Frau im Bett

Freitagabend in der Stadt. Eine schummrige Bar in einer Nebenstraße. Sie lehnen am Tresen, aufgebrezelt und in voller Takelage, bereit für ein Abenteuer, zumindest erwecken Sie diesen Anschein. In Wirklichkeit waren die „Smokey Eyes“ Tipp der Woche in Ihrem Lieblings-Frauenmagazin, da stand nämlich, dass manche Männer auf Verruchtes voll abfahren, und das wollten Sie mal ausprobieren, denn immerhin bewegen Sie sich mit Riesenschritten auf irgendeinen drohenden runden Geburtstag zu und sind nach wie vor auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Bisher haben Sie nämlich nur Ausschuss kennengelernt und sehnen sich nach einer festen Beziehung.

Während Sie verkrampft auf Stilettos balancieren, die man ohne Weiteres jemandem ohne Hammer in die Stirn nageln könnte und sich ärgern, weil Sie in dem engen Kleid die ganze Zeit die Luft anhalten müssen, öffnet sich die Tür, und herein kommt – er. Ja genau, der Eine. Sieht tatsächlich aus, als ob er der Richtige sein könnte. Dreitagebart, grüne Augen, kantiges Kinn, abgewetzte Lederjacke. Je nach Ihrem Beuteschema ein jüngerer George Clooney oder ein älterer Ryan Reynolds – suchen Sie sich was aus.

In Wirklichkeit wollen Sie nämlich gar kein Abenteuer, sondern endlich den Mann fürs Leben finden, darum stehen Sie heute in dem schummrigen Pressluftschuppen und warten, was so an den Tresen gespült wird. Wäre super, wenn dieser Neuankömmling ein wenig Rhett Butler aus „Vom Winde verweht“ ähneln würde, aber man kann ja nicht alles haben, und allmählich würden wir uns mit allem Möglichen anfreunden, denn wir haben es satt, immer allein zum Wertstoffhof zu fahren, um die alten Zeitungen wegzubringen. Aber dieser Typ hier, der gerade mit festem Schritt auf uns zukommt, sieht aus, als wäre die Rallye Paris-Dakar sein Anfahrtsweg zur Arbeit, bei der er täglich brennende Ölquellen löscht und Jungfrauen aus brennenden Häusern rettet.

Der stellt sich tatsächlich neben Sie und grüßt kurz, weshalb Sie endlich auf einen dieser unbequemen Barhocker klettern, um nicht demnächst mitsamt Ihren hohen Hacken umzukippen.
Sie kommen mit ihm ins Gespräch, und im Laufe der nächsten paar Stunden lädt er Sie zu einigen Drinks ein, von denen Sie jeder besoffener macht, aber auch ein bisschen lockerer. Nach dem 14ten Cocktail finden Sie beide sich unheimlich sympathisch.
Ach was, reden wir nicht drumherum: „sympathisch“ trifft es nicht, der Typ ist einfach heiß.

Er heißt Kai, ist drei Jahre älter als Sie (genau richtig!), bisher nie verheiratet gewesen (behauptet er zumindest), im Sternzeichen Löwe (passt super, denn mit Skorpionen wollen Sie nie mehr was zu tun haben!) und in der IT-Branche tätig. Was Ihnen aber wurscht ist, denn Ihre Pheromone tanzen schon seit mindestens zwei Stunden Polka, weil er Sie vorhin absichtlich oder unabsichtlich am Arm berührt hat. Gänsehaut-Alarm!

Als er Sie fragt, ob Sie noch einen Absacker in seiner Wohnung trinken möchten, sagen Sie ja, denn immerhin haben wir 2019 und nicht 1958, Sie können anbandeln, mit wem auch immer Sie möchten. Die Nacht ist jung, Sie sind es nicht mehr so ganz, und wer weiß, wie viele verpasste Gelegenheiten Sie sich noch leisten können, also los geht’s.

Sicherheitshalber bestellen Sie sich aber noch einen Caipirinha bei dem attraktiven Barkeeper, damit Sie nicht der Mut verlässt, denn Ihre Mutter hat Ihnen 20 Jahre lang eingeschärft, dass Sie nicht mit fremden Männern gehen sollten. Und jetzt machen Sie es trotzdem. Kurz überlegen Sie, ob Sie ihrer Mama eine SMS schicken sollten, damit die sich mal so richtig ärgert, lassen es dann aber sein, denn die schläft garantiert schon.

