Man kennt sie zuhauf, diese Fälle. Man weiß, wie sie ausgehen und doch hört man jeden Tag aufs Neue von ihnen. Vom Kennenlernen ohne Kennenlernphase. Von Frauen, die im Web die Bekanntschaft von Männern machen und dann mit ihnen schreiben und telefonieren, ohne ein reales Treffen zu vereinbaren. Da ist die Auswanderin, die im Internet den Mann „ihres Lebens“ kennenlernte und die wegen ihm zu ihm ziehen will. Da ist die Mittfünfzigerin, die zig Tausende Euro an jemanden überweist, den sie glaubt zu kennen. Und da ist die Singlefrau, die ewige Monate mit einem Mann im Netz schreibt und sich bereits in einer Beziehung wähnt.
Kennenlernphase, die keine ist – täglich lassen sich Frauen aufs Neue darauf ein
Fast immer gehen solche Kisten, wie oben erwähnt, schief, doch täglich aufs Neue lassen sich Frauen auf sowas ein. Am meisten dürfte es wohl – neben dem fiesen Lovescamming – das ewige Hin- und Hergeschreibe im Web oder via Whatsapp sein, das Frauen für die Kennenlernphase halten. Und dann aus allen Wolken fallen, wenn das dicke Ende kommt. Der besagte Mann gar kein Single ist, er kein Interesse an einer Beziehung hat oder gar nicht der ist, für den er sich ausgibt. Also gar nicht existiert.
Ein absolut krasses Beispiel für ein vermeintliches Kennenlernen ohne Kennenlernphase hat die Podcasterin Julia Leischik kürzlich in ihrer „Spurlos“-Serie behandelt. Es war zwar kein Spurlos-Fall, aber dennoch ein Extrembeispiel, für das, was passieren kann, wenn man (FRAU) beim Dating darauf verzichtet, sein Gegenüber real zu treffen.
In dem besagten Fall trennte sich eine verheiratete Frau von ihrem Mann und zog aus. Im neuen Zuhause traf sie beim Surfen im Netz auf einen gewissen Maike, der sich als Polizist ausgab. Er gab an, sie bei einer Verkehrskontrolle gesehen und sie toll gefunden zu haben. Schon das alleine sollte wohl alle Alarmglocken klingeln lassen. Doch die Frau – ihr Name war Sophie – fand dies wohl schmeichelnd und begann, mit Maike zu schreiben. Man schrieb sich Nachrichten über Nachrichten und es setzte ein Zustand ein, den viele Frauen in solchen Situationen für Verliebtheit halten. Dass Maike irgendwie nie ein reales Treffen auf die Reihe bekam, schien Sophie nicht zu stören.
Permanente Ausreden beim Kennenlernen? Kontakt beenden!
Und genau das ist der Knackpunkt: Schafft man(n) es nicht, sich real zu sehen, gehört jede vermeintliche Kennenlernphase beendet. Konsequent und gnadenlos.
Mal ein Treffen nicht zu schaffen, okay. Ein zweites abzusagen, weil was ganz wichtiges dazwischen gekommen ist, na gut…Aber wenn das immer so weiter geht und der Kontakt rein virtuell/digital stattfindet, ist das kein Kennenlernen, es ist fast immer Betrug.
Im Fall Sophie wurde es bei einem Betrug nicht belassen, denn die Frau war am Ende tot. Maike gab es nicht (klar!) und derjenige, der hinter diesem perfiden Spiel steckte, war tatsächlich ihr Ex-Mann. Wer sich für den Fall interessiert – er ist am Ende des Artikels verlinkt. Dass es so schlimm zumeist nicht ausgeht, ist bekannt. Bekannt ist aber auch, dass der Großteil der Männer, die Frauen im Web kennenlernen und die irgendwie nie ein Treffen bewerkstelligen können, so gut wie immer Betrüger sind. Und selbst, wenn sie keine materielle Beute machen, so ist es schon Betrug genug, wenn sie eine Frau zu Hause sitzen haben. In dem Fall existiert der jeweilige Mann zwar, aber ist eben nicht der, der er vorgibt zu sein. Weder Single noch an einer Beziehung interessiert. Und im Falle der Lovescamming-Masche existiert der betreffende Mann zwar auch, aber eben knallhart als Betrüger.
