Autor Frauenboulevard - Februar 18, 2019
Kolumne

„Dabei wollte ich ihn eigentlich gar nicht.“ – Kolumne von Barbara Edelmann

Frau liegt auf dem BettEine wahre Geschichte. Als Petra im Mai vor 4 Jahren, an einem sonnigen Samstagnachmittag, Heiko kennenlernte, hatte sie einige Wochen zuvor in gedrückter Stimmung mit uns ihren 35ten Geburtstag gefeiert, und fühlte sich derzeit etwas verloren. Ihrer Meinung nach ging sie in viel zu schnellen Schritten auf die 40 zu, außerdem hatte sie gerade erst eine unbefriedigende Beziehung hinter sich gebracht.

Während sie unentschlossen die Eiskarte in einem Straßencafé studierte, wurde sie von einem Mann Mitte 50 angesprochen, der höflich bat, bei ihr am Tisch Platz nehmen zu dürfen. Sie hatte nur wortlos genickt, denn ihr war nicht nach Unterhaltung zumute gewesen. Vor einer Woche hatte sie sich von ihrem Lebensgefährten Björn nach 7 durchwachsenen Jahren getrennt und versuchte jetzt, mit der Tatsache klarzukommen, dass sie künftig wieder alles allein unternehmen musste. Bis ihr aufging, dass sie dies notgedrungen ohnehin immer getan hatte, denn Björn war die meiste Zeit ohne sie unterwegs gewesen.

Außerdem hatte er sich während der ganzen Dauer ihrer Bekanntschaft hartnäckig geweigert, eine gemeinsame Wohnung mit Petra zu beziehen, geschweige denn die Beziehung endlich vom Kopf auf die Beine zu stellen, denn Petra wollte verbindliche Zusagen und eine eigene Familie, das wünschte sie sich schon sehr lange. Sie arbeitete bei einem mittelständischen Unternehmen als Sekretärin der Geschäftsleitung, verdiente gut, und hatte einiges in ihrem Leben anders geplant, als es letztendlich mit Björn gelaufen war.

Männer kennenzulernen, wäre nicht das Problem gewesen, denn Petra war eine attraktive Erscheinung mit ihrem langen blonden Haar und dem ebenmäßigen Gesicht. Aber sie hatte sich vorgenommen, erst einmal die Geschichte mit Björn zu verdauen und dann zu überlegen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anzustellen gedachte.

Nun saß sie also an diesem Maisamstag mit Heiko am Tisch und gab sich Mühe, ihn geflissentlich zu übersehen, was nicht ganz einfach war, denn er starrte sie mit unverhohlener Bewunderung hartnäckig an.
„Entschuldigung, Sie sind solch eine schöne Frau. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber darf ich Sie auf ein Eis einladen?“ fragte er, als Petra seinem Blick nicht länger auszuweichen vermochte.
Er war – wie erwähnt – 20 Jahre älter als sie, schlank, mit vollem, grauem Haar und einer lausbubenhaften Ausstrahlung. Seine blauen Augen funkelten, als säße ihm der Schalk im Nacken, und es war ihm anzusehen, dass er in seiner Jugend vermutlich ein echter Ladykiller gewesen war.

Beinahe zwei Stunden lang unterhielten sie sich über alles Mögliche, obwohl die Unterhaltung Petras Meinung nach zähflüssig verlief, denn sie hörte meistens nur zu und ließ ihn reden. Heiko besaß zwei gutgehende Fitness-Studios und verkaufte außerdem hochwertige Whirlpools und Sauna-Anlagen im gesamten Bundesgebiet, wie er erzählte. Er trug eine teure Uhr und hochwertige Kleidung, hatte tadellose Manieren und wirkte wie jemand, der sich nicht mit finanziellen Sorgen herumquälen muss.

Petra lauschte seinen Schilderungen, gab ein wenig, aber nicht allzu viel, von sich preis, und bezahlte dann ihr Banana-Split selbst, ehe sie sich distanziert verabschiedete. Er war ganz einfach nicht ihr Typ, die Geschichte mit Björn noch zu frisch, und sie würde den Teufel tun, sich auf einen neuen Mann einzulassen, schon gar nicht auf einen 20 Jahre älteren.