Die Wohnung von Kai ist ganz nett. Typisch männlich-kahler Charme (er nennt es „puristisch“), viel Edelstahl und Chrom, ein bisschen Akazie dazwischen, ein paar Fußball-Pokale und ein monströser Fernseher mit einer Heimkino-Anlage im Gegenwert eines Gebrauchtwagens. Geld scheint nur eine untergeordnete Rolle bei ihm zu spielen, umso besser, denn Ihre letzten drei Freunde mussten Sie ganz allein finanzieren, weil die immer pleite waren.

Auf Ihrer kurzen Stippvisite zum Klo entdecken Sie keine pinkfarbenen Haargummis oder Nachtcreme für reife Haut, nur „AXT“-Deo und „Niveau for Gentlemen“, also alles paletti. Wenn der Typ irgendwelche Mädels abschleppen sollte, hinterlassen die zumindest keine Spuren.

Als sie zurückkommen ins Wohnzimmer, spielt Alexa gerade seine Soul-Playlist mit der „Slip-Runter-Garantie“, alle Lampen sind gedimmt, und wenn man die Augen schließt und nur der Musik und Kais Schmeicheleien lauscht, könnte man sich vorstellen, gerade in einem Penthouse in Manhattan oder dem Strandhaus von Charlie Harper, dem bekanntesten Playboy der Welt aus „Two and a half men“, zu sitzen. Zum Nachdenken kommen Sie aber gar nicht mehr, weil Kai jetzt kommt – zur Sache nämlich, und Ihnen seine Zunge in den Hals steckt. Was Sie ganz gut finden, denn wenn einer gut küssen kann… naja, denken Sie sich den Rest.

Oh – das ging aber schnell. Nun haben wir schon den nächsten Morgen. Die Sonne scheint durch eine Ritze in der Jalousie. Samstag. Sie haben heute frei und könnten liegenbleiben. Wenn Sie sich daran erinnern, wo Sie eigentlich liegen. Das wissen Sie nämlich nicht mehr.

„Oh Mann, ich hätte nicht so viel saufen sollen. Ach ja, der süße Typ. Wie hieß der? Karl, Konstantin, Kevin? Mist. Wo bin ich überhaupt?“
Böse Mädchen kommen ja angeblich überall hin. Nur müssen Sie jetzt noch rausfinden, wohin Sie gekommen sind. Und ob überhaupt.

Nachdem Sie den niedlichen Typen neben sich entdeckt haben, der gerade ausgiebig gähnt, können Sie erst mal aufatmen. Nicht Quasimodo, eher Ryan Reynolds. Alles gut. Und wie war doch gleich sein Name? Ach, Sie werden es schon rausfinden, denn der Kerl ist wirklich saumäßig attraktiv.

Sie: „Äh, guten Morgen.“

Er: (räuspert sich): „Morgen.“ („Wow, die Tussi sieht ja bei Tag genauso gut aus. Hätte schon früher auf Stefan hören sollen und den Dreitagebart wachsen lassen. Das klappt ja wirklich. Ob die mich nochmal ranlässt?“)

Sie: „Ich müsste mal wohin, würdest du …“

Er: „Vorne, links.“ („Ich hoffe, die will jetzt kein Frühstück. Wie hieß sie nochmal? Irgendwas mit B? Oder war’s L? Mist, ich hätte fragen sollen. Oder hab ich gefragt? Ob ich mir wohl von meinem Nachbarn von gegenüber Kaffee borgen kann? Und Filter? Und die Maschine? Vielleicht bleibt sie dann nochmal 30 Minuten. Ach was, 10 reichen mir auch.“)

Sie raffen hastig Ihre Klamotten vom Boden, aus denen Sie sich gestern Nacht innerhalb von Sekundenbruchteilen geschält haben und huschen ins Klo. Papier alle. Natürlich. Aber im Badschrank finden Sie eine Rolle Küchenkrepp. Wenigstens etwas. Und keine zweite Zahnbürste oder Damenhygiene-Artikel. Wobei Ihnen das Wort „Hygiene“ nicht so recht über die Lippen will, wenn Sie die (hochgeklappte) Klobrille ansehen. Da kommt wohl jemand nicht oft zum Putzen. Kein Wunder, wenn man so viel freeclimbt, bungjee-jumpt und brennende Ölquellen löscht wie Kevin. Oder Karl. Oder Konstantin. Sie sollten sich gelegentlich mal durch die Blume erkundigen, wie Ihre Männerbekanntschaft überhaupt heißt. Besser spät als nie.

„Ob es wohl zu früh ist, ihn zu fragen, ob er mich zur Hochzeit meines Cousins nächste Woche begleitet?“, denken Sie, während Sie hastig in Ihre Klamotten schlüpfen und sich mit einem Blatt Küchenkrepp die Reste der Wimperntusche unter den Augen wegwischen. Dann stolpern Sie auf Ihren 10-Zentimeter-Hacken wieder ins Schlafzimmer, wo er im Bett sitzt und Sie erwartungsvoll anfunkelt.

