Magersucht - sie ist ernst zu nehmen

„Unverkrampftes, aber gesundes Essverhalten scheint in unserer Gesellschaft vom Aussterben bedroht.“ – das sagt Antje Döhring (im Bild), Autorin des Buches „Weniger“, in dem es um ein Mädchen geht, das langsam in eine Magersucht rutscht.

Jasmin – so der Name der Protagonistin – steht damit stellvertretend für viele (junge) Leute, die ein schwieriges Verhältnis zum Essen und damit auch zum eigenen Körper haben. War es vor Jahrzehnten schon angesagt, schlank zu sein, wird diesem vermeintlichen Ideal, das vor allem medial befeuert wird, heutzutage von unzähligen Usern in den sozialen Netzwerken gefrönt. Instagram, Facebook und Twitter sind voll von Menschen, die sich dünn, muskulös und sehr attraktiv präsentieren.

Dass sich auf diese Art und Weise Personen dem Schlankheitswahn widmen, die näher am User dran sind, als beispielsweise Supermodels, macht das Ganze nicht einfacher.

Denn nicht wenige Menschen fühlen sich dadurch animiert, sich ebenso einem Kult um ihren Körper hinzugeben. Eine bedenkliche Entwicklung, die im Buch von Antje Döhring subtil eine Rolle spielt und dem Leser im Rahmen der Handlung übermittelt wird.

Wir sprachen mit der Autorin, die auch außerhalb ihres schriftstellerischen Tuns ein spannendes Leben hat.

FB: Frau Döhring, wie ist die Idee zu Ihrem Buch „Weniger“ (im Bild das Buch-Cover) entstanden?

Ursprünglich war die Geschichte um das Mädchen Jasmin, das langsam in eine Magersucht hineinrutscht, nur ein Nebenstrang in einem anderen Gegenwartsroman, der noch nicht erschienen ist. Ich brauchte damals Gründe, warum in einer Familie nach und nach alle dem Fleischessen entsagen: Der eine war ohnehin Vegetarier, der andere wollte dann wegen Gelenkproblemen verzichten. Blieb die Frage – warum isst bald auch die Tochter Jasmin kein Fleisch mehr? Aus Fleischverzicht wurde in meinem Kopf Diät und daraus wiederum schließlich eine Magersucht.

Der Verlag, der den Roman herausbringen wollte (mittlerweile jedoch nicht mehr existiert), hatte festgestellt, dass das Manuskript zu umfänglich geworden war. Hier und da ein wenig herumzukürzen schien nicht sehr vielversprechend.

Schließlich entschloss ich mich dazu, diesen Handlungsstrang  um Jasmin quasi „auszukoppeln“, weil ich fand, dieses Thema braucht eine „eigene Stimme“. Dafür musste ich mich natürlich dann noch einmal wesentlich tiefschürfender mit der Materie beschäftigen, als es für eine Nebenhandlung nötig gewesen wäre.

FB: Magersucht, dünner werden wollen, Models nacheifern – das war mal vor einiger Zeit ein Riesenthema, das gefühlt täglich in den Medien präsent war. Jetzt hat das allerdings etwas nachgelassen, aber es hat sich ja hier kaum etwas verändert – es werden immer noch ganz viele (junge) Menschen magersüchtig, oder?

Gut, „ganz viele“ zum Glück nicht; hochgerechnet finde ich dennoch auch 0,3 bis 0,6 % der Frauen zwischen 12 und 35 erschreckend. Was aber noch viel bedenklicher stimmen sollte: Diese Zahlen steigen seit Jahren ständig an. Man muss  davon ausgehen, dass dieser Trend noch nicht abgebrochen ist. Und: Es sind nicht nur junge Mädchen im Teenageralter, sondern vor allem Frauen in Umbruchphasen (also auch junge Mütter und Frauen um die Menopause, bei denen sich der Stoffwechsel meist ganz natürlich verlangsamt). Jedoch sind auch zunehmend junge Männer betroffen, die sich parallel an ihrem Muskelaufbau abarbeiten.

