Der Verlust eines Kindes gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, die Eltern erleben können. Besonders dann, wenn ein Baby bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt stirbt. Ein sogenanntes Sternenkind hinterlässt eine Leere, die kaum in Worte zu fassen ist. Viele Mütter erleben in dieser Zeit eine Mischung aus Ohnmacht, Verzweiflung und tiefer Trauer. Die Welt scheint stillzustehen und gleichzeitig läuft sie einfach weiter. Für viele Betroffene beginnt ein innerer Kampf zwischen Funktionieren und Zusammenbrechen. Auch Sabrina Loyal (im Bild) kennt diesen Schmerz. Mit der freudigen Nachricht ihrer Schwangerschaft kam gleichzeitig die erschütternde Gewissheit, dass ihr Kind nicht leben würde.
Sternenkind – Wenn das eigene Kind stirbt
Um nicht in ihren verzweifelten Gefühlen zu versinken, sprach sie darüber immer wieder mit ihrem Mann und ihrer besten Freundin. Damit sie ihren Kindern altersgerecht Trost spenden kann, dachte sie sich die Geschichte dreier kleiner Engel aus, deren Mutter für das dritte Engelchen in den Himmel steigt und wieder zurückkehrt – in dem Wissen noch gebraucht zu werden. Was als private Gute-Nacht-Geschichte für ihre Kinder, die zum damaligen Zeitpunkt drei und vier Jahre alt waren, begann, ist nunmehr mit „Engelchens Besuch“ in Buchform zu haben.
Es soll Müttern und Vätern mit gleichen und ähnlichen Schicksalen Trost spenden und Hoffnung geben. Außerdem hat sich Sabrina Loyal seit diesem Schicksalsschlag dem Thema Sternenkinder verschrieben und engagiert sich aktiv dafür, dass die Thematik des frühen Abschiednehmens von einem Kind gesellschaftlich stärker in den Fokus rückt.
Heute spricht sie offen über ihre Erfahrungen als Sternenkind-Mama und darüber, wie sie gelernt hat, mit ihrer Trauer zu leben. Wir haben mit ihr gesprochen.
Als Mama den Verlust verarbeiten
FB: Sie haben das Buch “Engelchens Besuch”, in dem es um das frühe Abschiednehmen eines Kindes geht, geschrieben. Ihre eigene Erfahrung gab dazu den Anstoß, erzählen Sie doch bitte etwas darüber!
Mit „Engelchens Besuch“ konnte ich meinen Schmerz verarbeiten und das Loslassen üben. Es ging alles so schnell. Der Moment, in dem ich die Bestätigung bekam, schwanger zu sein, war auch der Moment, zu erfahren, dass da kein Leben sein wird.
Die Welt blieb für mich stehen. Vertrauen und Hoffnung schwanden. Angst und Schuldgefühle säumten die Gefühlslücken. Und doch musste ich weiter funktionieren. Für meine Familie, für meinen Arbeitgeber… Aber wie sollte ich weiterleben? Ich stellte mir nicht zu sehr die Frage WARUM, sondern WIE.
Dies führte dazu, dass ich mit meinem Mann viel über unseren Engel sprach und mich meiner besten Freundin anvertraute. Die Gespräche halfen mir enorm, nicht an all den Gefühlen zu ersticken, sondern Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Trauer anzuschauen und anzunehmen. Akzeptieren, dass ich im Jetzt so fühle, war sehr schwer für mich. Und doch brachte die Akzeptanz des Todes meines Kindes und meiner Gefühle das Vertrauen und die Hoffnung zurück.
Vom persönlichen Schicksal einer Sternenkind Mama zum Kinderbuch
FB: Wie lange dauerte es, bis aus Ihrer persönlichen, leidvollen Erfahrung dieses Buch herauskam?
Aus diesem Vertrauen und der Hoffnung entstand eine Geschichte von drei kleinen Engeln und deren Mutter, die etwas Unbeschreibliches schafft. Für ihr drittes Engelchen steigt sie bis in den Himmel und kehrt wieder zurück, weil sie weiß, dass sie noch gebraucht wird. Gleich am Abend, als ich aus der Klinik wieder Zuhause war, erzählte ich abends meinen Kindern, damals 4 und 3 Jahre alt, diese Geschichte, spontan, einfach aus mir heraus. All diese Gefühle mussten aus mir heraus.
Kinder sind sehr sensibel. Sie merken, wenn mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt. Also verpackte ich mein Erleben in eine kindgerechte Geschichte, die sich am Ende zum Guten wendet. Ich bezog meine Söhne mit in die Geschichte ein und da erkannte ich plötzlich allen Sinn und alle Liebe, die mich ab diesem Zeitpunkt durchflossen. Meine Kinder waren so begeistert, dass sie die Geschichte jeden Abend erneut hören wollten. Ich schrieb die Geschichte schnell auf und malte binnen drei Tagen 24 Seelenbilder. Ich habe schon immer in Zeiten des seelischen Ungleichgewichts geschrieben und gemalt.