Er: „Oh, du willst schon gehen? Schade.“ („Gottseidank, muss ich mir keinen Kaffee bei der blöden Weizenkeim von gegenüber pumpen. Andererseits – dieses Kleid ist echt rattenscharf. Wann hat die das nur angezogen, die war doch gerade noch nackt? Vielleicht kriege ich sie ja noch mal rum?“)

Sie: „Äh, ich denke, ja, ich sollte nach Hause. Aber ist ja eigentlich Samstag.“ („Er könnte mich wenigstens fragen, ob wir heute noch was zusammen unternehmen möchten. Nie wieder lasse ich mich auf einen One-Night-Stand ein. Der bietet mir ja nicht mal Kaffee an, der Idiot.“)

Er: „Oh, schade.“ („Kacke, die will wirklich schon weg. Ob ich sie noch irgendwie rumkriege, ohne dass sie meint, sie könnte gleich bei mir einziehen?“)

Sie: „Äh, ich sollte dann los.“ („Sag schon endlich, dass ich noch bleiben soll.“)

Er: „Möchtest du vielleicht Kaffee?“ („Scheiße, scheiße, scheiße, dann muss ich mich jetzt anziehen und zum Nachbarn rüber. Hoffentlich will der seine Bohrmaschine nicht zurück, die ich mir vor einem halben Jahr geliehen habe, ich weiß nämlich nicht mehr, wo in meinem Saustall die liegt.“)

Sie: „Nö danke.“ (Eingeschnappt. Warum eigentlich?)

Er: „Na dann, schönen Tag noch, war nett. Ich ruf dich an.“

Sie: „Ja, mach das.“ („Depp, blöder. Du hast ja nicht mal meine Nummer“).

Tja, das wäre Ihr Preis gewesen. Nur weil der Trottel Sie nicht gefragt hat, wie Sie heißen, sind Sie beleidigt. Gestern Nacht haben Namen Sie ja auch nicht interessiert, als Sie aus Ihren Klamotten gehüpft sind, als würden die demnächst Feuer fangen. Was denn nun? Wollen Sie den Burschen haben oder nicht? Und jetzt streichen Sie einfach kampflos die Segel? Wenn Sie von einem Mann etwas möchten, müssen Sie ihm das sagen. Unmissverständlich. Sofort. Ohne Schnörkel.

Erstens kann der Ihnen ruhig einen Kaffee machen, auch wenn er den aus Kolumbien holen muss. Der nächste Flieger geht bestimmt demnächst, und wer sich einen Fernseher im Format einer Kinoleinwand leisten kann, hat auch die Kohle für ein Flugticket nach Bogota. Bis er von der Kaffeeplantage zurückkommt, haben Sie genügend Zeit, wieder einen Menschen aus sich zu machen und seine Kontoauszüge durchzusehen. Man möchte ja wissen, mit wem man sich eingelassen hat.

Scherz beiseite – Stolz ist eine tolle Sache, vor allem, wenn man nicht weiß, wo man seine Unterwäsche ein paar Stunden zuvor hingeworfen hat, aber manchmal sollte man ihn herunterschlucken und eine einsame Entscheidung treffen, denn zu mindestens 80 % möchte der Herr der Schöpfung auch, dass Sie bleiben, weiß nur nicht, wie er es anfangen soll. Was haben Sie zu verlieren?

Diese Beklommenheit nach einem glückseligen verschwitzten Durcheinander in einer lauen Sommernacht ist ganz normal, und wenn Sie sich dazu entschließen, jetzt nicht gleich abzuhauen, könnte aus Ihnen und „irgendwas mit K“ durchaus was werden. Manche Männer brauchen ein wenig Nachhilfe. Die Betonung liegt auf „manche“.

1993 war ich zu einer wirklich prachtvollen Hochzeit eingeladen. Den Bräutigam kannte ich schon mein ganzes Leben lang, seine frischgebackene Ehefrau war „neu“ in unserer Clique.
„Weißt du, wir haben uns in einer Pilsbar kennengelernt, und ich nahm sie nur für eine Nacht mit zu mir“, erklärte mir Klaus damals etwas verlegen. „Und als sie am nächsten Morgen verschwand, entdeckte ich ihre Haarbürste im Badezimmer. Ich habe nichts gesagt. Als sie zwei Tage darauf wieder kam, fand ich, kurz nachdem sie gegangen war, zwei blütenweiße Slips in meinem Schlafzimmer, die sie dort zwischen meinen Socken deponiert hatte. Und jedes Mal, wenn sie kam, brachte sie wieder was mit. Nach nur sechs Wochen wohnte sie quasi bei mir.“

Die beiden sind mittlerweile seit über 25 Jahren verheiratet und haben vier prächtige Kinder großgezogen, und das nur, weil Stefanie nach dieser – als One-Night-Stand gedachten Nacht – beschloss, dass Klaus gutes Ehemann-Material abgäbe und ihn sich einfach krallte. Er hat es nie bereut, wäre aber selbst nicht entschlusskräftig genug gewesen, sich dazu durchzuringen, geschweige denn eine Andeutung Stefanie gegenüber zu machen.

