Ein Gastbeitrag von Madeleine. Man sagt ja, dass Freunde oftmals mit Passagieren in Zugabteilen vergleichbar sind – sie kommen und gehen. Oder anders gesagt: manche fahren – sinnbildlich gesehen – eine ganz weite Strecke mit einem, andere steigen rasch wieder aus und wieder andere fahren vielleicht die ganze Strecke mit.

Ich finde, dass das ein sehr guter Vergleich ist, besser kann man es eigentlich in Sachen Freundschaft gar nicht ausdrücken.

Und wenn so Mitte Vierzig ist, schaut man doch schon mal zurück auf die eigene, bisherige „Fahrt“ und stellt fest, dass man schon so manchen „Mitfahrer“ hatte, der dann irgendwann doch ausstieg.

In Sachen Freundschaft beginnt meine reguläre Erinnerung mit der Schule. Grundschule sagte man damals noch nicht, aber heute würde man es so nennen.

Ich wurde eingeschult und freundete mich sogleich mit Katrin an, einem Mädchen, das ebenfalls in meiner Klasse war. Es war eine sehr schöne Mädchenfreundschaft, die allerdings jäh` endete, als Katrin mit ihren Eltern wegzog. Das war vielleicht 18 Monate nach der Schuleinführung. Ich war sehr traurig, aber im Gegensatz zu anderen Freunden, deren Mitfahrt in meinem „Lebenszug“ (wenn man es wieder mit einem Zugabteil vergleicht) auch nicht lange währte, habe ich hier keine Erinnerung an eine lange Traurigkeit. Vielleicht war sie da, vielleicht überwand ich den Verlust aber auch schnell – ich weiß es nicht mehr. Es liegt wohl einfach zu lange zurück.

Wahrscheinlich hatte man aber auch seinerzeit in Sachen Freundschaft eine gewisse Unbeschwertheit, mit der man die Dinge anging, die man SO später nicht mehr hat, auch das kann sein.

Was es heißt, eine Freundschaft, die man verliert, nicht mehr wirklich unbeschwert wegzustecken, erfuhr ich viele Jahre später, vor dem letzten Schuljahr, mit 15.

Ich hatte – nachdem die erste, eingangs erwähnte, Freundin wegzog – schnell wieder Anschluss gefunden und fand das, was man eine Schulfreundin nennt: Ariane, eine Mädchen aus meiner Klasse.

Wir verbrachten die vielen Schuljahre damit, die Zeit nach der Schule zu vertrödeln, verliebten uns auf Klassenfahrten in Jungs, die wir nie wiedersahen und bummelten unzählige Male durch unsere Kleinstadt. Auch die Hausaufgaben erledigten wir nur zu oft zusammen, obwohl das manchmal gar nicht so einfach war, denn: wir waren beide nicht sehr gut in Mathe.

Eines Tages – ich erinnere mich noch wie heute an diesen Tag – eröffnete mir Ariane, dass sie und ihre Eltern umziehen werden.

Ich weiß noch, wie wir zwei zusammen an dem Verkaufsstand eines Kaufhauses standen, den man, da es so heiß war, kurzerhand vor dem Gebäude aufgebaut hatte.

Dass wir dort standen, war der sogenannten „Ferienarbeit“ geschuldet. Viele Schüler unserer Kleinstadt suchten sich in den Sommerferien einen kleinen Job, um etwas Taschengeld zu verdienen, so auch Ariane und ich, die in dem besagten Kaufhaus fündig wurden. Ich erinnere mich, dass wir viel Spaß hatten bei diesem Job, viel lachten und es uns überhaupt nicht wie Arbeit vorkam.

An diesem Tag jedoch war mir das Lachen vergangen. Es waren die letzten Tage vor Schulbeginn, vor der 10. Klasse – unserem letzten Schuljahr. Ariane erzählte mir, dass der Umzug wegen dem Beruf ihres Vaters nötig und die Entscheidung in ihrer Familie bereits gefallen ist. Ihr neuer Wohnort sollte Hunderte Kilometer von unserer Heimatstadt entfernt liegen. Ich war wie betäubt, als ich diese Hiobsbotschaft vernahm und der Ferienjob, den wir `eh nur noch ein paar Tage hatten, war gelaufen.

Wieder einmal stieg ein „Passagier“ auf „meiner Zugfahrt“ aus.