Was ich ebenfalls ganz erschreckend finde, ist die Tatsache, dass in der Bevölkerung oft noch die Vorstellung existiert, dass Magersucht „nur so eine pubertäre Phase“ sei, ein „Model-spielen-wollen“ und Wichtigmachen, das mit Omas guter Küche schon wieder in Ordnung käme. Dabei sterben mehr als 10 % der Betroffenen! Damit ist Magersucht, auch Anorexie genannt, nach wie vor die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Es ist keine „Teenie-Spinnerei“, sondern eine sehr ernstzunehmende psychische Erkrankung, bei der das Dünnerwerden, streng genommen, eher das Symptom als die Krankheit ist.

FB: Haben Sie in Sachen Magersucht Zahlen für Deutschland parat? 

Die letzten seriösen Statistiken u.a. des Robert-Koch-Instituts, die ich gefunden habe, sind meist noch von 2012.  Man kann davon ausgehen, dass ca. 5 Mio Deutsche an irgendeiner Essstörungen leiden. Davon wiederum sind über 100 000 magersüchtig.

Es wird davon gesprochen, dass unter Teenagern bereits jede/r dritte bis fünfte Symptome eines gestörten Essverhaltens zeigt! Also ständig auf die Waage guckt, Kalorien zählt oder aber im Gegenteil hemmungslos riesige Mengen anfallartig in sich hineinstopft. Ein unverkrampftes, aber gesundes Essverhalten scheint in unserer Gesellschaft vom Aussterben bedroht.

FB: Woran liegt das, dass so viele Menschen – vor allem Jugendliche/Mädchen – ganz dünn sein wollen? Inzwischen dürfte doch zumindest ein Bewusstsein darüber herrschen, dass die meisten Models oder/und Schauspielerinnen, die von Plakaten lächeln, in einer oberflächlichen Scheinwelt leben, die mit dem realen Leben kaum was zu tun hat…

Bei den meisten jungen Menschen, die immer weiter abnehmen wollen, geht es im Grunde ja nur am Rande um das Dünnsein als solches. In einer  Gesellschaft, die von Individualität und dieser „Jeder ist seines Glückes Schmied“-Mentalität geprägt ist, dazu noch gepaart mit Leistungsanforderungen aller Art,  hängt es wohl vielmehr damit zusammen, dass gerade junge Leute oft eine Menge an Möglichkeiten und Lebensentwürfen vorfinden, aber damit auch gleichzeitig vor der Aufgabe stehen, die jeweils richtige „Wahl“ zu treffen – vom schulischen und beruflichen Weg über die politische Meinung, Freunde, Liebe, eigene Familie ja/nein, oder gesundheitliche Entscheidungen. Stießen sie in früheren Dekaden schnell an die Grenzen dessen, was Elternhaus, Staat und Kirche vorgaben, erscheint heute alles viel freier, theoretisch erreichbarer, aber nicht unbedingt auch praktisch.

Vieles ist nach wie vor vom einzelnen gar nicht immer beeinflussbar, und in jungen Jahren noch weniger.  Und es kann sogar überwältigend wirken. Wenn dann noch durch die kapitalistische Warenwelt suggeriert wird, dass „jung und schön“ gewinnt, aber man gerade – pubertär eigentlich normal – an sich selbst zweifelt, dann scheint es am einfachsten, genau das im eigenen Leben zu beeinflussen und „in den Griff zu bekommen“, was eben noch am ehesten beeinflussbar ist: Der eigene Körper, das eigene Gewicht.

