Unverbindlichkeit, viel Geschreibe, wenig Substanz, kaum Treffen, unpassende Profile: Was Frauen beim Online-Dating immer wieder monieren, passiert so auch Männern. Tut sich digital gar nichts oder nur das „Falsche“, können sich Frust und Resignation schnell einschleichen. Viele Singles kennen das. Nun ist aber Single nicht gleich Single, wie die ARD Prisma-Reportage „Echtes Leben“ zeigt. Die Doku begleitet den noch jungen Witwer Jörn, dessen Frau Moni verstorben ist. Nach geraumer Zeit möchte der Vater zweier Kinder wieder nach einer Partnerin Ausschau halten und beginnt im Web nach einem weiblichen Pendant zu suchen.
Online-Dating als Alleinerziehender: Man(n) muss einiges abkönnen
Eingespannt in die Rolle des alleinerziehenden Vaters bietet ihm der Alltag nicht wirklich gute Möglichkeiten, eine Partnerin kennenzulernen. Das Internet indes schläft nie und so greift Jörn auf das mittlerweile mehr und mehr kritisch gesehene Online-Dating zurück. Wie viele andere Singles auch, ist er schnell desillusioniert und um etliche Erfahrungen reicher. So wird ihm seitens der weiblichen Suchenden einiges an Befremdlichkeiten signalisiert. Die eine will seine Kinder nicht, weil sie jemanden sucht, der keine Kinder hat, da sie selbst Mutter ist und die andere fürchtet, dass er für eine Patchwork-Familie nicht die Finanzen hat. Jörn ist schnell irritiert über das Gebaren beim digitalen Flirten und kommt so bei der Partnersuche absolut nicht voran.
Die Doku zeigt den Witwer in seinem Alltag, mit seinen beiden Kindern – einem Jungen und einem Mädchen. Das Redaktionsteam begleitet die Familie auch in den Friedwald, wo Jörn und seine beiden Kinder die Grabstätte der verstorbenen Mutter an ihrem Geburtstag besuchen. Die Reportage zeigt, wie rasch das Online-Dating den Familienvater ausbremst. Und wie selten „es“ passt. Gezeigt wird auch eine Bekannte von ihm, ebenfalls lange alleinerziehend, die jedoch nach geraumer Zeit einen Partner gefunden hat.
Ansprüche herunterschrauben – leichter einen Partner finden?
Die beiden sinnieren vor laufender Kamera, ob es vielleicht besser wäre, seine Ansprüche bei der Partnersuche herunterzuschrauben. Letztlich kommen sie zu dem Schluss, dass das absolut nichts bringt. Im Gegenteil.
So wie Jörn geht es vielen Alleinerziehenden. Die Kinder und der Alltag lassen kaum Spielraum für die Suche nach einer neuen Partnerschaft. Ist es für Singles ohne Kinder schon schwer genug, jemanden online kennenzulernen, legt das Leben bei Ein-Eltern-Familien noch mal eine dicke Schippe Hindernisse drauf.
Doch was bleibt ausser der Suche im Web? Welche Möglichkeiten bieten sich außerhalb des digitalen Orbits, nach einem Seelenverwandten zu suchen? Für Alleinerziehende kommen Ausgehen oder Treffs kaum in Frage. An Wochentagen dominieren Kinder, Job und Alltag und an den Wochenenden soll die Familie Vorrang haben. Liest man sich zu diesem Thema durch das Web, stößt man immer wieder auf Klagen von kinderlosen Singles, dass das reale Leben kaum mehr Möglichkeiten bietet, jemanden kennenzulernen. Zumindest dann, wenn man aus dem Disco- und Party-Alter raus ist.
„Wisch und Weg“-Mentalität beim Dating nervt
Und auch wenn die kommunikativen Möglichkeiten heutzutage immer vielfältiger und moderner werden: Auf die Partnersuche scheint das alles nicht zuzutreffen. Alle stöhnen, dass man offline kaum Gelegenheiten hat, einen neuen potentiellen Partner kennenzulernen. Und auf die immer rasanteren Online-Dating-Möglichkeiten á la Tinder haben immer weniger Leute Lust. Verständlich: Herrscht doch hier eine fragwürdige „Wisch- und Weg“-Mentalität, die allermeist nur auf das schnelle Erotik-Abenteuer abzielt. Ernsthafte Absichten scheinen hier kaum eine Rolle zu spielen.
Die fand man bis vor kurzem noch bei hochkarätigen Singleportalen, die mit einem elitären Anspruch werben und für die Mitgliedschaft saftige Monatspreise nehmen. Doch auch, wer in den sauren Apfel beißt und das horrende Abo bucht: Ein Garant, dass ein seriöser, ernsthaft suchender Partner ums digitale Eck kommt, sind auch diese Anbieter nicht. Im Gegenteil: Hört man sich offline und online um, kommt man zu dem Schluss, dass auch die vermeintlich nobleren Singlebörsen mittlerweile im „Wisch und Weg“-Modus gelandet sind. Unverbindlichkeit, Unehrlichkeit und Paralleldating gibt es natürlich auch hier.
Zwischen Job, Familie und Haushalt noch online flirten – das strengt irgendwann an!
Zurück zu dem alleinerziehenden Witwer: Der ist – so kann man es in der Doku sehen – irgendwann regelrecht „datingmüde“. Die Partnersuche im Internet stresst ihn, zumal täglich Kinder, Haushalt, Hausaufgaben und der Broterwerb im Vordergrund stehen. Im Supermarkt, so gesteht Jörn, sieht er schon ab und an interessante Frauen. Allein der Mut, sie anzusprechen, fehlt ihm. Hier ärgert er sich nach eigener Aussage häufig über sich selbst, kann aber nicht über seinen Schatten springen…Verständlich. So ein „Kalt-Kontakt“ fällt wohl fast allen Singles schwer. Letztlich kann die Doku keinen Erfolg des Witwers bei der Partnersuche einfangen, sondern zeigt Jörns Umgang mit dieser Situation. Der nämlich arrangiert sich erst einmal mit den Bedingungen und ist nicht mehr ganz so gezielt und straight auf der Suche.
Eine Situation, die wohl alle Singles, die schon länger suchen, kennen. Irgendwann wird es anstrengend, nerven die immer neuen Leute, die man trifft oder mit denen man schreibt, nur noch. Auch deshalb, weil man, wenn man weiß, was man will, recht schnell erkennt, ob es passt oder nicht.
Interessante Doku über das Online-Dating eines Witwers und Familienvaters
Meistens trifft letzteres zu, so dass man aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen muss. Der eine oder andere Korb, den man(n) dann gibt, lässt sich wohl nicht vermeiden. Für viele eine sehr, sehr nervige Seite des Datings.
So auch für Jörn, der durchaus Interesse beim anderen Geschlecht weckt. Nur eben nicht bei jenen, für die ER sich interessiert. Das alte Spiel…
Wer neugierig auf die Reportage geworden ist, aktuell läuft sie noch in der Mediathek und ist hier abrufbar.
Mehr zum Thema „alleinerziehend“ finden Sie im Magazin unter anderem hier.
Bild (Symbolbild): picture alliance / Westend61 | Ekaterina Yakunina