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Trauerbegleitung als Herzensbusiness und warum Trauer uns alle betrifft

„Das könnte ich nicht tun“ – mit diesem Satz ist unsere Gastautorin Patrizia Lehmann (im Bild unten) in Gesprächen über ihren Beruf als Trauerbegleiterin oft konfrontiert. Warum es ihr dennoch ein Anliegen ist, für trauernde Menschen da zu sein und wie sich ihre Trauerbegleitung gestaltet, schildert sie im nachfolgenden Gastbeitrag in unserer Rubrik: „Frauen und ihr Herzensbusiness“. Darin zeigt sie auch auf, warum Trauer uns alle betrifft: 

Trauerbegleitung als Herzensbusiness: Auch wenn das Thema bei anderen erstmal Abstand auslöst

Patrizia Lehmann„Und, was machen Sie beruflich?“ „Ich arbeite als Trauerbegleiterin und systemischer Coach für Lebenswege im Umbruch.“ Ich merke oft schon an der Reaktion, dass sich die Gesprächsatmosphäre verändert, sobald ich antworte. Es wird kurz still. Manchmal kommt ein vorsichtiges „Oh…“ Manchmal ein schneller Themenwechsel. Und manchmal wieder dieser Satz: „Das könnte ich nicht.“ Was für mich dabei oft mitschwingt: Trauer ist etwas Schweres. Etwas, das man lieber auf Abstand hält. Und genau das ist der Punkt, wo mein Herzensbusiness beginnt: Trauer betrifft uns alle. Nicht irgendwann, sondern immer wieder im Leben.

Trauer wird häufig mit dem Verlust eines Menschen gleichgesetzt. Doch für mich persönlich ist sie viel mehr als das. Trauer ist eine natürliche Reaktion auf einen Verlust und zeigt sich überall dort, wo etwas verloren geht oder wegbricht: Eine Beziehung, eine Zukunftsvorstellung, ein Lebensentwurf, Sicherheit … Die Liste lässt sich ewig fortsetzen.

Trauer hat viele Gesichter

Selbst vermeintlich „positive“ Veränderungen können Trauer in sich tragen: Das Ende eines Studiums, ein geplanter Jobwechsel oder Umzug, denn auch hier geht immer etwas zu Ende und etwas Neues beginnt. Was ich dabei immer wieder beobachte: Viele Menschen sind unsicher im Umgang mit Trauer, sowohl bei sich selbst als auch im Kontakt mit anderen, und es fehlt viel Wissen in diesem Bereich. Gleichzeitig gibt es zahlreiche unausgesprochene Erwartungen. Beispielsweise wie lange Trauer dauern darf, wie sie aussehen sollte und wann man wieder „funktionieren“ muss. Oft fehlt sogar das Bewusstsein dafür, dass man sich überhaupt in einem Trauerprozess befindet.

All das führt dazu, dass Trauer oft keinen Raum bekommt oder einen, der von Unsicherheit und Erwartungen geprägt ist. Manchmal wird sie sogar gar nicht als legitim wahrgenommen. Dieser Raum für Themen rund um Trauer fehlt – und genau an diesem Punkt setze ich an.

Raum für das, was ist – mein Herzensbusiness „seinwärts“

Mit meinem Herzensbusiness „seinwärts“ schaffe ich Räume für Menschen in Zeiten von Verlust, Trauer und Umbruch. Räume, in denen nicht sofort etwas besser werden muss. Räume, in denen nichts bewertet oder beschleunigt wird. Räume, in denen das, was da ist, überhaupt erst einmal da sein darf. Denn ich bin überzeugt: Trauer ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Prozess, der verstanden werden will – und genau darin liegt auch eine große Ressource. Der Weg zu meiner Arbeit war kein Zufall.

Im September 2020 habe ich meinen Vater sehr plötzlich durch einen Schlaganfall verloren. Die Zeit danach war geprägt von vielen Herausforderungen und meiner eigenen Trauer. Ich habe selbst eine Trauergruppe besucht und wurde anschließend über längere Zeit individuell begleitet. Parallel dazu war ich durch grundlegende Fragen, die sich durch den Tod meines Vaters für mich ergeben haben, beruflich und persönlich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Mehrere Umbrüche haben sich aneinandergereiht, bis irgendwann klar wurde: Ich möchte Menschen in genau solchen Phasen begleiten.

Mein Weg in die Trauerbegleitung

Neben meinen persönlichen Erfahrungen bringe ich auch eine fundierte fachliche Basis mit, die sich über die Jahre aufgebaut hat, unter anderem durch mein Studium der Wirtschaftspsychologie und verschiedene psychologische Ausbildungen. Ergänzt wird dies durch mein ehrenamtliches Engagement als Rettungssanitäterin im Katastrophenschutz, beim Wünschewagen des ASB und in der Notfallseelsorge.

Eine besonders prägende Erfahrung war für mich der Abschluss meines Masterstudiums. In meiner Forschung habe ich mich intensiv mit dem gesellschaftlichen und organisationalen Umgang mit Trauer beschäftigt. Dabei wurde deutlich: Wir wissen erstaunlich wenig darüber und haben in Deutschland noch großen Forschungsbedarf. Für mich ist es faszinierend zu sehen, wie sich Parallelen aus meinen persönlichen Beobachtungen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben.

Zwischen Praxis und Forschung: Warum wir mehr über Trauer wissen müssen

Heute verbinde ich all das in meiner Arbeit in Sachen Trauerbegleitung: fachliche Expertise, persönliche Erfahrung und einen klaren Blick auf gesellschaftliche Strukturen durch meine Forschung. Ich begleite Menschen im 1:1, gestalte kreative Workshops und gebe Impulsworkshops in Einrichtungen und Organisationen. Nicht, um Antworten vorzugeben, sondern um neue Zugänge zu eröffnen. Mein Anliegen ist es, im Zusammenhang mit Trauerbegleitung aufzuklären, zu sensibilisieren und Denkanstöße zu geben, damit sich der Umgang mit Trauer langfristig verändern kann.

Denn ich habe immer wieder erlebt, wie viel sich verändert, wenn Sprachlosigkeit Raum erhält.

Ein letzter Gedanke

Vielleicht geht es gar nicht darum, dass wir den Anspruch an uns selbst und die Gesellschaft haben, Trauer „richtig“ zu machen, sondern darum, ihr einen Platz zu geben. Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das wir oft übersehen: Verständnis, Bewusstsein und manchmal sogar Wachstum – in uns selbst und im Miteinander.

Einblicke in meine Arbeit finden Sie auf meiner Webseite seinwaerts.info und auf Instagram.

Mehr Beiträge zum Thema „Frauen und ihr Herzensbusiness“ finden Sie unter anderem hier.

Bildnachweise / Copyrights:

Patrizia Lehmann, picture alliance / CHROMORANGE | Gerd Harder

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