Darüber hinaus ist es in den vergangenen Jahrzehnten immer schwieriger geworden, dem Idealbild einer attraktiven Frau nahe zu kommen (zumindest werblich gesehen)! War es  in den 60-er (siehe Twiggy) noch „genug“, möglichst dünn zu sein, gehörten zum Schlanksein ab den 90-ern (Ära der „Supermodels“ á la Claudia Schiffer) bereits die Kurven an den richtigen Stellen hinzu. Doch seit das Zeitalter von sozialen Selbstbespiegelungsmedien samt Selfies auf Instagram, Tinder und Tumblr angebrochen ist, kommt zu „dünn, aber mit Kurven“ noch das neue Gebot hinzu, „sportlich definiert“ auszusehen!

Für die meisten fast unerreichbar. Doch es scheint dennoch immer noch eher „machbar“ als die Vorstellung, immer zu funktionieren und „die richtigen Schulnoten für den richtigen Job, samt dem richtigen Partner für das beste aller Leben“ hinbekommen zu müssen.

Kurz gesagt: Tiefe Selbstzweifel und ein Gefühl der Machtlosigkeit führen heutzutage bei vielen, vor allem jungen Menschen dazu, eine ernste psychische Störung zu entwickeln, die sich primär darin manifestiert, den eigenen Körper möglichst „marktkonform“ zu  trimmen. So leiden Körper und Seele gleichermaßen.

Es genügt also nicht, dass Magersüchtige einfach wieder mehr essen. Auch die Leerstellen in der Seele müssen mit Sinn gefüllt werden.

FB: Wie haben Sie die Recherche zu dem Buch gestaltet, sind Sie in die echte Welt von magersüchtigen Menschen eingetaucht oder/und  gab es auch Fälle in Ihrem Umfeld?

Zum Glück hatte ich weder im näheren noch weiteren Umfeld Betroffene; allerdings habe ich nach der Veröffentlichung viele – teils überraschende, bestürzende – Rückmeldungen von Bekannten wie auch Fremden erhalten, die das Monster Essstörung aus eigenem Erleben kennen.

Ich habe das getan, was ich als gelernte Journalistin ganz gut kann: recherchieren. Ich habe sehr viel Fachmaterial zum Thema gelesen, Filme gesehen, Betroffeneninterviews gehört usw. Mich hat erschreckt, wie weitverbreitet dieses Problem ist, ohne dass es allzuoft an die Oberfläche des gesellschaftlichen Bewusstseins kommt.

Auf dieser Basis dann die Geschichtenerzählerin in mir ihre Arbeit tun lassen: Sich die Figur der Jasmin nicht nur auszudenken, sondern quasi in sie hineinkriechen und zu versuchen, mit ihren Augen zu sehen.

Natürlich habe ich die entsprechenden Stellen im Roman vor der Veröffentlichung auch von Therapeutinnen für Essstörungen lesen lassen, um sicherzugehen, dass es sowohl fachlich korrekt als auch plausibel rüberkommt.

FB: Ab wann wird „Dünn sein“ zur Krankheit?

Das kann ich als Nicht-Fachfrau nicht sagen ….

FB: Woran können Eltern merken, dass ihr Nachwuchs ein echtes Problem hat und gegebenenfalls in eine Magersucht driftet?

Siehe oben: das möchte ich Fachleuten überlassen. Ein aktueller, guter Beitrag dazu findet sich hier.

FB: Was müsste – Ihrer Meinung nach – noch an öffentlicher Aufklärungsarbeit geleistet werden, um diese Thematik noch stärker in die Öffentlichkeit zu bringen und mehr Menschen zu sensibilisieren?

Es gab und gibt immer mal wieder dazu in den Medien Berichte. Dennoch habe ich den Eindruck, dass es noch zu oft als ein „Extrem“ beim Publikum ankommt. Dabei kann eine Essstörung auch bei Menschen in normalen, „geordneten“ Lebensumständen auftreten, wenn einige, vor allem innere Probleme zusammenkommen. Das kann schleichend und unauffällig passieren. Genau solch ein „normales Mädchen in einer normalen“ Familie habe ich in der Figur der Jasmin zu zeichnen versucht.