„Du kennst mich, ich bin bestimmt kein Snob“ erzählte sie. „Aber hey – mal ganz unter uns, der Mann ist Mitte 50. Sein offensichtliches Interesse fand ich schmeichelhaft, aber mehr nicht. Du weißt, dass ich mich nicht Hals über Kopf in was Neues stürzen würde.“ Sie klang ein klein wenig genervt, denn eigentlich hatte sie nur in Ruhe in der Stadt einen Kaffee trinken wollen.
„Der wird schon kapiert haben, dass ich nichts von ihm will“ meinte sie abschließend.

Doch da hatte sie Heiko gewaltig unterschätzt. Als sie am Montag darauf während ihrer Mittagspause am Schreibtisch gerade hastig einen Joghurt löffelte, erschien ein Bote von „Fleurop“ und überreichte ihr den größten Blumenstrauß, den sie je gesehen hatte. Eine Karte mit der Aufschrift „Ich möchte dich unbedingt wiedersehen, schöne Frau, ruf mich an, Heiko“ plus einer Handynummer, lag bei.

Überrascht nahm Petra die Blumen entgegen, bis ihr einfiel, dass sie ihm leichtsinnigerweise am Samstag mitgeteilt hatte, wo sie arbeitete. Darum steckte sie die Rosen in eine Vase und versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken.

„Ich möchte momentan keine Beziehung, und mit dem sicher nicht“, berichtete sie mir nach Feierabend. „Es imponiert mir zwar, dass er sich die Mühe gemacht hat, sich zu merken, wo ich arbeite, aber der Mann ist einfach nicht mein Fall – zu spießig und zu alt.“

„Bist du sicher?“ fragte ich.
„Ich sag dir doch: zu alt und zu spießig“ wiederholte sie. „Meine Güte, er hört nur Schlager, ich mag Jazz und Rock. Und das sind nur die Kleinigkeiten, wie sieht es dann erst bei den größeren Dingen aus. Der Mann geht auf die 60 zu, der hat schon mehr wieder vergessen, als ich wahrscheinlich je gewusst habe. Klar haben wir uns ein wenig gegenseitig ausgehorcht, wie man halt so redet, wenn man sich überhaupt nicht kennt. Aber ganz ehrlich, Barbara, sogar wenn er 15 Jahre jünger wäre, würde ich ‚Nein‘ sagen. Es hat einfach nicht gefunkt.“
Damit war für sie die Sache erledigt.

Aber Heiko gab nicht auf. Nachdem Petra sich auf die Blumengrüße hin nicht gemeldet hatte, tauchte er eines Tages unangemeldet in ihrem Büro auf, mit einem Strauß Rosen in der Hand, und schaffte es, gleichzeitig verlegen, aber auch souverän und charmant zu wirken. Petras Kolleginnen waren tief beeindruckt. Sie hingegen fühlte sich belästigt.
„Ich habe keinen Stalker bestellt“, teilte sie mir säuerlich mit. „Der steht da einfach vor der Tür, mein Boss war gerade im Zimmer, weil er auf einen Ausdruck wartete, und ich musste deswegen gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn wir nicht ein kleines Unternehmen mit lockeren Umgangsformen wären, hätte das ins Auge gehen können.“

Allmählich dämmerte es Petra, dass sie an ein besonderes Exemplar Mann geraten zu sein schien: einen, der wusste, was er wollte. Und er wollte sie. Gar kein so übles Gefühl…

Nach der dritten Fleurop-Lieferung – einer Orchidee mit einer Schachtel Pralinen, gab sie sich geschlagen und nahm seine Einladung zum Abendessen in einem angesagten Sushi-Lokal an.
Heiko erschien pünktlich, rückte ihr den Stuhl zurecht, ließ ihr bei der Bestellung den Vorrang, schenkte ihr nach, als wäre er der Kellner, und behandelte sie mit auserlesener Höflichkeit.
„Zu schade, du hättest einen Mann verdient, der dich gut behandelt“ erklärte er ihr, als sie stockend von ihrer vor kurzem beendeten Beziehung erzählte. „Der wusste dich nicht zu schätzen. Du bist eine intelligente, warmherzige, bildschöne Frau und solltest deine Talente nicht verschwenden. Übrigens, ich könnte dir eine führende Position in meinem Unternehmen anbieten, denn ich suche gerade jemanden mit deinen Kenntnissen und Fähigkeiten. Würdest du bitte wenigstens darüber nachdenken? Du hast tadellose Umgangsformen, sprichst fließend Englisch und bist topfit am PC. Außerdem wärst du eine Zierde für mein Vorzimmer, das kommt noch hinzu.“
Wirklich wahr. Das habe ich mir nicht ausgedacht.

