Fernbeziehung: „Realistische Perspektive für Nah-Beziehung wichtig“

Bedingt durch die vielen Möglichkeiten, mit denen Menschen in der heutigen Zeit einen Partner finden können, kommt der Fernbeziehung eine hohe Bedeutung zu. Denn diese Art der Partnerschafts-Variante ergibt sich häufig, wenn Paare sich online finden. Meist geschieht das durch Singlebörsen oder auch soziale Netzwerke.

Wer sich hier findet, trifft nicht selten auf einen Herzens- und Seelenverwandten, bei dem es passt, der aber leider hunderte Kilometer weit weg wohnt. So beginnt denn meist auch die klassische Fernbeziehung. Dass diese Art der Partnerschaft sehr oft mit verschiedenen Herausforderungen verknüpft ist und vor allem das allwöchentliche Ankommen und Verabschieden so seine speziellen Höhen und Tiefen mit sich bringt, ist ein Dauerthema – vor allem im Netz.

Wir haben mit Sandra Damke (im Bild), die als Liebeskummercoach in Nordrhein-Westfalen arbeitet, über diese Art der Beziehung gesprochen.

FB: Sandra – Stichwort „Fernbeziehung“. Googelt man diesen Begriff, fällt auf, dass unheimlich viele Ergebnisse angezeigt werden, die Tipps für ein „Frisch halten der Liebe“ in einer Fernbeziehung geben. Ist denn diese Beziehungsart tatsächlich so oft vom Welken der Liebe betroffen?

Ich glaube, dass Fernbeziehungen nicht zwangsläufig häufiger scheitern als „normale Beziehungen“. Sie sind jedoch mit größeren Herausforderungen verbunden, die zu bewältigen sind. Allerdings kommt der Fernbeziehung zugute, dass die Partner, die sich darauf einlassen, all das in Kauf nehmen und somit ein hohes Maß an Engagement und Optimismus aufbringen, was die Beziehung wiederum stärkt und lebendig hält.

FB: Die meisten Fernbeziehungen dürften unfreiwillig zustande gekommen sein. Aber es gibt durchaus auch Paare, die diese Art der Beziehung bewusst eingehen. Was gibt in diesen Fällen den Ausschlag, sich für diese Beziehungsform zu entscheiden?

Für Menschen, die sehr freiheitsliebend sind und ihre Individualität in vielen Lebensbereichen  voll ausleben wollen, ist eine Fernbeziehung eine attraktive Mischung aus Nähe und Distanz. Gewisse Alltagsprobleme entstehen gar nicht erst. Die Partner nerven sich nicht mit unterschiedlichen Auffassungen von Ordnung, Ernährung oder Wohnraumgestaltung. Jeder hat sein Reich und die eigenen Alltagsrituale.

Durch den Abstand bleibt die gefühlte Anziehungskraft länger erhalten. Wer sich im Alltagstrott schnell langweilt, erlebt so eine Beziehung wie eine fortlaufende Aneinanderreihung von Dates. Die einzelnen Begegnungen, auch die sexuellen, wirken bedeutungsvoller und werden intensiver gelebt. Eigene Freiräume und Hobbys können in der Woche entspannt ausgelebt werden. Das gibt einigen Menschen ein hohes Zufriedenheitsgefühl in der Fernbeziehung.

FB: Ganz gleich, ob Paare bewusst oder unfreiwillig eine Fernbeziehung leben – was für Herausforderungen bringt diese Partnerschafts-Variante mit sich?

Das Thema Vertrauen steht ganz vorne auf der Liste der Herausforderungen. Gefolgt von der Sehnsucht nach körperlicher Nähe, die in der Woche keine unmittelbare Erfüllung finden kann.

