Lena Enders ist 23 Jahre alt, liebt Tiere und lacht gerne. Eine junge Frau, deren Leben eigentlich gerade erst beginnen sollte. Mit Partys, tollen Erlebnissen, unvergesslichen Momenten mit Freunden, in der Liebe…Doch statt WG-Partys zu feiern oder den Berufseinstieg zu meistern, lebt sie in einem Seniorenheim. Unfreiwillig. Ein Schicksal, das ein Schlaglicht auf die Tatsache wirft, dass das deutsche Gesundheitssystem junge pflegebedürftige Menschen noch immer zu wenig berücksichtigt. Die Wohnungsnot tut ein übriges.
Zu Lena:
Die 23jährige Frau aus NRW ist schwer krank, palliativ eingestuft und auf Pflege angewiesen. Gleichzeitig war sie akut von Obdachlosigkeit bedroht. Eine Kombination, die sie letztlich in eine Einrichtung brachte, die eigentlich für Menschen gedacht ist, die mehr als 60 Jahre älter sind als sie selbst.
Ein Leben voller Schicksalsschläge – das unfreiwillig ins Seniorenheim führte
Noch vor wenigen Jahren arbeitete Lena als Pflegefachkraft in einem Krankenhaus. Sie war aktiv, belastbar, ritt nach den Schichten auf dem Pferd und scheute sich auch nicht vor der Arbeit im Stall, die ihr Hobby mit sich brachte. Dann jedoch kam es 2021 zu einer Corona-Infektion. Es war der Anfang eines dramatischen gesundheitlichen Absturzes.
Monate voller Erschöpfung, Schmerzen und Ungewissheit folgten auf die Covid-Diagnose. Es dauerte eine quälend lange Zeit, bis Lena diagnostiziert bekam, was ihr so zusetzte: Multiple Sklerose, ME/CFS. Später kam noch das Ehlers-Danlos-Syndrom hinzu. Diese Krankheiten veränderten ihr Leben radikal. Sie zwangen die einst so belastbare Frau aus der Region Herne sogar in den Rollstuhl. Damit nicht genug, gehen schwere Schübe, eine extreme Belastungsintoleranz und chronische Schmerzen mit diesen fatalen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einher. Arbeiten kann Lena nicht mehr und ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben ist kaum möglich.
Jung, pflegebedürftig – und durchs Raster gefallen
Doch wohin in dieser Situation? Was gar nicht so bekannt ist: Pflegeeinrichtungen für junge Menschen sind extrem rar. Genau daran scheiterte Lena monatelang. Trotz Pflegegrad 4, anerkannter Behinderung und der Unmöglichkeit, alleine zu leben, fand sie keinen Platz, der ihrem Gesundheitszustand gerecht wurde. Weder in spezialisierten Einrichtungen noch in einer betreuten Wohnung.
Die Finanzierung des Ganzen war in diesem Zusammenhang ein Riesenthema und scheiterte immer wieder an Zuständigkeiten, Kostenfragen und Bürokratie. Eine Pflege in der eigenen Wohnung wäre schlicht unbezahlbar gewesen. Pflegedienste, Medikamente, Essen, Haushalt. Hierfür hätte – und das ist traurig – das Pflegegeld nicht mal annähernd ausgereicht.
Wohnungsnot als zusätzlicher Albtraum
Parallel zu ihrer Erkrankung eskalierte Lenas Wohnsituation. Erst Schimmel im eigenen Zuhause, dann ein Umzug in eine ebenso schlechte Wohnsituation mit undichtem Dach. Als sie die Miete wegen der Mängel kürzte, folgte die Räumungsklage.
Mit gerissenem Kreuzband, schweren Krankheitsschüben und ohne Alternative stand Lena plötzlich vor dem Nichts. Fünf Tage vor dem geplanten Rauswurf platzte auch die letzte Hoffnung auf einen Platz in einer Einrichtung für junge Pflegebedürftige. Das Gericht gewährte 30 Tage Aufschub – doch passende Angebote gab es nicht. Lena und ihr Kater Piet drohten auf der Straße zu landen.
In ihrer Verzweiflung griff sie schließlich zum Telefon und rief ein Seniorenheim in Herne an. Weinend, kraftlos und völlig am Ende. Der Heimleiter zeigte sich mitfühlend und menschlich und sagte Lena einen Platz in seiner Einrichtung zu. Damit wendete er die drohende Obdachlosigkeit ab.
Ein Seniorenheim als letzter Ausweg
Heute lebt Lena Enders aufgrund der genannten Umstände und ihres Gesundheitszustandes in einem Seniorenheim. Viele Bewohner des Heimes glauben oft, sie sei eine Mitarbeiterin… Altersgerecht ist dieses Leben natürlich nicht – aber sicher. Und vor allem: Die kranke junge Frau bekommt endlich die Pflege, die sie braucht.
Trotz der ungewöhnlichen Situation hat Lena ihren Humor behalten und fand Anschluss bei den Senioren. Dann und wann lacht sie über die Absurdität ihrer Situation und gibt auch weiterhin den Kampf um eine angemessene Wohnsituation nicht auf.
Hoffnung auf ein Leben mit Gleichaltrigen
Lena wünscht sich nichts sehnlicher als einen Platz in einer Einrichtung für junge Menschen – mit Selbstbestimmung, Austausch und Perspektive. Vielleicht sogar mit einer kleinen Aufgabe. Radio machen, sich IT widmen – irgendetwas Sinnstiftendes wäre wichtig für sie.
Ihr Schicksal zeigt einmal mehr die Lücken im deutschen Pflegesystem auf. Zwischen Wohnungsmarkt, Behörden und Pflegeangeboten drohen etliche schwer kranke junge Menschen verloren zu gehen. Immer wieder. Bekanntlich kommen viele Fälle überhaupt nicht an die Öffentlichkeit, so dass man nur erahnt, wie prekär die Situation für jüngere Patienten, die auf Pflege angewiesen sind, ist.
Zudem hat nicht jeder hat so eine robuste Psyche wie Lena, deren Geschichte hier im Podcast zu hören ist. Und deren Schicksal unter die Haut geht. Und einmal mehr sensibilisiert. Im Hinblick auf das was schief läuft – im hiesigen Gesundheitssystem…!
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Quelle: aachener-zeitung.de
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