Also bitten Sie ruhig um Kaffee. Nein, verlangen Sie ihn. Und dann fragen Sie nach seinem Namen und erinnern ihn daran, dass heute Wochenende ist und Sie eine Menge freie Zeit haben. An seinem Gesichtsausdruck werden Sie schnell erkennen, ob er das klasse findet oder am liebsten im Erdboden versinken möchte.

Aber auf Kaffee bestehen Sie auf jeden Fall. Sollte „irgendwas mit K“ nämlich nicht begeistert von Ihrem Vorschlag sein, noch ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, dann brauchen Sie den für Ihren Walk of Shame nach Hause, auf 10 Zentimeter hohen Hacken, und mit Augenringen, als hätten Sie zehn Runden mit Vitali Klitschko hinter sich.

Und – um Himmels Willen schämen Sie sich nicht. Wie gesagt – wir haben 2019 und nicht 1958. Man kann sich auch mal irren. Oder zu viel trinken. Oder mit jemandem schlafen, der wirklich nur auf ein Abenteuer aus war.

Es wäre jedenfalls schade, sollten Sie – falls der Typ Ihnen wirklich gefällt – zu schnell das Handtuch werfen. Und wenn er wirklich keine Anstalten macht, Sie wiedersehen zu wollen: Kopf hoch, Krönchen richten und weitermachen. Pah, den haben Sie doch nicht nötig. Garantiert schwemmt Ihnen das Schicksal heute Abend in einer düsteren Bar noch einen wirklich tollen Mann vor die Füße. Gibt doch genug von denen.

Meine Freundin Susi nimmt die Männer, wie sie kommen. Sie ist allerdings eine der ganz wenigen mir bekannten Frauen, die problemlos am nächsten Morgen „Tschüssi!“ rufen und von selbst verschwinden, denn sie legt keinen Wert auf eine feste Beziehung.

Noch nie habe ich erlebt, dass sie einem Kerl hinterher trauerte oder wegen einem betrübt war, denn ihrer Meinung nach gibt es ja Männer wie Sand am Meer. Damit hat sie irgendwie recht.

Man muss es allerdings leben können, dieses „Von Blüte zu Blüte torkeln“ – die meisten Frauen tun das nicht. Und darum wäre es ratsam, vor dem 14. Caipirinha in der schummrigen Bar darüber nachzudenken, wie Sie sich eventuell am nächsten Morgen fühlen, wenn Sie in einem fremden Bett aufwachen mit jemandem, den Sie nicht kennen. Zumindest nicht von Namen her.

Was ich damit sagen wollte? Nun – gelegentlich täuscht man sich oder fällt auf einen umwerfenden Typen herein, mit dem man eigentlich allerhöchstens den Boden aufwischen kann, weil er es nicht ernst mit einem meint und einen nur ausnützen möchte.

Dann trinkt man vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel und landet im vielbenützten Bett eines ewigen Junggesellen. Sobald Sie das merken, verschwinden Sie mit den Worten „Bye bye, ich trete heute eine achtmonatige Misdion im Weltall an und meld‘ mich, sobald wir auf unserer Raumstation endlich DSL haben. Meine mobilen Daten sind nämlich leider aufgebraucht. Solltest du mir in nächster Zeit bei Starbucks oder H&M begegnen – das bin nicht ich, sondern mein böser Zwilling. Also nicht ansprechen.“

Wer so blöd ist, eine Frau wie Sie einfach sausen zu lassen, glaubt so einen Scheiß ohne weiteres.

Aber: Gelegentlich sind es nur ein, zwei Worte, die aus einem kurzen angeschickerten Vergnügen eine lange und meistens angenehme Partnerschaft entstehen lassen können. Ihren Verstand haben Sie ja nicht auf der Fußmatte vor der fremden Wohnung samt Ihren Wünschen und Hoffnungen abgelegt. Ein bisschen Glück ist immer dabei.

Und wenn Sie „irgendwas mit K“ eine Chance geben, finden Sie es heraus.

Bildnachweis: pexels.com

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