„Menschen hinter den Straßenkreuzen interessieren mich“

Jeder, der Auto fährt, dürfte schon mit ihnen konfrontiert gewesen sein – auf vertrauten Strecken auch immer wieder: den Straßenkreuzen, die an Menschen, die mit dem Auto tödlich verunglückten, erinnern. Hinter all diesen Kreuzen stehen Tragödien, Schicksale, Dramen, die aber meist nur die Angehörigen der Toten kennen. Ein junger Mann widmet sich diesen Erinnerungsstätten und  recherchiert über die verschiedensten Straßenkreuze, die an Straßenrändern an tödlich verunglückte Menschen erinnern. Philip Bursian, so der Name des Thüringers (im Bild), spricht mit Angehörigen, thematisiert die Todesfälle und hat zudem auf Facebook die Seite „Straßenkreuze – denn jedes ist eines zuviel“ ins Leben gerufen. Der Name ist Programm und transportiert somit schon die Botschaft, die Philip Bursian an alle Verkehrsteilnehmer hat.

Mittlerweile ist sein Herzensprojekt in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen. So berichten Medien über ihn, melden sich Angehörige und – ganz wichtig! – greifen Verkehrsexperten auf Bursians Erkenntnisse zurück.

Im Interview stand er uns Rede und Antwort.

FB: Herr Bursian, wie kam es dazu, dass Sie sich den Kreuzen am Straßenrand widmen?

Ich habe das erste Mal in unserem traditionellen Ostseeurlaub, welchen ich mit meinen Eltern gemacht habe, von den hölzernen Mahnmalen am Straßenrand erfahren. Damals, im Jahr 1994 als ich 6 Jahre alt gewesen bin, haben mich diese ersten Eindrücke so stark gedanklich geprägt, dass es mich nicht mehr losgelassen hat und ich unbedingt mehr über diese Form der Trauerkultur erfahren wollte.

FB: Wann haben Sie das erste Mal Angehörige von Menschen, an die mit einem Straßenkreuz erinnert wird, getroffen und wie hat sich dieses Treffen gestaltet?

Der erste ernsthafte, sowie persönliche Kontakt mit den Angehörigen fand im Jahr 2010 statt. Ich entsinne mich noch – es war eine Frau an die 40, welche im Jahre 2006 ihren Verlobten durch einen Motorradunfall verloren hatte. Es war der erste Dialog mit einer Geschädigten und somit auch für mich Neuland. Besonders die ersten Gespräche bewahrt man in bleibender Erinnerung.

FB: Auf welche Regionen konzentrieren Sie sich bei Ihrer Recherche in Sachen Straßenkreuze?

Ich sage immer, dass ich nicht regionsgebunden bin, doch momentan lege ich den Fokus auf den mitteldeutschen Raum. Das heißt, meine Heimat Thüringen sowie die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Sachsen. Aber auch andere Trauerkulturen, so zum Beispiel im fränkisch geprägten Oberbayern faszinieren mich sehr.

FB: Wie händeln Sie das mit dem zeitlichen Abstand in Sachen Kontaktaufnahme mit Angehörigen?

Der Trauerprozess ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kommt immer auf viele Faktoren an, an die man sich bei den Angehörigen halten muss. Als erstes der Fortschritt des Trauerprozesses, denn jeder verarbeitet den Schmerz individuell. Hierbei spielt das Geschlecht auch eine Rolle. Während Frauen häufig das Gespräch und die Dialoge suchen, trauern Männer eher in sich hinein und wollen sich selten über den Verlust des geliebten Menschen öffnen.

Ich möchte da nicht in das Leben dieser Menschen hineinstürzen und alte Wunden aufwühlen. Diesbezüglich habe ich meine Facebook Seite „Straßenkreuze – denn jedes ist eines zuviel“ angelegt. Eine Plattform auf welcher sich Menschen untereinander austauschen können und Geschichten von meinen Treffen mit den Hinterbliebenen in Form von Bildern und Berichten dargestellt werden. Zudem findet man im Internet meine Nummer. So kann man sich sowohl über die eingangs erwähnte Seite als auch telefonisch bei mir melden, wenn man über die Trauer und Hintergründe reden möchte. Ich will für die Menschen da sein, welche den schlimmsten Verlust ihres Lebens erleiden mussten.