Außerdem: Essstörungen scheinen mir nach wie vor mit einem gewissen Stigma belegt. Während Burn-out, Depression oder Phobie langsam in der breiten Masse als Krankheit „anerkannt“ werden, ist essgestört zu sein oder ein essgestörtes Kind zu haben weiter etwas irgendwie Peinliches, ein Versagen. Zudem habe ich, wie gesagt, den Eindruck, dass es bei vielen immer noch unter „pubertäre Spinnerei“ läuft.

Ich glaube nicht, dass viel auch viel hilft – in dem Falle mediales Bombardement mit dem Thema. Aber dafür stetig und mit geeigneten Mitteln sollte ein Bewusstsein geschaffen werden, das es sich um eine vampirhafte Krankheit handelt, die selten von selbst verschwindet.

FB: Zu Ihnen: Sie waren viele Jahre mit Ihrem Mann und Ihren Kindern im Ausland und sind nun wieder in Deutschland. Wie haben Sie die letzten Jahre – Sie lebten in den VAE – erlebt und wie ist es nun, wieder in der alten Heimat zu sein?

Mir war bewusst, dass man nach zwanzig Jahren im Ausland nicht einfach wieder „nach Hause kommt“ – so, wie das viele Daheimgebliebene sich vorstellen. Insofern war ich gewappnet, dass es nicht sofort super glattlaufen muss. Ein wenig „Fremdeln“ auch oder gerade in der alten Heimat ist ganz normal. Nach nunmehr eineinhalb Jahren zurück sind wir jedoch „angekommen“.

Die Emirate waren von den Alltagsumständen – nach unseren Jahren in Saudi-Arabien, Indien und Libyen – auf jeden Fall sehr einfach, weil dort alles auf hohem und höchstem Niveau abläuft. Wir hatten dort auch einen wunderbaren Freundeskreis.

FB: Was vermissen Sie an Ihrem damaligen Zuhause auf Zeit und über was freuen Sie sich, hier in Deutschland?

Ich finde, von jedem Land vermisst man etwas anderes, und das ist ja ganz normal. Das einzige, was da vielleicht verbindend ist: Unsere Freunde leben um den ganzen Globus verstreut, und jeder weitere Umzug brachte eben sehr viele Abschiede, aber auch wieder viele neue Bekannte und Freunde mit sich.

Aus den Emiraten fehlt mir am meisten der großartige kulturelle Schmelztiegel; immerhin sind über 85% aller in den V.A.E. lebenden Menschen Ausländer! Es ist beispielhaft, wie völlig normal und konfliktfrei dort Leute aus über 200 Ländern, somit aus unzähligen Kulturen, Sprachen und Religionen miteinander auskommen. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft allerorten – das ist wunderbar gewesen.

Wen Details aus unserer Zeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten interessieren: hier mein Blog dazu.

Hier in Deutschland genießen wir den Wechsel der Jahreszeiten (obwohl ich es kalt noch nie mochte) und das großartige, geistig-kulturelle Angebot sowie die Nähe zur Großfamilie und alten Freunden.

FB: Welchen Projekten widmen Sie sich aktuell bzw. welche Pläne haben Sie für die nächste Zeit? Können Sie schon etwas verraten?   

Die englische Übersetzung von „Weniger“ ist gerade als „Featherlight. Hope rekindled“ erschienen, ein weiteres Manuskript harrt der Überarbeitung, momentan habe ich zudem ein neues Projekt begonnen – mal etwas ganz anderes, ein historisches Thema, das den Leser sehr weit zurückführen soll …

Infos:

Homepage, Instagram, Facebook 

Buch „Weniger“ unter anderem bei Amazon.

Autorenporträt: Copyright Fotostudio Günther / Cover „Weniger“: „NaWillArt Coverdesign“

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

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