Es klang verführerisch, fand Petra, denn sie war unzufrieden mit ihrem derzeitigen Job – er verlangte ihr nicht allzu viel ab, ihr Boss war ständig unterwegs, und sie hätte gern etwas Verantwortung übernommen.
Allmählich schienen auch Heikos Erzählungen nicht mehr ganz so langweilig zu sein, im Gegenzug hörte er ihr immer aufmerksam zu. Er behandelte sie mit bewundernder, aber zurückhaltender Höflichkeit, hatte stets ein aufrichtig klingendes Kompliment parat, und fraß sie mit Blicken förmlich auf. Sie fühlte sich hübsch, begehrenswert und ein wenig geliebt, denn ein solches Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit war sie nicht gewöhnt. Es gefiel ihr.

„Ich bin mir vorgekommen wie die Königin von Saba“ strahlte sie, als sie mir von ihrem letzten Date erzählte.
„Wenn man so lange mit jemandem wie Björn zusammen war, ist es nicht selbstverständlich, dass man plötzlich von einem Typen wie eine Göttin behandelt wird. Weißt du was? Das tat richtig gut. Außerdem sieht er so übel nicht aus. Ich glaube, ich muss mal an meinen Vorurteilen arbeiten. 20 Jahre Altersunterschied sind doch gar nicht so schlimm, oder was meinst du?“

Ich meinte: nichts. Denn ich mische mich aufgrund einiger unschöner Erfahrungen nicht mehr in pikante Herzensangelegenheiten. Petra war eine selbständige, erwachsene, blitzgescheite Frau, sie würde wissen, was zu tun war.

Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt der Volksmund. Und so arbeitete sich Heiko einige Wochen lang subtil, aufwändig und mühsam zu Petras verschlossenem Herzen vor, während er dabei souverän und scheinbar bescheiden blieb.
Zu jeder Verabredung brachte er eine kleine Aufmerksamkeit mit, vergaß nie, sie für ihr Aussehen zu loben, half ihr in den Mantel oder aus der Jacke, führte sie in noble Restaurants aus, in denen man ihn überschwänglich begrüßte, und war die Beflissenheit in Person.

„Er wurde nach über 20 Jahren von seiner Freundin verlassen“ erzählte mir Petra. „Die hat sich in jemand anderen verliebt. Jetzt sucht er wieder eine Frau, die ehrlich und treu ist, ihn nicht betrügt und vielleicht sogar mit ihm zusammenarbeitet, weil er meint, man kann sich heutzutage nicht mehr auf fremdes Personal verlassen. Ich denke ernsthaft darüber nach, in meiner Firma zu kündigen, er hat mir ein mehr als faires Gehalt angeboten und eine leitende Position, außerdem kommen wir prima miteinander aus.“

„Er war nie verheiratet?“, wollte ich nachhaken . Aber wieder sagte ich nichts. Ich gestehe: Es fiel mir sehr schwer.

Nach weiteren sechs Wochen, in denen Petra mit Heiko immer wieder ausgegangen war, auch ins Kino und einmal zum Tanzen, willigte sie endlich ein, mit ihm ein Lokal in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu besuchen, um dort die besten Rigatoni ihres Lebens (und anschließend das unausgesprochene „Dessert“) zu genießen. Beide wussten, was ihr Einverständnis zu bedeuten hatte, und die Zeit schien mehr als reif zu sein. Er hatte sich mehr Mühe gegeben als alle Männer vor ihm.

Heiko bewohnte einen ultramodernen Flachbau neben einem seiner Fitness-Studios in einem gediegenen Viertel der Stadt.
Als sie ihren Wagen in der aufwändig mit Mosaiken gepflasterten Einfahrt parkte, wartete er schon in der offenen Tür auf sie mit strahlender Miene. Er schien überglücklich zu sein, sie zu sehen – so, wie jedes Mal.