Nicht zu unterschätzen ist der energetische Aufwand, der von beiden Partnern geleistet wird. Solange die Beziehung noch frisch ist, bewältigt man die Reisestrecke nahezu schwebend, und der Elan scheint grenzenlos zu sein. Gerne verschenkt man sein komplettes Wochenende an den Liebsten oder die Liebste. Nach einer gewissen Zeit kann es dann aber doch anstrengend werden. Irgendwann muss jeder die unliebsamen Arbeiten, die in der Woche nicht geschafft wurden, erledigen. Was man zum Beispiel sonst ganz entspannt am Samstagvormittag geschafft hat, muss nun in der Woche so nebenbei erledigt werden, damit von Freitag bis Sonntag freie Bahn für die Liebe ist.

Und auch die wiederkehrende Kofferpackerei kann mit der Zeit nerven. Irgendwas fehlt immer …! Die warmen Socken, das passende Outfit für den plötzlichen Partybesuch oder den Wetterumschwung. Sonntagabend ist der Zauber vorbei. Voller Eindrücke und einer Tasche voll mit geknüddelten Klamotten kehrt man in die eigene, ungeheizte Bude zurück.

Das klingt unromantisch, ist aber leider die mögliche Schattenseite einer Fernbeziehung.

FB: Paare, die frisch zusammenkommen und (zunächst) eine Fernbeziehung leben müssen, haben oft Sehnsucht und leiden nicht selten darunter, den Alltag in der Woche nicht zu zweit gestalten zu können. Was sorgt bei diesen Paaren am meisten für Frust?

Die Tatsache, dass der Partner nicht greifbar ist; und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es macht einen Unterschied, ob man seine Sorgen telefonisch mitteilt, oder bei einem Glas Wein in den Armen des Partners gemeinsam besprechen kann. Zudem kann sich das Thema Eifersucht sehr schnell einschleichen. Schließlich dauert es in einer Fernbeziehung häufig länger, bis man den Freundes- und Bekanntenkreis des Partners gut genug kennt. Wenn einem an schlechten Tagen die Fantasie durchgeht und sich das Gedankenkino nahezu überschlägt , erfordert das viel Verständnis vom Partner.

Außerdem sind spontane Unternehmen gemeinsam nicht möglich, wie mal eben schnell gemeinsam zu den Nachbarn rüber gehen und grillen. Oder wenn das Auto den Geist aufgibt, kann der Partner nicht rasch zur Hilfe eilen. Diese Dinge sind kein Weltuntergang, können aber schon mal Frust aufkommen lassen.

FB: Gibt es Erkenntnisse, welches Geschlecht besser mit einer Fernbeziehung klarkommt – die Männer oder die Frauen?

Ich kenne hierzu keine Statistiken. Durch meine Praxiserfahrung und den Stimmen aus meinem eigenen Bekanntenkreis, bin ich der Meinung, dass beide Geschlechter gleichermaßen gut oder schlecht damit klarkommen. Eifersucht und Sehnsucht finden sich – wie evtl. vermutet – nicht überwiegend bei Frauen. Auch Männer haben Schwierigkeiten damit.

FB: Ist das Wochenende und damit das Wiedersehen da, zelebrieren viele Paare die wenigen Stunden des Zusammenseins. Zu schnell allerdings naht dann meist schon wieder der Abschied. Haben Sie Tipps, wie man diesen händeln kann, damit er einen – gerade in einer noch jungen Beziehung – zum Sonntagabend nicht allzu sehr runterzieht?

Ich rate hier, das Wochenende nicht zu voll zu packen. Gemeinsame Aktivitäten verbinden und erhöhen den Freizeitwert, aber bitte gut dosiert. Lassen Sie den Sonntag gemütlich ausklingen und nehmen Sie die Anwesenheit des Partners nochmal ganz bewusst wahr, und zwar mit allen Sinnen. Kuscheln Sie, entspannen Sie sich und schmieden Sie neue Pläne für weitere Unternehmungen und planen Sie den Termin für das nächste Wiedersehen.
Die modernen Medien sind für Fernbeziehungspärchen eine gute Möglichkeit, sich auch auf Distanz zu „erleben“. Smartphone und Skype machen so vieles möglich. Ein Gute-Nacht-Video, Sprachnachnichten, Fotos, Gedichte … Die gute Nachricht ist: Hier machen tägliche Aufmerksamkeiten bzw. Liebesbekundungen tatsächlich Sinn, ohne kitschig zu wirken.