Innere Ruhe in Zeiten der Trauer – Schreiben als Ventil
Daher war das mein Weg, zur inneren Ruhe zu finden. Als ich die Geschichte meiner Freundin vorlas, ermutigte sie mich, diese zu veröffentlichen. So vielen Frauen würde es so gehen wie mir, wie vielen Frauen könnte ich damit Trost und Hoffnung schenken.
Nach anfänglichem Zögern bewarb ich mich mit meinem Manuskript beim Lebensweichen-Verlag, der sich auf Trauerliteratur spezialisiert hat. Die Verlegerin war sofort begeistert – sie meinte, sie würde schon seit zwei Jahren etwas zum Thema Sternenkinder veröffentlichen wollen. Alles schien Fügung zu sein. Mit der Illustratorin Ulrike Hirsch klappte es auch auf Anhieb. Ihre Bilder berühren mich ganz tief. Sie sind so einfach und doch so allumfassend. Die Illustrationen machen mein Buch zu einem wahren Schatz. Nach vier Monaten hielt ich mein Buch „Engelchens Besuch“ in den Händen.
Es war, als würde ich eine Mission erfüllen. Als würde mein Engel zu mir sagen: „Super Mama, wir haben es geschafft.“ Ja – ich habe eine große Aufgabe bekommen und ich meistere sie jeden Tag aufs Neue.
Sternenkind Mama – Gesellschaftliche Wahrnehmung ist fragil
FB: Die Thematik der Sternenkinder ist im öffentlichen Bewusstsein eher nur diffus vorhanden – wie kommt das?
Im Allgemeinen ist der Tod eine nicht gern besprochene Tatsache in unserer Gesellschaft. Viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen können, wie sie auf Sterbende und Trauernde reagieren können. Die eigene Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema summiert sich hier zum Schweigen.
Bei Sternenkindern wird dies noch viel deutlicher. Selbst in Fachkreisen wird sehr ungern darüber gesprochen. Denn der Tod des eigenen Kindes ist so schmerzvoll, dass hier anscheinend nichts trösten kann. Doch gerade das Reden darüber, die Gewissheit, nicht alleine mit seiner Trauer zu sein, kann enorm helfen, Trauer zu verarbeiten. Mich begleitet der Tod und das Abschiednehmen schon von Kindesbeinen. Auch beruflich werde ich sehr oft mit dem Tod konfrontiert. Deshalb gehört er für mich persönlich zum Leben dazu. Leben ist Veränderung. Der Verlust eines geliebten Menschen, und schon gar des eigenen Kindes, verändert viel im Leben, sei es die Emotionen, die Ansichten, Glaubensansätze oder Gewohnheiten.
Der Tod – ein gesellschaftlich sensibles Thema
Der Tod wird seit langer Zeit in unserer Gesellschaft entnaturalisiert. Er wird künstlich hinausgezögert und damit verlängert sich meist nur das Leiden. Das Sterben ist aus unserer Mitte gelangt. Früher sind die Menschen noch Zuhause gestorben. Heute sterben die meisten im Krankenhaus, Pflegeheim und Hospiz.
Das ist auch berechtigt, denn oft sind Angehörige einfach überfordert und die Sterbenden werden dann in der jeweiligen Einrichtung teilweise besser versorgt. Aber man sollte sich einmal Gedanken darüber machen, was ein sterbender Mensch wirklich braucht. Und das ist meist nicht viel, er braucht oft nur seine Liebsten um sich herum.
Kindern den Verlust erklären – Sternenkind Mama im Alltag
FB: Sie haben Kinder im Alter von 6 und 5 Jahren. Wie erklären Sie ihnen das Sterben und Sternenkinder?
Ich beantworte direkte Fragen mit direkten Antworten. Auch spreche ich das Wort „tot/Tod“ direkt aus. Dass dies bedeutet, wenn ein Mensch gestorben ist, er nie wieder kommen wird. Aber ich erkläre ihnen auch, dass ein geliebter Mensch für immer in unserem Herzen bleiben wird. Dass er durch viele Dinge – sei es was wir von ihm gelernt haben oder an hinterlassenen Gegenständen – wertgeschätzt in uns weiterlebt. Dass wir in kleinen Zeichen, wie in einem Schmetterling, einen lieben Gruß von ihm erkennen können, woher dieser auch immer kommen mag.
Rückbildung, Netzwerke und Hilfe für Sternenkind Mamas
FB: Dass es auch für Frauen, die ein Kind tot gebären mussten, spezielle Rückbildungsgymnastik-Kurse gibt, wissen sicherlich nur wenige Menschen…
Das Netz um all die Angebote für Sternenkind-Eltern ist noch nicht sehr dicht. Ja, es fehlt noch an Informationen und an Menschen, die diese Informationen weitertragen. Wir müssen alle zusammenarbeiten, uns mehr vernetzen und nicht als Einzelkämpfer unterwegs sein.
Wir müssen Kliniken, Praxen und Hebammen aufklären und unterstützen. Es gibt Hebammen, die sich zu Sterbeammen fortbilden lassen. Nichts ist dem Tod so nahe wie eine Geburt. Wir kommen auf beiden Seiten in eine andere Welt. Ich sage immer: Der Tod ist wie eine Geburt, schmerzvoll und erleichternd zugleich. Körper trennen sich, aber Seelen bleiben für immer verbunden.