„Ich zeige dir deinen künftigen Arbeitsplatz“ bot er ihr an und führte die schwer beeindruckte Petra erst durch das geräumige und sehr gut besuchte Fitness-Studio und anschließend durch seine Firma, die sich mit dem Vertrieb von Whirlpools und Saunas beschäftigte.

Während sie durch die elegant-puristisch möblierten Geschäftsräume schlenderten, stockte Petra der Atem. So gediegen und vornehm hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.
An diesem Mann war nichts Unseriöses – im Gegenteil. Er hatte wirklich was im Leben erreicht. Und das schien er mit ihr teilen zu wollen.

„Ich wollte endlich zur Ruhe kommen“, gestand sie mir. „Und er schien mir ein Mann zu sein, bei dem ich das könnte. Pfeif doch auf den Altersunterschied.“ Mittlerweile fand sie Heiko sogar außerordentlich attraktiv, und wenn er lächelte, lächelte sie zurück.

Aber verliebt war sie immer noch nicht. Sie glaubte nur, sie sei jetzt eben in einem Alter, in dem man Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen hat, und ein gediegenes Mannsbild mit angenehmem finanziellem Background schien ihr nicht die schlechteste aller Optionen zu sein.
„Ich könnte ihn aber lieben, das kann man lernen“ redete sie sich ein.
Jemand, der sich solche Mühe gab, sie zu erobern, MUSSTE es einfach ernst mit ihr meinen.

Nach der Besichtigung aßen sie bei „seinem“ Italiener zu Abend. Heiko wurde mit der allergrößten Aufmerksamkeit behandelt, namentlich begrüßt und bekam eine Flasche Wein spendiert, nachdem der Wirt Petra ein paar Komplimente gemacht hatte. Es schien ein rundum gelungener Abend. Als Heiko nach dem Essen fragte, ob sie Lust hätte, noch ein Glas Wein mit ihm vor dem offenen Kamin zu trinken, nickte sie. Er hatte sich immerhin lange genug Mühe gegeben. Wochenlang hatte sie ihn zappeln lassen, war vorsichtig und misstrauisch gewesen und konnte sich jetzt sicher sein, dass er es ernst meinte. So lange kann man niemanden betrügen, oder?

Natürlich schlief sie anschließend mit ihm.
„Ich dachte keinen Moment, das müsste ich nur tun, weil er mir doch so viele Blumen und Pralinen geschenkt hat, oder weil er mich so hartnäckig umworben hat“ erzählte sie später.
„Nein, es war meine Entscheidung, meine ganz allein. Irgendwie fand ich ihn mittlerweile wirklich anziehend und liebenswert, trotz seiner merkwürdigen Vorlieben und Marotten. Er führte mich in seine Ankleide, und ich sag dir: Der besitzt 10 mal so viele Klamotten wie ich und würde garantiert nicht maulen wie Björn, wenn ich mir mal ein paar Schuhe kaufe.“

Sie schlief also mit ihm. Der Volksmund behauptet: „Einem alten Hund kann man keine neuen Kunststückchen mehr beibringen“. Laut Petras freimütigen Erzählungen kannte Heiko allerdings auch keine alten Kunststückchen.
„Hatte ich auch nicht erwartet“ gestand sie offen ohne jede Scheu. „Ich hatte mich dazu entschieden, mich auf ihn einzulassen. Mit Haut und Haaren. Weil ich dachte, dem kann man vertrauen, der weiß was er will, immerhin ist er Mitte 50 und hat schon einiges vom Leben gesehen. Der macht garantiert keinen Mist, dazu ist er viel zu erfahren, und er möchte in der Zeit, die ihm bleibt, was Festes haben, auf das er sich verlassen kann.“
Naja, Heiko wollte anscheinend aber doch wesentlich mehr vom Leben sehen, vor allem von weiblichem, aber dazu später.

