Frau und Mann im Auto – ein stets aktuelles Thema, zu dem das jeweilige Geschlecht naturgemäß seine eigene Meinung hat. So auch unsere Kolumnistin Barbara Edelmann. Deshalb dreht sich ihre heutige Kolumne um eine Angelegenheit, die von Frauen zumeist anders angegangen wird, als von Männern – das Autofahren.

Vor nicht allzu langer Zeit, saß ich zusammen mit meinem Mann gutgelaunt im Flugzeug auf dem Weg in den Urlaub nach Spanien.

Das Anschnallzeichen war soeben erloschen, als er sich mit dreckigem Grinsen an mich wandte: „Schatz, wir sind in der Luft. Wäre an der Zeit, dass du nach vorn gehst, ans Cockpit klopfst und dem Piloten sagst, wie tief und wie schnell er fliegen soll. Man bricht doch so schwer mit alten Gewohnheiten.“

Selbstverständlich tat ich, was jede langgediente Ehefrau an meiner Stelle gemacht hätte: Ich ignorierte ihn, bis die Stewardess mit dem Kaffee kam.

Außerdem wäre es gar nicht nötig gewesen, dem Piloten auf die Finger zu sehen, denn soweit ich es beurteilen konnte, machte er seine Sache ganz anständig, schließlich befand ich mich noch nicht ohne Fallschirm im freien Fall auf den Atlantik, das ist bei Flugreisen ein gutes Zeichen.

Selbstverständlich wusste ich ganz genau, worauf mein Mann angespielt hatte: In seinen Augen bin ich die schlechteste Beifahrerin der Welt.

Ich selbst fahre schon seit Jahrzehnten Auto, und zwar zügig, aber defensiv und rechne stets auch mit Fehlern anderer. Klar hasse ich Säulenparkplätze, Stadtverkehr und Einparken, vor allem in Tiefgaragen neben Säulen, aber im großen und ganzen ist meine Bilanz nach mehreren Jahrzehnten hervorragend.

Kleinere Ausrutscher wie letztes Jahr, als ich eine Bekannte in der Schweiz besuchte und anschließend stundenlang den Weg zurück nach Deutschland nicht mehr fand (kein Witz!), verzeihe ich mir großzügig, also bitte erzählen Sie es nicht weiter.

In der Schweiz befindet sich nämlich nicht an jedem Ortausgang ein Schild mit der Aufschrift „Sie verlassen jetzt Hintertupfing, nächste Ortschaft Vordertupfing in 2 Kilometern“. Ich hatte kein Navi dabei, getraute mich nicht, mein Handy einzuschalten wegen der teuren Roaming-Gebühren und im Shell-Atlas prangte genau auf der Schweiz ein riesiger uralter Kaffeefleck, der aussah wie das Gesicht von Wolfgang Schäuble. Schwamm drüber.

Mein Mann hingegen fährt pro Jahr von Berufs wegen ungefähr 100.000 Kilometer  mit PKW und LKW, und zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er – im Gegensatz zu mir – mit Säulenparkplätzen, engen Parkhausauffahrten oder dem Verkehr in San Franzisco  keinerlei Probleme hat. Deshalb kann ich ihm nicht das Gefühl des Ausgeliefertseins verständlich machen, das mich befällt, sobald ich mich auf dem Beifahrersitz anschnalle.

Dauert die Fahrt länger als 15 Kilometer, dann purzeln mir mit 100%iger Sicherheit folgende Sätze wie fiese kleine Kröten aus meinem Mund:

„Musst du so dicht auffahren, weil du dem Vordermann in den Auspuff kriechen willst?“, „Pass doch auf bei der Kolonne hinter dem LKW, das Wohnmobil könnte ausscheren!“, „Geht’s nicht ein wenig schneller? ich hab’ noch nicht genug Angst!“, „Nächstes Mal nehme ich vorher eine Valium, nein, besser zwei!“, „Das war Dunkelgelb! Ich fahre dich nicht in der Gegend spazieren, wenn du deinen Führerschein los bist!“, „Musst du so heftig bremsen? Gut, dass wir keine Eier transportieren!“, „Du fährst nicht schnell – du fliegst tief. Das ist kein Raumschiff, sondern ein Auto.“, „Fährst du mit dem Audi da vorn jetzt etwa ein Rennen? Lass mich sofort aussteigen.“, „Ich habe Hunger/Durst/muss aufs Klo!“, „Da klappert doch was links hinten/rechts vorne? Ist bestimmt das Gebiss von meinem Schutzengel.“

Selbstverständlich bleibt mein Gatte von all dem völlig unbeeindruckt, er kennt mich ja seit mittlerweile über 20 Jahren und ist abgehärtet, was mich betrifft. Genauso gut könnte ich mit der Windschutzscheibe reden,  denn er ist ein Mann und seiner Meinung nach im Gegensatz zu mir prädestiniert für mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge. Das einzige, das ich seiner Meinung nach bewegen sollte, ist ein Bollerwagen.