FB: Wie reagieren die Angehörigen, wenn Sie sich bei Ihnen melden?

Die meisten der Angehörigen treten an mich heran. So ist zumindest die Blockade der Kontaktaufnahme erstmal durchbrochen. Nur selten trete ich persönlich an die Angehörigen heran. Erst dann, wenn mir mein Gefühl sagt, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, wo man mit den Menschen über ihre Verstorbenen reden kann.

FB: Wie wird das eigentlich rechtlich/behördlich mit den Straßenkreuzen in Deutschland gehandhabt? Gibt es dafür Bestimmungen? Und wie gestaltet sich das in anderen Ländern?

In der Bundesrepublik werden die Unfallkreuze geduldet. Rechtlich gesehen sind sie nicht erlaubt. Jedoch sollen die Hinterbliebenen in ihrer Trauer nicht allein gelassen werden und auch, um andere Verkehrsteilnehmer auf die Gefahren im Straßenverkehr vorzubereiten werden sie geduldet. Ich persönlich sehe auch einen pädagogischen Hintergrund, da man mahnen und gedenken kann. In den USAzum Beispiel ist es von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. In einigen darf man ein Kreuz für ca. 1000 Dollar errichten. In anderen Ländern sind sie gänzlich untersagt und in Irland müssen sie nach spätestens 3 Monaten wieder entfernt werden. Jedes Land macht diesbezüglich seine eigene Gesetzesauslegung. Besonders in den westlichen Ländern sind die Unfallkreuze weit verbreitet.

FB: Gibt es einen Fall, der Sie besonders stark berührte?

Jeder Unfalltote ist einer zu viel und jeder Unfall schrecklich. Es gibt viele Geschichten die mich berühren. Um ehrlich zu sein alle, doch ich entsinne mich besonders an einen Fall aus dem Jahr 1998. Auf dem Rückweg von einem Diskobesuch verunglückten damals fünf junge Menschen. Ihr Wagen kam im südlichen Sachsen-Anhalt von der Fahrbahn ab. Geriet in einen Straßengraben und blieb dort liegen. Erst Stunden später wurde das Wrack gefunden. Alle geborgenen Insassen waren tot. Einer der Körper war noch warm. Ein Indiz das dieser junge Mensch noch gelebt haben muss. Nur eine Stunde nach diesem Unfall verunglückten unweit der fünf jungen Menschen weitere vier (alles Männer), als ihr PKW mit einem Baum kollidierte.

FB: Kristallierte sich bislang für Sie – bei Ihren Recherchen – eine Hauptursache heraus, die am meisten im Zusammenhang mit den tödlich verunglückten Menschen im Straßenverkehr auftritt?

Ich denke, dass die Fehlerquelle Mensch der Hauptverantwortliche ist. Dies gilt sowohl für Auto- als auch Radfahrer (besonders innerorts), sowie Passanten. In Alleen sind es oftmals besonders viele Kreuze, die man sehen kann, da die Gefahr mit einem Baum zu kollidieren und zu Schaden zu kommen hier höher ist, als wenn man beispielsweise mit einer Leitplanke in Kontakt kommt oder auf ein Feld geschleudert wird. Ich denke Selbstüberschätzung, Leichtsinn, Alkohol und Drogen, aber auch Unachtsamkeiten im Straßenverkehr, sind die größten Risiken. Zudem haben die Menschen den Respekt untereinander verloren, was eine zusätzliche Gefahr darstellt, denn Respekt ist Sicherheit!

FB: Vor drei Jahrzehnten war Deutschland noch geteilt, doch die Zahl der Verunglückten dürfte auch in der damaligen DDR nicht gering gewesen sein. Haben Sie Kenntnisse darüber, wie seinerzeit Gedenkstätten an Straßen für Verkehrstote aussahen?