Am nächsten Morgen wachte Petra frisch und ausgeruht aus, denn sie war in der Nacht zuvor nicht allzu sehr strapaziert worden. Heiko wartete in der Küche auf sie mit dampfendem Kaffee, Brötchen vom Bäcker und der Eröffnung, dass er sie bitten müsse, sich bald zu verabschieden und nach Hause zu fahren.
„Um 11:00 Uhr kommt meine Exfreundin und macht mir den Garten vor dem Haus neben der Einfahrt, das tut sie schon immer“ erklärte er ihr. „Es wäre nicht gut, wenn du noch hier wärest, ich glaube, das könnte sie verunsichern.“

Habe ich schon erwähnt, dass Petra eine aufgeweckte, intelligente und taffe Frau ist? Aber als sie das hörte, fiel ihr erst einmal die Kinnlade herunter. Trotzdem gab sie sich den Anschein, als hätte sie es schrecklich eilig und ging kurz nach der ersten und einzigen Tasse Kaffee.
„Ich wollte mir nicht anmerken lassen, wie scheiße ich das gefunden habe“ sagte sie. „Weil ich mir doch immer so viel darauf einbilde, wie cool ich bin und wie lebenserfahren. Und wenn er seine Exfreundin nicht mit mir bekannt machen möchte, muss ich das akzeptieren, oder?“
Darauf antwortete ich vorsichtshalber nicht.

Petra verbrachte den Sonntag allein in ihrer Wohnung und versuchte, nicht allzu viel über das Geschehene nachzudenken. Aber sie merkte, wie sie immer wütender wurde.
„Der setzt mich einfach vor die Tür, weil seine Ex kommt“ tobte sie gegen Abend am Telefon, nachdem sie mich angerufen hatte, weil sie mit irgendjemandem reden musste. „Das ist doch nicht zu fassen, oder?“
„Heute Morgen hast du noch ganz anders gedacht, ich hab ne SMS von dir bekommen“ erinnerte ich sie.
„Da war ich nicht so mies drauf und stand unter Schock“ erklärte sie stinksauer. „Dem werde ich es zeigen. Der hört von mir erst mal gar nix. Wird schon merken, wie er mich vermisst.“
Daran hielt sie sich auch. Bis Mittwoch. Denn Heiko meldete sich nicht mehr. Keine Blumen, keine Pralinen, keine Blitzbesuche in ihrem Büro, obwohl sie ein paar Mal zur Tür schielte.

Darum rief sie ihn am Mittwochnachmittag auf dem Handy an.
„Hallo, was gibt’s?“ meldete er sich kurz angebunden. „Ich bin gerade in Marokko am Strand, und der Empfang ist hier nicht sonderlich gut.“
„Marokko?“ wiederholte Petra entgeistert. Noch etwas, das er nie auch nur ansatzweise erwähnt hatte. Ihr dämmerte, dass das bei Heiko auf so einiges zutreffen könnte.

„Ja, Marokko, ich mache Urlaub“ entgegnete er vergnügt. Alles klar sonst?“
„Ruf mich nie mehr an, du Arsch“ zischte Petra eisig und beendete das Gespräch.
„Dem habe ich es gezeigt“ berichtete sie mir später entrüstet. „Der braucht sich nicht mehr bei mir zu melden.“
„Tut er vermutlich auch nicht“, versuchte ich ihr schonend beizubringen. „Außerdem hast du ihm schon genug gezeigt, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ja“ brummte sie. „Der hat mich mürbe geklopft wie ein Schnitzel. Da gibt man nach und denkt, den könnte ich lieben, lässt sich auf ihn ein, und dann wird man so verarscht.“
„Nichts Neues unter der Sonne“ seufzte ich.

Es tat ihr weh, denn sie hatte sich lange hartnäckig geweigert, Heiko zu vertrauen. Hatte ihm hundert Mal erklärt, dass sie beide nicht zusammenpassten, dass der Altersunterschied zu groß war.

Männer wie Heiko ähneln skrupellosen Wilderern, die einem Nashorn so lange hinterher hetzen, bis sie es endlich gestellt und erlegt haben. Danach sägen sie dem armen Tier das Horn ab und lassen den Rest für die Hyänen liegen.
Solche Typen sind oft bestens mit allem ausgestattet, das man zum Erlegen eines hübschen Großwilds auf Pumps benötigt: Geld, Eloquenz, tadellosen Manieren und einer Menge Charme – alles Dinge, derer sie sich bedienen, um ein besonders scheues „Wild“, in diesem Fall Petra, zur Strecke zu bringen. Je mehr die „Beute“ sich ziert und sträubt, umso interessanter. Es geht ihnen um die Jagd, das Erfolgserlebnis, und ihr eigenes Ego, das man im Normalfall nur auf Erbsengröße bringt, indem man es aufbläst.
Leider fallen immer noch viele Frauen auf diesen Typus herein, denn diese wissen genau, wie sie es anstellen müssen. Dafür leben sie ja schließlich.

