ oder „Was hätte ich anders machen können?“ zeugt für mich von persönlicher Reife. Irgendwann verändert sich das Ganze jedoch. Wir fragen nicht mehr: Was ist hier eigentlich passiert?
Sondern:
Warum bin ich so empfindlich? Warum bekomme ich das nicht besser hin? Warum kann ich nicht einfach darüber hinwegsehen? Vielleicht liegt es wirklich an mir.
Und plötzlich untersuchen wir nicht mehr die Situation – wir untersuchen ständig uns selbst. Genau hier beginnt bei vielen Frauen das Grübeln. Wenn wir unserer eigenen Wahrnehmung nicht mehr richtig vertrauen, versucht unser Kopf, Sicherheit herzustellen. Also gehen wir das Gespräch noch einmal durch. Und noch einmal. Wir überlegen, wie ein Satz gemeint gewesen sein könnte und was wir anders hätten sagen sollen.
Immer wieder fragen wir andere nach ihrer Meinung. Das kann kurzfristig beruhigen. Doch wenn wir uns ständig rückversichern, passiert etwas Entscheidendes: Wir hören immer weniger darauf, was wir eigentlich selbst denken.
Deshalb finde ich eine Frage besonders hilfreich: Wen frage ich zuerst – mich selbst oder die anderen?
Es spricht überhaupt nichts dagegen, sich Rat zu holen. Aber es macht einen Unterschied, ob eine andere Meinung die eigene ergänzt oder ob ich jemanden brauche, der mir überhaupt erst sagt, was ich denken, fühlen oder entscheiden darf.
Sich selbst wieder zuzuhören, kann man lernen
Heute begleite ich in meinem Coaching vor allem Frauen, die nach außen funktionieren, innerlich jedoch mit Grübeln, Selbstzweifeln und der Angst kämpfen, falsche Entscheidungen zu treffen.
Viele von ihnen sind keineswegs schwache oder grundsätzlich unsichere Frauen. Im Gegenteil. Sie haben in ihrem Leben viel geleistet und bewältigt. Doch irgendwann haben sie begonnen, der eigenen Stimme weniger zu glauben. In meiner Arbeit geht es deshalb nicht darum, Frauen zu sagen, welche Entscheidung sie treffen sollen. Für mich geht es vielmehr darum, dass sie wieder lernen, ihre eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und sich selbst eine Antwort zuzutrauen.
Das beginnt häufig viel kleiner, als wir denken. Bevor Sie das nächste Mal sofort eine Freundin um Rat fragen, lohnt sich ein kurzer Moment des Innehaltens: Was denke ich selbst darüber? Wie fühlt sich die Situation für mich an? Und was würde ich entscheiden, wenn ich diese Entscheidung niemandem erklären müsste?
Auch kleine Entscheidungen können dabei helfen, das Vertrauen in sich selbst wieder aufzubauen. Einen Abend für sich einzuplanen und ihn nicht sofort wieder abzusagen. Eine Meinung auszusprechen. Ein Nein stehen zu lassen. Oder eine Entscheidung zu treffen, obwohl niemand garantieren kann, dass sie perfekt sein wird.
Denn Selbstvertrauen bedeutet für mich nicht, immer recht zu haben. Es bedeutet auch nicht, dass jedes Gefühl automatisch die Wahrheit ist. Es bedeutet: Ich nehme meine Wahrnehmung ernst genug, um sie zu prüfen, statt sie sofort zu verwerfen.
Und dazu gehört auch, sich irren zu dürfen. Wir dürfen eine falsche Entscheidung treffen. Wir dürfen unsere Meinung ändern. Wir dürfen feststellen, dass ein Weg doch nicht der richtige war. Ein Fehler beweist nicht, dass wir uns selbst nicht vertrauen können.
Was würden Sie Ihrer besten Freundin sagen?
Diese Frage nutze ich besonders gerne:
Was würden Sie einer guten Freundin sagen, wenn sie Ihnen genau diese Geschichte erzählen würde?
Häufig – und sogar sehr oft – sind wir selbst unser größter Feind. Mit einer Freundin würden wir wahrscheinlich viel verständnisvoller sprechen. Wir würden vielleicht sagen: Du darfst verletzt sein. Du hast dein Bestes gegeben. Du musst nicht automatisch alles bei dir suchen. Du darfst eine Grenze setzen.
Uns selbst gegenüber klingen die Sätze dagegen häufig anders: Stell dich nicht so an. Du hättest anders reagieren müssen. Vielleicht bist du einfach zu empfindlich. Gerade deshalb lohnt es sich, die Perspektive einmal umzudrehen. Was würden Sie der Frau sagen, die Ihnen am nächsten steht? Und warum sollte für Sie selbst etwas anderes gelten?
Lange dachte ich, ich müsste einfach noch genauer hinschauen, noch mehr reflektieren, lernen und möglichst es allen anderen recht machen. Heute sehe ich das anders.
Der Weg zurück zu sich selbst beginnt oft mit einer kleinen Frage
Ich musste lernen, mir wieder zuzuhören.
Vielleicht erkennen Sie sich in einigen dieser Zeilen wieder. Vielleicht sind Sie auch eine starke Frau, die scheinbar alles im Griff hat und gleichzeitig viel häufiger an sich zweifelt, als irgendjemand in Ihrem Umfeld das ahnt. Dann müssen Sie nicht heute gleich Ihr ganzes Leben verändern. Beginnen Sie mit einer einzigen Frage: Was glaube ich eigentlich selbst?
Der Weg zurück zu mehr Selbstvertrauen beginnt nicht immer mit einer großen Entscheidung.
Manchmal beginnt er einfach mit einem kleinen Satz: Ich glaube mir.
Über mich:
Ich begleite als Mentorin Frauen in Trennungs- und Umbruchphasen, die nach außen stark funktionieren, innerlich jedoch unter Grübeln, Selbstzweifeln und Entscheidungsangst leiden. In meinem Coaching unterstütze ich Frauen dabei, wieder mehr Klarheit zu gewinnen, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und Entscheidungen nicht länger aus Angst vor der Reaktion anderer zu treffen.
Aus eigener Erfahrung kenne ich diesen schleichenden Prozess, sich selbst und die eigene Wahrnehmung immer stärker infrage zu stellen. Heute verbinde ich diese persönlichen Erfahrungen mit meiner Arbeit rund um Selbstvertrauen, innere Klarheit und persönliche Veränderung.
Mein Leitgedanke: Du brauchst nicht immer noch eine Antwort von außen. Manchmal musst du nur wieder lernen, genauer hinzuschauen und deiner eigenen inneren Antwort zu vertrauen.
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Nicole Gärtner