In der ehemaligen DDR waren die Kreuze so selten, dass man sich kaum daran entsinnt, ob es diese dort überhaupt gab. Doch auf einer meiner Touren habe ich mal eine Gedenktafel für einen jungen Mann namens Timo gesehen. Diese befand sich im Erzgebirge und datiert vom Jahr 1988. Ein Indiz, dass es also auch zu DDR Zeiten bereits solche Unorte des Sterbens gab. Wie diese jedoch damals gestaltet waren und ob es diese zahlreich gab, darüber weiß ich leider nichts.

FB: Sie widmen sich Ihrem Projekt komplett ehrenamtlich. Wie finanzieren Sie das – Sie sind ja unglaublich viel unterwegs?

Ich finanziere alles aus eigener Hand. Ich bin ein sehr sparsamer Mensch und lege mir oft Geld für dieses Projekt zurück und – ganz ehrlich! – bereue ich dies nicht, da ich weiß, dass es einer sozialen Sache zugutekommt.

FB: Die Treffen mit Menschen, die einst einen lieben Angehörigen bei einem Unfall verloren haben, sind sehr ernste Zusammenkünfte und Ihr Thema allgemein kein leichtes. Wie schalten Sie ab, haben Sie ein Hobby?

Ich will nicht sagen,  dass mein Projekt zugleich mein Hobby ist, doch ich sehe es als Berufung und muss gestehen, durch all die neuen Menschen, welche mir dieses Projekt zuführt, finde ich meinen subjektiven Ausgleich. Ich höre diesen Leuten sehr gerne zu. Mich interessieren die Menschen hinter den Kreuzen und ihre Geschichten, sowie die Gedanken der Hinterbliebenen. Aber was meine anderen Interessen betrifft, ich bin ein leidenschaftlicher Hobby-Fußballer, fotografiere gern, treffe mich mit Freunden oder gehe am Wochenende mit Freunden und Kollegen weg. Die Sonntage nutze ich dann für ausgedehnte Spaziergänge, wo ich mein Leben Revue passieren lasse und mal alles hinterfrage. Denn ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch und nach einem Gespräch mit Hinterbliebenen – oder auch davor – muss man immer die richtigen Worte finden, da jeder Menschanders ist.

FB: Aktuell sind Sie auf einem Verkehrsexperten-Forum als Dozent eingeladen. Die Zusammenarbeit kam ja aufgrund Ihres Projektes zustande. Können Sie dazu etwas sagen? Und auch, wie Ihre Erkenntnisse zukünftig von diesen Experten adäquat genutzt werden können?

Das stimmt. Mir wurde die Ehre zuteil, vor einer Kommission von Verkehrssicherheitsexperten und Ingenieuren im Straßenverkehr meine Ideen und Vorstellungen anhand eines Vortrages zu präsentieren. Ich bin schon sehr aufgeregt, doch auch stolz, dass man meine Gedanken ernst nimmt. Und ich bin mir sicher, mit meinem Konzept, welches ich mir anhand und mit Hilfe der Gespräche und daraus resultierenden Gedanken der Angehörigen zusammengestellt habe und vortragen werde, ein offenes Ohr zu finden. Ich hoffe, dort auch diese Menschen mit meinen Vorstellungen für dieses besondere Projekt gewinnen zu können.

FB: Wie schauen derzeit Ihre Pläne für Ihr Projekt aus, was steht in der nächsten Zeit an?

Neben dem bereits erwähnten Referat durfte ich heute Eindrücke bei einem Fahrsicherheits-Training gewinnen, in welchem sowohl charakterliche Eigenschaften, sowie das individuelle Fahrverhalten der einzelnen Fahrer fokussiert wurde. Das Augenmerk lag auch in den Erfahrungen der größtenteils jungen Menschen. Ich würde es gut finden, wenn ein solches Sicherheitstraining gesetzlich zum Erwerb des Führerscheins angeordnet würde, um so die Menschen auf den Straßenverkehr vorzubereiten. Doch dies ist nicht das einzige Projekt. In diesem Jahr sind noch mehrere Treffen mit Angehörigen geplant. Diese finden im gesamten Thüringer Raum statt. Zudem darf ich eine Trauergruppe verwaister Eltern besuchen. Das wird sehr emotional und traurig zugleich.

Die Facebookseite „Straßenkreuze – denn jedes ist eines zuviel“ finden Sie hier.

Bildnachweis: Philip Bursian

Autor: Anja

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