Es war furchtbar. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen, wie ich die vor mir liegende Zeit – und auch das letzte wichtige Schuljahr – ohne meine Ariane meistern soll.

Nun – wie es aber mit fast allem im Leben so ist: es ging. Musste ja. Ariane war weg und ich hing ein bisschen rum wie Falschgeld. Aber irgendwie packte ich es. Musste ich ja.

Nach dem Schulabschluss erfolgte der Start in die Ausbildung. Auch hier wimmelte es wieder von neuen Leuten. Ich fand Anschluss, ein paar Freundinnen, aber nicht wirklich eine „beste Freundin“. Erst später, als ich in meinem Beruf arbeitete, betrat eine neue Person „mein Zugabteil“ und sollte eine ganze Strecke mitfahren: Gesine.

Gesine lernte ich auf meiner damaligen Arbeitsstelle kennen und freundete mich schnell mit ihr an. Damals hatte ich einen Freund und auch Gesine war in einer Beziehung. Auch unsere Partner hatten einen Draht zueinander, so dass wir schöne Zeiten verbrachten: Gartenpartys, Unternehmungen, gemeinsame Urlaube – wunderbar!

Doch auch Gesine verlor ich irgendwann als “Mitfahrerin“ in meinem Lebenszug, der Grund dafür ist schnell erklärt: ich trennte mich irgendwann von meinem damaligen Freund und leider schlug sich unser bis dahin gemeinsamer Freundeskreis auf die Seite meines Exfreundes.

Aber ich überstand das. Und traf irgendwann Manuela wieder – eine junge Frau, die einst in meine Schule ging. Nicht in dieselbe Klasse, aber man kannte sich. Als ich sie wiedertraf, geschah das in meinem nun schon beruflich gefestigtem Umfeld. Wir kamen ins Gespräch, stellten viele Gemeinsamkeiten fest und irgendwann entwickelte sich eine Freundschaft, die Jahrzehnte dauern und eines Tages auf höchst traurige Art zerbrechen sollte.

In meinem Leben folgten dann ein neuer Job und auch ein Ortswechsel. Auch Manuela machte Karriere, in einer anderen Stadt. Unserer Freundschaft allerdings tat das keinen Abbruch, wir telefonierten jeden (!) Tag und sahen uns an freien Tagen oder an Wochenenden. Da auch Manuela Single war, konnten wir uns ganz auf unsere Freundschaft konzentrieren, die mit den Jahren immer vertrauter wurde. Wir fuhren gemeinsam in den Urlaub und verbrachten auch viele Feiertage zusammen. Irgendwann waren wir über den Status der Freundschaft fast hinaus, im positiven Sinne gesehen. Wir waren wie Schwestern! Und auch die Entfernung machte uns nichts aus – immerhin wohnten wir ja in verschiedenen Städten, die über Hundert Kilometer voneinander entfernt waren.

Durch das Telefon und die damit geführten, täglichen Telefonate waren wir immer im Alltag der jeweils anderen präsent, es gab nichts, was wir nicht besprachen.

In dieser Zeit, die sich über mehrere Jahrzehnte zog, stiegen in meinen Lebenszug natürlich auch andere „Passagiere“ zu – es entstanden parallel auch Freundschaften zu anderen Frauen. Oftmals lernte ich diese berufsbedingt kennen oder auch in meiner Freizeit.

Allerdings muss ich sagen, dass sich all diese Freundschaften irgendwann wieder gelöst haben – die „Mitfahrer“ sind wieder ausgestiegen aus meinem „Zugabteil“. Im Rückblick gesehen, kann ich bei manchen der verflossenen Freunde gar nicht mal so genau sagen, warum das so war.

Vieles verlief sich – wie man so sagt. Bedingt durch die Umstände des Lebens – Beruf, Familie, Kind, Haus und Hof – lief manche Freundschaft einfach sang- und klanglos aus, so dass man das erst richtig bemerkte, wenn diese Menschen nicht mehr im eigenen Leben präsent waren. Manchmal aber – auch das gehört dazu und soll ja auch bei Passagieren in Zügen vorkommen – gab es auch einen Streit, der dann kein Zurück mehr zuließ.