Allerdings habe ich einen universell einsetzbaren Satz, auf den er hört:

„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, breche ich dir alle Finger.“ Dazu unbedingt drohend blicken. Natürlich würde ich das nie tun, aber scheinbar klingt der Satz verzweifelt genug.

Ich verwende ihn, wenn mein Mann anfängt, SMS zu lesen, auf dem Rücksitz nach dem Kassenbon vom letzten Aldi-Einkauf kramt oder Adressen im Navi während der Fahrt eingibt, weil ich das heilige Gerät nicht anfassen darf, warum auch immer.

Wahlweise gilt für seine Handy-Aktivitäten auch folgende Floskel: „Ich werfe das Ding jetzt gleich aus dem Fenster, wenn du es nicht weglegst.“

Einmal war ich tatsächlich kurz davor, aber er hatte sich daran festgeklammert, und ich kriegte es nicht zu fassen.

Eine Antwort bekomme ich in den seltensten Fällen, da mein Mann aufgrund seiner Vielfahrerei glaubt, er wisse und könne mittlerweile alles und mich ignoriert.

Ich selbst lasse andere Verkehrsteilnehmer einfädeln und dränge mich nicht wagemutig auf die Überholspur, wenn dort dichter Verkehr herrscht, sondern warte, bis sich eine Lücke auftut. Viele Männer aber haben scheinbar komplett andere Vorstellungen:

Sie fahren auf bis zum Auspuff des Vordermanns, rasen auf der Überholspur mit voller Geschwindigkeit auf Kolonnen von 10 Fahrzeugen zu, die hinter einem LKW her tuckern oder beschleunigen kurz vor der Ampel sicherheitshalber noch einmal, um einen verirrten Fußgänger ganz sicher noch zu erwischen.

Ganz toll finde ich auch die Angewohnheit, verbissen gegen die vom Navi vorgegebene Zeit anzufahren. „Schau mal, ich hab’ schon wieder 10 Minuten reingeholt!“ tönt er dann stolz. Das erinnert mich an das alte Lied von Qualtinger, in dem die Zeile vorkommt: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahr’, aber dafür bin ich schneller da.“

Bei genauerer Betrachtung bin ich wohl mit einem Hybriden aus Niki Lauda und dem Hulk verheiratet und muss damit leben.

„Jetzt hör aber endlich auf“ sagt mein Herzblatt übrigens regelmäßig, wenn ich mich wieder beschwere. „Ich hab’ alles im Griff.“

„Drum bist du vor drei Jahren am 14. April um 19:25 Uhr  an der letzten Ausfahrt nach Hinterpfuiteufel vorbeigefahren“ antworte ich dann süffisant, denn wie jede Ehefrau merke ich mir solche Gegebenheiten, um sie im Ernstfall gegen ihn zu verwenden.

Immerhin ist er derjenige, der beim Auftauen eines Stücks Rhabarberkuchen meine Mikrowelle in Brand gesetzt hat, weil er nicht auf mich hören wollte, als ich sagte, 11 Minuten bei 800 Watt sei zu viel für fettige Streusel. Wir mussten die Mikrowelle wegwerfen. Den Kuchen übrigens auch.

Er ist also nicht unfehlbar. Das glaubt er nur.

Vor sechs Wochen waren wir unterwegs zu einer Hochzeit, als das Telefon meines Mannes klingelte. Er nahm das Gespräch auf der Freisprecheinrichtung an und unterhielt sich mit dem Kunden, während er wieder mal eine Ausfahrt verfehlte, was ich ihm lauthals zu verstehen gab.

„Ist das Ihr Navi?“ fragte der fremde Kunde irritiert. „Nö, das Navi ist höflicher“ antwortete mein Mann und grinste mich schäbig an.

Wo er Recht hat, hat er Recht.

Sagen Sie mal: Waren Sie vielleicht letzte Woche am Donnerstag auf der A9 in Höhe Naumburg unterwegs, so zwischen 16:00 und 17:00 Uhr? Dann wäre es gut möglich, dass Sie von einem großen schwarzen Wagen überholt worden sind, auf dessen Beifahrersitz ein schlotterndes Bündel mit schneeweißem Gesicht Sie mit verzweifelten Handzeichen um Rettung anflehte? Das war ich. Achten Sie zukünftig drauf für den Fall, dass er seine Drohung irgendwann wahrmacht und mich doch mal auf einem Rastplatz aussetzt. Dann brauche ich nämlich eine Heimfahrgelegenheit. Das könnten Sie sein, wenn Sie Glück haben.

Ihre Barbara Edelmann

Bildnachweis: pexels.com

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