Unterstützung durch die Familie und sanfte Rituale
FB: Da Sie sich dieser Thematik des frühen Abschiednehmens von einem Kind verschrieben haben, kommen Sie viel in Kontakt mit Betroffenen – wie stützend sind bei so einem Verlust enge Familienangehörige?
Ich selber habe das Glück, einen liebevollen Partner an meiner Seite zu haben, mit dem ich immer offen reden kann. Mein Mann und ich hatten einen Code vereinbart. Wenn ich sehr wehmütig schaue, weiß er sofort um meine Gedanken und Gefühle und sagt: „Alles ist gut.“ Das hilft mir sehr und ruft sofort Dankbarkeit in mir hervor für alles, was ich zu schätzen weiß.
Wir dürfen keine Angst vor Gesprächen haben, weil das Vermissen unserer Kinder so schmerzt. Das Sprechen hilft uns, wahrgenommen zu werden. Wir erfahren, dass wir und unser Sternkind nicht egal sind. Es braucht Mut, aber die Betroffenen werden dankbar sein. Es ist sehr wichtig, dass enge Familienangehörige stützend zur Seite stehen, offen sprechen, nichts herunterspielen oder beschönigen und keine Floskeln wie „Wer weiß, für was es gut ist“ äußern.
Eventuell besucht man das Grab gemeinsam, zündet eine Kerze an oder betet zusammen. Familienangehörige können bei Behördengängen begleiten, sich über Selbsthilfegruppen informieren. Es gibt viele Wege, die man mit Betroffenen gehen kann.
Hilfsnetzwerke und Organisationen für Sternenkind Mamas
FB: Da viele betroffene Eltern Gleichgesinnte eher in anderen betroffenen Müttern und Vätern finden, hat sich – vor allem durch das Internet – auch ein Netzwerk mit Hilfs- und Beratungsangeboten entwickelt, das in Anspruch genommen werden kann, wenn man mit dem Verlust des eigenen Kindes konfrontiert ist. Was gibt es derzeit konkret für Angebote?
Birgit Rutz vom Netzwerk Hope’s Angel ist Sterbe- und Trauerbegleiterin und hat sich auf die Begleitung von Familien bei Fehlgeburt, Stillgeburt, Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod spezialisiert. Sie bietet Fortbildungen in eben diesen Bereichen an, organisiert Trauergruppen und Rückbildungskurse speziell für Sternenkindmamas.
Desweiteren bildet sie Fotografen für Sternenkinder aus. Die Sternenkind-Fotografen können jederzeit über eine Zentrale alarmiert werden. So findet sich immer jemand im jeweiligen Umkreis, der Fotos von den Eltern und ihrem Kind machen kann.
Sternenkind Fotografie: Würdevoll und intim
Die Fotos sind sehr würdevoll. Entgegen mancher Erwartung entstehen hier wirklich wunderschöne Erinnerungen, die sehr viel zur Trauerbewältigung beitragen können. Sterneneltern informieren zu Bestattungsmöglichkeiten, Hilfsangeboten außerhalb der eigenen Gruppen und schaffen Erinnerungen. Sie begleiten Eltern vor und nach der Entbindung eines Sternenkindes, begleiten ebenso die Angehörigen, medizinisches Fachpersonal, Bestatter, Fotografen etc. Sie bieten einen geschützten Raum für Betroffene, Austausch mit Gleichgesinnten und Vorträge für Interessierte.
Der Verein Herzenssache spricht Kliniken in ganz Deutschland an, verteilt an diese Kleidung und Trostgeschenke für Sternenkinder oder Frühchen und deren Eltern. Die Mini-Sachen werden von vielen fleißigen Frauen ehrenamtlich genäht. Herkömmliche Kleidung ist den Sternchen oder Frühchen einfach zu groß. Vor Jahren landete ein im Mutterleib verstorbenes Kind im Klinikmüll. Heute dürfen auch Kinder unter 500g bestattet werden. Hierzu gehört eine würdevolle Bekleidung oder eine kleine Einschlagdecke.
Ehrenamtliches Engagement für betroffene Eltern
Im Verein Herzenssache kann jeder Mitglied werden und diesen unterstützen, sei es durch Näh- und Bastelarbeiten, durch Spenden oder als Klinikansprechpartner. Das Ziel ist, deutschlandweit die Kliniken mit den Paketen zu versorgen, um Eltern zu zeigen, dass sie ernstgenommen werden und nicht allein sind.
Mehr zum Thema Sternenkind im Magazin auch hier.
Netzwerke und Ansprechpartner:
https://bvksg.eu/
http://www.sternchennaehen.de/
https://www.facebook.com/sternchenundfruehchen/
www.Sternkinder-Eltern.de
www.Leben-ohne-Dich.de
http://www.veid.de/
www.Schmetterlingskinder.de
Verein Pusteblume in Österreich: https://www.verein-pusteblume.at/
Podcast zum Thema:
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