Ich bedauerte all diese vergangenen Freundschaften sehr, aber diese Verluste zogen mich nicht runter. Was auch daran liegen kann, dass ich seinerzeit ein sehr abwechslungsreiches Leben führte und ständig neue Menschen kennenlernte. Natürlich wurden viele NICHT meine Freunde, sondern blieben einfach Bekannte, aber so manche oder so mancher stieg doch zu – für ein paar Stationen mit mir in ein- und demselben „Zugabteil“.

Manchmal sogar für Jahre, aber nie für ewig.

„Ewig“ – dieses Attribut galt für mich nur für die Freundschaft mit Manuela. Auch sie muss so empfunden haben – was sich darin äußerte, dass wir beide manchmal lachend davon erzählten, wie wir wohl als alte Omis zusammen eine coole Senioren-WG aufzogen und uns am Kamin endlos über alte Zeiten austauschen.

Zwischenzeitlich hatten wir beide feste Partner und auch Kinder, doch unsere Freundschaft glitt dahin, wie eh und je. Mit täglichen Telefonaten, gemeinsam verbrachten Feiertagen, und, und, und…Logisch, dass auch unsere Partner und der Nachwuchs mittlerweile in unsere jahrzehntelange Freundschaft (mittlerweile schauten wir auf über 35 Jahre zurück!) involviert waren.

Dass sie je vor unserem Tod enden könnte, war wohl weder für Manuela noch für mich vorstellbar.

Und doch war es so. Dass der Grund dafür nicht mal ein handfester Streit oder ein anderes einschneidendes Ereignis war, macht mich bis heute betroffen, denn unsere Freundschaft – kein Witz! – ging auseinander durch unsere unterschiedlichen Ansichten in Sachen Politik. Seit 2015 spaltete sich fast ganz Deutschland in zwei politische Lager und davon blieb auch unsere Freundschaft nicht unberührt. Hatten wir bis dato das Thema Politik kaum in unserer Freundschaft thematisiert, war das nun ausgerechnet das, was uns trennen sollte – wahrscheinlich für immer.

Auf die Einzelheiten will ich hier nicht näher eingehen, nur so viel: da wir beide in grundverschiedenen politischen Lagern standen, war kaum mehr eine Annährung möglich – das Thema Politik überstrahlte alles und ließ all das, was die Freundschaft in den vergangenen Jahrzehnten ausmachte und zusammenhielt, in den Hintergrund rücken.

Erschwerend kam hinzu, dass in Manuelas Umfeld alle, wirklich alle, ihrer politischen Meinung waren und ich mit meiner Einstellung ihr gegenüber allein auf weiter Flur stand.

Eines Tages kündigte mir Manuela an, den Kontakt abzubrechen und das tat sie dann auch.

Sie hat sich zu keinem Ereignis mehr gemeldet, nicht einmal zu meiner Hochzeit, von der sie vor dem Zerbrechen unserer Freundschaft lange schon wusste und eigentlich auch eingeladen war. Auf eine kurze Nachricht meinerseits, die ich ihr zu einem wichtigen Anlass schickte, reagierte sie nicht und ich ahne, dass das so bleiben wird.

Manuela ist – um wieder mit der Zugfahrt ins Bild zu kommen – kurz vor dem Ende der „Fahrt“ ausgestiegen. Eine „Fahrt“, die sie so lange gemeinsam mit mir absolvierte. Was bleibt, sind Kisten voller Erinnerungen. Bilder, Souvenirs, Geschenke, Karten, Briefe…Vieles davon habe ich in den Keller gestellt, verpackt in Kisten.

Ich habe heute nur noch wenige Freunde. Eigentlich nur einen kleinen, feinen Kreis. Mit ihnen fühle ich mich wohl, obgleich ich den Verlust von Manuela wohl nie verwinden werde. Oder vielleicht erst in einigen Jahren – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es einer gewissen Tragik nicht entbehrt, dass ausgerechnet so etwas Profanes wie die Politik eine Freundschaft trennt. Aber so ist es nun einmal – das ist meine Realität.

Eine Realität, die von der Vergangenheit geprägt ist und die ich – etwas abgewandelt – mit den Worten beschreiben kann, die Peter Maffay in seinem Lied „Andy“ (ein Lied über eine Freundschaft, die jäh endet) singt:

„Doch heute bin ich froh, dass ich sagen kann, ich kannte einen Menschen, und er war – ja – er war mein Freund“.

Bildnachweis: pixabay.com

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