Aber manchmal wird der Jäger zum Gejagten, und das Karma schlägt zurück.

„Wie konnte mir sowas passieren?“ Petra war über Wochen hinweg fassungslos und fragte sich das immer und immer wieder. „Ich war doch so vorsichtig, hab so lange mit ihm gesprochen, mich geweigert, mich darauf einzulassen. Meine Güte, wenn ich dran denke, dass ich beinahe auch noch gekündigt hätte.“
Ihr mühsam aufgebautes Vertrauen war zerstört worden, zertrampelt von Männerfüßen in Größe 46, die in teuren Ralph-Lauren-Slippern steckten. Das tut weh.

Sie hätte allerdings nicht auf mich gehört, hätte ich sie vorher gewarnt. So gut kannte ich sie schon. Außerdem hatte ihr meiner Ansicht nach nichts Besseres passieren können, denn geliebt hatte sie Heiko nicht.

Irgendwann war diese Enttäuschung überwunden, wenngleich die Wut noch lange in ihr schwelte. Nach 14 Monaten lernte Petra einen netten, attraktiven und intelligenten Mann kennen, in den sie sich vom Fleck weg verliebte. Kein „Ich könnte mich an ihn gewöhnen“, kein „Eigentlich sieht er gar nicht so schlecht aus“, nein, es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick.
Dieses Jahr im Juni wird geheiratet.

Vor ein paar Wochen trafen wir uns auf dem Wochenmarkt, am Stand mit dem Bodensee-Gemüse.
„Weißt du, wer letzte Woche bei mir angerufen hat?“ fragte sie und grinste breit.
„Keine Ahnung“ antwortete ich.
„Heiko.“ Sie lachte schallend. „Stell dir vor, der hat irgendwie meine Nummer rausbekommen und meldete sich, als ob nie was gewesen wäre. Er wollte angeblich nur wissen, wie es mir geht. Dann fing er an zu lamentieren. Der war so nervös, der hat sogar gestottert.“
„Ach was, erzähl mal“ bat ich interessiert.
„Das war zum Schießen.“ Petra strahlte. „Der hat wirklich nur gejammert und von seiner missratenen Ehe gelabert. Seine Exfrau, eine bildschöne Russin, hat er angeblich damals vor 4 Jahren während seines Marokko-Urlaubs am Strand kennengelernt, nachdem ich – seiner Aussage zufolge – mit ihm Schluss gemacht hatte.“

„Ach was?“ Ich war baff.
„Glaub ich dem sowieso nicht“ winkte Petra ab. „Der lügt doch, wenn er den Mund aufmacht, ich wette mit dir, die kannte er schon, als er um mich herumscharwenzelte, immerhin hatte er oft keine Zeit, das ist mir im Nachhinein aufgefallen. Vielleicht war die damals sogar für den Sonntagvormittag bestellt, als er mich nach dem Kaffee gebeten hat, zu gehen, weil angeblich seine Exfreundin kommt, dem traue ich alles zu.“

„Und jetzt ist er geschieden?“ fragte ich.
Petra nickte.
„Das war ein Jammern und Wehklagen, sag ich dir. Eigentlich hatte ich gleich auflegen wollen, aber irgendwie tat es gut, weil der nicht mal gemerkt hat, wie er sich als Loser outet. Der muss ganz schön verzweifelt sein, wenn er mich anruft, die er damals so mies behandelt hat und denkt, ich falle nochmal auf ihn rein. Diese tolle Exfrau, die er sofort nach Erledigung aller Formalitäten geheiratet hat, sollte bei ihm in der Firma mitarbeiten, aber die sei stinkend faul gewesen und immer als letzte gekommen und als erste gegangen. Außerdem hat sie seine ganze Kohle verbraten und mehrere Autos zu Klump gefahren, darunter seinen geliebten Porsche. Dann hat sie einen Jüngeren kennengelernt und ihn verlassen. Geschieht dem doch recht.“ Sie lachte wieder.
„Er wollte einen weiblichen Lamborghini, ich als Familien-Van war ihm wohl zu langweilig. Tja, und dann ist er an seine Meisterin geraten.“