Schreiben, schreiben, schreiben – aber kein Treffen
Umso erstaunlicher ist es, dass so viele Frauen täglich noch auf solche alten Zöpfe hereinfallen. Und sich auf ewiges Hin- und Herschreiben einlassen, statt ganz klar ein Treffen einzufordern. Dass es virtuell zudem gar nicht möglich ist, so richtige Verliebtheit entstehen zu lassen, sollte auch klar sein. Aber digital verliebte weibliche Zeitgenossinnen würden einen solchen Vorwurf sicher nicht gelten lassen. Sie fühlen sich verliebt und interpretieren den stetigen Web-Kontakt als Kennenlernphase.
Da möchte man ganz laut „Nein, nein und nochmals nein“ schreien. Und fragt sich gleichzeitig, warum? Warum merken so viele Frauen die betrügerischen – oder im besten Fall nichtssagenden – Absichten nicht, wenn sie ewig digital mit einem Mann in Kontakt sind?
Dabei muss das männliche Gegenüber nicht mal auf einer exotischen Insel sitzen und von Liebe faseln, es reicht oft auch schon der Kontakt über die regionale Singlebörse von nebenan, um zu wissen, dass es auch da genug Spinner gibt, die ein Kennenlernen von Anfang an nicht in Betracht ziehen.
Bei der Freundin die datet, ein Auge drauf haben – reales Kennenlernen ist ein Muss
Es hat doch wohl fast jede Frau diese Freundin, die via Singlebörse datet und immer mal von interessanten Männern, die sie angeschrieben haben, berichtet. Doch wie oft bekommt man mit, dass der eben noch so tolle Mann im nächsten Moment ausweicht, wenn ein reales Treffen vorgeschlagen wird. Zwar enden solche Geschichten eher wenig im Lovescamming und schon gar nicht mit Mord, aber Männer, die gar kein echtes Kennenlernen möchten, gibt es zuhauf. Selbst in den als elitär angepriesenen Singlebörsen im deutschsprachigen Raum. Diese Exemplare tauchen dann zumeist virtuell ab und melden sich nicht mehr. Doch bis es soweit kommt, kann auch schon mal viel Zeit mit Hin- und Hergeschreibe ins Land gehen. Bekommt man das im Freundinnenkreis mit, sollte man unbedingt das Gespräch mit der jeweiligen Singlefreundin suchen und kommunizieren, dass sie ruhig ein reales Date einfordern soll.
Als Regel sollte gelten: Nach einwöchigem Hin- und Herschreiben und einem zwischenzeitlichen Telefonat wird ein Treffen ausgemacht. Apropos Telefonat: Auch das lassen erstaunlich viele Singlefrauen weg. In dem oben angerissenen Fall Sophie wurde überhaupt nicht telefoniert, sondern über viele, viele Monate nur geschrieben. Dass das keine Kennenlernphase ist, sollte wohl jedem einleuchten.
Zum Kennenlernen gehört die Kennenlernphase – real und persönlich
Zum Kennenlernen gehört das Kennenlernen – ganz einfach. Und eine Kennenlernphase schließt sich immer einem realen Treffen an, findet nie und niemals virtuell statt. Treffen, treffen, treffen lautet beim Online-Dating noch immer die Devise. Dass viele das auch zukünftig nicht beherzigen, dürfte feststehen. Doch auch wenn die Botschaft nur einige Frauen erreicht und vielleicht vor einem finanziellen oder emotionalen Schaden bewahrt, hat es sich schon gelohnt.
Insofern: Jede Frau mit einer Freundin, die datet, sollte ein Auge darauf haben, wie die diejenige die Kennenlernphase interpretiert.
Die erwähnte Podcast-Folge von Julia Leischik ist hier zu finden. Mehr zum Thema Kennenlernphase und Lovescamming finden Sie hier und hier.
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