Ein weiterer Tipp besteht darin, das Wochenende möglichst häufig zu verlängern. Wer kann, sollte sich ein paar Stunden oder Tage Extrafreizeit rausarbeiten und diese in die Beziehung investieren. Am Montagmittag reist es sich viel entspannter ab …

FB: Stimmt es, dass viele Paare Konflikte oder Probleme nicht ansprechen oder angehen, weil man die kurze Zeit der Nähe – zumeist am Wochenende – nicht belasten will?

Ja, das kommt vor. Es ist auf der einen Seite verständlich, aber leider nicht zielführend. Egal welche Art von Beziehung geführt wird – Reden muss sein und Probleme gehören auf den Tisch. Es geht hier vielmehr um das WIE als um das OB.

Ich empfehle, dass es die grundsätzliche Absprache gibt, dass Probleme jederzeit angesprochen werden dürfen, erst recht, wenn es wirklich unter den Nägeln brennt. Niemand sollte über Tage aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Das belastet die Beziehung erst recht.

Grundsätzliche Dinge, die noch etwas Zeit haben, dürfen am Wochenende besprochen werden, aber bitte nicht gleich in den ersten 30 Minuten … Kommen Sie erstmal an und genießen Sie das Wiedersehen in Ruhe und Harmonie. Und bitte tischen Sie die Probleme nicht kurz vor der Verabschiedung auf. Bedenken Sie, dass es immer die letzte Emotion des Treffens ist, die der Partner oder die Partnerin in die Woche transportiert.

FB: Noch mal zum Thema Eifersucht: nicht wenige Menschen, die eine Fernbeziehung haben, befürchten, dass der Partner sich anderweitig in jemanden verlieben oder gar fremdgehen könnte. Für viele misstrauische Naturen dürfte diese Art der Partnerschaft `eh nicht ganz einfach sein. Was raten Sie diesen Leuten?

Wer zu Eifersucht und sonstigen Befürchtungen neigt, sollte hieraus kein Geheimnis machen. Gehen Sie offen damit um. Kündigen Sie an, dass das für Sie ein Problem werden könnte und schauen Sie wie das Gegenüber reagiert. Überlegen Sie gemeinsam, ob es Rituale gibt, die vertrauensbildend sind und wie Sie sich gegenseitig helfen können.

Wenn der Partner überhaupt nicht mit diesen Gefühlen umgehen kann und sich regelrecht belästigt fühlt, sollten Sie sich  fragen, ob Sie wirklich stark genug sind, damit umzugehen. Das wird kein Spaziergang für Ihre Emotionswelten.

Ich muss hierzu allerdings sagen, dass Eifersucht und Misstrauen jede Beziehung, ob nah oder fern, belasten. Daher ist es ein generelles Thema, welches Sie sich anschauen sollten. Fremdgehen kann jeder überall, wenn es darauf angelegt wird.

FB: Gibt es eine Art Richtwert, nach welcher Zeit der Fernbeziehung man(n) zur „Nah“Beziehung übergehen sollte oder gibt es Erkenntnisse, wann das gemeinhin geschieht?

Das Wichtigste ist, dass es überhaupt eine realistische Perspektive gibt, in eine Nah-Beziehung überzugehen. Ich bin der Meinung, dass man nach circa sechs bis zwölf Monaten die erste Prognose über den Fortbestand der Beziehung abgeben kann. Beide kennen sich nun einigermaßen gut und es ist ratsam, erste Zielvereinbarungen für die Zukunft zu treffen. Selbst, wenn die Realisierung einer gemeinsamen Wohnsituation erst in zwei oder drei Jahren in Betracht kommt, ist zumindest die Aussicht auf eine Nah-Beziehung sehr motivierend. Somit lassen sich die Nachteile und Anstrengungen viel besser ertragen.

Mehr zum Coaching unserer Interviewpartnerin Sandra Damke erfahren Sie hier.

Copyrights: pexels.com, Sandra Damke

 

 

Autor: Anja

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