„Und du hast dir das alles angehört? Was hast du gesagt?“ fragte ich neugierig.
„Dass ich glücklich bin, nicht interessiert an seinem Gejammer, und dass er dahin gehen soll, wo der Pfeffer wächst, weil ihm im Leben ja scheinbar die Würze fehlt“ antwortete Petra ernst. „Es ist unfassbar, dass der sich getraut, einfach so bei mir anzurufen. Als wäre gar nix gewesen. Er hat mich ausgenutzt und garantiert schon die ganze Zeit mit dieser anderen Frau betrogen. Geschieht ihm recht, wenn er reingefallen ist.“
„Geht’s dir eigentlich jetzt gut?“ fragte ich Petra, aber das hätte ich mir sparen können. Sie wirkte ausgeglichen und glücklich.
„Könnte nicht besser sein, vor allem nach diesem Anruf. Manchmal kriegt einen das Karma eben doch“, meinte sie und verabschiedete sich herzlich.

Heiko, du bist ein echter Depp. Mit Petra hättest du einen verdammt guten Fang gemacht. Selbst schuld.

Neulich wurde Heiko mir bei Facebook als „Jemand, den du kennen könntest“ vorgeschlagen. Ich habe abgelehnt, obwohl er ein ansprechendes, massiv nachbearbeitetes Profilbild eingestellt hatte, das vermutlich aus dem Jahre 1995 stammt. Diese Katze lässt das Mausen nicht. Niemals.

Leider ist die Welt voller Männer, denen es nur darum geht, eine Frau „zu erlegen“, also sie herumzubekommen, um sich wieder eine Kerbe in ihre Bettkante schnitzen zu können. Auch Petra hat es erwischt, trotzdem sie vorsichtig war und anfangs gar nicht wollte. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Petras Bauch warnte sie davor, weil sie für diesen Mann keine echten Gefühle aufbringen konnte. Sie wollte nur nicht auf die innere Stimme hören. Dafür bezahlt man so gut wie immer.

Man kann sich einen Mann schönreden, zu empfehlen ist es aber nicht. Man kann sich einbilden: „Irgendwann passt das schon/verliebe ich mich in ihn/wird er mir gefallen.“ Da können Sie auch Lotto spielen.
Hätte Petra seinerzeit auf ihren Bauch gehört und Heiko höflich, aber bestimmt abgewiesen, wäre ihr seinerzeit diese peinliche Erfahrung erspart geblieben. Sie hat diese Erfahrung als in sich gefestigte Persönlichkeit gut überwunden. Andere Frauen werden von so etwas schwer emotional gekränkt und lassen alle nachfolgenden Männer büßen, was ein einziger verbockt hat.

Darum rate ich Ihnen heute: Hören Sie auf Ihren Bauch. In Ihrem Darm sitzen ungefähr 100 Millionen Nervenzellen, manche Chirurgen nennen ihn deshalb auch „das Darmhirn“.
Klar existieren Männer, für die Manieren kein Fremdwort sind, die ihre Frauen verwöhnen, und die als Lebenspartner bestens geeignet sind. Die herauszufieseln aus der Masse an paarungswilligen Exemplaren kann sich als ausgesprochen schwierig erweisen.
Genau für solche Fälle hat uns die Evolution den Instinkt gegeben.

Es gibt Männer, die ändern sich nie, und Sie wollen doch nicht als Trophäe enden?

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Herzlichst,

Ihre Barbara Edelmann

Barbara Edelmann (im Bild) ist Heimatschriftstellerin und lebt glücklich und zufrieden im schönen Allgäu, wo auch ihre heiteren Kriminalromane spielen. Einmal wöchentlich lässt sie uns mit einer amüsanten Kolumne an ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht teilhaben. Es lebe der kleine Unterschied, denn ohne ihn hätten wir nichts zu schmunzeln.

Bildnachweise (Symbolbild): pixabay.com / Barbara Edelmann

Autor: Frauenboulevard

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